Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Miltenberg (Kreisstadt, Unterfranken) mit Eichenbühl (Kreis Miltenberg)
und Umpfenbach (Gemeinde Neunkirchen/Unterfranken, Kreis Miltenberg)
Jüdische Geschichte / Synagogen

Übersicht:  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Die Erziehungs- und Unterrichtsanstalt von Abraham Hirsch (1865-1866)  
Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe   
Sonstiges  
Zur Geschichte der Synagogen
Die mittelalterliche Synagoge     
Die zweite Synagoge (1851 - 1904)  
Die neue (dritte) Synagoge (1904 - 1938) 
Berichte zur Geschichte der neuen Synagoge  
Fotos / Darstellungen  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
Links und Literatur   

       

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)    
    
In der bis 1803 zum Erzstift Mainz gehörenden Stadt Miltenberg werden Juden seit der Mitte des 13. Jahrhunderts genannt. Sie lebten insbesondere vom Geldverleih und der Erhebung des erzbischöflichen Zolles. Ihr Wohngebiet wird als "Judenstadt" genannt (1361). Die Gemeinde wurde während der Judenverfolgung in der Pestzeit 1348/49 zerstört. Der Besitz der Juden fiel an das Erzstift. Nach den Verfolgungen sind 1383 wieder wenige Juden in der Stadt bezeugt. 1429 dürften vier oder fünf jüdische Familie in der Stadt gelebt haben. Damals wurden mehrere jüdische Häuser geplündert und die Juden zwecks Steuererpressung eingekerkert. Eine letzte Nachricht über Juden in der mittelalterlichen Stadt stammt von 1464. 1631 erfolgte eine vorübergehende Vertreibung. 
   
Im Laufe des 18. Jahrhunderts nahm die Zahl der Juden in der Stadt wieder zu. 1789 gab es neun jüdische Haushaltungen in der Stadt.
 
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1803 50 jüdische Einwohner, 1837 70 (2,3 % von insgesamt 3.010 Einwohnern), 1867 76 (2,4 % von 3.208), 1880 109 (3,0 % von 3.683), 1900 106 (2,8 % von 3.802).  
  
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Miltenberg auf insgesamt 16 Matrikelstellen die folgenden jüdischen Familienvorstände genannt (mit neuem Familiennamen und Erwerbszweig): Isaac Bamberger (Handelsmann), Jacob Bamberger (Handelsmann), Leser Moises Oppenheimer (Handelsmann), Simon Levi Stern (Handelsmann), Hirsch Stern (Handelsmann), Abraham Seligmann Klingenstein (Viehhandel), Henlein Rothschild (Handelsmann), Löw Dinkelmann (Pferdehandel), Samson Jacob Krautfelder (Kleinkrämer), Hirsch Bernheimer (Viehhandel), Veist Bernheimer (Viehhandel), Aron Lehmann (Kleiderhandel), Samuel Moses Schlessinger (Vieh- und Warenhandel), Jacob Liebmann Hirsch (Vieh- und Warenhandel), Moses Jacob Bettigheimer (Metzger), Baer Löw Oppenheimer (Viehhandel).    
  
Im benachbarten Eichenbühl und in Umpfenbach lebten im 18./19. Jahrhundert gleichfalls mehrere jüdische Familien. 1817 werden in Eichenbühl auf insgesamt drei Matrikelstellen die folgenden jüdischen Familienvorstände genannt (mit neuem Familiennamen und Erwerbszweig): Baruch Maier Mannheimer (Viehhandel), Israel Marum Dahlheimer (Viehhandel) Isaac Maier Goldschmitt (Viehhandel). 1867 wechselte Ephraim Wolf als Religionslehrer und Vorsänger auf die "kombinierte israelitischen Schulgemeinde Miltenberg - Eichenbühl". In Umpfenbach werden 1817 auf insgesamt drei Matrikelstellen genannt: Elias Maier Kaufmann (Vieh- und Warenhandel; ab 1824 sein Sohn Isak Kaufmann, Betrieb des Feldbaus), Laesemann Moises Bölum (Kramhandel), Löw Isaac Schlosser (Kramhandel).   
In den 1830er-Jahren lebten etwa 20 jüdische Personen in Umpfenbach (6,6 % von insgesamt 305 Einwohnern, siehe statistische Angabe unten).     
   
Auch nach der Mittel des 19. Jahrhunderts lebten mehrere jüdische Familien in Miltenberg vom Vieh- und Pferdehandel, andere jüdische Einwohner waren inzwischen als Kaufleute Inhaber von Einzelhandelsgeschäften unterschiedlicher Art (Textilhandlungen, Zigarrenhandlung, Schuhhandlung). 
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule, ein rituelles Bad sowie einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Aufstellung unten). Die Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat in Aschaffenburg.  
   
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Unteroffizier Siegfried Massenbacher (geb. 11.6.1886 in Miltenberg, vor 1914 in Niederwerrn wohnhaft, gef. 15.7.1918) und Emanuel Böttigheimer (geb. 3.9.1872 in Miltenberg, vor 1914 in Kippenheim, Baden wohnhaft, gest. an der Kriegsverleitung 5.6.1919). 
  
Um 1925
(98 jüdische Gemeindeglieder) gehörten dem Synagogenvorstand die Herren Elias Fried und Leopold Rothschild an. Als Lehrer war Abraham Hess tätig. Er erteilte damals 17 jüdischen Kindern an öffentlichen Schulen Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen bestanden eine Chewra Kadischa (Beerdigungs- und Wohltätigkeitsverein), eine Chewra Noschim (Frauenverein, Wohltätigkeitsverein), eine Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und ein Synagogenchorverein unter Leitung von Leo Dahlheimer. 1932 war erster Gemeindevorsitzender Paul Liebreich, 2. Vorsitzender Wohlgang Dahlheimer. Lehrer Hess unterrichtete auch im Schuljahr 1932/33 noch 17 Kinder. Für diese war eine Schülerbibliothek eingerichtet.  
    
1933
lebten 99 jüdische Personen in der Stadt (2,1 % von insgesamt 4.663 Einwohnern). Auf Grund der zunehmenden Repressalien und der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts ging die Zahl durch Aus- und Abwanderung in den folgenden Jahren schnell zurück. 1938 wurden noch 50 jüdische Einwohner gezählt, 1939 35, 1940 16, Anfang 1942 noch elf Personen. Im April und September 1942 wurden die letzten jüdischen Miltenberger deportiert.
   
Von den in Miltenberg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Siegmund Ahrend (1890), Clementine Boettigheimer (1875), Leo Boettigheimer (1886), Flora Dahlheimer geb. Kahn (1897), Leopold Dahlheimer (1885), Martin Dahlheimer (1931), Rosa Dahlheimer geb. Solinger (1895), Wolfgang Dahlheimer (1889), Alfred Emanuel (1892), Rudolph Falk (1919), Johanna Falkenstein geb. Dahlheimer (1881), Elias Fried (1875), Emilie Fried (1878), Josef Grünebaum (1902), Bella Berta Hess (1923), Siegfried Salli Hess (1930), Leon Heymann (1863), Nanny Hirsch geb. Klingenstein (1868), Bertha Mannheimer geb. Schloss (1875), Martha Martczak geb. Oppenheimer (1919), Adolph Marx (1892), Friedrich Marx (1888), Mira Marx (1894), Manfred Moritz (1921), Maximilian Moritz (1882), Oskar Moritz (1887), Rosa Moritz geb. Königsberger (1892), Paula Nussbaum geb. Cahn (1899), Martha Oppenheimer geb. Oppenheimer (1919), Emma Schuster geb. Oppenheimer (1886), Erna Simons geb. Fried (1906), Fanni Simons geb. Mosbacher (1862), Gerd (Gust) Simons (1936), Otto Simons (1903), Adolf Julius Stargardter (1881), Frieda Stargardter geb. Dahlheimer (1882), Irma (Irene) Ullmann geb. Selig (1899), Betty Weichsel (1907), Ernstine Weichsel geb. Halle (1877).     
      
      
      
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1876 / 1891 / 1896 / 1907 / 1920 
Anmerkung: Die Lehrer wechselten in Miltenberg sehr häufig. Von 1818 bis 1938 waren in Miltenberg tätig - einige Lehrer, die nur wenige Monate am Ort waren, bleiben ungenannt: Löw Neumann (1818-1826), Leser (Lazarus) Oppenheimer (1826-1836), Mose Schloß (1839-1841), Wolf Strauß (1844 genannt, vermutlich Vertretung von Kleinheubach aus), Joseph Sachs aus Rödelmaier (1845-1846), Levi Bergmann (1847-1848), Hajum Heinemann aus Poppenlauer (1850-1859), Salomon Heilmann aus Maßbach (1860-1863), Hirsch Hirsch (1864-1866), Ephraim Wolf (1866-1868), vor oder um 1870 Samuel Adler (siehe Bericht auf der Seite zu Laudenbach), Simon M. Frießner aus Ermershausen (1871-1876, genannt in Anzeige von 1876 unten), Samuel Massenbacher (1876-1891, danach in Niederwerrn), Salomo Stern (vorher in Burgsinn, 1891-1896), David Sonn aus Theilheim (1897), Marx Rosenbaum aus Theilheim (1898-1906), Max (Meier) Kissinger (1906-1907), Hermann Translateur (1907-1920), Abraham Heß (1920-1938).      

Miltenberg Israelit 08111876.jpg (48145 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. November 1876: "Offene Lehrerstelle. Durch das leider erfolgte Ableben unseres bisherigen Lehrers, Herrn S. M. Frießner, wurde die Lehrerstelle in hiesiger Gemeinde vakant. Dieselbe trägt bei freier Wohnung einen fixen Gehalt von 560 Mark und inklusive Schächten ein Nebengefälle von ca. 400 Mark. Ganz besonders wird noch bemerkt, dass bei Fleiß und Strebsamkeit noch ganz bequem ca. 1.000 Mark Nebenvierdienste erzielt werden können. Reflektanten willen gefällige Offerten mit Referenzen an M. Schlesinger, Vorster der israelitischen Kultusgemeinde in Miltenberg am Main richten, der auch jede weitere Auskunft erteilt." 
Auf obige Ausschreibung bewarb sich erfolgreich Samuel Massenbacher, der bis 1891 blieb und dann nach Niederwerrn wechselte.   
   
Miltenberg Israelit 07051891.jpg (45436 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Mai 1891: "Die hiesige israelitische Religionsschulstelle, verbunden mit Vorsänger- und Schächterdienst, ist durch einen tüchtigen, ledigen Lehrer sofort zu besetzen. 
Gehalt Mark 650 Fixum, Nebenverdienste einschließlich des Schächterdienstes ca. Mark 500. 
Qualifizierte Bewerber wollen ihre Offerten unter Vorlage der Zeugnisse dem Unterzeichneten einsenden. 
Miltenberg am Main. L. Böttigheimer, Kultus-Vorstand."
 
Miltenberg Israelit 28121896.jpg (59463 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Dezember 1896: "Die Stelle eines Religionslehrers, Vorbeters und Schächters in hiesiger Gemeinde ist baldigst, längstens 1. März 1897, neu zu besetzen. Fixes Gehalt Mark 700. Nebeneinkommen inklusive Schechita auch ca. Mark 700. Qualifizierte Bewerber wollen sogleich ihre mit Zeugnissen belegten Gesuche an den Unterzeichneten richten. 
Miltenberg am Main, Dezember 1896, 
L. Böttigheimer,
Kultusvorstand."
Auf obige Ausschreibung bewarb sich erfolgreich David Sonn aus Theilheim.  
 
Miltenberg Israelit 20061907.jpg (99541 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juni 1907: "Die Religionslehrer-, Vorbeter- und Schächterstelle der Kultusgemeinde Miltenberg soll, wegen Versetzung des Herrn Lehrers Kissinger, bald wieder besetzt werden! 
Das fixe Einkommen beträgt bei schöner freier Wohnung mit Garten 800 Mark. Nebeneinkünfte mit Schächterfunktion 500 bis 600 Mark und sind noch weitere Nebenverdienste in Aussicht. 
Bewerber wollen ihre Gesuche nebst Zeugnisabschriften baldigst der königlichen Distriktsschulinspektion in Weilbach bei Miltenberg einsenden."
Auf obige Ausschreibung bewarb sich in der Nachfolge des in der Anzeige genannten Lehrers Kissinger erfolgreich Hermann Translateur
   
Miltenberg Israelit 12021920.jpg (63665 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Februar 1920: "In Miltenberg am Main ist die Stelle des Religionslehrers, Kantors und Schochets alsbald neu zu besetzen. Festgehalt 3000 Mark, garantiertes Nebeneinkommen 1000 Mark, die Vergütungen für den Religionsunterricht an den beiden Mittelschulen und auswärtige Dienstentschädigungen nicht eingeschlossen, sodass das Gesamteinkommen neben freier Dienstwohnung mit kleinem Hausgarten 5-6000 Mark betragen wird. Religiöse Bewerber mit selbständigem Haushalt wollen ihre Gesuche richten an den Vorstand der Kultusgemeinde W. Grünstein."
Nachstehende Anzeige hat Hermann Translateur nach seinem Weggang veröffentlicht. Hintergrund ist, dass es zwischen ihm und der Gemeinde einen Streit wegen seines Gehaltes gegeben hat. 
  
Miltenberg Israelit 26021920.jpg (33379 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Februar 1920: "Kollegen! Reflektanten auf die vakante Stelle in Miltenberg wenden sich im eigensten und kollegialen Interesse an den bisherigen Stelleninhaber um Rat und Auskunft. 
H. Translateur,
Neustadt a.H." (= Neustadt a.d. Weinstraße).

      
Lehrer Ephraim Wolf in Unterleinach wechselt als Religionslehrer und Vorsänger nach Miltenberg und Eichenbühl (1867) 

Anzeige im "Königlich Bayerischen Kreis-Amtsblatt von Unterfranken und Aschaffenburg" vom 22. Februar 1867: "Durch Regierungs-Entschließung vom 12. Februar laufenden Jahres ad Num. 9272 wurde die Aufstellung des Ephraim Wolf, bisher Religionslehrer zu Unterleinach, königlichen Bezirksamts Würzburg, als Religionslehrer und Vorsänger der kombinierten israelitischen Schulgemeinde Miltenberg - Eichenbühl, königlichen Bezirksamts Miltenberg, genehmigt."     


Schülerpension von Lehrer Abraham Hess (1925)   

Miltenberg Israelit 12021925.jpg (37428 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Februar 1925: "Schülerpension.  Knaben, welche die Volks- und Mittelschulen besuchen wollen, finden liebevolle Aufnahme bei streng religiöser Erziehung, gewissenhafte Beaufsichtigung und beste Verpflegung. A. Heß, Lehrer, Miltenberg am Main."

    
   
Die Erziehungs- und Unterrichtsanstalt von Abraham Hirsch (1864-1866)  
Vorbemerkung: Abraham Hirsch (geb. 1839 in Poppenlauer, Studien in Haßfurt, Würzburg und Berlin mit Ausbildung zum Rabbiner) gest. 1885 in Burgpreppach) hat in Miltenberg 1864 eine "Erziehungs- und Unterrichtsanstalt" eröffnet. Diese sollte zu einer Vorbereitungsschule für die Israelitische Lehrerbildungsanstalt werden. Ein Grund für die Eröffnung der Schule in Miltenberg war, dass hier Abrahams älterer Bruder Hirsch Hirsch (geb. 1831 in Poppenlauer) bereits als Lehrer tätig war. Allerdings starb Hirsch Hirsch bereits am 3. August 1866 in Miltenberg an der Cholera, die durchziehende preußische Soldaten in der Stadt hinterlassen hatten. Das führte zum schnellen Ende der Schule in Miltenberg. Im Oktober 1866 verlegte Abraham Hirsch die Schule nach Mainstockheim. Gemeinsam mit Abraham Hirsch war Institutslehrer in Miltenberg wie auch in Mainstockheim der spätere Rabbiner in Kitzingen Immanuel Adler (aus Laudenbach). Seit 1875 war Abraham Hirsch als Nachfolger seines Schwiegervaters Rabbiner in Burgpreppach und eröffnete hier eine Talmud-Tora-Schule, die er erfolgreich bis zu seinem Tod am 19. November 1885 geleitet hat.

Eröffnung der Erziehungs- und Unterrichtsanstalt von Abraham Hirsch (1865)  

Miltenberg Israelit 15021865.jpg (148285 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Februar 1865: "Miltenberg am Main (Bayern). In der Überzeugung, dass Sie, geehrtester Herr Redakteur, sowohl für Sich selbst als für die Leser Ihres geschätzten Blattes das größte Interesse daran haben, von Zeit zu Zeit Mitteilungen über Fortschritte und Entstehungen wichtiger religiöser Institute im Judentums zu erhalten, will ich Ihnen etwas Derartiges auch aus unserem Städten berichten. 
Hoffentlich werden Sie dies umso lieber in Ihr geschätztes Blatt aufnehmen, da hierdurch manchem gesetzestreuen Israeliten aus einer großen Verlegenheit geholfen werden kann, wenn er erfährt, wo und wie er seinen Kindern einen gründlichen Unterricht in hebräischen und profanen Kenntnissen angedeihen lassen kann und gleichzeitig sie aber auch in solchen Händen weiß, wo er über deren religiöses und sittliches Leben außer aller Sorge sein kann.
Am 1. November vorigen Jahres eröffnete der in weiteren Kreisen als gelehrter und strebsamer Mann bekannte Rabbinatskandidat Herr Abraham Hirsch aus Poppenlauer eine Erziehungs- und Unterrichts-Anstalt für Knaben auf hiesigem Platze, die jetzt schon, noch im I. Semester, 30 Zöglinge von 9 bis 15 Jahren zählte. Außer einem gründlichen Unterricht in der deutschen Sprache, Geographie, Geschichte, Kalligraphie, Rechnen, Naturwissenschaft, Zeichnen, Gesang, Gymnastik, französischen und englischen Sprache, für welche beide letztere vom April an ein geborener Franzose, der den größten Teil seiner Studien in England machte, gewonnen ist, erhalten die jüdischen Zöglinge einen besonderen gründlichen Unterricht in der hebräischen Sprache, Pentateuch mit den Geboten Gottes, in den historischen und poetischen Büchern des Kanon, Besserbefähigte erhalten Mischnah- und bis jetzt 7 Zöglingen Gemara-Unterricht. Es ist ein wahres Vergnügen zu sehen, wie selbst die sonst wildesten Knaben mit der größten Freude und Liebe zu ihren Lehrern in die Schule eilen und mit welchem Eifer sie bei ihrem Zurückkommen aus derselben sich an ihre Hausaufgaben machen. - Schreiber dieses, von dem selbst 3 Knaben diese Anstalt besuchen, hat tagtäglich Gelegenheit, sich von dem segensreichen Wirken derselben zu überzeugen; wünscht daher von Herzen, dass sie durch vielseitigen Besuch frequentiert werde, und dass dadurch die Direktion ihre wohlverdiente Würdigung und Anerkennung finden möge. E. Mosbacher."

   
Prüfungen an der Erziehungs- und Unterrichtsanstalt (1865)  

Miltenberg Israelit 06091865.jpg (97090 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. September 1865: "Vom Main. Am 25. dieses Monats fand die erste Prüfung an der, im vorigen Jahre zu Miltenberg am Main durch den geprüften Rabbinats- und Lehramtskandidaten Herrn A. Hirsch begründeten Erziehungs- und Unterrichtsanstalt, unter Leitung einer königlichen Prüfungskommission und in Gegenwart der städtischen Honoratioren statt. 
Das Ergebnis ar nicht nur ein befriedigendes, sondern wurde sowohl von der königlichen Prüfungs-Kommission als von allen Anwesenden als ein ausgezeichnetes anerkannt; namentlich waren es die vorzüglichen Forschritte der Schüler in den neueren Sprachen, welche den besten Einruck machten.
Aber was den Berichterstatter ganz besonders veranlasst, diese Anstalt bestens zu empfehlen, ist der echt jüdisch religiöse Geist, welchen den Zöglingen einzupflanzen, der Vorstand der Anstalt sich eifrigst bestrebt und der gründliche Religions-Unterricht, welcher in derselben erteilt wird. Hierfür liefert die Prüfung, welche der Distrikts-Rabbiner Adler von Aschaffenburg am 27. Nachmittags und 28. dieses Monats Vormittags abhielt, die erfreulichsten Beweise. Sämtliche Schüler erhielten gründlichen Unterricht in Tanach (Bibel), Gebote Gottes, Chai Adam, die mittleren in Mischnajot und die Befähigteren in Gemara. Es lieferte somit diese Anstalt den neuen Beweis dafür, dass wahrhaft wissenschaftliche Bildung mit echt jüdischer Frömmigkeit und gründlichem Religionsunterricht verbunden sein kann. 
Möge der Himmel dieser Anstalt seinen Segen spenden und sie eine Pflanzschule für die israelitische Jugend werden lassen."

 
Die Erziehungs- und Unterrichts-Anstalt wird nach Mainstockheim verlegt (1866)  

Miltenberg Israelit 07111866.jpg (83563 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. November 1866: "Aus Unterfranken. Es ist gewiss für jeden gesetzestreuen israeliten höchst erfreulich, einer Pflanzstätte des Wissens zu begegnen, in welcher der Lehre von Talmud und Tora, verbunden mit respektvollem Umgang gewissenhaft Rechnung getragen wird. 
Eine solche ist die von Miltenberg nach Mainstockheim am Main verlegte Erziehungs- und Unterrichts-Anstalt für Knaben des Instituts-Direktors Abraham Hirsch. Dieser, ein sehr gelehrter Mann von edlem Charakter, hat mehrere tüchtige Lehrkräfte für seine Anstalt gewonnen, sodass in derselben Bibel, Mischna und Gemara, die neueren Sprachen und die gemeinnützigen Lehrgegenstände mit aller Gründlichkeit unterrichtet werden. Der Distrikts-Rabbiner Herr Abraham Adler in Aschaffenburg hatte bereits, wie er sich darüber aussprach, mehrmals Gelegenheit, sich genau zu überzeigen, welch ein vortrefflicher Geist des religiösen Lebens, der Ordnung und des Fleißes in dieser Anstalt herrscht.
Es ist mit derselben ein Pensionat verbunden und Alle, welche ihre Kinder diesem Institute anvertrauen, können sicher sein, dass die Zöglinge die beste Behandlung und Beaufsichtigung genießen."
Über die weitere Geschichte des Institutes siehe bei Mainstockheim, von wo in den 1870er-Jahren das Institut nach Burgpreppach verlegt und dort als Präparandenschule weitergeführt wurde.
Burgpreppach Israelit 07121885.JPG (374011 Byte)  
links: Lebenslauf von Rabbiner Dr. Abraham Hirsch nach seinem Tod - Artikel aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Dezember 1885; hier wird auch die Zeit in Miltenberg erwähnt. 

  
  
Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben     
In Umpfenbach leben in  den 1830er-Jahren 20 jüdische Personen (1840)    

Umpfenbach KB 1840.jpg (12436 Byte)Aus M. Siebert: Das Königreich Bayern topographisch-statistisch in lexicographischer und tabellarischer Form dargestellt. München 1840. S. 457: "Umpfenbach...   305 Einwohner... 20 Juden".     

    
Eine neue Mikwe (rituelles Bad) konnte gebaut werden (1911)         

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 27. Januar 1911: "Miltenberg. Durch eine Spende des früheren Religionslehrers W. Klingenstein in London hat unsere Gemeinde eine komfortable Mikwoh erbauen können."           

   
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Nachruf auf den Buchbindermeister Wolf Klingenstein (1902)     

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. November 1902: "Nachruf! Am 2. Sukkottag starb zu Miltenberg am Main der ehemalige Buchbindermeister Herr Wolf Klingenstein im 72. Lebensjahre. Derselbe war Vorsteher des Wohltätigkeitsvereins Gemilut Chasodim. Auch war er lange Jahre Baal Tokea (Schofarbläser) seiner israelitischen Gemeinde. Er hinterlässt sowohl in seiner Gemeinde als auch in weitesten Kreisen einen sehr guten Namen. Es trauern um ihn seine hochbetagte Gattin, sowie 4 Söhne und 3 Töchter, die alle in seinen Wegen wandern. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. Amen. S. Weikersheimer, Lehrer."      

 
Zum Tod von Mayer Selig (1909)  

Miltenberg Israelit 08071909.jpg (83571 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Juli 1909: "Miltenberg, 6. Juli (1909). Nach kurzem schweren Leiden starb hier Herr Mayer Selig im Alter von 52 Jahren. In welchem weitgehenden Maße sich der Verblichene in seinem Leben die Hochachtung und Verehrung der weitesten Kreise erworben hat, das hat die allgemeine Teilnahme, die sein Hinscheiden hervorrief, sowie die ungewöhnlich rege Beteiligung bei der Beerdigung, deutlich gezeigt. Mit Herrn Selig, der kurze Zeit Vorsteher der hiesigen Gemeinde war, scheidet wieder eine typische Persönlichkeit aus dem altjüdischen Gemeindeleben, die hier ein Menschalter hindurch nach verschiedenen Richtungen hin eine segensreiche Tätigkeit enthaltet hat auf dem Gebiete humaner Bestrebungen ohne Unterschied der Konfession einerseits, und andererseits nach echter jüdischer Art Zedokoh und Gemiluth Chesed (Wohltätigkeit) geübt hat. Die Teilnahme des hiesigen katholischen Waisenhauses, welches in dem Entschlafenen einen Freund und Gönner verliert, zeigte sich in rührender Weise darin, dass die Waisenkinder dem Verstorbenen das letzte Ehrengeleite gaben. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."   

  
Spende des Tabakhändlers Klingenstein (1916)   

Miltenberg FrfIsrFambl 30061916.jpg (19708 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 30. Juni 1916: "Miltenberg. Tabakhändler Klingenstein in London hinterließ für jüdische Wohlfahrtszwecke in Miltenberg 40.000 Mark und in London 150.000 Mark."   

  
Zum Tod von Willy Grünstein - langjähriger Kassier, dann Vorsteher der Gemeinde (1921)

Miltenberg Israelit 08121921.jpg (93703 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Dezember 1921: "Miltenberg, 5. Dezember (1921). Am 29. November ist Herr Willy Grünstein im Alter von 51 Jahren nach einem arbeitsamen und gesegneten Leben zur ewigen Ruhe heimgegangen. Er war das leuchtende Vorbild eines tief in Gottesfurcht und Liebe zur Tora wurzelnden Jehudi, eines Mannes, der in rastloser Arbeitskraft und unermüdlicher Schaffensfreude es verstand, die Wertschätzung seiner Mitmenschen zu erreichen und ein Haus zu gründen, das einem Heiligtum glich. Beinahe 20 Jahre stand er im Dienst der Kultusgemeinde, um die sich der Selbstlose zuerst als Kassierer und dann als Vorstand große Verdienste erworben hat. Viele Behörden und ein großer Teil der hiesigen Bevölkerung gaben ihm das letzte Geleite; ein Zeichen dafür, welchen Ansehens sich der Verstorbene erfreute. An der Bahre schilderte Distriktsrabbiner Dr. Breuer, Aschaffenburg, was die Gemeinde und die Gesamtheit an dem Verblichenen verliere. In tief bewegten Worten brachte Herr Lehrer Heß die Teilnahme der ganzen Gemeinde zum Ausdruck. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."

  
Goldene Hochzeit von Ehepaar Siegfried Moritz (1927) 

Miltenberg CV-Zeitung 11021927.jpg (15590 Byte)Mitteilung in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 11. Februar 1927: "Am 19. Februar feiern Herr Siegfried Moritz und seine Gattin in Miltenberg am Main das seltene Fest der goldenen Hochzeit."    

   
Zum Tod von Samuel Marx (1927)

Miltenberg Israelit 26051927.jpg (83878 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1927: "Miltenberg, 20. Mai (1927). Am vergangenen Sonntag wurde Samuel Marx unter starker Anteilnahme der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung zu Grabe geleitet. Der Verstorbene, der ein Alter von 72 Jahren erreichte, entstammte einer guten jüdischen Familie aus Mittelsinn und kam schon in jungen Jahren hierher, wo er Zeit seines Lebens die Ideale des überlieferten Judentums hochhielt. Am Grabe zeichnete Herr Lehrer Heß ein Lebensbild des Dahingeschiedenen, dankte im Namen der Kultusgemeinde dem treuen Mitglied und langjährigen Vorstand für die erwiesenen Dienste und richtete herzliche Trostworte an die Hinterbliebenen. Sodann nahm Herr Hauptlehrer Gundersheimer - Brückenau im Namen der Verwandten in innigen Worten von dem geliebten Oheim Abschied. Ein treues Andenken wird dem Verblichenen hier stets bewahrt bleiben. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  

   
Zum Tod von Marianne Sichel geb. Prölsdörfer (1928)   

Miltenberg Israelit 02081928.jpg (56198 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. August 1928: "Miltenberg, 1. Juli (1928). Am 3. Tamus (= 21. Juni 1928) verschied hier im vollendeten 73. Lebensjahre Frau Marianne Sichel geb. Prölsdörfer. Mit der Familie trauert unsere Gemeinde um den Verlust dieser seltenen Frau. Schlicht und bescheiden hat sie gelebt. Allen Äußerlichkeiten abhold, fand sie als wahrhafte wackere Frau Glück und Zufriedenheit in den sogenannten 4 Ellen ihres häuslichen Wirkungskreises. Nicht nur im Kreise ihrer Angehörigen, sondern auch bei all denen, die sie kannten, wird ihr Andenken ein gesegnetes bleiben. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  

  
Zum Tod von Herz Löb Rosenstock (1929)  

Miltenberg Israelit21031929.jpg (133726 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. März 1929: "Miltenberg, 13. März (1929). Ein Mann von seltenen Charaktereigenschaften hat am Erew Rosch Chodesch (12. März 1929, Vortag von dem 1. Adar Scheni), einen Tag vor seinem achtzigsten Geburtstage, seine edle Seele ausgehaucht: Herz Löb Rosenstock. Von nah und fern war man herbeigeeilt, ihm das letzte Geleite zu geben, und mit Recht konnte Herr Rabbiner Dr. Breuer - Aschaffenburg in seinem zwar in Anbetrachte des Rosch HaChodesch kurzen, aber inhaltsreichen Nachrufe vor dem Trauerhause betonen, das mit ihm einer von den Jehudim alten Schlages aus unserer Mitte gegangen sei, wie man sie heute leider nicht allzu oft antrifft. Tief innerliche Frömmigkeit, unbedingte Redlichkeit und Ehrlichkeit in Handel und Wandle seien ihm zu eigen gewesen, und er, der es verstanden habe, sein Leben erfolgreich zu gestalten, habe niemals vergessen, dass nicht der Erwerb von Gütern allein den Zweck des Lebens ausmache. - Der Verstorbene wurde auf seinen Wunsch in seiner Familiengrabstätte in Reistenhausen beigesetzt. Die Bewohner sämtlicher Ortschaften, in welchen er gelebt und gestrebt hatte, waren beim Passieren des Leichenzuges sichtlich von tiefster Trauer erfüllt, ein Beweis, welch hohen Ansehens er sich bei Juden und Nichtjuden erfreute. Am Grab sprach Herr Lehrer Heß - Miltenberg, welcher erwähnte, wie glücklich er sich schätzte, dass er diesen Mann, von welchem er bereits in seiner Jugend so vieles gehört hatte, in späteren Jahren kennen lernen durfte. - Möge sein Geist weiterleben und sein Verdienst allen denjenigen, welche ihm nahe standen, beistehen. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."   

   
Goldene Hochzeit von Israel Dahlheimer und seiner Frau (1929)  

Miltenberg CVZtg 18101929.jpg (16576 Byte)Artikel in der Zeitung des Central-Vereins ("CV-Zeitung") vom 18. Oktober 1929: "Unsere langjährigen Mitglieder Israeli Dahlheimer und Frau in Miltenberg feiern am 19. Oktober die goldene Hochzeit. Wir wünschen dem Jubelpaare einen glücklichen Lebensabend" 

 
Lotte Steinberger aus Alsfeld rettet ein Mädchen vor dem Ertrinken (1932)

Miltenberg Israelit 04081932.jpg (49836 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1932: "Miltenberg am Main, 26. Juli (1932). Eine schöne und mutige Tat hat dieser Tage die hier bei ihrer Großmutter zu Besuch weilende 9jährige Lotte Steinberger, das Töchterchen des Vorstehers der Israelitischen Gemeinde in Alsfeld vollbracht. Sie bemerkte in der städtischen Badeanstalt, dass ein 5jähriges Mädchen in einem unbeaufsichtigten Augenblick in das große Bassin gefallen war und sah, wie das Kind mit dem Tode rang. Sie sprang nach und zog das Kind glücklich aus dem Wasser heraus. Die hiesige Lokalzeitung zollt der mutigen Lebensretterin warme Anerkennung."

   
   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 
Anzeige der Weinhandlung Emanuel Lindheimer (1895)

Miltenberg Israelit 11031895.jpg (32258 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. März 1895: "Koscher (auch) zu Pessach. Selbstgekelterte Trauben-Weine à 50 bis 75 Pfennig, Rotweine à 1 Mark per Liter empfiehlt 
Em. Lindheimer, Miltenberg am Main."

    
Anzeigen des Manufaktur- und Modewaren-Geschäftes sowie Bank- und Wechselgeschäftes von M. Selig (1900 / 1901) 

Miltenberg Israelit 13061900.jpg (46134 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juni 1900: "Lehrlings-Gesuch. In meinem Manufaktur-, Modewaren-, Bank- und Wechselgeschäft ist die Stelle eines Lehrlings zu besetzen. Nur junge Leute mit guter Schulbildung wollen sich melden. 
M. Selig, Miltenberg am Main." 
   
Miltenberg Israelit 08111900.jpg (46090 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. November 1900: "In meinem Manufaktur- und Modewaren-Geschäft ist die Stelle eines Verkäufers zu besetzen. Nur durchaus tüchtige junge Leute mit guten Zeugnissen wollen sich melden. 
Für Frühjahr 1901 ist auch eine Lehrlingsstelle bei mir zu besetzen. 
M. Selig, Miltenberg am Main."
   
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. September 1901: "Suche für mein Manufaktur-, Modewaren- und Bankgeschäft zum 1. Oktober einen Lehrling und einen angehenden Commis
Nur befähigte Bewerber mit guter Schrift wollen sich melden. 
M. Selig,
Miltenberg am Main."    

    
Anzeige des Kleineisenwarengeschäftes en gros und en detail E. Halle (1903)    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. April 1903: 
"Für mein an Samstag und israelitischen Feiertagen geschlossenes Kleineisenwaren-Geschäft, engros und details suche per sofort einen 
Lehrling
 
mit guter Schulbildung, aus achtbarer Familie. 
E. Halle,
Miltenberg am Main."        

      
Lehrlingssuche des Manufaktur- und Modewarengeschäfts E. Mosbacher Nachfolger (1908)  

Miltenberg Israelit 25061908.jpg (48002 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juni 1908: "Lehrling. Israelit aus achtbarer Familie mit guter Schulbildung per sofort oder später gesucht
Sonnabend und Feiertage geschlossen. Kost und Logis im Haus. 
E. Mosbacher Nachfolger. Manufaktur- und Modewaren. Miltenberg am Main."   

  
Verlobungsanzeige von Paula Grünstein und Hugo Freund (1922) 

Miltenberg CV-Ztg 26101922.jpg (22754 Byte)Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 26. Oktober 1922: 
"Paula Grünstein - Hugo Freund. Verlobte. 
Miltenberg am Main
- Nürnberg." 

  
Verlobungsanzeige für Selma Kahn und Ernst Grünstein (1929) 

Hoechst iO Israelit 18041929.jpg (28770 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. April 1929: "Statt Karten - Gott sei gepriesen.  
Selma Kahn - Ernst Grünstein. Verlobte. 
Karlsruhe in Baden, Kreuzstraße 25 / Höchst im Odenwald - Miltenberg/Main. April 1929."   

   
Anzeige des Manufaktur- und Damenkonfektionsgeschäftes E. Fried (1933)  

Miltenberg Israelit 09031933.jpg (31086 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. März 1933: "Sohn achtbarer Eltern als Lehrling für sofort gesucht. 
E. Fried, Manufaktur und Damenkonfektion. Miltenberg am Main."  

  
    
Sonstiges 
Einladung an einen jüdischen Metzger zur Niederlassung in Miltenberg (1901)

Miltenberg Israelit 29071901.jpg (43486 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juli 1901: "Miltenberg. Am hiesigen Platz würde ein jüdischer Metzger, gewandter Mann, dessen Frau eine gute Wirtschafterin ist, ein gutes Auskommen finden. Entsprechende Lokalitäten sind leicht erhältlich. Eine damit verbundene Restauration würde gut rentieren. Es existieren hier höhere Schulen, die von auswärtigen israelitischen Kindern frequentiert werden. Miltenberg ist eine schöne Stadt, gesund, und kann sogar als Luftkurort dienen; dieselbe wird alljährlich von vielen Fremden zu diesem Zwecke besucht."

    
Antijüdische Maßnahmen des Stadtrates (1933)  

Miltenberg Israelit 07091933.jpg (44879 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. September 1933: "Miltenberg. In der letzten Stadtratssitzung in Miltenberg wurde beschlossen, im Interesse der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung auf der Michaelismesse vom 2. bis 9. September, die im ganzen Untermainbezirk einen hervorragenden Ruf genießt, jüdische Händler und Geschäfte nicht zuzulassen."   

    
    
    
Zur Geschichte der Synagogen      
      
Die mittelalterliche Synagoge 

Die mittelalterliche Synagoge ist noch erhalten. Ihrem Stil nach wurde sie zwischen 1290 und 1300 erbaut. Ihre Ausmaße zeigen, dass die Gemeinde nur klein war. Die Synagoge befindet sich am Nordabhang des Schlossberges auf dem heutigen Areal der Brauerei Kaltloch. Zur Synagoge gehörte auch eine Frauensynagoge, ein Hof, ein Keller, ein Gang, ein Garten und ein Brunnen. Im Haus neben ihr, dem "Kleppershaus" wohnte der "Schulklopfer". Um 1400 wurde die Synagoge vermutlich wieder von den jüdischen Familien benutzt. 1461 verlieh der Mainzer Erzbischof Diether von Isenburg das Gebäude dem Priester der Muttergotteskapelle in Miltenberg. Sie wurde damals - wahrscheinlich seit 1429 - anscheinend nicht mehr als jüdisches Gotteshaus benützt. 
Erst am 10. Januar 1755 konnte die in Miltenberg wieder entstandene jüdische Gemeinde die alte Synagoge für 310 Gulden zurückkaufen. Bis 1851 war das Gebäude wieder gottesdienstliches Zentrum der Gemeinde. 1877 wurde das Gebäude von der jüdischen Gemeinde wieder verkauft.
 
Standort: Hauptstraße 199/201 (im Hinterhof)
 
Hinweis zum rituellen Bad: In den vergangenen Jahren wurde das mittelalterliche Bad in der Löwengasse 1 im Miltenberger Schwarzviertel freigelegt. Das Tauchbecken der Mikwe ist 1,05 m breit und 1,30 m hoch. Nach den Bauakten baute man 1910 in der (neuen) Synagoge (s.u.) eine Mikwe ein. Wann das Haus in der Löwengasse das Bad erhielt, ist noch unklar. Es liegt 12 Stufen tief unter dem 1480 errichteten Fachwerkhaus.
 
Beschreibung der mittelalterlichen Synagoge von Richard Krautheimer (1927): 

Die Synagoge in Miltenberg ist die kleinste unter den aus dem Mittelalter erhaltenen; sie misst im Lichten nur 9,20 : 6,20 m, außen 11 : 8 m. Zwei fünfteilige Kreuzrippengewölbe decken den Bau, ihre Scheitelhöhe beträgt etwa 8 m. Zentrale Tendenzen kommen schon in der Verwendung der fünften Rippe zum Ausdruck: die vier Seiten des Baues werden annähernd gleich stark betont; wie an den längeren Seiten die Gurten, senkrecht auf die Wand treffend, die Mitte bezeichnen, so tun es an den kürzeren Seiten etwa diese fünften Rippen. Der Ablauf der Joche, ihre Hintereinanderschaltung kann nicht wirksam werden, die Kraftströme werden nach der Mitte des Raumes zurückgeworfen. Verstärkt wird die Zentraltendenz durch das Verhältnis der Raummaße: das ohnehin geringe Übergewicht der Länge über die Breite wird durch die annähernde Gleichsetzung von Höhe und Länge noch mehr geschwächt: je höher ein Raum im Verhältnis zu den Maßen seines Grundrisses ist, desto mehr scheint er in sich geschlossen und zentriert. Heute ist dies Verhältnis durch das Einziehen eines Zwischenbodens in halber Höhe vernichtet.
Die Nordmauer des Baues ist fensterlos, an den anderen Seiten sitzen je zwei schmale spitzbogige Fenster mit steilem Gewände und eingelegtem Nasenbogen. Im Osten sitzt noch ein Rundfenster über den beiden spitzbogigen; es betont, gegensätzlich zu der sonst im Raum herrschenden Zentraltendenz, die Richtung nach Osten, auf den Aron. Es ist auffällig, dass man im Süden, wo der Felsen auf annähernd 2 m an den Bau herantritt, Fenster eingebrochen hat, während sie im Norden fehlen. Der Eingang ist im Westen, unterhalb des nördlichen der beiden Fenster; die jetzige Tür ist verändert worden, vielleicht 1603: damals legte man im Westen einen kleinen Raum vor - sein Tür ist 1603 datiert.
Rippen und Gurte haben das gleiche Profil - ein kräftiger Birnstab, von Kehlen und Wulsten begleitet. Die Schlusssteine zeigen eine sechsblättrige, der rosa mystica ähnliche Rosette. Reste des Aron, der früher in der Mitte der Ostwand unter dem Oculus (= rundes Fenster wie ein Auge) stand, befinden sich jetzt (sc. 1927, mittlerweile im Museum Miltenberg) in der neuen Synagoge. Der spitze Giebel ist mit einer Blende mit Nasen ausgelegt, innerhalb des obersten Bogens sitzt eine Rosette. In ihr liegen sieben fünfblättrige Rosen, in der Kehle der Giebelschenkel dichtgedrängt Weinlaub; auf der Deckfläche dieser Schenkel kriechen Ahornblätter. Dieses Laubwerk wie die Form der Gewölbeglieder weisen den Bau ins letzte Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts".

  
Fotos:  

Miltenberg Synagoge a100.jpg (71773 Byte) Miltenberg Synagoge a101.jpg (73849 Byte) Miltenberg Synagoge a108.jpg (62988 Byte)
Die mittelalterliche Synagoge im Gebäudekomplex der Kaltloch Brauerei, vom Burgaufgang gesehen. Die rechte Ausschnittvergrößerung 
zeigt links der Bierkisten eines der Fenster der Ostfassade der Synagoge (Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 19.3.2005).
 
Miltenberg Synagoge a104.jpg (45124 Byte) Miltenberg Synagoge a102.jpg (57266 Byte) Miltenberg Synagoge a103.jpg (66541 Byte)
Zwei Innenaufnahmen des durch den Einzug einer Zwischendecke verunstalteten Innenraum 
der ehemaligen Synagoge (Quelle: links Neubert S. 6, rechts Stefan Gregor in Debler S. 59). 
Ostwand der Synagoge 
(Quelle: Neubert S. 8) 
   
Miltenberg Synagoge a105.jpg (18271 Byte) Miltenberg Synagoge a106.jpg (28014 Byte) Miltenberg Synagoge a107.jpg (19798 Byte)
  Schnitte durch den Synagogenbau zur Erläuterung der Beschreibung bei Krautheimer (s.o.)  
 
Im Museum der 
Stadt Miltenberg 
Miltenberg Museum 102.jpg (31551 Byte)Miltenberg Museum 101.jpg (16190 Byte) Miltenberg Synagoge n111.jpg (44846 Byte)
       Toraschrein der neuen Synagoge (s.u.) mit gotischem Giebel des Toraschreins 
der mittelalterlichen Synagoge; rechts auf einem Foto in der Synagoge um 1925 
(Quelle: Neuberg S. 15)
   
Miltenberg Museum 100.jpg (23014 Byte) Miltenberg Museum 105.jpg (22391 Byte) Miltenberg Museum 104.jpg (21996 Byte)
      Vitrine mit Judaica, links drei Purimteller
 aus Zinn, gefertigt von Johann Georg
 Klingling (Frankfurt/Main) in der 
2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. 
Trägerstein für die Gebotstafeln, 
vermutlich aus der neuen Synagoge
 Miltenberg; die Gebotstafeln 
wurden abgeschlagen 
     

Miltenberg Synagoge1_01.jpg (15062 Byte)Link zu Computer-Simulationen (externer Link zu www.dr-zoeller.de): Die links gezeigte Ansicht ist nur als Computer-Simulation möglich. Durch die in der ehemaligen Synagoge eingezogene Zwischendecke kann der ursprüngliche Raumeindruck nicht mehr an Ort und Stelle gewonnen werden.
Computersimulation des Raumeindrucks ursprünglich und heute: hier anklicken 
  Video starten  Größe: 3.2 MB.

 

Beitrag des "Bayerischen Rundfunks" (TV) vom 30. Juli 2014:  http://br.de/s/1IWbXIp       
 
 
 
Die zweite Synagoge (1851 - 1904)  
   
Die mittelalterliche Synagoge befand sich Mitte des 19. Jahrhunderts in einem baufälligen Zustand. Eine Reparatur hätte damals etwa 300 Gulden gekostet. Die jüdische Gemeinde entschloss sich freilich, nachdem ihr eine Kollekte für die Neueinrichtung einer Synagoge in auswärtigen Gemeinden genehmigt worden war, zur Einrichtung eines Betsaales in dem 1851 erworbenen Gebäude in der Riesengasse Nr. 174.   
    
    
Die neue (dritte) Synagoge (1904 - 1938)  
      
Die Pläne für den Neubau einer Synagoge gehen in die 1880er-Jahre zurück. 1889 wurde ein Synagogen- und Schulhausbau-Verein gegründet. Bis 1895 wurden 2.600 Mark angespart. 1899 konnte von der Stadt ein Grundstück an der Mainstraße erworben werden. Mit Hilfe zahlreicher Spenden, die auch vor allem auch von ausgewanderten ehemaligen Miltenberger Juden kamen, konnte 1903 mit dem Bau begonnen werden. Stadtbaumeister Ludwig Frosch war Bauleiter. Am 16. Juli 1903 war die Grundsteinlegung. Die Einweihungsfeierlichkeiten der Synagoge waren vom 26. bis 28. August 1904. Die Synagoge wurde 1910 so beschrieben: "Der Neubau... teilt sich in einen hohen Kuppelbau, welcher einen geräumigen Tempel mit Empore für Frauen darbietet und nebenan in ein zweistöckiges Schulgebäude, in dessen Parterreräumen ein Schulzimmer mit Nebengelass, im ersten Stock eine schöne Dienstwohnung mit drei Zimmern nebst Küche und Kammer für den Lehrer vorhanden sind. In dem mit Holzmagazin und Waschküche versehenen Unterraum, in welchem sich auch der ehemalige Fischerbrunnen befindet, ist zugleich Vorkehrung getroffen, um Bedarfsfall vielleicht später ein rituelles Bad einrichten zu können" (Beschreibung von Jakob Josef Schirmer in der Chronik der Stadt Miltenberg. Handschriftlich 1910).  
       
       
Berichte zur Geschichte der neuen Synagoge    
Beginn des Synagogenbaus (1903) 

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 3. Juli 1903: "Miltenberg am Main. Vor einigen Wochen wurde dahier mit dem Bau einer neuen Synagoge nebst Schullokal und Lehrerwohnung begonnen. Der rastlosen Tätigkeit des hiesigen Synagogenbauvereins ist es zu verdanken, dass sich sein Platz ein würdiges Gotteshaus zu errichten, jetzt verwirklicht. Das Ganze verspricht ein schöner Bau zu werden, der für alle Zukunft Miltenberg zur Zierde und der hiesigen israelitischen Gemeinde zur Ehre gereichen wird."   

  
Kollekte für den Synagogenbau (1904)  

Miltenberg FrfIsrFambl 23121904.jpg (40577 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 23. Dezember 1904: "Kaiserslautern in der Pfalz, 12. Dezember (1904). Die Kollekte für den Synagogen-Neubau in Miltenberg hatte im Regierungsbezirke der Pfalz folgendes Ergebnis: im Rabbinatsbezirke Dürkheim 156,40 Mark, im Rabbinatsbezirke Kaiserslautern 65,20 Mark, im Rabbinatsbezirke Landau 110,45  Mark, im Rabbinatsbezirke Zweibrücken 85,55 Mark, Summa 417,60 Mark."

 
Ankündigung der Synagogeneinweihung (August 1904)  

Miltenberg Israelit 11081904.jpg (22889 Byte)Meldung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. August 1904: "Miltenberg. Freitag, den 26., Samstag, den 27. und Sonntag, den 28. August findet, so Gott will, die feierliche Einweihung der neu erbauten Synagoge daselbst statt."

 
Die Einweihung der Synagoge am 26. August 1904  

Miltenberg Israelit 08091904.jpg (255109 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. September 1904: "Miltenberg, 5. September (1904). (Einweihung der Synagoge). Die hiesige israelitische Kultusgemeinde kann auf ein Fest zurückblicken, das nicht nur wegen seiner Veranlassung als ein höchst bedeutsames und seltenes betrachtet werden muss, sondern auch in allen seinen Teilen einen so schönen und wohl gelungenen Verlauf nahm, dass keiner unter den so zahlreich erschienenen Festgästen unbefriedigt geschieden ist. Es war ein Fest, auf das die Mitglieder unserer Gemeinde allen Grund haben, stolz zu sein. 
Am Freitag, den 26. August, dem eigentlichen Einweihungstage, versammelte sich die hiesige Kultusgemeinde um 1 3/4 Nachmittags in ihrem alten Betlokale, um zum letzten Male von hier aus ihre Gebete zum Himmel empor zusenden. Die Abschiedsrede, welche Herr Rabbiner Dr. Wachenheimer während dieser Gottesdienstes hielt, war in warmem und wehmütigfreudigem Tone gehalten. - Nach Schluss des Gottesdienstes wurden dann die Torarollen unter Aufsicht des Rabbiners ihrem Verwahrungsorte entnommen, um zusammen mit den übrigen heiligen Geräten ins neue Gotteshaus überbracht zu werden. 
Vor dem Portale der neuen Synagoge hielt der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, Herr S. Moritz, die Festrede. 
Hierauf trug das Töchterchen des Herrn Moritz bei der Schüsselüberreichung an den Herrn Bezirksamtmann Heintz einen Prolog vor. 
Herr Bezirksamtmann Heintz dankte für die ihm erwiesene Ehre in herzlichen Worten. Herr Distriktsrabbiner Dr. Wachenheimer empfing sodann den Schlüssel aus den Händen des Herrn Bezirksamtmanns und öffnete unter den Klängen der Musikkapelle und dem Donner von Böllerschüssen die Pforte des Gotteshauses.
Der Einweihungsgottesdienst, der nun begann, zeigte schöne Leistungen des Kantors und Lehrers, Herrn Rosenbaum, sowie des von ihm ausgebildeten Synagogenchores. 
Den eigentlichen Glanzpunkt des Weihegottesdienstes bildete die Festpredigt des Herrn Distriktsrabbiners Dr. Wachenheimer, die über eine Stunde währte. Er sprach den zahlreichen Spendern, welche sich um das Gotteshaus verdient gemacht haben, den Dank im Namen der Religion aus und erörterte dann in formvollendeter und ausführlicher Weise die Bestimmung des Gotteshauses, anknüpfend an die Bezeichnung desselben als Bet hakneset: Haus der Versammlung. - Ein Schlusschor bildete den schönen Abschluss der erhebenden Feier. 
Am Samstag, den 27. morgens 9 Uhr, fand noch ein offizieller Festgottesdienst statt, bei dem ein jeder einzelne der anwesenden Herren zur Tora gerufen wurde. 
Auch bei diesem Gottesdienste erbaute Herr Distriktsrabbiner Dr. Wachenheimer die zahlreichen Andächtigen wieder mit einer glanzvollen Predigt.  
Alle übrigen Festlichkeiten waren dem Vergnügen gewidmet und auch sie nahmen alle den denkbar schönsten Verlauf. Die Reihe wurde eröffnet durch den am Freitag Abend 8 1/2 Uhr abgehaltenen Festkommers. Hier hielt der Vorsitzende des Festausschusses, Herr W. Grünstein, eine Begrüßungsrede, welche in einem begeistert aufgenommenen Hoch auf unseren Landesherrn endete. Herr Lehrer Rosen-
Miltenberg Israelit 08091904bb.jpg (118232 Byte)baum gab sodann eine ausführliche Entstehungsgeschichte der neuen Synagoge, in welcher er besonders des früheren hiesigen Religionslehrers, Herrn Massenbacher und des verstorbenen Herrn E. Mosbacher gedachte, zweier Herren, die sich um die Gründung des Synagogenbauvereins die größten Verdienste erworben haben. Herr Magistratsrat Ed. Schwaab gratulierte als Vertreter des Herrn Bürgermeisters im Namen der Stadt Miltenberg der israelitischen Kultusgemeinde zu ihrem großen Erfolge und gab unter reichem Beifall der Hoffnung Ausdruck, dass der schöne konfessionelle Friede, wie er in unserem Heimatstädtchen herrscht, stets aufrecht erhalten bleiben möge. Die israelitische Kultusgemeinde in Aschaffenburg hatte in Herrn Rechtsanwalt Schottenfels einen eigenen Delegierten gesandt und ließ durch ihn schöne Worte der Beglückwünschung und über die schwesterliche Nachbarschaft aussprechen. Herr Mayer Selig dankte im Namen der Kultusgemeinde den staatlichen und städtischen Behörden. 
Wie der offizielle Teil des Programms ohne jede Störung verlief, so herrschte auch dank des vorzüglichen Arrangements des tüchtigen Festkomitees während der verschiedenen Vergnügungen die schönste Ordnung und Harmonie und wir müssen wiederholen, dass das Fest, auf das wir nun zurückblicken, in allen seinen Teilen ein wohl gelungenes und seines Anlasses voll würdiges war."

  
Im Ersten Weltkrieg wurde das Kupferdach der Synagogenkuppel freiwillig der Kriegszwecke zur Verfügung gestellt. 
Über besondere Gottesdienste in der Synagoge liegen aus den folgenden Jahren nur einzelne Berichte vor. 1932 wird von einem Trauergottesdienst für den verstorbenen Aschaffenburger Bezirksrabbiner Dr. Breuer berichtet:    
    
Trauergottesdienst aus Anlass des Todes von Bezirksrabbiner Dr. Breuer (1932)

Miltenberg Israelit 21011932.jpg (61814 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Januar 1932: "Miltenberg, 18. Januar (1932). Am vergangenen Sonntag veranstaltete die hiesige Kultusgemeinde zu Ehren des verstorbenen Bezirksrabbiners Dr. Breuer - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - einen Trauergottesdienst. Nach Gesang und Rezitation des Änosch Kechazir (der Mensch ist wie Gras...)- Gebetes würdigte Lehrer Heß in einer Ansprache die überragende Persönlichkeit und das segensreiche Wirken des Entschlafenen, dessen reines Streben und Wollen oft verkannt wurde, der aber nur Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden die Tradition seines Hauses und damit das gesetzestreue Judentum in seinen Gemeinden aufrecht erhalten wollte. - Mit einem Mischnah-Schiur und dem Lern-Kaddisch endigte die erhebende Trauerfeier. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens".

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört. Das Gebäude sollte zunächst nach dem Willen des Bürgermeisters zugunsten von Parkplätzen abgebrochen werden. Schließlich wurde nur die östliche Hälfte abgebrochen beziehungsweise nach dem bis heute erhaltenen Westteil zu einem Wohnhaus umgebaut. Nach Kriegsende kam das Gebäude in den Besitz der jüdischen Vermögensverwaltung JRSO, die es zum 1. Januar 1953 wieder an die Stadt verkauft. Es wurde für Behörden und Institutionen verwendet (u.a. Landpolizei, Arbeitsamt, Kreisjugendring, Gewerkschaft). 1967 wurde das Gebäude öffentlich zum Verkauf ausgeschrieben und ist seitdem in Privatbesitz. Eine Gedenk- oder Hinweistafel ist nicht angebracht.
  
  
Fotos:
(Quelle für das Foto des Chanukka-Leuchters: Theodor Harburger: Die Inventarisierung jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern. Bd. 3 S. 388; Farbfotos: Hahn, Aufnahmedatum: 19.3.2005).

Historische Ansichten der Synagoge
Miltenberg Synagoge 733.jpg (73645 Byte) Miltenberg Synagoge 141.jpg (63108 Byte) Miltenberg Synagoge 140.jpg (68058 Byte)
Blick auf Miltenberg vom Main (links die
 Synagoge) - Karte 1930 verschickt 
Blick auf Miltenberg mit der Synagoge (auf einer 1936 verschickten Ansichtskarte;
 rechts: Ausschnittvergrößerung) 
   
Miltenberg Synagoge 010.jpg (41411 Byte) Miltenberg Synagoge 011.jpg (48675 Byte) Miltenberg Synagoge n110.jpg (36684 Byte)
Historische Ansichten der Synagoge in Miltenberg  Chanukka-Leuchter der Gemeinde Miltenberg 
mit einer Widmung aus dem Jahr 1832 
(Aufnahme von 1930)
  
   
Neuere Ansichten des ehemaligen
 Synagogengebäudes
Miltenberg Synagoge n102.jpg (40598 Byte) Miltenberg Synagoge n103.jpg (42857 Byte)
  Die ehemalige Synagoge in Miltenberg - eine Hinweis- oder Gedenktafel 
ist nicht angebracht
   
  Miltenberg Synagoge n101.jpg (49361 Byte) Miltenberg Synagoge n100.jpg (47270 Byte)
       

   
   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte      
(Die Berichte wurden von Joachim Braun, Würzburg, zur Verfügung gestellt)  

Mai 2000: Rundgang durch das jüdische Miltenberg  
Miltenberg PA 22052000.jpg (226131 Byte)Artikel im "Main-Echo" (Ausgabe Aschaffenburg") vom 22. Mai 2000: "Rundgang durch das jüdische Miltenberg: Erinnerung an drei frühere Synagogen. Geleitheft von Museumsleiter Neubert. - Vom 13. Jahrhundert bis zur NS-Zeit.   
Miltenberg. Die Geschichte des jüdischen Lebens in Miltenberg, angefangen vom 13. Jahrhundert bis in die Zeit des Nationalsozialismus, können Besucher während eines zwei- bis dreistündigen Rundgangs durch die Kreisstadt nachvollziehen. Eine Broschüre von Hermann Neubert, der das Museum der Stadt Miltenberg leitet, dient dabei als Begleiter..." 
 
Februar 2003: Berichte über die Freilegung einer Mikwe (rituelles Bad)  
Miltenberg PA 09022003a.jpg (237123 Byte)Artikel im "Main-Echo' (Ausgabe Aschaffenburg) vom Sonntag, 9. Februar 2003: "Im 'lebendigen Wasser' zur Reinheit. Der Miltenberger Werner Reuling hat 'im Schwarzviertel' ein Judenbad freigelegt - Zugänglich für die Öffentlichkeit." 
 
Miltenberg PA 09022003.jpg (89445 Byte)Foto von Manfred Weiß zum obigen Artikel: "Steil, windschief und vier Stockwerke hoch ragt das alte Fachwerkhaus in der Miltenberger Löwengasse in die Höhe. Im Keller des Gebäudes soll ein Judenbad der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden."  
 
Miltenberg PA 09022003b.jpg (64124 Byte)Foto von Manfred Weiß zum obigen Artikel: "Eine Mikwe hat der Miltenberger Werner Reuling freigelegt. Sie diente der jüdischen Gemeinde zu Tauchbädern. Durch dieses Ritual können Menschen und Geräte, so der jüdische Glaube, einen Zustand der Reinheit erlangen."   
 
November 2008: Berichte zum Gedenken vor Ort: "70 Jahre Pogromnacht 1938"    
Miltenberg PA 08092008.jpg (130764 Byte)Artikel mit Fotos im "Main-Echo" (Ausgabe Aschaffenburg) vom 8./9. November 2008: "Synagogensturm in Miltenberg: Paul Briscoe, gebürtiger Engländer, wuchs während des Nationalsozialismus in Miltenberg auf. In seien Memoiren 'My Friend The Enemy' beschreibt er, wie er die Reichspogromnacht erlebte. Mit Schulkameraden beteiligte er sich an der Zerstörung der Miltenberger Synagoge. Damals ließ er sich von der aufgeheizten Atmosphäre mitreißen. Später bereute er die Taten und bezeichnet sie als Sünde...."  
Miltenberg PA 08092008a.jpg (103011 Byte)Foto links (Archiv W.O. Keller): "Aus dem Jahr 1942 stammt diese Aufnahme der zerstörten Synagoge in der Miltenberger Mainstraße. Seit der Reichspogromnacht waren keine Versuche unternommen worden, das Gebäude wieder aufzubauen. Aus der Pogromnacht existieren keine Bilder."    
 
Januar 2010: Die mittelalterliche Synagoge soll der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden   
Miltenberg Synagoge 190.jpg (22490 Byte)Foto links: Die älteste Synagoge Deutschlands steht in Miltenberg, wird als Gärkeller für eine Brauerei genutzt. Das soll sich jetzt ändern.  
Artikel vom 19. Januar 2010 von Judica Griese in der "Stadtzeitung" "Aschaffenburg24" vom (Artikel mit Link zu Video):  
"MILTENBERG. Sie ist die älteste erhaltene Synagoge Deutschlands und steht in Miltenberg. Momentan ist sie für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, denn sie befindet sich hinter den Mauern der Kaltloch-Brauerei. Doch das könnte sich bald ändern. 
Synagoge 1290 erbaut.
Im Inneren der Synagoge erinnert heute nicht mehr viel an das jüdische Gotteshaus. Das war früher anders. Die Synagoge wurde 1290 erbaut und bis ins 19. Jahrhundert mit kurzen Unterbrechungen von der jüdischen Gemeinde in Miltenberg benutzt. Das Besondere: Aus dieser gotischen Zeit sind in Deutschland nur wenige Gebäude erhalten. Im 18. Jahrhundert hat man die gotischen, engeren Fensterformen der Mode des Barocks angepasst - seitdem sind sie breiter. In der Westwand der Synagoge befinden sich heute noch zwei original gotische Fenster. Im Jahr 1877 wurde die Synagoge von der Brauerei Kaltloch gekauft und als Gärkeller und Lagerraum genutzt. 
Wird die Synagoge ein Museum? Der Museumsleiter der Stadt Miltenberg Hermann Neubert sieht in diesem historischen Gebäude eine Verpflichtung: "Die Stadt würde die Synagoge gerne zu einem Teil des Miltenberger Museums machen. Man könnte z.B. einen öffentlichen Zugang von außen über die Schlossgasse schaffen, so dass das Brauereigelände nicht berührt wird." Bis Ende März 2010 wird hier noch Bier gebraut werden. Dann geht die Kaltloch-Brauerei in den Besitz der Eder- und Heylands-Brauerei über. Dann werden die Brauerei-Besitzer entscheiden, ob sie der ältesten Synagoge Deutschlands einen Teil ihres einstigen Glanzes zurückgeben wollen." 
   
März 2011: Für den Kauf der mittelalterlichen Synagoge stehen im städtischen Haushalt 50.000 Euro bereit   
Miltenberg Synagoge 2011PAa.jpg (77855 Byte)Foto links von Georg Kümmel: Von außen ist der ehemaligen Synagoge am Nordhang des Schlossbergs kaum anzusehen, dass ihr Kern aus dem Mittelalter stammt. Erkennbar ist noch das Rundfenster, das den Gebetsraum erhellte.   
Aus einem Artikel von Sabine Dreher im mainnetz.de vom 31. März 2011 (Artikel): "Lauter alte Bekannte
Kommunaler Haushalt: Stadt Miltenberg will Begonnenes weiterbringen: Mildenburg, Kinderkrippen, Gemeinschaftshaus
Miltenberg
Bereits laufende Projekte zu Ende bringen und andere große Vorhaben erst später angehen - das ist die Strategie des Haushalts 2011, den der Stadtrat Miltenberg am Dienstag verabschiedet hat. Bei den dicken Brocken im Investitionsplan finden sich daher vor allem alte Bekannte aus dem vergangenen Jahr wieder: Die Sanierung der Mildenburg, die Einrichtung zweier Kinderkrippen, der Hochwasserschutz fürs Schwarzviertel und das Wenschdorfer Gemeinschaftshaus.
Bürgermeister Joachim Bieber lobte den Etat als 'soliden Haushalt, der ohne Kraftakt und finanzielle Klimmzüge erstellt wurde' und der Raum für das lasse, 'was wir gemeinsam für vorrangige Projekte halten.' Denn dank gut gefülltem Sparbuch lassen sich die Vorhaben ohne Neukredite verwirklichen 
....... 
Salzsilo und Synagoge...  Nach wie vor hofft die Stadt, die ehemalige jüdische Synagoge im Schwarzviertel kaufen zu können. Im Haushalt sind dafür bis zu 50 000 Euro vorgesehen..."   
   
Mai bis Juli 2011: Ausstellung über die Genisa Veitshöchheim im Stadtmuseum  
Miltenberg Ausstellung 201105a.jpg (62102 Byte)Foto links von Georg Kümmel: Weil das jüdische Leben in Deutschland während der Nazizeit ausgelöscht wurde, sind die Genisa-Funde eine wichtige Quelle über das Alltagsleben der deutschen Juden. Die Ausstellung aus Veitshöchheim gibt einen Einblick. Die Vitrine, die Museumsleiter Hermann Neubert hier öffnet, dokumentiert den miserablen Zustand vieler Schriften.   
Artikel im mainnetz.de vom Mai 2011 (Artikel): "Abgelegt: Zeugnisse jüdischen Lebens
Stadtmuseum: Ausstellung stellt Genisa-Projekt Veitshöchheim vor - Dokumente einer zerstörten Kultur
Miltenberg
Zwei ehemalige Synagogen und die Mikwe - ein jüdisches Kultbad - sind die baulichen Zeugnisse jüdischen Lebens in der Kreisstadt. Das Stadtmuseum beherbergt den ältesten bekannten Thoragiebel Deutschlands, die alte Synagoge konnte bis vor kurzem den Titel älteste original erhaltene Synagoge Deutschlands für sich beanspruchen. Dennoch ist über das Leben der Miltenberger Juden wenig bekannt. 
Interessante Einblicke über das Alltagsleben der Landjuden in Unterfranken gibt die Ausstellung 'Abgelegt - Genisa-Funde in Unterfranken', die das Stadtmuseum seit heute zeigt. Seit 1998 gibt es in Veitshöchheim ein kulturhistorisches Projekt, das Funde aus den Dachböden jüdischer Synagogen sammelt, sichtet und teilweise auch restauriert. Dabei handelt es sich um Texte und Gegenstände, die nach religiöser Vorschrift nicht zerstört oder weggeworfen werden durften. 
Der Begriff bezeichnet nicht die Gegenstände, sondern den Ort der Aufbewahrung. 'Genisa' geht auf hebräische beziehungsweise persische Ursprünge zurück und bedeutet so viel wie Schatzkammer, Aufbewahrungsort für wertvolle Gegenstände.
Ein erster Blick auf die Exponate im Stadtmuseum offenbart jedoch eine gewaltige Diskrepanz zwischen Fundstücken und klingendem Begriff: ein mehrfach gestopfter alter Strumpf, Schuhmumien und Berge von vergilbtem, zerfleddertem, von Mäusen angenagtem Papier. 
'Die Funde sind wertvoll, weil sie interessante Einblicke in das Alltagsleben der Landjuden geben', erläutert der Leiter des Stadtmuseums, Hermann Neubert. Strumpf und Schuhe seien keine 'Genisa' sondern tatsächlich Abfall. Aufbewahrungswürdig waren die Schriften - Gebetsbücher, Thorafahnen, hebräische Texte - die es aber vielfach dem dazugelegten Schutt und Müll zu verdanken haben, dass sie überhaupt erhalten blieben. 
'In der Reichspogromnacht wurden viele Synagogen zerstört, alle anderen während der Nazizeit aufgelöst und neuen Nutzungen zugeführt', erinnert Neubert. Von den Genisa blieb nur erhalten, was auf den Dachböden nach unten gerutscht und vergessen wurde. 
Das religiöse Aufbewahrungsgebot galt für alle Schriften, die einen Namen Gottes enthalten und wurde zeitweise für alle Texte in hebräischer Sprache angewandt. 'Aber Hebräisch war im 19. Jahrhundert unter den deutschen Juden nur die Sprache der Rabbiner und Gelehrten, die Landjuden sprachen deutsch', erläutert Neubert weiter. Weil sie deshalb die Schriften nicht oder nur mühsam entziffern konnten, wurde viel mehr als vorgeschrieben aufbewahrt: Warenlisten, Strafarbeiten, private Notizen, ein Arztrezept, Zeitungen. Gerade diese seien aber spannende Lektüre und wertvolle Fundstellen. 
Die Ausstellung war von Neubert mit der Leiterin des Veitshöchheimer Genisa-Projekts, Martina Adelmann, langfristig geplant worden. Sie sollte auch den geplanten Kauf und die Zugänglichmachung der alten Miltenberger Synagoge im Schwarzviertel vorbereiten. Die Verhandlungen mit deren Eigentümer stagnieren derzeit jedoch. Zwar hat die Stadt Finanzmittel für den Kauf in den laufenden Haushalt eingestellt und einige Förderzusagen, doch im Moment bindet die Renovierung und bevorstehende Eröffnung des Museums auf der Burg alle städtischen Kräfte und Mittel. 
Die Ausstellung stehe trotzdem nicht allein, denn das Stadtmuseum hat in seiner ständigen Ausstellung neben dem Thoragiebel wenige, aber hochwertige jüdische Exponate, so der Museumsleiter: 'Wir nutzen die Sonderausstellung, um in einer Vitrine auch einige Neuzugänge zu zeigen.' Diese Judaika sollen nach Ausstellungsende in die ständige Ausstellung integriert werden. Zur Ausstellungseröffnung am gestrigen Donnerstag gab Martina Edelmann eine Einführung über das Genisa-Projekt in Unterfranken und in die Ausstellung. Georg Kümmel
Die Sonderausstellung ist bis 17. Juli zu sehen; Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17.30 Uhr; Tel. 09371/668504; E-Mail: info@museen-miltenberg.de
Miltenberg Ausstellung 201105b.jpg (93563 Byte)Foto links von Georg Kümmel: hebräische Schriften aus den Genisa-Funden..
Hintergrund: Genisa-Projekt Veitshöchheim. In einer Genisa werden Texte und Gegenstände, die nach jüdischer Religionsvorschrift nicht zerstört werden dürfen, deponiert. Seit 1998 versucht das Genisa-Projekt in Unterfranken Funde aus acht ehemaligen Synagogen als Informationsquelle systematisch zu erschließen. Inzwischen sind die Genisa-Funde aus Veitshöchheim, Goßmannsdorf, Gaukönigshofen (alle Landkreis Würzburg), Urspringen Landkreis Main-Spessart) Altenschönbach, Wiesenbronn (Landkreis Kitzingen), Kleinsteinach und Memmelsdorf (beide Landkreis Haßberge) komplett gesichtet und in einer wissenschaftlichen Datenbank erfasst. 
Die Genisa in Veitshöchheim war 1986 entdeckt und von Hermann Süß und Erika Timm genauer untersucht worden. Eine repräsentative Auswahl der Gegenstände zeigt das Jüdische Kulturmuseum Veitshöchheim, das 1994 eröffnet wurde, und als einziges Museum in Deutschland ausschließlich Genisa-Funde zeigt.
Die Beschäftigung mit diesem Material ist ein relativ junger Zweig der jüdischen Kulturwissenschaften. Die erste dokumentierte Entdeckung einer Genisa geschah 1890 in Kairo. In einer Synagoge aus dem neunten Jahrhundert fanden sich Tausende von Schriftstücken ab dem Jahr 800. (red). "       
  
Januar 2015: Der Gemeinderat stimmt mehrheitlich für die Verlegung von "Stolpersteinen" in Miltenberg  
Pressemitteilung Ende Januar 2015: "In den Straßen von Miltenberg sollen bald Stolpersteine an das Schicksal der Juden erinnern, die in der NS-Zeit deportiert und ermordet worden sind. Dafür haben sich 13 der 21 Stadträte in der Sitzung am Mittwoch ausgesprochen. Die CSU und der Liberale Rainer Rybakiewicz stimmten dagegen".   
 
November 2015 / Mai 2016: Im Mai 2016 werden die ersten "Stolpersteine" in Miltenberg verlegt  
Anmerkung: die ersten neun "Stolpersteine" werden für Oskar, Rosa und Manfred Moritz, Abraham, Nanny, Siegfried und Bella Heß, Wilhelm Oppenheimer und Mira Marx verlegt.  
Artikel im "Main-Echo" vom 19. November 2015: "Jüdische Schicksale zum Innehalten. Holocaust: Im Mai nächsten Jahres werden in Miltenberg die ersten neun von gut fünfzig Stolpersteinen verlegt..."  
Link zum Artikel     
Spendenaufruf zur Unterstützung der Initiative zur Verlegung von "Stolpersteinen" in Miltenberg: "Hintergrund: Initiative Stolpersteine. Die Verlegung der Stolpersteine in Miltenberg wird ausschließlich durch Patenschaften und Spenden finanziert. Die Patenschaft für einen Stolperstein kostet 120 Euro. Unterstützer können auch kleinere Beträge spenden. Die Stadt hat dafür mehrere Spendenkonten eingerichtet, unter anderem folgende:
Sparkasse Miltenberg-Obernburg, DE08 7965 0000 0620 0081 10,  RV-Bank Miltenberg, DE93 7969 0000 0000 0170 94.
Im Verwendungszweck ist das Stichwort "Stolpersteine" anzugeben. Die Stadt Miltenberg stellt Spendenquittungen aus.
Weitere Fragen beantworten die Sprecher der Stolperstein-Initiative, Armin Weinmann, Tel. 0 93 71/ 63 66, E-Mail: armin.sibylle@t-online.de, und Jürgen Regensburg, Tel. 0 93 71/6 76 65, E-Mail: eregensburg@t-online.de."  
 
Mai 2016: Die ersten "Stolpersteine" wurden verlegt   
Artikel von Sabine Balleier im "Main-Echo" vom 30. Mai 2016: "Miltenberg verneigt sich vor ermordeten Juden. Gunter Demnig verlegt die ersten neun Stolpersteine in der Kreisstadt
Miltenberg.
Mehr als 50 Juden allein aus Miltenberg wurden im Dritten Reich von den Nationalsozialisten deportiert. Sie starben in Konzentrationslagern, Ghettos oder auf dem Weg dorthin. Seit Samstag ist die Erinnerung an den grausamen Völkermord Teil des Alltags in der Kreisstadt: Neun Stolpersteine im Pflaster weisen auf die Schicksale ehemaliger jüdischer Mitbürger hin. Weitere sollen folgen.
In einem zweistündigen Festakt verlegte der Frechener Künstler Gunter Demnig die kleinen, messingbezogenen Würfel auf dem Marktplatz, vor dem Haus Hauptstraße 193 im Schwarzviertel, vor der früheren neuen Synagoge und dem Nachbarhaus in der Mainstraße. Dort lebten bis zum Beginn der 40er-Jahre Oskar, Rosa und Manfred Moritz, Mira Marx, Wilhelm Oppenheimer, Abraham, Nanny, Siegfried und Bella Heß. Sie alle wurde Opfer des Holocaust.
Bewegender Vortrag. In kurzen Vorträgen schilderten sechs Mittelschüler, vier Realschüler und sechs Gymnasiasten aus Miltenberg, was heute über das Leben der ermordeten Juden bekannt ist. Besonders bewegend: die fiktiven Tagebucheinträge der damals 18-jährigen Bella Heß. Sie hat - voller Angst - auch den Tag festgehalten, an dem ihre Familie von der Gestapo abgeholt und ins Ghetto nach Riga gebracht wurde. Trotz dieser nachdenklichen Momente war es kein bedrückend schwermütiger Festakt. Das lag nicht zuletzt an den Angehörigen der ermordeten Familie Moritz, die die Verlegung der Miltenberger Stolpersteine mit positiver Grundstimmung begleiteten: 'Dies ist ein bedeutsamer Tag', meinte Jon Meier, Enkel von Oskar und Rosa Moritz. 'Es ist ein wichtiger Schritt für uns alle, damit wir die Vergangenheit nicht vergessen.' Rosemarie Parker, ebenfalls eine Enkelin der Eheleute Moritz, sagte: 'Es ist gut, dass jetzt an die Geschehnisse erinnert wird. Ich bin dankbar, dass sich Leute hier drei Jahre lang dafür eingesetzt haben.' Mit Blick auf die Flüchtlingsproblematik erklärte sie, die Themen Verfolgung und Rassenhass seien heute wieder sehr aktuell. 'Das erfüllt uns mit großer Sorge.'
Zöller: 'Immer wieder mahnen'
Ähnlich äußerte sich der stellvertretende Landrat Thomas Zöller (Freie Wähler) über die aktuellen Erfolge rechter Parteien wie der AfD und der FPÖ. 'Deswegen ist die Erinnerung so wichtig', sagte er. 'Wir müssen die Menschen aufmerksam machen auf das Schicksal der Opfer und immer aufs Neue mahnen, dass so etwas wie die Judenverfolgung im Dritten Reich nie wieder passieren darf. Die Steine zeigen, wo Misstrauen und Vorurteile hinführen.'
Der Miltenberger Bürgermeister Helmut Demel sieht die Stolpersteine als 'Zeichen, dass wir aus der Geschichte lernen wollen'. Er zitierte einen Brief von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und sandte dazu einen Appell an die Gegner der Stolpersteinverlegung: 'Vielleicht lädt dieser Brief den einen oder anderen zum Umdenken ein.' Kritik an der Form der Erinnerung hatte es im Stadtrat von Seiten der CSU gegeben.
Schuster hatte der Stadt geschrieben, die Stolpersteine seien 'ein wichtiger Beitrag zu einer modernen Gedenkkultur'. Sie regten zum Nachdenken und Nachfragen an. Dies sei vor allem wichtig, weil die Zahl der Zeitzeugen schwindet. Für den Zentralratspräsidenten, das kam im Brief zum Ausdruck, bedeuten Steine im Boden nicht, dass das Schicksal der ermordeten Juden mit Füßen getreten werde. Man müsse sich hinterbeugen, um die Inschrift zu lesen. 'Diese Verneigung ist eine schöne Geste.' Vor den kleinen Gedenktafeln im Boden verneigten sich am Samstag beim Festakt auch die Paten der Stolpersteine: Sie legten weiße Rosen auf den frisch eingebauten Quadern nieder.
Initiative im Hintergrund
Dass die ersten Stolpersteine nun überhaupt im Miltenberger Pflaster liegen, ist das Verdienst der Initiative mit Karl Adalbert Maaß, Armin Weinmann und Jürgen Regensburg sowie der Eheleute Gabriele und Georg Bassarab, die die Schicksale der Mildenberger Juden in einer Datenbank zusammengetragen haben. Die Initiatoren hielten sich beim Festakt jedoch weitgehend im Hintergrund - bis auf einige kurze Worte und Musikbeiträge. Das Signal: Es geht nicht um sie, sondern um die Miltenberger Juden."  
Link zum Artikel  

      
        

Links und Literatur:

Links:  

Website der Stadt Miltenberg   
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Miltenberg (interner Link)  

Literatur:   

Richard Krautheimer: Mittelalterliche Synagogen. Berlin 1927.
Germania Judaica II,2 S. 540-542 und III,2 S. 870-874. 
Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. 1988 S. 89-92. 
Miltenberg Lit 015.jpg (33515 Byte)Ulrich Debler: Die jüdische Gemeinde von Miltenberg. In: Aschaffenburger Jahrbuch für Geschichte, Landeskunde und Kunst des Untermaingebietes. Bd. 17. 1995. Auch erschienen als separate Sonderveröffentlichung.
Thomas Michel: Die mittelalterliche Synagoge in Miltenberg/Main. In: Frankenland. Zeitschrift für fränkische Landeskunde und Kulturpflege. Jg. 50, Heft 4. 1998.
Hermann Neubert: Jüdisches Miltenberg. Einladung zu einem Rundgang. Reihe: Orte jüdischer Kultur 4/2000. Haigerloch 2000. 
Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13. Würzburg 2008. S. 205-206. 
Franken Obpf Lit 010.jpg (75915 Byte)Hans-Peter Süss: Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern. Franken und Oberfranken. Verlag Dr. Faustus Büchenbach 2010 (Reihe: Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands Band 25). Zu Miltenberg S. 89-95.  

     
       


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Miltenberg  Lower Franconia. Jews settled in the 13th century and were victims of the Black Death persecutions of 1348-49. At that time they had a synagogue and cemetery and lived in a Jewish quarter. In 1429 the synagogue was impounded and the Jews were apparently expelled. Those present in the early 17th century were expelled in 1647. Between 1661 and 1779, 15 meetings of the regional Judenlandtag were held in Miltenberg. The Jewish population grew to 109 in 1880 (total 3,683) and maintained nearly that level until the Nazi era. Under the Nazis, Jewish tradesmen were banned from local affairs. In 1933-40, 43 emigrated, including 31 to the U.S., and 42 left for other German cities. Of the remaining Jews, eight were deported to Izbica in the Lublin dist. (Poland) via Wuerzburg on 25 April 1942 and one to the Theresienstadt ghetto on 10 Sept. 1942. 
      
       

                   
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Stand: 12. Juni 2016