Hinweis: Heringen (Werra) sollte nicht verwechselt werden mit Heringen
(Gemeinde Hünfelden), wo es eine kleine jüdische Gemeinde gab.
Zur jüdischen Geschichte
in Heringen
In Heringen lebten in der Zeit vom 16. bis zum 20. Jahrhundert
wenige jüdische Personen / Familien. In einem Beitrag von Wolfgang D. Fischer (siehe
unten, Beitrag zu Schutzjud Daniel Levi) liest man über die erste
Erwähnung eines jüdischen Einwohners in einer Amtsrechnung von 1592,
aus der hervorgeht, dass ein vermutlich kurz vorher zugezogener "Jacob der
Jud" bis auf weiteres jährlich 5 Gulden Schutzgeld zu zahlen hatte. 1640
wird berichtet, dass kein Jude mehr im ganzen Amt leben würde, nachdem der in
Heringen wohnhaft gewesene "Friedelmann" heimlich weggezogen und 11
Gulden 7 Albus Schutzgeld schuldig geblieben sei. Um 1670 wird der
Schutzjude Manes in Heringen genannt, der 1693 einer derjenigen Einwohner war,
die Branntwein brennen durften. 1690 wird mit dem Juden Hertz ein
Vertreter der späteren Familie Bacharach genannt. In dieser Zeit zog auch ein
Jude namens Sußmann Rot am Ort zu. 1697 folgte der "Jude und
Schutzverwandte" Hehle aus Schweinsberg,
um 1705 Aaron Hammelburg aus Niedenstein.
In der Mitte des 18. Jahrhunderts werden die Schutzjuden Daniel Levi,
Hertz und Calmann Bacharach am Ort
genannt. Daniel Levi hatte einen Schutzbrief von 1736, seine (vermutlich zweite)
Frau hieß Peß, seine sechs Kinder Isaak, Jonas, Elckell, Feyell, Melech und
Salomon. Nur Isaak als der vermutlich älteste Sohn erhielt 1764 einen
Schutzbrief für Heringen, wo er noch 1807 genannt wird.
Im benachbarten Friedewald lebte im 18.
Jahrhundert der Jude Meyer Levi mit einem Schutzbrief von 1732.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war auch eine "Judenschule" (Betraum)
in einem heute noch stehenden Haus
vorhanden.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: Zahlen liegen noch nicht vor.
Über die jüdischen Familien in Heringen um 1850 siehe den Beitrag von Wolfgang
D. Fischer (Literaturliste).
An Einrichtungen war möglicherweise in einem der jüdischen Häuser ein
Betraum vorhanden. Die aus den jüdischen Familien Verstorbenen wurden im
jüdischen Friedhof in Vacha
beigesetzt.
1933 wurden noch 17 jüdische Einwohner gezählt. In den folgenden Jahren
sind die meisten von Ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien aus Heringen verzogen oder
ausgewandert. So sind die Familien Dessauer bereits 1933 beziehungsweise
1935 aus dem, Ort verzogen. Helmut Dessauer emigrierte mit seiner Frau und dem
Sohn Gerhard in die Niederlande, von wo aus sie 1943 ab Westerbork in das
Vernichtungslager Sobibor deportiert wurden. Beim Novemberpogrom 1938 kam
es zu Ausschreitungen gegen die letzte jüdische Familie in Heringen, die Familie
Bacharach. Auch die Bacharachs hatten den Umzug nach Frankfurt schon
geplant, zumal die Töchter von der Volksschule verwiesen worden waren und eine
spezielle "Judenklasse" in Vacha
besuchen mussten. Beim Pogrom wurde das
Geschäft von Joseph Bacharach überfallen, die Türen, Fenster, Schaufenster
und die Hofeinfriedung zerstört. Joseph Bacharach wurde in
"Schutzhaft" genommen und über Kassel in das KZ Buchenwald verbracht.
Mitte Dezember 1938 konnte die Familie nach seiner Rückkehr aus Buchenwald nach
Frankfurt umziehen, wo Joseph Bacharach am 29. Mai 1940 verstarb,
möglicherweise an den Folgen der KZ-Haft oder auf Grund einer erneuten
Gestapohaft. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Frankfurter
Rat-Beil-Straße beigesetzt. Seine Frau und die beiden Töchter wurden in das
Ghetto Minsk deportiert und sind umgekommen.
Von den in Heringen geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Joseph Bacharach (1880),
Hannelore (Lore) Bacharach (1930), Meta Bacharach geb. Katz (1895), Ruth Bacharach (1928),
Minna Braun geb. Dessauer (1890), Gerhard Dessauer (1927), Helmut Dessauer
(1900), Nathan Dessauer (1895), Paula Dessauer geb. Baumgart (1899), Simon
Dessauer (1893), Ursula Babette Dessauer (1924).
Zu den aus Heringen umgekommenen Personen vgl. weitere Angaben in der Website
hassia-judaica.de :
http://www.hassia-judaica.de/Orte/Heringen/Holocaustopfer/Heringen_Holocaustopfer.pdf
1988 wurde auf dem neuen Friedhof in Heringen (Vachaer Berg) eine
Gedenktafel mit den Namen der aus Heringen umgekommenen jüdischen Personen
enthüllt. Die Gedenktafel trägt die Inschrift: "Zum Gedenken an unsere
Heringer Mitbürger, die dem menschenverachtenden Naziregime zum Opfer gefallen
sind ... [es folgen die Namen und Lebensdaten] ... Wir alle, ob schuldig oder
nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von
ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. (Bundespräsident
Richard von Weizsäcker). Ihre Seelen seien eingebunden in den Bund des Lebens.
Heringen, den 9. November 1988."
Berichte aus der
jüdischen Geschichte in Heringen