Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Synagogen in Bayerisch Schwaben 

  
Harburg/Schwaben (Landkreis Donau-Ries) 
Jüdische Geschichte / Synagoge

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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde 
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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)  
             
In Harburg lebten Juden bereits im Mittelalter. Während der Verfolgung in der Pestzeit 1348/49 wurden Juden in der Stadt ermordet. Erst im 15. Jahrhundert wird wieder ein jüdischer Einwohner genannt (1459 Jud Enslin). 1463 ist ein sich nach dem Herkunftsort Günzburg nennender Jude Rumold auf drei Jahre aufgenommen worden. In der Folgezeit (16. Jahrhundert) dürften nur wenige oder gar keine Juden am Ort gelebt haben.
  
Die Entstehung der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde geht in das 17. Jahrhundert zurück. 1671 konnten sich fünf aus dem Herzogtum Pfalz-Neuburg ausgewiesene Juden mit ihren Familien in der Stadt niederlassen. Der Wohlhabendste unter ihnen war Moyses Weil aus Höchstädt an der Donau; die anderen jüdischen Männern waren Gabriel Weil, Sohn von Moyses Weil, Salomon, Baruch Leve und Jacob Leve. Am 10. März 1671 erfolgte mit Genehmigung durch Graf Albrecht Ernst I. von Oettingen die Gründung einer jüdischen Gemeinde. In den folgenden Jahren erfolgte die Aufnahme weiterer jüdischer Familien, ab 1684 auch in Mönchsdeggingen. In den folgenden Jahrzehnten bildeten die an den beiden Orten lebenden jüdischen Familien zunächst eine gemeinsame Gemeinde, die zum Rabbinat Oettingen (seit 1743 zum neu gebildeten Rabbinat Wallerstein) gehörten. 1697 wurden bereits 15 jüdische Familien in der Stadt gezählt.  
  
Die Zahl der jüdischen Einwohner erreichte ihre höchsten Stände Mitte des 18. Jahrhunderts (zwischen 1735 und 1770 knapp 60 Familien) und im Zeitraum zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und den 1840er-Jahren (1794 322 jüdische Einwohner, 1811 24,5 % der Einwohnerschaft; 1823 83 jüdische Familien, 1834 360 Personen in 60 Familien) und ging danach durch Abwanderung in die Städte schnell zurück. Von 1840 bis 1881 war Harburg Sitz eines eigenen Rabbiners. Am 19. Mai 1840 wurde Elkan Selz als Rabbiner der Gemeinde installiert. Er blieb bis 1881 auf dieser Stelle. Zu seinem Distrikt gehörte auch Mönchsdeggingen
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde insbesondere eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (als Elementarschule 1828 bis 1888 im jüdischen Schul- und Armenhaus Egelseestraße 15, danach Religionsschule), ein rituelles Bad (im Untergeschoss des Synagogengebäudes) sowie einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war insbesondere ein Lehrer angestellt, der auch als Vorbeter und Schochet tätig war. Zeitweise hatte die Gemeinde auch mehrere Angestellte. So werden 1839 als Vorbeter ein Herr Steinharder und und als Schulverweser ein Herr Morgenroth genannt. Letzterem folgte 1839 als Schulverweser ein Herr Berolzheimer. Die Stelle wurde bei anstehenden Neubesetzungen immer wieder ausgeschrieben (siehe Ausschreibungstexte unten).
   
Noch im 19. Jahrhundert waren fast alle jüdischen Familienoberhäupter im Handel tätig (Vieh-, Eisen-, Leder-, Wein-, Porzellan-, Spezerei- und Immobilienhandel). Mehrere Familien brachten es zu einigem Wohlstand, wovon bis heute einige ehemalige jüdische Wohnhäuser in der Stadt zeugen. Langjährige prägende Persönlichkeit des Gemeindelebens war Gerson Stein, der von 1875 (25jähriges Jubiläum im Dezember 1900 siehe unten) bis zum seinem Tod 1920 fast ein halbes Jahrhundert Gemeindevorsteher war und in dieser Zeit auch Ämter in der bürgerlichen Gemeinde innehatte (Armenpflegschaftsrat). Er genoss in der ganzen Stadt hohes Ansehen. 
  
1910 lebten noch 33 Juden in der Stadt. 1920 war die Zahl der jüdischen Männer am Ort so zurückgegangen, dass der Minjan (Zahl der für den Gottesdienst notwendigen [10] religionsmündigen jüdischen Männer) nicht mehr aus eigener Kraft zustande kam.  
   
Um 1924 waren die Gemeindevorsteher die Herren J. Hiller, J. Epstein, Julius Nebel I und Julius Nebel II. Als vermutlich letzter Kantor, Schochet und Lehrer war damals Maier Laßmann angestellt. Er unterrichtete allerdings nur noch ein Kind im Religionsunterricht. Im Frühjahr 1925 verließ er die Gemeinde. Vermutlich wurde nach ihm kein weiterer Lehrer angestellt, sondern die Gemeinde durch den Lehrer aus Nördlingen mitbetreut. An Vereinen war noch aktiv der Frauenverein, ein Frommenverein. Auch bestand eine "Erez Jsrael Kasse" zur Sammlung von Spenden für wohltätige Zwecke im Heiligen Land (Erez Jsrael). Die Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat Ichenhausen. 1932 war Julius Nebel I der 1. Vorsitzende der Gemeinde, Julius Nebel II der 2. Vorsitzende.   
   
Harburg Ort 221.jpg (85580 Byte)1933 lebten noch 13 jüdische Personen in der Stadt (Foto links von 1938: Schild "Juden sind unerwünscht"; im Hintergrund die Harburg; Foto - aus dem Nachlass des Harburger Heimatforschers und Hobbyfotografen Ernst Ruff) erhalten von Rolf Hofmann, Stuttgart).   
1936
wurde die Gemeinde aufgelöst, die hier noch lebenden Juden wurden der Gemeinde in Nördlingen angeschlossen. Die letzten drei jüdischen Bewohner wurden im Juli 1939 von Harburg nach Augsburg zwangsumgesiedelt.    
  
Von den in Harburg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ernst Epstein (1882), Hugo Epstein (1881), Heinrich Guldmann (1871), Josef Guldmann (1869), Heinrich Hausmann (1871), Dora Hene geb. Nebel (1898), Emma Koch geb. Guldmann (1872), Sara Mannheimer (1897), Mathilde Nebel geb. Stein (1868), Pauline Nebel geb. Hiller (1859), Leopold Stern (1875), Frieda Strauss geb. Nebel (1884), Bertha Wetzler geb. Nebel (1883).   
  
  
  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Allgemeine Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Harburg   
Die Anfänge der jüdischen Geschichte Harburgs nach einem Artikel von 1842

Harburg AZJ 24091842.jpg (144874 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. September 1842 aus einem in mehreren Fortsetzungen erschienen Beitrag von J. M. Fuch s.u.): "Harburg. In den Judenakten zu Harburg findet sich ein Bericht vom 1. September 1740 des Inhalts: 'Anno 1671 sind zum allererstenmal Juden in den allhiesigen Markt Harburg in Schutz aufgenommen worden, da hingegen vormals nie Juden in dem Markte Harburg gewesen oder darinnen geduldet worden. Die Anzahl dieser neu aufgenommenen Juden aber hat sich auf 11 Mann belaufen (vid. Befehl s.d. 10. März 1671). Wie man aber mit diesen 11 Juden ratione ihres jährlich zu geben habenden Schutzgeldes, zweifelsohne in dem Markt gebrachten Vermögen nach, akkordiert hat, gibt die obengedachte Beilage und der darin enthaltene Schutzbrief zu erkennen. Im Jahre 1686 und zwar den 14. Juni hat man denen Juden in dem Markte Harburg abermals einen Schutzbrief erteilt. Es sind aber damals statt der obgedachten 11 Juden 12 allhier und 3 Juden zu Deggingen (Mönchsdeggingen) gewesen, mit welchen abermals ein Akkord auf ein gewisses Schutzgeld getroffen worden. Die neugedachten 4 Juden zu Deggingen sind aber allererst im Jahre 1684 und 1686 in den Schutz gekommen, wo vormals zu Deggingen auch niemals Juden gewesen sind.'
Der erste erteilte Schutzbrief war auf die Dauer von 3 Jahren gegeben. Übereinstimmend mit demselben ist ein vorgefundener Schutzbrief von Albrecht Ernst regierendem Grafen zu Oettingen, d.d. 10. März 1671. Ob er gleich nur in Fragmenten vorhanden ist, so ist doch an der Echtheit nicht zu zweifeln." 
   
Harburg AZJ 01101842.jpg (52903 Byte)Aus einem Beitrag von J. M. Fuchs in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Oktober 1842: "(Aus dem neunten Jahresberichte des historischen Vereins für Mittelfranken. 1839. 'Über die ersten Niederlassungen der Juden in Mittelfranken.' Mitgeteilt von J. M. Fuchs, Professor in Ansbach. (Fortsetzung.) Die Juden zu Harburg und Deggingen bildeten vor ungefähr 100 Jahren eine Gemeinde, welche zum Oberrabbinate Oettingen gehörte, bis späterhin das Fürstentum Wallerstein ein eigenes Oberrabbinat bildete. Die Grabdenkmäler geben keinen Anhaltspunkt. In der Synagoge finden sich keine Dokumente."

 
Gemeindebeschreibung 1839  

Harburg AZJ 11061839.jpg (78440 Byte) Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Juni 1839: "Harburg (Provinz Schwaben in Bayern). 17. Mai (1839). Die hiesige aus 60 Familienhäuptern bestehende Gemeinde hatte seit langer Zeit einen eigenen Rabbinen haben wollen, die fürstliche Standesherrschaft aber wollte uns unter das Distriktsrabbinat von Wallerstein stellen, und den Sitz des Rabbinen dahin verlegen. Die königliche Regierung hat aber mittelst allerhöchsten Reskripts zu unserer Aller Freude uns gestattet, einen eigenen Rabbinen anzunehmen, und ward uns dies heute eröffnet. Es schwebt nun nur noch die Frage bei der königlichen Regierung in Augsburg ob, wer als Stimmberechtigter zu gelten, und werden wir dann sofort zur Wahl schreiten. Gewiss würde es Ihnen Freude machen, unserem Gottesdienste beizuwohnen. So gut dieser, ohne Rabbinen vollführt werden kann, würden Sie ihn gewiss finden. Unserem Vorbeter Steinharder und Schulverweser Morgenroth, den wir aber leider bald verlieren, verdanken wir vierstimmigen Choralgesang, Abschaffung des Mizwotverkaufs, höchste Ordnung und andächtige Stille."

   
Zur Geschichte der Gemeinde mit ausführlicher Beschreibung der Synagoge und ihrer Einrichtung - Artikel von 1927  

Harburg BayrGZ 07011927 Ia.jpg (175966 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 7. Januar 1927: "Harburg an der Wörnitz. Am Steilrand des schwäbischen Jura, dort, wo er als nördlicher Begleiter der Donau mit einigen pittoresken Felspartien aus der umgebenden Humusschicht zutage tritt und durch die in malerischen Windungen aus dem weiten Talkessel des schwäbischen Rieses nach Süden strebende Wörnitz sich von seinem nordwärts ziehenden fränkischen Bruder absetzt, krönt als weithin sichtbares Wahrzeichen die mittelalterliche Burg 'Harburg' den Höhenrücken. Schon früh waren hier menschliche Niederlassungen. Wenn auch eine alte Lokalsage trügt, dass bereits zu Beginn der allgemeinen Zeitrechnung Römer dort sich niedergelassen haben, so wird doch seit der Besetzung der alten Provinz 'Rhaetia' (die ihren Namen der Landschaft 'Ries' in Sonderheit aufgedrückt hat) dieser Durchgangsposten von der südlich gelegenen Provinzhauptstadt Augsburg zum Reichslimes sicher nicht unbeachtet geblieben sein. In der Blüte des deutschen Mittelalters, als gerade im alten Schwaben und Franken Bürgerfleiß und Bürgerbedeutung ihren Ausdruck in den zahlreichen Reichsstädten dieses Gebietes fanden, war Harburg als wichtigste Station zwischen den reichsfreien Städten Donauwörth und Nördlingen ohne Zweifel von größerer Bedeutung. In diesen Zeiten hatten die Juden als bereits völlig städtisches Element eine, wenn auch geduldete, aber nicht unwichtige Rolle im Leben des Bürgers zu erfüllen. Leider wissen wir aus jenen Tagen nur Weniges, die furchtbare Zeit des 'schwarzen Todes' mit ihrer Begleiterscheinung, den mörderischen Angriffen gegen die Judensiedlungen, hat das Meiste vernichtet. Auch Harburg gehörte zu den 'Marterstätten' der Jahre 1348/49, die das in Mainz verwahrte sogenannte Nürnberger Memorbuch aufzählt. Immerhin hat der Ort bereits 110 Jahre später wieder einen Juden 'Enslin' aufgenommen (1459), dem bald ein weiterer 'Joseph Rumolt' folgte. Für die nächsten Jahrhunderte scheint aber die Zahl der jüdischen Bewohner Harburgs nicht allzu groß gewesen zu sein. Die Gemeindegründung erfolgte erst am 10. März 1671 durch 5 Einwanderer aus dem Pfalz-Neuburgischen. Dieses damals wittelsbachische Gebiet führt heute noch als Landstrich den Namen 'Die Pfalz', zu dem die jüdischen Handeltreibenden noch immer geschäftliche Beziehungen unterhalten. In der Gründung der Gemeinde können wir das Zeichen für eine Festigung der politischen und wirtschaftlichen Lage der Juden erblicken. Bereits 1675 erwirbt die junge Gemeinschaft auf dem ungefähr 100 Meter höher südwestlich des Ortes am Wege nach Möggingen gelegenen 'Großen Hühnerberg' einen Friedhof, der heute noch der Gemeinde dient. Bald 
Harburg BayrGZ 07011927 Ib.jpg (359272 Byte)nimmt die Zahl der jüdischen Einwohner zu; am 5. November 1794 werden 322 Seelen gezählt. In die Zeit des 18. Jahrhunderts fallen naturgemäß auch sonstige Zeugen der ehemaligen Größe, vor allem der Bau der Synagoge.
Diese ist in ihrer äußeren Gestalt zu den stattlichsten Gebäuden des zwischen Fels und Fluss eng zusammengepressten Städtchens zu rechnen. An der ehemaligen Poststraße nach Nördlingen gelegen, die heute durch Neuanlage der Staatsstraße Nebenstraße geworden ist und den Namen 'Egelsee' führt, erhebt sich das hohe Gebäude, das in den Untergeschossräumen die frühere Rabbinerwohnung sowie die heute noch benützte Gemeindestube und die Mikwah enthält. Im ersten Stock betreten wir die Männersynagoge und sind durch den hohen, luftigen, tonnengedeckten Raum sofort gefesselt. Unser Blick wird vorzugsweise von dem als hervorragendes Kunstwerk anzusprechenden Almemor angezogen. In seiner reizvollen Rokoko-Holzschnitzerei, die aber als echtes Produkt einer schon eklektisch gewordenen Zeit Anklänge an frühere Stilformen aufweist, gibt er mit seiner heiteren, auf die Töne Weiß, Blau, Gold und Grün gestimmten Farblichkeit ein gutes Bild vom handwerklichen Können seiner Entstehungszeit, der Mitte des 18. Jahrhunderts. Zu diesem prächtigen Stück stehen die übrigen Einrichtungsgegenständen in gutem Einklang. Der Aron ha-Kodesch beherrscht in seiner strengeren Linienführung neben dem die Mitte des quadratischen Hauptraums einnehmenden Almemor den Gesamteindruck; so werden die beiden den religiösen Funktionen dienenden Aufbauten in ihrer Bedeutung richtig betont. Der zur Ostwand gerichtete Blick des Beters wird durch das Schriftwort (hebräisch und deutsch:) Ich halte mir Gott ständig vor Augen, Psalm 16,8 in eindringlicher Form erneut an den Zweck des Hauses gemahnt. Darunter erinnert die Angabe des Erbauungsjahres 'im Jahre 514 nach der kleinen Zählung' (5514 = /154) an die Entstehungszeit. Ein Blick von der die Westseite einnehmenden Frauenempore auf die mächtig aufsteigende Gewölbetonne, auf die fein abgewogene Vertikalgliederung, vermittelt die volle Wirkung des Raumes. Wir schön muss das Gotteshaus erschienen sein, wenn die große Chanukka-Menorah, die Hängeleuchter und Wand-Kerzenträger in ihrer heiter-festlichen Rokokogestaltung in vollem Glanze erstrahlten!
Von der nun leider nicht mehr lebenerfüllten Pracht vergangener Tage zeugen einzelne noch erhaltene Parochot, besonders ein in freudiger Farbenstickerei mit Vögeln und Blumen auf maiengrünem Grunde geziertes. In anderer Weise von dem ehemaligen Leben der Gemeinde erzählen uns die Beschriftungen anderer Vorhänge, bzw. des der Gemeinde gehörigen Toraschmucks. Da erfahren wir, dass die Lern-Chewra (Chewrat Kadischa Delomdei Schass Babli) bereits im Jahre 1775 (5535) aus Schild, Krone und Zeiger bestehende silber-vergoldete Torageräte (tüchtige kunsthandwerkliche Arbeit) dem Gottesdienste widmen konnte. Die gleiche Bruderschaft spendete einen heute noch seinem Zwecke dienenden Vorhang im Jahre 1795 (5555). Der fromme Wissenseifer in der Gemeinde führte im Jahre 1802 (5562) zur Gründung einer zweiten Chewra für agadische Vorträge (Chewrat Kadischa Deagatatah), die im Jahre 1838 (5598) einen Vorhang und im Jahre 18467 (5606) auch einen, allerdings weniger wertvollen und künstlerisch nicht so hochstehenden, vollständigen Toraschmuck stiftete. Im 18. Jahrhundert, in der Blütezeit der Gemeinde, entstand ferner das auf dem Almemor aufliegende auf Pergament
Harburg BayrGZ 07011927 II.jpg (203991 Byte) geschriebene Memorbuch. Dieses muss, wie aus dem Fürstengebet für Grab Philipp Karl von Oettingen-Wallerstein (regierte auch über Harburg bis zu seinem im Jahre 1766 erfolgten Tode) hervorgeht, im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts entstanden sein. Sein sonstiger Inhalt geht über den gebräuchlichen Jiskor-Schematismus nicht hinaus. Als persönliche Notiz erfahren wir nur, dass der im Jahre 1828 verstorbene Gemeindevorstand, Vorbeter und Mohel Jakob Moscheh ben Elieser Lipmann Hechinger, der auch im öffentlichen leben seiner Zeit hervortrat und als Hoffaktor dem Wallerstein'schen Fürstenhause Dienste leistete, sein bisheriges Wohnhaus der Gemeinde zur Einrichtung eines Schul- und Armenhauses hinterließ. 
Dieses Gebäude, ein einstockiges Haus, befindet sich in der gleichen Straße 'Egelsee' etwas unterhalb der Synagoge in der gegenüberliegenden Häuserreihe. Der einfache Bau ist durch nichts ausgezeichnet; nur eine Inschrifttafel, die in anmutiger Weise den Namen des Stifters mit dem schönen Worte der Schrift 'Wie schon sind deine Zelte, Jakob', 4. Mose 24,5 verknüpft, deutet zugleich auf den neuen Zweck des Hauses hin. Hechingers Familie hatte sich zuvor am oberen Ende des Marktplatzes ein neues stattliches Haus errichten lassen, dessen Stirnseite von einem Oval geziert ist, das über dem Monogramm und der Jahrzahl 1807 das Wort 'W'SchMRK'' aufweist, das den Zahlenwert [5]567 (1807) sowie den zwanglosen Sinn 'Ich werde Dich behüten' ergibt. Auch andere Häuser, die in ihrer Stattlichkeit eine Zierde des Städtchens sind, waren früher im Besitze von jüdischen Einwohnern. Der Zug nach der größeren Stadt hat leider inzwischen die Zahl der Juden verringert. Diese Tatsache wird besonders auf dem oberhalb der Burg gelegenen Friedhof zum Bewusstsein des Besuchers dringen. Die riesige Fläche, deren Bestand an Grabdenkmälern durch einen eigenartigen Vorfall verringert wurde, als die Franzosen im Jahre 1800 in seiner Nähe biwakierten und die hölzernen Denkmale als Feuerholz verwendeten, macht die ehemalige Größe und den jetzigen Niedergang der Gemeinde anschaulich. Die größtenteils dem 19. Jahrhundert entstammenden Steine geben ein treffliches Bild der vom ästhetischen Gesichtspunkte nicht besonders erfreulichen Entwicklung der Grabmalkunst und zeigen, wie manch einfaches Grabmal aus dem Anfang des Jahrhunderts an Würde und Eindruckskraft die pompösen Steine der letzten Jahrzehnte überragt."

  
Auflösung der Israelitischen Kultusgemeinde Harburg (1936)  

Harburg BayrGZ 15071936.jpg (86543 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. Juli 1936: "Bekanntmachung über Auflösung der Israelitischen Kultusgemeinde Harburg. 
Der Rat des Verbandes hat in seiner Sitzung vom 28./29. Juni 1936 nach Anhörung des zuständigen Bezirksrabbinats auf Grund des § 28 der Verbandsverfassung beschlossen: 
1. Bei der Kultusgemeinde Harburg sind die Voraussetzungen dafür gegeben, dass diese Kultusgemeinde als aufgelöst anzusehen ist. 
2. Die Auflösung der Kultusgemeinde Harburg wird als eingetreten erklärt. 
Dieser Beschluss wird hiermit öffentlich bekannt gemacht unter Hinweis auf § 28 der Verbandsverfassung, laut welchem gegen den Beschluss jedem Gemeindemitglied binnen einer Frist von einem Monat nach dieser Bekanntmachung die Beschwerde zum Landesschiedsgericht des Verbandes zusteht. Die Beschwerdefrist beginnt mit Veröffentlichung dieser Bekanntmachung. 
München, den 9. Juli 1936. Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Dr. Neumeyer."   

   
Harburg gehört zum Gebiet der Israelitischen Kultusgemeinde Nördlingen (1936)  

Bekanntmachung in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. September 1936: "Bekanntmachung über Ausdehnung des Gebietes der Israelitischen Kultusgemeinde Nördlingen auf das Gebiet der politischen Gemeinde Harburg. 
Die Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde Nördlingen, zugleich Steuerverbandsvertretung, hat am 30. August 1936 folgenden Beschluss gefasst: 
Gemäß § 2 des religionsgesellschaftlichen Steuergesetzes dehnt die Israelitische Kultusgemeinde Nördlingen ihr Gebiet auf das Gebiet der politischen Gemeinde Harburg aus. 
Dieser Beschluss wird hiermit öffentlich bekannt gemacht. 
Den an der Umbildung Beteiligten, insbesondere den von der Umbildung betroffenen umlagenpflichtigen Bekenntnisgenossen, wird hiermit Gelegenheit zur Einsprache gegeben. Die Einsprache soll genau die Gründe darlegen, welche gegen die bekannt gegebene Umbildung angeführt werden wollen. Die Einsprache muss binnen einer vom 20. September 1936 ab laufenden Frist von zwei Wochen bei der Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde Nördlingen schriftlich eingereicht werden.  
Nördlingen, den 7. September 1936.  
Für die Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde Nördlingen. 
Jacob Seligmann, I. Vorstand. Friedrich Levite."   

 
Zur Geschichte der Gemeinde - Artikel von 1937

Harburg Bayr GZ 15011937a.jpg (198107 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. Januar 1937: "Vom Schicksal kleinerer jüdischer Gemeinden in Bayern: Harburg und Nördlingen. 
Die exakte, aus Archiven geschöpfte Arbeit von Professor Ludwig Müller: 'Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde im Ries' (Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg, Jahrgänge 1899 und 1900) enthält auch nähere Angaben über die beiden hier behandelten Gemeinden Harburg und Nördlingen. Über die ältesten Zeiten (bis 1238) geben die Nachweise in dem in der Gemeindezeitung öfters erwähnten Sammelwerk 'Germania Judaica' (Breslau 1934) die nötigen Ergänzungen. Noch am Anfang des 19. Jahrhunderts bestanden im Ries die jüdischen Gemeinden Aufhausen unter Schenkenstein, Ederheim, Erdlingen (Kleinerdlingen), Hainsfahrt Harburg, Mönchsroth, Oberdorf, Oettingen, Pflaumloch, Schopfloch, Steinhart und Wallerstein. Bekannte, besonders auch in München und in Bayern vorkommende jüdische Herkunftsnamen deuten auf diese heute in der Mehrzahl verschwundenen alten jüdischen Siedlungen. Red.
I. Die jüdische Gemeinde Harburg. Im Frühjahr 1926 wurde die jüdische Gemeinde Harburg durch Beschluss des Landesverbands bayerischer israelitischer Gemeinden für aufgelöst erklärt, nachdem die Mitgliederzahl dieser Gemeinde auf fünf Personen herabgesunken war. Damit war im Zuge einer schicksalhaften Entwicklung wiederum eine einstmals ansehnliche jüdische Gemeinde in Schwaben, das früher so reich an bedeutenden jüdischen Landgemeinden war, erloschen. 
Leider ist von den zahlreichen jüdischen Gemeinden im Ries, mit Ausnahme von Nördlingen, wenig historisches Material erhalten, sodass es heute schwer ist, sich ein genaues Bild von den frühesten Judenansiedlungen im Ries und deren Entwicklung bis in die letzten Jahrzehnte zu machen. Immerhin soll in memoriam der erloschenen jüdischen Gemeinde Harburg auf Grund der dürftig vorhandenen geschichtlichen Unterlagen ein kurzer Bericht über sie gegeben werden. Wie bei den meisten deutschen Judensiedlungen lässt sich auch bei Harburg nicht feststellen, wann die ersten Juden nach diesem Ort gekommen sind. Da bereits um 1241 Juden in Donauwörth wohnten, das Gleiche auch für Nördlingen feststehen dürfte, wird man in der Annahme wohl nicht fehlgehen, dass um diese Zeit auch in Harburg, das an der damals wichtigen Handelsstraße zwischen diesen beiden Orten liegt, Juden wohnhaft waren (Anmerkung 1: Die im nachfolgenden wiedergegebenen historischen Details stützen sich im wesentlichen auf die ausgezeichnete Darstellung 'Aus fünf Jahrhunderten', Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinden im Ries, von Prof. Dr. L. Müller, Augsburg 1899). Die erste historische überlieferte Kunde von Juden in Harburg stammt aus dem Jahre 1348 und wird uns durch das Nürnberger Memorbuch (Anmerkung 2: Das Martyrologium des Nürnberger Memorbuches, herausgegeben von Sigmund Salfeld, Berlin 1898) überliefert, denn dort wird Harburg als eine der Marterstätten zur Zeit des Schwarzen Todes aufgeführt. Am Anfang des geschichtlich verbürgten Daseins der Harburger Juden stehen also Verfolgungen, Leiden und 
Harburg BayrGZ 15011937b.jpg (350558 Byte)Martyrium, die sie auch in der Folge begleitet haben. Ein weiteres historisches Dokument aus der frühen Zeit der Harburger Judensiedlung stellt der Judenschutzbrief dar, den Graf Wilhelm von Öttingen-Wallerstein dem Juden Joseph Rumold von Günzburg im Jahre 1463 gewährte. In diesem Judenschutzbrief ist ein jährliches Schirmgeld von 2 Gulden auf die Dauer von drei Jahre bestimmt, das sich für das erste Jahr auf 5 Gulden und für die beiden weiteren Jahre auf 6 Gulden erhöht, wenn Joseph Rumold seinem Schwiegersohn Abraham Verpflegung und Unterkunft in seinem Hause in Harburg gewährt. Dieses Schutzverhältnis konnte beiderseits mit einer Frist von einem halben Jahre aufgekündigt werden. 
Offenbar wohnten zur damaligen zeit und auch in den folgenden Jahrhunderten nur einzelne Judenfamilien in Harburg, denn zu einer förmlichen Gemeindegründung scheint es erst im Jahre 1671 gekommen zu sein, als anlässlich einer Judenvertreibung aus dem pfalz-neuburgischen Gebiete die Gründung einer jüdischen Gemeinde zu Harburg durch Graf Albrecht Ernst von Oettingen genehmigt wurde. 
Die Entwicklung der jüdischen Gemeinde Harburg bis zu ihrem Erlöschen kann wohl am besten die nachfolgende Zusammenstellung über die Bevölkerungsbewegung in ihr illustrieren. Die Gemeindegründung am 10. März 1671 erfolgte durch 5 Einwanderer aus dem Pfalz-Neuburgischen. Im Jahre 1707 zählte die Gemeinde 25 Familien. Die Gemeinde vergrößerte sich in den folgenden Jahren zusehends und dürfte in der Zeit zwischen 1735 und 1770, der Epoche starker jüdischer Landgemeinden in Süddeutschland, ihre größte Seelenzahl mit 58 Familien erreicht haben. Um 1800 trat ein leichter Rückgang auf 51 Familien mit ca. 300 Personen ein. Das 19. Jahrhundert mit seinem charakteristischen Zug der auf dem Lande wohnenden Juden in die Stadt und der schon damals beträchtlichen Auswanderung deutscher Landjuden nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika und England kommt in der andauernden Abnahme der Zahl der Gemeindemitglieder sehr prägnant zum Ausdruck, denn vom Jahre 1794, in dem noch 322 Juden in Harburg gezählt wurden, fiel ihre Zahl auf 65 Juden im Jahre 1899: Das Schwergewicht des deutschen Judentums hatte sich im Jahrhundert der Emanzipation und des Kapitalismus in die großen Städte verlagert; eine jüdische Gemeinde wie Harburg war durch diese Entwicklung sowohl in jüdischer als auch wirtschaftlicher Hinsicht zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Auch im 20. Jahrhundert nahm die Gemeinde zusehends ab; den letzten Anstoß zur Auflösung der Gemeinde gab die Auswanderung der vergangenen Jahre, besonders nach Erez Jisrael, sodass heute (1936/37) nur noch 5 Juden, wie seinerzeit bei der Gemeindegründung (1671) in Harburg wohnen. 
Einige weitere soziologische Einzelheiten sollen das Bild der alten Judengemeinde Harburg ergänzen. 
Auf Grund der anlässlich der Erneuerung der Schutzbriefe seitens der oettingischen Herrschaft gezahlten Judenschutzlosungs-Konsensgelder sind uns auch Unterlagen über die Vermögensverhältnisse der Juden in Harburg erhalten. So wurde im Jahre 1750 das Gesamtvermögen der Gemeindemitglieder von Harburg und Deggingen auf 81.000 Gulden, im Jahre 1770 das der Harburger Juden allein auf 92.000 Gulden geschätzte. Für die Jahre 1788 und 1806 sind die einschlägigen Ziffern 127.250 Gulden und 140.600 Gulden. Auf die einzelne Familie entfiel im Durchschnitt pro Jahr in Harburg ein Schutzlosungsconsensgeld von 5 Gulden 4 3/4 Kreuzer. Weitere Abhaben, auf die in diesem Zusammenhang nicht näher eingegangen werden kann, waren besonders das Kleppar-, Gänse-, Synagogen- und Herbergsgeld. Erwähnung in diesem Zusammenhang verdient auch die 10 %-ige Nachsteuer vom gesamten Vermögen, die dann in Betracht kam, wenn ein Jude freiwillig aus den oettingischen Landen auswanderte - ein Vorläufer unserer heutigen Reichsfluchtsteuer. Betrachtet man die Juden im Ries im 17. Jahrhundert auf ihre berufliche Zusammensetzung hin, so kamen folgende Erwerbstätigkeiten in Betracht: Vor allem Pferde-, Vieh- und Güterhandel, Handel mit Ziehfristen, Darlehensgewährung, Handel mit Koscherwein, Ringen und dergleichen, Pferdeverleihung, Geschäftsvermittlung, ferner 'schlechter und geringes Gewerbe', also Gelegenheitsgeschäfte, die dem Lebensstandard von 'Luftmenschen' entsprechen. 
Aus der Masse der Harburger Juden ragt der Name Jacob Hechingers hervor, der von der Fürstin Wilhelmine im Jahre 1803 zum Hoffaktor am Hofe zu Oettingen-Wallerstein wegen seiner dem Fürstenhaus 'geleisteten nützlichen Dienste' ernannt wurde. Es war dies wohl eine der letzten Ernennungen von Juden zu Hoffaktoren an einem deutschen Fürstenhof.
Die jüdische Gemeinde in Harburg gehörte zunächst dem oettingen-oettingischen Landrabbinat mit dem Sitz in Oettingen an. 1743 schied sie aus dem Verband des Landesrabbinats Oettingen aus und wurde dem Bezirk des Landrabbinats Wallerstein zugeteilt. In der Zeit der größten Gemeindemitgliederzahl besaß die Gemeinde vorübergehend einen eigenen Ortsrabbiner. - Beim Gang durch Harburg fällt dem jüdischen Besucher vor allem die stattliche, sehr idyllisch an der Wörnitz gelegene Synagoge auf. Ihre spitzbogigen Fenster spiegeln sich im Wasser des langsam dahinströmenden Flusses. Das Auftreten dieser scheinbar gotischen Formen darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Synagoge erst im Jahre 1754 erbaut wurde. Der Judenfriedhof der Gemeinde Harburg, dessen Entstehung auf das Jahr 1675 zurückgeht, liegt in einiger Entfernung vom Orte. Am großen Hühnerberg, auf einer Hochfläche, an einem Wald angelehnt, streckt er sich lang dahin. Wie so viele jüdische Friedhöfe birgt auch er Märtyrer unseres Volkes und Glaubens - Holzgrabsteine erinnern an dieses jüdische Heldentum. Dr. Ludwig Mayer, Augsburg."  

  
     
Zur Geschichte des Rabbinates in Harburg 
Provisorische Besetzung der Lehrerstelle, Schwierigkeiten bei der Rabbiner-Wahl und Tod des Gemeindevorstehers Joseph Goldschmidt (1839) 

Harburg AZJ 03081839.jpg (106171 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. August 1839: "Harburg (Provinz Schwaben in Bayern). 15. Juli. Schon in No. 70 wurde Ihnen von hieraus gemeldet, welche Hindernisse sich der hiesigen Gemeinde in der Wahl eines Rabbinen entgegenstellen. Gleiches findet nun mit der definitiven Wiederbesetzung der Gemeindelehrerstelle statt. Nachdem diese bereits vier Wochen in öffentlichen Blättern ausgeschrieben war, lief von einer hohen königlichen Regierung für Schwaben und Neuburg das Reskript ein, durch welches kund gegeben wird, dass es noch nicht entschieden sei, ob die hiesige israelitische Gemeinde bei der vorzunehmenden Lehrerwahl das Präsentationsrecht habe? Die erwähnte Behörde schickte daher provisorisch einen Herrn Berolzheimer, früheren Privatlehrer als Verweser der Schule her. So befindet sich die Gemeinde in der eigenen Lage, nur provisorische Beamte zu haben. - Vor Kurzem starb hier der früher Parnas, Joseph Goldschmid seligen Andenkens. Bei einem nicht zu beträchtlichen Vermögen hat derselbe eine ungemessene Wohltätigkeit gegen Bedürftige jeder Konfession geübt, und auch sein Testament bekundete dies. Derselbe vermachte 2.000 Gulden, von deren Zinsen Holz für die israelitischen Armen angekauft werden sollen, 500 Gulden, um die Zinsen zum Ankauf von Ostermehl anzuwenden, 200 Gulden, deren Zinsen an die christlichen Armen zu verteilen sind usw. Möchte es immer der Ruhm der Israeliten bleiben, der Barmherzigkeit voll zu sein! H."
 
Harburg AZJ 02051840.jpg (74006 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. Mai 1840: "Harburg (Schwaben), 15. April (1840). In No. 70 und 83 vorigen Jahres wurde Ihnen bereits berichtet, welche Hindernisse in der Wahl einen eigenen Rabbinen gestellt wurden. Nachdem wir unser Recht durch die hohe Königliche Regierung verwahrt behielten, beeile ich mich, Ihnen durch Gegenwärtiges die Nachricht mitzuteilen, dass in Folge der heute hier stattgehabten Rabbinen-Wahl unter neun Bewerbern Herr Rabbinatskandidaten Elkan Selz von hier, der sich schon an mehrere Jahre in München aufhält, den Preis davon trug. 
Die hiesige israelitische Kultusgemeinde ist schon längere Jahre ohne Seelenhirt, und sieht daher mit Erwartung der Installation und Funktions-Antretung ihres künftigen Geistlichen entgegen."
 
Harburg AZJ 13061840.jpg (92695 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Juni 1840: "Harburg (Schwaben), 20. Mai (1840). Am gestrigen Tage wurde unser Rabbine, Herr Selz, feierlich installiert, wozu außer den meisten Israeliten hiesiger und der zum Distrikte gehörenden Gemeinde Deggingen, die christliche Gemeindeverwaltung und von Seiten der Hochfürstlichen Herrschaft ein besonderer Installations-Kommissarius und Installations-Aktuarius sich einfanden. In der Synagoge in feierlichem Zuge angekommen wurde nach Absingung des 111. Psalms und eines deutschen Chorals durch das von dem Schulverweser Berolzheimer trefflich geleitete Schulchor, vom Installations-Kommissarius eine schöne Anrede an Rabbinen und Gemeinde gehalten, das königliche Regierungsdekret verlesen, und dann vom Rabbinen eine sehr angemessene und gediegene Antrittspredigt gehalten. Ein Halleluja schloss die Feierlichkeit, an die sich nachmittags ein fröhliches Mahl schloss."

   
   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule 
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1889 /1898 /  1901 / 1911 / 1920 und der Stelle des Synagogendieners 1884

Harburg Israelit 21101889.jpg (62110 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Oktober 1889: "Bekanntmachung. Gemäß hoher Königlicher Regierungs-Genehmigung vom 21. vorigen Monats ist die hiesige Religionslehrerstelle neu zu besetzen. Mit dieser Stelle verbinden sich die Funktionen eines Kantors und Schochets sowie auch die Aufsicht als Kabron. Nach der festgesetzten Fassion beträgt das Einkommen inklusive Nebenverdiensten und Wohnung Mark 1.350. Nach Ablauf von zwei und vier Dienstjahren tritt Gehaltserhöhung ein. Seminaristisch gebildete Bewerber wollen unter Vorlage ihrer Zeugnisse-Abschriften sich an die unterfertigte Verwaltung wenden, wo auch die Fassions- und Funktions-Bestimmungen erholt werden können. Reiservergütung erhält nur der Gewählte. Harburg (Bayern) am 14. Oktober 1889. Die Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde. G. Stein, Vorstand."
   
Harburg Israelit 22091898.jpg (96613 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. September 1898: "Vakanz
Die hiesige Religionslehrerstelle soll neu besetzt werden. Mit dieser Stelle verbinden sich die Funktionen eines Kantors und Schochets, sowie die Aufsicht als Kabron. Nach der festgesetzten Fassion beträgt das Einkommen Mark 1.400, inklusive Nebenverdiensten und Wohnung. Nach Ablauf von zwei und vier Dienstjahren tritt Gehaltserhöhung ein. Seminaristisch gebildete Bewerber wollen baldigst – unter Vorlage ihrer Zeugnisse – Abschriften sich an die unterzeichnete Verwaltung wenden, woselbst sie Aufschluss bezüglich der Funktions- und Fassions-Bestimmungen erhalten. Kandidaten, mit guten Stimmmitteln begabt, erhalten den Vorzug. Zur Erteilung von Privatunterricht ist Gelegenheit geboten. Reisevergütung erhält nur der Gewählte. Harburg (Bayern), 12. September 1898. 
Die Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde: Gerson Stein, Vorstand."  
  
Harburg Israelit 18071901.jpg (68628 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juli 1901: "Die hiesige Religionslehrerstelle soll neu besetzt werden. Mit dieser Stelle verbinden sich die Funktionen eines Kantors und Schochets, sowie die Aufsicht als Kabron. Nach der festgesetzten Fassion beträgt das Einkommen Mark 1.250 inklusive Nebenverdiensten und Wohnung. Nach Ablauf von zwei Dienstjahren tritt Gehaltserhöhung ein. Seminaristisch gebildete Bewerber wollen baldigst unter Vorlage ihrer Zeugnis-Abschriften - sich an die unterfertigte Verwaltung wenden, woselbst weitere Aufschlüsse zu erhalten sind. Reisevergütung erhalt nur der Gewählte. 
Harburg (Bayern),1 4. Juli 1901. Die Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde. Gerson Stein, Vorstand."
 
Harburg Israelit 30111911.jpg (50084 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. November 1911: "Die hiesige Religionslehrerstelle soll neu besetzt werden. Mit dieser Stelle verbinden sich die Funktionen eines Kantors und Schochets sowie die Aufsicht als Kabron. Die Stelle trägt ca. Mark 1.400 nebst freier Wohnung. Seminaristisch gebildete Bewerber wollen sich gefälligst baldigst - mit Zeugnis-Abschriften - an den Unterfertigten wenden. 
Harburg (Bayern), 27. November 1911. Gerson Stein, Kultus-Vorstand."
 
Harburg Israelit 01041920.jpg (59444 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. April 1920: "Die Kantor- und Schochet-Stelle dahier soll neu besetzt werden. Mit dieser Stelle ist auch verbunden die Aufsicht als Kabron. Schöne Dienstwohnung mit kleinem Garten ist vorhanden. Gehaltsansprüche nach Übereinkommen. Religiöse Bewerber wollen sich baldigst unter Vorlage von Zeugnis-Abschriften an die unterfertigte Verwaltung wenden. 
Harburg in Schwaben (Bayern), 25. März 1920. Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde. Gerson Stein, Vorstand."  
Auf die letztgenannte Ausschreibung bewarb sich erfolgreich Lehrer M. Laßmann.  
 
Synagogendienerstelle  
Harburg Israelit 06031884.jpg (55304 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. März 1884: "Die hiesige Synagogendienerstelle ist erledigt, und soll sofort besetzt werden. 
Bewerber wollen sich - mit Angabe, ob ledig oder verheiratet - an den unterfertigten Vorstand wenden, wobei bemerkt wird, dass solche Personen, welche auch als Schochet zu verwenden sind, besonders berücksichtigt werden; mit dieser Stelle ist auch die Funktion eines Kabron verbunden. Der Gehalt wird nach besonderem Übereinkommen bestimmt. 
Harburg in Bayern, am 2. März 1884. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde G. Stein.

  
Lehrer Maier Laßmann verlässt die Gemeinde (1925; Lehrer in Harburg von 1920 bis 1925)  

Harburg Israelit 14051925.jpg (68166 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1925: "Harburg (Schwaben), 5. April (1925). Nach einer nahezu fünfjährigen Wirksamkeit in der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde verlässt Herr M. Lassmann seinen hiesigen Posten als Kultusbeamter, um die vakante Stelle in Westheim bei Hammelburg anzutreten. Obwohl wir Herrn Lassmann nur ungern von hier scheiden sehen, so gönnen wir ihm doch seine bedeutende Verbesserung in seinem neuen Wirkungskreise. Wir verlieren an ihm einen tüchtigen Lehrer und vorzüglichen Vorbeter, besonders auch eine friedliebende und charaktervolle Persönlichkeit. Unsere herzlichsten Glückwünsche begleiten ihn und seine lieben Angehörigen nach seinem neuen Wirkungskreise!"

  
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Über die Verdienste von Nathan Hechinger (1843)  

Harburg AZJ 09101843.jpg (68739 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. Oktober 1843: "Aus Bayern, im September (1843). Unsere Stände sind auseinander gegangen. Was sie für uns Israeliten getan, ist männiglich bekannt, und eine Dankadresse wäre nicht am unrechten Orte gewesen. 
Herr Nathan Hechinger in Harburg, ein Mann, der sich auch in gemeindlicher Beziehung manches Verdienst erworben haben soll, hat für seine Leistungen in der Feldwirtschaft von dem landwirtschaftlichen Verein für Schwaben und Neuburg die silberne Medaille samt Preisbuch erhalten. Es ist dies schon der zweite Fall dieser Art, welchen ich Ihnen zu berichten die Freude habe. Möchten unsere Reichen nur fortfahren, in diesem Gebiete Ausgezeichnetes zu leisten; es kann ihnen und dem gesamten Israel nur zum vielfachen Frommen gereichen." 

  
Zum Tod von Lippmann Hechinger (1870)  

Harburg Israelit 27041870.jpg (159111 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. April 1870: "Mainz, 26. April (1870). Am zweiten Tage des Pessachfestes hat die israelitische Gemeinde zu Harburg im Ries einen großen Verlust erlitten; es starb nämlich Herr Lippmann Hechingen - seligen Andenkens, Rentner daselbst, einer der geachtetsten Männer der dortigen Gegend, den Frömmigkeit, Wohltätigkeit, Rechtschaffenheit und alle bürgerlichen Tugenden in reichem Maße schmückten. Da der Heimgegangene ein naher Verwandter des Herausgebers dieser Blätter gewesen, so war dieser zu dem am ersten der Halbfeiertage (= 18. April 1870) stattgehabten Begräbnisse gereist. Das Begräbnis bezeigte die allgemeine Teilnahme, da sich zu demselben die ganze Stadt und viele Fremde eingefunden hatten, sodass die Teilnehmer nach vielen Hunderten zählten. 
Es ergab sich nun die Frage, ob am Sarge gesprochen werden dürfe oder nicht. Eine eigentliche Leichenrede (Hesped) war der Halbfeiertage wegen nicht gestattet; (siehe Schulchan Aruch Orach Chajim c. 547 § 1, Joreh Deah c. 01, § 1), jedoch einige Worte des Lobes und der Mahnung zu sprechen, ist nach Lebusch c. 696, angeführt von Magen Abraham c. 547, § 6 gestattet, wenn es sich um einen Gelehrten (Talmid Chacham) handelt. Wiewohl nun Magen Abraham moniert, dass es in unseren Tagen keinen Talmid Chacham gibt, so hat man hier in Mainz doch seit uralten Zeiten jene Ausnahme auf jeden frommen rechtlichen Menschen ausgedehnt, und so hat denn auch der Herausgeber dieser Blätter schon oftmals diesem Gebrauche entsprechend gehandelt. Er hat demnach auch nicht Anstand genommen, dem dringenden Wunsche der Familie nachzugeben und als Freund und Verwandter nach dem Ortsrabbinen Herrn Selz, an der Leiche des seligen Hechinger einige Worte der Erinnerung und des Lobes zu sprechen und die Hinterbliebenen zu ermahnen, in den Fußstapfen des Dahingeschiedenen zu wandeln. 
Der Verewigte hat durch letztwillige Verfügung einige Tausend Gulden zu verschiedenen milden Stiftungen bestimmt. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens.

   
Zum Tod von Dr. Henriette Mayer geb. Hechinger (1892) 

Harburg Israelit 29021892.jpg (156115 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Februar 1892: "Nürnberg. Mittwoch, den 19. Schewat (= 17. Februar 1892), verschied im Alter von 59 Jahren nach nur kurzem Leiden Frau Dr. Henriette Mayer, geborene Hechinger. Die Verblichene, aus hoch angesehener Familie, war von väterlicher Seite eine Enkelin des frommen und talmudgelehrten Hofagenten Jacob Hechinger - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - in Harburg, von mütterlicher Seite stammte sie von dem frommen und talmudgelehrten Jacob Mayer - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - in Würzburg. Ihr Vater - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen -, Herr Lippmann Hechinger in Harburg, war nicht minder angesehen und hochgeschätzt als Ehrenmann und strenger Jehudi. Die Dahingeschiedene war eine würdige Nachfolgerin solcher Vorfahren, sie war reich an seltenen Eigenschaften, dabei selbstlos in hohem Grade und nur stets für Andere besorgt. Ihre letzten Worte waren das Schma-Gebet, das sie mit tiefster Innigkeit sprach und dann ihr edles Leben aushauchte. Groß und gerecht ist der Schmerz um eine solche edle Frau. Die Leiche wurde nach dem Geburtsort der Verblichenen, nach Harburg bei Donauwörth, verbracht und daselbst an der Seite ihrer Vorfahren - das Andenken an die Gerechten ist zum Segen - beerdigt. Am Grabe sprach zunächst der hoch geachtete Lehrer der Harburger Gemeinde. Er schilderte in warmen Worten die Vorzüge der teuren Dahingeschiedenen und erinnerte auch daran, was ihr, von Allen, die ihn kannten, hoch verehrter Vater, Herr Lippmann Hechinger, als langjähriger Vorsteher der Gemeinde Harburg geleistet. Dann sprach der tief gebeugte Gatte, Herr Dr. Mayer. Er stattete zunächst dem Vorredner seinen Dank ab und schilderte dann mit Worten, die alle Zuhörer tief ergriffen, das Leben seiner unvergleichlichen Gattin.
Möge der Allgütige die Angehörigen trösten und insbesondere der schmerzerschütterten Mutter der Dahingegangenen, die, ein leuchtendes Vorbild aller ausgezeichneten Tugenden, so bitteres Leid erdulden muss, die Kraft geben, den Verlust einer solchen Tochter mit Ergebung in den Willen des Allgütigen zu tragen. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  

 
Zum Tod von Herrmann Hiller (1892)  

Harburg Israelit 05051892a.jpg (119371 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Mai 1892: "Harburg (Bayern). Einen entsetzlichen Verlust hat unsere Gemeinde am 21. April dieses Jahres erlitten. Herr Kaufmann Herrmann Hiller, eine wahre Perle unseres Städtchens, wurde uns nach kaum zweitägigem Krankenlager in Folge eines Gehirnschlages, durch einen schmerzlosen, sanften Tod, würdig eines Frommen, entrissen; - zu früh trotz des erreichten 72. Lebensjahres für seine Hinterbliebenen, denen er stets ein liebevoller, sorgsamer Gatte und Bruder gewesen; zu früh für die israelitische Gemeinde, die wieder einen Mann beim Gottesdienst verloren, da er mit bewunderungswürdiger Pünktlichkeit als einer der ersten im Gotteshause erschien. 
Herr Hiller lernte in seinen Jugendjahren Musik und machte, gut talentiert, solch' vortreffliche Fortschritte, dass ihm eine hervorragende Anstellung angeboten wurde, er glaubte aber die Gesetze seines heiligen Glaubens, welche er, einem echt jüdischen Hause entstammend, stets vor sich gesehen, nicht mehr genau beobachten zu können und verzichtete daher lieber auf diesen Ehrenposten. 
Nun widmete er sich dem Handwerke der Posamenterie und es blühte bei seinem großen Fleiße ihm das Glück. 
Viele Jahre stand der Verblichene der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde in Rat und Tat zur Seite; er vollführte das Amt eines Armenpflegers und später eines Kultusvorstandes, welch'
Harburg Israelit 05051892b.jpg (146307 Byte)letzteres er in Folge einer Augenoperation niederlegen musste. - Eine Reihe von Jahren leitete er die Synagogenchor-Gesänge mit großem Eifer; ja sogar noch am 8. Pessachtage waltete er dieses Amtes, welches nun an diesem Tage seinen Abschluss gefunden, denn am Nachmittage des 8. Pessachfestes (gemeint 8. Pessachtages, 19. April 1892) sollte eine höhere Hand in ungeahnter Weise die fröhlichste Laune im Familienkreise unterbrechen. 
Der Dahingeschiedene verstand es durch sein biederes, herzliches Wesen, sein freundschaftliches Entgegenkommen, die Liebe und Verehrung Aller, durch gewissenhafte Pflichterfüllung das unbegrenzte Vertrauen eines Jeden zu erwerben, welcher einmal mit ihm in Berührung kam. Er war wirklich ein tüchtiger, von sprühendem Geist und Humor erfüllter Mann; sein Umgang war köstlich und erquickend. 
Als Beweis all dieser Vorzüge gelte der imposante Leichenzug, welchem sich nicht nur sämtliche israelitische hiesige, sowie auch auswärtige Mitglieder, ja sogar viele christliche Mitbürger, namentlich aus Beamtenkreisen, in welchen der Verblichene äußerst beliebt gewesen, anschlossen. 
Herr Lehrer Mannheimer hielt in sehr gut gewählten, treffenden Worten die Leichenrede, welche auf alle Anwesenden einen tief ergreifenden Eindruck machte. Die ungezählten Beileidsbeweise, selbst aus weiter Ferne, legen für die vorzüglichen Eigenschaften des teueren Heimgegangenen beredtes Zeugnis ab. 
O Vater, sende Deinen himmlischen Trost als lindernden Balsam in die Herzen seiner Rückgelassenen und mögen die Freuden der Glückseligkeit im Jenseits die Seele des Verblichenen empfangen und bei ihr bleiben für immerdar! Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. Siegfried Stein."

 
Zum Tod von Samuel Stern (1893)  

Harburg Israelit 09031893.jpg (58108 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. März 1893: "Harburg in Schwaben. Am 1. Schewat (= 18. Januar 1893) starb im Alter von 83 Jahren Herr Samuel Stern - er ruhe in Frieden. Mit ihm ist einer jeder 'Alten' geschieden, die noch Jehudim von echtem und rechtem Schlage gewesen! In streng religiösem Hause erzogen, lernte er von Jugend an Tora, mit der er sich auch sein langes Leben lang beschäftigte. Seine Frömmigkeit, Redlichkeit, Friedensliebe und überaus große Einfachheit gewann ihm die Freundschaft aller, die ihn kannten. Er vereinigte Tora mit respektvollem Benehmen. Alle 2-3 Jahre macht er einen Sijum über Mischnajot (d.h. er schloss einen Durchgang durch die Mischna-Abschnitte ab und begann wieder von neuem) , das er täglich lernte. Auch gehörte er der hiesigen Chewra Mischajot als Mitglied an."


Zum Tod von Bernhard Stein (1893)  

Harburg Israelit 15051893.jpg (127803 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Mai 1893: "Harburg in Schwaben. Am 26. Nissan (12. April 1893) trugen wir den Patriarchen unserer Gemeinde, Herrn Bernhard Stein - er ruhe in Frieden - in einem Alter von 87 Jahren zu ewigen Ruhe. Den Entschlafenen zierte nicht nur die Krone des Alters, sondern auch vor allem die des guten Namens, wodurch er es verdient, dass seiner in diesen geschätzten Blättern gedacht werden. Ein Jehudi mit Herz und Hand, in Gesinnung, Wort und Tat, lebte er stets in unserer Heiligen Wahrheit, geliebt, geachtet und geehrt von Jedermann, ob Israelit oder Nichtisraelit. Er gehörte mit einem Worte zu den (hebräisch und deutsch:) Männern der Tat, die in unserer Zeit der hohlen Phrase leider immer seltener werden. Es ist nicht möglich, in dem kleinen Rahmen hier sein Bild genügend oder nur annähernd zu zeichnen. Wir betonen nur die Tatkraft, die er allezeit für Gottesdienst, Tora und Wohltätigkeit eingesetzt, die glühende Liebe zum Judentum und sein Interesse an Allem, was dasselbe innerlich und äußerlich berührte, seine Opferfreudigkeit und liebende Hingabe an Bedürfnisse der Allgemeinheit. - Jahrelang war er Gabbai (Vorsteher) der hiesigen (Vereine:) Chewra Deagadata und der Chewra Gemilut Chassodim, alles verwaltete er zur Ehre Gottes. Des Lebens herbe Kümmernisse ertrug er mit Gottvertrauen und hatte die Freude, Enkel und Urenkel zu schauen, die alle in seinen Wegen wandeln und ihn bis zum Tode in Liebe umgaben. Bei seinem Leichenbegängnisse zeigte sich, welche Teilnahme sein Hinscheiden erweckte. Möge sein Beispiel ein belehrendes und anregendes Vorbild für uns alle bleiben und seine irdische Hülle in Frieden ruhen. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. N.N."

 
Zum Tod von Karoline Stern geb. Stein (1893)  

Harburg Israelit 26061893.jpg (90912 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Juni 1893: "Harburg (Bayern). Am 24. Siwan (= 8. Juni 1893) ist Frau Karoline Stern geb. Stein, in Fischach, nach längerem Leiden, im hohen Alter von 86 Jahren, ihrem vor zwei Monaten zur ewigen Ruhe eingegangenen Bruder Herrn Bernhard Stein aus Harburg, welchem kürzlich ein ehrender Nachruf in diesen geschätzten Blättern gewidmet wurde, durch Abberufung vom irdischen Dasein, nachgefolgt. 
Wie treulich stand sie ihrem Gatten in seinen Arbeiten zur Seite! 
Sie war im strengsten Sinne des Wortes ein (hebräisch und deutsch:) wackeres Weib, eine Gehilfin, die nur von Liebe und frommer Pflichterfüllung durchdrungen war. 
Religiöse Pflichten zu erfüllen, bereitete ihr Genuss. Sie übte Wohltätigkeit nach allen Richtungen aus. Galt es einen Dürftigen zu unterstützen, einem Kranken Trost und Mut einzuflößen, galt es endlich an einem Toten einen gottgefälligen Liebesdienst zu verrichten, so stand sie nicht fern. 
In diesem rühmenswerten Sinne erzog sie auch ihre Kinder, eine Tochter und einen Sohn, welche durch aufopfernde Pflege und hingebender Sorgfalt alles, was in menschlichen Kräften lag, getan haben, um das kostbare Leben der Verblichenen zu verlängern."

 
Zum Tod von Mirjam Münster (1895)  

Harburg Israelit 04031895.jpg (77332 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. März 1895: "Harburg (Bayern). Eine treue, gottesfürchtige Schwester, die es verdient, dass ihrer in diesen geschätzten Blättern ehrende Erwähnung geschehe, wurde vor Kurzem aus der Mitte unserer Gemeinde abgerufen, um vor dem Throne des Weltschöpfers zu erscheinen. Frau Mirjam Münster, eine kostbare Perle im Kranze der jüdischen Frauen, segnete das Zeitliche im 84. Lebensjahre, nach längerem Krankenlager, wo sie geduldig dem Willen Gottes in frommer Ergebenheit sich fügte. Mit den Eigenschaften einer wackeren Frau geziert, war ihr ganzes Streben auf strenge Beobachtung unserer heiligen Religionsgebote gerichtet. Fleiß, Sparsamkeit und Bescheidenheit waren die hervorragendsten Tugenden ihres häuslichen Lebens und den goldenen Frieden suchte sie mit jedermann aufrecht zu erhalten; - sie war eine gern gesehene Person bei Freud und Leid - Die Beteiligung bei dem Leichenbegängnisse war eine sehr zahlreiche, wobei die christliche Bevölkerung reichlich vertreten war. Am Friedhofe pries unser Herr Lehrer Mannheimer mit beredten Worten die seltenen Vorzüge dieser edlen Frau."

 
Kaufmann Gerson Stein wird zum Bevollmächtigten in der bürgerlichen Gemeindeverwaltung gewählt (1894) 
Anmerkung: Gerson Stein, von dem nachfolgende mehrere Berichte vorgestellt werden, war Vater des Rabbiners Dr. Isaak Stein (geb. 1877 in Harburg, gest. 1915 in Berlin, Bericht zu seinem Tod 1915 siehe unten). Sohn Isaak hatte Schulen in Nördlingen und Augsburg besucht und danach an der Universität und am Rabbinerseminar in Berlin studiert (Promotion 1905 in Rostock). Seit 1905 war er Distriktsrabbiner und Leiter der Religionsschule in Memel, Ostpreußen; 1914 floh er mit Frau und zwei Kindern vor den russischen Truppen nach Berlin. Nach seinem Tod in Berlin wurde er auf dem jüdischen Friedhof in Harburg beigesetzt.       

Harburg Israelit 2901894.jpg (46387 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Januar 1894: "Harburg, Schwaben. Bei der kürzlich stattgehabten Wahl einer Gemeindeverwaltung hiesigen Städtchens ging Herr Kaufmann Gerson Stein, langjähriger Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, siegreich aus der Urne als Bevollmächtigter hervor. In unserer vom Antisemitismus durchseuchten Gegenwart ist ein solcher Fall wohltuend und verdient hier umso mehr bemerkt zu werden, als es schon über 40 Jahre her ist, seitdem kein Israelite mit dieser Ehrenstelle betraut wurde. Und so gib Ehre deinem Volk!"   

 
Zum Tod von Jette Sternberger (1899)  

Harburg Israelit 14121899.jpg (33465 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Dezember 1899: "In Harburg (Bayern) ist Frau Jette Sternberger, Gattin des Herrn Meier Sternberger - sein Licht leuchte - früher Kantor in Ansbach, nach längerem Krankenlager gestorben. Das ganze Leben der selig Entschlafenen war eine Kette von guten und frommen Taten; ihre hoheitsvolle Erscheinung imponiert und erweckte überall Hochachtung und Verehrung."


25-jähriges Amtsjubiläum von Gerson Stein (1901)  

Harburg Israelit 17011901.jpg (145699 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Januar 1901: "Harburg (Bayern), 30. Dezember (1900). Die hiesige israelitische Kultusgemeinde beging gestern die seltene Feier des 25jährigen Amtsjubiläums ihres verehrten Kultusvorstandes, Herrn Kaufmann Gerson Stein. 
Nach beendetem Morgengottesdienste begaben sich die Gemeindemitglieder sämtlich in die Wohnung des Jubilars und wurde ihm, nach einer Ansprache des Kultuskassiers, Herrn Josef Epstein, worin derselbe die ersprießliche Wirksamkeit des Jubilars würdigte, als Ehrengabe ein prächtiger silberner Pokal mit Widmung überreicht. Der Jubilar dankte in bewegten, herzlichen Worten für die ihm zuteil gewordene Ehrung. Zahlreiche Glückwünsche aus Nah und Fern liefen im Laufe des Festtages ein. 
Herr Stadtpfarrer Freiherr von Löffelholz, Vorstand des Armenpflegschaftsrates der Stadt Harburg, welchem der Herr Jubilar in seiner Eigenschaft als Kultusvorstand angehört, sowie auch Herr Bürgermeister Lindenmeier, gratulierten in herzlichen Worten, nachdem der Herr Jubilar auch längere Zeit das Amt eines Gemeindebevollmächtigten in hiesiger Stadt bekleidete. Insbesondere dankte Herr Stadtpfarrer Freiherr von Löffelholz für die Treue und Gewissenhaftigkeit, mit der der Gefeierte seinen Verpflichtungen als Mitglied des Armenpflegschaftsrates nachgekommen ist.
Möge es dem Herrn Kultusvorstand Stein vergönnt sein, noch recht viele Jahre sein Amt in Rüstigkeit und Gesundheit weiter zu führen, zum Segen und Wohle seiner Gemeinde!"

   
Zum Tod von Meier Sternberger (1901, seit 1893 in Harburg wohnhaft) 
   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. September 1901: "Harburg, Schwaben. Am Sonntag, 7. Juli, wurde ein Mann hier zu Grabe getragen, der es wohl verdient, dass seiner in diesen geschätzten Blättern gedacht werde, da sein Lebensgang für jeden wahren Jehudi vorbildlich sein dürfte. Es war Meier Sternberger seligen Andenkens, den man unter großer Beteiligung seitens der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung zur letzten Ruhe bestattete. Der reiche Lebensinhalt des Zadik hanedor kann hier nur in skizzenhafter Kürze angedeutet werden.   
Meier Sternberger war in Deggingen bei Nördlingen geboren, ein Sohn des frommen Naftali Sternberger, der dort Vorbeter und Mohel war. Den Grundsätzen und Lehren des Elternhauses blieb der Verstorbene zeitlebens treu. Nciht weniger als 37 Jahre wirkte er als Chasan und Schochet in Ansbach, und war ein gewandter, weithin gesuchter Mohel, welches Amt er so oft unter großen persönlichen Entbehrungen und pekuniären Opfern versah. Im Verein mit seiner vor 1 1/2 Jahren dahingegangenen Gattin, einer echten Esches chajil (tüchtiger Frau), gestaltete er sein Heim zu einer von allen orthodoxen Glaubensgenossen gern und oft aufgesuchten Stätte. Geradezu unmöglich ist es, all das zu schildern, was beide zusammen für die öffentlichen Bedürfnisse, insbesondere auf dem Gebiete der Wohltätigkeit geleistet. Es sei nur erwähnt, dass der Verblichene 32 Jahre lang das schwere Amt eines Verwalters der Armenkasse für Durchreisende unentgeltlich versah. Die einzelnen Jahrgänge des 'Israelit' ließ er unter den Mitgliedern der Gemeinde kursieren, um Sinn für Tora und Gottesfurcht zu erwecken. In den höchsten Gesellschafts- und Beamtenkreisen der mittelfränkischen Kreishauptstadt war der Heimgegangene angesehen und geachtet. Vor acht Jahren zog das kinderlose Ehepaar hierher, um den Lebensabend in der Nähe von Verwandten zu verbringen, freudigst begrüßt in der numerisch reduzierten Gemeinde, die dadurch eine Kräftigung und Neubelebung des Gemeindelebens erfuhr. So manches Gute hat der Verstorbene hier bewirkt. Nun sind sie beide in die Ewigkeit gegangen. leibliche Nachkommen hinterlassen sie nicht, aber ihre guten Taten sind ihre Nachkommen. 
Zur Lewajoh (Beisetzung) war der Kultusvorstand von Ansbach, Herr Selling, herbeigeeilt. In tief empfundenen Worten sprach der Herr Rabbiner von Ansbach, Herr Dr. P. Cohn namens dieser Gemeinde, nach diesem Herr A. Mannheimer, Lehrer in Dettelbach im Auftrage des engeren Verwandtenkreises, endlich für die Gemeinde Harburg Herr Lehrer Krämer daselbst.  
Möge der S'chus - das Verdienst dieses wahrhaft Frommen uns beistehen und er ein Meliz joscher - ein rechter Fürsprecher uns allen sein. Secher zadik liwrochoh - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen
Wie nachträglich bekannt ward, vermachte der Heimgegangene bedeutende Lage an Moschab Sekenim und Talmud Thora im heiligen Lande, an die Präparandien Höchberg, Burgpreppach, an das israelitische Lehrerseminar und das israelitische Hospital in Würzburg, endlich an das Rabbinerseminar in Berlin."     

  
Über die Parascha Reeh - Gedicht von Dr. Isaak Stein (1902)

Harburg Israelit 15091902.jpg (123215 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. September 1902: "Zu Paraschat Reeh (Toralesung Reeh zum Schabbat 30. August 1902, Abschnitt Ree ist 5. Mose 11,26 - 16,17) - von Dr. Isaak Stein - Harburg (Bayern). 
Zum Gedanken 5. Mose 11,27: 'Den Segen, so ihr gehorchet den Geboten des Ewigen eures Gottes'.
Schon senken sich die trüben Schatten, Die schwarze Nacht bricht stürmisch an:
In öder Wildnis wallt der Pilger  Auf wüster, undurchforschter Bahn. 
Er darf nicht rasten, darf nicht schlummern, Er kennet nicht die süße Ruh', 
Auf Pfaden wilden Zweifels irrt er   Bekümmert seiner Heimat zu. 
Die Sehnsucht flügelt seine Schritte   Und treibt ihn fort in schwerer Qual; 
Doch Niemand weiset ihm die Wege,  Die leiten aus dem Jammertal. 
Da hebt er seinen Blick zum Himmel   Zur Sternenbahn im Silberschein; 
Die Sterne weisen ihm die Richtung  Und führen ihn zur Heimat ein. 
Auf, Israel, Du bist gerettet,   Sobald du nach dem Himmel schaust, 
In allen Fährden und in Nöten   Auf Deinen Lenker stolz vertraust."

 
Gerson Stein zum Gemeindevorsteher wiedergewählt (1908)   

Harburg israelit 31121908.jpg (31928 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Dezember 1908: "Harburg (Bayern), 27. Dezember (1908). Bei der hier vorgenommenen israelitischen Gemeindewahl wurde Herr Gerson Stein zum Vorstand der hiesigen Gemeinde einstimmig wiedergewählt. Dieses ehrenvolle Amt bekleidet er schon 33 Jahre hindurch mit treuer Hingabe und in einer ersprießlichen Wirksamkeit zum Wohle unserer Gemeinde."

  
Zum Tod des aus Harburg stammenden Rabbiners Dr. Isaak Stein (geb. 1877 in Harburg, gest. 1915 in Berlin, beigesetzt in Harburg)   

Harburg Israelit 29071915.jpg (94234 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juli 1915: "Rabbiner Dr. Isaak Stein - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen -. Memel, 18. Juli (1915). Von einem furchtbaren Schlage ist unsere Gemeinde, die ganze gesetzestreue Judenheit Deutschlands betroffen worden.  
Unser Rabbiner, Dr. Isaak Stein, ist in der Blüte seiner Jahre, noch bevor er das vierzigste Lebensjahr erreicht hatte, einer schweren Krankheit zum Opfer gefallen. Über ein Jahrzehnt lang war Dr. Stein bei uns tätig und hat es verstanden, in der Nordostecke unseres Vaterlandes vor den Toren des großen ostjüdischen Ghettos in vornehmer und liebevoller Gesinnung eine reiche Tätigkeit zu entfalten. Er war Freund und Berater aller seiner Gemeindemitglieder, als Mitglied des Kuratoriums unseres Krankenhauses, ein Vater der armen Kranken und in Wort und Schrift allezeit bemüht, auf der Kanzel wie in Vereinen die Lehren des Judentums zur Anerkennung zu bringen. 
Ein begeisterter Patriot, hat er auch während des Krieges innerhalb und außerhalb seiner Gemeinde zur Stärkung der Gemüter viel beigetragen. Die Aufregung, die ihm die kurze Zeit der Russeninvasion brachte, hat zweifellos dazu beigetragen, dass die heimtückische Krankheit, die an ihm nagte, rasch zum Ausbruch kam. - Sein Andenken wird in der ganzen Gemeinde und bei all denen, die ihm näher getreten, ein gesegnetes bleiben. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."     
 
Harburg Harburger Zeitung 27071915.jpg (268343 Byte)Artikel in der "Harburger Zeitung" vom 27. Juli 1915 (erhalten von Rolf Hofmann): "Harburg, 26. Juli (1915). Wie bereits gemeldet, wurde der weit über die Kreise seiner jüdischen Glaubensgenossen hinaus hochgeschätzte und bekannte Kreisrabbiner Herr Dr. Isaak Stein aus Memel, im 39. Lebensjahre, am vergangenen Montag auf dem hiesigen israelitischen Friedhof zur letzten Ruhe gebettet. Am Dienstag vorher begab er sich noch nach Berlin, um Heilung einer entstandenen Nierenkrankheit zu suchen, wo er am Donnerstag vom Tode ereilt wurde. Kreisrabbiner Dr. Isaak Stein war am 1. Juli 1877 dahier (Harburg) geboren, besuchte das königliche Gymnasium St. Stephan in Augsburg, woselbst er mit sehr gutem Erfolge absolvierte. Seine erfolgreichen Studien beendete er 1902 an der Universität Berlin und 1904 am dortigen Rabbinerseminar. Zum Kreisrabbiner Nach Memel wurde er im Februar 1905 einstimmig berufen. In seiner mehr als zehnjährigen dortigen Wirksamkeit entwickelte er eine ersprießliche Tätigkeit. In diversen Zeitungen sind ehrende Nachrufe über den Verblichenen veröffentlicht. Die Vorsteher und Repräsentanten der Synagogengemeinde Memel widmen ihm einen Nachruf, dass er über ein Jahrzehnt lang als Seelsorger in ihrer Gemeinde tätig gewesen und sich durch seine vornehmen Gesinnungen, seine nie versiegende Hilfsbereitschaft und seine milde und nachsichtige Art in der Beurteilung Anderer allgemeine Liebe und Verehrung zu erwerben gewusst. Mit seltener Selbstlosigkeit und vorbildlicher Pflichttreue hat er sich seinem Beruf gewidmet und niemals hat er gefehlt, wo es zu helfen und zu raten gab. Sie verlieren in Herrn Dr. Stein nicht nur einen vornehmen und stets hilfsbereiten Seelsorger, sondern auch einen lieben und treuen Freund und Berater, dem sie über das Grab hinaus ein ehrendes Gedenken bewahren werden. Das Kuratorium des jüdischen Krankenhauses zu Memel, dessen Mitglied der Entschlafene gewesen, veröffentlicht in einem Nachruf, dass Herr Dr. Stein in der Blüte seiner Jahre zu Berlin verschieden ist und trauernd stehe es an der Bahre dieses zu früh Dahingegangenen hochverehrten Mannes, der der Anstalt stets sein vollstes Interesse und seine Arbeitskraft widmete. Für das Schicksal der armen Kranken zeigte er lebhafte Anteilnahme, erfreute sie oft durch seine Besuche und tröstete sie durch seinen gütigen Zuspruch. Das Gedeihen und der sichere Forbestand der Anstalt lag ihm am Herzen und hat er ihr viele Gönner und wohltätige Freunde verschafft. Es werde seiner stets in Dankbarkeit gedenken, und seinen Namen unter denen der Wohltätiger der Anstalt zum dauernden Gedächtnis verzeichnen. Ferner beklagen den schmerzlichen Verlust ihres Vorsitzenden der 'Verein für jüdische Geschichte und Literatur'. Seine hohe edle Denkungsart hat er in populär-belehrenden vorträgen verkündet.... 
(ein Teilabschnitt wird nicht zitiert - zum Lesen bitte Textabbildung anklicken
An der Bahre sprachen in tief empfundenen Worten Herr Rabbiner Dr. Rössel aus Tilsit und Herr Distriktsrabbiner Dr. Kohn aus Ansbach vor einem zahlreichen Leichengefolge aus allen Schichten der Bevölkerung, ohne Unterschied der Konfessionen, sowohl von hier als auch von auswärts. Die vielen Beileidsbezeugungen von nah und fern beweisen die große Beliebtheit des teuren Entschlafenen. 
Wie reich muss sein Leben gewesen sein an Edlem und Hohem, dass er schon jetzt, wo andere erst beginnen, für die Welt etwas zu bedeuten, als ein ganzes, als ein volles gelten konnte vor dem göttlichen Richterauge! 
Wie viel muss er schon jetzt in seinem kurzen Erdenwallen geleistet haben, dass er schon jetzt reif war für die Gefilde der Seligen! Er ruhe im ewigen Frieden!"     

     
Zum Tod von Gerson Stein (1920) - fast ein halbes Jahrhundert Gemeindevorsteher   

Harburg Israelit 09121920.jpg (186260 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Dezember 1920: "Harburg (Schwaben), 29. November (1920). Unsere kleine Gemeinde ist von einem unersetzlichen Verluste betroffen worden. Gerson Stein ist im Alter von 76 Jahren von uns geschieden. Mit ihm ist eine Persönlichkeit aus der 'guten alten Zeit' ins Grab gesunken. Er war der Typus des alten Gemeindevorstehers, gemessen und würdevoll in seinem Auftreten, durchdrungen von höchstem Pflichtgefühl und voll Liebe für die, denen sein Wirken galt. Fast ein halbes Jahrhundert hatte ihn das Vertrauen der Gemeinde an ihre Spitze gestellt; die Chronik unserer Gemeinde zeugt für sein unermüdliches Schaffen. Auch in den nichtjüdischen kreisen seiner Heimat wurde der Wert seiner Persönlichkeit erkannt und gewertet; lange war er in der Verwaltung der Stadt, gehörte er dem städtischen Armenrate an und stand mit an der Spitze von gemeinnützigen Vereinen. Ihm, dem Manne voll Gefühl, ward die innere Kraft gebrochen, als ihm in kurzer Zeit die Gattin und der prächtige Sohn (Dr. Stein - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen -, Memel), genommen waren und ein liebes Enkelkind vor seinen Augen dahinwelkte. Die zahlreiche Beteiligung zeigte die große Verehrung, die der Dahingeschiedene bei allen Konfessionen und allen Ständen genoss. Der greise Bezirksrabbiner Dr. Cohn, Ichenhausen, scheute die beschwerliche Reise nicht, um dem langjährigen Freunde Worte des liebevollen Gedenkens zu widmen. Leider wurde er vor der Beerdigung von einem kleinen Unfall betroffen. An seiner Stelle schilderte Herr Rabbiner Dr. Berlinger, Hall, das Leben des Verewigten und gab dem tiefen Schmerze Ausdruck, der die Familie und die Gemeinde erfüllt. Dem Zuge folgten ua.. der Oberregierungsrat aus Donauwörth, der Bürgermeister und die Stadträte, sowie die gesamte Mannschaft der Feuerwehr. Gerson Stein - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - führt nun unsere Gemeinde nicht mehr; mit Bangen sehen wir der Zukunft entgegen, denn nur ein knappes Minjan ist noch übrig von der blühenden Kehilla von dereinst. Um so stärker sollten die noch hier Lebenden, das zu erhalten suchen, was ihr verstorbener Vorsteher ihnen als heiliges Vermächtnis hinterlassen. Damit wird das Andenken des Verstorbenen am besten geehrt."     
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. April 1921: "In Harburg (Schwaben) ist der Vorstand der Israelitischen Gemeinde, Herr Gerson Stein, im Alter von 76 Jahren verschieden. Er war der Typus des alten 'Parnes' (Gemeindevorstehers), durchdrungen von höchstem Pflichtgefühl und voll Liebe für die, denen sein Wirken galt. Die Chronik der Gemeinde zeugt für sein unermüdliches Schaffen; lange war er in der Verwaltung der Stadt und stand mit an der Spitze von gemeinnützigen Vereinen. Sein Sohn war der verstorbene Rabbiner Dr. Stein seligen Andenkens in Memel."  

    
Zum 70. Geburtstag von Sara Guldmann (1922) 

Harburg Israelit 09031922.jpg (75923 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. März 1922: "Harburg (Bayern), 26. Februar (1922). Am gestrigen Schabbat Kodesch Paraschat Mischpatim (Heiliger Schabbat mit der Toralesung Mischpatim = 2. Mose 21,1 - 24,18, das war am 25. Februar 1922) vollendete in körperlicher und geistiger Frische Sara Guldmann dahier, ihr 70. Lebensjahr. Die Jubilarin ist durch ihre Leutseligkeit und ihr freundliches Wesen im hiesigen Städtchen allgeschätzt. Von ihrer frühesten Jugend an Arbeit gewöhnt, obliegt sie heute noch mit aller Hingabe und Liebe ihrem Berufe. Nicht unerwähnt sei, dass sie heute auf eine ununterbrochene 28-jährige Tätigkeit bei einer hiesigen achtbaren Familie, mit der sie in den vielen Jahren stets Freud und Leid teilte, zurückblicken kann. Gebet und Arbeit ist ihre Losung. Wir entbieten nun unserer ‚Sara’ zu ihrem 70. Wiegenfeste unsere herzlichste Glückwünsche. Mögen ihr – so Gott will – noch viele gesunde Jahre beschieden sein. (Alles Gute) bis 100 Jahre."     

  
Zum Tod von Kunigunde Salomon geb. Hiller aus Harburg (gest. 1924 in Nürnberg)
   

Nuernberg Israelit 10071924.jpg (136887 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juli 1924: "Nürnberg, 1. Juli (1924). Am Sonntag, 23. Juni dieses Jahres, starb dahier im 72. Lebensjahre Frau Kunigunde Salomon, eine der leider immer seltener werdenden Gestalten altjüdischer Frömmigkeit. Bei der am Montag stattgehabten Beerdigung hob Herr Rabbiner Dr. Klein die Tugenden dieser wackeren Frau hervor, die 36 Jahre den Witwenstand durchlebte, in ihrer Glaubenstreue aber tapfer und siegreich blieb, sodass sie ihre Kinder zu echten Jehudim heranreifen sah, ebenso die Enkel. Selbst in einer Gegend, wo wenig Toratreue zu treffen gewesen, hielt sie die Ideale echter Jüdischkeit aufrecht. Der Schwiegersohn, Lehrer Sonn - Würzburg, beklagte den schweren Verlust der Familie und teilte so manches Intime aus dem Leben der Verstorbenen mit, in dem sich ihre innige Frömmigkeit wiederspiegelte, von der der Fernstehende kaum eine Ahnung gehabt. Hauptlehrer Mannheimer - Dettelbach verglich die Heimgegangene mit Noemi im Buche Rut, der am Lebensabend noch sonniges Familienglück gelächelt. Er betrachtete sie als Kind ihrer Heimatgemeinde Harburg in Schwaben, die einst zu den schönsten gezählt und wo die Urahnen der Verstorbenen sich schon durch besondere Gelehrsamkeit auszeichneten. Bestand doch in der Familie eine dunkle Tradition von verwandtschaftlichen Beziehungen zum ... (unklar, wer gemeint). Nun ist sie dahingegangen, nachdem sie die letzten Monate bei ihrem Sohne, Herrn Moritz Salomon dahier, verbracht, und aufopfernde, kindliche Liebe und Pflege fand bis zum letzten Atemzuge. Möge der Verdienst dieser Edlen, Frommen den Familien und uns allen beistehen. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."     
Anmerkung: Die aus Harburg stammende Kunigunde Salomon geb. Hiller war mit dem Handelsmann Jakob Salomon in Mandel bei Bad Kreuznach verheiratet (dieser ist 1888 in Mandel gestorben). Eines der Kinder war Hedwig (Helene) geb. Salomon (geb. 2. Oktober 1877 in Mandel), verheiratet seit 1901 (Würzburg) mit dem Lehrer David Sonn (geb. 19. Mai 1871 in Mainstockheim, gest. 12. Juli 1939 in Würzburg), gest. 6. oder 8. November 1932 in Würzburg. 
Quelle: Strätz Biographisches Handbuch Würzburg Juden Bd. II S. 568 (hier ist Hamburg in Harburg zu korrigieren)

 
Zum Tod von Siegfried Stein (1933)            

Harburg Israelit 30111933.jpg (94187 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. November 1933: "Harburg (Schwaben), 24. November (1933). Auf dem alten, idyllisch gelegenen Friedhof dahier wurde Siegfried Stein zur letzten Ruhe gebettet. In ihm lebte Geist und Art unserer einst blühenden Gemeinde weiter, mit ihren prachtvollen jüdischen Vereinen, der kinderreichen jüdischen Volksschule, der einzig schönen altjüdischen Synagoge, die 80 'Ständer' zählte und heute noch das Bild großer Vergangenheit widerspiegelt. Nach Verfall der Gemeinde suchte Herr Stein im Verein mit seinem verewigten Schwager Hiller - er ruhe in Frieden - noch aufrecht zu erhalten, was hier möglich gewesen. Seine klangvolle Stimme und sein beachtliches jüdisches Wissen befähigten ihn zum rechten, echten Vorsängerdienst. Jeden Minhag (Brauch, Tradition) kann er. Sein schlichtes, friedliches Wesen, seine Redlichkeit im Geschäftsleben, sein feines, taktvolles Auftreten sicherten ihm Freunde und Verehrer weit und breit. Vom Elternhause her hatte er den jüdischen Geist in altfrommer Prägung in sich aufgenommen. Ein jüngerer Bruder, Rabbiner Dr. Stein - seligen Andenkens, in Memel, ging ihm im Tode voran. Am Grabe schilderte der Schwager des Verewigten, Herr Moses Herz, Hall, Leben und Wirken des teuren Verwandten. Sein Bild bleibt in ehrenvollem Gedenken bei jedermann dahier. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des ewigen Lebens."  

   
   
   
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge        
     
Bereits 1695 hatte die jüdische Gemeinde von Harburg die fürstliche Erlaubnis erhalten, eine "Judenschule" zu bauen. Bedingung dafür war, dass erstens ein Jude darin wohnte und zweitens das Gebäude keine baulichen Besonderheiten aufwies, da die Kirche keine bauliche Konkurrenz bekommen sollte. Damals wurde jedoch keine Synagoge erbaut, sondern der bisherige Betsaal im Haus des Moyses Weil beibehalten. Dieser hatte kurz nach seiner Aufnahme in Harburg 1672 ein bis heute erhaltenes stattliches Gebäude am Marktplatz erworben; 1707 kam das Haus den Besitz von Benjamin Israel. Als 1719 dieses Haus an einen Christen verkauft werden sollte, wurde die Frage eines Synagogenneubaus wieder aktuell. Fürst Albrecht Ernst II. befahl auf Grund der neuen Situation den Bau einer Synagoge, worauf die jüdische Gemeinde einen unbebauten Platz in der Egelseegasse kaufte und darauf eine Synagoge erbaute. Im Gebäude der Synagoge war auch die Vorsänger- (zeitweise Rabbiner-)wohnung untergebracht.    
    
Die 1720 erbaute Synagoge war allerdings nach wenigen Jahrzehnten bereits baufällig geworden, da sie aus "schlechtem Holz" gebaut war und einzustürzen drohte. Mit fürstlicher Erlaubnis erbaute man 1754 eine neue Synagoge. Sie wurde am selben Platz gebaut, jedoch erweiterte man die überbaute Fläche zur Wörnitz hin. Im Erdgeschoss des Gebäudes befand sich die ehemalige Rabbinerwohnung, die Gemeindestube der Kultusverwaltung und die Mikwe. Der eigentliche Betsaal lag im ersten Obergeschoss. Die Synagoge mit ihren Spitzbogenfenstern und ihrer dominanten Lage am Flussufer war nach der Kirche und dem Pfarrhaus das größte Gebäude am Ort.  
      
Bereits Ende der 1920-Jahre wurde es immer schwieriger, in Harburg die nötige Zehnzahl der Männer für den Gottesdienst zusammen zu bekommen. 1936 wurde die Jüdische Kultusgemeinde Harburg aufgelöst, seitdem stand die Synagoge leer.  
       
Abschiedsfeier in der Synagoge (1936)     

Harburg GblIsrGF August1936 424.jpg (40139 Byte)Artikel im "Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt" vom August 1936 S. 424: "München. Die bayrische Synagogengemeinde Harburg, die früher zu den größten des Landes zählte, ist auf fünf Seelen zusammengeschrumpft und wird in Kürze auf Grund der Satzung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden aufgelöst werden. Vor kurzem fand in der Synagoge, die im Jahre 1754 errichtet wurde, eine Abschiedsfeier statt, zu der sich viele ehemalige Mitglieder der Gemeinde eingefunden hatten." 
    
Harburg BayrGZ 01061936.jpg (91471 Byte)Artikel in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. Juni 1936: "Abschied von einem Gotteshaus. In der Synagoge zu Harburg fand am Erev Rosch Chodesch ‚Siwan’ (Vortag zum 1. Siwan = Donnerstag, 21. Mai 1936) die Abschiedsfeier in Verbindung mit einem Jom Kippur Koton-Gottesdienst statt. Die Gemeinde Harburg, ehedem eine der bedeutendsten in Schwaben, ist bis auf fünf Mitglieder zusammengeschrumpft. Schon lange hat in der altehrwürdigen Synagoge ein Minjan nicht mehr stattgefunden. Die Gemeinde wird demnächst, entsprechend den Bestimmungen der Verbandssatzungen, förmlich aufgelöst werden. Die Kultusgemeinde Nördlingen wird ihr Gebiet auf das Gebiet von Harburg erstrecken. Zur Abschiedsfeier hatten sich zu den wenigen in Harburg noch ansässigen Juden zahlreiche ehemaligen Mitglieder und Freunde der Kultusgemeinde Harburg von auswärts gesellt. Lehrer Strauß (Nördlingen) legte seinen zu Herzen gehenden Ausführungen Worte des Psalms 102 zugrunde. Die im Jahre 1754 erbaute Synagoge ist eine Sehenswürdigkeit. Die Besichtigung wird bei jedem Besucher Harburgs einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen."  
 
Harburg Israelit 02071936.jpg (46987 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Juli 1936: Text wie im Gemeindeblatt der israelitischen Gemeinde Frankfurt - siehe oben. 

Beim Novemberpogrom 1938 wurde das Innere des Gebäudes geplündert. Das Gebäude ging 1939 in den Besitz des Deutschen Roten Kreuzes über. Während des Krieges diente es mehreren Firmen als Lagerhalle. 
 
1945 kam das Gebäude in den Besitz der jüdischen Vermögensverwaltung (JRSO), die es 1952 verkaufte. Seit 1951 wurde die Wohnung des Synagogendieners wieder für Wohnzwecke benutzt. Das seitdem in Privatbesitz stehende Gebäude wechselte mehrfach den Besitzer. Mitte der 1960er-Jahre sollte das Gebäude auf Grund des inzwischen vernachlässigten Zustandes abgebrochen werden. Nur durch die Initiative eines Geschäftsmannes wurde das Gebäude gerettet, der aus der Synagoge ein Büro- und Wohnhaus machte. Die Gesamtfassade blieb jedoch auch bei diesem Umbau unverändert. 1989 bis 1991 wurde die ehemalige Synagoge als Bürgerhaus und Begegnungsstätte kulturell genutzt (Einweihung als Kulturzentrum Alte Synagoge Harburg im Juni 1989). Die fehlende Unterstützung der öffentlichen Hand führte dazu, dass diese Arbeit eingestellt werden musste. Seitdem wird das Gebäude als Arztpraxis genutzt (Egelseestraße 8; alte Anschrift: Egelseestr. 114).  
     
     
Ausführlichere Darstellung der Geschichte der Harburger Synagoge (Beitrag von Rolf Hofmann): hier anklicken  

Kurzreferat von Rolf Hofmann zur Synagoge Harburg (erstellt zur Ausstellung im Rahmen der Rieser Kulturtage 2014 am 6. Mai 2014, english version)     
Bei etwas näherer Betrachtung der Geschichte der Harburger Synagoge zeigt sich deren hervorragende landesgeschichtliche Bedeutung, auch wenn dies heute vielfach unerwähnt bleibt; bis in die 1930er Jahre war dies jedoch einhellige Meinung von Kunsthistorikern. Noch Richard Krautheimer erwähnte ihre formale Verwandtschaft mit mittelalterlichen Synagogen. Im 18. Jahrhundert waren Synagogen dieser Größe selten. Es stellt sich demnach die Frage nach der Entstehung. In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte eine stattliche Anzahl jüdischer Familien in Harburg Schutz und Heimat gefunden, nicht zuletzt auch durch die 1741 erfolgte Ausweisung aller Juden aus dem nahegelegenen Monheim. Hochrangige nach Harburg emigrierte Persönlichkeiten waren der Hoffaktor Abraham Elias Model und der extrem wohlhabende Alexander Löw. Sowohl Model als auch die Söhne von Alexander Löw dürften sich 1754 finanziell hervorragend am Neubau der Harburger Synagoge beteiligt haben. 
Wegen ihrer Mächtigkeit und ihrer dominanten Lage im Ortspanorama war die Harburger Synagoge weit und breit ohne Gleichen und repräsentierte das Selbstbewusstsein jüdischer Untertanen, die sich ihrer Bedeutung im regionalen Wirtschaftsgeschehen bewusst waren, hatten sie doch weitreichende Fernhandelsbeziehungen und konnten so hervorragende Produkte bester Qualität zu fairen Preisen anbieten, dies insbesondere auch auf den regionalen Märkten in Nördlingen und Ingolstadt. Aufgrund dieser Fernhandelsbeziehungen kann man annehmen, dass vermutlich Baumeister aus Osteuropa für den Bau der Harburger Synagoge verpflichtet werden konnten. Denkbar wären böhmische Baumeister, deren handwerkliche Tradition auch heute noch einen guten Ruf hat. Nach Prag weist die Harburger Synagoge auch aufgrund der architektonischen Verwandtschaft mit der dortigen Altneu-Synagoge. 
Die prägnanten Spitzbogenfenster und die massigen Mauern sowie das gewaltige Sprengwerk der Dachkonstruktion zeigen, dass die Harburger Synagoge in der Mitte des 18, Jahrhunderts für den ganzen schwäbischen Raum ein Bauwerk besonderer Art und Qualität war. Dies auch aufgrund der hervorragenden Lage im Ortspanorama, außergewöhnlich zu einer Zeit als Synagogen eher versteckt platziert wurden und lediglich den Charakter einfacher Wohnhäuser hatten. Die Harburger Synagoge war bewusster Rückgriff auf mittelalterliche jüdische Kultur, und diese Bedeutung hat sie heute noch, auch wenn das Innere nicht mehr historisch ist. 
Trotz Plünderung in der "Reichspogromnacht" 1938 überstand die äußerlich unversehrte Synagoge den 2. Weltkrieg und wurde ab 1965 nach Umbau im Innern als Bürogebäude genutzt, bis sie ab 1989 ein paar Jahre lang in Privatinitiative als überregional erfolgreiches Kulturzentrum genutzt wurde. Danach hat dort ein Arzt seine Praxis, der mit seiner Familie in diesem altehrwürdigen Gebäude auch wohnt. 
Abschließend sei noch ein Hinweis auf das Jüdische Museum in Berlin gestattet, wo am Beginn der Ausstellung über das Landjudentum ein Innenraumgemälde der Harburger Synagoge an hervorragender Stelle platziert ist, verfertigt vom Maler Erich Martin Müller, der im Spätsommer 1914 mit der Malklasse von Professor Kallmorgen von Berlin aus kommend in Harburg Station gemacht hatte und hierbei das Innere der Synagoge gemalt hatte. 

   
   
   
Fotos 
1. Fotos von Theodor Harburger und weitere Abbildungen / Pläne 
(Quelle: Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem; großenteils veröffentlicht in Th. Harburger: "Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern. 1998; die nachfolgenden Fotos wurden direkt von den Central Archives zur Verfügung gestellt; das mit *) bezeichnete Foto stammt von Heimatforscher Ernst Ruff).  

Harburg Synagoge 012.jpg (44801 Byte) Harburg Synagoge 011.jpg (45584 Byte) Harburg Synagoge 010.jpg (53125 Byte)
Ansicht der ehemaligen 
Synagoge Harburg 
Querschnitt der Synagoge: 
Blick zur Frauenempore 
Grundriss des 1. Stockes der 
ehemaligen Synagoge (Männerraum) 
     
Harburg Mikwe Pl01.jpg (76436 Byte) Harburg Synagoge Mikwe 1843 Schnitt.jpg (146145 Byte) Harburg Plan 1840.jpg (149537 Byte)
Plan Erdgeschoss der Synagoge
 u.a. mit der Mikwe (Sammlung HarburgProject) 
Querschnitt durch das Synagogengebäude 
u.a. mit der Mikwe (Sammlung HarburgProject) 
Plan: Die Stadt Harburg 
um 1840 (Sammlung HarburgProject)  
     
Harburg Synagoge 020.jpg (55482 Byte) Harburg Synagoge 021.jpg (70685 Byte) Harburg Synagoge 080.jpg (31363 Byte)
Blick auf den Toraschrein  Almemor / Bima  Auf der Frauenempore der Synagoge
 Harburg: der abgegrenzte Bereich 
markiert den Aufgang zur Empore* 
   
     
Harburg Toravorhang 01.jpg (45992 Byte) Harburg Torakrone 01.jpg (63929 Byte) Harburg Toraschild 01.jpg (66276 Byte)
Toravorhang  Torakrone (heute in 
Ramot Hashawim in Israel)
Toraschild 
      
     
Fotos der Bima 
(links um 1925; aus der Sammlung 
Lippert im Staatsarchiv Augsburg; 
rechts aus der Sammlung HarburgProject)   
Harburg Synagoge Bima 016.jpg (144390 Byte)  Harburg Synagoge Almemor.jpg (67040 Byte)
       

   

2. Fotos aus der Sammlung HarburgProject

Harburg Synagoge 101.jpg (100471 Byte) Harburg Synagoge 107.jpg (60129 Byte) Harburg Synagoge 100.jpg (84749 Byte)
Historische Fotografie: Uferpartie an 
der Wörnitz um 1930 mit Blick auf die
 Synagoge 
Ölgemälde des Ansbacher Schullehrers
 und Malers Gottfried Scheer: Blick 
auf die Synagoge und die 
Stadtpfarrkirche Harburg (1934)
Federzeichnung von Baumeister 
Helmut Prechter (1957) 
  
    
     
Harburg Panorama Fuerst.jpg (118065 Byte) Harburg Panorama Pretzl.jpg (101973 Byte) Harburg Synagoge Mueller 010.jpg (175385 Byte)
Panorama Harburg - Gemälde von 
Landschaftsmaler Heinrich Fürst 
aus Feuchtwangen (1861-1944) 
   
Panorama Harburg - kolorierter Stahlstich nach 1850 
von Joseph Maximilian Kolb auf der Grundlage 
eines Gemäldes des Münchner Landschaftsmalers 
Eduard Gerhardt (1813-1888)    
 Panorama Harburg - Gemälde von Karl Hermann Müller,
 der 1905/06 in Harburg malte. Er lebte später in Törwang 
am Samerberg (Chiemsee) und nannte sich Müller-Samerberg. 
 vgl. Wikipedia-Artikel  
        
  Harburg Broecker 010.jpg (514292 Byte)  
  Panorama Harburg - Ölgemälde von Kunstmaler 
Ernst Bröcker (München 1893 - München 1963)   
 
     
   Harburg Synagoge 040.jpg (61084 Byte)   
Ölgemälde von Erich Martin Müller (1888 Berlin - 1972 Rothenburg ob der Tauber) aus dem Jahr 1914 unmittelbar vor Ausbruch des 1. Weltkriegs. Müller war damals Schüler des Landschaftsmalers Professor Friedrich Kallmorgen an der Berliner Kunstakademie. Kallmorgen war mit seiner Malklasse auf Erkundungstour entlang der Romantischen Strasse. Nach Rothenburg, Dinkelsbühl und Nördlingen war dann Harburg die letzte Station dieser Reise, bevor der Krieg begann. Zu dieser Zeit war auch der renommierte Potsdamer Maler Wilhelm Thiele in Harburg. Thiele dürfte wohl Müller dazu eingeladen haben mit ihm zusammen den Innenraum der Harburger Synagoge zu malen, jeder eine Hälfte (Bild in der Mitte). So entstanden zwei Gemälde, die zusammen genommen die gesamte Front des Innenraums dieser Synagoge darstellen. Beide Gemälde befinden sich inzwischen im Fundus des Jüdischen Museums in Berlin. Müller kehrte übrigens nach dem Krieg nach Harburg zurück und heiratete eine dortige Lehrerin, mit der er für den Rest seines Lebens verbunden blieb.   
  
Harburg Synagoge 106.jpg (65111 Byte) Harburg Synagoge 104.jpg (89053 Byte) Harburg Synagoge 103.jpg (85202 Byte)
Die Synagoge aus der Vogelperspektive.
 Links der Synagoge das Guldmann/-
 Nebel-Haus; am rechten Bildrand 
Giebel des Hauses des kaiserlichen
 Proviantfaktors Simon Oppenheim 
(um 1700) 
Die malerisch an der Wörnitz 
gelegene Synagoge. Deutlich 
erkennbar die Nische des Toraschreines
 im Betsaal des 1. Stockes 
Die Synagoge als wesentlicher 
Bestandteil des Stadtpanoramas 
mit der mittelalterlichen Burg 
im Hintergrund 
    
      
Harburg Synagoge 105.jpg (73121 Byte) Harburg Synagoge 102.jpg (72558 Byte)   
Historisches Panorama von Harburg, 
um 1945 von Maler Joseph Eschenlohr
 fotografiert. Die Synagoge liegt im
 Zentrum der Aufnahme. 
Das Wohnhaus der jüdischen 
Familien Guldmann, 
später Nebel, in der Egelseestraße  
 
   
     

   

Neuere Fotos
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 12.3.2004)  

Harburg Judengasse 112.jpg (32398 Byte) Harburg Judengasse 110.jpg (63504 Byte) Harburg Judengasse 111.jpg (47121 Byte)
Die "Judengasse" in der Harburger Altstadt 
 
Haus des Betsaales 
1672-1720 
Harburg Stadt 124.jpg (43562 Byte) Harburg Stadt 125.jpg (60194 Byte)
  Das Haus Marktplatz 5 war seit 1543 Haus von oettingischen Beamten. 1672 kaufte es
 Moyses Weyl und richtete in ihm einen Betsaal ein (Dachboden), der bis 1720 genutzt
 wurde. 1720 wurde das Haus durch den Wirt Johann Michael Beck neu erstellt. 
    
Die 1754 erbaute Synagoge    
Harburg Synagoge 111.jpg (40646 Byte)  Harburg Synagoge von Westen.jpg (102899 Byte) Harburg Synagoge 113.jpg (39046 Byte) Harburg Synagoge 112.jpg (53044 Byte)
Westliche Fassade der Synagoge an der heutigen Egelseestraße 8  (Foto rechts aus der Sammlung HarburgProject)  Oben und unten: Die Synagoge an der
 Wörnitz - von der Brücke aus gesehen
  
   
Harburg Synagoge 110.jpg (47382 Byte) Harburg Synagoge 115.jpg (62498 Byte) Harburg Synagoge 114.jpg (59322 Byte)
Eingangsbereich  Hinweisschild zur Geschichte der Synagoge   
     
Das ehemalige jüdische Schul- und Armenhaus   
Harburg Stadt 121.jpg (48578 Byte) Harburg Stadt 122.jpg (36319 Byte) Harburg Stadt 120.jpg (72515 Byte)
Das Haus in der Egelseestraße 15 wurde 1799 durch Isaac David (hieß ab 1813 Laupheimer) und Jacob Lippmann Hechinger 
gekauft. 1828 bis 1888 befand sich in ihm die jüdische Schule.  
  
Einige andere Häuser mit jüdischer Geschichte in Harburg, 
jeweils darunter die Hinweistafel 
 
Harburg Stadt 127.jpg (48549 Byte) Harburg Stadt 123.jpg (56661 Byte) Harburg Stadt 110.jpg (41933 Byte)
Das Schwarzkopf-Haus in der Nördlinger
 Straße 8, seit 1835 im Besitz der
 jüdischen Güterhändler Samuel 
Hechinger und Isaak Blumgart  
Ehemaliges oettingisches Amtshaus in 
der Nördlinger Straße 2 und 4, das
 1832-1857 dem jüdischen Weinhändler
 David Wassermann gehörte 
Wohnhaus und Praxis des jüdischen
 Arztes Dr. Raphael Mai in der 
Donauwörther Straße 6 
 
     
Harburg Stadt 126.jpg (57030 Byte) Harburg Stadt 112.jpg (73949 Byte) Harburg Stadt 111.jpg (94201 Byte)
           
     
Ehemalige Privatmikwe 
im Gebäude Egelseestraße 4

(Foto erhalten von Rolf Hofmann,
 Aufnahme vom Mai 2010)  
Harburg Mikwe 380.jpg (82623 Byte)
  Die Mikwe im Keller des kaiserlichen Proviantfaktors Simon Oppenheim, der um 1700 
in Harburg lebte und sich dort am Ufer der Wörnitz ein für die damalige Zeit durchaus
 herrschaftliches Anwesen baute. 2010 werden umfangreiche Sanierungsmaßnahmen
 dieses bedeutsamen Baudenkmals durch den jetzigen Hauseigentümer ausgeführt. 
         
Weitere Erinnerungen an die 
jüdische Geschichte
 
(Aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries)  
Harburg Wassermann 06.jpg (54602 Byte)
     Brief aus der Familie des Fürstlichen Salzfaktors Wassermann, adressiert an 
Israel Elkan Wassermann in Harburg. Der Brief selbst ist geschäftlicher Natur, 
aus Miesbach und datiert auf den 23.6.1846  
   
     Harburg Dok 105.jpg (100871 Byte) Harburg Dok 106.jpg (96572 Byte)
       Faltbrief von 1828 aus Dietfurth an den 
"Barnoßen und Vorsteher der Judenschaft zu Harburg" 
   
   Harburg Dok 130.jpg (112334 Byte) Harburg Dok 130a.jpg (47243 Byte)
      Litho-Karte aus Harburg, verschickt am 15. August 1900 nach Fischen im Allgäu; 
auf der rechten Seite des rechten Bildes ist das Geschäft des 
jüdischen Gemeindemitgliedes Hermann Hiller zu sehen.   

     
     
Einzelne Presseberichte  

Oktober 2010: Ein Herr Haarburger besucht Harburg  
Artikel in der "Augsburger Allgemeinen" vom 4. Oktober 2010 (Artikel): "Herr Haarburger besucht Harburg
Harburg Erst hatte er eine E-Mail geschrieben, dann meldete sich ein junger Mann aus Amerika persönlich bei Bürgermeister Wolfgang Kilian: Er heiße Haarburger und wolle sich Harburg ansehen, sagte er - vor allem aber wolle er suchen, ob Vorfahren seiner Familie dort zu finden seien. 
Denn es ist zwar bekannt, dass eine weitverzweigte jüdische Familie Haarburger existiert, aber erstmals reiste ein Angehöriger mit dem Zunamen Haarburger in die Namen gebende Stadt Harburg. 
So erzählte der 24-jährige Amerikaner Jay Haarburger, dass seine Vorfahren im 18. Jahrhundert nach Frankfurt gezogen waren und wahrscheinlich von ihrem bisherigen Herkunftsort den Nachnamen erhielten. Seine Großeltern verließen als Emigranten 1938 ihren letzten Wohnort Dinslaken im Rheinland und kamen nach Ohio, wo er heute in Cleveland lebt. 
Bekannter Fotograf. Der Name erinnert auch an den Kunsthistoriker und bekannten Fotografen Theodor Harburger, geboren 1887 in München und gestorben 1949 in Haifa in Israel, der viele frühe Fotos in Harburg machte, sich der Stadt zugehörig fühlte und im Jahrgang 1999 der 'Harburger Hefte' eine Würdigung fand. 
Amerikaner bewegt von jüdischem Friedhof. Bürgermeister Kilian vermittelte dem jungen Amerikaner Diethild Graß als Dolmetscherin und einen Termin mit Fritz Thum zur Besichtigung des jüdischen Friedhofes - dem wichtigsten Besuch für den 24-Jährigen: Thum führte ihn dort und zeigte sich als eine unerschöpfliche Quelle zu allen jüdischen Namen, die auf den Grabsteinen verzeichnet sind. Mithilfe von Thum und Dolmetscherin Graß fanden sich Namen, die möglicherweise in den Vorfahrenkreis der Familie Haarburger führen. Der Amerikaner war zutiefst bewegt von allem, was er auf dem Friedhof sah und erlebte eine innere Begegnung mit seinen möglichen Vorfahren - aber auch die Ruhe und angemessene Stille, die man auf diesem Gottesacker findet. Besonders beeindruckt war er auch von der Fürsorge für die Toten seines Volkes durch Thum. 
Große Sympathie für die Stadt entwickelt. Dieses Gefühl für Harburg hat er in den zwei Tagen aufmerksam entwickelt, mit einer großen Sympathie nicht nur beim Besichtigen der Burg, sondern auch beim Wandern in die Stadt hinunter. Diethild Graß führte ihn zu ehemals jüdischen Häusern und deren Geschichte. Haarburger beeindruckte die Herzlichkeit vieler Menschen, denen er begegnen konnte. Hans Martin Tag zeigte ihm die Synagoge und darin seine heutigen Wohnräume. Eine große Überraschung war zudem die Führung durch das ehemalige Haus Oppenheimer, Egelseestraße, das gerade von dem Besitzer Willy Hertle aufwendig restauriert wird. Dieses Haus, von dem jüdischen Ritualbad im Keller bis zu den vielfältigen Wohnräumen in den oberen Stockwerken, ist eine historische Fundgrube für die Lebensgewohnheiten seiner Bewohner seit dem 16. Jahrhundert, aber auch für die Handwerkskunst der Zeiten. 
Der Besucher aus Amerika äußerte ein besonderes Gespür für die Menschen, deren Leben er aus den alten Zeugnissen fühlen konnte, etwa beim Ausblick auf die Wörnitz und die Landschaft. 
Biersorten getestet und Einladung zum Weißwurst-Essen. Freude bereitete dem 24-Jährigen auch die Möglichkeit, verschiedene deutsche Biersorten zu 'testen' und eine Einladung zum Weißwurst-Essen bei Familie Graß. Als eine für ihn große Kostbarkeit zeigte er eine von 1900 stammende Ausgabe von Heinrich Heines 'Buch der Lieder'. Sie hatte sein 'deutscher' Großvater als amerikanischer Soldat im Zweiten Weltkrieg in Erinnerung an seine Herkunft immer in allen Gefahren mit sich geführt. Zudem hatte sie ihm sein Großvater vererbt. Erst in Harburg erfuhr Haarburger, wer Heine war und welche Bedeutung er für die deutsche Literatur und die deutschen Juden besonders in der Emigration hatte. Heines populäre Gedichte wurden so zum Erlebnis eines gemeinsamen geistigen Besitzes für Juden und Deutsche.
Karten aus dem 18. Jahrhundert. Mit großem Interesse und Staunen entdeckte der Amerikaner beim Betrachten alter Karten aus dem 18. Jahrhundert, dass der Name des Marktes damals auch 'Haarburg' geschrieben wurde. Kaum ein Wunder, dass eine jüdische Familie aus Harburg, anderswo angekommen, ihren Namen auf diese Weise schrieb. Der studierte Experte für datenbasierte Geografiesysteme will die Namen gebende Stadt seiner Familie deshalb gerne wieder besuchen, betonte er. (kmg)" 
 
Februar 2012: Erinnerung an den Landschaftsmaler Erich Martin Müller (1888-1972) und sein Gemälde der Synagoge Harburg    
Harburg Synagoge RH 012.jpg (48575 Byte)Abbildung links: Heute im Fundus des Jüdischen Museums Berlin: Das Gemälde zeigt den historischen Innenraum der Harburger Synagoge (Foto: Rolf Hofmann, abgebildet und den nachfolgenden Text teilweise wiedergegeben mit Genehmigung von Rolf Hofmann).   
Artikel von Rolf Hofmann in der "Donauwörther Zeitung" vom 12. Februar 2012 (Artikel): "Mit Spitzweg und Zille auf der Harburg. Erich Martin Müller war einer der großen Landschaftsmaler. Der Berliner hatte beste Verbindungen zur Region 
Donauwörth
Erich Martin Müller, so sagt man, hatte einen köstlichen Humor. Zille’s Anekdoten mochte er besonders gern. Beim Weggehen soll Zille einmal seiner Frau gesagt haben: 'Und wenn de Kinder frech sind, so hau se mit’m Pinsel; aber nich’ mit’m Schweinfurter Grün, det is det teuerste.' Auch Müller war ein Talent. Besonders das Malen lag ihm – und hierbei lag dem Berliner besonders die Region rund um Harburg am Herzen. All das hatte seinen Grund..."    
 

     
       

Links und Literatur  

Links:  

Website der Stadt Harburg  
Zur Seite über den jüdischen Friedhof Harburg (interner Link) 
Seite zu Harburg in der Website des Jüdisch-Historischen Vereins Augsburg  
Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben  www.jkmas.de  
Netzwerk Historische Synagogenorte in Bayerisch-Schwaben www.juedisches-schwaben-netzwerk.de  
Digitales Synagogenarchiv für Bayerisch-Schwaben www.synagogenarchiv.jkmas.de beziehungsweise http://archiv.jkmas.de    

Literatur:  

Reinhard Jakob: Die jüdische Gemeinde von Harburg (1671-1871). Nördlingen 1988 (hierin zur Synagoge ab S. 92).  
Rolf Hofmann: Das historische Landjudentum in Harburg. In: Festschrift 325 Harburger Schützen mit Fahnenweihe (Hg. von der Kgl. priv. Schützengesellschaft 1672 und Wörnitztaler Harburg/Schwaben). 1997. S. 82-86.  
Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 242-243.  
Exkursionsblätter zur Geschichte und Kultur der Juden in Bayern des Hauses der Bayerischen Geschichte. Blatt: Zur Geschichte der Juden in Nordschwaben. Landkreis Donau-Ries.  
Rolf Hofmann: Das Landrabbinat Wallerstein - Bedeutende rabbinische Persönlichkeiten des 18. und 19. Jahrhunderts (online zugänglich)  

Synagogengedenkbuch BY 01.jpg (49758 Byte)"Mehr als Steine...." Synagogen-Gedenkband Bayern. Band I: Oberfranken - Oberpfalz - Niederbayern - Oberbayern - Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager. Hg. von Wolfgang Kraus, Berndt Hamm und Meier Schwarz. Reihe: Gedenkbuch der Synagogen in Deutschen. Begründet und herausgegeben von Meier Schwarz. Synagogue Memorial Jerusalem. Bd. 3: Bayern. Kunstverlag Josef Fink Lindenberg im Allgäu
ISBN 978-3-98870-411-3.
Abschnitt zu Harburg S. 461-465.   

Schwaben Synagogen Lit 1401.jpg (163447 Byte)"Ma Tovu...". "Wie schön sind deine Zelte, Jakob..." Synagogen in Schwaben. Mit Beiträgen von Henry G. Brandt, Rolf Kießling, Ulrich Knufinke und Otto Lohr. Hrsg. von Benigna Schönhagen. JKM Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben. 2014. 
Der Katalog erschien zur Wanderausstellung "Ma Tovui...". "Wie schön sind deine Zelte, Jakob..." Synagogen in Schwaben des Jüdischen Kultusmuseums Augsburg-Schwaben und des Netzwerks Historische Synagogenorte in Bayerisch-Schwaben.   

    
    

Zusammenstellung der wichtigsten genealogischen Beziehungen zwischen den süddeutschen Hofjuden von Darmstadt (Hessen), Harburg, Hechingen und Stuttgart: Court Jews of Southern Germany of Darmstadt (Hesse), Harburg (County of Oettingen), Hechingen (Hohenzollern), Stuttgart (Wuerttemberg) (von Rolf Hofmann, HarburgProject
Family Sheet Selz Family (Sulzbuerg - Harburg - Uehlfeld - Augsburg - Muenchen)    
Michael Berndt: Ludwig Wassermann. Ein jüdischer Spiritushersteller zwischen Bürgerkrone und Hakenkreuz. Seminararbeit Sommersemester 2012 an der Universität Augsburg - Lehrstuhl für Bayrische und Schwäbische Landesgeschichte. Als pdf-Datei eingestellt.  
Hinweis: Ludwig Wassermann (1885-1941) war in München tätig; die Wurzeln der Familie liegen jedoch in Harburg.    

        
        


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Harburg Swabia. Jews were victims of the Black Death persecutions of 1348/49. A new community was founded in 1671 by 11 Jews expelled from Hoechstaedt. Jews from Monheim arrived in 1741 after the expulsions from the principality of Pfalz-Neuburg. A synagogue was dedicated in 1754. In the 18th century, Jews engaged in moneylending and traded in horses and cattle, jewelry and wine. In 1834 the Jewish population was 360, with 40 children in a Jewish public school in 1857. The Jewish population subsequently declined through emigration to the big cities, numbering 171 in 1867 (total 1,304) and 13 in 1933. Another ten left by 1939 (six to Palestine).
  
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 16. September 2016