Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Neustadt an der Aisch mit Ipsheim (Kreis Neustadt a.d.Aisch - Bad Windsheim)
Jüdische Geschichte / Synagoge
    

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Persönlichkeiten: zu Elias Levita (1469-1549)  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
Links und Literatur   

  
  
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)         
   
In Neustadt an der Aisch bestand bereits im Mittelalter eine ansehnliche jüdische Gemeinde. Die Gemeinde wurde bei der sogenannten "Rintfleisch"-Verfolgung am 23. Juni 1298 vernichtet. An diesem Tag wurden 71 Juden verbrannt. Nicht bekannt ist, wann sich wiederum jüdische Familien in der Stadt niederlassen konnten. In Nürnberg werden in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts immer wieder Juden aus Neustadt genannt beziehungsweise hatten sich niederlassen können: Symon, Pucher, Jona b. Mose, Mardochay, Jale und Gutlein (Erwähnungen in der Jahren 1324, 1326, 1328, 1338, 1347, 1349). Doch lebten auch in Neustadt selbst in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts einige Juden, zumal bei der Verfolgung in der Pestzeit 1348/49 auch in Neustadt Juden ermordet wurden. Noch vor 1374 lebten wiederum Juden in der Stadt, doch blieb ihre Zahl bis auf weiteres sehr klein. 1421 kam es zu einem Pogrom in der Stadt durch ein gegen die Hussiten ziehendes Heer aus Flandern und Hennegau. Mehrere Juden seien dabei zwangsgetauft worden. 
   
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts besserten sich unter dem Markgrafen Albrecht Achilles Markgraf Albrecht Achilles (reg. 1440-1483) die Lebensbedingungen. Dieser hatte den Juden einen "Freibrief" ausgestellt., in dem ihnen gegen Zahlung entsprechender Schutzgelder zahlreiche Rechte zugestanden wurden. Die jüdischen Familien wohnten auf dem "Gänshügel" ("Gänsberg"), der unweit der Burg im Schutz der erweiterten Stadtmauer lag. 1499 wurden einige aus Nürnberg vertriebene Juden in Neustadt aufgenommen. 1515 vertrieb der Markgraf von Brandenburg-Kulmbach allerdings die Juden seines Landes und damit auch diejenigen in Neustadt.  
   
In Ipsheim wohnten zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert zeitweise jüdische Personen beziehungsweise Familien, jedoch kam es vermutlich zu keiner Zeit zur Bildung einer Gemeinde mit eigenen Einrichtungen. Im 15. Jahrhundert war mindestens eine jüdische Familie am Ort. Im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts sind einige jüdische Hausbesitzer fassbar: u.a. hatte 1726 Josef Levi aus Neustadt a.d. Aisch den Komplex der May'schen Schlosshöfe (Marktplatz 15) erworben und ihn 1728 an den Bäcker Philipp Riedel weiterverkauft. 1806 verkaufte Mendel Löw aus Lenkersheim das untere Stockwerk des May'schen Schlössleins (Kirchplatz 1).
   
Zwischen 1536 und 1767 lebten in Neustadt einzelne jüdische Personen beziehungsweise Familien, ohne dass es zur Bildung einer jüdischen Gemeinde kam. 1709 waren es drei, 1728 zwei, 1763 wiederum drei jüdische Familien in der Stadt. 
      
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte ein erneuter Zuzug jüdischer Familien aus umliegenden Landgemeinden wie Diespeck, Pahres u.a.m. Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich wie folgt: 1867 39 jüdische Einwohner (1,1 % von insgesamt 3.583 Einwohnern), 1871 57 (1,5 % von 3.709), 1880 147 (3,6 % von 4.114), 1890 170 (4,5 % von 3.748), 1900 210 (5,4 % von 3.870), 1910 146 (3,2 % von 4.494). 
 
Große Verdienste um den Aufbau der Gemeinde sowie um den Synagogenbau u.a.m. hatte Elias Stahl, der bis zu seinem Tod 1927 40 Jahre lang Gemeindevorsteher war. 22 Jahre lang gehörte er auch der Stadtverwaltung an (siehe Bericht zu seinem Tod unten). 
  
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge, eine Religionsschule mit Lehrerwohnung sowie ein rituelles Bad. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorsänger und Schächter tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). 1883ff wurde der Unterricht noch vom Lehrer aus Diespeck erteilt (vgl. unten Stellenausschreibung). Ab 1892 war ein eigener Lehrer für Neustadt tätig; als Lehrer werden genannt: Leser Hecht (stammte aus Homburg am Main; seit 1892 Lehrer in Neustadt; in Diespeck war er noch als Schächter tätig; gestorben 5. Mai 1920 und im jüdischen Friedhof Diespeck beigesetzt); Hechts Nachfolger war von 1921 bis 1923 Nathan Eschwege (geb. 1888 in Thüngen, war Anfang der 1930er-Jahre Lehrer in Rockenhausen); 1923 bis 1934 Lehrer Simon Blumenthal. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Diespeck beigesetzt. 
        
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Unteroffizier Adolf Dingfelder (geb. 24.8.1887 in Ühlfeld, gef. 10.10.1914), Sanitäts-Gefreiter Justin Dingfelder (geb. 23.12.1889 in Ühlfeld, gef. 11.8.1918), Gefreiter Norbert Hecht (geb. 22.6.1893 in Neustadt, gef. 16.5.1916), Gefreiter Wilhelm Friedrich Kraus (geb. 18.3.1889, gef. 11.6.1917), Simon Hecht (), Unteroffizier Theodor Sämann (geb. 29.6.1893 in Neustadt, vor 1914 in Nürnberg wohnhaft, gef. 20.9.1917), Siegfried (Fritz) Sternau (geb. 30.1.1896 in Diespeck, gef. 15.12.1916), Lnt. Ludwig Stahl (geb. 22.9.1887 in Neustadt, vor 1914 in Nürnberg wohnhaft, gef. 8.8.1918), Hermann Wollenreich (geb. 24.9.1893 in Kaubenheim, gef. 27.8.1918), Sgt. Leo Wollenreich (geb. 24.5.1891 in Kaubenheim, gef. 14.10.1918). Leo Wollenreich war noch mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden (Bericht im Frankfurter Israelitischen Familienblatt vom 6. November 1914). Die Namen der jüdischen Gefallenen stehen auf dem Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges vor dem städtischen Friedhof an der Ortseinfahrt aus Richtung Würzburg (B 8) auf den linken Seite der Riedfelder Straße. Das Denkmal wurde 1933 eingeweiht mit dem Text: "Die dankbare Heimat Neustadt an der Aisch 1933 ihren im Weltkriege gefallenen Söhnen. Euer Tod war unser Leben. Wach in uns ist eure Kraft". Die (meisten der genannten) Namen stehen auch auf dem Gefallenendenkmal im jüdischen Friedhof in Diespeck.  
     
Um 1924, als zur jüdischen Gemeinde (damals noch "Israelitische Kultusgemeinde Neustadt-Diespeck") noch 102 jüdische Personen gehörten (2,22 % der Gesamtbevölkerung, davon drei in Diespeck), waren die Vorsteher der Gemeinde: Julius Lehmann, Gustav Dingfelder, Martin Schwab, Simon Sämann, Leopold Schwab, S. Junker, Norbert Sternau, Elias Stahl. Als Kultusbeamter und Lehrer wirkte der bereits genannte Simon Blumenthal. Er gab an öffentlichen Schulen damals zwei jüdischen Kindern Religionsunterricht. Die Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat in Fürth. 1932 wurden 111 jüdische Einwohner gezählt, dazu gehörten auch die fünf noch in Diespeck wohnenden jüdischen Personen. Erster Vorsteher der Gemeinde war weiterhin Julius Lehmann, der zweite Vorsteher Gustav Dingfelder. Lehrer Simon Blumenthal ist auch als Schriftführer der Gemeinde genannt. An jüdischen Vereinen bestanden: der Israelitische Frauenverein (gegründet 1876, 1932 unter Leitung von Babette Sternau; Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger und Kranker) und der Wohltätigkeits- und Bestattungsverein Gemilus Chasodim-Chewra für Männer (gegründet 1876; 1932 unter Leitung von J. Lehmann; 25 Mitglieder). Außerdem bestand eine Ortsgruppe des Central-Vereins (unter Leitung von Norbert Sternau). Jüdischen Religionsunterricht durch den Lehrer Blumenthal erhielten im Schuljahr 1932/33 zehn jüdische Kinder.  
  
1933 lebten noch 74 jüdische Personen in Neustadt. Durch die Folgen des wirtschaftlichen Boykotts und der schnell zunehmenden Repressalien sind in den folgenden Jahren alle jüdischen Einwohner aus Neustadt verzogen. Es wurden gezählt: 1.1.1934 61 jüdische Einwohner, 1.1.1935 38, 1.1.1938 35, 9.11.1938 22, 13.11.1938 1, 16.12.1938 kein jüdischer Einwohner mehr. 
Über die antijüdischen Maßnahmen in Neustadt liegen zusammengefasst folgende Informationen vor (Zitat aus Ophir/Wiesemann s.Lit.): "Neustadt war eine Hochburg der NSDAP; schon 1931 erzielte sie bei den Stadtratswahlen die absolute Mehrheit... Um den wirtschaftlichen Boykott der Juden voranzutreiben, unterhielt die NSDAP in Neustadt einen umfangreichen Propagandastab. 1934 hielt dieser ca. 60 Versammlungen ab, in denen diejenigen öffentlich angeprangert wurden, die noch bei Juden kauften. Ein Propagandawagen fuhr wiederholt durch die Stadt und warnte durch Lautsprecher davor, bei Juden einzukaufen. Ein nichtjüdischer Arbeiter, der in einem jüdischen Laden einen Regenmantel erstanden hatte, wurde durch die Straßen geschleift und von Kindern bespuckt. Die jüdischen Geschäftsleute wurden gezwungen, an ihren Läden Schildern mit dem Text 'Streicher hat recht - die Juden sind unser Unglück' anzubringen. Im April 1934 wurde den jüdischen Ladeninhabern verboten, Brot zu verkaufen, während gleichzeitig die nichtjüdischen Läden angewiesen wurden, Juden nicht mit Brot zu beliefern..."
Von den jüdischen Einwohnern konnten drei in die USA auswandern, die übrigen verzogen in andere Städte (Würzburg, Fürth, Bamberg, Berlin, Bad Kissingen, Frankfurt am Main) und konnten teilweise von dort emigrieren. Am 8. November 1938 wurden die letzten 22 jüdischen Einwohner angewiesen, die Stadt innerhalb von acht Tagen zu verlassen. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge völlig zerstört, ein vierjähriges Kind durch brutale Misshandlungen schwer verletzt. 
  
Von den in Neustadt a.d. Aisch geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):    
Hedwig Bendel geb. Kraus (1891), Emma (Erna) Eckmann geb. Sulzbacher (1878), Julius Eschwege (1922), Anna Zilla Flach (1878), Betty Gutmann geb. Kühn (1873), Ernst Ludwig Kempe (1926), Felix Kraus (1893), Selma Kraus (1887), Bernhard Kühn (1884), Gutta (Gitta) Laub geb. Erlanger (1873), Flora Liebmann geb. Steinacher (1872), Alice Luchs (1931), Sophie Luchs (1933), Annelies (Anne) Roos (1924), Emma Rosenblatt geb. Hellmann (1913), Albert Sämann (1895), Hedwig Schlesinger geb. Sulzbacher (1880), Iwan Schwab (1889), Mathilde Schülein geb. Birgstein (1862), Benno Schönthal (1888), Lothar Schönthal (1886), Emma Sternau (1878), Pauline Uhlfelder geb. Freimann (1883).      
Anmerkung: Eine Liste auf Grund der Angaben bei Yad VaShem ist nicht zu erstellen, da mehrere Orte "Neustadt" erfasst werden und aus den Angaben bei Yad Vashem bei einem großen Teil der angegebenen Personen nicht zu erkennen ist, welches Neustadt gemeint ist; die nachstehenden Namen erfolgten auf Grund der Eingabe von "Neustadt +Aisch" im Verzeichnis des "Gedenkbuches", danach Auswahl aus dieser Liste, da auch die im Kreis Neustadt a.d. Aisch umgekommenen Personen aufgeführt werden
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Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
     
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1883 (noch von Diespeck aus!) / 1892 / 1907 / 1921 / 1923  

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. November 1883: "Die Stelle eines Schächters und Vorbeters in dem zur hiesigen Kultusgemeinde ressortierenden Neustadt a. Aisch soll mit einem Jahreseinkommen von circa Mark 1200 bis Mark 1400 baldmöglichst besetzt werden. Hierauf Reflektierende wollen ihre Meldungen nebst den erforderlichen Zeugnissen innerhalb 4 Wochen an den Unterfertigten einsenden. Reisekosten werden nur dem Gewählten erstattet. Diespeck in Mittelfranken, 28. Oktober 1883. 
Der israelitische Kultusvorstand. L. Schönwasser."
  
1892 wurde die Stelle als "Religionslehrer-, Vorsänger- und Schächterstelle" ausgeschrieben: 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Januar 1892: "Erledigte Stelle. In Neustadt a.A., welches zur hiesigen Kultusgemeinde ressortiert, ist die Religionslehrer-, Vorsänger- und Schächterstelle mit einem jährlichen Gesamteinkommen von ca. Mark 1600 erledigt und soll bis 1. April diesen Jahres wieder besetzt werden. Hierauf reflektierende inländische Bewerber mit seminaristischer Bildung wollen ihre Gesuche und Zeugnisse bis längstens 20. Januar diesen Jahres an den unterfertigten Kultusvorstand einsenden. Unverheiratete Kandidaten erhalten den Vorzug.
Diespeck (in Bayern), 3. Januar 1892. Der Israelitische Kultusvorstand: L. Schönwasser."
  
1907 wurde für die hohen Feiertag ein Hilfsvorbeter gesucht:     
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. August 1907: "Für Rosch Haschana (Neujahrsfest) und Jom Tow (Versöhnungstag) wird ein durchaus befähigter Hilfsvorbeter gesucht
Synagogen-Vorstand E. Stahl. Neustadt a.d. Aisch". 
   
Neustadt Aisch Israelit 26051921.jpg (46585 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1921: "Die durch Todesfall erledigte Stelle eines Kantors, Religionslehrers und Schochet ist neu zu besetzen. Das Einkommen beläuft sich auf annähernd 12.000 Mark. Bewerber wollen ihre Offerte mit genauen Angaben über Lebenslauf, Bildungsgang, Alter und Familienstand, spätestens bis 15. Juni an unterfertigte Stelle richten.  
Israelitische Kultusgemeinde Neustadt a. Aisch, Elias Stahl, 1. Vorstand."      
  
Neustadt a.d.A. Israelit 15031923.jpg (53530 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. März 1923: "Die israelitische Kultusgemeinde Neustadt an der Aisch (Mittelfranken) sucht per 1. April oder 1. Mai einen Vorbeter, Schächter und Religionslehrer. Gehalt nach Gruppe VI der Bayerischen Beamten-Besoldung. Dienstwohnung vorhanden. An Bayrischen Seminaren ausgebildete Herren bevorzugt. Bewerbungen mit Zeugnissen an den Kultusvorstand Julius Lehmann." 

  
Über Lehrer Simon Blumenthal (1923 bis 1934 Lehrer in Neustadt) 
Anmerkung (ein Bericht wurde noch nicht gefunden): Lehrer Simon Blumenthal ist 1872 - vermutlich in Heidingsfeld - geboren. Er erhielt seine Ausbildung an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg (Examen 1891). Später (kurz vor 1900) war er als Lehrer in Aub tätig, seit 1923 in Neustadt an der Aisch. Hier lebte er mit Frau, Kind und der Schwiegermutter (gest. 1925) im Haus Nürnberger Straße 13. 1934 ist er nach Würzburg gezogen (hier genannt als Lehrer a.D., wohnhaft Röntgenring 6). Er emigrierte im Juli 1939 mit seiner Ehefrau (Klara geb. Oppenheimer) in die USA (Chicago). Sein Sohn Dr. jur. Max Blumenthal ist 1900 in Aub geboren und war in Würzburg seit 1930/31 als Rechtsanwalt tätig (1933 mit Ehefrau Sidonie geb. Rindsberger in die USA emigriert).       
 
 
   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben    
Eine Ritualmordbeschuldigung vor 100 Jahren (sc. 1803)

Neustadt Aisch Israelit 22041903.jpg (324240 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. April 1903: "Eine Ritualmordbeschuldigung vor 100 Jahren. Zu den Vorurteilen, welche wie eine unheilbare Krankheit sich forterben von Geschlecht zu Geschlecht, ohne dass es der fortschreitenden Aufklärung bis jetzt wenigstens gelingen will, ihre Fortpflanzung und Ausbreitung zu verhüten und zu verhindern, gehört in erster Reihe auch das Vorurteil des ‚Ritualmordes’ oder die Beschuldigung, dass die Juden oder eine Sekte derselben zu rituellen Zwecken, besonders bei Gelegenheit ihres Osterfestes, Christenblut gebrauchen. Ehemals zwar, im 2. und 3. Jahrhundert gewöhnlicher Zeitrechnung, da waren es die Kirchenväter, welche ihre Religion verteidigen mussten gegenüber der Beschuldigung des Ritualmordes, die von heidnischer Seite gegen das Christentum erhoben wurden. Seit dem 13. Jahrhundert wurde nun diese wahnwitzige Verleumdung bald hier und bald dort in irgendeinem Winkel der Erde gegen die Juden gerichtet, und dadurch unsägliches Elend über sie gebracht. Heinrich Heines fragmentarische Dichtung ‚Der Rabbi von Bacharach’ gibt ein ergreifendes Bild von den panischen Schrecken, welche um die Osterzeit durch das Märchen vom Ritualmord in den Judengassen des Mittelalters verbreitet wurden. Dass aber auch noch in unseren Tagen, im Zeitalter des elektrischen Lichtes, das Gespenst des krassesten Aberglaubens in weiten Kreisen des Volkes umgeht, und die Massen wahnbetört, das beweisen die noch nicht vergessenen Affären von Xanten und Konitz.
In einer solchen Zeit dürfte es leider nicht unzeitgemäß sein, aus staubbedeckten Akten eine ‚Affäre’ auszugraben, die sich jetzt vor genau hundert Jahren auf dem damals unter preußischer Landeshoheit stehenden Gebiete von Bayreuth zugetragen, um an diesem Beispiel zu zeigen und zu beweisen, wie durch das rasche und energische Einschreiten von Behörden das Aufkommen von solchen verhängnisvollen Anklagen und Beschuldigungen im Keime unterdrückt werden können. Die ‚Affäre’ ist kurz erzählt folgende.
‚Im März 1803 verschwand in der Nähe von Neustadt a. Aisch ein christliches Kind im Alter von zwei Jahren. Nach 12 bis 13 Tagen wurde dasselbe auf einem Acker tot aufgefunden. Nach Aussage des über die stattgehabte Sektion aufgenommenen Protokolls war das Kind einfach erfroren. Das verhinderte aber nicht das Entstehen des Gerüchtes, dass das Kind das Opfer eines ‚Ritualmordes’ geworden. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Schauermär in der ganzen Gegend. Vergebens war die Intervention der lokalen Behörden, vergebens waren die aufklärenden Vorträge der Prediger auf den Kanzeln. Das Volk ließ sich den einmal gefassten Glauben nicht nehmen. Aufreizende Pasquille wurden gegen die Juden verbreitet und kein Jude, der sich auf den Straßen zeigte, war mehr seines Lebens sicher, bis endlich die Kultusgemeinde von Bayreuth im Interesse ihrer bedrohten Glaubensgenossen mit einer dringlichen Bittschrift an die Majestät des Königs von Preußen sich wandte, und dadurch die Provinzialbehörde zur Ergreifung energischer Maßregeln veranlasste. Von diesen Maßregeln verdient das folgende Publikandum, das wie ein kalter Strahl auf den entstandenen Brand der Leidenschaften wirkte, zur Kenntnis der Mitwelt gebracht zu werden.
‚Es ist der unterzeichneten Landes-Polizei-Stelle zur Kenntnis gekommen, dass zwischen den christlichen Untertanen und jüdischen Eingesessenen zu Ullstadt und Sugenheim im Neustädter-Kreise darüber Misshelligkeiten entstanden sind, dass man den Gedanken gefasst, es sei der im letzt abgewichenen Monat März vermisst und nach einigen Tagen auf einem Acker tot gefunden wordenen 2jährigen Knabe des von Frankensteinl. Pächters Matthäus Makel auf dem Buchhof unweit Ullstadt von Juden behufs der Feier ihres Osterfestes ermordet worden.
‚Je törichter dieses längst widerlegte Vorurteil einer intoleranten Vorzeit’ schon an sich ist, und so wenig dessen Fortpflanzung dem gegenwärtigen helleren Zeitalter zur Ehre gereicht, desto weniger hätte man in dem vorliegenden Fall, wo durch eine gerichtliche Untersuchung des Kindes die Überzeugung gegeben wurde, dass dasselbe auf dem Felde erfroren ist, erwarten sollen, dass jemand auf diese unvernünftige Vermutung verfallen und sich in solcher soweit verlieren und zu solchen Ausschweifungen verleiten lassen könne, wodurch sogar die öffentliche persönliche Sicherheit der jüdischen Bewohner jener Gegend in Gefahr zu kommen scheint.
Es kann diese veranlasste Ruhestörung wohl nur allein das Werk einzelner boshafter Menschen sein, die vom Hass gegen einzelne jüdische Glaubensgenossen angetrieben, Rache üben und dazu andere leichtgläubige Menschen missbrauchen und irre führen wollen, ohne zu überlegen, welches Ungemach sie sich selbst und anderen dadurch bereiten.
Die Ausmittelung dieser Ruhestörer wird indessen den Polizei-, vereinigt mit den Justizbehörden, nach den bereits gegen sie vorliegenden Anzeigen nicht schwer, und es wird eines jeden Teilnahme an der Sache nach dem Grade seines Verschuldens mit aller Strenge des Gesetzes geahndet werden, welche Strafen umso empfindlicher werden müssen, als dabei Vergehungen auf Vergehungen gehäuft worden sind. 
Neustadt Aisch Israelit 22041903a.jpg (80121 Byte)Indem dieses hierdurch zu jedermanns Wissenschaft bekannt gemacht und zugleich jeder dortige christliche Einwohner ernstlich gewarnt wird, sich nicht die mindesten weiteren Kränkungen gegen die jüdischen Eingesessenen zu erlauben; so verhofft die königliche Kriegs- und Domainen-Kammer, dass dieser Warnung Gehör gegeben und durch ein entgegengesetztes Benehmen, welches überdies eine Widergesetzlichkeit gegen obrigkeitliche Verfügungen bezeichnen und den Grad der Strafbarkeit erhöhen würde, nicht die Notwendigkeit werde veranlasst werden, dass die, den Unterbehörden des Kreises wegen ihres weiteren Verfahrens gegebenen ernsten Instruktionen zum Vollzug gebracht werden müssen.’
Gegeben Bayreuth, den 25. April 1803. Königliche Preußische Kriegs- und Domainen-Kammer.
Das vorstehende Publikandum verdanken wir Herrn Antiquar B. Seligmann in Bayreuth, der uns außerdem die Mitteilung macht, dass in Bayreuth noch weitere Aktenstücke in dieser Angelegenheit vorhanden sind."     

     
Forschungsstand zur jüdischen Geschichte der Stadt auf Grund verloren gegangener Quellen in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. September 1842: "In Neustadt an der Aisch sind nach mitgeteilten Akten erst nach dem 30-jährigen Kriege Juden gewesen. Siehe Geschichte der Stadt Neustadt an der Aisch von G. L. Lehres 1834. Bei der wiederholten Zerstörung dieser Stadt sind ältere Nachrichten zu Grunde gegangen."   

     
Meldung aus der Zeit des Ersten Weltkrieges  

Meldung im Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. November 1914: "Neustadt a. Aisch. Leo Wollenreich von hier hat das Eiserne Kreuz erhalten."  

     
Die Absetzung des Bürgermeisters 1935 wird auch in der Zeitschrift "Der Israelit" bekannt gegeben: 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juli 1935: "Neustadt (Bayern), 3. Juli. Die 'Fränkische Tageszeitung' meldet aus Neustadt an der Aisch: 'Auf Grund einer Verfügung vom 24. Juni 1935 hat das Staatsministerium des Innern auf Antrag der Kreisleitung der NSDAP Neustadt a.A. die Bestätigung des Bürgermeisters Gräbern von Schellert widerrufen. Der genannte Bürgermeister hat im vergangenen Jahre Geschäfte mit Juden gemacht. Er hat sich damit nicht nur das Ansehen in der Gemeinde, sondern in erster Linie auch das Vertrauen der politischen Leitung, die ihn im Jahre 1933 bestätigt hat, verscherzt. Seine durch das Staatsministerium verfügte Absetzung möge eine Warnung sein für alle, die da glauben, den Zielen des Dritten Reiches entgegenarbeiten zu können."   

   
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde    
Zum Tod von Elias Stahl (1927) - 40 Jahre Gemeindevorsteher in Neustadt   

Neustadt adA Israelit 16061927.jpg (127148 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juni 1927: "Neustadt a.d. Aisch, 8. Juni (1927). Am 29. Mai verschied dahier im 83. Lebensjahre der in weiten Kreisen bekannte und angesehene Elias Stahl. Mit dem Verblichenen verlor nicht nur die Familie den liebenden Gatten, den treu besorgten Vater, Großvater, Urgroßvater und Bruder, sondern beklagt auch die Kultusgemeinde den Verlust ihres Gründungsmitgliedes und Ehrenvorstandes. Ein selten großer Leichenzug bewegte sich anlässlich der Überführung zum Friedhofe in Diespeck am 31. Mai vom Sterbehause zum Synagogenhofe, woselbst angesichts der beleuchteten Synagoge, deren Errichtung hauptsächlich sein Verdienst gewesen, deren Pflege wie auch die Ausgestaltung des Gottesdienstes ihm Herzenssache war, die Trauerfeier stattfand. Herr Bezirksrabbiner Dr. Behrens hielt die Trauerrede, den Lebensgang des Verschiedenen schildernd, während Herr Lehrer Blumenthal im Namen der Gemeinde ihm in einem ehrenvollen Nachruf Worte des Dankes widmete, besonders betonend seine Verdienste um die Gemeinde, die er 40 Jahre lang mit aufrichtiger Hingabe leitete. Auch seine Verdienste im Dienste der Stadtverwaltung, der er 22 Jahre angehörte, sowie seines vieljährigen Wirkens im Armenpflegschaftsrate wurden rühmend erwähnt. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  

  
80. Geburtstag von Wolf Stahl (1927)  

Neustadt adA Israelit 03111927.jpg (65405 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. November 1927: "Neustadt a.A., 27. Oktober (1927). Am 23. Oktober feierte der in weitesten Kreisen angesehene Herr Wolf Stahl dahier in körperlicher und geistiger Frische seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlasse wurde derselbe in Anerkennung seiner vieljährigen, der Gemeinde insbesondere als Chasan (Vorsänger) der hohen Festtage geleisteten Dienste zum Ehrenmitglieder der Kultusgemeinde Neustadt a.A. - Diespeck ernannt. Herr Kultusvorstand J. Lehmann überbrachte dem Jubilar die Glückwünsche der Gemeinde mit Überreichung einer kunstvoll gearbeiteten Ehrenurkunde. Möge Herrn Stahl noch ein langer Lebensabend von Gott bestimmt sein."  

  
Zum Tod von David Wollenreich (1931)   

Bericht in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juli 1931: "Neustadt an der Aisch, 1. Juli (1931). Am Donnerstag, den 10. Tamus (25. Juni 1931), verschied nach mehrtägigem Krankenlager, ganz unerwartet im 64. Lebensjahre David Wollenreich. Die außerordentlich große Beteiligung bei der Beerdigung legte Zeugnis ab von der Verehrung, die er im Kreise seiner großen Verwandtschaft besaß und von dem Ansehen, dessen er sich bei der Gesamtbevölkerung der Stadt und Umgebung ohne Unterschied der verschiedenen Konfessionen sich erfreute. - Treu dem Religionsgesetze, aufrichtig G'tt und dem Glauben ergeben, führte der Verblichene mit seiner Gattin ein echt jüdisches Haus, das stets gastlich Verwandten, Freunden und auch den Armen geöffnet war. Rechtschaffen im Geschäfte, bescheiden in seiner Lebensführung, Frieden liebend und Frieden erstrebend, erwarb er sich die ungeteilte Achtung seiner Nebenmenschen. An der Bahre zeichnete Herr (Lehrer Simon) Blumenthal ein Bild des Entschlafenen. Die Herren Lehrer S. Sulzbacher, Biebrich und Ludwig Schwarz, Nürnberg widmeten im Namen der Familie dem Heimgegangenen tiefergreifende Worte."

   
   
Persönlichkeiten 
Elia Levita (1469 in Ipsheim an der Aisch, aufgewachsen in Neustadt an der Aisch - 1549 in Venedig) 

Neustadt Buch 05.jpg (31211 Byte)Elia Levita (im jüdischen Sprachgebrauch Elia Bachur oder Elia Ben Ascher Aschkenasi), geb. 1469 in Ipsheim an der Aisch, gest. 1549: bedeutender jüdischer Humanist und Sprachwissenschaftler. Elia Levita war der jüngste von neun Söhnen des Rabbi Ascher Levita. Die Familie des Rabbiners zog jedoch nach wenigen Jahren (1473?) nach Neustadt a.d. Aisch, wo Elia den größten Teil seiner Jugend verbracht. Auf Grund der Ausweisung von Juden aus Neustadt wanderte Elia Levita nach Italien aus, wo er 1496 in Venedig, 1504 in Padua lebte. Hier wurde er alsbald ein bewunderter und gefragter Lehrer, auch für christliche Wissenschaftler, die bei ihm das Hebräische erlernten. Ein enger Kontakt bestand mit dem Tübinger Humanisten Reuchlin. Auch Melanchthon hat die Werke Levitas gelesen und genutzt. Etwa ab 1504 lebte Levita in Rom, wo er mit seiner Familie im Haus des Generaloberen des Augustinerordens und späteren Kardinals Ägidius aufgenommen wurde. 1527 musste Levita auf Grund der Plünderungen Roms durch die Landsknechte Kaiser Karls V. aus Rom fliehen. Er verzog wiederum nach Venedig und genoss weiterhin höchstes Ansehen. 1541 reist Elia Levita nach Deutschland, wo er in Isny und Konstanz die Herausgabe seiner Werke betreute und weitere in Isny vollendete. 1544 kehrte Levita nach Venedig zurück, wo er 1549 verstarb. 
(Abbildung oben: Titelblatt eines Werkes von Elia Levita)
   
Elia Levita war bereits im 19. Jahrhundert Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen:
Neustadt a.d.A. AZJ 14071889.JPG (111154 Byte)Buchbesprechung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Juli 1889: "'Elia Levita und seine Leistungen als Grammatiker. Von Dr. J. Levi. Breslau, Schottländer, 1888'. Der von jüdischen Gelehrten kurz Rabbi Elia Bachur, von christlichen Elia Levita genannte verdienstvolle Grammatiker, welcher der hebräischen Grammatik die bis jetzt innegehaltene und in reichem Maße weiter geführte Gestalt gegeben (geb. in Neustadt a.d. Aisch am 13. Februar 1469), ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Der Verfasser lässt sich zuerst über das Leben und die Schriften Elia's aus, dann über dessen Bedeutung als Lehrer unter den Juden und unter den Christen, dann über seine Bedeutung als Grammatiker und über das grammatische System desselben. Hinzugefügt ist die Einleitung zu Meturgeman, zum ersten Male ediert. Die Monographie ist mit vielem Fleiße und richtiger Würdigung, sowie in klarer Darstellung abgefasst. Bekanntlich hat man in neuerer Zeit sich kritisch über die von Elia Levita ausgegangene Gestaltung der hebräischen Grammatik tadelnd geäußert und findet sie zu sehr der Grammatik der klassischen Sprachen angepasst, wodurch dem Charakter der hebräischen Sprache Gewalt angetan werde. Diese Streitfrage befindet sich jetzt noch im ersten Stadium und hat man weitere Erfolge abzuwarten."
   
Neustadt Aisch Israelit 11011894.jpg (83758 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Januar 1894: "Neustadt a. A. (nicht: H.) Dieser Tage hielt sich Herr Isidore Goldblum, Copist an der Bibliothèque Nationale in Paris, dahier auf, um in den Schriftstücken im hiesigen Rathause Forschungen anzustellen über den berühmten ... Rabbi Elias Lewita, welcher hier am 8. Februar 1477 geboren und 509 bei einer von der Regierung von Ansbach veranlassten Vertreibung der Juden mit seiner Familie auswandern musste. Herrn Goldblum gelang es, das uralte Stammhaus des Rabbi Elias aufzufinden, woselbst später ein Nachkomme desselben, der Hofjude Josel Levi, sein erstes Geschäftshaus errichtet hat. Herr Goldblum schreibt gegenwärtig ein Buch über die Geschichte des oben genannten Rabbi - seligen Andenkens - und hat bereits einige Kapitel derselben in den hebräischen Wochenschriften HaIwri und HaZifira veröffentlicht."

     
  
Direktor S. Kraus wirbt für seine Handelsschule (1890)   

Neustadt adA Israelit 03041890.jpg (50628 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. April 1890: "Vierkursige Handelsschule, 
Neustadt a.d. Aisch
(mit Pensionat). 
Rasche, zweckmäßigste Vorbereitung für den gewerblichen und kaufmännischen Beruf. Das Sommersemester beginnt am 15. April. 
Anmeldungen können jederzeit erfolgen. 
Näheres durch S. Kraus, Direktor."

   
Kaßriel Gottlieb aus Jerusalem, Kantor in Neustadt an der Aisch verkauft "Palästiner echte Medizin und Trink-Naturweine"

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. März 1890: "Wein aus dem Heiligen Land - Koscher auch zu Pessach. Palästiner echte Medizin und Trink-Naturweine, vom Oberrabbinat in Jerusalem beglaubigt, und von bedeutenden Ärzten und Chemikern - darunter die Herren Professoren Dr. Hilger - Erlangen, Dr. Kayser - Nürnberg - untersucht und bestens empfohlen, sind in 10 Sorten - starke und süße, rote und weiße - von 6 Flaschen an, zu äußerst billigen Preisen zu beziehen von Kaßriel Gottlieb aus Jerusalem, Kantor in Neustadt a.d. Aisch (Bayern). 
Preiscourant auf Verlangen franco und gratis.
Auf Wunsch bezeuge ich, dass mir die Koscher-Bescheinigungen des Herrn Oberrabbiner der aschkenasischen Gemeinden zu Jerusalem Rabbi Samuel Salant, vorgelegt worden sind, und dass daher über das Kaschrut der hier empfohlenen Weine kein Zweifel obwaltet.   
Mainz, den 27. Februar 1890. Dr. Lehmann." 

     
     
     
Zur Geschichte der Synagoge             
     
Seit Mitte der 1860er-Jahren war in Neustadt ein Betsaal vorhanden. Teilweise wurden von den neu zugezogenen jüdischen Familien auch die Gottesdienste im benachbarten Diespeck besucht. Den Betsaal in Neustadt hatte der 1865 zugezogene Hopfenhändler Isaak Abraham Erlanger in seinem in der Nähe des Marktplatzes gelegenen Hauses eingerichtet. Den Raum erreichte man "über zwei Stiegen auf dem Bodenzimmer". Der damals für den Distrikt zuständige Rabbiner Hajum Chaim Selz (Rabbiner des Distriktrabbinates Uehlfeld von 1831 bis 1876) meinte, dass der Betsaal im Haus Erlanger für die jüdischen Familien der Stadt "vollkommen geeignet" sei. Es sei ein "würdiger Betsaal", in dem alles zum Gottesdienst Notwendige vorhanden sei. Allerdings war der Raum relativ klein; an den hohen Feiertagen fand alsbald nur noch ein Teil der Gemeindemitglieder einen Platz.   
    
Nachdem die Zahl der jüdischen Familien in Neustadt in den 1870er-Jahren weiter zunahm, bemühten sich die Familien um den Bau einer Synagoge. Ein geeignetes Grundstück in der Gartenstraße (bisher Hopfengarten und Wiese) bot sich als Synagogengrundstück an. Zum gemeinsamen Erwerb gründeten die damaligen jüdischen Haushaltsvorstände 1876 eine "Synagogengesellschaft". Da die schöne und noch bestens erhaltene Synagoge in Pahres nach Wegzug der meisten dortigen jüdischen Familien nicht mehr gebraucht wurde, ist das Gebäude in Pahres abgebrochen und auf dem Grundstück in der Neustädter Gartenstraße wieder aufgebaut worden. Die Einweihung war am 31. Mai 1878 und wurde nach einem zeitgenössischen Bericht als "ein schönes Fest" für die ganze Stadt gefeiert. Nach einem Abschiedsgottesdienst im bisherigen Betsaal begaben sich "die Festteilnehmer in feierlichem Zuge über den Markt durch die beflaggten, dicht besetzten Straßen zur Synagoge" (Anzeige-Blatt der Stadt Neustadt an der Aisch Nr. 45 vom 5. Juni 1878).
  
Hinweis: das Einweihungsdatum 31. Mai 1880 (Gedenktafel) ist nicht korrekt; zum Einweihungsdatum 31. Mai 1878 siehe als Quelle auch: Akten über die Bildung einer israelitischen Kultusgemeinde, StA Nürnberg, BA Neustadt, Abgabe 1951 Nr. 273; Angabe von Ilse Vogel).  
   
Fast 60 Jahre war die Synagoge in Neustadt Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens in der Stadt. Offenbar wurde sie in dieser Zeit kaum einmal größer renoviert, kein Protokoll erwähnt den Zustand des Gebäudes. Zu gewaltsamen Aktionen gegen die Synagoge kam es bereits Ende der 1920er-Jahre. 1929 wurden zweimal hintereinander die Fenster der Synagoge zerschlagen.   
     
In der NS-Zeit verließen nach 1933 viele der jüdischen Einwohner die Stadt beziehungsweise wanderten aus (siehe oben). Gottesdienst konnten in der Synagoge immer weniger stattfinden. Nach Auflösung der jüdischen Gemeinde wurde das Synagogengebäude im September 1938 an den Mineralwasserfabrikanten Fritz Hufnagel in Neustadt verkauft. Das Gebäude befand sich damals offenbar in einem inzwischen schlechten Zustand. Vermutlich waren die meisten Fenster eingeworfen oder wurden trotz des Besitzerwechsels noch beim Novemberpogrom 1938 eingeworfen. Zu besonderen Aktionen gegen das Synagogengebäude im November 1938 ist es jedoch nicht gekommen.
  
Im Juli 1939 wurde der Gebäudebesitzer Hufnagel von der Kreisleitung der NSDAP aufgefordert, das ehemalige Synagogengebäude "nicht nur zu renovieren, sondern baulich so verändern zu lassen, dass alle Merkmale bzw. jede Erinnerung an eine Judenschule aufgehoben werden muss, andernfalls ein Abbruch in Frage kommt." Hufnagel hat hierauf das Gebäude bis auf die Grundmauern abgebrochen und einen Holzschuppen auf dem Grundstück errichten lassen. 1959 wurde ein Wohnhaus mit Garagen auf dem Grundstück errichtet. Dieses Gebäude ist bis zur Gegenwart vorhanden.    
        
Eine Gedenktafel wurde angebracht (Text s.u. mit falschem Einweihungsdatum)        
    
    
Adresse/Standort der SynagogeGartenstraße 6 
    

    
Fotos    

Historisches Foto   Neustadt adA Synagoge 020.jpg (77405 Byte) 
       Fotografie der nach Neustadt transferierten Pahreser Synagoge (Foto entstanden um 1900)
 Aus: Album von Neustadt a/d Aisch. Verlag der Engelhardtschen Buch- und 
Musikalienhandlung in Neustadt a.d. Aisch).   

(Scan erhalten über Erich Walz, Neustadt) 
      
     
Das Synagogengrundstück 2007
mit der Gedenktafel
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 16.9.2007) 
Neustadt adA Synagoge 150.jpg (70614 Byte) Neustadt adA Synagoge 153.jpg (76983 Byte)
    Das an Stelle der Synagoge 1959 erbaute Haus 
    
    Neustadt adA Synagoge 152.jpg (73470 Byte)
    Gedenktafel für die ehemalige Synagoge mit dem Text: "(hebräisch und deutsch:) Zum ewigen Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger, die während der Jahre 1933 bis 1945 ihr Leben lassen mussten. (hebräisch und deutsch:) Ihre Seelen mögen eingebunden sein im Bunde der Lebenden. 
An dieser Stelle stand die Synagoge der jüdischen Kultusgemeinde von Neustadt a.d. Aisch.
 Eingeweiht am 31. Mai 1880, zerstört am 10. November 1938".
   
Andernorts entdeckt: Grabstein für 
Jeanette Liebreich aus Neustadt im 
jüdischen Friedhof Heidingsfeld
Heidingsfeld Friedhof 227.jpg (64868 Byte)  
   Grabstein für Jeanette Liebreich 
aus Neustadt a. Aisch 
(geb. 23.9.1865,  gest. 19.11.1936)
 
       

    
    
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   

Februar 2008: Das Buch "Vom Land in die Stadt" von Ilse Vogel wird vorgestellt    
Pahres Lit 040.jpg (125984 Byte)Artikel aus dem "Rathausboten" der Stadt Neustadt a.d. Aisch Ausgabe 3/2008 S. 14: "270 Jahre - Viel beachtete Buchpräsentation von Ilse Vogel".   
Zum Lesen des Artikel bitte Textabbildung anklicken.     

   

Oktober 2010: In Neustadt sollen "Stolpersteine" verlegt werden     
Artikel in "nordbayern.de" vom 9. Oktober 2010 (Artikel): "Projekt 'Stolpersteine' sucht Mitwirkende
Aktive aus Würzburg stellte ihre Arbeit vor – 'Arbeitsgruppe' in Neustadt gebildet.  
NEUSTADT - Nach den sehr intensiven Diskussionen bei der ersten Veranstaltung über die 'Stolpersteine' in Neustadt, stand beim zweiten Treffen – in dieser Woche in der Bühne im Torhaus – bereits die praktische Umsetzung des Vorhabens im Vordergrund. Das Ziel, für alle von den Nationalsozialisten ermordeten Neustädter einen Stolperstein zu setzen, wurde dabei von den Teilnehmern nicht mehr in Frage gestellt. 
Um sich ein Bild zu machen, wie ein solches Projekt erfolgreich realisiert werden kann, hatten Corinna Gräßel vom Bündnis gegen Rechts und Friedrich Weiß als Mitglied im Geschichts- und Heimatverein Vertreter der Projektgruppe 'Würzburger Stolpersteine' eingeladen, die auch einen (mit einem Schreibfehler gefertigten und daher nicht verlegten) 'Stolperstein' zur Ansicht mitbrachten. Benita und Michael Stolz sowie Helmut Försch erläuterten anhand einer Präsentation ihre praktische Arbeit, die Organisation des Würzburger Projektteams, die Zusammenarbeit mit der Stadt sowie die Kooperation mit zahlreichen weiteren Organisationen – von amnesty international über die Kirchen bis zur Volkshochschule. 
Die Fragen der Neustädter gingen im Anschluss schon bis in die Details der Steinverlegung: die Terminabstimmung mit dem Künstler Gunter Demnig, der Umgang mit den Steinen bei Bauarbeiten auf dem Gehweg oder die Erstellung von Spendenquittungen wurden thematisiert. Die dritte Bürgermeisterin Ruth Billmann und Stadtrat Bernd Schnizlein interessierten sich besonders für die erforderlichen Genehmigungen seitens der Stadt zur Verlegung von Stolpersteinen im öffentlichen Raum. Hier erläuterten die Würzburger Gäste, dass nicht jeder Stein und jeder Ort explizit genehmigt werden müsse, sondern dass es üblich sei, einen Grundsatzbeschluss im Stadtrat zu fassen und dann die genaue Abstimmung der Lage eines Steins auf Verwaltungsebene zu klären. Bezirksrätin Gabi Schmidt schlug vor, für Begleitveranstaltungen zu Steinverlegungen, wie sie in Würzburg üblich sind, das jüdische Museum in Fürth mit einzubeziehen. Ilse Vogel regte an, für Schüler, die zwangsweise die Schule in Neustadt verlassen mussten, oder für Menschen, die sich unter dem Druck der zunehmenden Ausgrenzung das Leben nahmen, zusätzlich Gedenktafeln mit dem Lebenslauf oder einen entsprechenden Gedenkort zu gestalten. Die Anregung wurde als Ergänzung mit aufgenommen. 
Nach den Gesprächen mit den Würzburger Aktiven erklärten sich knapp ein Dutzend Neustädter bereit, aktiv an dem Projekt mitzuarbeiten. Die anschließende Projektstrukturierung auf der Pinnwand lehnte sich stark an die Projektgliederung aus Würzburg an – mit Arbeitspaketen von der praktischen Organisation der Verlegung über die Öffentlichkeitsinformation und die Datenrecherche bis zur Klärung der Zusammenarbeit mit der Stadt. 
Die neue 'Arbeitsgruppe Stolpersteine' trifft sich zum ersten Arbeitstreffen, bei dem eine Projektbeschreibung und eine Konkretisierung der Arbeitspakete erstellt werden sollen, am Mittwoch, 3. November, um 19.30 Uhr im kleinen Sitzungssaal des Neustädter Rathauses. Weitere Mitarbeiter, die sich in die praktische Umsetzung der 'Stolperstein'- Idee einbringen möchten, sind willkommen."
 
Dezember 2010: Zahlreiche Unterstützer für die Verlegung von "Stolpersteinen" in Neustadt   
Neustadt adA PA 201012a.jpg (146421 Byte)Artikel aus der "Neustädter Zeitung" vom 28. Dezember 2010 (Artikel erhalten von Erich Walz, Neustadt): "Nach Katholiken auch Protestanten für 'Stolpersteine'. Zahlreiche Unterstützter. Schulen möchten sich beteiligen - Finanzierung gesichert. 
Neustadt
(pm). - Die 'Stolpersteine' in Neustadt finden immer mehr Mitstreiter. Inzwischen hat sich nach der katholischen Pfarrei auch der evangelische Kirchenvorstand mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, das Projekt in Neustadt zu realisieren. 
Die Schulen möchten sich ebenfalls in die Umsetzung einbringen. Auch eine Projektbeschreibung für die Stadtratssitzung Anfang 2011 wurde inzwischen erstellt. Dies macht deutlich, dass es sich bei den Stolpersteinen um Erinnerungszeichen für alle Opfer des Nationalsozialismus handelt, nicht nur für jüdische Ermordete...  
Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger haben bereits 'Steinpatenschaften' angeboten. Die Finanzierung der ersten Verlegungen wäre somit bereits mehr als gesichert. Ansprechpartner in der Region sind Friedrich Weiß 09161/665115 und Corinna Gräßel 0170/3104384."
Hinweis: Zum Lesen des ganzen Artikels bitte Textabbildung anklicken.      
 
Januar 2011: Prominente Unterstützung für die Aktion "Stolpersteine" in der Stadt     
Artikel in der "Windsheimer Zeitung" vom 30. Januar 2011 (Artikel): 
"Lindenstraßen-Produzent unterstützt Stolperstein-Aktion
Der ehemalige Neustädter Hans W. Geißendörfer will die Patenschaft für einen Neustädter Gedenk-Stolperstein übernehmen-
NEUSTADT -
In Neustadt tut sich was in Sachen Stolpersteine. Aktuell hat Film- und Fernseh-Produzent Hans W. Geißendörfer (Lindenstraße) als ehemaliger Neustädter erklärt: 'Ich bin gerne bereit, eine Patenschaft für einen Neustädter Stolperstein zu übernehmen.' Vor einigen Tagen waren trotz Schneefalls und Minusgraden beim Stadtrundgang zum Internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus etwa 25 Teilnehmer in der Stadt unterwegs. 
Aufgrund der Witterung hatte die Arbeitsgruppe Stolpersteine mit wesentlich geringerer Beteiligung gerechnet. Von der Unteren Waaggasse, wo sich früher eine Hopfenverarbeitung im Besitz der jüdischen Familie Sternau befand, begleitete Stadtführer Friedrich Weiß die Interessierten zur Wilhelmstraße, wo der Familie Stein gedacht wurde. Anschließend führte der Weg auf den Marktplatz vor das ehemalige Hotel Krone, das heutige Restaurant Bamboleo, das Iwan und Hilda Schwab gehört hatte; beide waren in der Shoah ermordet worden. In der angrenzenden Nürnberger Straße, wo einst die Familien Wollenreich und Luchs wohnten, denen in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 die Wohnungen verwüstet worden waren und die daraufhin Neustadt als letzte Juden verlassen mussten, legten die Teilnehmer des Rundgangs - wie auch für die anderen NS-Opfer rote Rosen mit Namensbändern für die Ermordeten nieder.
Gedenkansprache am Standort der Synagoge. Über den früheren Ludwigsplatz, heute Max-Döllner-Platz, wo Jenny und Hugo Sternschein wohnten, ging die Gruppe weiter in die Bamberger Straße zum Standort des ehemaligen Handelsgeschäfts der jüdischen Familie Lein sowie zum Geschäftshaus von Rudi und Martin Schwab, dessen Sohn Henry (Hans) Schwab den Holocaust überlebt hatte und heute in den USA lebt. Den Abschluss des Rundgangs zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Neustadt bildete eine Gedenkansprache am Standort der ehemaligen Synagoge in der Gartenstraße.
Vor der Krone und in der Nürnberger Straße möchte die Arbeitsgruppe Stolpersteine gerne die ersten Stolpersteine in Neustadt verlegen, da für die Familien Hilda und Iwan Schwab sowie Luchs die erforderlichen Daten bereits vollständig vorliegen. Die Arbeitsgruppe freut sich sehr über die Zusage, dass Geißendörfer in der Stadt seiner Jugend bei der Aktion mithilft. Seine Fernsehserie Lindenstraße hatte das Thema aufgegriffen. Der von den Vereinten Nationen zum internationalen Holocaust-Gedenktag ernannte 27. Januar erinnert an die Befreiung der Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 und gilt in Deutschland seit 1996 als offizieller Gedenktag."    
   
Februar 2011: Vorstellungen der Neubearbeitung der Publikation von Ilse Vogel im Februar 2011   
Ilse Vogel:  Der Judensäcker. Begräbnisstätte der Juden in der Diespecker Flur. 1785 – 1938. 
Neuauflage PH. C. W. Schmidt  2011. ISBN 978-3-87707-787-0 
  
Das Buch ist eine Dokumentation jüdischen Lebens im mittleren Aischgrund und umfasst 240 Seiten. Es enthält viele Abbildungen und Erklärungen, Übertragung der hebräischen Inschriften und ausführliche Register. Es kostet € 32 und kann nach der Vorstellung erworben werden. 
Nach langjährigen Vorarbeiten, u. a. über die jüdischen Gemeinden in Diespeck (2003), in Pahres und Neustadt (2008) bietet die Autorin nun eine ausführliche Darstellung über 150 Jahre Belegung im Friedhof, über jüdische Bestattungskultur und zeitbedingte Akkulturation. Ein schematisches Auflisten von Grabsteinen wurde vermieden, da diese den Familien zugeordnet sind. 
Die im Abschnitt 'Eingeschrieben ins Buch des Lebens – hebräisch, wie sonst?' abgebildeten Steine entsprechen heute kaum noch der Wirklichkeit vor Ort, denn der 'Zahn der Zeit' nagt unaufhaltsam am Material.
   
Die Buchvorstellung fand jeweils um 19 Uhr unter angepassten Themen und ausgewählten Fotos statt.  
In Diespeck am Freitag, 4. Februar 2011 in der Schule: Geboren in Diespeck – gestorben in Neustadt – ein stolzer Rest aber blieb. 
150 Jahre diente das 'Haus des Lebens' der Bestattung ihrer Gemeindeglieder.
In Neustadt am Dienstag, 8. Februar 2011 im Gewölbe im Alten Schloss
Sie haben die Stadt aus dem Mittelalter geholt und den Judensäcker, das 'Haus des Lebens', in Diespeck, gleich dazu.
In Pahres am Mittwoch, 9. Februar 2011 in der Gaststätte Hofmann 
Tote Steine zum Leben erweckt – 100 Jahre Belegung der Gemeinde in Pahres von 1786 – 1874.  
 
Presseartikel und Fotos von der Buchverstellung  
(Fotos unten: Hahn)  
Neustadt BV PA 08022011a.jpg (277539 Byte)Artikel in der "Fränkischen Landeszeitung" (Neustadt/Aisch Stadt und Land) vom 8. Februar 2011: "Ilse Vogel stellte ihr neues Buch 'Judensäcker' beim Geschichts- und Heimatverein in Diespeck vor. Erinnerung für Nachwelt wach halten. Grabsteine verraten viel über den Verstorbenen - Weitere Lesungen in Neustadt und Pahres.
Diespeck (cf). Spätestens nach der Schändung des Judenfriedhofes in Diespeck vor ein paar Jahren kam der Zeitpunkt, an dem Ilse Vogel beschloss, mit ihrer Dokumentation zu beginnen. Jetzt ist ihr Werk 'Der Judensäcker', eine Begräbnisstätte der Juden in der Diespecker Flur, von 1785 bis 1938 fertig. Sie konnte ihr Buch nun, wie berichtet, beim Geschichts- und Heimatberein Diespeck erstmals der Öffentlichkeit vorstellen..."  
Zum weiteren Lesen des Artikel bitte Textabbildung anklicken.      
 
 Neustadt BV 08022011a.jpg (113616 Byte) Neustadt BV 08022011b.jpg (69398 Byte) Neustadt BV 08022011c.jpg (97123 Byte) Neustadt BV 08022011d.jpg (99515 Byte)
Im Gewölbe des alten Schlosses Während der Präsentation des Buches Ilse Vogel bei der Autogrammstunde
   
Juni 2011: Auch in Neustadt soll der Opfer des Nationalsozialismus stärker gedacht werden    
Artikel vom 16. Juni 2011 in den "Nürnberger Nachrichten" (nordbayern.de) (Artikel): "Einstige NSDAP-Hochburg Neustadt will an Nazi-Opfer erinnern
Die Nerven liegen manchmal blank.   

NEUSTADT/Aisch - Erst jetzt soll in Neustadt/Aisch, einst Hochburg der NSDAP, der Opfer des Nationalsozialismus gedacht werden. Weil es schwer ist, das jahrzehntelange Schweigen zu durchbrechen, liegen gelegentlich die Nerven blank. 
Über 22.000 Stolpersteine hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in den letzten beiden Jahrzehnten auf Gehwegen verlegt. Es sind kleine Messingplatten, auf denen die Lebensdaten von Juden stehen, die während des Nationalsozialismus vertrieben oder ermordet wurden. Sie erinnern in ganz Europa an die Opfer vor den Häusern, in denen sie zuletzt gewohnt hatten.
Solche Stolpersteine sollte es auch in Neustadt/Aisch geben; wie zum Beispiel in Nürnberg, Baiersdorf oder im nahen Scheinfeld, so die Idee einer kleinen Arbeitsgruppe. Das Projekt schien auf offene Ohren zu stoßen: Bürgermeister Klaus Meier (SPD) signalisierte Sympathie, die evangelische Kirche fand das Vorhaben gut, und 'Lindenstraßen'-Erfinder Hans W. Geißendörfer, in der Kleinstadt Neustadt aufgewachsen, wollte sich an der Finanzierung beteiligen. Trotzdem ist das Vorhaben weit von einer Umsetzung entfernt: der Stadtrat blockiert es. Doch Corinna Gräßel von der Arbeitsgruppe verspricht: 'Wir werden eine Möglichkeit finden, an die Opfer zu erinnern.'
Juden ausgewiesen. Der Nachholbedarf ist groß, denn die Stadt hat eine tiefbraune Vergangenheit: Bereits 1931, weit vor der Machtergreifung, hatte die NSDAP eine Mehrheit im Stadtrat. Ein Jahr später wurde Adolf Hitler Ehrenbürger. Bürgermeister der Stadt blieb Leonhard Bankel, eigentlich ein Nationalliberaler, der sich im Amt halten konnte, weil er mit der NSDAP kollaborierte und 1937 Parteimitglied wurde. Ein Jahr später wies er die letzten Juden aus der Stadt aus, nachdem NSDAP-Mitglieder deren Wohnungen verwüstet hatte. Um 1900 hatte die jüdische Gemeinde noch über 200 Mitglieder gezählt. 1948 wurde Bankel wieder zum Bürgermeister gewählt, drei Jahre später zum Ehrenbürger. Bis heute ist der Platz vor dem Feuerwehrhaus nach ihm benannt. Sein Nachfolger wurde 1960 der Sozialdemokrat Karl Ströbel, der während des Dritten Reiches zur 'unwandelbaren Treue zum Führer Adolf Hitler' aufgerufen und gegen Juden gehetzt hatte: Die Entnazifizierung war also gründlich gescheitert.
Wolfgang Mück, promovierter Historiker, Lehrer und später Bürgermeister (1990-2002), trägt seit den siebziger Jahren diese Fakten über Neustadts Nazi-Vergangenheit zusammen und veröffentlicht sie, beispielsweise in den Schriften des Geschichts- und Heimatvereins. Es war lange eine 'zarte Pflanze', sagt der 71-Jährige heute; eine breite Öffentlichkeit hat er viele Jahre nicht erreicht. Fazit seiner Recherchen: Gedenken kann schmerzhaft sein, aber es lohnt sich, das Schweigen zu durchbrechen.
Die Arbeitsgruppe Stolpersteine hat es ihren Gegnern unnötig leicht gemacht: Sie verlangte, dass die Gedenkplatten auch gegen den Willen der jetzigen Hauseigentümer verlegt werden sollten. Viele der gut zwei Dutzend in Frage kommenden Häuser wurden arisiert, befinden sich in zweiter oder dritter Generation in Familienbesitz, andere wurden verkauft. 'Diese Besitzer können wirklich nichts dafür', sagt Bürgermeister Meier. Doch hätte der Rat, in dem weder CSU noch SPD eine Mehrheit haben, auch Einvernehmen mit dem Eigentümer zur Voraussetzung machen können. Das unterblieb.
Mahnmal geplant. CSU-Fraktionschef Peter Holzmann fürchtet eine Diskriminierung von Besitzern, die Nein sagen, aber auch negative Reaktionen, wenn die Steine erst vor dem Haus liegen. Die Adressen sind jedoch großteils veröffentlicht. Mit einem Bürgerantrag brachten die Arbeitsgruppe das Thema in den Stadtrat – er wurde abgelehnt. Die Parteien einigten sich immerhin auf ein Mahnmal für alle NS-Opfer vor dem Rathaus am Marktplatz.
Doch dieser scheinbar elegante Ausweg führte sofort zur nächsten Auseinandersetzung: Die SPD wollte die jüdischen Mitbürger ausdrücklich erwähnen, die CSU stimmte dagegen.
'Es gab immens viele Opfer in der NS-Zeit', begründet CSU-Chef Holzmann. 'Wir wollen aller gedenken.' Damit handelte er sich heftige Kritik von Altbürgermeister Mück ein: Das Unrecht an den Juden müsse angesprochen werden, als 'ein Stück nachträgliche Wiedergutmachung'.
Auf große Sympathien bei CSU wie SPD stößt nun die Idee, in der Ehrenhalle des Rathauses, nahe am Mahnmal, ein Buch aufzulegen, in dem die Schicksale der ehemaligen Neustädter jüdischen Glaubens dokumentiert werden. Die Stolpersteine werden in anderer Form wieder auf die Tagesordnung des Stadtrats kommen, kündigt SPD-Fraktionschef Norbert Kirsch an. Die Debatte hat erst begonnen — 66 Jahre nach Ende der NS-Zeit."   
 

    
     

Links und Literatur

Links:  

Website der Stadt Neustadt a.d. Aisch  
Website der Gemeinde Ipsheim  mit Beitrag von Christoph Rückert zu "Elia Levita - Ein bedeutender Sohn Ipsheims"   
Die Namen der jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges in den Listen des Hauses der Bayerischen Geschichte (zu Neustadt an der Aisch)  

Literatur:  

Germania Judaica II,2 S. 582.583; III, 2 S. 959-962.  
Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 201-202.  
Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 167.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 317-319.  
Neustadt Pahres Lit 100.jpg (99231 Byte)Ilse Vogel: Vom Land in die Stadt. 200 Jahre Judenschaft zu Pahres - 70 Jahre jüdisches Leben in Neustadt an der Aisch. 2008. 290 Seiten. ISBN 978-3-87707-712-2.      
Bayern SynGedenkband II.jpg (63426 Byte)"Mehr als Steine...." Synagogen-Gedenkband Bayern. Band II: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager, unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner. Hg. von Wolfgang Kraus, Berndt Hamm und Meier Schwarz. Reihe: Gedenkbuch der Synagogen in Deutschen. Begründet und herausgegeben von Meier Schwarz. Synagogue Memorial Jerusalem. Bd. 3: Bayern, Teilband 2: Mittelfranken. Lindenberg im Allgäu 2010. 
Kunstverlag Josef Fink Lindenberg im Allgäu

ISBN 978-3-89870-448-9.   Abschnitt zu Neustadt an der Aisch S. 448-465.   

   
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Neustadt an der Aisch  Middle Franconia. In the Rindfleisch massacres of 1298, 71 Jews were murdered an in the Black Death persecutions of 1348-49 the community was destroyed. In 1409, Jews received a charter of privileges permitting them to engage in moneylending and moneychanging. In 1499 refugees from the Nuremberg expulsion arrived and in 1515 the Jews of Neustadt were themselves expelled, some finding shelter in Frankfurt and others in Prague. In 1803, the Jews were victims of a blood libel. Only in the mid-19th century did Jews again settle in significant numbers. A synagogue was built in 1883. The Jews numbered 210 (total 3.870) in 1900 and 74 in 1933. Neustadt was one of the hotbeds of Nazism in Bavaria. Christian stores were forbidden to sell bread to Jews and Jewish stores were forbidded to sell bread at all. By November 1938, 55 Jews hat left the town, most for other German cities. The rest left immediately after the Kristallnacht riots (9-10 November 1938). 
      
       

                   
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Stand: 05. April 2014