Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Baisingen (Stadt Rottenburg am Neckar, Kreis Tübingen)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte des Ortes

Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Baisingen wurden in jüdischen Periodika gefunden. 
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt.            
    
      
Übersicht:

bulletAllgemeine Beiträge  
Zur Geschichte der Juden in Baisingen (Artikel von 1927)    
bullet Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule  
-  Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1926  
25-jähriges Ortsjubiläum von Lehrer Karl Kahn (1885) 
-  Lehrer Max Straßburger sucht eine Stelle für ein Mädchen der Gemeinde (1908)  
-  Lehrer Max Straßburger wird zum Oberlehrer ernannt (1922)  
Oberlehrer Max Straßburger tritt in den Ruhestand (1926)  
-  Lehrer Heimann Unikower wird nach Baisingen berufen (1927)   
Schulentlassfeier - drei Schüler der israelitischen Volksschule werden entlassen (1928)  
-  Buchbesprechung von Lehrer H. Unikower (1928)    
Zum Tod von Oberlehrer i.R. Max Straßburger (1930)  
Nachruf auf Oberlehrer i.R. Max Straßburger von Religionsoberlehrer Uhlmann (Schwäbisch Gmünd) (1930)  
Lehrer Heimann Unikower wechselt von Baisingen nach Simmern (1931)   
Lehrer Julius Goldstein in Baisingen (1934-1938)
25-jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Julius Goldstein (1938)     
bullet Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben 
Nach einer "historischen Erzählung" werden auf Grund eines angeblichen Ritualmordes in Baisingen 36 Juden verbrannt (Artikel von 1930)    
Die Annahme fester Familiennamen durch die Juden der Schwarzwaldgemeinden 1827 (Beitrag von Oberlehrer Straßburger, 1927)   
-  Über den Judenpogrom an Pessach 1848 (Kurzer Bericht von 1848) 
-  Über den Judenpogrom an Pessach 1848 (aufgeschrieben in der 'Megilah Baisingen', zitiert in einem Bericht von 1918)  
Der Baisinger Judenkrawall vor Gericht (Beitrag von Oberlehrer Max Straßburger) (1928)  
-  Restaurierung des rituellen Bades (Mikwe) (1877)   
-  Antijüdisches aus dem Munde eines evangelischen Dekans (1878) 
-  Über die Zedokoh-Stiftung der Gemeinde (1878)   
-  Gerichtsverhandlung gegen fünf jüdische Feuerwehrleute, die zur Löschübung am Schabbat fehlten (1887)   
-  Gründung des Vereins Doresch Tow (1889)   
-  Anzeige des Vereins Doresch Tow (1890)  
-  Anzeige des Vereins Doresch Tow (1891) 
-  Über die Aktivitäten des Vereins Doresch Tow (1891)  
-  Versammlung des "Verbandes der Sabbatfreunde" (1908)  
Neubegründung des Jüdischen Jugendvereines (1927)  
Mitgliederversammlung des Israelitischen Frauenvereins (1929) 
Vortrag von Oberlehrer Adelsheimer über "Gegenwartsfragen der jüdischen Jugend" (1928) 
Purimveranstaltung im "Gasthaus zum Löwen" (1929)  
Generalversammlung des Israelitischen Frauenvereins (1930)  
Vortragsabend des Israelitischen Frauenvereins mit Hauptlehrer Unikower (1931) 
Treffen der Frauenvereine von Horb und Baisingen mit einem Vortrag von Lehrer Unikower (1931)      
bullet Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde    
-  Hirsch Kahn wird mit der Verdienstmedaille des Friedrich-Ordens ausgezeichnet (1884) 
Über die Verdienste des israelitischen Kirchenpflegers Hirsch Kahn (1891)      
-  Zum Tod von Isak Kahn (1898)  
-  Zum Tod von Hirsch Kahn (1904)  
-  Zum Soldatentod von Max Weinberger (1915)  
Zum Unfalltod von Isak Kahn (1927)    
-  Zum Tod von Moses Kahn (1927)   
87. Geburtstag von Rebekka Marx (1928)  
Zum Tod des Viehhändlers Siegmund Kahn (1928)   
Louis Marx wird Ehrenvorsitzender der Gemeinde (1930)    
Zum Tod von Rebekka Marx geb. Levi (1930)  
87. Geburtstag von Hirsch Benedikt (1932)  
Zum Tod von Auguste Wolf geb. Wolf (1934)  
Zum Tod von Abraham Erlebacher (1936)    
bullet Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen       
-  Anzeige von Schuhmacher Simon Rödelheimer (1878)  
-  Benedikt Kahn sucht Lehrstelle für seinen Sohn (1902)   
-  Anzeige von Julius Erlebacher (1921)   
Verlobungsanzeige von Erna Kahn und Salomon Grünwald (1934)  
Verlobungsanzeige von Sara Kahn und Ludwig Adler (1936)  
Nach der Emigration: Hochzeitsanzeige von Moritz Manasse und Leoni geb. Marx (USA, 1942)   

      
      
Allgemeine Beiträge  
Zur Geschichte der Juden in Baisingen (Artikel von 1927)       

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. September 1927:  "Beiträge zur Geschichte der Juden in Württemberg.
Megillas Baisingen.
B.D.V.O.O.L.V.H.M.M. 
Im Jahre 5603 nach jüdischer, dieses ist im Jahre 1848 nach christlicher Zeitrechnung, empörte sich Sizilien wider seinen König, den König von Neapel. Am 24. Februar genannten Jahres brach auch in Frankreich eine Revolution aus, in deren Folge der König, seine Familie und Minister flüchtig werden mussten und das Land sowohl als seine Kolonien zur Republik erklärt wurde. Kaum war Kunde von der französischen Umwälzung nach Deutschland gekommen, so erhoben sich alsbald die deutschen Staaten, an ihrer Spitze die Bewohner der Residenzen und Hauptstädte, und forderten von den Fürsten und Regierungen Erleichterung der Steuern und Abgaben und Einführung eines einheitlichen Regiments für das gesamte deutsche Land.
Am 1. März wurde diese Forderung in Karlsruhe, Residenz des Großherzogs von Baden, und tags darauf in Stuttgart, Residenz des Königs von Württemberg, dem Gott alles Gute gebe, gestellt. So flog die Revolution nach Wien, Residenz des Kaisers von Österreich, und nach Berlin, Residenz des Königs von Preußen. Es war kaum ein größerer oder kleinerer Ort, da nicht die Bewohner sich erhoben gegen ihre obrigkeitlichen Beamten und dieselben entsetzten oder zu entsetzen gedachten. In dieser Zeit war nicht bloß Revolution in oben genannten Ländern, sondern auch in Italien und Ungarn. Mächtige wurden gestürzt und das Gesindel erhob sich und viele jüdische Gemeinden in diesen Ländern wurden vielfach misshandelt.
Auch wir, die jüdischen Einwohner des Dorfes Baisingen, kamen in große Not. Es war das Ge-             
Baisingen GemZeitung Wue 16091927a.jpg (95761 Byte)rücht verbreitet, dass die christlichen Einwohner benachbarter Dörfer uns überfallen, berauben und misshandeln wollten.
In der Nacht auf den 13. März waren wir ängstlich, ein jeder in seinem Hause, da kamen hiesige Christen und warfen in zehn Häusern von Juden die Scheiben ein. Die Nachtwächter sahen es und halfen dazu. So sehnsüchtig wir auch den Anbruch des Tages entgegensahen, so wussten wir uns dennoch auch am Tage nicht zu raten, denn das gemeine Volk war gesetzlos und die Macht der Beamten im Augenblick äußerst geschwächt. Die Politik riet uns, das Unrecht schweigend zu er tragen.
Nun aber waren um Mittag sieben ledige christliche Burschen aus dem nahen Dorfe Vollmaringen in den Ort gekommen und spazierten mit Beilen und Messern in den Händen in Haushöfen der Juden und sprachen anmaßend und frech und höhnend: Heute Nacht kommen wir noch mit Vielen über Euch. Die Christen im Orte hörten wohl teilweise Reden und sahen das Benehmen dieser Buben! Allein Niemand regte sich uns beizustehen. Niemand hatte ein tröstendes Wort.
Die Vorsteher der jüdischen Gemeinde wandten sich dieserhalb bittend an den Pfarrer, sich zu unserer Sicherheit zu verwenden. Dieser sandte auch alsogleich einen Extraboten an den Schultheiß, welcher heute in Geschäften in einem benachbarten Dorfe war. Dieser kam auch gegen Abend und veranlasste im Verein mit dem Pfarrer, dass die ganze christliche Gemeinde heute Nacht bewaffnet wäre, auf dass die Juden vor einem auswärtigen Anfalle geschützt seien.
Wir Juden waren bereits zu ängstlich, und als es Abend wurde, flohen Viele der Unseren in benachbarte Orte und flüchteten ihre Gelder und Preziosen und Wert-Papiere, und viele von  
Baisingen GemZeitung Wue 16091927b.jpg (236921 Byte)denen, die im Orte verblieben und die Veranstaltung des Schultheiß sahen, getrauten sich doch nicht in ihren Wohnungen zu verbleiben und flüchteten sich und ihre verlassenen Sachen in christliche Häuser des Orts, denen sie vertrauten. In derselben Nacht regte sich nichts.
Von derselben Nacht an zahlten die jüdischen Bewohner mehreren christlichen Personen aus dem Orte, dass sie Nachtwache halten mussten und auch von den Juden selbst hüteten immer einige mit. 
Die Ereignisse dieser Zeit waren nicht tröstlich und umsichtige Leute fürchteten sich nicht ohne Grund. Dennoch gab es auch in unserem Kahal (= jüdische Gemeinde) Leute, welche nach einigen Wochen seit Anordnung der nächtlichen Wachen vermeinten: Man dürfe jetzt nicht mehr besorgt sein, und könne der bezahlten Wächter entbehren und habe nicht nötig, selbst Wache zu halten. Es wurde auch dieserhalb im versammelten Kahal beschlossen, dass die Wache nur bis Ende Pessach bestehen solle.
In der Nacht auf Acharon schel Pessach (= letzter Tag des Pessachfestes) dieses ist auf den 25. April, rotteten sich ungefähr 40 christliche Einwohner des Ortes zusammen, die waren teils verheiratet, teils noch ledig und begannen damit, dass sie zuvörderst die von uns bezahlten jüdischen und christlichen Wächter aus der Straße verjagten und dann hingingen und in den meisten Häusern der Juden die Türen einschlugen und die Läden der Fenster erbrachen. Sie waren mit schweren Steinen, mit großen und kleinen Prügeln, mit Äxten und Beilen bewaffnet. Sie warfen durch die zerstoßenen Fenster in die Wohnungen und riefen: 'Geld oder Tod'! Nur in ein Haus, in das Haus des Meier Weil, der mit auf der Wache war, waren die Krawaller eingedrungen. Nachdem sie Türen, Läden und Fenster zerschlagen hatten, zerstörten sie vieles im Hause. Mutter und Tochter, das einzige Kind flohen. Allein die Tochter wurde ereilt und arg geschlagen und gefährlich verwundet. Viele von uns hörten ihr jämmerliches Schreien, allein Niemand konnte ihr zu Hilfe kommen. Sie ward wieder hergestellt. Im Hause des Herrn Wolf Kiefe hatte dieses Gesindel bereits Läden und Fenster zerschlagen und war bemüht die Türe zu erbrechen. Dieser Mann hatte diesen Leuten auch bereits über 400 Gulden durchs Fenster zugeworfen und gebeten, dass sie von ihm ablassen sollten. Allein sie wollten noch mehr, und warfen schwere Steine in die Stube und trafen die Hausfrau, die längst taub geworden, und verwundeten sie gefährlich am Kopfe. Sie ist indes wieder geheilt von ihren Wunden. Bei dieser Gelegenheit wurden auch in der nahe gelegenen Synagoge Fenster zerschlagen und Steine und Prügel hineingeworfen.
Auch bei dem Herrn Kirchenvorsteher Salomon Kiefe waren Haustüre, Fensterläden und Fenster erbrochen. Man musste jeden Augenblick fürchten, die Rotte werde eindringen und das Leben gefährden. Er entfloh daher mit seinem Weibe, seinen zwei Töchtern, seinem jüngsten Sohne, seiner jüdischen und christlichen Magd, durch eine Hintertüre und entkam glücklich nach Bondorf. Einen Knaben Jakob Kiefe von 11 Jahren aber vermisste er, denn es hatte sich dieser aus Furcht auf den Boden geflüchtet und sich daselbst versteckt, und den Ruf der Seinen nicht gehört. In welcher Angst wir alle waren und in welcher Betrübnis diese Leute ihr Haus und Habe verlassen und welche Sorge ihr Herz erfüllte, mag der Leser selber sich denken.
Herr Wolf Kiefe hatte während des Tumults vor dem Hause seine jüdische Magd durch eine Hintertür aus dem Hause entsandt, damit sie den Schultheiß zu seiner Hilfe herbeirief. Als die Magd vor dem Hause des Schultheißen angekommen war, und ihn angerufen hatte, machte sich dieser sogleich heraus aus seinem Hause, rief noch einige Bürger herbei und verfügte sich an den Ort, wo der Krawall stattfand. Die Krawaller hörten den Schultheißen kommen und flohen. Nachgefolgt wurde ihnen nicht.
Zu dieser Zeit ward es ruhig im Ort. Wir gingen aus unsern Häusern bewaffnet mit Äxten, Hämmern, Beilen und dergleichen, und blieben auf der Straße beisammen, um einen möglichen Überfall vereint abzuschlagen. 
Baisingen GemZeitung Wue 16091927c.jpg (196080 Byte)Noch vor Tag gingen drei von uns zu dem Schultheißen und verlangten von ihm ein Schreiben an das Königl. Oberamtsgericht über das, was diese Nacht sich ereignet.
Der Schultheiß willfahrte uns und so gingen denn zwei dieser Männer, Herr Hirsch Kiefe, Kirchenvorsteher, und Herr Vorsänger und Schullehrer Michael Hirsch mit Tagesanbruch Acharon schel Peßach (am letzten Feiertag des Pessachfestes) vor das Oberamtsgericht und drangen in den Beamten, eilig sich an Ort und Stelle zu begeben und für unseren Schutz Sorge zu tragen und Anstalt zu treffen.
Noch bevor gedachte zwei Männer vor das königliche Oberamtsgericht gelangten, hatte bereits der erwähnte Herr Salomon Kiefe von Bondorf aus in der Nacht einen Boten mit einem Schreiben an das königliche Oberamtsgericht entsandt und Hilfe für die Zurückgebliebenen dringend verlangt.
Die zwei Männer sprachen nun mündlich vor und das Gericht versprach, alles Mögliche zu unserem Schutze anzuordnen und dieserhalb noch heutigen Tages sich an Ort und Stelle zu begeben. Das Gericht sandte drei Landjäger voraus und folgte bald selbst nach.
Eben kamen genannte Männer von Horb zurück, als Herr Wolf Kiefe und Lehmann Kiefe mit Frau eine Kutsche bestiegen, um nach Stuttgart sich zu begeben, einmal, um in Zukunft daselbst zu verbleiben und auch um möglichst durch die höchsten Männer im Staate für künftighin unsere Ruhe zu sichern. Die Ehefrau des Erstgenannten musste, weil sie an ihren Wunden gefährlich krank war, bis zu ihrer Heilung zurückbleiben.
An diesem Tage nun begann die gerichtliche Untersuchung, und bereits am folgenden Tage wurden zwei der Verdächtigen nach Horb in das Kriminalgefängnis gebracht.
Hierüber wurden viele christliche Weibsen des Ortes arg aufgebracht, und wurde von ihnen den ganzen Tag hindurch auf öffentlicher Straße arg gemault darüber, dass das Gerücht wegen Juden ihre Leute zur Verantwortung ziehen wolle. Auch christliche Männer ließen drohende Worte hören, dass die Haare der Unsrigen zu Berge stiegen. Nicht zu verwundern, dass viele von den Unsrigen gegen Abend aus Furcht vor den christlichen Einwohnern des Ortes ihre Weiber und Kinder in die benachbarten Orte flüchteten. Wir Männer aber und die rüstigen Leute wir versammelten uns heimlich in dem Hause des Herrn Hirsch Kiefe und versahen uns mit Steinen, eisernen Stangen und unseren Waffen, um nötigenfalls gegen Feinde uns zur Wehr zu setzen.
Um Mitternacht wurde dem Herr Salomon Wolf Kiefe im Vertrauen gesagt, dass morgen in aller Frühe die gesamte Judenschaft auf das Rathaus geboten werde, und daselbst unterschriftlich zu erklären habe, dass sie ernstlich für sich und ihre Nachkommen auf alle Zeit freiwillig auf Bürgerrecht verzichte und dass es zweitens ihr Wunsch sei und ihr Verlangen, das königliche Oberamtsgericht sollte die zwei Inhaftierten ihrer Haft entlassen und alle Untersuchung wegen der Begebenheit in der Nacht auf den 25. April niederschlagen.
Es wurde auch angesagt, dass, soferne die Juden in dieses Verlangen nicht willigen, dieselben daher ihr Lebens nicht sicher seien.
Als wir dieses Vorhaben erfuhren, sandten wir noch in dieser Nacht durch zwei Männer unserer Mitte ein Schreiben an unsern Rabbiner   
Baisingen GemZeitung Wue 16091927d.jpg (198663 Byte)Herrn Doktor Moses Wassermann Hochwürden in Mühringen, ihn ersuchend, er wolle alsogleich nach Horb zu den Beamten sich begeben, damit genügender Schutz uns eilig zukomme.
Nachdem Herr Dr. Wassermann mit dem Beamten geredet hatte, kam er in der Früh hier an und gab uns zu verstehen, dass wir nur immer unterschriftlich einwilligen dürften in das ungerechte Verlangen, es unterliege solche Verhandlung der Genehmigung der höheren Behörden und diese werde nicht erfolgen.
Wir gingen also auf das Rathaus und fertigten daselbst die verlangte Schrift, während unsere Feinde drohend und mordlustig auf der Straße sich bewegten.
Zwar wurde besagtes Schreiben eilig dem königlichen Oberamtsgericht zugefertigt: allein diesem war schon Weisung von dem königlichen Minister zugekommen, keinen Zwang gegen die Juden zu dulden, die gesamte christliche Gemeinde verbindlich zu machen für den Schutz der Juden und deren Habe, und wenn es nicht eingegangen werde oder nicht genügen sollte, Militär zu bestellen.
Als die christlichen Einwohner den Ernst und die Kraft einer großen Regierung erkannten, verbürgten sie sich sämtlich, wie verlangt wurde, und die gerichtliche Untersuchung ward ungestört fortgeführt. Infolge gerichtlicher Untersuchung wurden 31 verdächtige Personen inhaftiert. Einige, wurden bald aus der Haft entlassen, einige erst nach mehreren Monaten, nachdem die Untersuchung geschlossen und Bürgschaft geleistet war, dass keiner der Schuldigen der gerichtlichen Strafe, welche der königliche Gerichtshof zu Tübingen beschließen werde, durch die Flucht sich entziehen wolle.
Dieses gerichtliche Erkenntnis erschien im Jahre 5611 nach jüdischer, nach christlicher Zeitrechnung 1851, im Monat April (4. April 1851).
Der Ewige unser Gott war in unserer Hilfe.
Vom 27. April an waren unsere Feinde eingeschüchtert. Zwar war der politische Himmel in diesem Jahre oftmals sehr getrübt und darum hatte Kaiser Ferdinand von Österreich das Szepter seinem Neffen, und König Ludwig von Bayern die Regierung seinem Sohne übergeben. Rebellion war beinahe in allen Gauen Deutschlands. Man hatte den Großherzog von Baden zur Flucht genötigt, und wollte auch für Württemberg die Republik ausrufen; allein die Besseren im Volke ermannten sich und die Regierungen wurden wieder mächtig, wie es vor dem März des Jahres 1848 war.
In diesem Jahre, unter der Regierung unseres guten Königs Wilhelm des Ersten, wurden den Untertanen viele Rechte und Freiheiten von den Regierungen brieflich eingeräumt, und die Juden erlangten dieselben Rechte, wie die andern Einwohner der deutschen Staaten.
In dem Jahre 5609 nach jüdischer Zeitrechnung wurde auch die daher bestandene, seit zehn Jahren aufgelöste Chewre (= Wohltätigkeits- und Bestattungsverein) neu errichtet mit der besonderen Bestimmung, das Jahr hindurch Almosen einzulegen und am Pessach den Armen zu verteilen. (Heute noch werden am Acharon schel Peßach 5 Psalmen zum Andenken an jene Ausschreitung gesprochen.)
Auch die, welche nicht Mitglieder der Chewre wurden, nahmen sich vor, fleißig zu gedenken der Not, in der wir waren, und dass der liebe Gott uns geholfen hat und jederzeit war, ist und sein wird unser Helfer, Retter und Erlöser.
Dieses Büchlein nennen wir Megillas Baisingen und bezeichnen es mit dem kabbalistisch scheinenden Namen B.D.V.O.O.L.B.H.M.M. nach den Anfangsbuchstaben der Worte aus der Haggada schel Peßach (hebräisch und deutsch): 'Bechol dor vodor omdim olenu lechalosenu vehakodosch boruch hu mazilenu mijodom (Von Geschlecht zu Geschlecht stehen sie wider uns auf und der Heilige, gelobt sei er, errettete uns aus ihrer Hand)."       

 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule 
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1926    

Baisingen Israelit 14101926.jpg (86406 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Oktober 1926: "Die Stelle eines ständigen Volksschullehrers an der privaten israelitischen Volksschule Baisingen, Oberamt Horb am Neckar, Bahnstation Ergenzingen ist wieder zu besetzen. Der Volksschullehrer hat neben dem Unterricht den Vorbeterdienst und die Schechitah zu übernehmen. Die Stelle wird lebenslänglich besetzt. Besoldung nach Gruppe VII, nach längerer Dienstzeit nach Gruppe VIII. Dienstwohnung ist nicht vorhanden. Bewerber, die die beiden Volksschuldienstprüfungen abgelegt haben, wollen sich unter Vorlegung ihrer Zeugnisse und eines Lebenslaufs bis zum 31. Oktober 1926 bei der unterzeichneten Stelle melden. 
Der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Stuttgart.
"  
 
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. Oktober 1926: "Amtliche Bekanntmachungen. Israelitischer Oberrat. Bewerber-Aufruf. Bewerber um die erledigte Stelle eines Volksschullehrers an der privaten israelitischen Volksschule in Baisingen Oberamt Horb am Neckar haben sich bis zum 31. Oktober 1926 beim Israelitischen Oberrat zu melden. Dienstwohnung ist nicht vorhanden. Der Vorsängerdienst ist mit zu übernehmen."   

     
25-jähriges Ortsjubiläum von Lehrer Karl Kahn (1885)  
Es handelt sich um Karl (Kallmann) Kahn, geboren 2. Februar 1824 in Nordstetten. Dieser studierte 1841 bis 1844 am Lehrerseminar in Esslingen. Seine ersten Stellen waren in Unterdeufstetten (1844), Gerabronn (um 1850) und Mühlen (1854-1860), bis er 1860 nach Baisingen kam. Er war verheiratet mit Babette geb. Guggenheimer und starb am am 29. April 1889 in Stuttgart, wo er im Israelitischen Teil des Pragfriedhofes beigesetzt wurde. 

Baisingen Israelit 11051885.jpg (72475 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai 1884: "Baisingen (Württemberg). Am Sabbat den 16. dieses Monats soll die jetzt 25-jährige Amtierung unseres Herrn Lehrer Kahn hierselbst, der übrigens bereits 42 Dienstjahre zählt, festlich begangen werden. Bei der ungemeinen Beliebtheit, deren sich dieser wackere Mann hier und in weiteren Kreisen erfreut, dürfte die Beteiligung an der Feier eine recht rege und ehrenvolle werden, wie wir es dem verdienten Jubilare von Herzen gönnen." 
    
Baisingen AZJ 09061885.jpg (106708 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. Juni 1885: "Stuttgart, 27. Mai (1885). Nach der Statistik der evangelischen Landeskirche Württembergs sind im Jahre 1884 zu derselben 3 Israeliten übergetreten: es sind Ausländer, die in Württemberg dazu vorbereitet werden.   
Die israelitische Gemeinde Baisingen feierte das 25-jährige Jubiläum ihres Lehrers Kahn in höchst würdiger Weise. Den Gottesdienst leitete Bezirksrabbiner Dr. Jarazewsky in Mühringen. Der Bezirksschulinspektor und der katholische Ortsgeistliche beteiligten sich ebenfalls am Gottesdienst und an der Feier. Dem Jubilar wurden wertvolle Geschenke überreicht und briefliche und telegraphische Glückwünsche überbracht."
 
   
Baisingen Israelit 01061885.jpg (123899 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Juni 1885: "Baisingen, 19. Mai (1885). Am Schabbat Paraschat BaMidbar (Schabbat mit der Toralesung BaMidbar, d.i. 4. Mose 1,1 - 4,20, das war am 16. Mai 1885) feierte die hiesige israelitische Gemeinde das 25-jährige Ortslehrerjubiläum ihres Lehrers und Vorsängers Kahn. Dem Bilde der Eintracht und Verträglichkeit fehlt niemals das Gepräge des Erhabenen, so auch hier, wo es sich uns im bescheidenen Rahmen der gegenseitigen Beziehungen einer Landgemeinde und ihres Lehrers darbot. Ein Vierteljahrhundert hindurch widmete Herr Lehrer Kahn seine bewährte Kraft mit Ausdauer und Gewissenhaftigkeit der Ausbildung unserer Jugend in religiösem und weltlichen Wissen, sowie seinem geistlichen Amte, und wie er mit der Gemeinde, so teilte diese mit ihm, sich stets rat- und hilfsbereit zur Seite stehend, die freud- und leidvollen Geschehnisse einer solch langen Reihe von Jahren. Einer gottgesegneten, glücklichen Ehe ist solches Verhältnis zu vergleichen. Welchem Gedanken denn auch Herr Rabbiner Dr. Jaraczewski, anlehnend an die Hafthoraworte 'und ich habe mich mit dir verbinden in Ewigkeit', in formvollendeter alle Herzen bezwingender Rede, Ausdruck zu verleihen wusste. Vom Geiste echter Humanität und Duldsamkeit durchweht, verfehlte diese Rede ihres erhebenden Eindrucks weder bei den jüdischen noch christlichen Zuhörern, von welch letzteren sich Ortspfarrer und Gemeinderat eingefunden hatten. Der Predigt folgte ein vom Jubilar gesprochenes, ergreifendes Gebet. Nach beendigtem Gottesdienste wurde der Jubilar in feierlichem Aufzug, Rabbiner und Pfarrer zur Seite, so wie er abgeholt worden, auch wieder in seine Wohnung geleitet, die sich alsbald von Glückwünschenden füllte. Der Nachmittag ward sodann einer geselligen Vereinigung im jüdischen
Baisingen Israelit 01061885a.jpg (187799 Byte)Gasthofe zur Rose gewidmet, die von Ortsangehörigen und Auswärtigen überaus zahlreich besucht war. Wenn wir hierbei des Erscheinens verschiedener Herrn christlicher Geistlichen und Lehrer, sowie der Ortsbehörde und deren loyalen Anteilnehmens an Trinkreden und Gesängen gedenken, so muss das Gefühl des Dankes gegen Gott in uns aufsteigen, dessen Gnade den Umschwung der Zeiten zu unseren Gunsten herbeigeführt hat. Welcher Gegensatz zwischen jenem Baisingen des 16. Jahrhunderts, von dessen unglücklicher jüdischer Gemeinde uns der verehrte Herausgeber dieser Zeitschrift in seiner berühmt gewordenen Erzählung 'Rabbi Joselmann von Rosheim' ein solch schaurig fesselndes Bild entrollte, zwischen dem Baisingen ferner, das noch 1848 seine Judenhetze schlimmster Art hatte und dem heutigen, dessen Israeliten sich des konfessionellen Friedens, der unbeschränkten bürgerlichen Rechte und eines blühenden Wohlstandes erfreuen!    Doch kehren wir zu unserem Feste zurück. Die Reihe der Trinksprüche eröffnete Herr Rabbiner Dr. Jaraczewski nach Verlesung anerkennender Dekrete seitens der vorgesetzten Behörden, mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf unsern viel geliebten Landesvater. Es folgten dann ernste und heitere Vorträge in buntem Wechsel und versetzten alle Anwesenden in die gehobenste Stimmung. Herr Ortspfarrer Gulden feierte den Jubilar unter sinniger Verknüpfung auf den 'Cohen gadol' (Hoher Priester). Herr Lehrer Strauß, Nordstetten, trug ein humoristisches, Schillers Glocke parodierendes Gedicht auf den Jubilar vor. Letzterer dankte in gerührten Worten für so viele Ehrenbezeugungen und brachte sein Hoch allen Bewohnern des Ortes.   Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Jubilar mit reichen Ehrengaben von der Gemeinde Baisingen sowohl, als auch von Einzelnen bedacht wurde. Selbst die Nachbargemeinde Mühlen, in der derselbe früher angestellt war, bewies durch Überreichung eines silbernen Bechers und regen Besuch des Festes ihre treue Anhänglichkeit zu ihrem ehemaligen Lehrer.  In jeder Hinsicht wohl gelungen, wird dieses Fest allen, die ihm anwohnten, in freundlichster Erinnerung bleiben. Wir schließen unseren bericht mit dem aufrichtigsten Wunsche, der Allgütige möge ferner diese Gemeinde in seine schützende Obhut nehmen und dem Jubilar Gesundheit und Rüstigkeit verleihen, seinem Berufe noch lange Zeit in gedeihlicher Wirksamkeit vorstehen zu können."  

       
Lehrer Max Straßburger sucht eine Stelle für ein Mädchen der Gemeinde (1908)  
Es handelt sich um Max Straßburger,  geboren am 29. November 1861 in Rexingen. Er studierte von 1878-1881 am Lehrerseminar in Esslingen, wurde danach zweiter Lehrer am Israelitischen Waisenhaus "Wilhelmspflege" in Esslingen. Von 1891 bis 1926 war er Lehrer an der Israelitischen Volksschule in Baisingen.  

Baisingen Israelit 19031908.jpg (51320 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. März 1908: "Suche für ein tüchtiges Mädchen, 18 Jahre alt, das die bürgerliche Küche versteht und die häuslichen Arbeiten versieht, passende Stellung in religiösem Hause. Süddeutschland bevorzugt. Offerten mit Angabe eventueller Belohnung nimmt entgegen 
Lehrer Strassburger   Baisingen, Württemberg."
  

        
Lehrer Max Straßburger wird zum Oberlehrer ernannt (1922)  

Baisingen Israelit 09111922.jpg (34558 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. November 1922: "Baisingen, 7. November (1922). Laut Staats-Anzeiger für Württemberg wurden durch Entschließung des Herrn Staatspräsidenten die Herren Hauptlehrer: Oberndörfer in Niederstetten, Preßburger in Creglingen, Straßburger in Baisingen, zu Oberlehrern in Gruppe 8 der Besoldungsordnung ernannt."   

   
Oberlehrer Max Straßburger tritt in den Ruhestand (1926)     

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Juni 1926: "Baisingen. Am 1. Juni tritt Oberlehrer Straßburger - Baisingen nach 46-jähriger Dienstzeit in den bleibenden Ruhestand. 39 Jahre lang wirkte Straßburger als Volksschul- und israelitischer Religionslehrer in Baisingen. Der Bezirkslehrerverein Horb des Allgemeinen Württembergischen Lehrervereins beabsichtigte, seinem treuen beliebten Mitglied Straßburger eine Abschiedsfeier in Baisingen zu veranstalten. Straßburger lehnte jedoch bedauerlicher Vorkommnisse wegen eine Feier in Baisingen ab. Anlässlich der amtlichen Bezirksschulversammlung des Schulbezirks Freudenstadt am 17. d. M. feierte Schulrat Nesch Oberlehrer Straßburger als treuen fleißigen Schulmann, dem er nach segensreicher Arbeit und nach den rauen Stürmen der letzten Jahre einen sonnigen Feierabend wünschte. Der Vorsitzende des Bezirkslehrervereins des Allgemeinen Württembergischen Lehrervereins, Oberlehrer Spatz - Rexingen, feierte namens der Kollegen und Freunde Straßburger als den offenen und ehrlichen Charakter, den treuen Freund und musterhaften Kollegen, dem alle wünschen, er möge sich noch lange der Ruhe und der Liebe seiner Freunde erfreuen dürfen. Es ist bedauerlich, dass die Ehrung der Veteranen der jüdischen Lehr- und Gotteshäuser christlichen Kreisen überlasaen bleibt und dass um ihre Gemeinden hochverdiente Beamte mit Groll und Verbitterung auf die Jahre treuer Arbeit zurückblicken müssen. Spatz."              

        
Lehrer Heimann Unikower wird nach Baisingen berufen (1927)   
Anmerkung: Lehrer Heimann Unikower ist nach dem Familienregister Baisingen am 5. Juni 1888 geboren als Sohn von Raphael Unikower und der Dorothea geb. Pick. Er war seit 16./17. September 1911 verheiratet mit Johanna geb. Schacher, die am 18. Dezember 1889 geboren ist als Tochter von Julius Schacher (Berlin) und der Friedricke geb. Simon. Die Familie hatte fünf Kinder (Albert geb. 1913, Helene geb. 1915, Ruth geb. 1917, Rudolf Viktor geb. 1919 und Dorothea geb. 1923). Lehrer Unikower war nur 1927 Lehrer in Spangenberg und wechselte in diesem Jahr nach Baisingen, wo er bis Ende Juni 1931 geblieben ist. Von 1931 bis 1937 war Unikower Lehrer in Simmern.    

Baisingen Israelit 08091927.jpg (26284 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. September 1927: "Baisingen, 30. August (1927). Herrn Lehrer Unikower in Spangenberg wurde zum 1. November (1927) die Stelle eines ständigen Lehrers an der hiesigen Volksschule vom Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs übertragen."  
 
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. September 1927: "Amtliche Bekanntmachungen. Israelitischer Oberrat.
Der Israelitische Oberrat hat die Stelle eines Lehrers an der privaten israelitischen Volksschule in Baisingen dem Lehrer Hermann Unikower, bisher in Spangenberg, Bezirk Kassel, übertragen."   

            
Schulentlassfeier - drei Schüler der israelitischen Volksschule werden entlassen (1928)            

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. April 1928: "Baisingen. Schulentlassungsfeier. Beim Abschluss des Schuljahres 1927/28 wurden drei Schüler der hiesigen israelitischen Volksschule entlassen. Aus diesem Anlass fand eine schlichte Feier statt, zu der sich, außer den Eltern der Schüler, ein Vertreter des Vorsteheramtes und eine Reihe ehemaliger Angehöriger der israelitischen Volksschule eingefunden hatten. Nach einem Gedichtvortrag durch jüngere Schüler richtete Hauptlehrer Unikower herzliche Abschiedsworte an die Scheidenden, die ihrerseits wieder dem Lehrer und der Schule dankten. Feierlicher Chorgesang umrahmte die Feier."            

     
Buchbesprechung von Lehrer Heimann Unikower (1928)  

Die sehr ausführliche Besprechung eines Lehr- und Übungsbuches der Sprache des Talmuds usw. von Rabbiner Dr. Daniel Fink wird hier nicht wiedergegeben, da dies über den Rahmen der jüdischen Geschichte Baisingen hinausgeht Baisingen Israelit 03051928.jpg (145268 Byte) Baisingen Israelit 03051928a.jpg (473027 Byte) Baisingen Israelit 14061928.jpg (150581 Byte)

   
Zum Tod von Oberlehrer Max Straßburger (1930)                 

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Juli 1930: "Baisingen. Ein imposanter Trauerzug bewegte sich am Freitag, den 20. Juni, durch die Straßen des Dorfes zu dem idyllisch am Waldsaum gelegenen israelitischen Friedhof, Galt es doch, dem nach längerem Leiden verschiedenen, nahezu siebzigjährigen hochverdienten Oberlehrer Max Straßburger die letzten Ehren zu erweisen. Am Grabe schilderte sein Amtsnachfolger, Hauptlehrer Unikower, den Lebensgang des Verstorbenen. Unter Anführung des Psalms 'Der Herr ist mein Hirte', den der Heimgegangene stets bei Beginn seines Unterrichts von seinen Schülern beten ließ, hob der Redner die hohe Pflichtauffassung des Dahingeschiedenen in seinem Berufe hervor, wie sein ganzes Leben in diesem Sinne eine fortwährende Mizwoh-Erfüllung darstellte. Ein treubesorgter Gatte und Vater den Seinen, ein bewährter Führer seiner Gemeinde sei dahingegangen. Mit Danksagung im Namen der israelitischen Gemeinde und des Vorsteheramts schloss der Redner seine tief empfundene Ansprache. Nach ihm ergriff das Wort Bezirksrabbiner Dr. Schweizer - Horb, um im Namen des 'Rabbiner-Vereins' sowie in Vertretung des Israelitischen Oberrates dem so unerwartet rasch dahingeschiedenen Lehrer und Freund die letzten Grüße zu entbieten. Unter Bezugnahme auf den sabbatlichen Tora-Abschnitt rühmte der Redner den religiösen Geist des Heimgegangenen. Auch er sei ein wahrer und treuer Kundschafter gewesen, der es verstanden hat, in 40jähriger Tätigkeit in seiner Gemeinde wie in seiner Schule nach dem Rechten zu sehen und überall die helfende Hand anzulegen. Darum wird sein Name in unserer Religionsgemeinschaft niemals erlöschen. Sodann sprach Oberlehrer Spatz - Rexingen wie mit dem Hinscheiden dieses Kollegen und Freundes ein Stück seines eigenen Lebens dahinschwinde und wie er mit ihm Freud       
Baisingen GemZeitung Wue 01071930sa.jpg (61685 Byte)und Leid geteilt. Im Namen des evangelischen Schulrates, der selbst am Erscheinen verhindert war, sowie im Namen des Israelitischen Lehrer-Vereins sprach er dem vorbildlichen Lehrer Dank und Anerkennung aus. Zuletzt ergriff ein ehemaliger Schüler, Adolf Kahn aus Stuttgart, das Wort, um im Namen der Schüler dem heimgegangenen Lehrer den heißen Dank auszusprechen für alle die guten Lehren, die sie aus seinem Munde empfangen haben. - Der Verstorbene, der aus dem benachbarten Rexingen stammte, hat den in Württemberg üblichen Bildungsgang durch­gemacht. war sodann Lehrer am israelitischen Waisenhaus zu Esslingen, sowie in der Gemeinde Talheim gewesen und hat die weitaus größte Lebenszeit in Baisingen verbracht, wo er sich eine Familie gegründet und bis zu seinem Ruhestand vor drei Jahren die Tätigkeit eines Volksschullehrers, Religionslehrers, Vorbeters, Schochets und Gemeindepflegers, letzteres Amt sogar bis zu seinem Lebensende, in vorzüglicher Weise versehen hat. Sein Andenken bleibe zum Segen: Secher zaddik livrocho".    
 
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Juli 1930: "Nachruf
Nach einer ein Menschenalter hindurch währenden Wirksamkeit als Lehrer, Vorbeter, Prediger und Verwalter der Religionsgemeinde ist Herr
Oberlehrer i.R. Max Straßburger   

verschieden.
Gemeinde und Vorsteheramt beklagen tief den Hingang dieses allzeit pflichterfüllten Dieners des Judentums und werden sein Andenken immerdar in Ehren halten.
Israelitisches Vorsteheramt  Baisingen."       

        
Nachruf auf Oberlehrer Max Straßburger von Religionsoberlehrer Uhlmann (Schwäbisch Gmünd) (1930)       

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. August 1930: "Baisingen. Vor kurzem meldeten wir den Heimgang des hochverdienten Oberlehrers Max Straßburger. Sein Kollege, Religionsoberlehrer Uhlmann, Gmünd, widmet dem verstorbenen Freunde die folgenden Zeilen: Zum ehrenden Andenken meines lieben Freundes und einstigen Studiengenossen möchte ich seinen Verehrern noch mitteilen, wie seine christlichen Kollegen über ihn sprechen: Zuerst war es Herr Pollich, der vor 25 Jahren von Baisingen hierher versetzt wurde. Er rühmte Straßburger als den trefflichen Schulmann, dessen Schulprüfungen er stets mit großem Interesse beigewohnt habe, da sie viel Fleiß und redliches Streben bekundeten. Bei Leichenbegängnissen bewunderte der jetzige Oberregierungsrat und Landtagsabgeordnete seinen Kollegen Straßburger als Redner, der es ganz vorzüglich verstand, zu Herzen zu sprechen. Dann war es Oberlehrer Müller, Vorstand der hiesigen katholischen Volksschule, der zusammen mit Straßburger in einer Stuttgarter Augenklinik verweilte. Beide hatten Schweres durchzumachen. 'Ihr Straßburger ist ein hervorragender Mann', sprach er mich an, 'vor dem ich alle Hochachtung habe, ja, den ich bewundere wegen seiner Seelenruhe und seines Mutes, mit dem er sein hartes Geschick trägt. Dieser Mann spricht mir noch Mut zu. Ich höre ihn im Nebenzimmer innig seine Gebete verrichten: das ist ein seltener Mann, den ich hochachte und verehre.' Und noch in der letzten Woche ließ sich Herr Oberlehrer Rettenmaier aus Ergenzingen hier als Pensionär nieder. Er begrüßte mich mit den Worten: 'Ich bringe Ihnen herzliche Grüße von meinem besten Freund, von Ihrem Straßburger'. Auch er rühmte das bescheidene Wesen Straßburgers, seinen lauteren Charakter und seine Tüchtigkeit — Eigenschaften, die ihm die Lehrer des ganzen Bezirks zu Freunden machten. Mit Tränen in den Augen kam er wenige Wochen später und teilte mir unter Schluchzen mit: 'Mein guter Freund Straßburger ist gestorben!'".             

    
Lehrer Heimann Unikower wechselt von Baisingen nach Simmern (1931)      

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. Juli 1931: "Baisingen. Am 1. Juli verließ Hauptlehrer Unikower seinen hiesigen Wirkungskreis, um einem Rufe als Religionslehrer und Kantor in der Gemeinde Simmern zu folgen. Aus diesem Anlass wurde  ihm von seiner Gemeinde am 27. Juni ein ehrender Abschied bereitet. Nachdem der Scheidende im Morgengottesdienst den Segen Gottes für den Bestand der Gemeinde erfleht hatte, versammelte sich die Gemeinde am Abend, um die letzten Stunden das Sabbats um ihren Lehrer geschart zu verbringen. Hier ergriff der Gemeindevorsitzende, Hermann Kahn, das Wort und brachte namens der Gemeinde den Dank und die Anerkennung für die amtlich und außeramtlich geleisteten Dienste Unikowers zum Ausdruck; er hob insbesondere die Gründung und Führung des Israelitischen Frauenvereins als Verdienst des Scheidenden und seiner Gattin hervor, erwähnte auch die allsabbatlichen Lehrvorträge, denen die Gemeinde immer gern gelauscht habe, und erinnerte an die privatwissenschaftlichen Bestrebungen des Scheidenden, die von der Gemeinde nicht unbeachtet bleiben konnten. Hauptlehrer Unikower dankte für de ehrenden Abschiedsworte und sprach die Hoffnung aus, dass die religiöse Beschaulichkeit, in welcher die Gemeinde hier leben dürfe, ihr allezeit eine Quelle der Glückseligkeit bleiben möge."             

    
Lehrer Julius Goldstein in Baisingen (1934 - 1937)
Am 10. Mai 1934 fand im Gemeindehaus in Stuttgart die Mitgliederversammlung des "Vereins Israelitischer Lehrer in Württemberg" statt. Es gab verschiedene Referate, unter anderem referierte "Lehrer Goldstein, Baisingen, über den Unterricht in biblischer und jüdischer Geschichte". Lehrer (Hauptlehrer) Goldstein sprach u.a. bei der Beisetzung von Abraham Erlebacher am 13. Dezember 1935 in Baisingen (siehe unten Bericht in der "Gemeindezeitung" vom 16. Januar 1936).  
Es handelt sich um Lehrer Julius Goldstein, der - u.a. nach dem Familienregister Künzelsau (Link) - am 29. Juli 1894 geboren ist als Sohn von Lehrer Simon Goldstein (gest. 1927) und seiner Frau Ida geb. Hirsch (Tochter von Max und Johanna Hirsch). Simon Goldstein (ca. 1863 - 1927 in Würzburg) war als Lehrer, Kantor und Schochet zunächst 13 Jahre in Poppenlauer tätig (wo Julius am 29. Juli 1894 geboren ist), ab 1894 in Oberlauringen, wo Julius aufgewachsen ist. Julius Goldstein, der noch drei Geschwister - Hermann (s.u.), Selma (geb./gest. 1895) und Irma (s.u.) - hatte, wird an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg studiert haben.
Seit dem 6. März 1923 in Ladenburg war Julius Goldstein verheiratet mit Martha geb. Hirsch (geb. 27. November 1889 in Groß-Gerau). Die beiden hatten zwei Kinder: Karola (geb. 4. April 1924 in Reichelsheim) und Else (geb. 20. September 1929 in Künzelsau, später verh. Schnerb). Julius Goldstein war nach der Datenbank der jüdischen Lehrer in Bayern zunächst Lehrer in Memmelsdorf, dann - nach weiteren Quellen - von 1920 bis 1927 in Reichelsheim, 1928 bis 1934/38 in Künzelsau.
Julius' Schwester Irma (geb. 21. August 1903 in Oberlauringen) war mit dem Lehrer Emil Liffgens verheiratet (Lehrer in Rothenburg, ab 1929 in Memmingen, zuletzt wohnhaft Augsburg, beide wurden ermordet im KZ Auschwitz 1943), siehe https://gedenkbuch-augsburg.de/biografien/emil-liffgens. Julius' Bruder Hermann (geb. 23. August 1897 in Oberlauringen) ist im Ersten Weltkrieg am 28. Mai 1917 im Alter von 20 Jahren in Belgien gefallen.     
Das Familienregister Künzelsau (Link oben) enthält den Eintrag: "Herr Lehrer Goldstein wurde am 15. April 1934 nach Baisingen (Württemberg) versetzt". - Bei der Beisetzung von Thekla Kaufmann geb. Lindauer in Ladenburg am 23. April 1934 ist im Bericht zur Beisetzung zu lesen: "Lehrer Goldstein, Baisingen, ein entfernter Verwandter, war herbeigeeilt, um der Heimgegangenen die letzten Grüße der Familie zu überbringen." - In den Familienregistern Baisingen wird Lehrer Goldstein nicht genannt bzw. ein Familienregister mit Eintragungen nach 1933 ist nicht erhalten. 
Julius Goldstein ist (vgl. Bericht zum 25-jährigen Dienstjubiläum in Baisingen s.u.) im Sommer 1938 wieder nach Künzelsau zurückgekehrt oder er war zuletzt an beiden Orten tätig. Er war unmittelbar betroffen von dem Novemberpogrom 1938 in Künzelsau. Dabei wurde er v
on SA-Leuten auf das Rathaus geschleppt und derart misshandelt, dass der eiserne Synagogenschlüssel, den er in seiner Hosentasche trug, in zwei Stücke zersprang. Vor Aufregung über diesen Vorfall starb der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Kaufmann Max Ledermann an einem Herzschlag, als er Lehrer Goldstein besuchte. Julius Goldstein konnte 1939 mit Frau und den beiden Kindern in die USA emigrieren. Für alle vier Familienmitglieder wurden in Künzelsau Stolpersteine verlegt (Schlossgasse 93/Schlossplatz 11). 
Julius Goldstein starb am 10. Mai 1979 in den USA (Anzeige siehe unten).  
  
25-jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Julius Goldstein (1938)  
Anmerkung: damit war Julius Goldstein seit 1913 im Dienst als Lehrer, eventuell in Verbindung mit den oben gegebenen Daten: ab 1913 bis max. 1920 in Memmelsdorf

Mitteilung in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 15. Juli 1938": "Baisingen. Hauptlehrer Julius Goldstein konnte am 12. Juli sein 25-jähriges Dienstjubiläum begehen. Wir entbieten ihm aus diesem Anlass unsere herzlichsten Wünsche." 

Todesanzeige für Lehrer Julius Goldstein (1979 USA)    

Anzeige in der amerikanisch-deutsch-jüdischen Zeitschrift "Der Aufbau" vom 25. Mai 1979:
"Am 10. Mai 1979 (13. Iyar) verschied nach langem, schweren, geduldig ertragenen Leiden mein geliebter Mann, Vater, Schwiegervater, Großvater und Urgroßvater 
Julius Goldstein -
seligen Andenkens (früher Oberlauringen)
im Alter von 84 Jahren.  
In tiefer Trauer: Meta Goldstein geb. Kuch  
Lily Hammelburger geb. Goldstein 
Walter und Elsie Schnerb geb. Goldstein 
Chanan Reich 
Dr. T.H. und Ayala Weiss geb. Reich 
Enkel und Urenkel 
Gleichzeitig danken wir für die große Anteilnahme." 

     
     
     
Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben 
Nach einer "historischen Erzählung" werden auf Grund eines angeblichen Ritualmordes in Baisingen 36 Juden verbrannt (Artikel von 1930)   
Anmerkung: zu Rabbi Joselmann von Rosheim (1476-1554) siehe Wikipedia-Artikel "Josef von Rosheim".      

Baisingen JuedWZKassel 04071930.jpg (500987 Byte) Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und Waldeck" vom 4. Juli 1930: aus einer "Historischen Erzählung aus der Zeit der Reformation. Von Dr. M. Lehmann: Rabbi Joselmann von Rosheim'.". Im 64. Kapitel spielt Baisingen eine Rolle, ob der Vorgang historisch ist und Dr. Lehmann sich auf Archivalien stützen kann, ist dem Webmaster unklar. 
  
 
"Vierundsechzigstes Kapitel. Kaum war die große Gefahr von den Juden des Elsasses abgewendet, als ein Eilbote kam und Rabbi Joselmann nach Baisingen berief. 
Baisingen ist ein Dorf im Oberamte Horb im württembergischen Schwarzwald. Dort befindet sich heute noch eine fromme israelitische Gemeinde, die sich namentlich durch große Wohltätigkeit auszeichnet. Auch dieser Boden ist, wie fast jedes Flecken Erde Deutschlands, getränkt mit dem Blute jüdischer Märtyrer.   
Eine Bauersfrau hatte im Schlafe ihr Kind zerdrückt. Aus Furcht vor ihrem Manne, der in jener Nacht abwesend war, hatte sie das tote Kind, nachdem sie ihm einige Schnitte beigebracht, in den Hof eines Judenhauses gezogen und hatte behauptet, das Kind sei ihr gestohlen worden.  
Das ganze Dorf geriet in Aufruhr; die Häuser der Juden wurden durchsucht, die Kindesleiche wurde gefunden, und nun stand es bei den Leuten fest, dass die Juden das Kind geraubt hatten, um ihm das Blut abzuzapfen. Die Häuser der Juden wurden demoliert und sämtliche Juden des Dorfes, sechsunddreißig Personen, Männer, Frauen, Greise und Kinder, ins Gefängnis geworfen. 
Schrecken und Angst ergriffen die Bewohner der ganzen Gegend, und sie wussten nichts Besseres zu tun, als einen Eilboten an Rabbi Joselmann zu senden, damit er das Unglück von den Eingekerkerten abwende. Rabbi Joselmann machte sich auch sofort auf den Weg, ritt Tag und Nacht, und als er in Baisingen ankam, da waren die Holzstöße schon aufgerichtet, auf denen die dem Tode geweihten sechsunddreißig unschuldigen Menschen verbrannt werden sollten. Sie waren auf die Folter gespannt worden und hatten ausgesagt, was man von ihnen verlangt hatte. 
Vergebens bat und fleht Rabbi Joselmann, dass man die Prozedur aufschieben möge, bis er die Angelegenheit vor den Erzherzog Ferdinand oder vor den Kaiser selbst gebracht hätte; vergebens drohte er mit dem Zorn und der Strafe des Kaisers, vergebens zeigte er die kaiserliche Verordnung vor, die ihn zum Befehlshaber und Regierer sämtlicher Juden des Deutschen Reiches ernannte, vergebens reklamierte er seine Untertanen - man hörte nicht auf ihn. Die sechsunddreißig unschuldigen Männer, Frauen, Kinder, Greise wurden aus dem Gefängnis herausgeführt und an die Holzblöcke gebunden.  
Es war ein herzzerreißender Anblick! Rabbi Joselmann wollte schier verzweifeln; da ermannte er sich; konnte er die Unglücklichen nicht reden, so wollte er doch wenigstens ihre Todesqual lindern. 'Meine Lieben Freunde', redete er die Beklagenswerten an, 'ihr alle, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, und ihr, liebe Kinder, ihr Nachkommen unseres Vater Abraham; der Augenblick ist gekommen, da ihr euer Leben hingeben sollt zur Heiligung des göttlichen Namens! Ich weiß, dass ihr unschuldig seid, dass ihr jenes abscheuliche Verbrechen nicht begangen habt - Gott hat es euch zugeschickt, dass ihr sterben sollt für ihn. Denn nur weil ihr Juden seid, Bekenner des einzigen Gottes, verfolgt man euch, tötet man euch. So heiligt denn hier öffentlich den Namen des Allheiligen. Sagt mir nach, Wort für Wort!'  
Eine tiefe Stille lagerte rings umher. Tausende von Menschen waren versammelt. Keiner wagte sich zu regen. Rabbi Joselmann sprach die Widdui, das Sündenbekenntnis, in deutscher Sprache, damit alle Welt ihn verstehe. Er hub an zu reden, und die an die Holzstöße Gefesselten sprachen jedes einzelne Wort nach:  
'Herr, mein Gott und Gott meiner Väter, die Seele, die du mir gegeben hast, war rein und lauter und ohne Fehl; ich aber habe sie durch meine Sünden befleckt und verunreinigt. Chotoßi, owißi, poschati.' 
Die letzten drei Worte - ich habe gesündigt, ich habe gefehlt, ich habe verbrochen - die dem jüdischen Munde so geläufig sind, sprach Rabbi Joselmann hebräisch, und die von den Flammen schon Umzüngelten wiederholten sie unter herzzerreißenden Weherufen.  
'Ich habe deine heiligen Gebote', sprach Rabbi Joselmann weiter vor, 'übertreten, bin abgewichen von deinen erhabenen Lehren, und es hat mir kein Heil gebracht. Siehe, jetzt ist die Stunde gekommen, da du, o Gott, diese Seele mir wieder nimmst, und dass ich sie zurückgebe in deine Hand zur Heiligung deines Namens, einziger Gott! Du bist gerecht in allem, was über uns kommt, denn du tust nur Wahrhaftes; ich aber habe gefrevelt. Deine Gerichte und Urteile sind Gerechtigkeit und Wahrheit. Du, o Gott, wirst mir die Seele einst wieder zuführen in der künftigen Welt. Solange aber ein Hauch in mir ist, danke ich dir und bekenne ich dich und bin bereit zu tun, wie es steht in deiner Tora: Und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Vermögen. Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, der uns geheiligt hat durch seine Gebote und uns befohlen hat, Ihn, den Allmächtigen und Allherrlichen, der da ist und war und sein wird, zu lieben mit unserem ganzen Herzen und mit unserer ganzen Seele, und Seinen großen und furchtbaren Namen vor aller Welt zu heiligen. Gelobt seist du, Ewiger, der du deinen Namen öffentlich heiligst.' 
Und als Rabbi Joselmann das alles auf deutsch gesprochen, da wiederholte er es in hebräischer Sprache, und dann ließ er sie alle das 'Schema' beten, das erhabene jüdische Bekenntnis der Einheit Gottes; und dann ging Rabbi Josefmann zu jedem einzelnen und sprach ihm Mut zu, dass er die grässlichen Schmerzen freudig ertrage.  'Siehe', sprach er zu einem achtzigjährigen Greis, 'in kurzer Zeit wärst du ja doch gestorben! Welch ein Glück, dass Gott dich begnadigt, seinen Namen öffentlich zu heiligen!'   
Und schmerzlos, verklärt, fühlte der Greis die Flammen das Mark seines Rückgrats verzehren. 
Und zu einem jungen Mädchen sprach Rabbi Joselmann: 'Du glückliches Kind, wie viele Schmerzen, Kummer und Elend sind dir erspart geblieben! In jungen Jahren schon wird dir das Höchste zuteil, was ein Mensch zu erreichen vermag: die Liebe zu Gott mit dem Tod zu besiegeln. Freue dich, deiner harret die ewige Seligkeit.' 
Und zu einer - aus acht Personen, Vater, Mutter und sechs Kindern, bestehenden - Familie sagte er: 'Ihr Beneidenswerten, die ihr nicht getrennt werdet voneinander, die ihr gemeinsam eingehet zum ewigen Leben!'..."         

               
Die Annahme fester Familiennamen durch die Juden der Schwarzwaldgemeinden 1827 - Übersicht über die Veränderungen in den Gemeinden Rexingen, Baisingen, Mühringen und Mühlen (Beitrag von Oberlehrer Straßburger, 1927)         

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Dezember 1926:            
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Baisingen GemZeitung Wue 01121926d.jpg (63291 Byte)  

      
Über den Judenpogrom an Pessach 1848 (Kurzer Bericht von 1848)   

Baisingen AZJ 03071848.jpg (100117 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Juli 1848: "Aus Württemberg, im Mai (1848). In mehreren früheren Artikeln der Allgemeinen Zeitung des Judentums war die Rede auch von Judenverfolgungen in Schwaben und es könnte dadurch den Anschein gewinnen, als ob in württembergischen orten solche Verfolgungen in größerer Zahl vorgekommen wären. Dem muss aber aufs Bestimmteste widersprochen werden. Bloß in einem einzigen Ort, Baisingen im Schwarzwald, kamen derartige, freilich betrübende Exzesse der Rohheit und Barbarei vor, wo aber ebenfalls manche besondere Umstände mit unterliefen. Die Nachricht hinsichtlich Mergentheims muss dahin berichtigt werden, dass gegen die dortigen Israeliten durchaus Nichts unternommen werden sollte, sondern die Wut einer rohen Odenwälder Bande wollte die von dem nahen badischen Ort Unterschüpf, wo freilich gegen die dortigen wenigen Juden arg gehaust worden ist, nach Mergentheim geflüchteten Juden ausgeliefert haben, welchem Ansinnen jedoch natürlich von Seiten der Behörde nicht nachgegeben worden…".   

               
Über den Judenpogrom an Pessach 1848 (aufgeschrieben in der 'Megilah Baisingen', zitiert in einem Bericht von 1918)  

Baisingen Megilat 150.jpg (67951 Byte)Links: Beginn der 'Megilat Baisingen' (ausgesprochen auch: Megilas; Megillat = Schriftrolle) zur Erinnerung an die Ausschreitungen gegenüber den Juden Baisingens im April 1848. 
Quelle: Titel (Ausschnittsvergrößerung)  der Publikation von Karl-Heinz Geppert: Jüdisches Baisingen - Einladung zu einem Rundgang. Haigerloch 2000.
   
Baisingen AZJ 27031918.jpg (207345 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung der Judentums" vom 27. März 1918: "Megilas Baisingen. Von befreundeter Seite wird mir ein hebräisches und deutsches Manuskript unter dem genannten Titel übersendet, das die Schicksale einer kleinen jüdischen Gemeinde in Württemberg während der Pessachtage 1848 schildert. Ich lasse es im Auszuge hier folgen.   
Nachdem kurz von den Unruhen berichtet worden, die infolge der Pariser Februarrevolution in Europa im allgemeinen und in Deutschland im besonderen ausgebrochen waren, ferner davon, dass in Begleitung solcher Unruhen mancherlei Aufstände gegen die Juden erfolgt waren, heißt es:  
'Auch wir, die jüdischen Einwohner des Dorfes Baisingen, kamen in große Not. Es war das Gerücht verbreitet, dass die christlichen Einwohner benachbarter Dörfer uns überfallen, berauben und misshandeln wollen.  
In der Nacht auf den 13. März waren wir ängstlich ein jeder in seinem Hause, da kamen hiesige Christen und warfen in zehn Häusern von Juden die Scheiben ein. Die Nachtwächter sahen es mit an und halfen dazu.   
So sehnsüchtig wir auch dem Anbruch des Tages entgegen sahen, so wussten wir uns dennoch auch am Tage nicht zu raten, denn das gemeine Volk war ganz gesetzlos und die Macht der Beamten im Augenblicke äußerst geschwächt. Die Politik riet uns, das Unrecht schweigend zu tragen.   
Nun aber waren am Mittag sieben ledige christliche Burschen aus dem nahen Dorfe Vollmaringen in den Ort gekommen und spazierten mit Beilen und Messern in den Händen in die Haushöfe der Juden und sprachen anmaßend und frech und höhnten: Heute Nacht kommen wir mit noch vielen über euch. Die Christen im Orte hörten wohl teilweise diese Reden und sahen das Benehmen dieser Buben; allein niemand regte sich, und beizustehen, niemand hatte ein tröstendes Wort.  
Die Vorsteher der Jüdischen Gemeinde wandten sich dieserhalb bittend an den Pfarrer, sich zu unserer Sicherheit zu verwenden. Dieser sandte auch zugleich einen Extraboten an den Schultheiß, welcher heute in Geschäften in einem benachbarten Orte war. Dieser kam auch gegen Abend und veranlasste im Verein mit dem Pfarrer, dass die ganze christliche Gemeinde heute Nacht bewaffnet wache, auf dass die Juden vor einem auswärtigen Anfalle geschützt seien. Wir Juden waren aber bereits zu ängstlich, und als es Abend wurde, flohen viele der unseren in benachbarte Orte, und viele von denen, die im Orte blieben und die Veranstaltungen des Schultheißen sahen, getrauten sich doch nicht, in ihren Wohnungen zu verbleiben, und flüchteten sich und ihre Wertsachen in christliche Häuser des Ortes, denen sie vertrauten. In derselben Nacht regte sich nichts. Von dem nächsten Tage an bezahlte die jüdische Gemeinde mehrere christliche Personen aus dem Orte, dass sie Nachtwache halten müssten, und auch von den Juden selbst hüteten immer einige mit.    
Die Ereignisse der Zeit waren nicht tröstlich, und einsichtige Leute fürchteten sich nicht ohne Grund. Dennoch gab es auch in unserem Kahal (Gemeinde) Leute, welche nach einigen
Baisingen AZJ 27031918b.jpg (412864 Byte)Wochen seit Anordnung der nächsten Wache vermeinten, man dürfte jetzt nicht mehr besorgt sein und könne die bezahlten Wächter entbehren und habe nicht nötig, selbst Wache zu halten. Es wurde auch dieserhalb im versammelten Kahal beschlossen, dass die Wache nur bis Ende Pessach bestehen sollte.    
In der Nacht auf acharon schel Pessach (letzter Tag), dieses ist auf den 25. April, rotteten sich ungefähr vierzig christliche Einwohner des Ortes zusammen, sie waren teils verheiratet, teils ledig und begann damit, dass sie zuvörderst die von uns bestellten jüdischen und christlichen Wächter aus der Straße verjagten und dann hingingen und in den meisten Häusern der Juden die Türen einschlugen und die Läden der Fenster erbrachen.   
Sie waren mit schweren Steinen, mit großen und kleinen Prügeln, mit Äxten und Beilen bewaffnet. Sie warfen durch die zerschlagenen Fenster in die Wohnungen und riefen: 'Geld oder Tod!'  Nur in ein Haus, in das Haus der Meier Weil, der mit auf der Wache war, waren die Krawaller eingedrungen, nachdem sie die Türen, Läden und Fenster zerschlagen hatten, und zerstörten vieles im Hause. Mutter und Tochter, das einzige Kind, flohen; allein die Tochter wurde ereilt, arg geschlagen und gefährlich verwundet. Viele von uns hörten ihr jämmerliches Schreien, allein niemand konnte ihr zu Hilfe kommen. Sie ward wieder hergestellt. Im Hause des Wolf Kiefe hatte dieses Gesindel auch bereits Läden und Fenster zerschlagen und war bemüht, die Türen zu erbrechen. Dieser Mann hatte diesen Leuten auch bereits über 400 Gulden durchs Fenster zugeworfen und gebeten, dass sie von ihm ablassen sollten; allein sie sollten noch mehr und warfen schwere Steine in die Stube und trafen die Hausfrau, die längst taub geworden, und verwundeten sie gefährlich am Kopfe. Sie ist indes wieder geheilt von ihren Wunden. Bei dieser Gelegenheit wurden auch in der nahe stehenden Synagoge Fenster zerschlagen und Steine und Prügel hineingeworfen. Auch bei dem Herrn Kirchenvorsteher Salomon Kiefe waren Haustür, Fensterläden und Fenster erbrochen, man musste jeden Augenblick fürchten, die Rotte werde eindringen und das Leben gefährden; er entfloh daher mit seinem Weibe, seinen zwei Töchtern, seinem jüngsten Sohne, seiner jüdischen und christlichen Magd durch eine Hintertür und entkam glücklich nach Bonndorf. Seinen Knaben von elf Jahren aber vermisste man; denn es hatte sich dieser aus Furcht auf den Boden geflüchtet und sich daselbst versteckt und den Ruf der Seinen nicht gehört. In welcher Angst wir alle waren, und in welcher Betrübnis diese Leute ihr Haus und ihre Habe verließen und welche Sorge ihr Herz erfüllte wegen des Kindes, das fehlte, ist leicht zu erachten.   
Herr Wolf Kiefe hatte während des Tumultes vor dem haus seine jüdische Magd durch eine Hintertüre aus dem Hause entsandt, damit sie den Schultheißen zu seiner Hilfe herbeirufe. Als die Magd vor dem Hause des Schultheißen angekommen war und ihn angerufen hatte, machte dieser sich sogleich aus seinem Hause, rief noch einige Bürger herbei und verfügte sich an den Ort, wo der Krawall stattfand. Die Krawaller hörten den Schultheiß kommen und flohen; nachgesetzt wurde ihnen nicht.   
Zu dieser Zeit ward es ruhig im Orte, wir gingen aus unseren Häusern bewaffnet mit Äxten, Hämmern, Beilen und dergleichen und blieben auf der Straße beisammen, um einen möglichen Überfall vereint abzuwehren. Noch vor Tag jedoch gingen drei von uns zu dem Schultheißen und verlangten von ihm ein Schreiben an das Königliche Oberamtsgericht über das, was diese Nacht sich ereignet. Der Schultheiß willfahrte, und so gingen denn zwei dieser Männer, Herr Hirsch Kiefe, Kirchenvorsteher und Vorsänger, und Schullehrer Michel Hirsch mit Tagesanbruch, acharon schel Pessach, vor das Königliche Oberamtsgericht und drangen in den Beamten, eilig an Ort und Stelle sich zu begeben und für unseren Schutz Sorge zu tragen. Noch bevor gedachte zwei Männer vor das Königliche Oberamtsgericht gelangten, hatte bereits der erwähnte Herr Salomon Kiefe von Bonndorf aus in der Nacht einen Boten mit einem Schreiben an das Königliche Oberamtsgericht entsandt und Hilfe für die Zurückgebliebenen dringend verlangt. Die zwei Männer stellten nun mündlich vor, und das Gericht versprach alles Mögliche zu unserem Schutze anzuordnen und dieserhalb sich noch heutigen Tages an Ort und Stelle zu begeben. Das Gericht sandte drei Landjäger voraus und folgte bald selbst nach. Eben kamen genannte Männer von Horb zurück, als Herr Wolf Kiefe und Herr Lehmann Kiefe mit Frau eine Kutsche bestiegen, um nach Stuttgart sich zu begeben, daselbst zu verbleiben und auch, um möglichst durch die höchsten Männer im Staate für künftig unsere Ruhe zu sichern. Die Ehefrau des Erstgenannten musste, weil sie an ihren Wunden gefährlich krank war, bis zu ihrer Genesung zurückbleiben. An diesem Tage nun begann die gerichtliche Untersuchung, und bereits am folgenden Tage wurden zwei der Verdächtigen nach Horb in das Kriminalgefängnis gebracht. Hierüber wurden viele christliche Weibsen des Ortes arg aufgebracht, und wurde von ihnen den ganzen Tag hindurch auf öffentliche Straßen arg gemault darüber, dass das Gericht wegen Juden ihre Leute zur Verantwortung ziehen wolle. Auch christliche Männer ließen drohende Reden hören, dass die Haare der Unsrigen zu Berge stiegen. Nicht zu verwundern, dass viele von den Unsrigen gegen Abend aus Furcht vor den christlichen Einwohner des Ortes mit ihren Weibern und Kindern in die benachbarten Orte flüchteten. Wir Männer aber und die ledigen, rüstigen Leute, wir versammelten uns heimlich in dem Hause des Herrn Hirsch Kiefe und versahen uns mit Steinen, eisernen Stangen und anderen Waffen, um nötigenfalls gegen Feinde uns zur Wehr zu setzen.    
Um Mitternacht wurde dem Herrn Salomon Wolf Kiefe im Vertrauen angesagt, dass morgen in aller Frühe die gesamte Judenschaft auf das Rathaus geboten werde und daselbst unterschriftlich zu erklären habe, dass sie erstlich für sich und ihre Nachkommen auf alle Zeit freiwillig auf Bürgerrecht und gemeindebürgerlichen Nutzen verzichte, und dass es zweitens ihr Wunsch sei und ihr Verlangen, das Königliche Oberamtsgericht sollte die zwei Inhaftierten aus ihrer Haft entlassen und alle Untersuchungen wegen der Begebenheiten in der Nacht auf den 25. April niederschlagen.   
Es wurde auch angesagt, dass sofern die Juden in dieses Verlangen nicht einwilligen, dieselben dahier ihres Lebens nicht sicher seien.   
Als wir dieses Vorhaben erfuhren, sandten wir noch in der Nacht durch zwei Männer aus unserer Mitte ein Schreiben an unseren Rabbiner, Herrn Dr. Wassermann, Hochwürden in Mühringen, ihn ersuchend, er solle alsogleich nach Horb zu den Beamten sich begeben, damit genügend Schutz uns eilig zukomme. Nachdem Herr Dr. Wassermann mit den Beamten geredet hatte, kam er in der Frühe hier an und gab uns zu verstehen, dass wir nur immer unterschriftlich einwilligen dürfen in das ungerechte Verlangen; es unterliege solche Verhandlung der Genehmigung der höheren Behörden und diese werde nicht erfolgen. Wir gingen also auf das Rathaus und fertigten daselbst die verlangte Schrift, während unsere Feinde drohend und mordlustig auf der Straße sich bewegten.   
Zwar wurde besagtes Schreiben eilig dem Königlichen Oberamtsgericht zugefertigt, allein diesem war schon Weisung von dem Königlichen Ministerium zugekommen, keinen Zwang gegen die Juden zu dulden, die gesamte christliche Gemeinde verbindlich zu machen für den Schutz der Juden und deren Habe, und wenn das nicht eingegangen werde oder nicht genügen sollte, Militär zu bestellen. Als die christlichen Einwohner den Ernst und
  
Baisingen AZJ 27031918c.jpg (168816 Byte)die Kraft einer gerechten Regierung erkannten, verbürgten sie sich sämtlich, wie verlangt wurde, und die gerichtliche Untersuchung wurde ungestört fortgeführt.   
Wir dürfen nicht unerlassen zu erwähnen, dass die öffentliche Stimme, die laute wurde, ganz zu unseren Gunsten war und dass die christlichen Einwohner dahier von ihren Glaubensgenossen, den Katholiken und den lutherischen Christen in der Gegend, sehr getadelt wurden.    
Infolge gerichtlicher Untersuchung wurden 31 verdächtige Personen inhaftiert. Einige wurden bald aus der Haft entlassen, einige erst nach mehreren Monaten, nachdem die Untersuchungen geschlossen waren und die Bürgschaft geleistet war, dass keiner der Schuldigen der gerichtlichen Strafe, welche das Hohe Gericht bestimmen werde, durch die Flucht sich entziehen wolle.'    
Diese anspruchslose Schilderung, die zum Teil von Mitgliedern hoch angesehener Familien spricht, die seitdem in Württemberg und anderwärts hervorragende Stellungen erworben haben, mag für sich allein sprechen. Es ist ein interessantes Kulturbild, das wohl der Veröffentlichung wert ist.   
Nach der Darstellung der schweren Ereignisse, die, wie gesagt, an den letzten Tagen des Pessachfestes sich vollzogen, folgen nur noch kurze Mitteilungen darüber, dass die vor zehn Jahren aufgelöste Chewra wiederhergestellt wurde und dass alle Gemeindemitglieder, die ihr angehörten, sich verpflichteten eifrig Almosen zu geben.   
Genau 70 Jahre trennen uns von jener Zeit. Wir dürfen sagen: derartiges ist seitdem in Deutschland nicht wieder vorgekommen, und wir dürfen daran den Ausdruck der Hoffnung und des Vertrauens schließen, dass solches nicht wieder vorkommen werde. Es ist ja freilich leider gewiss, dass die Antisemiten rüstig am Werke sind. Aber so traurig auch ihre Bestrebungen genannt werden müssen, so richten sie sich nicht auf die Zerstörung des Eigentums und die Bedrohung persönlicher Freiheit, sondern sie beziehen sich nur auf die Schädigung unserer festgelegten Stellung. Aber wir sind erfüllt von der Überzeugung, dass alle diese Bemühungen, mögen sie auch noch so kühn und zuversichtlich sich gebärden, erfolglos bleiben müssen, dass der gerade Sinn unseres Volkes und die erleuchtete Anschauung unserer Regierenden solchem Ansinnen widerstreben und uns überall, wo wir auch wohnen, den Schutz zubilligen werden, der uns gebührt, und die Freiheit und das Recht uns Gewähr leisten werden, die uns von der Verfassung gegeben ist und deren wir uns in jahrzehntelanger Pflichterfüllung würdig gemacht haben.  L.G."   

     
Der Baisinger Judenkrawall vor Gericht (Beitrag von Oberlehrer M. Straßburger) (1928)         

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Februar 1928: "Der Baisinger Judenkrawall vor Gericht.
Nach einer zeitgeschichtlichen Niederschrift mitgeteilt von Oberlehrer M. Straßburger

Am 13., 14. und 15. April 1851 fand die Schwurgerichtsverhandlung bei dem Schwurgericht in Oberndorf am Neckar statt, bei welchem Ober-Justiz-Assessor v. Trott als Staatsanwalt fungierte. Die Verteidigung führte Prokurator Pfeilstricker, Stadtschultheiß und Rechtskonsulent Siegel von Balingen, Rechtskonsulent Bierer und Kapff von Tübingen.
Auf der Anklagebank saßen 9 junge Männer von Baisingen, beschuldigt des Raubes. Es waren dies: Sattler Karl Teufel, Alois Stopper, Valentin Stopper, Martin Raible, Anton Bernhard, 
Baisingen GemZeitung Wue 01021928a.jpg (202388 Byte)Georg Teufel, Urban Stopper, Bruno Teufel, Christian Pfeffer. Die Angeklagten waren mit Ausnahme des Sattlers Teufel sämtlich verheiratet, standen in einem Alter zwischen 20 und 30 Jahren und waren, ausgenommen der Sattler Teufel und Maurer Raible, gut prädiziert und ohne Vermögen. Aus der Aussage ging folgendes hervor:
In Baisingen, welches zum großen Teile von vermöglichen Juden bewohnt wird, hatte die im Frühjahre 1848 eingetroffene Kunde von der Emanzipation der Israeliten große Aufregung unter der christlichen Bevölkerung hervorgerufen. Es war namentlich davon die Rede, dass die Juden das Bürgerrecht erhalten und an den wohlhabenden Stiftungen des Ortes Anteil bekommen werden.
In mehreren Versammlungen, an welchen sich auch der Schultheiß und einzelne Gemeinderäte beteiligten, bildete die Emanzipationsfrage den Gegenstand der Besprechung und es wurde über die Mittel, durch welche der angeblichen Beeinträchtigung der Christen vorgebeugt werden soll, Beratung gepflogen. In einer dieser Versammlungen wurde eine Schrift abgefasst, worin den Juden die Befähigkeit zu obrigkeitlichen Stellen bestritten wurde. Außerdem fielen mehrere Äußerungen des Schultheißen und einzelner Gemeinderäte, in denen sich ein feindseliges Verhältnis gegen die Juden bekundete.
Diese herrschende Aufregung steigerte sich, da sich einzelne Ortseinwohner in Privatangelegenheiten von den Juden übervorteilt glaubten. So kam der 24. April 1848 — der Ostermontag heran. Meistens junge Leute versammelten sich in Hochdorf in einem Wirtshause. Auf den Abend kam man im Löwen in Baisingen zusammen, wo viel von den Juden gesprochen und infolge der durch die Getränke eingetretene Erhitzung über die Juden losgezogen wurde.
Gegen 10 Uhr nachts wurde die Nachricht gebracht, dass heute Nacht ein Angriff auf die Juden gemacht werde. Diese Kunde fand allgemeine Billigung. Nach 10 Uhr zog ein Haufe von 30 bis 40 Personen, unter dem Rufe Mötzinger hierher, Vollmaringer dort (sie wollten die Hilfe von Nachbargemeinden vormachen), mit Stöcken, Prügeln und Steinen versehen, ins Dorf, um die Wohnungen der Juden zu bestürmen.
So wurden die Fenster der Behausung des Lehmann Kiefe mit Steinen beworfen und die massive Haustüre durch Axthiebe zertrümmert, so dass die Bewohner sich flüchten mussten. Von da ging es zur Wohnung des Vorstehers Salomon, wo gleichfalls die Fenster eingeworfen, die Türen  
Baisingen GemZeitung Wue 01021928b.jpg (221491 Byte)mit Axthieben zerschlagen und gerufen wurde: 'Alles muß hei (tot) sein!' Hierauf zog die Menge in einzelnen Haufen die Ortsstraße hinaus und die gleiche Zerstörung an den an der Straße liegenden Judenhäusern unter dem Rufe: 'Geld heraus oder Tod' vorgenommen. Auch das Schulhaus wurde gestürmt. Dann ging es vor das Haus des Maier Weil, in welches 6-7 Personen eindrangen, das Stiegengeländer zertrümmerten, Hausgeräte zusammenschlugen und die Fenster einwarfen. Die Bewohner flüchteten sich in den Stall: die Tochter, Babette Weil, machte sich ins Dorf hinein, um zu entfliehen, wurde aber von mehreren Männern auf Kopf und Rücken geschlagen, dass sie einige Zeit arbeitsunfähig wurde. Nachdem unter Johlen und Brüllen noch an mehreren Häusern Zertrümmerungen vorgenommen worden waren, zog die lärmende Menge vor das Haus des Wolf Kiefe. Zunächst wurden die Fenster der nahe gelegenen Synagoge eingeworfen, die Fenster bei Wolf Kiefe eingeworfen und die Türe zertrümmert und gerufen: 'Geld oder Tod!'
Wolf warf nun zuerst in einer Blase etwa 18 fl. zum Fenster heraus, wodurch sich aber die Umstehenden nicht zufrieden gaben. Nun warf er abermals 50 fl. in einem leinenen Beutel heraus. Allein auch damit begnügte sich die Menge nicht und schrie: Das ist nicht der rechte Lack, der 'große' Lack muss her! Nun warf die Frau des Wolf Kiefe einen großen leinernen Lack, in welchem sich 300 fl. befanden, zum Fenster heraus, sank jedoch, von einem Prügel oder Stein getroffen, blutend in das Zimmer zurück und musste infolge dieser Verletzung mehrere Wochen das Bett hüten.
Endlich zerstreute sich die Menge, weil sie erfuhr, dass der Schultheiß mit einigen Gemeinderäten und den Wächtern das Dorf heraufkomme. Der Lärm hörte jedoch erst um 12 Uhr auf.
Doch ließ die Verfolgung gegen die Juden nicht nach.
Als von dem Oberamtsgericht Horb die Untersuchung eingeleitet und Verhaftungen vorgenommen wurden, machte man den Versuch, die Freilassung zu ertrotzen. Am 27. April versammelte der Schultheiß die Bürgerschaft, wobei 62 Bürger durch ihre Unterschrift erklärten, dass sie nur in dem Falle für die Ruhe und Sicherheit des Ortes Sorge tragen, wenn die Verhafteten freigegeben werden und die Juden auf jede Klage, sowie auf die zu hoffenden Rechte verzichten. Die geängstigten Juden unterschrieben diesen Verzicht und baten um Niederschlagung der Untersuchung. Doch gegenüber den ernstlichen Maßregeln, welche getroffen wurden, namentlich der Drohung mit militärischer Exekution, gaben die Bürger von Baisingen am 5. Mai die Erklärung ab, dass sie aus dem Verzichte keinerlei Ansprüche ziehen werden.
Der Teilnahme an diesen strafbaren Handlungen werden die heute vor Gericht stehenden Personen angeklagt. Eine Haupttätigkeit entwickelte der Sattler Teufel. Er war es, der in der Absicht, um Geld zu bekommen, vor das Haus des Wolf Kiefe gezogen zu sein, bestreitet es aber. Er will von andern, namentlich älteren Männern und sogar von Gemeinderäten zu den Exzessen genötigt worden zu sein. Die Angeklagten berufen sich zu ihrer Entschuldigung auf ihre Betrunkenheit. Raible gibt an, 8—10 Mann hätten in einer Stunde 42 Maß Bier getrunken. Zugleich erklärt dieser Raible, warum das Feldge-     
Baisingen GemZeitung Wue 01021928c.jpg (172901 Byte)schrei 'Mötzinger' gewählt wurde. Es sollte dadurch die Vermutung entstehen, dass Fremde die Täter seien. Raible war es auch, der das Geldsäckchen mit 50 fl. zu sich steckte, er war es, der das Mostfäßchen bei Mayer Weil auslaufen ließ. Er, wie die andern, gaben an, dass er kein Geld erpressen, sondern nur die Juden ängstigen wollte.
Wir sehen in den Vorfällen des 24. April zu Baisingen einen Akt der gröbsten Rohheit und so darf die Vermutung nicht unbegründet sein, dass die auf der Anklagebank sitzenden Personen, welche bereits eine Untersuchungshaft von 200 Tagen erstanden haben, mehr blinde Werkzeuge anderer und Verführte sind, als die eigentlichen Urheber der Tat. Ein ähnliches Urteil gibt auch Rabbiner Dr. Wassermann von Mühringen, welcher ein Bild der Entstehungsgründe der Exzesse zu entwerfen bemüht ist.
Er spricht zuerst davon, dass weniger die Angeklagten, denen freilich das Gemeine des Vorgehens zur Last fällt, der schuldige Teil seien, als diejenigen, welche sie auf den Gedanken brachten, dass es nicht nur erlaubt, sondern gewissermaßen sogar Pflicht sei, gegen die Juden aufzutreten. Schon seit längerer Zeit vor den Exzessen am Ostermontag habe in Baisingen ein Geist der Feindseligkeit geherrscht, welcher sich namentlich zur Zeit der Wahl der Reichstagsabgeordneten, wo die Juden erstmals wahlberechtigt waren, bekundete.
Dazu komme, dass dieser Geist genährt und gepflegt worden sei, von einzelnen Mitgliedern der Gemeindebehörden. Dies schließt er teils aus Ausdrücken, wie sie z.B. der Gemeindepfleger Gramer zwei Tage vor den Vorfällen in Untertalheim fallen gelassen habe, dahingehend: Die Juden in Baisingen sind in einer schlimmen Lage!, teil aus dem Benehmen einiger Gemeinderäte nach der Tat.
Während nämlich der Oberamtmann bei seiner persönlichen Anwesenheit in Baisingen der im Bette liegenden, am Kopfe verletzten Frau des Wolf Kiefe so ergriffen gewesen sei, dass er als Christ sie um Verzeihung bitte, von Christen so barbarisch behandelt worden zu sein, haben die Gemeindebehörden sich gleichgültig und schadenfreudig benommen und geäußert: Seid nur zufrieden, dass ihr so davon gekommen seid! Schließlich spricht Dr. Wassermann seine feste Überzeugung darüber aus, dass zwischen den Gemeindebehörden und den Tätern eine Gemeinschaftlichkeit des Willens vorgeherrscht habe und wie es in einem Briefe, der ihm zugegangen, heiße: den Gemeindebehörden, wenn nicht die moralische Urheberschaft, wenigstens die Mitwisserschaft treffe.
Der Beschädigte Wolf Kiefe erzählt den Hergang der Sache und stimmt in der Hauptsache mit dem aus den Akten Mitgeteilten überein. Besonders beharrt er darauf, dass er nur durch den wiederholten Ruf: 'Geld oder Tod' veranlasst worden  
Baisingen GemZeitung Wue 01021928d.jpg (186877 Byte)sei, Geld hinauszuwerfen. Auch die Angaben der Frau stimmen mit den ihres Mannes überein. Die Dienstmagd des Wolf Kiefe, Mine Kurz, bezeugt ebenfalls, dass sie den Ruf: 'Geld oder Tod' gehört. Sie sei zum Schultheißen gelaufen, habe aber eine Viertelstunde warten müssen, bis polizeiliche Hilfe erfolgt sei. Sie habe der Dunkelheit wegen niemand erkannt. Oberwundarzt Bertscher erklärt, dass die Wunde der Frau W. Kiefe unter Umständen hätte lebensgefährlich werden können. Der ebenfalls zu den Beschädigten gehörende Lehmann Kiefe gibt an, dass auch seine Behausung unter dem Rufe 'Geld oder Tod' heimgesucht worden sei. Zn gleicher Weise sagen Isaak Kahn und Simon Levi aus, dass ihnen die Fenster eingeworfen und gerufen worden sei: 'Geld oder Tod'.
Salomon Kiefe, Kirchenvorsteher, bezeichnet das Verhältnis der Juden zu der christlichen Bevölkerung als ein gutes. Lehrer Michael Hirsch gibt an, dass das Schulhaus bestürmt wurde und ihm entgegengerufen worden sei: 'Bringt ihn um, schlagt die Türe ein!'
Er spricht von verschiedenen Reibereien, die schon vorher im Orte vorgekommen seien, namentlich infolge der Kunde, dass die im Elsaß ansässigen Juden sich haben flüchten müssen. Namentlich schildert er, wie sich zur Zeit der Exzesse die Angst der Juden aus einen solchen Grad gesteigert habe, dass Frauen und Kinder nach Mühringen geflohen seien.
Der Zeuge M. Schurer gibt an, dass es im Löwen geheißen habe, der Schultheiß und der Bürgermeister habe gesagt, jetzt soll man anfangen. Wenn der Schultheiß gleich gegangen wäre, wie man ihn geweckt habe, so hätte der Unfug bald ein Ende genommen.
Außerdem habe der Schultheiß geäußert, dass man sie nur noch machen lassen solle. Der Bürgermeister soll gesagt haben, man wolle heute Nacht den Juden das Bürgerholz austeilen. Er bringt weiter vor, dass Lehrer Buhl auf dem Rathause eine Schrift vorgelesen habe, dass die Juden Bürger werden wollen usw.
Schultheiß Teufel sagt, dass denselben, als ihm Anzeige von dem Lärmen gemacht wurde, angeblich Furcht abgehalten habe, sich nicht sogleich auf den Platz der Gefahr zu begeben. Dass eine Abneigung gegen die Juden ihn veranlasst habe, mit der Hilfeleistung zu zögern, bestreitet er. Der letzte der Zeugen, Gemeindepfleger Gramer, bestreitet ebenfalls, dass er vorher Kenntnis von dem Unfuge gehabt oder denselben begünstigt zu haben. Es könne gewiss kein Israelite auftreten, welcher nicht bezeugen müsse, dass er mit den Juden stets im besten Einverständnis gestanden sei.
Der Staatsanwalt v. Trott entwickelt nun in geläufigem klaren Vortrage, dass alle Erfordernisse, welche zum Verbrechen des Raubes gehören, im vorliegenden Falle vollständig zutreffen.
Außerdem weist der Staatsanwalt nach, dass die Angeklagten in gemeinschaftlicher Verabredung, d. h. im Komplotte gehandelt haben. Rechtskonsulent Siegel bestreitet die Absicht sei- 
Baisingen GemZeitung Wue 01021928e.jpg (81502 Byte)ner Klienten, sich widerrechtlich Geld zu verschaffen, indem sie die Juden nur ängstigen wollten, man wollte die Juden nur zu einem Verzichte auf ihre in Aussicht stehenden Rechte bewegen.
Prokurator Pfeilstricker setzt auseinander, dass sowohl die diebische Absicht, als die Drohungen auf Leib und Leben durchaus nicht vorhanden seien. Man könne in dem ganzen Vorfalle nur eine grobe Verletzung der Nachtruhe und grobe Eigentumsbeschädigung finden, keineswegs aber Raub.
Die Geschworenen beantragen, die teilweise für schuldig erklärten Personen, in Betracht der damaligen Aufregungen, ihrer günstigen Prädikate und anderer mildernder Umstände der Gnade des Königs dringend zu empfehlen. Die sechs für nicht schuldig erklärten Angeklagten werden sofort freigesprochen.
Der Staatsanwalt beantragt bei Karl Teufel und Martin Raible je 6 Jahre, bei Georg Teufel 5 1/2Jahre Zuchthaus.
Unter Tränen und Zeichen der sichtbarsten Führung führen die Angeklagten einiges Wenige zur Milderung der Strafe an.
Der hohe Hof verurteilt nun den Karl Teufel 5 Jahren, den Martin Raible zu 5 Jahren Zuchthaus und den Georg Teufel zu 4 Jahren und 6 Monaten Arbeitshaus".  

 
Restaurierung des rituellen Bades (Mikwe) (1877)  

Baisingen Israelit 07031877.jpg (121529 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. März 1877: "Baisingen (Württemberg). Folgender interessante Vorfall verdient der weitesten Öffentlichkeit übergeben zu werden. In der hiesigen Gemeinde, die circa 60 israelitische Familien zählt, war die Mikwe schon seit mehreren Jahren in einem solch traurigen, verwahrlosten Zustande, dass es fast nicht mehr möglich war, dieselbe zu benutzen. Der Vorstand, zum wiederholten Male durch Herrn Isaac Kahn um Herstellung ersucht, wies die Sache immer ab, als Motive angebend, die Mikwe sei gut genug, gar nicht mehr nötig, da sie ja doch nur von wenigen Frauen benutzt werde, man brauche eine derartige Institution überhaupt nicht mehr, es käme zu teuer und dergleichen. Zur richtigen Charakteristik dieser Motivierung möge besonders in Bezug auf den letzten Punkt erwähnt werden, dass die Herstellung nur einige hundert Gulden kosten sollte, während unsere Gemeinde notorisch die reichste im ganzen Lande ist. Nachdem nun Herr Kahn mit allen Vorstellungen vom Vorstand abgewiesen wurde, wandte er sich beschwerend an das königliche Oberamtsgericht. Dieses ließ die Mikwe durch einen Techniker prüfen, welcher die Beschwerde des Klägers vollkommen gerechtfertigt fand, und 'das Oberamtsgericht verurteilte den Vorstand zur sofortigen rituellen Herrichtung der Mikwe, wozu ein Plan ganz nach ritueller Vorschrift beigefügt wurde, sowie zur Tragung sämtlicher Kosten."

  
Antijüdisches aus dem Munde eines evangelischen Dekans (1878) 

Baisingen Israelit 09011878.jpg (87451 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Januar 1878: "Aus Württemberg. In den jüngsten Wochen forderte ein evangelischer Dekan seine Gläubigen von Haus zu Haus und in der Zeitung salbungsvoll auf, künftig ihre Laufläden an den christlichen Sonn- und Festtagen den ganzen Tag zu schließen. Die katholische Geistlichkeit schloss sich auf Einladung der frommen Bitte in kurzen Worten an. Soweit wäre alles in Ordnung. Aber auch an den Rabbinen wagte der eifrige evangelische Vorstand des Pfarrgemeinderats sein Gesuch um Anschluss zu richten, dass dieser die israelitischen Kaufleute veranlassen möge, auch an den genannten christlichen Feiertagen ihre Läden zu schließen, da die Gottesfurcht bei den Israeliten ja doch von Tag zu Tag ab-, bei den Christen hingegen zunehme. Da der Rabbiner zu seiner solchen contradictio in adjecto sich nicht herabwürdigen konnte, sondern auf die Statistik der Strafkammern und Schwurgerichte hindeutete, versuchte der Missionär sein Glück bei den einzelnen jüdischen Kaufleuten, natürlich mit derselben Erfolglosigkeit. – Kein Märchen – sondern pure Tatsache."  

  
Über die Zedokoh-Stiftung der Gemeinde (1878)  

Baisingen AZJ 11061878.jpg (122916 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Juni 1878. "Bonn, 2. Juni (1878).  Aus Horb in Württemberg schreibt das Stuttgarter 'Neue Tagblatt' vom 24. Mai: 'In welchem großartigen Maßstabe in manchen israelitischen Kirchengemeinden Unterstützungen an Arme, die doch eigentlich Sache der politischen Gemeinden wären, verabreicht werden, davon legt die in Baisingen, Oberamt Horb, befindliche israelitische Gemeinde ein beachtenswertes Zeugnis ab. Dieselbe besitzt ein Stiftungsvermögen von nahezu 24.000 Mark, deren Zinsertrag, nach geringfügigen Abzügen für kirchliche Leistungen und Verwaltungen, den dort befindlichen israelitischen Armen zugute kommen. Da nun aber in der höchstens 50-60 Familien zählenden Gemeinde sich nur sehr wenige Arme vorfinden, so kann man sich vorstellen, mit welchen ansehnlichen Summen dieselben hierbei beteiligt werden können. Es ist übrigens die Aussicht vorhanden, dass dieses Stiftungsvermögen im Laufe der Jahre noch bei Weitem mehr anwächst, da wohlhabende Gemeindemitglieder, deren sich in dieser Gemeinde sehr viele finden, vor ihrem Ableben bedeutende Legate zu Wohltätigkeitszwecken zu stiften pflegen, die dann dem Stiftungsvermögen einverleibt werden. Selbstverständlich steht die Verwaltung dieser Stiftungen unter der Aufsicht des Königlichen Oberamts."

      
Gerichtsverhandlung gegen fünf jüdische Feuerwehrleute, die zur Löschübung am Schabbat fehlten (1887)  

Baisingen AZJ 01091887.jpg (261326 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. September 1887: "Horb (Württemberg), 5. August (1887). Vor dem Königlichen Schöffengericht wurde heute Vormittag folgender Fall verhandelt, der gewiss für viele von Interesse ist und deshalb verdient, veröffentlicht zu werden. Auf der Anklagebank befinden sich fünf Israeliten von Baisingen, die von dem Schultheißenamt daselbst mit je 3 Mark bestraft wurden, weil dieselben als Mitglieder der in Baisingen bestehenden Pflichtfeuerwehr von der auf Samstag den 21. Mai dieses Jahres abends 6 Uhr anberaumten Feuerwehrübung unentschuldigt ausblieben. Gegen die Strafverfügung des Schultheißenamtes stellten die fünf Angeklagten Antrag auf gerichtliche Entscheidung und so kam die Sache vor das Königliche Schöffengericht zur Verhandlung. Von den Angeklagten waren nur vier persönlich erschienen, einer davon ließ sich vertreten. Nach Aufruf der Sache und Verlesung der schultheißenamtlichen Strafverfügungen begann die Vernehmung der Angeklagten und des als Zeugen geladenen Feuerwehrkommandanten Bernhard von Baisingen und ist das Wesentlichste hiervon folgendes: Nach verschiedenen vorher auf Sonntag anberaumten Feuerwehrproben wurde eine solche Probe auf Samstag den 21. Mai dieses Jahres abends 6 Uhr festgesetzt und dies vorschriftsmäßig bekannt gemacht; da mehrere Israeliten in Baisingen in die Feuerwehr eingereiht sind, so kamen einige von denselben am 10. und 20. Mai zu dem Kommandanten und wollten um Abbestellung der Übung bitten, teilweise sich des Sabbats wegen von der Übung dispensieren lassen. Beides konnte der Kommandant nicht tun. Unter den um Dispensation Nachsuchenden befanden sich die Angeklagten, wobei zu bemerken ist, dass bei einem der Angeklagten noch als weiterer Entschuldigungsgrund das Vorhandensein eines Geschwüres am Kopf hinzutrat. Trotzdem nun die Angeklagten von der Übung nicht dispensiert waren, erschienen sie bei der Übung nicht und unterließen es auch, innerhalb der im Feuerlöschgesetz vorgeschriebenen drei Tage nach der Übung sich schriftlich zu entschuldigen und so kam es, dass sie dem Gesetz gemäß vom Schultheißenamt bestraft werden mussten. Die Angeklagten führten aus, dass sie nicht mutwilliger Weise, sondern aus rein religiösen Gründen der Übung fernblieben, denn eine derartige Übung sei für sie eine grobe Sabbatentweihung und ein großer Verstoß gegen das mosaische Gesetz. Der Herr Staatsanwalt führte aus, wie die Angeklagten gegen das Gesetz in formeller und materieller Beziehung sich verfehlt haben und stellte den Antrag auf Bestrafung der Angeklagten wegen Übertretung im Sinne des $ 368 Ziffer 8 des Strafgesetzbuches und zwar jeden derselben zu 10 Mark eventuell drei Tage Haft mit Ausnahme des einen der Angeklagten, der wegen eines Geschwüres am Kopf sich für entschuldigt hielt, bei diesem letzteren aber 3 Mark Geldstrafe, eventuell 1 Tag Haft. Nach kurzer Beratung verkündigte das Gericht sein Urteil dahin: dass jene vier Angeklagte zu je 5 Mark und dieser letztere Angeklagte zu 1 Mark Geldstrafe und je den Kosten verurteilt seien. Die Gründe heben hervor, dass die Einwendung der Angeklagten, die Übung habe am Sabbath stattgefunden und an diesem Tage dürfen sie nach ihren religiösen Vorschriften solche Übungen nicht vornehmen, zu verwerfen war, da sämtliche Staatsangehörige ohne Unterschied der Religion dem Gesetz, betreffs das Feuerlöschwesen vom 7. Juni 1886 unterworfen seien und dieses Gesetz keine Bestimmungen enthält, dass derartige Übungen an bestimmten Tagen nicht vorgenommen werden dürfen, oder dass gar Angehörige irgendeiner Religion am Sonntag oder Sabbath oder irgend einem anderen Tag von den vorgeschriebenen Pflichten befreit wären, überdies hatten die Angeklagten versäumt, sich genügend zu entschuldigen und waren somit schon formell strafbar."  
   
Derselbe Bericht erschien in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. September 1887.  Baisingen Israelit 05091887.jpg (184053 Byte) Baisingen Israelit 05091887a.jpg (138617 Byte)

     
Gründung des Vereins Doresch Tow (1889)  

Baisingen Israelit 20051889.jpg (124275 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Mai 1889: "Baisingen. Die Herren Moses Kahn, Hermann Marx, Isaac Kahn, Hirsch Kahn in Baisingen, Veit Kahn in Cannstatt und Heinrich Herz in Hall haben einen Verein 'Doresch Tow' gegründet, um die Ausbildung eines jüdisch religiös gebildeten Lehrerstandes (innerhalb Württemberg) für das Königreich Württemberg zu erstreben.  
Zu diesem Zwecke sollen Württemberg Kinder, die sich dem Lehrerfache widmen wollen und die durch Lust und Liebe, durch Begabung und Leistungsfähigkeit, durch Moralität und sittlichen Ernst sich dazu qualifizieren, aus den Mitteln der Vereins materiell unterstützt werden.   
Die Unterstützung findet nur dann statt, wenn die Zöglinge zu ihrer Ausbildung eine solche Anstalt (Präparandie und Seminar) besuchen, in welcher gründliches jüdisches Wissen, echte Religiosität in Verbindung mit wahrer, allgemeiner Bildung gelehrt und anerzogen wird.   
Da eine solche Lehranstalt in Württemberg vorerst nicht besteht, so sind die Zöglinge, welche aus Mitteln des Vereins unterstützt sein wollen, gehalten, ihre Vorbildung an der israelitischen Präparandenschule zu Burgpreppach in Bayern, welche den Charakter der Öffentlichkeit hat und die bekanntermaßen ihre Zöglinge in der oben bezeichneten Weise erzieht, zu genießen.   
Wir wünschen dem Verein das beste Gedeihen; sein Streben wird dazu beitragen, in religiöser Beziehung einen bessern Geist in die Württemberger Judenheit zu bringen."  

 
Anzeige des Vereins Doresch Tow (1890)  

Baisingen Israelit 19061890.jpg (34604 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juni 1890: "Religiös erzogene Knaben, Kinder religiöser Eltern, welche sich als Elementarlehrer für Württemberg ausbilden willen, können vom Verein 'Doresch-Tow' materiell unterstützt werden. Nähere Auskunft über jede Anfrage erteilt 
der Vorstand Moses Kahn, Baisingen."
 

   
Anzeige des Vereins Doresch Tow (1891)  

Baisingen Israelit 05011891.jpg (93863 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Januar 1891: "Der Verein Doresch Tow hat den Zweck, Knaben, welche sich dem Lehrerstande widmen wollen, materiell zu unterstützen, auf dass sie in streng religiösen Präparandie-Anstalten und Seminarien ausgebildet werden können. Ein jeder religiös ausgebildeter Lehrer kann wieder mehrere hundert religiöse Kinder erziehen. Der Verein kann aber leider nicht viel leisten, da es ihm an Mitteln fehlt. Wir bitten jeden, dem die Förderung der Lehre und des religiösen Lebens am Herzen liegt, diesen Verein nach Kräften zu unterstützen und seinen ihm beliebigen jährlichen Beitrag dem Vorstande des Vereins dessen Vertreter Moses Kahn in Baisingen (Württemberg) anzuzeigen. 
Das Komitee: 
Dr. J. Hildesheimer, Rabbiner, Berlin. 
Moses Kahn, Baisingen. 
Louis Marx, Baisingen. 
Hirsch Kahn, israelitischer Kirchenvorsteher, Baisingen. 
Veit Kahn, israelitischer Kirchenvorsteher, Cannstatt. 
Heinrich Herz, israelitischer Kirchenvorsteher, Hall."

             
Über die Aktivitäten des Vereins Doresch Tow (1891)  

Baisingen Israelit 26031891.jpg (82978 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. März 1891: "Baisingen in Württemberg, 15. März (1891). Der hiesige Verein Doresch Tow hat sich zur Aufgabe gemacht, Knaben, die sich als Elementar-Lehrer für Württemberg heranbilden wollen, durch ansehnliche Unterstützung zu veranlassen, dass sie hierzu die Präparandie Burgpreppach und das Seminar Köln oder Würzburg wählen, wo sie nebst dem profanen auch das jüdische Wissen besser als in dem württembergischen Seminar (sc. Esslingen) lernen und als gute Jehudim herangezogen werden. Wenn man bedenkt, wie in unserem Württemberg unsere heilige Religion im Zerfall ist, dagegen erwägt, wie schon ein einziger echt religiöser Lehrer hunderte von Kindern streng religiöse erziehen kann, so dürfte jeder, dem unsere Religion gleichgültig ist, diesem Verein beitreten. Beitrittserklärungen, wozu wir auch Nichtwürttemberger dringend einladen, sind mit Angabe eines beliebigen jährlichen Beitrags an den Doresch Tow Verein in Baisingen in Württemberg zu richten."

             
Versammlung des "Verbandes der Sabbatfreunde" (1908)  

Baisingen Israelit 07051908.jpg (99791 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Mai 1908: "Baisingen, 4. Mai (1908). Am 2. Mai fand eine Versammlung des 'Verbandes der Sabbatfreunde' statt, die sehr stark besucht war. Die Versammlung wurde vom zweiten Vorsitzenden, Herrn Max Kahn, in Vertretung des verhinderten ersten Vorsitzenden, Herrn Lehrer Straßburger eröffnet und Herr Dr. Alfred Kahn, Baisingen, hielt ein belehrendes und mit großem Beifall aufgenommenes Referat über die Psalmen, in welchem er auf den kostbaren Schatz, den wir in Psalmen haben und auf die dringende Pflicht, sich mit unserem heiligen Schrifttum zu beschäftigen, hinwies. An der Diskussion beteiligten sich Herr L. Kahn und Rabbiner Dr. Kahn, Esslingen. Der letztere wies darauf hin, wie die Psalmen Gemeingut der ganzen zivilisierten Welt wurden und wie überall neues Leben die jüdischen Kreise durchdringe, das in den Organisationen wie 'Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums', 'Verband der Sabbat-Freunde' etc. seinen Ausdruck findet, wie selbst in den der Orthodoxie fern stehenden kreisen, wie 'Hilfsverein der deutschen Juden', Logen etc. immer mehr die Tatsache zum Durchbruche kommt, dass nur durch die Rückkehr zum orthodoxen Judentum (?) das Judentum erhalten werden kann, und dass das Nichterfüllen der Gebote im Laufe der Generationen zum Abfall, zu Mischehen, zur Taufe führen würde. – Mit einem schönen Schlussworte endigte die glänzend verlaufene Versammlung." 

       
Neubegründung des Jüdischen Jugendvereines (1927)          

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Januar 1928: "Baisingen. Nach einleitenden Ausführungen seitens des Hauptlehrers Unikower beschloss am 21. Dezember 1927 die hiesige schulentlassene Jugend in einer fast vollzähligen Versammlung, den vor fünf Jahren außer Wirksamkeit gesetzten Jugendverein neu zu begründen. Als Vorsitzende wurde Fräulein Berta Benedikt gewählt. Als Winterarbeit würde der Beginn eines Unterrichtskurses in Hebräisch nach den Dr. Fink'schen Unterrichtswerken festgesetzt, dessen Leitung Hauptlehrer Unikower zu übernehmen sich bereit erklärte."           

                
Mitgliederversammlung des Israelitischen Frauenvereins (1929)           

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 15. März 1929: "Baisingen. Der Israelitische Frauenverein hielt am 23. Februar seine ordentliche Mitgliederversammlung ab. Der Geschäfts- und Kassenbericht ergab, dass der Verein im ersten Jahre des Bestehens eine recht erfreuliche Entwicklung genommen hat. Nachdem der Kassenführerin, Frau Rosa Haarburger, Entlastung erteilt und der Vorstand wiedergewählt sowie durch die Wahl von Frau Jakob Marx ergänzt worden war, hielt Hauptlehrer Unikower vor den Mitgliedern des Frauenvereins und den aus der Gemeinde zahlreich erschienenen Herren einen Vortrag über 'Das jüdische religiöse Lied'. An Beispielen aus dem biblischen Schrifttum und aus der jüdischen Literaturgeschichte zeigte er das. Wesen des religiösen Liedes, das Schicksalsmomente des jüdischen Volkes festhalten und Grundzüge jüdisch-religiöser Denkweise in poetischer Form wach erhalten will. So sei das 'Meereslied' der Freude ob der Rettung aus der Gefahr des ägyptischen Unterganges entquollen. Schicksalsschwer sei auch die Zeit gewesen, da eine Debora sich als die einzige noch begeisterungsfähige Führerin erwies, ein Zustand, der für die damalige Lage des israelitischen Volkes beschämend war. So ist das Deboralied nicht Ausdruck des Stolzes auf eine weibliche Nationalheldin, sondern ein Zeugnis für den Kummer ob des Mangels an männlichen Führern. Erst das Danklied der Hanna, deren Gebet um männliche Nachkommenschaft erhört ward, lasse die Wendung zur Besserung der Zustände ahnen, wie sie Hannas Sohn, Samuel, herbeiführte. In den 'Klageliedern' liege der Stoss von schicksalsschwerer Bedeutung offen zutage. Das 'Esches chajil' (sc. aus Sprüche 31), jenes Lied des Biederweibes, wolle aus dem Munde des Ehemannes am Sabbatabend nicht nur als Lobeshymne, sondern auch — schon im Hinblick auf seins Quelle (Weisheitssprüche Salomons) — als zarte Mahnung gewertet werden. Nachdem der Redner noch an den Psalmen für den winterlichen Sabbatnachmittag das innige Vertrauen Israels zu seinem Gotte als dem fürsorglichen Quell von Natur- und Geisteskraft beleuchtet hatte, zeigte er das Verhältnis Israels zu Gott an dem 'Lied der Lieder' Salomons (= Hoheslied) als hehrstes Liebesverhältnis auf. Im zweiten Teile seines Vortrags brachte et Proben der jüdisch-spanischen Dichtkunst. Die Versammlung begleitete die Ausführungen mit sichtlicher Anteilnahme und dankte durch lebhaften Beifall."          

        
Vortrag von Oberlehrer Adelsheimer über "Gegenwartsfragen der jüdischen Jugend" (1928)      

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. April 1928: "Baisingen. Am 17. März dieses Jahres sprach Oberlehrer Adelsheimer über 'Gegenwartsfragen der jüdischen Jugend'. Anhand eines reichen statistischen Materials zeigte der Redner die Lage des deutschen und insbesondere des württembergischen Judentums. Geburtenrückgang, Mischehen, Interesselosigkeit usw. sind die Anzeichen einer unverkennbaren Dekadenz. Aufgabe der Jugend ist es, den Boden für eine Besserung der Verhältnisse zu bereiten. Die interessanten Ausführungen wurden von einer zahlreichen Hörerschaft mit lebhaftem Beifall aufgenommen. In der anschließenden Aussprache wies Hauptlehrer Unikower auf die inneren Gründe der geschilderten Missstände hin. Er sieht dieselben in erster Linie in der ungenügenden religiösen Durchbildung der Jugend und macht in diesem Zusammenhang auf besonders geeignete Unterrichtsmethoden aufmerksam.
Im Schlusswort nahm Oberlehrer Adelsheimer hierzu Stellung und erntete für seine Darlegungen nochmals herzlichen Beifall."           

       
 Purimveranstaltung im "Gasthaus zum Löwen" (1929)         

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Mai 1929: "Baisingen. Zu einer nachträglichen Purimveranstaltung versammelte sich unsere Gemeinde im 'Gasthaus zum Löwen'. Hauptlehrer Unikower brachte ein humorvolles Allerlei zum Vortrag, das lokale Ereignisse in satirischer Form beleuchtete. Außerdem trugen die Darbietungen von Frl. Ilse Wolf zum Gelingen des Abends bei, an dem auch nichtjüdische Dorfbewohner teilnahmen."           

          
Generalversammlung des Israelitischen Frauenvereins (1930)           

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. März 1930: "Baisingen. Der 'Israelitische Frauenverein' hielt vor kurzem seine Generalversammlung ab, in welcher er seinen Gesamtvorstand wiederwählte. und zwar diesmal, nach entsprechender Abänderung der Satzungen, auf die Zeit von drei Jahren. - Im Geschäftsjahre wurde nach einem vorausgegangenen Vortrag der Landesverbandsvorsitzenden, Frau Else Bergmann, Laupheim, der Anschluss an den Verband vollzogen."            

                
Vortragsabend des Israelitischen Frauenvereins mit Hauptlehrer Unikower (1931)         

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. Januar 1931: "Baisingen. Vor kurzem veranstaltete der Israelitische Frauenverein einen Vortragsabend. Vor der zahlreich erschienenen Gemeinde sprach Hauptlehrer Unikower an Hand des Sammelwerkes 'Hygiene und Judentum' über Grundsätzliches und Einzelnes aus diesem Gebiete. Bei den mannigfachen, auf Gesunderhaltung von Leib und Leben gerichteten religiösen Forderungen, so führte der Redner aus, sei Pflege und Reinheit des Körpers nicht Selbstzweck: worauf sie abzielen, sei vielmehr Reinheit der Seele. So habe auch z.B. das Schächtgesetz nicht lediglich hygienische Bedeutung: der von einer Benedeiung begleitete Schächtakt bringe vielmehr das von der jüdischen Religion gehütete Bewusstsein der Demut zum Ausdruck, der Demut gegenüber dem Herrn alles Lebens, in dessen Machtbereich durch Tötung eines seiner Geschöpfe einzugreifen, uns erst auf Grund seines offenbarten Gesetzes erlaubt ist. Im einzelnen führte Redner die Hygiene betreffenden talmudischen Aussprüche an und ging dann auf moderne bevölkerungspolitische Probleme ein. In der Aussprache führte Hermann Kahn aus, auch er halte die Auffassung für zutreffend, dass hygienische Erwägungen für die Bedeutung unseres Ritualgesetzes nicht entscheidend seien, dass aber Gesetze, die der Schöpfer uns offenbarte, nur gesundheitsfördernd sein können. Namens der Versammlung sprach Kahn dem Referenten seinen Dank aus."

       
Treffen der Frauenvereine von Horb und Baisingen mit einem Vortrag von Lehrer Unikower (1931)      

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. Juli 1931: "Baisingen. Am 24. Juni trafen sich die Frauenvereine von Horb und Baisingen hier zu freundnachbarlicher Zusammenkunft. Beide Vereine waren zahlreich erschienen und wurden von der neu gewählten Vorsitzenden Frau Jeanette Wolf herzlich begrüßt. Was der Verein Baisingen seinen Gästen zunächst darbot, war ein Vortrag des Vereinsschriftführers Hauptlehrer Unikower über 'Der § 218 und die jüdische Religion'. Der Redner zeigt an Beispielen aus dem jüdischen Schrifttum, wie die jüdische Religion Verewigung des Menschengeschlechts als die höchste Aufgabe des Menschen betrachte. In dem Ausspruche Evas, der 'Mutter alles Lebens', mit dem sie die Geburt ihres ersten Sohnes begleitet: 'Ich habe ein Wesen erworben. das mit dein Ewigen ist', erblickte der Redner den Hinweis auf Erfüllung jener Menschheitsaufgabe. Das fünfte Gebot, das Ehre gegenüber Vater und Mutter verlangt, ist ihm die Forderung an das Kind, dass es sein eigenes Dasein als die Erfüllung göttlichen Gebotes durch seine Eltern anerkenne. Dass die kinderlose Ehe niemals das Ziel einer jüdischen Frau sein könne, vielmehr erst in der Mutterschaft sich ihre Daseinsaufgabe vollende, das zeigte Unikower an der biblischen Hanna. Wie tief die Pflicht zur Mutterschaft im Bewusstsein des jüdischen Volkes wurzelte, bewies der Redner an der Episode von Tamar und Juda in der Tora. Eingriffe gegen das keimende Leben kennzeichnete der Referent daher als Widerstreben gegen den Willen des Weltenschöpfers und, soweit solche aus wirtschaftlichen Gründen erfolgen, als Mangel an Gottvertrauen. Ihm, dem wir unser eigenes Leben anvertrauen, dürfen wir auch das Leben der Kinder getrost in die Hand legen. Mit Anführung des 128. Psalms schloss Redner seine Ausführungen.
Nachdem die Versammlung durch lebhaften Beifall dem Redner gedankt hatte, sprachen Frau Jeanette Wolf für den Verein Baisingen und Frau Lippmann für den Verein Horb ihren Dank aus, und zwar nicht nur für den Vortrag, sondern auch für die Tätigkeit, die der Vortragende als Gründer und Schriftführer des Vereins geleistet; sie wünschten dem am 1. Juli nach Simmern (Hunsrück) übergesiedelten Lehrer Erfolg und Befriedigung in seinem neuen Wirkungsfelde. Der Scheidende gab seinerseits der Hoffnung Ausdruck, dass der Verein Baisingen den ihm gestellten Aufgaben sich gewachsen erweisen möge; seine Bitte an den Nachbarverein Horb, dem noch jungen Verein Baisingen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, fand volles Verständnis. Schließlich dankte Hauptlehrer Unikower für das sinnige Geschenk, das der Verein ihm und seiner Gattin als Scheidegruß verehrte."          

                 
                
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Hirsch Kahn wird mit der Verdienstmedaille des Friedrich-Ordens ausgezeichnet (1884)   

Baisingen Israelit 06091894.jpg (84515 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. September 1894: "Württemberg, 19. August (194). Der heutige 'Staatsanzeiger für Württemberg' meldet: 'Seine Königliche Majestät haben am 12. dieses Monats allergnädigst geruht, dem israelitischen Kirchenpfleger Hirsch Kahn in Baisingen die Verdienstmedaille des Friedrich-Ordens zu verleihen'. Herr Kahn führt schon seit fünfzig Jahren ununterbrochen das Amt des Gemeinderechners und es herrscht unter den Mitgliedern der israelitischen Gemeinde zu Baisingen einmütige Freude über die Auszeichnung, die dem alten Herrn widerfahren ist, der in früheren Jahren auch Mitglied des Kirchenvorsteheramtes war und in beiden Ämtern durch Treue und Gewissenhaftigkeit sich nicht nur die allgemeine Achtung und Beliebtheit bei seinen Gemeindegenossen, sondern auch bei den Orts- und Staatsbehörden erworben hat. Mögen dem Jubelgreise noch viele Jahre geschenkt sein, in denen er rüstig seines Amtes weiter walten und seiner Auszeichnung sich freuen kann!" 
  
Baisingen AZJ 07091884.jpg (40889 Byte)Mitteilung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. September 1884: "Der 'Staatanzeiger für Württemberg' meldet: 'Seine Königliche Majestät haben am 12. August allergnädigst geruht, dem israelitischen Kirchenpfleger Hirsch Kahn in Baisingen die Verdienstmedaille des Friedrich-Ordens zu verleihen.'  Herr Kahn führt schon seit fünfzig Jahren ununterbrochen das Amt des Gemeinderechners."   

    
Zum Tod von Isak Kahn (1898) 

Baisingen Israelit 26051898.jpg (180697 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1898: "Aus Württemberg, 22. Mai (1898). Einen herben Verlust hat die Württembergische Judenheit zu beklagen. Samstag, 14. dieses Monats starb Herr Isak Kahn in Baisingen, in weiten Kreisen geschätzt und geachtet. Seine große Wohltätigkeit erstreckte sich nicht allein auf die jüdischen und christlichen Einwohner seines Heimatortes, ganz Deutschland sowie das Heilige Land besonders erfreuten sich ihrer. Aber auch die höhere Wohltätigkeit übte der Verstorbene in bedeutendem Maße. Er eilte zu Kranken, tröstete sie, ordnete an, was notwendig war, denn er verstand es und sorgte für alles, dessen sie bedurften. Die Pflicht von Gastfreundschaft übte er in idealer Weise; so milde und bescheiden, zuvorkommend und zartfühlend gegen Arme und Bedürftige wie er war, ist wohl nicht leicht jemand zu finden. Seine Fürsorge erstreckte sich nicht allein auf seine eigene Familie und die seiner Anverwandten, die zu ihm wie zu einem gütigen, hingebenden Vater verehrend emporblickten, sondern auf alle Menschen, die sich ihm näherten, wes Standes und Bekenntnisses sie waren. Und Alles ging zu Isak Kahn; er war Ratgeber für Alle. Er stiftete Frieden zwischen den Parteien, vermittelte in allen Streitigkeiten, sein Wort galt wie Richterspruch. 
Es war eine Wonne mit dem Manne zu verkehren. Seine ruhige Gelassenheit, die nie getrübte Heiterkeit, seine wohltuende aufrichtige Freundlichkeit taten jedermann wohl. Diese Eigenschaften waren von einer unermüdlichen Energie und Ausdauer begleitet, wo es galt, das Gute und Rechte zu erreichen. Seine Klugheit und Umsicht war von Allen gesucht.    
Diese seine Vorzüge kamen nicht allein den Baisingern, sondern allen württembergischen Juden zugute. Für das Judentum in Gemeinde und Land hat er viel getan. Selbst nahm er es mit der Beobachtung der Mizwaus (Gebote) sehr genau und scheute dabei keine Opfer irgendwelcher Art, die in Folge des mit einem Berufe verbundenen beschwerlichen Lebens sehr zahlreich waren; auf seine Familie und Gemeindegenossen wirkte er dadurch beispielgebend. Er war jahrzehntelang Mohel (Beschneider); lernte und lehrte soviel wie ihm möglich war, Tora und begeisterte andere dazu., Er war auch unter denjenigen, die eine mehr konservative Leitung der jüdischen Angelegenheiten in Württemberg und zwar mit Erfolg anstrebten.    
Dem angesehenen Manne gab eine stattliche Anzahl Einheimischer und Fremder das letzte Geleite, darunter viele Andersgläubige. War ja wegen des Leichenbegängnisses von dem toleranten Ortsgeistlichen die Abendkirche um eine Stunde hinausgeschoben worden, ein schönes Zeugnis des konfessionellen Zusammenlebens und der Achtung, die der Verstorbene genossen hat.     
'Ihre Zierde hätten die Familie und Gemeinde verloren' klagten die vier Herren, die am Sarge sprachen und sie haben Recht. Möge Gott die um ihn Trauernden trösten und viele seinesgleichen in Israel erstehen lassen."

      
Über die Verdienste des israelitischen Kirchenpflegers Hirsch Kahn (1891)
     

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1891: "Baisingen. Die Spalten des 'Israelit' standen von jeher einem wohlgemeinten Vorschlage offen, wie wir ihn heute auf dem Herzen haben. Herr Hirsch P. Kahn hier versieht ununterbrochen schon seit mehr denn 48 Jahren und auch jetzt noch das unbesoldete Ehrenamt des Kirchenpflegers. (Vermögensverwalters der israelitischen Gemeinde.) Lange Zeit war er auch Vorsteher. Indem wir zunächst Wunsch und Hoffnung hegen, der Lenker der Geschicke möge dem hochbetagten Greise noch Jahre der Rüstigkeit und Frisch zulegen, möchten wir uns die Frage verstatten, ob es sich nicht wohlgeziemte, diesem alten Herrn für seine unverdrossene Pflichttreue einmal Dank und Anerkennung der Gemeinde durch Widmung einer Ehrengabe zu bezeugen? Es sollte uns freuen, als Antwort hierauf demnächst von berufener Stelle die Verwirklichung unserer Anregung in die Hand genommen zu sehen."        

      
Zum Tod von Hirsch Kahn (1904)    

Baisingen FrfIsrFambl 13051904.jpg (58961 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 13. Mai 1904: "Rexingen (Württemberg). In der nächstgelegenen Gemeinde Baisingen ist vor einigen Tagen der bisherige israelitische Gemeinde- und Stiftungspfleger Hirsch Kahn im hohen Alter von 92 Jahren gestorben. Mit Ausdauer, Pflichttreue und Sorgfalt verwaltete er seinen Dienst ca. 60 Jahre und erhielt in wohlverdienter Anerkennung vom König die goldene Verdienstmedaille mit dem Friedrichs-Orden. Kahn war bis zu seinem Lebensende in ungetrübter Gesundheit."  
    
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai 1904: "Baisingen. (Hohes Alter). Gestern wurde hier der israelitische Kirchenpfleger H. Kahn beerdigt, der ein Alter von 94 Jahren erreichte und 49 Jahre lang das Amt des Kirchenpflegers verwaltete. In dieser Eigenschaft hatte er als Anerkennung die silberne Verdienstmedaille erhalten."     

     
Zum Soldatentod von Max Weinberger (1915)  
Max Weinberger war zum Zeitpunkt seines Todes noch jung verheiratet und hatte zwei Kinder, 2 und 4 Jahre alt (Irene später verheiratet Kahn und Leopold). Seine Frau und seine beiden Kinder wurden in Konzentrationslagern ermordet. 

Baisingen Israelit 11111915.jpg (109725 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. November 1915: "Max Weinberger - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen -. 
Baisingen, 6. November (1915). Eine schmerzliche Lücke riss der Weltkrieg in unsere Gemeinde. Max Weinberger, einer unserer besten jüngeren Gemeindeglieder, ist vor Ypern, 35 Jahre alt, auf dem Felde der Ehre gefallen. Hervorgegangen aus einer echt jüdischen Familie, erzogen von einer Mutter, die zu den frommen Frauen gehört, wurde Max Weinberger nach Verlassen der hiesigen Volksschule, trotzdem er für den Beruf eines Viehhändlers bestimmt war, auf längere Zeit auf die Präparandenschule nach Burgpreppach geschickt, um sein jüdisches Wissen zu vergrößern. Ein Beispiel, welches dann bei mehreren jungen Leuten hier Nachahmung fand und unbeschreiblichen Segen stiftete. Um das 'Lernen' unter den Gemeindemitgliedern zu erhalten, besteht hier eine Chewra, in welcher statutengemäß nur 'Laien' vorlernen dürfen. Hier hat Max Weinberger oft die verschiedenen Schiurim (Lernstunden), die je am Schabbat stattfinden, geleitet. Besondere Liebe hatte er für das Leinen (Vorbeten) und Chassanut (Vorsingen, Kantordienst) und wusste am Jom Kippur seine Gemeinde durch seine tiefe Stimme fortzureißen.  
Am letzten Jom Kippur, den er im Felde verbrachte, veranstaltete er in einem großen Saale einen eigenen Gottesdienst, an dem er sämtliche Gebete vorbetete und an dem über 100 Soldaten teilnahmen. Wie beglückt schrieb er nach Hause, dass es ihm möglich war, den Jom Kippur in echt jüdischer Weise zu feiern. Bis zum letzten Tage hat er trotz großer Entbehrungen streng koscher gelebt. Eine Gemeinde weint um ihrer Besten einen, der ihr in allen Zeiten unvergessen bleiben wird. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  

     
Zum Unfalltod von Isak Kahn (1927)    
Anmerkung (Quelle: Joachim Hahn: Jüdisches Leben in Esslingen S. 276-277): Der Viehhändler Isaak Kahn (geboren am 2. August 1878 in Baisingen) war ein jüngerer Bruder des Mergentheimer Rabbiners Dr. Moses Kahn. Er war verheiratet mit der aus Hochberg stammenden Julie geb. Falk. Das Ehepaar lebte 1906/08 in Esslingen, danach in Baisingen, wo die Kinder Recha und Erwin geboren sind. Isaak Kahn starb am 5. Juli 1927 in Nebringen, wo er auf dem Bahnhof unter einen Zug geriet (vermutlich Suizid).    

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. Juli 1927: "Nebringen, Oberamt Herrenberg. Der etwa 51-jährige Isak Kahn aus Baisingen, ein Bruder des Bezirksrabbiners von Mergentheim, wollte in Nebringen den Zug 747 zur Heimfahrt benutzen. Als er sich auf den Bahnsteig begab, wurde er von der Maschine des einfahrenden Zuges erfasst, zwischen die Schienen geschleudert und so schwer verletzt, dass der Tod sofort eintrat. An der linken Schläfe zeigte sich eine schwere Verletzung, die Kopfhaut über die linke Kopfseite war gerissen. Die Herrenberger Sanitätskolonne, die sich gerade zu einer Übung anschickte und das Auto hiezu schon bestellt hatte, wurde an die Unglückstätte gerufen. Menschliche Hilfe war jedoch zu spät. Sie konnten den so tragisch aus dem Leben Geschiedenen vorläufig nur in den Güterschuppen bergen. Am Freitag fand im Baisingen unter allgemeiner Teilnahme die Bestattung des Dahingeschiedenen statt."          
  
Baisingen Israelit 21071927.jpg (56793 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Juli 1927: "Danksagung. Für die überaus zahlreichen Beweise herzlicher Teilnahme beim Heimgange unseres in so tragischer Weise verunglückten Gatten, Vaters und Bruders 
Isak Kahn Baisingen
 
sagen wir hiermit unseren tief empfundenen Dank. 
Julie Kahn geb. Falk und Kinder  -  Rabbiner Dr. Kahn  -  Louis Kahn  -  Bertha Wolff geb. Kahn. 
Baisingen, Mergentheim, Frankfurt am Main, Nürnberg."  

               
Zum Tod von Moses Kahn (1927)
    

Baisingen Israelit 27101927.jpg (273833 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Oktober 1927: "Moses Kahnseligen Andenkens. Baisingen, 20. Oktober (1927). Am Tage vor Erew Jaum Kippur kam in Baisingen Herr Moses Kahn, fast 78-jährig zur letzten Ruhe. Ein Mann von unwiderstehlicher Energie und Ausdauer, hat er in seinem Geschäfte, das er früher mit seinen ihm in den Tod vorausgegangenen ähnlich veranlagten Brüdern Isak und Veit Kahn – sie ruhen in Frieden – betrieben hat, dank seines unermüdlichen Fleißes und großer Umsicht und Klugheit viele Erfolge errungen und in der Geschäftswelt sich großes Ansehen und große Bedeutung erworben. Trotz seiner wohl ausgebildeten Verstandeskräfte war auch sein Empfindungs- und Gefühlsleben nicht verkümmert, im Gegenteil, ein ganz merkwürdiges feinfühliges Gemüt und eine geradezu kindliche Weichheit des Herzens war ihm eigen. Vor allem eine ungemein tiefe Religiosität lebte in ihm von frühester Kindheit bis zu seinem Tode, die sich nicht allein in Gedanken und Reden äußerte, sondern in einer peinlich gewissenhaften Erfüllung der Toragebote und –Verbote, unter meistenteils sehr schwierigen, Entbehrung und Opfer heischenden Verhältnissen auslebte. Aber nicht allein, dass er für seine eigene Person und seine Familienangehörigen und Kinder darauf bedacht war, dass sie den Mizwaus (Geboten) und der Tora gehorchten und treu blieben, auch auf die Mitglieder seiner Gemeinde, auf seine Standesgenossen, auf alle Juden, mit denen er zusammentraf, suchte er durch Ermahnung und Belehrung einzuwirken und sehr oft mit Erfolg und nicht allein vorübergehender, sondern sehr häufig mit dauernder und nachhaltiger Wirkung. An jedem Sabbat und Jaumtauw (Feiertag) sammelte er die Schuljugend und auch die Erwachsenen um sich und lernte mit ihnen Chumisch (Pentateuch) mit Raschi und Kizzur schulchan aruch, und redete ihnen zu Herzen. Seine Bemühungen machten aber nicht Halt bei den Grenzen seiner Gemeinde, auch auf die Bekämpfung der reformerischen und indifferenten Tendenzen in der württembergischen israelitischen Religionsgemeinschaft und auf die Erringung und Schaffung besserer, das heißt der Orthodoxie und Tradition entsprechenden Zustände und Maßnahmen suchte  er hinzuwirken und alle dahin zielenden Bestrebungen zu unterstützen. Und zwar persönlich und finanziell. War er ja persönlich außerordentlich anspruchs- und bedürfnislos und sehr sparsam, dort, wo es sich um Linderung von Not, Leid und Armut handelte, oder um einen guten Zweck menschenfreundlicher Art von geradezu großzügiger Freigebigkeit. So hat er auch durch persönliche Bemühungen durch Schrift und Werbung und auch durch Geldmittel die Friedensbewegung vielfach unterstützt, da seinem weichen und humanen Gefühl Krieg und Kriegsvorbereitung ein Gräuel war. – Seinem weiteren Familienkreis, seinen Orts- und Standesgenossen, war er infolge seines weiten Blickes, seiner Klugheit und seines sicheren Instinktes ein vortrefflicher Ratgeber und mehr als ein vortrefflicher Ratgeber und mehr als einen Mann haben seine weisen, einen juristisch geschulten Fachmann übertreffenden Angaben vor bösen und schlimmen Dingen behütet. Denn er war hilfsbereit und gefällig und oft widmete er seine gemessene Arbeitszeit rat- und hilfesuchenden Leuten von nah und fern. Dass an seinem Tische und in seinem Hause Gastfreundschaft an Arm und Reich geübt wurde, versteht sich von selbst. 
Seinem Leichenbegängnis wohnte nicht nur eine große Anzahl von Glaubensgenossen von nah und fern an, sondern auch der Bürgermeister und Gemeinderat von Baisingen und viele Ortsbürger. Am Grabe sprachen der zuständige Bezirksrabbiner, Herr Rabbiner Dr. Schweizer - Horb, der Sohn des Verstorbenen Dr. Alfred Kahn - Fürth, der Neffe Rabbiner Dr. M. Kahn - Mergentheim und der Schwiegersohn Louis Kahn - Frankfurt. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."   

       
87. Geburtstag von Rebekka Marx (1928)          

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. Januar 1928: "Baisingen. Am 24. Januar feiert Frau Rebekka Marx ihren 87. Geburtstag in geistiger und körperlicher Frische. Sie ist die älteste Einwohnerin des Ortes. Mögen ihr noch viele Jahre der Gesundheit und Zufriedenheit beschieden sein." 

               
Zum Tod des Viehhändlers Siegmund Kahn (1928)           

Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Mai 1928: " Baisingen. Hier wurde am Tage nach Pessach der in weiten Kreisen des Landes bekannte Viehhändler Siegmund Kahn zu Grabe getragen. Nach langjähriger Leidenszeit erlag er den Verwundungen, die er sich als Stoßtruppführer im Kriege zugezogen hatte. Die Beliebtheit, deren sich der nunmehr Entschlafene allerwärts erfreute, bekundete sich in der herzlichen Teilnahme der Ortsbewohner wie der auswärtigen Freunde. Ein Trauergefolge von hier nur selten zu verzeichnender Stattlichkeit zeugte von der Wertschätzung des Dahingegangenen. Der hiesige Kriegerverein erwies ihm die üblichen militärischen Ehren, obgleich der Kamerad seit einiger Zeit in Böblingen wohnte und, wie immer an den religiösen Festtagen, mit seiner Familie die Pessachtage hier verbrachte. Rabbiner Dr. Schweizer, Horb, Hauptlehrer Unikower, Baisingen, Oberlehrer Kahn, Laupheim, als Bruder, sowie ein Vertreter eines Böblinger Freundeskreises widmeten dem Verstorbenen herzliche Gedenkworte."      

            
Louis Marx wird Ehrenvorsitzender der Gemeinde (1930) 
       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Mai 1930: "Baisingen, 12. Mai (1930). Bei der letzten Vorsteherwahl hat der Vorsitzende der letzten Wahlperiode, Herr Louis Marx, sich zur Annahme einer Wiederwahl nicht entschließen können. Da er 27 Jahre als Mitglied beziehungsweise Vorsitzender des Vorsteheramts für die Gemeinde verdienstvoll gewirkt hatte, beschloss das Vorsteheramt einstimmig, Herrn Louis Marx zum Ehrenvorsitzenden zu ernennen und bat ihn, auch fernerhin mit beratender Stimme an den Sitzungen teilzunehmen, sodass die Gemeinde auch in Zukunft seinen Schatz an Erfahrungen und seinen von tiefer Religiosität erfüllen Sinn nciht entbehren müsse. In der Herrn Marx durch das Vorsteheramt überreichten Ehrenurkunde heißt es ferner, dass sein ruhig abwägende Urteil bei allem Jugendeifer für die heilige Sache des überlieferungstreuen Judentums, ihm in der Gemeinde diesen Ehrenplatz erwirkt habe."    
 
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. Mai 1930: "Baisingen. Bei der letzten Vorsteherwahl hat der Vorsitzende der letzten Wahlperiode, Louis Marx, sich zur Annahme einer Wiederwahl nicht entschließen können. Da er 27 Jahre als - Mitglied bzw. Vorsitzender des Vorsteheramts für die Gemeinde verdienstvoll gewirkt hatte, beschloss das Vorsteheramt einstimmig, Louis Marx zum Ehrenvorsitzenden zu ernennen und bat ihn, auch fernerhin mit beratender Stimme an den Sitzungen teilzunehmen, damit die Gemeinde seinen Schatz auf Erfahrungen und seinen von tiefer Religiosität erfüllten Sinn nicht entbehren müsse. In der ihm durch das Vorsteheramt überreichten Ehrenurkunde heißt es ferner, dass sein 'ruhig abwägendes Urteil, bei allem Jugendeifer für die heilige Sache des überlieferungstreuen Judentums, ihm in der Gemeinde diesen Ehrenplatz erwirkt habe'."       

              
Zum Tod von Rebekka Marx geb. Levi (1930)          

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Januar 1931: "Baisingen. Hier starb das älteste Mitglied der Dorfgemeinde, Frau Rebekka Marx geb. Levi, im 90. Lebensjahre. Unter zahlreicher Beteiligung wurde die Entschlafene zu Grabe geleitet. Hier zeichnete Hauptlehrer Unikower das Bild der Dahingeschiedenen als das einer fürsorglichen Mutter, die mit ihrer Liebe Kinder, Enkel und Urenkel umhegte. Die Verstorbene war die Schwiegermutter des im letzten Jahre verschiedenen Oberlehrers i. R. Max Straßburger."             

         
87. Geburtstag von Hirsch Benedikt (1932)             

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Oktober 1932: "Baisingen. Am 23. September durfte Hirsch Benedikt seinen 87. Geburtstag feiern. Der geistig und körperlich noch rüstige Jubilar ist das älteste Mitglied der Baisinger jüdischen Gemeinde. Wir wünschen ihm noch viele gesegnete Lebensjahre im Kreise seiner Familie!"              

        
Zum Tod von Auguste Wolf geb. Wolf (1934)          

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Juni 1934:            

    
Zum Tod von Abraham Erlebacher (1936)    

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. Januar 1936: "Baisingen. Am 13. Dezember verschied nach kurzer Krankheit plötzlich und unerwartet Abraham Erlebacher im Alter von 66 Jahren. Dreizehn Kinder trauern um einen Vater, der sie allezeit mit sorgender Liebe betreute. Unter großer Beteiligung wurde der Verblichene zur ewigen Ruhe gebettet. Hauptlehrer Goldstein schilderte in seinem Nachrufe die tiefe Frömmigkeit des Heimgegangenen. Weiter sprachen dessen Sohn, Lehrer Erlebacher (Mönchen-Gladbach), der Bruder, Lehrer Erlebacher (Oberdorf-Bopfingen), Rabbiner Dr. Schweizer (Horb) als Freund und Rabbiner Dr. Kahn (Bad Mergentheim) für die Verwandten. Das Andenken Abraham Erlebachers wird immer unvergessen bleiben."          

       
       
       
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Anzeige von Schuhmacher Simon Rödelheimer (1878)  

Baisingen Israelit 18091878.jpg (30609 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. September 1878: "Ich suche einen braven Jungen in die Lehre zu nehmen. Samstag und Feiertage geschlossen. Kost und Wohnung im Hause.
Simon Rödelheimer, Schuhmacher, Baisingen (Württemberg)."   

       
Benedikt Kahn sucht Lehrstelle für seinen Sohn (1902)  

Baisingen Israelit 03021902.jpg (41905 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Februar 1902: "Suche für meinen 14 Jahre alten Jungen, in einem größeren Kolonialwaren-Geschäft, womöglich mit Kost und Logis im Hause,
Lehrstelle
,
 und sehe gefälligen Offerten mit Bedingungen entgegen. 
Benedikt Kahn
, Baisingen bei Horb, Württemberg". 

     
Anzeige von Julius Erlebacher (1921)  

Baisingen Israelit 26051921.jpg (39907 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1921: "Enthaarungspulver
Ia. per kg 30 Mark Netto nicht unter 1 kg versendet an Unbekannte unter Nachnahme 
Julius Erlebacher
Baisingen, Württemberg."  

     
Verlobungsanzeige von Erna Kahn und Salomon Grünwald (1934)  
Anmerkung: Erna Kahn ist als Tochter des Isaak Kahn und der Julie geb. Falk (siehe oben Todesanzeige zu Isak Kahn, 1927) am 14. Oktober 1910 in Baisingen geboren. Nach ihrer Verlobung (siehe Anzeige) hat sie am 30. November 1934 in Luzern Salomon Grünwald (aus Sopron/Ungarn) geheiratet und wohnte zunächst in Basel, dann in Luzern, später (noch 1992) in Zürich. 1992 konnte Erna Grünwald von fünf Kindern, zwanzig Enkeln und einigen Urenkeln berichten (Quelle: Joachim Hahn, Jüdisches Leben in Esslingen. 1994. S. 277).   

Baisingen Israelit 16081934.jpg (27056 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1934: "Statt Karten - Gott sei gepriesen
Erna Kahn - Salomon Grünwald. Verlobte. 
Baisingen (Württemberg) / Basel - Luzern. Gibraltarstraße 11. 8. Elul 5694 (= 19. August 1934)"  

  
 Verlobungsanzeige von Sara Kahn und Ludwig Adler (1936)        

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. September 1936:  
"Gott sei gepriesen.  
Sara Kahn - Ludwig Adler. Verlobte.  
Bad Mergentheim / Baisingen  -  Markelsheim bei Bad Mergentheim".       

   
Nach der Emigration: Hochzeitsanzeige von Moritz Manasse und Leoni geb. Marx (USA, 1942)     

Anzeige in der Zeitschrift "Der Aufbau" vom 30. Januar 1942: "Statt Karten. 
Zu unserer am 1. Februar 1942 stattfindenden Trauung laden herzlich ein 
Moritz Manasse  Leoni Manasse geb. Marx
   
früher Talheim - früher Baisingen    650 W. 177. Str., Apt. 43, N.Y.C.  
Trauung Sonntag, 1. Febr., 1:00 Uhr 
K'HALL ADATH JESHURUN
  90 Bennett Ave., zw. 185. u. 186. Str."       

   
     

     

     

     

     

     

     

     

 

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Stand: 09. August 2026