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"Synagogen im Kreis Hersfeld-Rotenburg"
Wehrda (Gemeinde
Haunetal, Kreis Hersfeld-Rotenburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
(erstellt unter Mitarbeit von Elisabeth Sternberg-Siebert)
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Wehrda bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/40. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts
zurück, als die Herren von Trümbach bereitwillig gegen Zahlung entsprechender
Abgaben jüdische Familien am Ort aufgenommen haben. Nach einer Aufstellung
über die jüdische Bevölkerung im Amt Wehrda (gemeint: Wehrda oder Rhina
oder beide Orte zusammen) wurden 1731 12 männliche und 11 weibliche Personen
gezählt. Seit 1739 lassen sich Beisetzungen von Juden aus Wehrda im jüdischen
Friedhof in Burghaun nachweisen (Rhinaer Juden erst seit 1772). Zwischen 1764 und 1833
lassen sich insgesamt 14 jüdische Familien in
Wehrda nachweisen.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1808 124 jüdische Einwohner, 1822 114, 1835 139, 1861 130 (15,9 % von insgesamt 818
Einwohnern), 1871 120 (15,9 % von 753), 1885 94 (15,4 % von 609), 1905 68 (13,4
% von 508). Die jüdischen Familienvorsteher waren als Vieh-, Pferde- und
Warenhändler tätig, mehrere
hatten jedoch auch eine bedeutende Landwirtschaft, einzelne sogar als
Hauptberuf. So besaß der Pferdehändler Moses Stern, dessen Familie 1908 nach
Amerika auswanderte, neben seiner Pferdehandlung 1,25 Hektar Land. Mehrere
jüdische Familien hatten seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts offene
Läden / Handlungen. Um 1930 gab es noch u.a.: Sally Adler ("Eisensally")
mit einer Handlung für Herde, Öfen und Gegenständen aus Metall für die
Landwirtschaft; Sally Plaut mit einem Lebensmittel- und Kolonialwarengeschäft (Hohenwehrdaer
Straße 4); Wolf Plaut mit einer Manufakturwarenhandlung (Hohenwehrdaer Straße
13 = ehemaliges jüdisches Gemeindehaus mit Lehrerwohnung; Familie Plaut
wohnte nach dem Auszug von Lehrer Oppenheim in der ehemaligen Lehrerwohnung), David Simon mit einem Manufakturwarengeschäft (Hohenwehrdaer Straße);
Julius Katzenstein und David Stern mit Viehhandlungen; Fritz Plaut mit einer
Metzgerei (Rhinaer Straße); Paula Plaut (Schneiderin, Rhinaer Str.
9).
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
(1837 bis 1919 Israelitische Elementarschule, mit Lehrerwohnung im
jüdischen Gemeindehaus, Gebäude Hohenwehrdaer Straße 13), ein rituelles Bad (in einem Anbau neben der Synagoge) und ein Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle
unten). Als Lehrer werden genannt: bis 1837 Lehrer Eli Liebschütz, von
1837 bis 1884 Josef Weinberg; ihm folgten von 1884 bis 1891 Samuel Löwenstein
und von 1891 bis 1901 Nathan Ehrenreich; von 1901 bis zur Auflösung der
Elementarschule im Jahr 1919 unterrichtete Siegfried Oppenheim
in Wehrda. Danach wechselte er nach Rhina. In der Schule hatte es 1868 28 Kinder, um 1900 noch 15, nach dem
Ersten Weltkrieg nur noch fünf. Nachdem die Israelitische Elementarschule 1919 aufgelöst wurde,
beabsichtigte die jüdische Gemeinde zunächst, eine private Elementarschule zu
betreiben. Da es allerdings 1922 nur noch zwei jüdische Schulkinder am Ort gab,
wurde der Plan nicht weiter betrieben. Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk
Fulda.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Isidor Katzenstein
(geb. 3.12.1899 in Wehrda, gest. 24.10.1918 in Kriegsgefangenschaft) und David
Plaut (geb. 15.5.1895 in Wehrda, gef.
23.7.1917). Andere der jüdischen Kriegsteilnehmer kamen mit teils hohen
Auszeichnungen aus dem Krieg zurück (u.a. Sally Adler mit dem Eisernen Kreuz
I). Im Ersten Weltkrieg wurden von Lehrer Siegfried Oppenheim auch die
evangelischen Schüler des Ortes unterrichtet.
Um 1924, als zur Gemeinde 28 Personen gehörten (5,6 % von insgesamt 497
Einwohnern), war Gemeindevorsteher Sally Adler. Die damals zwei schulpflichtigen
jüdischen Kinder der Gemeinde erhielten ihren Religionsunterricht durch Lehrer
Siegfried Oppenheim, der nun in Rhina Lehrer
war und von dort regelmäßig nach Wehrda kam. 1932 war
Gemeindevorsteher Sally Plaut, Schatzmeister Fritz Plaut. Auch im Schuljahr
1931/32 gab es zwei jüdische Kinder in der Gemeinde, die ihren
Religionsunterricht durch Lehrer Siegfried Oppenheim aus Rhina erhielten.
Oppenheimer war auch als Schochet in Wehrda tätig.
1933 lebten noch 34 jüdische Personen in Wehrda (6,9 % von insgesamt
495 Einwohnern). In
den folgenden Jahren sind die meisten der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (u.a. Familie Sally und
Klara Plaut geb. Stern mit Sohn Werner in die USA). Bereits 1934 wurden in
jüdischen Wohnhäusern die Fensterscheiben eingeworfen. 1935 mussten die
jüdischen Kinder die evangelische Volksschule verlassen; sie besuchten danach
die Jüdische Schule in Rhina. 1936 lebten noch 22 jüdische Personen in Wehrda,
am 1. Juli 1938 noch 10. 1939 wurden noch fünf
jüdische Einwohner gezählt. Am 5. September 1942 wurden die
letzten beiden jüdischen Einwohner (Sally Adler und Fanny Adler geb. Weihl)
deportiert (ihr Sohn Albert hatte noch nach Palästina emigrieren können).
Von den in Wehrda geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Fanny (Fanni) Adler geb.
Weihl (1882), Sally Adler (1880), Therese Ansbacher geb. Birkenruth (1874), Ida
Blumenfeld geb. Stern (1878), Frieda (Friedel) Croner geb. Levi (1875), Ida
Goldschmidt (1866), Jette (Jettchen) Guggenheim geb. Goldschmidt (1892), Isack
Jungheim (1889), Julchen (Julie) Jungheim geb. Plaut (1894), Meta Katzenstein
(1904), Heinrich Levi (1883), Ida Levi (1879), Jettchen Levi geb. Birkenruth
(1868), Albert Levy (1860), Jettchen Levy geb. Stern (1860), Johanna Levy
(1877), Marga Plaut (1925), Meier (Manfred) Plaut (1928), Rita Plaut (1930),
Sophie Plaut geb. Jungheim (1892), Wolf Plaut (1877), Jenni Rothschild geb.
Goldschmidt (1897), Nathan Schiff (1882), Selma Siesel geb. Katzenstein (1899),
Ascher (Oskar) Stern (1872).
Hinweis: auch im Marburger Stadtteil Wehrda lebten einige jüdische Familien, es
kann zu Verwechslungen kommen.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1884 /
1891 / 1901 / 1920 / 1922
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Dezember 1884:
"Die durch das Ableben des bisherigen Lehrers vakant gewordene Elementar-,
Religionslehrer- und Vorbeterstelle zu Wehrda Kreis Hünfeld, 1/2
Stunde von der Hanau-Bebraer Bahn, soll wieder besetzt werden. Gehalt 885
Mark, inklusive Wohnungs- und Heizungs-Entschädigung. Mark 50
Gehaltszulage sind in Aussicht gestellt. Fähigkeit zum Schächterdienst
erwünscht, und würde derselbe besonders honoriert. Meldungen unter
Beifügung der Zeugnisse nur in beglaubigter Abschrift sind zu
richten an
das Vorsteheramt der Israeliten zu Fulda. Dr. M. Cahn. vdt.
Tannenbaum." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Januar 1891:
"Die vakant gewordene Elementar-, Religionslehrer- und Vorbeterstelle
zu Wehrda, Kreis Hünfeld, 1/2 Stunde von der Frankfurt-Bebraer Bahn, soll
wieder besetzt werden. Gehalt 885 Reichsmark inklusive Wohnung- und
Heizungs-Entschädigung. Meldungen unter Beifügung der Zeugnisse nur
in beglaubigter Abschrift sind innerhalb 14 Tagen zu richten
an
Das Vorsteheramt der Israeliten. Dr. M. Cahn, Fulda." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juni 1901:
"Bekanntmachung.
Die vakant gewordene Elementar- und Vorbeterstelle zu Wehrda,
Kreis Hünfeld, 1/2 Stunde von der Frankfurt - Bebra'er Bahn, ist alsbald
zu besetzen. Grundgehalt 1.000 Mark. Einheitssatz der Alterszulage: 120
Mark, Mietentschädigung 130 Mark.
Meldungen nebst beglaubigten Zeugnisabschriften sind innerhalb 14 Tagen an
die unterzeichnete Stelle zu richten.
Fulda, im Juni.
Das Vorsteheramt der Israeliten:
Dr. M. Cahn." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar 1920:
"Wir suchen für die Gemeinde Wehrda, Kreis Hünfeld zum
baldigsten Antritt einen Religionslehrer, Chassen und Schauchet.
Gehalt 2.500 Mark, Nebeneinkommen 5-600 Mark, schöne neu gebaute Wohnung,
auf welcher ein lediger Herr eventuell 400 Mark Miete einnehmen kann. 1
Morgen Land und großer Garten. Bewerber muss befähigt sein, eine neu zu
begründende Privat-Elementarschule zu leiten. Meldungen mit
Zeugnisabschriften sind zu richten an das
Vorsteher-Amt der Israeliten in Fulda." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Juni 1922:
"Für die Gemeinde Wehrda womöglich pensionierter Lehrer,
der auch das Vorbeteramt und die Schechitoh versehen kann, gesucht.
Schöne Lehrerwohnung mit großem Garten und 1 Acker Land vorhanden. Es
sind noch 2 Kinder schulpflichtig. Gehalt nach Übereinkunft.
Fulda, den 29. Mai 1922. Vorsteheramt der Israeliten."
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Zum Tod von Lehrer Joseph Weinberg (Lehrer in Wehrda
von 1837 bis 1884, Bericht von 1884)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Oktober 1884: "Burghaun,
16. Oktober (1884). Am 6. Tischri (= 25. September 1884) starb in Wehrda,
einem Dorfe des hiesigen Amtsbezirks, der Lehrer Joseph Weinberg, in
seinem 72. Lebensjahre, der es wegen seines vieljährigen, segensreichen
Wirkens verdient, dass in diesen Blättern seiner Erwähnung
geschehe.
Als talentvoller Jüngling wurde J. Weinberg von seinem Vater Wolf
Weinberg - er ruhe in Frieden - aus Mackenzell
bei Hünfeld, schon frühe dazu bestimmt, sich dem Lehrerfache zu widmen
und wurde er zu diesem Zwecke auf die damalige Jeschiwa nach Gelnhausen
gebracht. Nachdem er eine Zeitlang dort verweilte, setzte er sein Studium
beim großen Raw, Rabbiner Sekel Wormser in Michelstadt
dort. Als er nun da sicheren Grund zu seinem Berufe als Lehrer gelegt,
nahm er, obgleich noch sehr jung, eine Stelle als Lehrer in Lemgo -
Lippe-Detmold - an, um sich die Mittel zu seiner weiteren Fortbildung zu
verschaffen. Er vergaß jedoch dabei keineswegs seines Selbststudiums, er
brachte es im Gegenteil durch seinen eisernen Fleiß so weit, dass er
schon im Jahre 1836 in das Lehrerseminar zu Kassel aufgenommen wurde. Auch
da studierte er mit sehr großem Fleiße beim seligen Landrabbiner Dr.
Romann - seligen Andenkens - und dem Oberlehrer Dr. Büdinger - seligen
Andenkens - und schon im Jahre 1837 bestand er seine Prüfung als Lehrer.
Hierauf nahm Weinberg die Stelle als Lehrer in Wehrda an, die er bis zu
seinem Tode bekleidete. Im Jahre 1862 wurde von sämtlichen Lehrern der Provinz
Fulda unter Anführung des seligen Provinzialrabbiners Dr. Enoch - Fulda
sein 25jühriges Dienstjubiläum öffentlich gefeiert. Sein Wirken im Amte
fand sowohl bei seiner Gemeinde, wie auch bei seiner Behörde, die
größte Anerkennung. Nachdem er 47 Jahre auf dieser Stelle segensreich
gewirkt, entschlief er sanft zu seinen Vätern und wurde unter großer
Beteiligung am Freitag vor dem Schabbat Teschuwa zur Ruhe
bestattet. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens.. |
"Gedenkblatt" für
Lehrer Nathan Ehrenreich (1928, 1891 bis 1901 Lehrer in Wehrda)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juli 1928: "Ein
Lehrerveteran. Ein Gedenkblatt, gewidmet von seinem früheren Schüler. Lehrer
S. Freudenberger.
Mit den besten Wünschen verließ der emeritierte Lehrer, Herr Nathan
Ehrenreich - Langenselbold, seinen langjährigen Wirkungskreis, um seinen
Lebensabend im Kreise seiner Söhne in der Reichshauptstadt zu verbringen.
Ehrenreich war stets ein Musterlehrer, eine sehr bescheidene, selbstlose
Persönlichkeit, ein Charakter ohne Falsch und Tadel.
Nachdem Ehrenreich im Jahre 1883 das jüdische Lehrerseminar in Würzburg
verlassen hatte, wurde er zum Präparandenlehrer an der
Talmud-Thora-Schule in Höchberg
ernannt. Nach vierjähriger Tätigkeit an der Talmud-Thora-Schule wurde
ihm von der Königlichen Regierung in Kassel die Volksschullehrerstelle in
Merzhausen (Rabbinat Marburg)
übertragen. Schüler von ihm, die heute als Direktoren von Waisenhäusern
und als Lehrer wirken, bestätigen, mit welch unermüdlichem Fleiße und
Geschicke er hier seines Amtes gewaltet. Von 1891-1901 wirkte
Ehrenreich als Volksschullehrer und Vorsänger in Wehrda Kreis
Hünfeld. Hier gründete der pflichteifrige Lehrer einen Literatur-
eigentlich Lernverein; mit vielen Kosten legte er hier einen Eruw an, der
heute noch vorhanden ist. Als im Jahre 1901 die viel umworbene
Lehrerstelle in Langenselbold vakant war und bereits ein anderer Lehrer
von der Regierung seine Bestätigung erhalten, eilte der verstorbene
Provinzialrabbiner Dr. Salomon Bamberger - das Gedenken an den
Gerechten ist zum Segen - in die Provinzialhauptstadt, um die
Annullierung des Regierungsbeschlusses zu erwirken und die Anstellung
Ehrenreichs durchzusetzen. In Langenselbold war der Höhepunkt seines
rastlosen Wirkens. Hier streute er reichen Samen aus, der zu schönster
Frucht sich entfaltete. Besonders viel Anerkennung verschafften ihm seine
interessanten, belehrenden Vorträge, die er allwöchentlich nach Schluss
des Gottesdienstes hielt. Darf man sich wundern, dass dem so erfolgreich
Wirkenden so viele Freunde erwuchsen, weit über den Kreis seiner Gemeinde
hinaus. Möge ihm ein glücklicher Lebensabend beschieden
sein!" |
Erfolgreiche zweite Dienstprüfung von Lehrer Siegfried
Oppenheim) am Lehrerseminar in Kassel (1902)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 10. November 1902: "Kassel, 2. November (1902). Am
Donnerstag voriger Woche war am hiesigen israelitischen Lehrerseminar die
zweite Prüfung beendet. Diese hatte in jeder Hinsicht ein gutes Ergebnis,
denn alle sieben Lehrer, die sich prüfen ließen, bestanden. Es waren die
Herren: Abt aus Gesecke in Westfalen, Crohn aus Mengeringhausen
in Waldeck, Heilbronn aus Hora in Westfalen, Levi aus
Salzkotten in Westfalen, Oppenheim aus Wehrda in Hessen, Pineas
aus Frankfurt am Main, Plaut, Lehrer in Rybnik in
Oberschlesien.
Das Königliche Provinzial-Schulkollegium in Kassel gestattet fast ohne
Ausnahme Lehrern anderer Bezirke, hier die Prüfung abzulegen. In der
schriftlichen Prüfung war den neueren Bestimmungen gemäß nur eine
Arbeit zu schreiben. 'Haus und Schule' lautete das Thema. Lehrproben
waren: 1) Belsazar; 2) Frau Hütt; 3) der Stechheber; 4) der Zahlenkreis
über 1000 hinaus; 5) die Schulstäbe; 6) Knabe und Vogel; 7) Gustav Adolf
- ein Lebensbild.
Da sämtliche Lehrproben zur Zufriedenheit ausfielen, erhielt kein
Kandidat eine zweite. Recht eingehend wurde mündlich geprüft, sowohl in Geschichte,
Pädagogik, Psychologie, Didaktik und Methodik der einzelnen Fächer. Zum
ersten Male hatten die jungen Lehrer nachzuweisen, in welchem
Lieblingsfache sie sich fortgebildet und welches wissenschaftliche Werk
sie beim Studium benutzt hatten. Zur Orientierung sei Folgendes erwähnt:
1) Geschichte des 19. Jahrhunderts, 2) Mathematische Geographie, 3) die
zweite Blüteperiode in der deutschen Literatur, 4) die Elektrizität und
so fort. Ein Gegenstand, der schon im Seminar eingehend behandelt wurde,
z.B. 'ein Drama Schillers', wird als wissenschaftliche Fortbildung für
nicht genügend angesehen. Auch diese Prüfung bewies, dass die Ausbildung
jüdischer Lehrer keineswegs eine minderwertige ist und die
Staatsbehörden werden sich wohl bald entschließen müssen, die
jüdischen Seminare den christlichen gleichzustellen, da gleiche
Pflichten, gleiche Rechte erfordern. Die Prüfungskommission bildeten
folgende Herren: Provinzial-Schulrat Otto, Geheimer Regierungs- und Schulrat
Sternkopf, Landrabbiner Dr. Prager, Seminardirektor Dr. Lazarus und
Seminarlehrer Katz." |
Lehrer Siegfried Oppenheim erhält im Krieg neue Aufgaben -
die israelitische Volksschule wird vorübergehend aufgehoben (1915)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Dezember 1916: "Wehrda
(Kreis Hünfeld), 28. November (1915). Herrn Lehrer S. Oppenheim hier, der
den gesamten Unterricht an der evangelischen Schule in Wetzlar erteilt.
ist jetzt auch die Leitung der hiesigen ländlichen Fortbildungsschule
übertragen worden. Die hiesige jüdische Volksschule ist für die
Kriegsdauer aufgehoben." |
Aus dem jüdischen
Gemeindeleben
Großbrand in Wehrda (1871)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Oktober 1871: "Fulda,
29. September (1871). Das meist von ärmeren israelitischen Familien
bewohnte Dorf Wehrda, in der Nähe von Hersfeld, ist heute Nacht
bei heftigem Sturmwinde teilweise niedergebrannt. Es wird Brandstiftung
vermutet." |
Berichte über einzelne Personen aus der Gemeinde
Über den furchtbaren Raubmord an Maier Plaut
(1878)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Mai 1878: "Fulda.
Ein schauderhafter Raubmord, verübt an einem unserer Glaubensgenossen,
hält unsere Umgegend in Aufregung. Der 48 Jahre alte Handemsmann Maier
Plaut aus Wehrda ging am 6. März dieses Jahres von zu Hause weg, um am
darauf folgenden Tage in verschiedenen Dörfern und Gehöften seinen
Geschäften nachzugehen und in der weiteren Absicht, Freitag, den 8. März
einen Termin in einer Forderungsklage beim Kreisgericht Fulda abzuhalten.
Am Freitag erschien Plaut jedoch nicht in Fulda, wohl aber sein Gegner,
der sich von der Klageforderung, weil der Kläger nicht erschien,
entbinden ließ. Als der unglückliche Plaut am Freitagnachmittag nicht
nach Hause kam und dessen Frau, die damals der Entbindung nahe war,
erfuhr, dass ihr Mann auch nicht in Fulda gewesen, überfiel sie ein
derartiger Schrecken, dass sie in Folge dessen am Schabbatausgang
vor der Zeit gebar. Das Kind, welches unter diesen traurigen
Verhältnissen das Licht der Welt erblickte, ist das siebente unter seinen
Geschwistern, von denen das älteste 15 Jahre alt ist. Alle angestellten
Recherchen nach dem Vermissten blieben erfolglos, doch mutmaßte man schon
damals, dass hier ein Verbrechen vorliege. Am Schabbat - Halbfeiertag
des Pessachfestes - kam die Nachricht hierher, dass man die Leiche des
Vermissten in der Lüder, einem Nebenflusse der Fulda aufgefunden. Ein
Sack mit Steinen gefüllt, war um den Hals der Leiche gebunden, um
dieselbe auf dem Grunde des Wassers festzuhalten. Die Stelle, an welcher
die Leiche aufgefunden wurde, ist nicht weit von einem einzeln stehenden
Gehöfte entfernt, welchen eben der Schuldner des Plaut, gegen welchen die
Forderungsklage angestrengt war, bewohnt und der nunmehr gefänglich
eingezogen wurde. Die auf Anordnung der Staatsanwaltschaft vorgenommene
Obduktion der Leiche ergab, dass letztere erst seit kurzer Zeit im Wasser
gelegen und in Anbetracht der schon stark vorgeschrittenen Verwesung
früher an anderen Orten verborgen gehalten sein musste. Ein Zweifel, dass
man hier die Leiche des vermussten Plaut vor sich habe, konnte nicht gut
aufkommen, da, wenn auch das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt,
doch die Kleidung, der auf den Namen des Maier Plaut lautende
Gewerbeschein, mehrere andere Geschäftspapiere und dessen Tefillin
auf die Identität der aufgefundenen Leiche mit dem Vermissten hinwiesen.
Überdies ließ Herr Provinzialrabbiner Dr. Cahn dahier durch zwei Zeugen,
die den Plaut bei Lebzeiten genau kannten, konstatieren, dass eine
Abnormität an einem Fuße, welche als solche von einem Bruder des Ermordeten
bezeichnet wurde, sich an der Leiche genau vorfand. Das Gutachten der
Gerichtsärzte geht dahin, dass der unglückliche Familienvater
wahrscheinlich im schlafenden Zustande ermordet worden, wozu eine Wunde an
der linken Seite des Hinterkopfes, beigebracht durch einen wuchtigen
Schlag, der die Hirnschale zerschmetterte und eine Verstümmelung der
linken Hand, mit welcher der vom heftigen Schlafe Getroffene nach der
schmerzenden Stelle des Kopfes gegriffen, die Vermutung nahe legt. Es sind
Verdachtsgründe vorhanden, welche annehmen lassen dass der Ermordete in
jener verhängnisvollen Nacht in dem Hause seines Mörders, der sich durch
den Mord von seiner Schuld zu befreien hoffte, übernachtet und dort von
seinem traurigen Schicksal erreicht wurde. Hoffentlich wird es gelingen,
den ruchlosen Mörder, der einer Familie von sieben kleinen Kindern den
treuen Vater und Ernährer geraubt, zur verdienten Strafe zu bringen und
werde ich nicht verfehlen, seinerzeit das Ergebnis der Verhandlungen in
diesem geschätzten Blatte mitzuteilen. Die Hinterbliebenen befinden sich,
da der Ermordete fast kein Vermögen besaß, in der drückendsten Lage und
nehme ich, da die Gemeinde Wehrda selbst nicht im Stande ist, für die
Witwe und deren sieben Waisen genügende Existenzmittel aufzubringen,
Veranlassen, 'unter Hinweisung auf den im Annoncenteile dieser geschätzten
Zeitschrift enthaltenen Aufruf die schon so oft erprobte Mildtätigkeit
der geschätzten Leser des Israelit recht dringen um Veranstaltung
von Sammlungen für die armen Hinterbliebenen des Ermordeten zu bitten.
Herr Provinzialrabbiner Dr. Cahn zu Fulda sowie die Redaktion des Israelit
sind zur Empfangnahme von Gaben und späteren Veröffentlichung in diesen
geschätzten Blättern gern bereit.' G." |
Spendenaufrufe für die Familie des ermordeten Maier Plaut (1878)
Anmerkung: der 1878 ermordete Meier (Mayer) Plaut ist am 30.
April 1829 in Wehrda geboren. Er war verheiratete mit der Hannchen geb.?.
(1839-1903). Die beiden hatten fünf Kinder: Ruben (geb. 1862), Sarchen (1864),
Lina (1869), Ascher (1875) und Abraham (1878, im Alter von zwei Monaten
gestorben).
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Mai 1878: "Dringende
Bitte um Hilfe für die Hinterbliebenen eines Ermordeten. Der
Handelsmann Maier Plaut zu Wehrda, Kreisgericht Fulda, welcher
seine Familie, bestehend aus sieben kleinen Kindern, von denen das
älteste kaum 15 Jahre alt ist, rechtschaffen ernährte, wurde im Monate
März dieses Jahres auf grässliche Weise ermordet. Seiner hinterbliebenen
Familie, die durchaus vermögenslos ist, fehlt es an den nötigsten
Mitteln zum Lebensunterhalt. Unter Hinweisung auf die in dieser Nummer des
'Israelit' enthaltene Korrespondenz aus Fulda bittet man um Veranstaltung
von Sammlungen für dieselben. Herr Provinzialrabbiner Dr. Cahn zu
Fulda ist zur Entgegennahme von Spenden für die unglückliche Familie
gern bereit und wird dieselben seinerzeit in der Spendenliste des
'Israelit' veröffentlichen. Auch die Redaktion des 'Israelit' ist bereit,
Gaben in Empfang zu nehmen und weiter zu befördern." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juli 1878: "Im
Namen der Witwe und Waisenkinder des ermordeten Maier Plaut in Wehrda sage
ich hiermit allen edlen Wohltätern, die, dem Aufruf in diesen
geschätzten Blättern Folge gebend, ihre Hand den Hartbedrängten willig geöffnet,
den wärmsten, lebhaftesten Dank. Zugleich aber sei die dringe Bitte
wiederholt, in dem Werke der jüdischen Nächstenliebe nicht zu erlahmen
und nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben. Eine dauernde Hilfe ist den
Unglücklichen nur dann geboten, wenn die Spenden eine Summe ergeben,
deren Zinsen ausreichen, um der schwer betroffenen, zahlreichen Familie
über die drückendste Not hinwegzuhelfen. 'Wer beginnt, eine Gebot zu
erfüllen, soll es auch vollenden', richte ich daher das dringende
Ersuchen an Euch, Ihr in Lebenstaten unermüdlichen Brüder und Schwester,
dass Jeder in seinem Kreise dahin wirke, die regeste Beteiligung an der
Vollendung dieses Aktes der ersten Wohltätigkeit anzuregen. Fulda, im
Tamus 5638. Provinzialrabbiner Dr. Cahn." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war ein Betraum in einem der jüdischen
Häuser vorhanden, um 1800 im Haus des Metzgers Plaut.
1804 konnte eine Synagoge (genannt "Judenschule") erbaut und eingeweiht werden. Die Herren von
Trümbach - Patrimonialherren von Wehrda - hatten dazu das Bauholz gespendet.
Dafür wurde über dem Toraschrein das Trümbach'sche Wappen angebracht
(Wappenschild mit drei Rosen, von zwei Löwen gehalten).
Neben der Synagoge war ein einstöckiges Schul- und Gemeindehaus
("Judengemeindehaus"), in dem sich die jüdische Schule und die
Lehrerwohnung befanden. Bis 1919 wohnte noch Lehrer Siegfried Oppenheim in dem
Gebäude.
Nach 1933 konnte kein Gottesdienst mehr abgehalten werden, da keine zehn
religionsmündigen Männer mehr in der Gemeinde waren. Die übrigen besuchten
nun den Gottesdienst in der Synagoge von Rhina.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge nicht zerstört, da sich auf
dem Dach des Gebäudes ein Verteilungsständer mit Stromleitungen für die
Umgebung befand. Das Synagogengebäude kam nach 1945 in Privatbesitz und wurde
abgebrochen. Es sind nur noch die Grundmauern der Synagoge erhalten, die einen
Garten einfassen (siehe Foto unten).
Adresse/Standort der Synagoge: Hohenwehrdaer
Straße 15 (1932
Dorfstraße) -
Das ehemalige jüdische Gemeindehaus ist das heutige Wohnhaus Hohenwehrdaer Straße
13 (früheres Haus Nr. 56).
Fotos
Hinweis: in dem
unter "Literatur" genannten Beitrag "Das Dorf im Tal"
finden sich eine
historische Ansicht der Synagoge sowie ein neueres Foto des Grundstückes, auf dem
noch die Grundmauern der ehemaligen
Synagoge erkennbar sind: |
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Blick auf die Synagoge mit den
beiden
Eingangstüren
(Foto aus der Sammlung Karin Billing) |
Grundmauern der ehemaligen
Synagoge,
die heute einen Garten einfassen
(Foto von Elisabeth Sternberg-Siebert) |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 348-350. |
 | Kein Artikel zu Wehrda bei Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 und dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994 und dies.: Neubearbeitung der
beiden Bände 2007². |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S.
60-61. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 481-482. |
 | Beitrag: "Das Dorf im Tal - Juden in Wehrda. Katharina
Maul: "Nach meinen Erinnerungen, aus Dokumenten und
Erzählungen". Online
zugänglich - (auch
als pdf-Datei).
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Wehrda (now part
of Haunetal) Hesse-Nassau. The Jewish community dedicated a synagogue in 1804,
maintained an elementary school from 1837 to 1919, and numbered 130 (16 % of the
total) in 1861, dwindling to 34 in 1933. The Jews of nearby Langenschwarz
(numbering 116 in 1861) hat disappeared by 1925 and Nazi pressure forced the
Wehrda community to disband in 1936. On 5 September 1942 the last two Jews were
sent to death camps.

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