Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Dauborn mit Heringen, Kirberg und Mensfelden 
(Gemeinde Hünfelden, Kreis Limburg-Weilburg)
Jüdische Geschichte / Synagogen

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Kennkarte aus der NS-Zeit     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte    
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)     
    
In Dauborn war der Sitz einer jüdischen Gemeinde bis nach 1933, zu der die in den Orten Dauborn, Heringen, Kirberg und Mensfelden lebenden jüdischen Personen / Familien gehörten. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts bildeten die in diesen Orten lebendigen Juden eine gemeinsame Gemeinde mit einer Synagoge in Kirberg. 
  
In Kirberg siedelten sich jüdische Personen bereits im 17. Jahrhundert an; 1644 gab es bereits fünf jüdische Familien am Ort. 1769 waren es 14 jüdische Familien mit zusammen 43 Personen. In Dauborn werden 1670 erstmals Juden am Ort genannt; 1720 waren vier jüdische Familien am Ort. In Mensfelden lassen sich seit 1673 jüdische Einwohner nachweisen.    
    
Aus dem 19. Jahrhundert liegen an Zahlen jüdischer Einwohner vor: 1843 in Dauborn 15 jüdische Einwohner, in Heringen 26, in Kirberg 35, in Mensfelden 54. 1841 wurden feste Familiennamen angenommen. Dabei wurden u.a. die folgenden Namen gewählt: in Kirberg Nassauer, Rosenstein, Oppenheim, Grünewald, Seemann (früher Seligmann), Stern; in Heringen Roberg, Straß, Löwenstein; in Dauborn Meier, Rosenthal, Neumann; in Mensfelden Heimann, Aaron Lion, Rosenberg, Marcus, Lösmann, Stein.    
  
An Einrichtungen bestanden eine beziehungsweise mehrere Synagogen beziehungsweise Beträume (s.u.), eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und ein Friedhof in Kirberg.  Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Bei der Lehrerkonferenz des Bezirksrabbinates Diez in Limburg 1843 wird als Teilnehmer Lehrer Abraham Levi Dickstein aus Heringen genannt. Er stammte aus Polen und war auch noch um 1860 als Religionslehrer für die vier Orte zuständig.  Er wurde nach 1850 zum Ehrenbürger der Gemeinde Heringen ernannt und starb 1882 im Alter von 107 Jahren in Heringen (siehe Bericht unten).   
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Gustav Buchheim (geb. 8.6.1887 in Dauborn, vor 1914 in Dortmund wohnhaft, gef. 3.6.1915). 
Hinweis: in Darstellungen zur jüdischen Geschichte in Heringen (Gemeinde Hünfelden) ist teilweise zu lesen, dass auch Hermann Dessauer (geb. 21.2.1898 in Heringen, gef. 5.10.1917) gefallen ist. Doch ist hierbei Heringen an der Werra und nicht Heringen bei Limburg gemeint (Hinweis von Markus Streb vom 14.7.2015).      
   
1933 lebten noch in den einzelnen Orten: in Dauborn 14 jüdische Personen, Mensfelden 22 (in acht Familien), Kirberg fünf, Heringen zehn. In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Die letzten jüdischen Einwohner der Orte wurden deportiert, darunter aus Mensfelden Heinrich Dublon und seine Frau Elise geb. Stein, die nach Lodz deportiert wurden und seitdem verschollen/umgekommen sind.  
   
Von den in Dauborn geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Thekla Hess geb. Buchheim (1893), Charlotte Neuberger (1891), Clementine (Tina) Schubach geb. Simon (1897), Hannelore Schubach (1923), Lucie Klara Schubach (1926).
  
Aus Heringen sind umgekommen: Jeanette (Johanette) Hofmann geb. Löwenstein (1865), Abraham Löwenstein (1867), Klara Löwenstein geb. Arnstein (1899), Rudolf Löwenstein (1901), Salomon (Sali) Strauß (1899)
Hinweis: auch in Heringen (Werra) bei lebten einige jüdische Familien; es kann zu Verwechslungen kommen
.     
  
Aus Kirberg sind umgekommen: Bertha Brandl geb. Oppenheimer (1859), Berta Cahn geb. Grünewald (1872), Hedwig Goldschmidt (1881), Max Goldschmidt (1883), Jenny Kahn geb. Löwenstein (1891), Beate (Betty) Strauß (1936).       
  
Aus Mensfelden sind umgekommen: Johanna Besmann geb. Lichtenstein (1882), Elise Dublon geb. Stein (1877), Heinrich Dublon (1877), Mathilde Grünebaum geb. Stein (1892), Minna Löwenstein geb. Seemann (1896), Israel Seemann (1866), Lina Stein geb. Burg (1864), Max Stein (1894), Elisabeth Stern geb. Mayer (1881), Beate (Betty) Strauß (1936), Gertrud Strauß geb. Dublon (1905), Salomon (Sali) Strauß (1899).  
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
     
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Zum Tod des "alten Dickstein" (1882)  
Anmerkung: beim "alten Dickstein" handelte es sich um den früheren jüdischen Lehrer Abraham Levi Dickstein, der 1843 und 1857 als Teilnehmer bei Lehrerkonferenzen in Limburg genannt wird. Dadurch erklärt sich auch die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes der Gemeinde Heringen Anfang der 1850er-Jahre.   

Heringen Israelit 19041882.jpg (58060 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. April 1882: "Aus Nassau. Der alte 'Dickstein' in Heringen hat seinen letzten Geburtstag nicht lange überlebt; am 7. April ist er, 107 Jahre alt, sanft verschieden und wurde am 9. unter Begleitung der gesamten Einwohnerschaft und unter Glockengeläute zur ewigen Ruhe bestattet. Der Kriegerverein ehrte den Dahingeschiedenen mit 3 Salven. Rabbiner Hochstätter aus Ems hob in seiner Grabrede hervor, dass Dickstein in dem russischen Feldzug gegen Napoleon I. an der Beresina als Kosakenoffizier ruhmvoll gekämpft. Er besaß schon über 30 Jahre das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde Heringen."   

   
Die Leiche des vermutlich ermordeten Sally Buchheim wird gefunden (1906)         

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18. Mai 1906: "Frankfurt am Main. Mord. Der Musketier Sally Buchheim aus Dauborn bei Limburg wurde, nachdem er 8 Tage abgängig war, am 13. dieses Monats als Leiche aus dem Main geländet und am 15. dieses Monats auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe begraben. Es liegt aller Wahrscheinlichkeit Raubmord vor."     

   

Kennkarte aus der NS-Zeit            
               
Am 23. Juli 1938 wurde durch den Reichsminister des Innern für bestimmte Gruppen von Staatsangehörigen des Deutschen Reiches die Kennkartenpflicht eingeführt. Die Kennkarten jüdischer Personen waren mit einem großen Buchstaben "J" gekennzeichnet. Wer als "jüdisch" galt, hatte das Reichsgesetzblatt vom 14. November 1935 ("Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz") bestimmt. 
Hinweis: für die nachfolgenden Kennkarten ist die Quelle: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: Bestände: Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV: Kennkarten, Mainz 1939" http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm. Anfragen bitte gegebenenfalls an zentralarchiv@uni-hd.de       
 
 Kennkarte des in Kirberg 
geborenen Ludwig Lazarus Grünewald
 
 Kirberg KK MZ Gruenenwald Lazarus.jpg (91238 Byte)  
   Kennkarte (ausgestellt in Mainz 1939) für Ludwig Lazarus Grünewald 
(geb. 4. Januar 1868 in Kirberg), städtischer Arbeiter i.R.,   
 

    
    
  
 
Zur Geschichte der Synagoge                
     
Spätestens seit 1720 gab es einen Betraum (Synagoge) für die in den vier Orten lebenden jüdischen Familien in Kirberg; bereits damals war er Haus an der Wassergasse. 1741 wurde ein Betraum in Mensfelden eingerichtet.  
  
Um 1844 fanden Gottesdienst in Beträumen in Kirberg und Mensfelden statt. Da jedoch in Heringen und Mensfelden die meisten Juden der vier Orte lebten, wurde damals der Bau einer Synagoge in Heringen beantragt. Der Antrag wurde jedoch behördlicherseits abgelehnt, ebenso in den Jahren 1846 und 1848. Die Juden würden schon über 100 Jahre nach Kirberg zum Gottesdienst gehen, also sollten sie es auch weiterhin tun; auch der Friedhof würde sich in Kirberg befinden. Damals wurden jedoch Filialsynagogen in Heringen (Hauptstraße) und Mensfelden gestattet. 
  
Der Betraum in Kirberg wurde - wie genannt - bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im rückwärtigen Teil eines zweigeschossigen Fachwerkhauses an der Wassergasse eingerichtet. 1933 wurde die Kirberger Synagoge geschlossen. 1939 wurden die Kultgegenstände und die Schriften an die Staatspolizei in Frankfurt übergeben und anschließend vermutlich vernichtet. Nach 1945 wurde der Bereich der ehemaligen Synagoge zu Wohnzwecken umgebaut  
  
Der Betraum in Heringen wurde 1846 vom damaligen jüdischen Besitzer des Anwesens Hauptstraße 25 eingerichtet. Dazu wurde der linke Teil einer Scheune im Hinterhof des Anwesens umgebaut. Der Betsaal bestand bis 1933. Er war im Besitz der Familie Strauß, die eine Vieh- und Häutehandlung betrieb; im Vorderhaus des ihnen gehörigen Bauernhofes war die Wohnung, ein Manufakturwarenladen und eine Zweigstelle des Nassauischen Sparkasse. 1938 wurde das Anwesen an eine nichtjüdische Familie verkauft.  
  
Ein Betraum in Mensfelden befand sich im ersten Stock des Eckhauses Laistraße (heute Sonntagsstraße) und Fahlerstraße. Hier kamen noch bis 1938 die Gemeindemitglieder aus Heringen und Mensfelden zusammen. Der Betraum wurde beim Novemberpogrom 1938 verwüstet (Informationen zum Betraum Mensfelden erhalten von Markus Streb vom 4.1.2015).      
    
    
Adresse/Standort der Synagoge     Heringen, Hauptstraße 25  -  Kirberg, Wassergasse 7  -  Mensfelden Ecke Sonntagsstraße/Fahlerstraße    
     
     
Fotos
(Quelle: Altaras s. Lit. 1988 S. 95-96 und 2007)

Synagoge in Heringen Heringen Synagoge 142.jpg (46945 Byte) Heringen Synagoge 141.jpg (71044 Byte)
   Der Plan und die isometrische Rekonstruktionszeichnung zeigen (dunkelgrau markiert) 
den 1846 zur Synagoge umgebauten Teil der Scheune hinter dem Wohnhaus Hauptstraße 25
      
Heringen Synagoge 143.jpg (54385 Byte) Heringen Synagoge 140.jpg (68849 Byte) Heringen Synagoge 144.jpg (61172 Byte)
Vorderhaus Hauptstraße 25 
(ehemaliges Haus der Familie Strauß,
 daher "Juddehaus" genannt)
linker Teil der Scheune, ehemals Synagoge
 mit Fenster aus der Synagogenzeit
(Foto vom September 1985
Westlicher Giebel der Synagogenscheune 
mit dem Ansatz des Eingangsvorbaus
(Foto vom September 1985)
      
Synagoge in Kirberg   Kirberg Synagoge 141.jpg (59390 Byte) Kirberg Synagoge 140.jpg (50957 Byte)
   Der Betraum befand sich im rückwärtigen (= linken, durch den Efeubewuchs dunkel
 erscheinenden) Teil des Fachwerkhauses in der Wassergasse 
(Foto links September 1985, Foto rechts August 2002) 
       
     
     
Ehemaliges jüdisches Haus in Mensfelden 
(Foto erhalten von Markus Streb) 
Mensfelden Rathaus 010.jpg (131194 Byte)
    Das Foto zeigt das ehemalige Rathaus von Mensfelden in der Fahlerstraße. Das Haus gehörte bis 1938 der jüdischen Familie Albert Besmann und kam danach in nichtjüdischen Besitz ("arisiert"). Die Kinder von Albert Besmann und Johanna geb. Lichtenstein konnten rechtzeitig auswandern. Zu dem Haus der Besmanns gehörten auch Stallungen und eine Scheune. Das Hoftor der Besmanns befand sich links des Gebäudes; das rote Tor rechts gehörte nicht zu zum betreffenden Haus.   
     
     

 
  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   

Mai 2014: Nachkommen der Familie Seemann (Mensfelden) auf Spurensuche   
Artikel von Robin Klöppel in der "Nassauischen Neuen Presse" vom 20. Mai 2014:  "Spurensuche in Mensfelden.
Yaron Arieli war zwar schon öfter in Deutschland, Mensfelden hat er aber nun zum ersten Mal besucht. Dort steht das Elternhaus seiner Großmutter. Gemeinsam mit seiner Frau Osnat war er jetzt aus Israel gekommen, um sich auf Spurensuche zu begeben..." 
Link zum Artikel     
Anmerkung (Angaben von Markus Streb): die Großmutter Minna Seemann wuchs zusammen mit ihrem Bruder Arthur in einem Haus in der Hehnerstraße (früher Neustraße, in der NS-Zeit Adolf-Hitler-Straße) in Mensfelden auf; ihre Eltern waren Israel und Amalie Seemann (Israel war in Mensfelden als Viehhändler tätig, Amalie hatte ein Manufakturwarengeschäft; Israel starb nach der Deportation über das Ghetto Theresienstadt im Vernichtungslager Treblinka; Amalie starb an Suizid 1940). Minna heiratete Max Löwenstein aus Laufenselden (im Zusammenhang mit einem NS-Prozess gegen ihn 1935 "gestorben") mit dem sie in Laufenselden lebte und drei Kinder hatte: Elsbeth (1920), Hannelore (1924) und Uri Kurt (1927). Minna Löwenstein geb. Seemann wurde 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Sie ist umgekommen. Tochter Elsbeth lebte Ende der 1930er-Jahre in England, von dort kehrte sie zu ihrer Mutter zurück, die zwischenzeitlich nach Frankfurt umgezogen war, bis ihr (Elsbeth) die Ausreise in die USA gelang (gest. 1995 als Elsie Dola); ihre Geschwister Hannelore und Kurt konnten nach Holland emigrieren, von wo Hannelore später auch deportiert und 1943 in Sobibor ermordet wurde; Kurt konnte nach Palästina emigrieren. Minnas Bruder Arthur, ebenfalls aus Mensfelden, konnte mit seiner Frau in die USA emigrieren.   
 
September 2015: Rundgang auf den Spuren der jüdischen Geschichte in Mensfelden    
Artikel von Johannes Koenig in der "Nassauischen Neuen Presse" vom 22. September 2015: "Opfer des Holocaust Jüdische Schicksale in Mensfelden
Bis 1939 lebten in Mensfelden etwa acht jüdische Familien. Ihre Geschichte schilderte Markus Streb während eines sehr gut besuchten Rundgangs durch das Dorf. 
Seit 1673 sind jüdische Einwohner in Mensfelden dokumentiert, 1741 wurde der erste Gebetsraum eingerichtet, im 19. Jahrhundert zählte die Gemeinde 60 Mitglieder, 1932 erhielt die NSDAP dann aber über 70 Prozent der Stimmen und 1939 waren die letzten jüdischen Familien aus Mensfelden geflohen. So in etwa könnte der Anfang und das Ende des jüdischen Lebens in Mensfelden umrissen werden.
Auf einem rund anderthalbstündigen Rundgang durchs Dorf berichtete Markus Streb (28) über die Geschichte der Familien, die bis zu ihrer Vertreibung dort gelebt hatten. Auch heute stehen noch ein paar ihrer ehemaligen Häuser, die sie, wie überall in Deutschland, schließlich weit unter ihrem Wert verkaufen mussten. Einige andere sind inzwischen abgerissen und durch neue ersetzt worden.
Aufmerksam geworden auf das Thema war Streb, als er vor sechs Jahren im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden eine Prozessakte entdeckte. Diese behandelte die Anzeige des aus Mensfelden stammenden US-Bürgers Max Stein. Dieser war bei einem Heimatbesuch vom lokalen SA-Mann angegriffen worden. Es lag an der amerikanischen Staatsbürgerschaft und der Ankündigung Steins, sich an die amerikanische Botschaft zu wenden, dass die Behörden überhaupt aktiv wurden. 'Ein antisemitischer Vorfall auf dem Dorf hätte sonst niemanden interessiert', betonte Streb.
Eine weitere bedrückende Erkenntnis des Rundgangs war, dass wohl die materiellen Mittel der etwa acht jüdischen Familien in Mensfelden über Leben und Tod entschieden. 'Es lebten zum Beispiel zwei Familien Stein hier', berichtete der Referent. Die Kaufmannsfamilie Hermann Stein, zu der auch Max zählte, gehörte zu den reichsten des Dorfes. Sie war eine der ersten gewesen, die über einen eigenen Telefonanschluss und ein eigenes Auto verfügte. 'Sie hatten Geld und Kontakte ins Ausland und konnten rechtzeitig fliehen.'
Gespräche mit Zeitzeugen. Anders erging es der anderen Familie Stein, zu der ebenfalls ein Max Stein zählte. Sie war arm, kannte niemanden im Ausland und wurde schließlich Opfer des Holocausts. 'Ich konnte noch mit rund zehn Zeitzeugen sprechen', erzählte Streb. Diese Familie war noch in 'relativ guter Erinnerung', weil sie nach den Boykotten jüdischer Geschäfte gezwungen war, in der Nachbarschaft nach Essen zu fragen. Die Kontaktaufnahme mit Zeitzeugen war in der Regel relativ unkompliziert, erzählte Streb. 'Viele waren geradezu erleichtert, ihre Erinnerungen zu teilen.'
Wobei diese nicht immer zuverlässig sind. So glaubten viele fälschlicherweise, dass die verbliebenen jüdischen Dorfbewohner im Zuge der Reichspogromnacht auf einen Lkw verfrachtet, weggefahren und seitdem nicht mehr gesehen wurden. Vermutlich gab es einen solchen Vorfall, aber die Betroffenen sind danach wahrscheinlich noch einmal ins Dorf zurückgekehrt. Eine Station der Führung war das alte Gasthaus Klapper, in dessen markanten, heute noch existierenden Festsaal jüdische Nachbarn während der Pogromnacht verschleppt und misshandelt wurden.
Nach der Veranstaltung trafen sich noch etwa 20 Teilnehmer zur Diskussion in der Erich-Valeske-Halle. 'Wir haben verschiedene Formen des Gedenkens diskutiert und überlegt, wo ein möglicher Gedenkstein oder eine Gedenktafel stehen könnte', erzählte Markus Streb. Als nächster Schritte sei vereinbart worden, mit der Gemeinde Hünfelden in einen Dialog darüber zu treten. Die Bereitschaft, ein permanentes Gedenken in Mensfelden zu schaffen, sei jedenfalls sehr groß. Die genaue Form müsse aber noch diskutiert werden. Bisher wurde aber keine Form explizit ausgeschlossen, sodass es auch eine Mischung verschiedener Gedenkformen geben könnte."  
Link zum Artikel          

      

   
Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Hünfelden  
Website zu Kirberg  

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 132-133.  
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 94-96.     
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 82 (keine weiteren Informationen).
dies.: Neubearbeitung der beiden Bände. 2007². S. 225-227.     
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirk Gießen und Kassel. 1995 S. 134.    
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 418-419.
Markus Streb: Von Mensfelden nach Naharija. Das bewegte Leben des Adolf Besmann. In: Nassauische Annalen 127 2016. VDS. Neustadt a.d. Aisch S. 301-316.    

      
       


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Dauborn Hesse-Nassau. In 1750, Jews from Dauborn and from three neighboring villages - Heringen, Kirberg and Mensfelden - established a community with synagogues in Kirberg (1744) and Heringen (1846). They numbered 130 altogether in 1843, but only 49 in 1933, thereafter falling victim to Nazi terror. By 1939 all the Jews had left.  
   
    

                   
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Stand: 15. Juli 2017