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in Baisingen
Baisingen (Stadt
Rottenburg am Neckar, Kreis Tübingen)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte des Ortes
Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit
Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Baisingen wurden in jüdischen Periodika
gefunden.
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt.
Übersicht:
Allgemeine Beiträge
Zur
Geschichte der Juden in Baisingen (Artikel von 1927)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. September
1927: "Beiträge zur Geschichte der Juden in Württemberg.
Megillas Baisingen.
B.D.V.O.O.L.V.H.M.M.
Im Jahre 5603 nach jüdischer, dieses ist im Jahre 1848 nach christlicher
Zeitrechnung, empörte sich Sizilien wider seinen König, den König von
Neapel. Am 24. Februar genannten Jahres brach auch in Frankreich eine
Revolution aus, in deren Folge der König, seine Familie und Minister
flüchtig werden mussten und das Land sowohl als seine Kolonien zur Republik
erklärt wurde. Kaum war Kunde von der französischen Umwälzung nach
Deutschland gekommen, so erhoben sich alsbald die deutschen Staaten, an
ihrer Spitze die Bewohner der Residenzen und Hauptstädte, und forderten von
den Fürsten und Regierungen Erleichterung der Steuern und Abgaben und
Einführung eines einheitlichen Regiments für das gesamte deutsche Land.
Am 1. März wurde diese Forderung in Karlsruhe, Residenz des Großherzogs von
Baden, und tags darauf in Stuttgart, Residenz des Königs von Württemberg,
dem Gott alles Gute gebe, gestellt. So flog die Revolution nach Wien,
Residenz des Kaisers von Österreich, und nach Berlin, Residenz des Königs
von Preußen. Es war kaum ein größerer oder kleinerer Ort, da nicht die
Bewohner sich erhoben gegen ihre obrigkeitlichen Beamten und dieselben
entsetzten oder zu entsetzen gedachten. In dieser Zeit war nicht bloß
Revolution in oben genannten Ländern, sondern auch in Italien und Ungarn.
Mächtige wurden gestürzt und das Gesindel erhob sich und viele jüdische
Gemeinden in diesen Ländern wurden vielfach misshandelt.
Auch wir, die jüdischen Einwohner des Dorfes Baisingen, kamen in große Not.
Es war das Ge- |
rücht
verbreitet, dass die christlichen Einwohner benachbarter Dörfer uns
überfallen, berauben und misshandeln wollten.
In der Nacht auf den 13. März waren wir ängstlich, ein jeder in seinem
Hause, da kamen hiesige Christen und warfen in zehn Häusern von Juden die
Scheiben ein. Die Nachtwächter sahen es und halfen dazu. So sehnsüchtig wir
auch den Anbruch des Tages entgegensahen, so wussten wir uns dennoch auch am
Tage nicht zu raten, denn das gemeine Volk war gesetzlos und die Macht der
Beamten im Augenblick äußerst geschwächt. Die Politik riet uns, das Unrecht
schweigend zu er tragen.
Nun aber waren um Mittag sieben ledige christliche Burschen aus dem nahen
Dorfe Vollmaringen in den Ort gekommen und spazierten mit Beilen und Messern
in den Händen in Haushöfen der Juden und sprachen anmaßend und frech und
höhnend: Heute Nacht kommen wir noch mit Vielen über Euch. Die Christen im
Orte hörten wohl teilweise Reden und sahen das Benehmen dieser Buben! Allein
Niemand regte sich uns beizustehen. Niemand hatte ein tröstendes Wort.
Die Vorsteher der jüdischen Gemeinde wandten sich dieserhalb bittend an den
Pfarrer, sich zu unserer Sicherheit zu verwenden. Dieser sandte auch
alsogleich einen Extraboten an den Schultheiß, welcher heute in Geschäften
in einem benachbarten Dorfe war. Dieser kam auch gegen Abend und veranlasste
im Verein mit dem Pfarrer, dass die ganze christliche Gemeinde heute Nacht
bewaffnet wäre, auf dass die Juden vor einem auswärtigen Anfalle geschützt
seien.
Wir Juden waren bereits zu ängstlich, und als es Abend wurde, flohen Viele
der Unseren in benachbarte Orte und flüchteten ihre Gelder und Preziosen und
Wert-Papiere, und viele von |
denen,
die im Orte verblieben und die Veranstaltung des Schultheiß sahen, getrauten
sich doch nicht in ihren Wohnungen zu verbleiben und flüchteten sich und
ihre verlassenen Sachen in christliche Häuser des Orts, denen sie
vertrauten. In derselben Nacht regte sich nichts.
Von derselben Nacht an zahlten die jüdischen Bewohner mehreren christlichen
Personen aus dem Orte, dass sie Nachtwache halten mussten und auch von den
Juden selbst hüteten immer einige mit.
Die Ereignisse dieser Zeit waren nicht tröstlich und umsichtige Leute
fürchteten sich nicht ohne Grund. Dennoch gab es auch in unserem Kahal
(= jüdische Gemeinde) Leute, welche nach einigen Wochen seit Anordnung der
nächtlichen Wachen vermeinten: Man dürfe jetzt nicht mehr besorgt sein, und
könne der bezahlten Wächter entbehren und habe nicht nötig, selbst Wache zu
halten. Es wurde auch dieserhalb im versammelten Kahal beschlossen,
dass die Wache nur bis Ende Pessach bestehen solle.
In der Nacht auf Acharon schel Pessach (= letzter Tag des
Pessachfestes) dieses ist auf den 25. April, rotteten sich ungefähr 40
christliche Einwohner des Ortes zusammen, die waren teils verheiratet, teils
noch ledig und begannen damit, dass sie zuvörderst die von uns bezahlten
jüdischen und christlichen Wächter aus der Straße verjagten und dann
hingingen und in den meisten Häusern der Juden die Türen einschlugen und die
Läden der Fenster erbrachen. Sie waren mit schweren Steinen, mit großen und
kleinen Prügeln, mit Äxten und Beilen bewaffnet. Sie warfen durch die
zerstoßenen Fenster in die Wohnungen und riefen: 'Geld oder Tod'! Nur
in ein Haus, in das Haus des Meier Weil, der mit auf der Wache war,
waren die Krawaller eingedrungen. Nachdem sie Türen, Läden und Fenster
zerschlagen hatten, zerstörten sie vieles im Hause. Mutter und Tochter, das
einzige Kind flohen. Allein die Tochter wurde ereilt und arg geschlagen und
gefährlich verwundet. Viele von uns hörten ihr jämmerliches Schreien, allein
Niemand konnte ihr zu Hilfe kommen. Sie ward wieder hergestellt. Im Hause
des Herrn Wolf Kiefe hatte dieses Gesindel bereits Läden und Fenster
zerschlagen und war bemüht die Türe zu erbrechen. Dieser Mann hatte diesen
Leuten auch bereits über 400 Gulden durchs Fenster zugeworfen und gebeten,
dass sie von ihm ablassen sollten. Allein sie wollten noch mehr, und warfen
schwere Steine in die Stube und trafen die Hausfrau, die längst taub
geworden, und verwundeten sie gefährlich am Kopfe. Sie ist indes wieder
geheilt von ihren Wunden. Bei dieser Gelegenheit wurden auch in der nahe
gelegenen Synagoge Fenster zerschlagen und Steine und Prügel
hineingeworfen.
Auch bei dem Herrn Kirchenvorsteher Salomon Kiefe waren Haustüre,
Fensterläden und Fenster erbrochen. Man musste jeden Augenblick fürchten,
die Rotte werde eindringen und das Leben gefährden. Er entfloh daher mit
seinem Weibe, seinen zwei Töchtern, seinem jüngsten Sohne, seiner jüdischen
und christlichen Magd, durch eine Hintertüre und entkam glücklich nach
Bondorf. Einen Knaben Jakob Kiefe von 11 Jahren aber vermisste er, denn es
hatte sich dieser aus Furcht auf den Boden geflüchtet und sich daselbst
versteckt, und den Ruf der Seinen nicht gehört. In welcher Angst wir alle
waren und in welcher Betrübnis diese Leute ihr Haus und Habe verlassen und
welche Sorge ihr Herz erfüllte, mag der Leser selber sich denken.
Herr Wolf Kiefe hatte während des Tumults vor dem Hause seine
jüdische Magd durch eine Hintertür aus dem Hause entsandt, damit sie den
Schultheiß zu seiner Hilfe herbeirief. Als die Magd vor dem Hause des
Schultheißen angekommen war, und ihn angerufen hatte, machte sich dieser
sogleich heraus aus seinem Hause, rief noch einige Bürger herbei und
verfügte sich an den Ort, wo der Krawall stattfand. Die Krawaller hörten den
Schultheißen kommen und flohen. Nachgefolgt wurde ihnen nicht.
Zu dieser Zeit ward es ruhig im Ort. Wir gingen aus unsern Häusern bewaffnet
mit Äxten, Hämmern, Beilen und dergleichen, und blieben auf der Straße
beisammen, um einen möglichen Überfall vereint abzuschlagen. |
Noch
vor Tag gingen drei von uns zu dem Schultheißen und verlangten von ihm ein
Schreiben an das Königl. Oberamtsgericht über das, was diese Nacht sich
ereignet.
Der Schultheiß willfahrte uns und so gingen denn zwei dieser Männer, Herr
Hirsch Kiefe, Kirchenvorsteher, und Herr Vorsänger und Schullehrer
Michael Hirsch mit Tagesanbruch Acharon schel Peßach (am letzten
Feiertag des Pessachfestes) vor das Oberamtsgericht und drangen in den
Beamten, eilig sich an Ort und Stelle zu begeben und für unseren Schutz
Sorge zu tragen und Anstalt zu treffen.
Noch bevor gedachte zwei Männer vor das königliche Oberamtsgericht
gelangten, hatte bereits der erwähnte Herr Salomon Kiefe von Bondorf
aus in der Nacht einen Boten mit einem Schreiben an das königliche
Oberamtsgericht entsandt und Hilfe für die Zurückgebliebenen dringend
verlangt.
Die zwei Männer sprachen nun mündlich vor und das Gericht versprach, alles
Mögliche zu unserem Schutze anzuordnen und dieserhalb noch heutigen Tages
sich an Ort und Stelle zu begeben. Das Gericht sandte drei Landjäger voraus
und folgte bald selbst nach.
Eben kamen genannte Männer von Horb zurück, als Herr Wolf Kiefe und
Lehmann Kiefe mit Frau eine Kutsche bestiegen, um nach Stuttgart sich
zu begeben, einmal, um in Zukunft daselbst zu verbleiben und auch um
möglichst durch die höchsten Männer im Staate für künftighin unsere Ruhe zu
sichern. Die Ehefrau des Erstgenannten musste, weil sie an ihren Wunden
gefährlich krank war, bis zu ihrer Heilung zurückbleiben.
An diesem Tage nun begann die gerichtliche Untersuchung, und bereits am
folgenden Tage wurden zwei der Verdächtigen nach Horb in das
Kriminalgefängnis gebracht.
Hierüber wurden viele christliche Weibsen des Ortes arg aufgebracht, und
wurde von ihnen den ganzen Tag hindurch auf öffentlicher Straße arg gemault
darüber, dass das Gerücht wegen Juden ihre Leute zur Verantwortung ziehen
wolle. Auch christliche Männer ließen drohende Worte hören, dass die Haare
der Unsrigen zu Berge stiegen. Nicht zu verwundern, dass viele von den
Unsrigen gegen Abend aus Furcht vor den christlichen Einwohnern des Ortes
ihre Weiber und Kinder in die benachbarten Orte flüchteten. Wir Männer aber
und die rüstigen Leute wir versammelten uns heimlich in dem Hause des Herrn
Hirsch Kiefe und versahen uns mit Steinen, eisernen Stangen und
unseren Waffen, um nötigenfalls gegen Feinde uns zur Wehr zu setzen.
Um Mitternacht wurde dem Herr Salomon Wolf Kiefe im Vertrauen gesagt,
dass morgen in aller Frühe die gesamte Judenschaft auf das Rathaus geboten
werde, und daselbst unterschriftlich zu erklären habe, dass sie ernstlich
für sich und ihre Nachkommen auf alle Zeit freiwillig auf Bürgerrecht
verzichte und dass es zweitens ihr Wunsch sei und ihr Verlangen, das
königliche Oberamtsgericht sollte die zwei Inhaftierten ihrer Haft entlassen
und alle Untersuchung wegen der Begebenheit in der Nacht auf den 25. April
niederschlagen.
Es wurde auch angesagt, dass, soferne die Juden in dieses Verlangen nicht
willigen, dieselben daher ihr Lebens nicht sicher seien.
Als wir dieses Vorhaben erfuhren, sandten wir noch in dieser Nacht durch
zwei Männer unserer Mitte ein Schreiben an unsern Rabbiner |
Herrn
Doktor Moses Wassermann Hochwürden in
Mühringen, ihn ersuchend, er wolle alsogleich nach Horb zu den Beamten
sich begeben, damit genügender Schutz uns eilig zukomme.
Nachdem Herr Dr. Wassermann mit dem Beamten geredet hatte, kam er in der
Früh hier an und gab uns zu verstehen, dass wir nur immer unterschriftlich
einwilligen dürften in das ungerechte Verlangen, es unterliege solche
Verhandlung der Genehmigung der höheren Behörden und diese werde nicht
erfolgen.
Wir gingen also auf das Rathaus und fertigten daselbst die verlangte
Schrift, während unsere Feinde drohend und mordlustig auf der Straße sich
bewegten.
Zwar wurde besagtes Schreiben eilig dem königlichen Oberamtsgericht
zugefertigt: allein diesem war schon Weisung von dem königlichen Minister
zugekommen, keinen Zwang gegen die Juden zu dulden, die gesamte christliche
Gemeinde verbindlich zu machen für den Schutz der Juden und deren Habe, und
wenn es nicht eingegangen werde oder nicht genügen sollte, Militär zu
bestellen.
Als die christlichen Einwohner den Ernst und die Kraft einer großen
Regierung erkannten, verbürgten sie sich sämtlich, wie verlangt wurde, und
die gerichtliche Untersuchung ward ungestört fortgeführt. Infolge
gerichtlicher Untersuchung wurden 31 verdächtige Personen inhaftiert.
Einige, wurden bald aus der Haft entlassen, einige erst nach mehreren
Monaten, nachdem die Untersuchung geschlossen und Bürgschaft geleistet war,
dass keiner der Schuldigen der gerichtlichen Strafe, welche der königliche
Gerichtshof zu Tübingen beschließen werde, durch die Flucht sich entziehen
wolle.
Dieses gerichtliche Erkenntnis erschien im Jahre 5611 nach jüdischer, nach
christlicher Zeitrechnung 1851, im Monat April (4. April 1851).
Der Ewige unser Gott war in unserer Hilfe.
Vom 27. April an waren unsere Feinde eingeschüchtert. Zwar war der
politische Himmel in diesem Jahre oftmals sehr getrübt und darum hatte
Kaiser Ferdinand von Österreich das Szepter seinem Neffen, und König Ludwig
von Bayern die Regierung seinem Sohne übergeben. Rebellion war beinahe in
allen Gauen Deutschlands. Man hatte den Großherzog von Baden zur Flucht
genötigt, und wollte auch für Württemberg die Republik ausrufen; allein die
Besseren im Volke ermannten sich und die Regierungen wurden wieder mächtig,
wie es vor dem März des Jahres 1848 war.
In diesem Jahre, unter der Regierung unseres guten Königs Wilhelm des
Ersten, wurden den Untertanen viele Rechte und Freiheiten von den
Regierungen brieflich eingeräumt, und die Juden erlangten dieselben Rechte,
wie die andern Einwohner der deutschen Staaten.
In dem Jahre 5609 nach jüdischer Zeitrechnung wurde auch die daher
bestandene, seit zehn Jahren aufgelöste Chewre (= Wohltätigkeits- und
Bestattungsverein) neu errichtet mit der besonderen Bestimmung, das Jahr
hindurch Almosen einzulegen und am Pessach den Armen zu verteilen. (Heute
noch werden am Acharon schel Peßach 5 Psalmen zum Andenken an jene
Ausschreitung gesprochen.)
Auch die, welche nicht Mitglieder der Chewre wurden, nahmen sich vor,
fleißig zu gedenken der Not, in der wir waren, und dass der liebe Gott uns
geholfen hat und jederzeit war, ist und sein wird unser Helfer, Retter und
Erlöser.
Dieses Büchlein nennen wir Megillas Baisingen und bezeichnen es mit dem
kabbalistisch scheinenden Namen B.D.V.O.O.L.B.H.M.M. nach den
Anfangsbuchstaben der Worte aus der Haggada schel Peßach (hebräisch und
deutsch): 'Bechol dor vodor omdim olenu lechalosenu vehakodosch boruch hu
mazilenu mijodom (Von Geschlecht zu Geschlecht stehen sie wider uns auf
und der Heilige, gelobt sei er, errettete uns aus ihrer Hand)." |
Aus der Geschichte der jüdischen
Lehrer und der Schule
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1926
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Oktober 1926: "Die Stelle eines ständigen
Volksschullehrers an der privaten israelitischen Volksschule
Baisingen, Oberamt Horb am Neckar, Bahnstation Ergenzingen ist wieder zu
besetzen. Der Volksschullehrer hat neben dem Unterricht den Vorbeterdienst
und die Schechitah zu übernehmen. Die Stelle wird lebenslänglich
besetzt. Besoldung nach Gruppe VII, nach längerer Dienstzeit nach Gruppe
VIII. Dienstwohnung ist nicht vorhanden. Bewerber, die die beiden
Volksschuldienstprüfungen abgelegt haben, wollen sich unter Vorlegung
ihrer Zeugnisse und eines Lebenslaufs bis zum 31. Oktober 1926 bei der
unterzeichneten Stelle melden.
Der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs,
Stuttgart." |
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Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Oktober 1926: "Amtliche
Bekanntmachungen. Israelitischer Oberrat. Bewerber-Aufruf. Bewerber um die
erledigte Stelle eines Volksschullehrers an der privaten israelitischen
Volksschule in Baisingen Oberamt Horb am Neckar haben sich bis zum 31.
Oktober 1926 beim Israelitischen Oberrat zu melden. Dienstwohnung ist nicht
vorhanden. Der Vorsängerdienst ist mit zu übernehmen." |
25-jähriges Ortsjubiläum von Lehrer
Karl Kahn
(1885)
Es handelt sich um Karl (Kallmann) Kahn, geboren 2. Februar 1824 in Nordstetten.
Dieser studierte 1841 bis 1844 am Lehrerseminar in Esslingen. Seine ersten
Stellen waren in Unterdeufstetten (1844),
Gerabronn (um 1850) und Mühlen
(1854-1860), bis er 1860 nach Baisingen kam. Er war verheiratet mit Babette geb.
Guggenheimer und starb am am 29. April 1889 in Stuttgart, wo er im
Israelitischen Teil des Pragfriedhofes beigesetzt wurde.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai
1884: "Baisingen (Württemberg). Am Sabbat den 16. dieses Monats
soll die jetzt 25-jährige Amtierung unseres Herrn Lehrer Kahn hierselbst,
der übrigens bereits 42 Dienstjahre zählt, festlich begangen werden. Bei
der ungemeinen Beliebtheit, deren sich dieser wackere Mann hier und in
weiteren Kreisen erfreut, dürfte die Beteiligung an der Feier eine recht
rege und ehrenvolle werden, wie wir es dem verdienten Jubilare von Herzen
gönnen." |
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Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. Juni 1885: "Stuttgart,
27. Mai (1885). Nach der Statistik der evangelischen Landeskirche Württembergs
sind im Jahre 1884 zu derselben 3 Israeliten übergetreten: es sind Ausländer,
die in Württemberg dazu vorbereitet werden.
Die israelitische Gemeinde Baisingen feierte das 25-jährige Jubiläum
ihres Lehrers Kahn in höchst würdiger Weise. Den Gottesdienst leitete
Bezirksrabbiner Dr. Jarazewsky in Mühringen. Der Bezirksschulinspektor
und der katholische Ortsgeistliche beteiligten sich ebenfalls am
Gottesdienst und an der Feier. Dem Jubilar wurden wertvolle Geschenke überreicht
und briefliche und telegraphische Glückwünsche überbracht." |
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Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Juni
1885: "Baisingen, 19. Mai (1885). Am Schabbat
Paraschat BaMidbar (Schabbat mit der Toralesung BaMidbar, d.i.
4. Mose 1,1 - 4,20, das war am 16. Mai 1885) feierte die hiesige
israelitische Gemeinde das 25-jährige Ortslehrerjubiläum ihres Lehrers
und Vorsängers Kahn. Dem Bilde der Eintracht und Verträglichkeit fehlt
niemals das Gepräge des Erhabenen, so auch hier, wo es sich uns im
bescheidenen Rahmen der gegenseitigen Beziehungen einer Landgemeinde und
ihres Lehrers darbot. Ein Vierteljahrhundert hindurch widmete Herr Lehrer
Kahn seine bewährte Kraft mit Ausdauer und Gewissenhaftigkeit der
Ausbildung unserer Jugend in religiösem und weltlichen Wissen, sowie
seinem geistlichen Amte, und wie er mit der Gemeinde, so teilte diese mit
ihm, sich stets rat- und hilfsbereit zur Seite stehend, die freud- und
leidvollen Geschehnisse einer solch langen Reihe von Jahren. Einer
gottgesegneten, glücklichen Ehe ist solches Verhältnis zu vergleichen.
Welchem Gedanken denn auch Herr Rabbiner Dr. Jaraczewski, anlehnend an die Hafthoraworte 'und ich habe mich mit dir verbinden in Ewigkeit', in
formvollendeter alle Herzen bezwingender Rede, Ausdruck zu verleihen
wusste. Vom Geiste echter Humanität und Duldsamkeit durchweht, verfehlte
diese Rede ihres erhebenden Eindrucks weder bei den jüdischen noch
christlichen Zuhörern, von welch letzteren sich Ortspfarrer und
Gemeinderat eingefunden hatten. Der Predigt folgte ein vom Jubilar
gesprochenes, ergreifendes Gebet. Nach beendigtem Gottesdienste wurde der
Jubilar in feierlichem Aufzug, Rabbiner
und
Pfarrer zur Seite, so wie er abgeholt worden, auch wieder in seine Wohnung
geleitet, die sich alsbald von Glückwünschenden füllte. Der Nachmittag
ward sodann einer geselligen Vereinigung im jüdischen |
Gasthofe
zur Rose gewidmet, die von Ortsangehörigen und Auswärtigen überaus
zahlreich besucht war. Wenn wir hierbei des Erscheinens verschiedener
Herrn christlicher Geistlichen und Lehrer, sowie der Ortsbehörde und
deren loyalen Anteilnehmens an Trinkreden und Gesängen gedenken, so muss
das Gefühl des Dankes gegen Gott in uns aufsteigen, dessen Gnade den
Umschwung der Zeiten zu unseren Gunsten herbeigeführt hat. Welcher
Gegensatz zwischen jenem Baisingen des 16. Jahrhunderts, von dessen unglücklicher
jüdischer Gemeinde uns der verehrte Herausgeber dieser Zeitschrift in
seiner berühmt gewordenen Erzählung 'Rabbi Joselmann von Rosheim'
ein solch schaurig fesselndes Bild entrollte, zwischen dem Baisingen
ferner, das noch 1848 seine Judenhetze schlimmster Art hatte und dem
heutigen, dessen Israeliten sich des konfessionellen Friedens, der
unbeschränkten bürgerlichen Rechte und eines blühenden Wohlstandes
erfreuen! Doch
kehren wir zu unserem Feste zurück. Die Reihe der Trinksprüche eröffnete
Herr Rabbiner Dr. Jaraczewski nach Verlesung anerkennender Dekrete seitens
der vorgesetzten Behörden, mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf
unsern viel geliebten Landesvater. Es folgten dann ernste und heitere
Vorträge in buntem Wechsel und versetzten alle Anwesenden in die
gehobenste Stimmung. Herr Ortspfarrer Gulden feierte den Jubilar unter
sinniger Verknüpfung auf den 'Cohen gadol' (Hoher Priester). Herr
Lehrer Strauß, Nordstetten, trug ein humoristisches, Schillers Glocke
parodierendes Gedicht auf den Jubilar vor. Letzterer dankte in gerührten
Worten für so viele Ehrenbezeugungen und brachte sein Hoch allen
Bewohnern des Ortes. Es
soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Jubilar mit reichen Ehrengaben von
der Gemeinde Baisingen sowohl, als auch von Einzelnen bedacht wurde.
Selbst die Nachbargemeinde Mühlen, in der derselbe früher angestellt
war, bewies durch Überreichung eines silbernen Bechers und regen Besuch
des Festes ihre treue Anhänglichkeit zu ihrem ehemaligen Lehrer.
In jeder Hinsicht wohl gelungen, wird dieses Fest allen, die ihm
anwohnten, in freundlichster Erinnerung bleiben. Wir schließen unseren
bericht mit dem aufrichtigsten Wunsche, der Allgütige möge ferner diese
Gemeinde in seine schützende Obhut nehmen und dem Jubilar Gesundheit und
Rüstigkeit verleihen, seinem Berufe noch lange Zeit in gedeihlicher
Wirksamkeit vorstehen zu können." |
Lehrer
Max Straßburger sucht eine Stelle für ein Mädchen der
Gemeinde (1908)
Es handelt sich um Max Straßburger, geboren am 29. November 1861 in Rexingen.
Er studierte von 1878-1881 am Lehrerseminar in Esslingen,
wurde danach zweiter Lehrer am Israelitischen Waisenhaus
"Wilhelmspflege" in Esslingen. Von 1891 bis 1926 war er Lehrer an der
Israelitischen Volksschule in Baisingen.
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. März 1908: "Suche für ein
tüchtiges Mädchen, 18 Jahre alt, das die bürgerliche Küche versteht
und die häuslichen Arbeiten versieht, passende Stellung in religiösem
Hause. Süddeutschland bevorzugt. Offerten mit Angabe eventueller
Belohnung nimmt entgegen
Lehrer Strassburger Baisingen,
Württemberg." |
Lehrer
Max Straßburger wird zum Oberlehrer ernannt
(1922)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
9. November 1922: "Baisingen, 7. November (1922). Laut
Staats-Anzeiger für Württemberg wurden durch Entschließung des Herrn
Staatspräsidenten die Herren Hauptlehrer: Oberndörfer in Niederstetten,
Preßburger in Creglingen,
Straßburger in Baisingen, zu Oberlehrern in Gruppe 8 der
Besoldungsordnung ernannt." |
Oberlehrer
Max Straßburger tritt in den Ruhestand (1926)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Juni 1926: "Baisingen. Am 1. Juni tritt
Oberlehrer Straßburger - Baisingen nach 46-jähriger Dienstzeit in den
bleibenden Ruhestand. 39 Jahre lang wirkte Straßburger als Volksschul- und
israelitischer Religionslehrer in Baisingen. Der Bezirkslehrerverein Horb
des Allgemeinen Württembergischen Lehrervereins beabsichtigte, seinem treuen
beliebten Mitglied Straßburger eine Abschiedsfeier in Baisingen zu
veranstalten. Straßburger lehnte jedoch bedauerlicher Vorkommnisse wegen
eine Feier in Baisingen ab. Anlässlich der amtlichen Bezirksschulversammlung
des Schulbezirks Freudenstadt am 17. d. M. feierte Schulrat Nesch
Oberlehrer Straßburger als treuen fleißigen Schulmann, dem er nach
segensreicher Arbeit und nach den rauen Stürmen der letzten Jahre einen
sonnigen Feierabend wünschte. Der Vorsitzende des Bezirkslehrervereins des
Allgemeinen Württembergischen Lehrervereins, Oberlehrer Spatz -
Rexingen, feierte namens der Kollegen
und Freunde Straßburger als den offenen und ehrlichen Charakter, den treuen
Freund und musterhaften Kollegen, dem alle wünschen, er möge sich noch lange
der Ruhe und der Liebe seiner Freunde erfreuen dürfen. Es ist bedauerlich,
dass die Ehrung der Veteranen der jüdischen Lehr- und Gotteshäuser
christlichen Kreisen überlasaen bleibt und dass um ihre Gemeinden
hochverdiente Beamte mit Groll und Verbitterung auf die Jahre treuer Arbeit
zurückblicken müssen. Spatz." |
Lehrer
Heimann Unikower wird nach Baisingen berufen
(1927)
Anmerkung: Lehrer Heimann Unikower ist nach dem Familienregister Baisingen am 5. Juni 1888 geboren als Sohn von Raphael Unikower und der Dorothea geb. Pick. Er war seit 16./17. September 1911 verheiratet mit Johanna geb. Schacher, die am 18. Dezember 1889 geboren ist als Tochter von Julius Schacher (Berlin) und der Friedricke geb. Simon. Die Familie hatte fünf Kinder (Albert geb. 1913, Helene geb. 1915, Ruth geb. 1917, Rudolf Viktor geb. 1919 und Dorothea geb. 1923). Lehrer Unikower war nur 1927 Lehrer in
Spangenberg und wechselte in diesem Jahr nach
Baisingen, wo er bis Ende Juni 1931 geblieben ist. Von 1931 bis 1937 war Unikower Lehrer in
Simmern.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
8. September 1927: "Baisingen, 30. August (1927). Herrn Lehrer
Unikower in Spangenberg wurde zum 1. November (1927) die Stelle eines
ständigen Lehrers an der hiesigen Volksschule vom Oberrat der
Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs übertragen." |
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Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. September 1927: "Amtliche
Bekanntmachungen. Israelitischer Oberrat.
Der Israelitische Oberrat hat die Stelle eines Lehrers an der privaten
israelitischen Volksschule in Baisingen dem Lehrer Hermann Unikower,
bisher in Spangenberg, Bezirk Kassel,
übertragen." |
Schulentlassfeier
- drei Schüler der israelitischen Volksschule werden entlassen (1928)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. April 1928: "Baisingen.
Schulentlassungsfeier. Beim Abschluss des Schuljahres 1927/28 wurden
drei Schüler der hiesigen israelitischen Volksschule entlassen. Aus
diesem Anlass fand eine schlichte Feier statt, zu der sich, außer den Eltern
der Schüler, ein Vertreter des Vorsteheramtes und eine Reihe ehemaliger
Angehöriger der israelitischen Volksschule eingefunden hatten. Nach einem
Gedichtvortrag durch jüngere Schüler richtete Hauptlehrer Unikower
herzliche Abschiedsworte an die Scheidenden, die ihrerseits wieder dem
Lehrer und der Schule dankten. Feierlicher Chorgesang umrahmte die Feier." |
Buchbesprechung von Lehrer
Heimann Unikower
(1928)
| Die sehr ausführliche
Besprechung eines Lehr- und Übungsbuches der Sprache des Talmuds usw. von
Rabbiner Dr. Daniel Fink wird hier nicht wiedergegeben, da dies über den
Rahmen der jüdischen Geschichte Baisingen hinausgeht |
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Zum
Tod von Oberlehrer Max Straßburger (1930)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Juli 1930: "Baisingen. Ein
imposanter Trauerzug bewegte sich am Freitag, den 20. Juni, durch die
Straßen des Dorfes zu dem idyllisch am Waldsaum gelegenen israelitischen
Friedhof, Galt es doch, dem nach längerem Leiden verschiedenen, nahezu
siebzigjährigen hochverdienten Oberlehrer Max Straßburger die letzten
Ehren zu erweisen. Am Grabe schilderte sein Amtsnachfolger, Hauptlehrer
Unikower, den Lebensgang des Verstorbenen. Unter Anführung des Psalms 'Der
Herr ist mein Hirte', den der Heimgegangene stets bei Beginn seines
Unterrichts von seinen Schülern beten ließ, hob der Redner die hohe
Pflichtauffassung des Dahingeschiedenen in seinem Berufe hervor, wie sein
ganzes Leben in diesem Sinne eine fortwährende Mizwoh-Erfüllung darstellte.
Ein treubesorgter Gatte und Vater den Seinen, ein bewährter Führer seiner
Gemeinde sei dahingegangen. Mit Danksagung im Namen der israelitischen
Gemeinde und des Vorsteheramts schloss der Redner seine tief empfundene
Ansprache. Nach ihm ergriff das Wort Bezirksrabbiner Dr. Schweizer -
Horb, um im Namen des 'Rabbiner-Vereins'
sowie in Vertretung des Israelitischen Oberrates dem so unerwartet
rasch dahingeschiedenen Lehrer und Freund die letzten Grüße zu entbieten.
Unter Bezugnahme auf den sabbatlichen Tora-Abschnitt rühmte der Redner den
religiösen Geist des Heimgegangenen. Auch er sei ein wahrer und treuer
Kundschafter gewesen, der es verstanden hat, in 40jähriger Tätigkeit in
seiner Gemeinde wie in seiner Schule nach dem Rechten zu sehen und überall
die helfende Hand anzulegen. Darum wird sein Name in unserer
Religionsgemeinschaft niemals erlöschen. Sodann sprach Oberlehrer Spatz
- Rexingen wie mit dem Hinscheiden
dieses Kollegen und Freundes ein Stück seines eigenen Lebens dahinschwinde
und wie er mit ihm Freud |
und
Leid geteilt. Im Namen des evangelischen Schulrates, der selbst am
Erscheinen verhindert war, sowie im Namen des Israelitischen Lehrer-Vereins
sprach er dem vorbildlichen Lehrer Dank und Anerkennung aus. Zuletzt ergriff
ein ehemaliger Schüler, Adolf Kahn aus Stuttgart, das Wort, um im
Namen der Schüler dem heimgegangenen Lehrer den heißen Dank auszusprechen
für alle die guten Lehren, die sie aus seinem Munde empfangen haben. - Der
Verstorbene, der aus dem benachbarten
Rexingen stammte, hat den in Württemberg üblichen Bildungsgang
durchgemacht. war sodann Lehrer am
israelitischen Waisenhaus zu
Esslingen, sowie in der Gemeinde Talheim
gewesen und hat die weitaus größte Lebenszeit in Baisingen verbracht,
wo er sich eine Familie gegründet und bis zu seinem Ruhestand vor drei
Jahren die Tätigkeit eines Volksschullehrers, Religionslehrers, Vorbeters,
Schochets und Gemeindepflegers, letzteres Amt sogar bis zu seinem
Lebensende, in vorzüglicher Weise versehen hat. Sein Andenken bleibe zum
Segen: Secher zaddik livrocho". |
| |
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Juli 1930: "Nachruf
Nach einer ein Menschenalter hindurch währenden Wirksamkeit als Lehrer,
Vorbeter, Prediger und Verwalter der Religionsgemeinde ist Herr
Oberlehrer i.R. Max Straßburger
verschieden.
Gemeinde und Vorsteheramt beklagen tief den Hingang dieses allzeit
pflichterfüllten Dieners des Judentums und werden sein Andenken immerdar in
Ehren halten.
Israelitisches Vorsteheramt Baisingen." |
Nachruf
auf Oberlehrer Max Straßburger von Religionsoberlehrer Uhlmann (Schwäbisch
Gmünd) (1930)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. August 1930: "Baisingen. Vor kurzem
meldeten wir den Heimgang des hochverdienten Oberlehrers Max Straßburger.
Sein Kollege, Religionsoberlehrer Uhlmann,
Gmünd, widmet dem verstorbenen Freunde
die folgenden Zeilen: Zum ehrenden Andenken meines lieben Freundes und
einstigen Studiengenossen möchte ich seinen Verehrern noch mitteilen, wie
seine christlichen Kollegen über ihn sprechen: Zuerst war es Herr Pollich,
der vor 25 Jahren von Baisingen hierher versetzt wurde. Er rühmte
Straßburger als den trefflichen Schulmann, dessen Schulprüfungen er stets
mit großem Interesse beigewohnt habe, da sie viel Fleiß und redliches
Streben bekundeten. Bei Leichenbegängnissen bewunderte der jetzige
Oberregierungsrat und Landtagsabgeordnete seinen Kollegen Straßburger als
Redner, der es ganz vorzüglich verstand, zu Herzen zu sprechen. Dann war es
Oberlehrer Müller, Vorstand der hiesigen katholischen Volksschule,
der zusammen mit Straßburger in einer Stuttgarter Augenklinik verweilte.
Beide hatten Schweres durchzumachen. 'Ihr Straßburger ist ein hervorragender
Mann', sprach er mich an, 'vor dem ich alle Hochachtung habe, ja, den ich
bewundere wegen seiner Seelenruhe und seines Mutes, mit dem er sein hartes
Geschick trägt. Dieser Mann spricht mir noch Mut zu. Ich höre ihn im
Nebenzimmer innig seine Gebete verrichten: das ist ein seltener Mann, den
ich hochachte und verehre.' Und noch in der letzten Woche ließ sich Herr
Oberlehrer Rettenmaier aus Ergenzingen hier als Pensionär nieder. Er
begrüßte mich mit den Worten: 'Ich bringe Ihnen herzliche Grüße von meinem
besten Freund, von Ihrem Straßburger'. Auch er rühmte das bescheidene Wesen
Straßburgers, seinen lauteren Charakter und seine Tüchtigkeit —
Eigenschaften, die ihm die Lehrer des ganzen Bezirks zu Freunden machten.
Mit Tränen in den Augen kam er wenige Wochen später und teilte mir unter
Schluchzen mit: 'Mein guter Freund Straßburger ist gestorben!'". |
Lehrer
Heimann Unikower wechselt von Baisingen nach Simmern (1931)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Juli 1931: "Baisingen. Am 1. Juli
verließ Hauptlehrer Unikower seinen hiesigen Wirkungskreis, um einem Rufe
als Religionslehrer und Kantor in der Gemeinde Simmern
zu folgen. Aus diesem Anlass wurde ihm von seiner Gemeinde am 27.
Juni ein ehrender Abschied bereitet. Nachdem der Scheidende im
Morgengottesdienst den Segen Gottes für den Bestand der Gemeinde erfleht
hatte, versammelte sich die Gemeinde am Abend, um die letzten Stunden das
Sabbats um ihren Lehrer geschart zu verbringen. Hier ergriff der Gemeindevorsitzende,
Hermann Kahn, das Wort und brachte namens der Gemeinde den Dank und
die Anerkennung für die amtlich und außeramtlich geleisteten Dienste
Unikowers zum Ausdruck; er hob insbesondere die Gründung und Führung des
Israelitischen Frauenvereins als Verdienst des Scheidenden und seiner
Gattin hervor, erwähnte auch die allsabbatlichen Lehrvorträge, denen die
Gemeinde immer gern gelauscht habe, und erinnerte an die privatwissenschaftlichen
Bestrebungen des Scheidenden, die von der Gemeinde nicht unbeachtet
bleiben konnten. Hauptlehrer Unikower dankte für de ehrenden
Abschiedsworte und sprach die Hoffnung aus, dass die religiöse
Beschaulichkeit, in welcher die Gemeinde hier leben dürfe, ihr allezeit
eine Quelle der Glückseligkeit bleiben
möge." |
Lehrer Julius
Goldstein in Baisingen (1934 - 1937)
Am 10. Mai 1934 fand im Gemeindehaus in Stuttgart die Mitgliederversammlung
des "Vereins Israelitischer Lehrer in Württemberg" statt. Es gab verschiedene
Referate, unter anderem referierte "Lehrer Goldstein, Baisingen, über den
Unterricht in biblischer und jüdischer Geschichte". Lehrer (Hauptlehrer)
Goldstein sprach u.a. bei der Beisetzung von Abraham Erlebacher am 13. Dezember
1935 in Baisingen (siehe unten Bericht in der "Gemeindezeitung" vom 16. Januar
1936).
Es handelt sich um Lehrer Julius Goldstein, der - u.a. nach dem
Familienregister Künzelsau (Link)
- am 29. Juli 1894 geboren ist als Sohn von Lehrer Simon Goldstein (gest.
1927) und seiner Frau Ida geb. Hirsch (Tochter von Max und Johanna
Hirsch). Simon
Goldstein (ca. 1863 - 1927 in Würzburg) war als Lehrer, Kantor und Schochet zunächst
13 Jahre in Poppenlauer tätig (wo Julius
am 29. Juli 1894 geboren ist), ab 1894 in
Oberlauringen, wo Julius aufgewachsen ist. Julius Goldstein, der noch drei
Geschwister - Hermann (s.u.), Selma (geb./gest. 1895) und Irma (s.u.) - hatte, wird an der
Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg studiert haben.
Seit dem 6. März 1923 in Ladenburg war
Julius Goldstein verheiratet mit Martha geb. Hirsch (geb. 27.
November 1889 in Groß-Gerau). Die beiden
hatten zwei Kinder: Karola (geb. 4. April 1924 in Reichelsheim) und Else
(geb.
20. September 1929 in Künzelsau, später verh. Schnerb). Julius Goldstein war nach der Datenbank der
jüdischen Lehrer in Bayern zunächst Lehrer in
Memmelsdorf, dann - nach weiteren Quellen - von 1920 bis 1927 in
Reichelsheim, 1928 bis 1934/38 in
Künzelsau.
Julius' Schwester Irma (geb. 21.
August 1903 in Oberlauringen) war mit
dem Lehrer Emil Liffgens verheiratet (Lehrer in
Rothenburg, ab 1929 in
Memmingen, zuletzt
wohnhaft Augsburg, beide wurden ermordet im KZ Auschwitz 1943), siehe
https://gedenkbuch-augsburg.de/biografien/emil-liffgens. Julius' Bruder
Hermann (geb. 23. August 1897 in
Oberlauringen) ist im Ersten Weltkrieg am 28. Mai 1917 im Alter von 20
Jahren in Belgien gefallen.
Das Familienregister Künzelsau (Link oben) enthält den Eintrag: "Herr
Lehrer Goldstein wurde am 15. April 1934 nach Baisingen (Württemberg) versetzt". - Bei der
Beisetzung von Thekla Kaufmann geb. Lindauer in Ladenburg am 23. April 1934 ist
im
Bericht zur Beisetzung zu lesen: "Lehrer
Goldstein, Baisingen, ein entfernter Verwandter, war herbeigeeilt, um
der Heimgegangenen die letzten Grüße der Familie zu überbringen." - In
den Familienregistern Baisingen wird Lehrer Goldstein nicht genannt bzw. ein
Familienregister mit Eintragungen nach 1933 ist nicht erhalten.
Julius Goldstein ist (vgl. Bericht zum 25-jährigen Dienstjubiläum in Baisingen s.u.) im Sommer
1938 wieder nach Künzelsau zurückgekehrt
oder er war zuletzt an beiden Orten tätig. Er war unmittelbar betroffen von dem
Novemberpogrom 1938 in Künzelsau. Dabei wurde er von
SA-Leuten auf das Rathaus geschleppt und derart misshandelt, dass der eiserne
Synagogenschlüssel, den er in seiner Hosentasche trug, in zwei Stücke zersprang.
Vor Aufregung über diesen Vorfall starb der Vorsteher der jüdischen Gemeinde
Kaufmann Max Ledermann an einem Herzschlag, als er Lehrer Goldstein besuchte.
Julius Goldstein konnte 1939 mit Frau und den beiden Kindern in die USA
emigrieren. Für alle vier Familienmitglieder wurden in Künzelsau Stolpersteine
verlegt (Schlossgasse 93/Schlossplatz 11).
Julius Goldstein starb am 10. Mai 1979 in den USA (Anzeige siehe unten).
25-jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Julius Goldstein (1938)
Anmerkung: damit war Julius Goldstein seit 1913 im Dienst als Lehrer, eventuell
in Verbindung mit den oben gegebenen Daten: ab 1913 bis max. 1920 in
Memmelsdorf.
Mitteilung
in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom
15. Juli 1938": "Baisingen. Hauptlehrer Julius Goldstein
konnte am 12. Juli sein 25-jähriges Dienstjubiläum begehen. Wir entbieten
ihm aus diesem Anlass unsere herzlichsten Wünsche." |
Todesanzeige für
Lehrer Julius Goldstein (1979 USA)
Anzeige
in der amerikanisch-deutsch-jüdischen Zeitschrift "Der Aufbau" vom 25. Mai
1979:
"Am 10. Mai 1979 (13. Iyar) verschied nach langem, schweren, geduldig
ertragenen Leiden mein geliebter Mann, Vater, Schwiegervater, Großvater und
Urgroßvater
Julius Goldstein - seligen Andenkens (früher
Oberlauringen)
im Alter von 84 Jahren.
In tiefer Trauer: Meta Goldstein geb. Kuch
Lily Hammelburger geb. Goldstein
Walter und Elsie Schnerb geb. Goldstein
Chanan Reich
Dr. T.H. und Ayala Weiss geb. Reich
Enkel und Urenkel
Gleichzeitig danken wir für die große Anteilnahme." |
Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben
Nach
einer "historischen Erzählung" werden auf Grund eines angeblichen
Ritualmordes in Baisingen 36 Juden verbrannt (Artikel von 1930)
Anmerkung: zu Rabbi Joselmann von Rosheim (1476-1554) siehe Wikipedia-Artikel
"Josef von Rosheim".
Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 4. Juli 1930: aus einer "Historischen
Erzählung aus der Zeit der Reformation. Von Dr. M. Lehmann: Rabbi
Joselmann von Rosheim'.". Im 64. Kapitel spielt Baisingen eine
Rolle, ob der Vorgang historisch ist und Dr. Lehmann sich auf
Archivalien stützen kann, ist dem Webmaster unklar.
"Vierundsechzigstes Kapitel. Kaum war die große Gefahr von
den Juden des Elsasses abgewendet, als ein Eilbote kam und Rabbi Joselmann
nach Baisingen berief.
Baisingen ist ein Dorf im Oberamte Horb im württembergischen
Schwarzwald. Dort befindet sich heute noch eine fromme israelitische
Gemeinde, die sich namentlich durch große Wohltätigkeit auszeichnet.
Auch dieser Boden ist, wie fast jedes Flecken Erde Deutschlands, getränkt
mit dem Blute jüdischer Märtyrer.
Eine Bauersfrau hatte im Schlafe ihr Kind zerdrückt. Aus Furcht vor ihrem
Manne, der in jener Nacht abwesend war, hatte sie das tote Kind, nachdem
sie ihm einige Schnitte beigebracht, in den Hof eines Judenhauses gezogen
und hatte behauptet, das Kind sei ihr gestohlen worden.
Das ganze Dorf geriet in Aufruhr; die Häuser der Juden wurden durchsucht,
die Kindesleiche wurde gefunden, und nun stand es bei den Leuten fest,
dass die Juden das Kind geraubt hatten, um ihm das Blut abzuzapfen. Die
Häuser der Juden wurden demoliert und sämtliche Juden des Dorfes,
sechsunddreißig Personen, Männer, Frauen, Greise und Kinder, ins
Gefängnis geworfen.
Schrecken und Angst ergriffen die Bewohner der ganzen Gegend, und sie
wussten nichts Besseres zu tun, als einen Eilboten an Rabbi Joselmann zu
senden, damit er das Unglück von den Eingekerkerten abwende. Rabbi
Joselmann machte sich auch sofort auf den Weg, ritt Tag und Nacht, und als
er in Baisingen ankam, da waren die Holzstöße schon aufgerichtet,
auf denen die dem Tode geweihten sechsunddreißig unschuldigen Menschen
verbrannt werden sollten. Sie waren auf die Folter gespannt worden und
hatten ausgesagt, was man von ihnen verlangt hatte.
Vergebens bat und fleht Rabbi Joselmann, dass man die Prozedur aufschieben
möge, bis er die Angelegenheit vor den Erzherzog Ferdinand oder vor den
Kaiser selbst gebracht hätte; vergebens drohte er mit dem Zorn und der
Strafe des Kaisers, vergebens zeigte er die kaiserliche Verordnung vor,
die ihn zum Befehlshaber und Regierer sämtlicher Juden des Deutschen
Reiches ernannte, vergebens reklamierte er seine Untertanen - man hörte
nicht auf ihn. Die sechsunddreißig unschuldigen Männer, Frauen, Kinder,
Greise wurden aus dem Gefängnis herausgeführt und an die Holzblöcke
gebunden.
Es war ein herzzerreißender Anblick! Rabbi Joselmann wollte schier
verzweifeln; da ermannte er sich; konnte er die Unglücklichen nicht
reden, so wollte er doch wenigstens ihre Todesqual lindern. 'Meine Lieben
Freunde', redete er die Beklagenswerten an, 'ihr alle, Männer und Frauen,
Jünglinge und Jungfrauen, und ihr, liebe Kinder, ihr Nachkommen unseres Vater
Abraham; der Augenblick ist gekommen, da ihr euer Leben hingeben sollt zur
Heiligung des göttlichen Namens! Ich weiß, dass ihr unschuldig seid,
dass ihr jenes abscheuliche Verbrechen nicht begangen habt - Gott hat es
euch zugeschickt, dass ihr sterben sollt für ihn. Denn nur weil ihr Juden
seid, Bekenner des einzigen Gottes, verfolgt man euch, tötet man euch. So
heiligt denn hier öffentlich den Namen des Allheiligen. Sagt mir nach,
Wort für Wort!'
Eine tiefe Stille lagerte rings umher. Tausende von Menschen waren
versammelt. Keiner wagte sich zu regen. Rabbi Joselmann sprach die Widdui,
das Sündenbekenntnis, in deutscher Sprache, damit alle Welt ihn verstehe.
Er hub an zu reden, und die an die Holzstöße Gefesselten sprachen jedes
einzelne Wort nach:
'Herr, mein Gott und Gott meiner Väter, die Seele, die du mir gegeben
hast, war rein und lauter und ohne Fehl; ich aber habe sie durch meine
Sünden befleckt und verunreinigt. Chotoßi, owißi, poschati.'
Die letzten drei Worte - ich habe gesündigt, ich habe gefehlt, ich habe verbrochen
- die dem jüdischen Munde so geläufig sind, sprach Rabbi Joselmann
hebräisch, und die von den Flammen schon Umzüngelten wiederholten sie
unter herzzerreißenden Weherufen.
'Ich habe deine heiligen Gebote', sprach Rabbi Joselmann weiter vor,
'übertreten, bin abgewichen von deinen erhabenen Lehren, und es hat mir
kein Heil gebracht. Siehe, jetzt ist die Stunde gekommen, da du, o Gott,
diese Seele mir wieder nimmst, und dass ich sie zurückgebe in deine Hand
zur Heiligung deines Namens, einziger Gott! Du bist gerecht in allem, was
über uns kommt, denn du tust nur Wahrhaftes; ich aber habe gefrevelt.
Deine Gerichte und Urteile sind Gerechtigkeit und Wahrheit. Du, o Gott,
wirst mir die Seele einst wieder zuführen in der künftigen Welt. Solange
aber ein Hauch in mir ist, danke ich dir und bekenne ich dich und bin
bereit zu tun, wie es steht in deiner Tora: Und du sollst lieben den
Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele,
mit deinem ganzen Vermögen. Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, der uns
geheiligt hat durch seine Gebote und uns befohlen hat, Ihn, den
Allmächtigen und Allherrlichen, der da ist und war und sein wird, zu
lieben mit unserem ganzen Herzen und mit unserer ganzen Seele, und Seinen
großen und furchtbaren Namen vor aller Welt zu heiligen. Gelobt seist du,
Ewiger, der du deinen Namen öffentlich heiligst.'
Und als Rabbi Joselmann das alles auf deutsch gesprochen, da wiederholte
er es in hebräischer Sprache, und dann ließ er sie alle das 'Schema'
beten, das erhabene jüdische Bekenntnis der Einheit Gottes; und dann ging
Rabbi Josefmann zu jedem einzelnen und sprach ihm Mut zu, dass er die
grässlichen Schmerzen freudig ertrage. 'Siehe', sprach er zu einem achtzigjährigen
Greis, 'in kurzer Zeit wärst du ja doch gestorben! Welch ein Glück, dass
Gott dich begnadigt, seinen Namen öffentlich zu
heiligen!'
Und schmerzlos, verklärt, fühlte der Greis die Flammen das Mark seines
Rückgrats verzehren.
Und zu einem jungen Mädchen sprach Rabbi Joselmann: 'Du glückliches
Kind, wie viele Schmerzen, Kummer und Elend sind dir erspart geblieben! In
jungen Jahren schon wird dir das Höchste zuteil, was ein Mensch zu
erreichen vermag: die Liebe zu Gott mit dem Tod zu besiegeln. Freue dich,
deiner harret die ewige Seligkeit.'
Und zu einer - aus acht Personen, Vater, Mutter und sechs Kindern,
bestehenden - Familie sagte er: 'Ihr Beneidenswerten, die ihr nicht
getrennt werdet voneinander, die ihr gemeinsam eingehet zum ewigen
Leben!'..." |
Die
Annahme fester Familiennamen durch die Juden der Schwarzwaldgemeinden 1827 -
Übersicht über die Veränderungen in den Gemeinden Rexingen, Baisingen,
Mühringen und Mühlen (Beitrag von Oberlehrer Straßburger, 1927)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Dezember
1926: |
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Über
den Judenpogrom an Pessach 1848 (Kurzer Bericht von 1848)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Juli 1848: "Aus Württemberg,
im Mai (1848). In mehreren früheren Artikeln der Allgemeinen Zeitung des
Judentums war die Rede auch von Judenverfolgungen in Schwaben und es könnte
dadurch den Anschein gewinnen, als ob in württembergischen orten solche
Verfolgungen in größerer Zahl vorgekommen wären. Dem muss aber aufs
Bestimmteste widersprochen werden. Bloß in einem einzigen Ort, Baisingen
im Schwarzwald, kamen derartige, freilich betrübende Exzesse der Rohheit
und Barbarei vor, wo aber ebenfalls manche besondere Umstände mit
unterliefen. Die Nachricht hinsichtlich Mergentheims muss dahin berichtigt
werden, dass gegen die dortigen Israeliten durchaus Nichts unternommen
werden sollte, sondern die Wut einer rohen Odenwälder Bande wollte die
von dem nahen badischen Ort Unterschüpf,
wo freilich gegen die dortigen wenigen Juden arg gehaust worden ist, nach
Mergentheim geflüchteten Juden ausgeliefert haben, welchem Ansinnen
jedoch natürlich von Seiten der Behörde nicht nachgegeben worden…".
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Über den Judenpogrom an Pessach 1848
(aufgeschrieben in der 'Megilah Baisingen', zitiert in einem Bericht von 1918)
Links:
Beginn der 'Megilat Baisingen' (ausgesprochen auch: Megilas;
Megillat = Schriftrolle) zur Erinnerung an die Ausschreitungen gegenüber
den Juden Baisingens im April 1848.
Quelle: Titel (Ausschnittsvergrößerung) der Publikation von
Karl-Heinz Geppert: Jüdisches Baisingen - Einladung zu einem Rundgang.
Haigerloch 2000. |
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Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung der Judentums" vom 27. März 1918: "Megilas
Baisingen. Von befreundeter Seite wird mir ein hebräisches und
deutsches Manuskript unter dem genannten Titel übersendet, das die
Schicksale einer kleinen jüdischen Gemeinde in Württemberg während der
Pessachtage 1848 schildert. Ich lasse es im Auszuge hier folgen.
Nachdem kurz von den Unruhen berichtet worden, die infolge der
Pariser Februarrevolution in Europa im allgemeinen und in Deutschland im
besonderen ausgebrochen waren, ferner davon, dass in Begleitung solcher
Unruhen mancherlei Aufstände gegen die Juden erfolgt waren, heißt es:
'Auch wir, die jüdischen Einwohner des Dorfes Baisingen, kamen in große
Not. Es war das Gerücht verbreitet, dass die christlichen Einwohner
benachbarter Dörfer uns überfallen, berauben und misshandeln wollen.
In der Nacht auf den 13. März waren wir ängstlich ein jeder in seinem
Hause, da kamen hiesige Christen und warfen in zehn Häusern von Juden die
Scheiben ein. Die Nachtwächter sahen es mit an und halfen dazu.
So sehnsüchtig wir auch dem Anbruch des Tages entgegen sahen, so wussten
wir uns dennoch auch am Tage nicht zu raten, denn das gemeine Volk war
ganz gesetzlos und die Macht der Beamten im Augenblicke äußerst geschwächt.
Die Politik riet uns, das Unrecht schweigend zu tragen.
Nun aber waren am Mittag sieben ledige christliche Burschen aus dem nahen
Dorfe Vollmaringen in den Ort gekommen und spazierten mit Beilen und
Messern in den Händen in die Haushöfe der Juden und sprachen anmaßend
und frech und höhnten: Heute Nacht kommen wir mit noch vielen über euch.
Die Christen im Orte hörten wohl teilweise diese Reden und sahen das
Benehmen dieser Buben; allein niemand regte sich, und beizustehen, niemand
hatte ein tröstendes Wort.
Die Vorsteher der Jüdischen Gemeinde wandten sich dieserhalb bittend an
den Pfarrer, sich zu unserer Sicherheit zu verwenden. Dieser sandte auch
zugleich einen Extraboten an den Schultheiß, welcher heute in Geschäften
in einem benachbarten Orte war. Dieser kam auch gegen Abend und
veranlasste im Verein mit dem Pfarrer, dass die ganze christliche Gemeinde
heute Nacht bewaffnet wache, auf dass die Juden vor einem auswärtigen
Anfalle geschützt seien. Wir Juden waren aber bereits zu ängstlich, und
als es Abend wurde, flohen viele der unseren in benachbarte Orte, und
viele von denen, die im Orte blieben und die Veranstaltungen des Schultheißen
sahen, getrauten sich doch nicht, in ihren Wohnungen zu verbleiben, und flüchteten
sich und ihre Wertsachen in christliche Häuser des Ortes, denen sie
vertrauten. In derselben Nacht regte sich nichts. Von dem nächsten Tage
an bezahlte die jüdische Gemeinde mehrere christliche Personen aus dem
Orte, dass sie Nachtwache halten müssten, und auch von den Juden selbst hüteten
immer einige mit.
Die Ereignisse der Zeit waren nicht tröstlich, und einsichtige Leute fürchteten
sich nicht ohne Grund. Dennoch gab es auch in unserem Kahal (Gemeinde)
Leute, welche nach einigen |
Wochen
seit Anordnung der nächsten Wache vermeinten, man dürfte jetzt nicht
mehr besorgt sein und könne die bezahlten Wächter entbehren und habe
nicht nötig, selbst Wache zu halten. Es wurde auch dieserhalb im
versammelten Kahal beschlossen, dass die Wache nur bis Ende Pessach
bestehen sollte.
In der Nacht auf acharon schel Pessach (letzter Tag), dieses ist auf den 25.
April, rotteten sich ungefähr vierzig christliche Einwohner des Ortes
zusammen, sie waren teils verheiratet, teils ledig und begann damit, dass
sie zuvörderst die von uns bestellten jüdischen und christlichen Wächter
aus der Straße verjagten und dann hingingen und in den meisten Häusern
der Juden die Türen einschlugen und die Läden der Fenster erbrachen.
Sie waren mit schweren Steinen, mit großen und kleinen Prügeln, mit Äxten
und Beilen bewaffnet. Sie warfen durch die zerschlagenen Fenster in die
Wohnungen und riefen: 'Geld oder Tod!' Nur
in ein Haus, in das Haus der Meier Weil, der mit auf der Wache war, waren
die Krawaller eingedrungen, nachdem sie die Türen, Läden und Fenster
zerschlagen hatten, und zerstörten vieles im Hause. Mutter und Tochter,
das einzige Kind, flohen; allein die Tochter wurde ereilt, arg geschlagen
und gefährlich verwundet. Viele von uns hörten ihr jämmerliches
Schreien, allein niemand konnte ihr zu Hilfe kommen. Sie ward wieder
hergestellt. Im Hause des Wolf Kiefe hatte dieses Gesindel auch bereits Läden
und Fenster zerschlagen und war bemüht, die Türen zu erbrechen. Dieser
Mann hatte diesen Leuten auch bereits über 400 Gulden durchs Fenster
zugeworfen und gebeten, dass sie von ihm ablassen sollten; allein sie
sollten noch mehr und warfen schwere Steine in die Stube und trafen die
Hausfrau, die längst taub geworden, und verwundeten sie gefährlich am
Kopfe. Sie ist indes wieder geheilt von ihren Wunden. Bei dieser
Gelegenheit wurden auch in der nahe stehenden Synagoge Fenster zerschlagen
und Steine und Prügel hineingeworfen. Auch bei dem Herrn Kirchenvorsteher
Salomon Kiefe waren Haustür, Fensterläden und Fenster erbrochen, man
musste jeden Augenblick fürchten, die Rotte werde eindringen und das
Leben gefährden; er entfloh daher mit seinem Weibe, seinen zwei Töchtern,
seinem jüngsten Sohne, seiner jüdischen und christlichen Magd durch eine
Hintertür und entkam glücklich nach Bonndorf. Seinen Knaben von elf
Jahren aber vermisste man; denn es hatte sich dieser aus Furcht auf den
Boden geflüchtet und sich daselbst versteckt und den Ruf der Seinen nicht
gehört. In welcher Angst wir alle waren, und in welcher Betrübnis diese
Leute ihr Haus und ihre Habe verließen und welche Sorge ihr Herz erfüllte
wegen des Kindes, das fehlte, ist leicht zu erachten.
Herr Wolf Kiefe hatte während des Tumultes vor dem haus seine jüdische
Magd durch eine Hintertüre aus dem Hause entsandt, damit sie den
Schultheißen zu seiner Hilfe herbeirufe. Als die Magd vor dem Hause des
Schultheißen angekommen war und ihn angerufen hatte, machte dieser sich
sogleich aus seinem Hause, rief noch einige Bürger herbei und verfügte
sich an den Ort, wo der Krawall stattfand. Die Krawaller hörten den
Schultheiß kommen und flohen; nachgesetzt wurde ihnen nicht.
Zu dieser Zeit ward es ruhig im Orte, wir gingen aus unseren Häusern
bewaffnet mit Äxten, Hämmern, Beilen und dergleichen und blieben auf der
Straße beisammen, um einen möglichen Überfall vereint abzuwehren. Noch
vor Tag jedoch gingen drei von uns zu dem Schultheißen und verlangten von
ihm ein Schreiben an das Königliche Oberamtsgericht über das, was diese
Nacht sich ereignet. Der Schultheiß willfahrte, und so gingen denn zwei
dieser Männer, Herr Hirsch Kiefe, Kirchenvorsteher und Vorsänger, und
Schullehrer Michel Hirsch mit Tagesanbruch, acharon
schel Pessach, vor das Königliche Oberamtsgericht und drangen in den
Beamten, eilig an Ort und Stelle sich zu begeben und für unseren Schutz
Sorge zu tragen. Noch bevor gedachte zwei Männer vor das Königliche
Oberamtsgericht gelangten, hatte bereits der erwähnte Herr Salomon Kiefe
von Bonndorf aus in der Nacht einen Boten mit einem Schreiben an das Königliche
Oberamtsgericht entsandt und Hilfe für die Zurückgebliebenen dringend
verlangt. Die zwei Männer stellten nun mündlich vor, und das Gericht
versprach alles Mögliche zu unserem Schutze anzuordnen und dieserhalb
sich noch heutigen Tages an Ort und Stelle zu begeben. Das Gericht sandte
drei Landjäger voraus und folgte bald selbst nach. Eben kamen genannte Männer
von Horb zurück, als Herr Wolf Kiefe und Herr Lehmann Kiefe mit Frau eine
Kutsche bestiegen, um nach Stuttgart sich zu begeben, daselbst zu
verbleiben und auch, um möglichst durch die höchsten Männer im Staate für
künftig unsere Ruhe zu sichern. Die Ehefrau des Erstgenannten musste,
weil sie an ihren Wunden gefährlich krank war, bis zu ihrer Genesung zurückbleiben.
An diesem Tage nun begann die gerichtliche Untersuchung, und bereits am
folgenden Tage wurden zwei der Verdächtigen nach Horb in das Kriminalgefängnis
gebracht. Hierüber wurden viele christliche Weibsen des Ortes arg
aufgebracht, und wurde von ihnen den ganzen Tag hindurch auf öffentliche
Straßen arg gemault darüber, dass das Gericht wegen Juden ihre Leute zur
Verantwortung ziehen wolle. Auch christliche Männer ließen drohende
Reden hören, dass die Haare der Unsrigen zu Berge stiegen. Nicht zu
verwundern, dass viele von den Unsrigen gegen Abend aus Furcht vor den
christlichen Einwohner des Ortes mit ihren Weibern und Kindern in die
benachbarten Orte flüchteten. Wir Männer aber und die ledigen, rüstigen
Leute, wir versammelten uns heimlich in dem Hause des Herrn Hirsch Kiefe
und versahen uns mit Steinen, eisernen Stangen und anderen Waffen, um nötigenfalls
gegen Feinde uns zur Wehr zu setzen.
Um Mitternacht wurde dem Herrn Salomon Wolf Kiefe im Vertrauen angesagt,
dass morgen in aller Frühe die gesamte Judenschaft auf das Rathaus
geboten werde und daselbst unterschriftlich zu erklären habe, dass sie
erstlich für sich und ihre Nachkommen auf alle Zeit freiwillig auf Bürgerrecht
und gemeindebürgerlichen Nutzen verzichte, und dass es zweitens ihr
Wunsch sei und ihr Verlangen, das Königliche Oberamtsgericht sollte die
zwei Inhaftierten aus ihrer Haft entlassen und alle Untersuchungen wegen
der Begebenheiten in der Nacht auf den 25. April niederschlagen.
Es wurde auch angesagt, dass sofern die Juden in dieses Verlangen nicht
einwilligen, dieselben dahier ihres Lebens nicht sicher seien.
Als wir dieses Vorhaben erfuhren, sandten wir noch in der Nacht durch zwei
Männer aus unserer Mitte ein Schreiben an unseren Rabbiner, Herrn Dr.
Wassermann, Hochwürden in Mühringen,
ihn ersuchend, er solle alsogleich nach Horb zu den Beamten sich begeben,
damit genügend Schutz uns eilig zukomme. Nachdem Herr Dr. Wassermann mit
den Beamten geredet hatte, kam er in der Frühe hier an und gab uns zu
verstehen, dass wir nur immer unterschriftlich einwilligen dürfen in das
ungerechte Verlangen; es unterliege solche Verhandlung der Genehmigung der
höheren Behörden und diese werde nicht erfolgen. Wir gingen also auf das
Rathaus und fertigten daselbst die verlangte Schrift, während unsere
Feinde drohend und mordlustig auf der Straße sich bewegten.
Zwar wurde besagtes Schreiben eilig dem Königlichen Oberamtsgericht
zugefertigt, allein diesem war schon Weisung von dem Königlichen
Ministerium zugekommen, keinen Zwang gegen die Juden zu dulden, die
gesamte christliche Gemeinde verbindlich zu machen für den Schutz der
Juden und deren Habe, und wenn das nicht eingegangen werde oder nicht genügen
sollte, Militär zu bestellen. Als die christlichen Einwohner den Ernst
und |
die Kraft
einer gerechten Regierung erkannten, verbürgten sie sich sämtlich, wie
verlangt wurde, und die gerichtliche Untersuchung wurde ungestört fortgeführt.
Wir dürfen nicht unerlassen zu erwähnen, dass die öffentliche Stimme,
die laute wurde, ganz zu unseren Gunsten war und dass die christlichen
Einwohner dahier von ihren Glaubensgenossen, den Katholiken und den
lutherischen Christen in der Gegend, sehr getadelt wurden.
Infolge gerichtlicher Untersuchung wurden 31 verdächtige Personen
inhaftiert. Einige wurden bald aus der Haft entlassen, einige erst nach
mehreren Monaten, nachdem die Untersuchungen geschlossen waren und die Bürgschaft
geleistet war, dass keiner der Schuldigen der gerichtlichen Strafe, welche
das Hohe Gericht bestimmen werde, durch die Flucht sich entziehen
wolle.'
Diese anspruchslose Schilderung, die zum Teil von Mitgliedern hoch
angesehener Familien spricht, die seitdem in Württemberg und anderwärts
hervorragende Stellungen erworben haben, mag für sich allein sprechen. Es
ist ein interessantes Kulturbild, das wohl der Veröffentlichung wert ist.
Nach der Darstellung der schweren Ereignisse, die, wie gesagt, an den
letzten Tagen des Pessachfestes sich vollzogen, folgen nur noch kurze
Mitteilungen darüber, dass die vor zehn Jahren aufgelöste Chewra
wiederhergestellt wurde und dass alle Gemeindemitglieder, die ihr angehörten,
sich verpflichteten eifrig Almosen zu geben.
Genau 70 Jahre trennen uns von jener Zeit. Wir dürfen sagen: derartiges
ist seitdem in Deutschland nicht wieder vorgekommen, und wir dürfen daran
den Ausdruck der Hoffnung und des Vertrauens schließen, dass solches
nicht wieder vorkommen werde. Es ist ja freilich leider gewiss, dass die
Antisemiten rüstig am Werke sind. Aber so traurig auch ihre Bestrebungen
genannt werden müssen, so richten sie sich nicht auf die Zerstörung des
Eigentums und die Bedrohung persönlicher Freiheit, sondern sie beziehen
sich nur auf die Schädigung unserer festgelegten Stellung. Aber wir sind
erfüllt von der Überzeugung, dass alle diese Bemühungen, mögen sie
auch noch so kühn und zuversichtlich sich gebärden, erfolglos bleiben müssen,
dass der gerade Sinn unseres Volkes und die erleuchtete Anschauung unserer
Regierenden solchem Ansinnen widerstreben und uns überall, wo wir auch
wohnen, den Schutz zubilligen werden, der uns gebührt, und die Freiheit
und das Recht uns Gewähr leisten werden, die uns von der Verfassung
gegeben ist und deren wir uns in jahrzehntelanger Pflichterfüllung würdig
gemacht haben. L.G." |
Der
Baisinger Judenkrawall vor Gericht (Beitrag von Oberlehrer M. Straßburger)
(1928)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Februar 1928: "Der Baisinger
Judenkrawall vor Gericht.
Nach einer zeitgeschichtlichen Niederschrift mitgeteilt von Oberlehrer M.
Straßburger
Am 13., 14. und 15. April 1851 fand die Schwurgerichtsverhandlung bei dem
Schwurgericht in Oberndorf am Neckar statt, bei welchem Ober-Justiz-Assessor
v. Trott als Staatsanwalt fungierte. Die Verteidigung führte Prokurator
Pfeilstricker, Stadtschultheiß und Rechtskonsulent Siegel von Balingen,
Rechtskonsulent Bierer und Kapff von Tübingen.
Auf der Anklagebank saßen 9 junge Männer von Baisingen, beschuldigt des
Raubes. Es waren dies: Sattler Karl Teufel, Alois Stopper, Valentin Stopper,
Martin Raible, Anton Bernhard, |
Georg
Teufel, Urban Stopper, Bruno Teufel, Christian Pfeffer. Die Angeklagten
waren mit Ausnahme des Sattlers Teufel sämtlich verheiratet, standen in
einem Alter zwischen 20 und 30 Jahren und waren, ausgenommen der Sattler
Teufel und Maurer Raible, gut prädiziert und ohne Vermögen. Aus der Aussage
ging folgendes hervor:
In Baisingen, welches zum großen Teile von vermöglichen Juden bewohnt wird,
hatte die im Frühjahre 1848 eingetroffene Kunde von der Emanzipation der
Israeliten große Aufregung unter der christlichen Bevölkerung hervorgerufen.
Es war namentlich davon die Rede, dass die Juden das Bürgerrecht erhalten
und an den wohlhabenden Stiftungen des Ortes Anteil bekommen werden.
In mehreren Versammlungen, an welchen sich auch der Schultheiß und einzelne
Gemeinderäte beteiligten, bildete die Emanzipationsfrage den Gegenstand der
Besprechung und es wurde über die Mittel, durch welche der angeblichen
Beeinträchtigung der Christen vorgebeugt werden soll, Beratung gepflogen. In
einer dieser Versammlungen wurde eine Schrift abgefasst, worin den Juden die
Befähigkeit zu obrigkeitlichen Stellen bestritten wurde. Außerdem fielen
mehrere Äußerungen des Schultheißen und einzelner Gemeinderäte, in denen
sich ein feindseliges Verhältnis gegen die Juden bekundete.
Diese herrschende Aufregung steigerte sich, da sich einzelne Ortseinwohner
in Privatangelegenheiten von den Juden übervorteilt glaubten. So kam der 24.
April 1848 — der Ostermontag heran. Meistens junge Leute versammelten sich
in Hochdorf in einem Wirtshause. Auf den Abend kam man im Löwen in Baisingen
zusammen, wo viel von den Juden gesprochen und infolge der durch die
Getränke eingetretene Erhitzung über die Juden losgezogen wurde.
Gegen 10 Uhr nachts wurde die Nachricht gebracht, dass heute Nacht ein
Angriff auf die Juden gemacht werde. Diese Kunde fand allgemeine Billigung.
Nach 10 Uhr zog ein Haufe von 30 bis 40 Personen, unter dem Rufe Mötzinger
hierher, Vollmaringer dort (sie wollten die Hilfe von Nachbargemeinden
vormachen), mit Stöcken, Prügeln und Steinen versehen, ins Dorf, um die
Wohnungen der Juden zu bestürmen.
So wurden die Fenster der Behausung des Lehmann Kiefe mit Steinen
beworfen und die massive Haustüre durch Axthiebe zertrümmert, so dass die
Bewohner sich flüchten mussten. Von da ging es zur Wohnung des Vorstehers
Salomon, wo gleichfalls die Fenster eingeworfen, die Türen |
mit
Axthieben zerschlagen und gerufen wurde: 'Alles muß hei (tot) sein!' Hierauf
zog die Menge in einzelnen Haufen die Ortsstraße hinaus und die gleiche
Zerstörung an den an der Straße liegenden Judenhäusern unter dem Rufe: 'Geld
heraus oder Tod' vorgenommen. Auch das Schulhaus wurde gestürmt. Dann
ging es vor das Haus des Maier Weil, in welches 6-7 Personen
eindrangen, das Stiegengeländer zertrümmerten, Hausgeräte zusammenschlugen
und die Fenster einwarfen. Die Bewohner flüchteten sich in den Stall: die
Tochter, Babette Weil, machte sich ins Dorf hinein, um zu entfliehen,
wurde aber von mehreren Männern auf Kopf und Rücken geschlagen, dass sie
einige Zeit arbeitsunfähig wurde. Nachdem unter Johlen und Brüllen noch an
mehreren Häusern Zertrümmerungen vorgenommen worden waren, zog die lärmende
Menge vor das Haus des Wolf Kiefe. Zunächst wurden die Fenster der
nahe gelegenen Synagoge eingeworfen, die Fenster bei Wolf Kiefe
eingeworfen und die Türe zertrümmert und gerufen: 'Geld oder Tod!'
Wolf warf nun zuerst in einer Blase etwa 18 fl. zum Fenster heraus,
wodurch sich aber die Umstehenden nicht zufrieden gaben. Nun warf er
abermals 50 fl. in einem leinenen Beutel heraus. Allein auch damit begnügte
sich die Menge nicht und schrie: Das ist nicht der rechte Lack, der 'große'
Lack muss her! Nun warf die Frau des Wolf Kiefe einen großen
leinernen Lack, in welchem sich 300 fl. befanden, zum Fenster heraus, sank
jedoch, von einem Prügel oder Stein getroffen, blutend in das Zimmer zurück
und musste infolge dieser Verletzung mehrere Wochen das Bett hüten.
Endlich zerstreute sich die Menge, weil sie erfuhr, dass der Schultheiß mit
einigen Gemeinderäten und den Wächtern das Dorf heraufkomme. Der Lärm hörte
jedoch erst um 12 Uhr auf.
Doch ließ die Verfolgung gegen die Juden nicht nach.
Als von dem Oberamtsgericht Horb die Untersuchung eingeleitet und
Verhaftungen vorgenommen wurden, machte man den Versuch, die Freilassung zu
ertrotzen. Am 27. April versammelte der Schultheiß die Bürgerschaft, wobei
62 Bürger durch ihre Unterschrift erklärten, dass sie nur in dem Falle für
die Ruhe und Sicherheit des Ortes Sorge tragen, wenn die Verhafteten
freigegeben werden und die Juden auf jede Klage, sowie auf die zu hoffenden
Rechte verzichten. Die geängstigten Juden unterschrieben diesen Verzicht und
baten um Niederschlagung der Untersuchung. Doch gegenüber den ernstlichen
Maßregeln, welche getroffen wurden, namentlich der Drohung mit militärischer
Exekution, gaben die Bürger von Baisingen am 5. Mai die Erklärung ab, dass
sie aus dem Verzichte keinerlei Ansprüche ziehen werden.
Der Teilnahme an diesen strafbaren Handlungen werden die heute vor Gericht
stehenden Personen angeklagt. Eine Haupttätigkeit entwickelte der Sattler
Teufel. Er war es, der in der Absicht, um Geld zu bekommen, vor das Haus des
Wolf Kiefe gezogen zu sein, bestreitet es aber. Er will von andern,
namentlich älteren Männern und sogar von Gemeinderäten zu den Exzessen
genötigt worden zu sein. Die Angeklagten berufen sich zu ihrer
Entschuldigung auf ihre Betrunkenheit. Raible gibt an, 8—10 Mann hätten in
einer Stunde 42 Maß Bier getrunken. Zugleich erklärt dieser Raible, warum
das Feldge- |
schrei
'Mötzinger' gewählt wurde. Es sollte dadurch die Vermutung entstehen, dass
Fremde die Täter seien. Raible war es auch, der das Geldsäckchen mit 50 fl.
zu sich steckte, er war es, der das Mostfäßchen bei Mayer Weil
auslaufen ließ. Er, wie die andern, gaben an, dass er kein Geld erpressen,
sondern nur die Juden ängstigen wollte.
Wir sehen in den Vorfällen des 24. April zu Baisingen einen Akt der gröbsten
Rohheit und so darf die Vermutung nicht unbegründet sein, dass die auf der
Anklagebank sitzenden Personen, welche bereits eine Untersuchungshaft von
200 Tagen erstanden haben, mehr blinde Werkzeuge anderer und Verführte sind,
als die eigentlichen Urheber der Tat. Ein ähnliches Urteil gibt auch
Rabbiner Dr. Wassermann von Mühringen,
welcher ein Bild der Entstehungsgründe der Exzesse zu entwerfen bemüht ist.
Er spricht zuerst davon, dass weniger die Angeklagten, denen freilich das
Gemeine des Vorgehens zur Last fällt, der schuldige Teil seien, als
diejenigen, welche sie auf den Gedanken brachten, dass es nicht nur erlaubt,
sondern gewissermaßen sogar Pflicht sei, gegen die Juden aufzutreten. Schon
seit längerer Zeit vor den Exzessen am Ostermontag habe in Baisingen ein
Geist der Feindseligkeit geherrscht, welcher sich namentlich zur Zeit der
Wahl der Reichstagsabgeordneten, wo die Juden erstmals wahlberechtigt waren,
bekundete.
Dazu komme, dass dieser Geist genährt und gepflegt worden sei, von einzelnen
Mitgliedern der Gemeindebehörden. Dies schließt er teils aus Ausdrücken, wie
sie z.B. der Gemeindepfleger Gramer zwei Tage vor den Vorfällen in
Untertalheim fallen gelassen habe, dahingehend: Die Juden in Baisingen sind
in einer schlimmen Lage!, teil aus dem Benehmen einiger Gemeinderäte nach
der Tat.
Während nämlich der Oberamtmann bei seiner persönlichen Anwesenheit in
Baisingen der im Bette liegenden, am Kopfe verletzten Frau des Wolf Kiefe
so ergriffen gewesen sei, dass er als Christ sie um Verzeihung bitte, von
Christen so barbarisch behandelt worden zu sein, haben die Gemeindebehörden
sich gleichgültig und schadenfreudig benommen und geäußert: Seid nur
zufrieden, dass ihr so davon gekommen seid! Schließlich spricht Dr.
Wassermann seine feste Überzeugung darüber aus, dass zwischen den
Gemeindebehörden und den Tätern eine Gemeinschaftlichkeit des Willens
vorgeherrscht habe und wie es in einem Briefe, der ihm zugegangen, heiße:
den Gemeindebehörden, wenn nicht die moralische Urheberschaft, wenigstens
die Mitwisserschaft treffe.
Der Beschädigte Wolf Kiefe erzählt den Hergang der Sache und stimmt
in der Hauptsache mit dem aus den Akten Mitgeteilten überein. Besonders
beharrt er darauf, dass er nur durch den wiederholten Ruf: 'Geld oder Tod'
veranlasst worden |
sei,
Geld hinauszuwerfen. Auch die Angaben der Frau stimmen mit den ihres Mannes
überein. Die Dienstmagd des Wolf Kiefe, Mine Kurz, bezeugt ebenfalls, dass
sie den Ruf: 'Geld oder Tod' gehört. Sie sei zum Schultheißen gelaufen, habe
aber eine Viertelstunde warten müssen, bis polizeiliche Hilfe erfolgt sei.
Sie habe der Dunkelheit wegen niemand erkannt. Oberwundarzt Bertscher
erklärt, dass die Wunde der Frau W. Kiefe unter Umständen hätte
lebensgefährlich werden können. Der ebenfalls zu den Beschädigten gehörende
Lehmann Kiefe gibt an, dass auch seine Behausung unter dem Rufe 'Geld oder
Tod' heimgesucht worden sei. Zn gleicher Weise sagen Isaak Kahn und Simon
Levi aus, dass ihnen die Fenster eingeworfen und gerufen worden sei:
'Geld oder Tod'.
Salomon Kiefe, Kirchenvorsteher, bezeichnet das Verhältnis der Juden zu der
christlichen Bevölkerung als ein gutes. Lehrer Michael Hirsch gibt an,
dass
das Schulhaus bestürmt wurde und ihm entgegengerufen worden sei: 'Bringt ihn
um, schlagt die Türe ein!'
Er spricht von verschiedenen Reibereien, die schon vorher im Orte
vorgekommen seien, namentlich infolge der Kunde, dass die im Elsaß
ansässigen Juden sich haben flüchten müssen. Namentlich schildert er, wie
sich zur Zeit der Exzesse die Angst der Juden aus einen solchen Grad
gesteigert habe, dass Frauen und Kinder nach
Mühringen geflohen seien.
Der Zeuge M. Schurer gibt an, dass es im
Löwen geheißen habe, der Schultheiß und der Bürgermeister habe gesagt, jetzt
soll man anfangen. Wenn der Schultheiß gleich gegangen wäre, wie man ihn
geweckt habe, so hätte der Unfug bald ein Ende genommen.
Außerdem habe der Schultheiß geäußert, dass man sie nur noch machen lassen
solle. Der Bürgermeister soll gesagt haben, man wolle heute Nacht den Juden
das Bürgerholz austeilen. Er bringt weiter vor, dass Lehrer Buhl auf dem
Rathause eine Schrift vorgelesen habe, dass die Juden Bürger werden wollen
usw.
Schultheiß Teufel sagt, dass denselben, als ihm Anzeige von dem Lärmen
gemacht wurde, angeblich Furcht abgehalten habe, sich nicht sogleich auf
den Platz der Gefahr zu begeben. Dass eine Abneigung gegen die Juden ihn
veranlasst habe, mit der Hilfeleistung zu zögern, bestreitet er. Der letzte
der Zeugen, Gemeindepfleger Gramer, bestreitet ebenfalls, dass er vorher
Kenntnis von dem Unfuge gehabt oder denselben begünstigt zu haben. Es könne
gewiss kein Israelite auftreten, welcher nicht bezeugen müsse, dass er mit
den Juden stets im besten Einverständnis gestanden sei.
Der Staatsanwalt v. Trott entwickelt nun in geläufigem klaren Vortrage, dass
alle Erfordernisse, welche zum Verbrechen des Raubes gehören, im
vorliegenden Falle vollständig zutreffen.
Außerdem weist der Staatsanwalt nach, dass die Angeklagten in
gemeinschaftlicher Verabredung, d. h. im Komplotte gehandelt haben.
Rechtskonsulent Siegel bestreitet die Absicht sei- |
ner
Klienten, sich widerrechtlich Geld zu verschaffen, indem sie die Juden nur
ängstigen wollten, man wollte die Juden nur zu einem Verzichte auf ihre in
Aussicht stehenden Rechte bewegen.
Prokurator Pfeilstricker setzt auseinander, dass sowohl die diebische
Absicht, als die Drohungen auf Leib und Leben durchaus nicht vorhanden
seien. Man könne in dem ganzen Vorfalle nur eine grobe Verletzung der
Nachtruhe und grobe Eigentumsbeschädigung finden, keineswegs aber Raub.
Die Geschworenen beantragen, die teilweise für schuldig erklärten Personen,
in Betracht der damaligen Aufregungen, ihrer günstigen Prädikate und
anderer mildernder Umstände der Gnade des Königs dringend zu empfehlen. Die
sechs für nicht schuldig erklärten Angeklagten werden sofort
freigesprochen.
Der Staatsanwalt beantragt bei Karl Teufel und Martin Raible je 6 Jahre, bei
Georg Teufel 5 1/2Jahre Zuchthaus.
Unter Tränen und Zeichen der sichtbarsten Führung führen die Angeklagten
einiges Wenige zur Milderung der Strafe an.
Der hohe Hof verurteilt nun den Karl Teufel
5 Jahren, den Martin Raible zu 5 Jahren Zuchthaus und den Georg Teufel zu 4
Jahren und 6 Monaten Arbeitshaus". |
Restaurierung des rituellen Bades (Mikwe)
(1877)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. März 1877: "Baisingen (Württemberg).
Folgender interessante Vorfall verdient der weitesten Öffentlichkeit übergeben
zu werden. In der hiesigen Gemeinde, die circa 60 israelitische Familien zählt,
war die Mikwe schon seit
mehreren Jahren in einem solch traurigen, verwahrlosten Zustande, dass es
fast nicht mehr möglich war, dieselbe zu benutzen. Der Vorstand, zum
wiederholten Male durch Herrn Isaac Kahn um Herstellung ersucht, wies die
Sache immer ab, als Motive angebend, die Mikwe
sei gut genug, gar nicht mehr nötig, da sie ja doch nur von wenigen
Frauen benutzt werde, man brauche eine derartige Institution überhaupt
nicht mehr, es käme zu teuer und dergleichen. Zur richtigen
Charakteristik dieser Motivierung möge besonders in Bezug auf den letzten
Punkt erwähnt werden, dass die Herstellung nur einige hundert Gulden
kosten sollte, während unsere Gemeinde notorisch die reichste im ganzen
Lande ist. Nachdem nun Herr Kahn mit allen Vorstellungen vom Vorstand
abgewiesen wurde, wandte er sich beschwerend an das königliche
Oberamtsgericht. Dieses ließ die Mikwe
durch einen Techniker prüfen, welcher die Beschwerde des Klägers
vollkommen gerechtfertigt fand, und 'das Oberamtsgericht verurteilte den
Vorstand zur sofortigen rituellen Herrichtung der Mikwe,
wozu ein Plan ganz nach ritueller Vorschrift beigefügt wurde, sowie zur
Tragung sämtlicher Kosten." |
Antijüdisches aus dem Munde eines evangelischen
Dekans (1878)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Januar 1878: "Aus Württemberg. In
den jüngsten Wochen forderte ein evangelischer Dekan seine Gläubigen von
Haus zu Haus und in der Zeitung salbungsvoll auf, künftig ihre Laufläden
an den christlichen Sonn- und Festtagen den ganzen Tag zu schließen. Die
katholische Geistlichkeit schloss sich auf Einladung der frommen Bitte in
kurzen Worten an. Soweit wäre alles in Ordnung. Aber auch an den Rabbinen
wagte der eifrige evangelische Vorstand des Pfarrgemeinderats sein Gesuch
um Anschluss zu richten, dass dieser die israelitischen Kaufleute
veranlassen möge, auch an den genannten christlichen Feiertagen ihre Läden
zu schließen, da die Gottesfurcht bei den Israeliten ja doch von Tag zu
Tag ab-, bei den Christen hingegen zunehme. Da der Rabbiner zu seiner
solchen contradictio in adjecto sich nicht herabwürdigen konnte, sondern
auf die Statistik der Strafkammern und Schwurgerichte hindeutete,
versuchte der Missionär sein Glück bei den einzelnen jüdischen
Kaufleuten, natürlich mit derselben Erfolglosigkeit. – Kein Märchen
– sondern pure Tatsache." |
Über die Zedokoh-Stiftung der Gemeinde (1878)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Juni 1878. "Bonn,
2. Juni (1878). Aus Horb in Württemberg
schreibt das Stuttgarter 'Neue Tagblatt' vom 24. Mai: 'In welchem
großartigen Maßstabe in manchen israelitischen Kirchengemeinden Unterstützungen
an Arme, die doch eigentlich Sache der politischen Gemeinden wären,
verabreicht werden, davon legt die in Baisingen, Oberamt Horb,
befindliche israelitische Gemeinde ein beachtenswertes Zeugnis ab.
Dieselbe besitzt ein Stiftungsvermögen von nahezu 24.000 Mark, deren
Zinsertrag, nach geringfügigen Abzügen für kirchliche Leistungen und
Verwaltungen, den dort befindlichen israelitischen Armen zugute kommen. Da
nun aber in der höchstens 50-60 Familien zählenden Gemeinde sich nur
sehr wenige Arme vorfinden, so kann man sich vorstellen, mit welchen
ansehnlichen Summen dieselben hierbei beteiligt werden können. Es ist übrigens
die Aussicht vorhanden, dass dieses Stiftungsvermögen im Laufe der Jahre
noch bei Weitem mehr anwächst, da wohlhabende Gemeindemitglieder, deren
sich in dieser Gemeinde sehr viele finden, vor ihrem Ableben bedeutende
Legate zu Wohltätigkeitszwecken zu stiften pflegen, die dann dem
Stiftungsvermögen einverleibt werden. Selbstverständlich steht die
Verwaltung dieser Stiftungen unter der Aufsicht des Königlichen Oberamts." |
Gerichtsverhandlung gegen fünf jüdische Feuerwehrleute,
die zur Löschübung am Schabbat fehlten (1887)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. September 1887: "Horb (Württemberg),
5. August (1887). Vor dem Königlichen Schöffengericht wurde heute
Vormittag folgender Fall verhandelt, der gewiss für viele von Interesse
ist und deshalb verdient, veröffentlicht zu werden. Auf der Anklagebank
befinden sich fünf Israeliten von Baisingen, die von dem Schultheißenamt
daselbst mit je 3 Mark bestraft wurden, weil dieselben als Mitglieder der
in Baisingen bestehenden Pflichtfeuerwehr von der auf Samstag den 21. Mai
dieses Jahres abends 6 Uhr anberaumten Feuerwehrübung unentschuldigt
ausblieben. Gegen die Strafverfügung des Schultheißenamtes stellten die
fünf Angeklagten Antrag auf gerichtliche Entscheidung und so kam die
Sache vor das Königliche Schöffengericht zur Verhandlung. Von den
Angeklagten waren nur vier persönlich erschienen, einer davon ließ sich
vertreten. Nach Aufruf der Sache und Verlesung der schultheißenamtlichen
Strafverfügungen begann die Vernehmung der Angeklagten und des als Zeugen
geladenen Feuerwehrkommandanten Bernhard von Baisingen und ist das
Wesentlichste hiervon folgendes: Nach verschiedenen vorher auf Sonntag
anberaumten Feuerwehrproben wurde eine solche Probe auf Samstag den 21.
Mai dieses Jahres abends 6 Uhr festgesetzt und dies vorschriftsmäßig
bekannt gemacht; da mehrere Israeliten in Baisingen in die Feuerwehr
eingereiht sind, so kamen einige von denselben am 10. und 20. Mai zu dem
Kommandanten und wollten um Abbestellung der Übung bitten, teilweise sich
des Sabbats wegen von der Übung dispensieren lassen. Beides konnte der
Kommandant nicht tun. Unter den um Dispensation Nachsuchenden befanden
sich die Angeklagten, wobei zu bemerken ist, dass bei einem der
Angeklagten noch als weiterer Entschuldigungsgrund das Vorhandensein eines
Geschwüres am Kopf hinzutrat. Trotzdem nun die Angeklagten von der Übung
nicht dispensiert waren, erschienen sie bei der Übung nicht und unterließen
es auch, innerhalb der im Feuerlöschgesetz vorgeschriebenen drei Tage
nach der Übung sich schriftlich zu entschuldigen und so kam es, dass sie
dem Gesetz gemäß vom Schultheißenamt bestraft werden mussten. Die
Angeklagten führten aus, dass sie nicht mutwilliger Weise, sondern aus
rein religiösen Gründen der Übung fernblieben, denn eine derartige Übung
sei für sie eine grobe Sabbatentweihung und ein großer Verstoß gegen
das mosaische Gesetz. Der Herr Staatsanwalt führte aus, wie die
Angeklagten gegen das Gesetz in formeller und materieller Beziehung sich
verfehlt haben und stellte den Antrag auf Bestrafung der Angeklagten wegen
Übertretung im Sinne des $ 368 Ziffer 8 des Strafgesetzbuches und zwar
jeden derselben zu 10 Mark eventuell drei Tage Haft mit Ausnahme des einen
der Angeklagten, der wegen eines Geschwüres am Kopf sich für
entschuldigt hielt, bei diesem letzteren aber 3 Mark Geldstrafe, eventuell
1 Tag Haft. Nach kurzer Beratung verkündigte das Gericht sein Urteil
dahin: dass jene vier Angeklagte zu je 5 Mark und dieser letztere
Angeklagte zu 1 Mark Geldstrafe und je den Kosten verurteilt seien. Die Gründe
heben hervor, dass die Einwendung der Angeklagten, die Übung habe am
Sabbath stattgefunden und an diesem Tage dürfen sie nach ihren religiösen
Vorschriften solche Übungen nicht vornehmen, zu verwerfen war, da sämtliche
Staatsangehörige ohne Unterschied der Religion dem Gesetz, betreffs das
Feuerlöschwesen vom 7. Juni 1886 unterworfen seien und dieses Gesetz
keine Bestimmungen enthält, dass derartige Übungen an bestimmten Tagen
nicht vorgenommen werden dürfen, oder dass gar Angehörige irgendeiner
Religion am Sonntag oder Sabbath oder irgend einem anderen Tag von den
vorgeschriebenen Pflichten befreit wären, überdies hatten die
Angeklagten versäumt, sich genügend zu entschuldigen und waren somit
schon formell strafbar."
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| Derselbe
Bericht erschien in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5.
September 1887. |
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Gründung des Vereins Doresch Tow (1889)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Mai 1889: "Baisingen. Die
Herren Moses Kahn, Hermann Marx, Isaac Kahn, Hirsch Kahn in Baisingen,
Veit Kahn in Cannstatt und Heinrich
Herz in Hall haben einen Verein 'Doresch
Tow' gegründet, um die Ausbildung eines jüdisch religiös gebildeten
Lehrerstandes (innerhalb Württemberg) für das Königreich Württemberg
zu erstreben.
Zu diesem Zwecke sollen Württemberg Kinder, die sich dem Lehrerfache
widmen wollen und die durch Lust und Liebe, durch Begabung und Leistungsfähigkeit,
durch Moralität und sittlichen Ernst sich dazu qualifizieren, aus den
Mitteln der Vereins materiell unterstützt werden.
Die Unterstützung findet nur dann statt, wenn die Zöglinge zu
ihrer Ausbildung eine solche Anstalt (Präparandie und Seminar) besuchen,
in welcher gründliches jüdisches Wissen, echte Religiosität in
Verbindung mit wahrer, allgemeiner Bildung gelehrt und anerzogen wird.
Da eine solche Lehranstalt in Württemberg vorerst nicht besteht, so sind
die Zöglinge, welche aus Mitteln des Vereins unterstützt sein wollen,
gehalten, ihre Vorbildung an der israelitischen Präparandenschule zu Burgpreppach
in Bayern, welche den Charakter der Öffentlichkeit hat und die
bekanntermaßen ihre Zöglinge in der oben bezeichneten Weise erzieht, zu
genießen.
Wir wünschen dem Verein das beste Gedeihen; sein Streben wird dazu
beitragen, in religiöser Beziehung einen bessern Geist in die Württemberger
Judenheit zu bringen." |
Anzeige des Vereins
Doresch Tow (1890)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juni 1890: "Religiös erzogene
Knaben, Kinder religiöser Eltern, welche sich als Elementarlehrer für Württemberg
ausbilden willen, können vom Verein 'Doresch-Tow' materiell unterstützt
werden. Nähere Auskunft über jede Anfrage erteilt
der Vorstand Moses Kahn, Baisingen." |
Anzeige des Vereins Doresch Tow (1891)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 5.
Januar 1891: "Der Verein Doresch Tow hat den Zweck, Knaben, welche
sich dem Lehrerstande widmen wollen, materiell zu unterstützen, auf dass
sie in streng religiösen Präparandie-Anstalten und Seminarien
ausgebildet werden können. Ein jeder religiös ausgebildeter Lehrer kann
wieder mehrere hundert religiöse Kinder erziehen. Der Verein kann aber
leider nicht viel leisten, da es ihm an Mitteln fehlt. Wir bitten jeden,
dem die Förderung der Lehre und des religiösen Lebens am Herzen liegt,
diesen Verein nach Kräften zu unterstützen und seinen ihm beliebigen jährlichen
Beitrag dem Vorstande des Vereins dessen Vertreter Moses Kahn in Baisingen
(Württemberg) anzuzeigen.
Das Komitee:
Dr. J. Hildesheimer, Rabbiner, Berlin.
Moses Kahn, Baisingen.
Louis Marx, Baisingen.
Hirsch Kahn, israelitischer Kirchenvorsteher, Baisingen.
Veit Kahn, israelitischer Kirchenvorsteher, Cannstatt.
Heinrich Herz, israelitischer Kirchenvorsteher, Hall." |
Über die Aktivitäten des Vereins Doresch Tow
(1891)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. März 1891: "Baisingen in Württemberg,
15. März (1891). Der hiesige Verein Doresch
Tow hat sich zur Aufgabe gemacht, Knaben, die sich als
Elementar-Lehrer für Württemberg heranbilden wollen, durch ansehnliche
Unterstützung zu veranlassen, dass sie hierzu die Präparandie Burgpreppach
und das Seminar Köln oder Würzburg wählen, wo sie nebst dem profanen
auch das jüdische Wissen besser als in dem württembergischen Seminar (sc.
Esslingen) lernen und als gute Jehudim
herangezogen werden. Wenn man bedenkt, wie in unserem Württemberg unsere
heilige Religion im Zerfall ist, dagegen erwägt, wie schon ein einziger
echt religiöser Lehrer hunderte von Kindern streng religiöse erziehen
kann, so dürfte jeder, dem unsere Religion gleichgültig ist, diesem
Verein beitreten. Beitrittserklärungen, wozu wir auch Nichtwürttemberger
dringend einladen, sind mit Angabe eines beliebigen jährlichen Beitrags
an den Doresch Tow Verein in Baisingen in Württemberg zu richten." |
Versammlung des "Verbandes der
Sabbatfreunde" (1908)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 7. Mai
1908: "Baisingen, 4. Mai (1908). Am 2. Mai fand eine Versammlung des 'Verbandes der Sabbatfreunde' statt, die sehr stark besucht war. Die
Versammlung wurde vom zweiten Vorsitzenden, Herrn Max Kahn, in Vertretung
des verhinderten ersten Vorsitzenden, Herrn Lehrer Straßburger eröffnet
und Herr Dr. Alfred Kahn, Baisingen, hielt ein belehrendes und mit großem
Beifall aufgenommenes Referat über die Psalmen, in welchem er auf den
kostbaren Schatz, den wir in Psalmen
haben und auf die dringende Pflicht, sich mit unserem heiligen Schrifttum
zu beschäftigen, hinwies. An der Diskussion beteiligten sich Herr L. Kahn
und Rabbiner Dr. Kahn, Esslingen. Der letztere wies darauf hin, wie die
Psalmen Gemeingut der ganzen zivilisierten Welt wurden und wie überall
neues Leben die jüdischen Kreise durchdringe, das in den Organisationen
wie 'Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums', 'Verband der Sabbat-Freunde' etc. seinen Ausdruck findet, wie selbst
in den der Orthodoxie fern stehenden kreisen, wie 'Hilfsverein der
deutschen Juden', Logen etc. immer mehr die Tatsache zum Durchbruche
kommt, dass nur durch die Rückkehr zum orthodoxen Judentum (?) das
Judentum erhalten werden kann, und dass das Nichterfüllen der Gebote im
Laufe der Generationen zum Abfall, zu Mischehen, zur Taufe führen würde.
– Mit einem schönen Schlussworte endigte die glänzend verlaufene
Versammlung." |
Neubegründung
des Jüdischen Jugendvereines (1927)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Januar 1928: "Baisingen. Nach
einleitenden Ausführungen seitens des Hauptlehrers Unikower beschloss am 21.
Dezember 1927 die hiesige schulentlassene Jugend in einer fast vollzähligen
Versammlung, den vor fünf Jahren außer Wirksamkeit gesetzten Jugendverein
neu zu begründen. Als Vorsitzende wurde Fräulein Berta Benedikt
gewählt. Als Winterarbeit würde der Beginn eines Unterrichtskurses in
Hebräisch nach den Dr. Fink'schen Unterrichtswerken festgesetzt, dessen
Leitung Hauptlehrer Unikower zu übernehmen sich bereit erklärte." |
Mitgliederversammlung des Israelitischen Frauenvereins (1929)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 15. März 1929: "Baisingen. Der
Israelitische Frauenverein hielt am 23. Februar seine ordentliche
Mitgliederversammlung ab. Der Geschäfts- und Kassenbericht ergab, dass der
Verein im ersten Jahre des Bestehens eine recht erfreuliche Entwicklung
genommen hat. Nachdem der Kassenführerin, Frau Rosa Haarburger,
Entlastung erteilt und der Vorstand wiedergewählt sowie durch die Wahl von
Frau Jakob Marx ergänzt worden war, hielt Hauptlehrer Unikower vor
den Mitgliedern des Frauenvereins und den aus der Gemeinde zahlreich
erschienenen Herren einen Vortrag über 'Das jüdische religiöse Lied'. An
Beispielen aus dem biblischen Schrifttum und aus der jüdischen
Literaturgeschichte zeigte er das. Wesen des religiösen Liedes, das
Schicksalsmomente des jüdischen Volkes festhalten und Grundzüge
jüdisch-religiöser Denkweise in poetischer Form wach erhalten will. So sei
das 'Meereslied' der Freude ob der Rettung aus der Gefahr des ägyptischen
Unterganges entquollen. Schicksalsschwer sei auch die Zeit gewesen, da eine
Debora sich als die einzige noch begeisterungsfähige Führerin erwies, ein
Zustand, der für die damalige Lage des israelitischen Volkes beschämend war.
So ist das Deboralied nicht Ausdruck des Stolzes auf eine weibliche
Nationalheldin, sondern ein Zeugnis für den Kummer ob des Mangels an
männlichen Führern. Erst das Danklied der Hanna, deren Gebet um männliche
Nachkommenschaft erhört ward, lasse die Wendung zur Besserung der Zustände
ahnen, wie sie Hannas Sohn, Samuel, herbeiführte. In den 'Klageliedern'
liege der Stoss von schicksalsschwerer Bedeutung offen zutage. Das 'Esches
chajil' (sc. aus Sprüche 31), jenes Lied des Biederweibes, wolle aus dem
Munde des Ehemannes am Sabbatabend nicht nur als Lobeshymne, sondern auch —
schon im Hinblick auf seins Quelle (Weisheitssprüche Salomons) — als zarte
Mahnung gewertet werden. Nachdem der Redner noch an den Psalmen für den
winterlichen Sabbatnachmittag das innige Vertrauen Israels zu seinem Gotte
als dem fürsorglichen Quell von Natur- und Geisteskraft beleuchtet hatte,
zeigte er das Verhältnis Israels zu Gott an dem 'Lied der Lieder' Salomons
(= Hoheslied) als hehrstes Liebesverhältnis auf. Im zweiten Teile
seines Vortrags brachte et Proben der jüdisch-spanischen Dichtkunst. Die
Versammlung begleitete die Ausführungen mit sichtlicher Anteilnahme und
dankte durch lebhaften Beifall." |
Vortrag
von Oberlehrer Adelsheimer über "Gegenwartsfragen der jüdischen
Jugend" (1928)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. April 1928: "Baisingen. Am 17.
März dieses Jahres sprach Oberlehrer Adelsheimer über 'Gegenwartsfragen
der jüdischen Jugend'. Anhand eines reichen statistischen Materials
zeigte der Redner die Lage des deutschen und insbesondere des
württembergischen Judentums. Geburtenrückgang, Mischehen, Interesselosigkeit
usw. sind die Anzeichen einer unverkennbaren Dekadenz. Aufgabe der Jugend
ist es, den Boden für eine Besserung der Verhältnisse zu bereiten. Die
interessanten Ausführungen wurden von einer zahlreichen Hörerschaft mit
lebhaftem Beifall aufgenommen. In der anschließenden Aussprache wies
Hauptlehrer Unikower auf die inneren Gründe der geschilderten Missstände
hin. Er sieht dieselben in erster Linie in der ungenügenden religiösen
Durchbildung der Jugend und macht in diesem Zusammenhang auf besonders
geeignete Unterrichtsmethoden aufmerksam.
Im Schlusswort nahm Oberlehrer Adelsheimer hierzu Stellung und erntete für
seine Darlegungen nochmals herzlichen Beifall." |
Purimveranstaltung
im "Gasthaus zum Löwen" (1929)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Mai 1929: "Baisingen. Zu einer
nachträglichen Purimveranstaltung versammelte sich unsere Gemeinde im
'Gasthaus zum Löwen'. Hauptlehrer Unikower brachte ein humorvolles
Allerlei zum Vortrag, das lokale Ereignisse in satirischer Form beleuchtete.
Außerdem trugen die Darbietungen von Frl. Ilse Wolf zum Gelingen des
Abends bei, an dem auch nichtjüdische Dorfbewohner teilnahmen." |
Generalversammlung des Israelitischen Frauenvereins
(1930)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. März 1930: "Baisingen. Der 'Israelitische
Frauenverein' hielt vor kurzem seine Generalversammlung ab, in
welcher er seinen Gesamtvorstand wiederwählte. und zwar diesmal, nach
entsprechender Abänderung der Satzungen, auf die Zeit von drei Jahren. - Im
Geschäftsjahre wurde nach einem vorausgegangenen Vortrag der
Landesverbandsvorsitzenden, Frau Else Bergmann,
Laupheim, der Anschluss an den Verband
vollzogen." |
Vortragsabend des Israelitischen Frauenvereins mit Hauptlehrer Unikower
(1931)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Januar 1931: "Baisingen. Vor kurzem
veranstaltete der Israelitische Frauenverein einen Vortragsabend. Vor der
zahlreich erschienenen Gemeinde sprach Hauptlehrer Unikower an Hand
des Sammelwerkes 'Hygiene und Judentum' über Grundsätzliches und
Einzelnes aus diesem Gebiete. Bei den mannigfachen, auf Gesunderhaltung von
Leib und Leben gerichteten religiösen Forderungen, so führte der Redner aus,
sei Pflege und Reinheit des Körpers nicht Selbstzweck: worauf sie abzielen,
sei vielmehr Reinheit der Seele. So habe auch z.B. das Schächtgesetz
nicht lediglich hygienische Bedeutung: der von einer Benedeiung begleitete
Schächtakt bringe vielmehr das von der jüdischen Religion gehütete
Bewusstsein der Demut zum Ausdruck, der Demut gegenüber dem Herrn alles
Lebens, in dessen Machtbereich durch Tötung eines seiner Geschöpfe
einzugreifen, uns erst auf Grund seines offenbarten Gesetzes erlaubt ist. Im
einzelnen führte Redner die Hygiene betreffenden talmudischen Aussprüche an
und ging dann auf moderne bevölkerungspolitische Probleme ein. In der
Aussprache führte Hermann Kahn aus, auch er halte die Auffassung für
zutreffend, dass hygienische Erwägungen für die Bedeutung unseres
Ritualgesetzes nicht entscheidend seien, dass aber Gesetze, die der Schöpfer
uns offenbarte, nur gesundheitsfördernd sein können. Namens der Versammlung
sprach Kahn dem Referenten seinen Dank aus." |
Treffen
der Frauenvereine von Horb und Baisingen mit einem Vortrag von Lehrer Unikower
(1931)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Juli 1931: "Baisingen. Am 24. Juni
trafen sich die Frauenvereine von Horb und
Baisingen hier zu freundnachbarlicher Zusammenkunft. Beide Vereine waren
zahlreich erschienen und wurden von der neu gewählten Vorsitzenden Frau
Jeanette Wolf herzlich begrüßt. Was der Verein Baisingen seinen Gästen
zunächst darbot, war ein Vortrag des Vereinsschriftführers Hauptlehrer
Unikower über 'Der § 218 und die jüdische Religion'. Der Redner
zeigt an Beispielen aus dem jüdischen Schrifttum, wie die jüdische Religion
Verewigung des Menschengeschlechts als die höchste Aufgabe des Menschen
betrachte. In dem Ausspruche Evas, der 'Mutter alles Lebens', mit dem sie
die Geburt ihres ersten Sohnes begleitet: 'Ich habe ein Wesen erworben. das
mit dein Ewigen ist', erblickte der Redner den Hinweis auf Erfüllung jener
Menschheitsaufgabe. Das fünfte Gebot, das Ehre gegenüber Vater und Mutter
verlangt, ist ihm die Forderung an das Kind, dass es sein eigenes Dasein als
die Erfüllung göttlichen Gebotes durch seine Eltern anerkenne. Dass die
kinderlose Ehe niemals das Ziel einer jüdischen Frau sein könne, vielmehr
erst in der Mutterschaft sich ihre Daseinsaufgabe vollende, das zeigte
Unikower an der biblischen Hanna. Wie tief die Pflicht zur Mutterschaft im
Bewusstsein des jüdischen Volkes wurzelte, bewies der Redner an der Episode
von Tamar und Juda in der Tora. Eingriffe gegen das keimende Leben
kennzeichnete der Referent daher als Widerstreben gegen den Willen des
Weltenschöpfers und, soweit solche aus wirtschaftlichen Gründen erfolgen,
als Mangel an Gottvertrauen. Ihm, dem wir unser eigenes Leben anvertrauen,
dürfen wir auch das Leben der Kinder getrost in die Hand legen. Mit
Anführung des 128. Psalms schloss Redner seine Ausführungen.
Nachdem die Versammlung durch lebhaften Beifall dem Redner gedankt hatte,
sprachen Frau Jeanette Wolf für den Verein Baisingen und Frau
Lippmann für den Verein Horb ihren Dank aus, und zwar nicht nur für den
Vortrag, sondern auch für die Tätigkeit, die der Vortragende als Gründer und
Schriftführer des Vereins geleistet; sie wünschten dem am 1. Juli nach
Simmern (Hunsrück) übergesiedelten Lehrer
Erfolg und Befriedigung in seinem neuen Wirkungsfelde. Der Scheidende gab
seinerseits der Hoffnung Ausdruck, dass der Verein Baisingen den ihm
gestellten Aufgaben sich gewachsen erweisen möge; seine Bitte an den
Nachbarverein Horb, dem noch jungen Verein Baisingen mit Rat und Tat zur
Seite zu stehen, fand volles Verständnis. Schließlich dankte Hauptlehrer
Unikower für das sinnige Geschenk, das der Verein ihm und seiner Gattin als
Scheidegruß verehrte." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Hirsch Kahn wird mit der Verdienstmedaille des
Friedrich-Ordens ausgezeichnet (1884)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. September 1894: "Württemberg,
19. August (194). Der heutige 'Staatsanzeiger für Württemberg'
meldet: 'Seine Königliche Majestät haben am 12. dieses Monats allergnädigst
geruht, dem israelitischen Kirchenpfleger Hirsch Kahn in Baisingen
die Verdienstmedaille des Friedrich-Ordens zu verleihen'. Herr Kahn führt
schon seit fünfzig Jahren ununterbrochen das Amt des Gemeinderechners und
es herrscht unter den Mitgliedern der israelitischen Gemeinde zu Baisingen
einmütige Freude über die Auszeichnung, die dem alten Herrn widerfahren
ist, der in früheren Jahren auch Mitglied des Kirchenvorsteheramtes war
und in beiden Ämtern durch Treue und Gewissenhaftigkeit sich nicht nur
die allgemeine Achtung und Beliebtheit bei seinen Gemeindegenossen,
sondern auch bei den Orts- und Staatsbehörden erworben hat. Mögen dem
Jubelgreise noch viele Jahre geschenkt sein, in denen er rüstig seines
Amtes weiter walten und seiner Auszeichnung sich freuen kann!" |
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Mitteilung
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. September 1884: "Der 'Staatanzeiger für Württemberg' meldet:
'Seine Königliche Majestät
haben am 12. August allergnädigst geruht, dem israelitischen
Kirchenpfleger Hirsch Kahn in Baisingen die Verdienstmedaille des
Friedrich-Ordens zu verleihen.' Herr
Kahn führt schon seit fünfzig Jahren ununterbrochen das Amt des Gemeinderechners."
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Zum Tod von Isak Kahn (1898)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1898: "Aus Württemberg,
22. Mai (1898). Einen herben Verlust hat die Württembergische Judenheit
zu beklagen. Samstag, 14. dieses Monats starb Herr Isak Kahn in Baisingen,
in weiten Kreisen geschätzt und geachtet. Seine große Wohltätigkeit
erstreckte sich nicht allein auf die jüdischen und christlichen Einwohner
seines Heimatortes, ganz Deutschland sowie das Heilige Land besonders
erfreuten sich ihrer. Aber auch die höhere Wohltätigkeit
übte der Verstorbene in bedeutendem Maße. Er eilte zu Kranken, tröstete
sie, ordnete an, was notwendig war, denn er verstand es und sorgte für
alles, dessen sie bedurften. Die Pflicht von Gastfreundschaft
übte er in idealer Weise; so milde und bescheiden, zuvorkommend und zartfühlend
gegen Arme und Bedürftige wie er war, ist wohl nicht leicht jemand zu
finden. Seine Fürsorge erstreckte sich nicht allein auf seine eigene
Familie und die seiner Anverwandten, die zu ihm wie zu einem gütigen,
hingebenden Vater verehrend emporblickten, sondern auf alle Menschen, die
sich ihm näherten, wes Standes und Bekenntnisses sie waren. Und Alles
ging zu Isak Kahn; er war Ratgeber für Alle. Er stiftete Frieden zwischen
den Parteien, vermittelte in allen Streitigkeiten, sein Wort galt wie
Richterspruch.
Es war eine Wonne mit dem Manne zu verkehren. Seine ruhige
Gelassenheit, die nie getrübte Heiterkeit, seine wohltuende aufrichtige
Freundlichkeit taten jedermann wohl. Diese Eigenschaften waren von einer
unermüdlichen Energie und Ausdauer begleitet, wo es galt, das Gute und
Rechte zu erreichen. Seine Klugheit und Umsicht war von Allen gesucht.
Diese seine Vorzüge kamen nicht allein den Baisingern, sondern allen württembergischen
Juden zugute. Für das Judentum in Gemeinde und Land hat er viel getan.
Selbst nahm er es mit der Beobachtung der Mizwaus (Gebote) sehr genau und
scheute dabei keine Opfer irgendwelcher Art, die in Folge des mit einem
Berufe verbundenen beschwerlichen Lebens sehr zahlreich waren; auf seine
Familie und Gemeindegenossen wirkte er dadurch beispielgebend. Er war jahrzehntelang
Mohel (Beschneider); lernte und lehrte soviel wie ihm möglich
war, Tora und begeisterte andere dazu., Er war auch unter denjenigen, die
eine mehr konservative Leitung der jüdischen Angelegenheiten in Württemberg
und zwar mit Erfolg anstrebten.
Dem angesehenen Manne gab eine stattliche Anzahl Einheimischer und Fremder
das letzte Geleite, darunter viele Andersgläubige. War ja wegen des
Leichenbegängnisses von dem toleranten Ortsgeistlichen die Abendkirche um
eine Stunde hinausgeschoben worden, ein schönes Zeugnis des
konfessionellen Zusammenlebens und der Achtung, die der Verstorbene
genossen hat.
'Ihre Zierde hätten die Familie und Gemeinde verloren' klagten die
vier Herren, die am Sarge sprachen und sie haben Recht. Möge Gott die um
ihn Trauernden trösten und viele seinesgleichen in Israel erstehen
lassen." |
Über
die Verdienste des israelitischen Kirchenpflegers Hirsch Kahn (1891)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1891: "Baisingen.
Die Spalten des 'Israelit' standen von jeher einem wohlgemeinten
Vorschlage offen, wie wir ihn heute auf dem Herzen haben. Herr Hirsch
P. Kahn hier versieht ununterbrochen schon seit mehr denn 48 Jahren
und auch jetzt noch das unbesoldete Ehrenamt des Kirchenpflegers. (Vermögensverwalters
der israelitischen Gemeinde.) Lange Zeit war er auch Vorsteher. Indem wir
zunächst Wunsch und Hoffnung hegen, der Lenker der Geschicke möge dem
hochbetagten Greise noch Jahre der Rüstigkeit und Frisch zulegen,
möchten wir uns die Frage verstatten, ob es sich nicht wohlgeziemte,
diesem alten Herrn für seine unverdrossene Pflichttreue einmal Dank und
Anerkennung der Gemeinde durch Widmung einer Ehrengabe zu bezeugen? Es
sollte uns freuen, als Antwort hierauf demnächst von berufener Stelle die
Verwirklichung unserer Anregung in die Hand genommen zu
sehen." |
Zum Tod von Hirsch Kahn (1904)
Artikel im
"Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 13. Mai 1904: "Rexingen
(Württemberg). In der nächstgelegenen Gemeinde Baisingen ist vor
einigen Tagen der bisherige israelitische Gemeinde- und Stiftungspfleger
Hirsch Kahn im hohen Alter von 92 Jahren gestorben. Mit Ausdauer,
Pflichttreue und Sorgfalt verwaltete er seinen Dienst ca. 60 Jahre und
erhielt in wohlverdienter Anerkennung vom König die goldene
Verdienstmedaille mit dem Friedrichs-Orden. Kahn war bis zu seinem
Lebensende in ungetrübter Gesundheit."
|
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Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11.
Mai 1904: "Baisingen. (Hohes Alter). Gestern wurde hier der
israelitische Kirchenpfleger H. Kahn beerdigt, der ein Alter von 94
Jahren erreichte und 49 Jahre lang das Amt des Kirchenpflegers verwaltete.
In dieser Eigenschaft hatte er als Anerkennung die silberne
Verdienstmedaille erhalten." |
Zum Soldatentod von Max Weinberger (1915)
Max Weinberger war zum Zeitpunkt seines Todes noch jung verheiratet und hatte
zwei Kinder, 2 und 4 Jahre alt (Irene später verheiratet Kahn und Leopold).
Seine Frau und seine beiden Kinder wurden in Konzentrationslagern
ermordet.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. November 1915: "Max
Weinberger - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen
-.
Baisingen, 6. November (1915). Eine schmerzliche Lücke riss der
Weltkrieg in unsere Gemeinde. Max Weinberger, einer unserer besten
jüngeren Gemeindeglieder, ist vor Ypern, 35 Jahre alt, auf dem
Felde der Ehre gefallen. Hervorgegangen aus einer echt jüdischen Familie,
erzogen von einer Mutter, die zu den frommen Frauen gehört, wurde Max
Weinberger nach Verlassen der hiesigen Volksschule, trotzdem er für den
Beruf eines Viehhändlers bestimmt war, auf längere Zeit auf die
Präparandenschule nach Burgpreppach
geschickt, um sein jüdisches Wissen zu vergrößern. Ein Beispiel,
welches dann bei mehreren jungen Leuten hier Nachahmung fand und
unbeschreiblichen Segen stiftete. Um das 'Lernen' unter den
Gemeindemitgliedern zu erhalten, besteht hier eine Chewra, in
welcher statutengemäß nur 'Laien' vorlernen dürfen. Hier hat Max
Weinberger oft die verschiedenen Schiurim (Lernstunden), die je am Schabbat
stattfinden, geleitet. Besondere Liebe hatte er für das Leinen (Vorbeten)
und Chassanut (Vorsingen, Kantordienst) und wusste am Jom Kippur
seine Gemeinde durch seine tiefe Stimme fortzureißen.
Am letzten Jom Kippur, den er im Felde verbrachte, veranstaltete er
in einem großen Saale einen eigenen Gottesdienst, an dem er sämtliche Gebete
vorbetete und an dem über 100 Soldaten teilnahmen. Wie beglückt schrieb
er nach Hause, dass es ihm möglich war, den Jom Kippur in echt
jüdischer Weise zu feiern. Bis zum letzten Tage hat er trotz großer
Entbehrungen streng koscher gelebt. Eine Gemeinde weint um ihrer
Besten einen, der ihr in allen Zeiten unvergessen bleiben wird. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zum
Unfalltod von Isak Kahn
(1927)
Anmerkung (Quelle: Joachim Hahn: Jüdisches Leben in Esslingen S.
276-277): Der Viehhändler Isaak Kahn (geboren am 2. August 1878 in Baisingen)
war ein jüngerer Bruder des Mergentheimer Rabbiners Dr. Moses Kahn. Er war
verheiratet mit der aus Hochberg stammenden
Julie geb. Falk. Das Ehepaar lebte 1906/08 in Esslingen,
danach in Baisingen, wo die Kinder Recha und Erwin geboren sind. Isaak Kahn
starb am 5. Juli 1927 in Nebringen, wo er auf dem Bahnhof unter einen Zug geriet
(vermutlich Suizid).
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Juli 1927: "Nebringen, Oberamt
Herrenberg. Der etwa 51-jährige Isak Kahn aus Baisingen, ein Bruder des
Bezirksrabbiners von Mergentheim,
wollte in Nebringen den Zug 747 zur Heimfahrt benutzen. Als er sich auf den
Bahnsteig begab, wurde er von der Maschine des einfahrenden Zuges erfasst,
zwischen die Schienen geschleudert und so schwer verletzt, dass der Tod
sofort eintrat. An der linken Schläfe zeigte sich eine schwere Verletzung,
die Kopfhaut über die linke Kopfseite war gerissen. Die Herrenberger
Sanitätskolonne, die sich gerade zu einer Übung anschickte und das Auto
hiezu schon bestellt hatte, wurde an die Unglückstätte gerufen. Menschliche
Hilfe war jedoch zu spät. Sie konnten den so tragisch aus dem Leben
Geschiedenen vorläufig nur in den Güterschuppen bergen. Am Freitag fand im
Baisingen unter allgemeiner Teilnahme die Bestattung des Dahingeschiedenen
statt." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Juli 1927: "Danksagung.
Für die überaus zahlreichen Beweise herzlicher Teilnahme beim Heimgange
unseres in so tragischer Weise verunglückten Gatten, Vaters und
Bruders
Isak Kahn Baisingen
sagen wir hiermit unseren tief empfundenen Dank.
Julie Kahn geb. Falk und Kinder - Rabbiner Dr. Kahn - Louis Kahn - Bertha
Wolff geb. Kahn.
Baisingen, Mergentheim,
Frankfurt am Main, Nürnberg." |
Zum Tod von Moses Kahn (1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Oktober 1927: "Moses Kahn
– seligen Andenkens. Baisingen,
20. Oktober (1927). Am Tage vor Erew Jaum Kippur kam in Baisingen Herr
Moses Kahn, fast 78-jährig zur letzten Ruhe. Ein Mann von
unwiderstehlicher Energie und Ausdauer, hat er in seinem Geschäfte, das
er früher mit seinen ihm in den Tod vorausgegangenen ähnlich veranlagten
Brüdern Isak und Veit Kahn – sie
ruhen in Frieden – betrieben hat, dank seines unermüdlichen Fleißes
und großer Umsicht und Klugheit viele Erfolge errungen und in der Geschäftswelt
sich großes Ansehen und große Bedeutung erworben. Trotz seiner wohl
ausgebildeten Verstandeskräfte war auch sein Empfindungs- und Gefühlsleben
nicht verkümmert, im Gegenteil, ein ganz merkwürdiges feinfühliges Gemüt
und eine geradezu kindliche Weichheit des Herzens war ihm eigen. Vor allem
eine ungemein tiefe Religiosität lebte in ihm von frühester Kindheit bis
zu seinem Tode, die sich nicht allein in Gedanken und Reden äußerte,
sondern in einer peinlich gewissenhaften Erfüllung der Toragebote und
–Verbote, unter meistenteils sehr schwierigen, Entbehrung und Opfer
heischenden Verhältnissen auslebte. Aber nicht allein, dass er für seine
eigene Person und seine Familienangehörigen und Kinder darauf bedacht
war, dass sie den Mizwaus (Geboten) und der Tora gehorchten und treu
blieben, auch auf die Mitglieder seiner Gemeinde, auf seine
Standesgenossen, auf alle Juden, mit denen er zusammentraf, suchte er
durch Ermahnung und Belehrung einzuwirken und sehr oft mit Erfolg und
nicht allein vorübergehender, sondern sehr häufig mit dauernder und
nachhaltiger Wirkung. An jedem Sabbat und Jaumtauw (Feiertag) sammelte er
die Schuljugend und auch die Erwachsenen um sich und lernte mit ihnen
Chumisch (Pentateuch) mit Raschi und Kizzur schulchan aruch, und redete
ihnen zu Herzen. Seine Bemühungen machten aber nicht Halt bei den Grenzen
seiner Gemeinde, auch auf die Bekämpfung der reformerischen und
indifferenten Tendenzen in der württembergischen israelitischen
Religionsgemeinschaft und auf die Erringung und Schaffung besserer, das
heißt der Orthodoxie und Tradition entsprechenden Zustände und Maßnahmen
suchte er hinzuwirken und alle
dahin zielenden Bestrebungen zu unterstützen. Und zwar persönlich und
finanziell. War er ja persönlich außerordentlich anspruchs- und bedürfnislos
und sehr sparsam, dort, wo es sich um Linderung von Not, Leid und Armut
handelte, oder um einen guten Zweck menschenfreundlicher Art von geradezu
großzügiger Freigebigkeit. So hat er auch durch persönliche Bemühungen
durch Schrift und Werbung und auch durch Geldmittel die Friedensbewegung
vielfach unterstützt, da seinem weichen und humanen Gefühl Krieg und
Kriegsvorbereitung ein Gräuel war. – Seinem weiteren Familienkreis,
seinen Orts- und Standesgenossen, war er infolge seines weiten Blickes,
seiner Klugheit und seines sicheren Instinktes ein vortrefflicher Ratgeber
und mehr als ein vortrefflicher Ratgeber und mehr als einen Mann haben
seine weisen, einen juristisch geschulten Fachmann übertreffenden Angaben
vor bösen und schlimmen Dingen behütet. Denn er war hilfsbereit und
gefällig und oft widmete er seine gemessene Arbeitszeit rat- und
hilfesuchenden Leuten von nah und fern. Dass an seinem Tische und in
seinem Hause Gastfreundschaft an Arm und Reich geübt wurde, versteht sich
von selbst.
Seinem Leichenbegängnis wohnte nicht nur eine große Anzahl von
Glaubensgenossen von nah und fern an, sondern auch der Bürgermeister und
Gemeinderat von Baisingen und viele Ortsbürger. Am Grabe sprachen der
zuständige Bezirksrabbiner, Herr Rabbiner Dr. Schweizer - Horb,
der Sohn des Verstorbenen Dr. Alfred Kahn - Fürth,
der Neffe Rabbiner Dr. M. Kahn - Mergentheim
und der Schwiegersohn Louis Kahn - Frankfurt. Seine Seele sei
eingebunden in den Bund des Lebens." |
87. Geburtstag von Rebekka Marx (1928)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Januar 1928: "Baisingen. Am 24.
Januar feiert Frau Rebekka Marx ihren 87. Geburtstag in geistiger und
körperlicher Frische. Sie ist die älteste Einwohnerin des Ortes. Mögen ihr
noch viele Jahre der Gesundheit und Zufriedenheit beschieden sein." |
Zum
Tod des Viehhändlers Siegmund Kahn (1928)
Artikel
in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs" vom
1. Mai 1928: " Baisingen. Hier wurde am Tage nach Pessach der in
weiten Kreisen des Landes bekannte Viehhändler Siegmund Kahn zu Grabe
getragen. Nach langjähriger Leidenszeit erlag er den Verwundungen, die er
sich als Stoßtruppführer im Kriege zugezogen hatte. Die Beliebtheit, deren
sich der nunmehr Entschlafene allerwärts erfreute, bekundete sich in der
herzlichen Teilnahme der Ortsbewohner wie der auswärtigen Freunde. Ein
Trauergefolge von hier nur selten zu verzeichnender Stattlichkeit zeugte von
der Wertschätzung des Dahingegangenen. Der hiesige Kriegerverein erwies ihm
die üblichen militärischen Ehren, obgleich der Kamerad seit einiger Zeit in
Böblingen wohnte und, wie
immer an den religiösen Festtagen, mit seiner Familie die Pessachtage hier
verbrachte. Rabbiner Dr. Schweizer, Horb,
Hauptlehrer Unikower, Baisingen, Oberlehrer Kahn,
Laupheim, als Bruder, sowie ein
Vertreter eines Böblinger Freundeskreises widmeten dem Verstorbenen
herzliche Gedenkworte." |
Louis Marx wird
Ehrenvorsitzender der Gemeinde (1930)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Mai 1930: "Baisingen,
12. Mai (1930). Bei der letzten Vorsteherwahl hat der Vorsitzende der
letzten Wahlperiode, Herr Louis Marx, sich zur Annahme einer
Wiederwahl nicht entschließen können. Da er 27 Jahre als Mitglied
beziehungsweise Vorsitzender des Vorsteheramts für die Gemeinde
verdienstvoll gewirkt hatte, beschloss das Vorsteheramt einstimmig, Herrn
Louis Marx zum Ehrenvorsitzenden zu ernennen und bat ihn, auch
fernerhin mit beratender Stimme an den Sitzungen teilzunehmen, sodass die
Gemeinde auch in Zukunft seinen Schatz an Erfahrungen und seinen von
tiefer Religiosität erfüllen Sinn nciht entbehren müsse. In der Herrn
Marx durch das Vorsteheramt überreichten Ehrenurkunde heißt es ferner,
dass sein ruhig abwägende Urteil bei allem Jugendeifer für die heilige
Sache des überlieferungstreuen Judentums, ihm in der Gemeinde diesen
Ehrenplatz erwirkt habe." |
| |
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Mai 1930: "Baisingen. Bei der letzten
Vorsteherwahl hat der Vorsitzende der letzten Wahlperiode, Louis Marx,
sich zur Annahme einer Wiederwahl nicht entschließen können. Da er 27 Jahre
als - Mitglied bzw. Vorsitzender des Vorsteheramts für die Gemeinde
verdienstvoll gewirkt hatte, beschloss das Vorsteheramt einstimmig, Louis
Marx zum Ehrenvorsitzenden zu ernennen und bat ihn, auch fernerhin mit
beratender Stimme an den Sitzungen teilzunehmen, damit die Gemeinde seinen
Schatz auf Erfahrungen und seinen von tiefer Religiosität erfüllten Sinn
nicht entbehren müsse. In der ihm durch das Vorsteheramt überreichten
Ehrenurkunde heißt es ferner, dass sein 'ruhig abwägendes Urteil, bei allem
Jugendeifer für die heilige Sache des überlieferungstreuen Judentums, ihm in
der Gemeinde diesen Ehrenplatz erwirkt habe'." |
Zum
Tod von Rebekka Marx geb. Levi (1930)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Januar
1931: "Baisingen. Hier starb das älteste Mitglied der
Dorfgemeinde, Frau Rebekka Marx geb. Levi, im 90. Lebensjahre. Unter
zahlreicher Beteiligung wurde die Entschlafene zu Grabe geleitet. Hier
zeichnete Hauptlehrer Unikower das Bild der Dahingeschiedenen als das einer
fürsorglichen Mutter, die mit ihrer Liebe Kinder, Enkel und Urenkel umhegte.
Die Verstorbene war die Schwiegermutter des im letzten Jahre verschiedenen
Oberlehrers i. R. Max Straßburger." |
87.
Geburtstag von Hirsch Benedikt (1932)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Oktober
1932: "Baisingen. Am 23. September durfte Hirsch Benedikt
seinen 87. Geburtstag feiern. Der geistig und körperlich noch rüstige
Jubilar ist das älteste Mitglied der Baisinger jüdischen Gemeinde. Wir
wünschen ihm noch viele gesegnete Lebensjahre im Kreise seiner Familie!" |
Zum
Tod von Auguste Wolf geb. Wolf (1934)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Juni 1934: |
Zum Tod
von Abraham Erlebacher (1936)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Januar 1936: "Baisingen. Am
13. Dezember verschied nach kurzer Krankheit plötzlich und unerwartet
Abraham Erlebacher im Alter von 66 Jahren. Dreizehn Kinder trauern um
einen Vater, der sie allezeit mit sorgender Liebe betreute. Unter großer
Beteiligung wurde der Verblichene zur ewigen Ruhe gebettet. Hauptlehrer
Goldstein schilderte in seinem Nachrufe die tiefe Frömmigkeit des
Heimgegangenen. Weiter sprachen dessen Sohn, Lehrer Erlebacher (Mönchen-Gladbach),
der Bruder, Lehrer Erlebacher (Oberdorf-Bopfingen),
Rabbiner Dr. Schweizer (Horb) als
Freund und Rabbiner Dr. Kahn (Bad
Mergentheim) für die Verwandten. Das Andenken Abraham Erlebachers wird
immer unvergessen bleiben." |
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und
Privatpersonen
Anzeige von Schuhmacher Simon Rödelheimer (1878)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. September 1878:
"Ich suche einen braven Jungen in die Lehre zu nehmen. Samstag und
Feiertage geschlossen. Kost und Wohnung im Hause.
Simon Rödelheimer, Schuhmacher, Baisingen
(Württemberg)." |
Benedikt Kahn sucht Lehrstelle für seinen Sohn
(1902)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Februar 1902:
"Suche für meinen 14 Jahre alten Jungen, in einem größeren
Kolonialwaren-Geschäft, womöglich mit Kost und Logis im Hause,
Lehrstelle,
und sehe gefälligen Offerten mit Bedingungen entgegen.
Benedikt Kahn, Baisingen bei Horb, Württemberg". |
Anzeige von Julius Erlebacher (1921)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1921: "Enthaarungspulver
Ia. per kg 30 Mark Netto nicht unter 1 kg versendet an Unbekannte unter
Nachnahme
Julius Erlebacher Baisingen, Württemberg." |
Verlobungsanzeige von Erna Kahn und Salomon Grünwald
(1934)
Anmerkung: Erna Kahn ist als Tochter des Isaak Kahn und der
Julie geb. Falk (siehe oben Todesanzeige zu Isak Kahn, 1927) am 14. Oktober 1910
in Baisingen geboren. Nach ihrer Verlobung (siehe Anzeige) hat sie am 30.
November 1934 in Luzern Salomon Grünwald (aus
Sopron/Ungarn) geheiratet und wohnte zunächst in Basel, dann in Luzern, später
(noch 1992) in Zürich. 1992 konnte Erna Grünwald von fünf Kindern, zwanzig
Enkeln und einigen Urenkeln berichten (Quelle: Joachim Hahn, Jüdisches Leben in
Esslingen. 1994. S. 277).
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1934:
"Statt Karten - Gott sei gepriesen -
Erna Kahn - Salomon Grünwald. Verlobte.
Baisingen (Württemberg) / Basel - Luzern. Gibraltarstraße 11. 8. Elul
5694 (= 19. August 1934)" |
Verlobungsanzeige
von Sara Kahn und Ludwig Adler (1936)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. September
1936:
"Gott sei gepriesen.
Sara Kahn - Ludwig Adler. Verlobte.
Bad Mergentheim / Baisingen
- Markelsheim bei Bad
Mergentheim". |
Nach
der Emigration: Hochzeitsanzeige von Moritz Manasse und Leoni geb. Marx (USA,
1942)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Aufbau"
vom 30. Januar 1942: "Statt Karten.
Zu unserer am 1. Februar 1942 stattfindenden Trauung laden herzlich
ein
Moritz Manasse Leoni Manasse geb. Marx
früher Talheim - früher Baisingen
650 W. 177. Str., Apt. 43, N.Y.C.
Trauung Sonntag, 1. Febr., 1:00 Uhr
K'HALL ADATH JESHURUN 90 Bennett Ave., zw. 185. u. 186.
Str." |
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