|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zurück zur Übersicht "Synagogen in Niederbayern"
Straubing
(Kreisfreie Stadt, Niederbayern)
mit Deggendorf, Landshut, Passau, Plattling, Vilshofen
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
(english
version)
In dem 1218 zur Stadt erhobenen und an der Kreuzung wichtiger Straßen gelegenen
Straubing bestand eine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter. Spätestens
in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert lebten Juden in der Stadt, die den
bayerischen Herzögen (Herzogtum Bayern-Straubing, nach 1425 Bayern-München)
unterstanden. Mehrfach litt die Gemeinde schwer unter Verfolgungen. Im September
1338 erreichte die von Deggendorf ausgehende Verfolgungswelle auch
Straubing: die Juden der Stadt wurden verbrannt, worauf eine schwere
Feuersbrunst in der Stadt ausbrach. Der Herzog verzieh den Straubinger Bürgern
den Mord, überließ der Stadt das geraubte Judengut und befreite die Bürger
von den Schulden an Juden. Einige Jahre später lebten wieder einige Juden in
der Stadt, die - zumindest teilweise - bei der Verfolgung in der Pestzeit
1348/49 umgebracht wurden. An Einzelpersonen werden genannt: Michel von
Straubing 1328-35 in Regensburg, David von Straubing 1371 in Regensburg. An
Gelehrten der jüdischen Gemeinde werden Isaak ben Eljakim und Salomon von
Straubing genannt.
Nach der Verfolgung in der Pestzeit lebten seit 1366 wieder einige Juden
in der Stadt. Zwischen 1421 und 1426 waren es zwischen neun und 15
Familien, 1435 zwölf. Jüdische Häuser lagen insbesondere oder ausschließlich
in der im 15. Jahrhundert (1428, 1465) genannten Judengasse, ein Teil der
heutigen Rosengasse (südlich und unweit des Marktplatzes). Wie in anderen Städten
dieser Zeit lebten auch die Juden Straubings vor allem vom Geldhandel. Der
bedeutendste Geldhändler war der von den Herzögen mit Privilegien
ausgestattete Geldhändler Michel, der bis 1422 teilweise in Regensburg,
danach nur in Straubing lebte. 1435 wurden die Juden der Stadt vom Herzog
Albrecht III. gefangen gesetzt. Der Rat der Stadt hatte sich "über übermäßige
Belastungen durch die Juden" und über "sittliche Verfehlungen und
Fluchtgefahr" beschwert. Zwar kamen die Juden bald wieder frei, doch wurden
sie nach dem Regierungsantritt Herzog Albrechts von Bayern-München (1438) aus
der Stadt vertrieben (vermutlich 1442). Aufnahme fanden die Straubinger
Juden vermutlich in Landshut und Regensburg.
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten jüdische
Personen wieder in der Stadt zuziehen. 1867 wurden 4 jüdische Einwohner gezählt,
1871 22, 1880 36, 1890 41. Es kam in der Stadt zur Entstehung der einzigen jüdischen
Gemeinde in Niederbayern im 19./20. Jahrhundert. Sie wurde 1897 unter dem
damaligen Vorsteher Bankier Salomon Lippmann gegründet. Damals wohnten 12 jüdische
Familien in der Stadt, zehn Jahre später waren es 24 Familien. 1897
wurde ein Betsaal eingerichtet; 1907 eine Synagoge erbaut (siehe unten), 1923
ein Friedhof
angelegt. Die Gemeinde wurde (offiziell erst seit 1927) vom Regensburger
Bezirksrabbiner betreut.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Unteroffizier
Heinrich Lippmann (geb. 16.12.1891 in Straubing, gef. 11.8.1914), Sigmund Frank
(geb. 15.5.1889 in Edelfingen, gef. 2.2.1915), Jakob Adler (geb. 28.4.1894 in
Karbach, gef. 22.6.1915), Gefreiter Hugo Springer (geb. 18.10.1892 in Hüttenbach,
gef. 24.10.1916) und Vizefeldwebel
Adolf Preuß (geb. 17.3.1898 in Straubing, gef. 30.9.1918). Ihre Namen stehen
auf einem Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges an der linken
Seitenwand der Synagoge in Straubing sowie auf dem Ehrenmal der Stadt für die
Gefallenen der Weltkriege und für die Opfer des Nationalsozialismus, das 1963
an der Straße "Am Kinseherberg" im "Straubinger Pulverturm"
eingeweiht wurde. Außerdem ist gefallen: Wilhelm Schwarzhaupt (gef. 29.4.1892
in Straubing, vor 1914 in Nürnberg wohnhaft, gef. 1.11.1914).
Um 1925, als zur jüdischen Gemeinde 102 Personen gehörten (0,42 % von
insgesamt etwa 24.000 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Max Loose,
David Bloch, Karl Schwarzhaupt, Moritz Wallenreich, Oskar Wachhaus. Als Lehrer
war Nathan Frank angestellt. Er erteilte vier jüdischen Kindern in der Religionsschule
der Gemeinde Religionsunterricht (1932: 15 Kinder). Zur jüdischen Gemeinde in
Straubing gehörten damals auch die in Landshut, Vilshofen,
Deggendorf,
Plattling (zusammen 82) sowie in Passau
(15) lebenden jüdischen Einwohner. Den in diesen Orten lebenden jüdischen
Kindern erteilte der Straubinger Lehrer Frank gleichfalls Religionsunterricht.
An jüdischen Vereinen gab es in Straubing: den 1908 gegründeten
Israelitischen Wohltätigkeitsverein "Chewra Kadischa" (67
Mitglieder, Ziele Unterstützung Hilfsbedürftiger, Bestattungswesen) und den
1909 gegründeten Israelitischen Frauenverein (69 Mitglieder, Ziele wie
beim Männerverein). 1932 lebten 115 jüdische Personen in Straubing. In
den dazugehörenden Städten waren es zusätzlich: 45 Personen in Landshut, 48
in Passau, 21 in Vilshofen, 15 in Deggendorf, 13 in Plattling. 1932 war
Gemeindevorsteher weiterhin Max Loose (vgl. unten Bericht zu seinem 65.
Geburtstag 1935), 2. Vorsitzender O. Selz, Schatzmeister Karl Schwarzhaupt.
An jüdischen Geschäften/Gewerbebetrieben gab es in Straubing u.a. drei
Viehhandlungen, drei Textilgeschäfte, eine Hopfengroßhandlung, ein
Haushaltswarengeschäft, ein Kaufhaus und eine Kurzwarengroßhandlung.
1933 wurden 110 jüdische Einwohner
gezählt. Sofort nach der
nationalsozialistischen Machtübernahme trafen auch die Straubinger Juden
verschiedene Gewaltmaßnahmen. Im März 1933 wurde der Güterhändler Otto Selz
von SA-Leuten in einem Wald bei Weng (Kreis Landshut) ermordet. Acht Monate
später drangen Nationalsozialisten in das Landgut des Ermordeten ein, hissten
die Hakenkreuzfahne und verjagten den Verwalter und die Wirtschaftsleiterin. Im August 1933 wurde
Juden das Baden in der Donau verboten. Schwer traf die jüdischen
Geschäftsinhaber der nationalsozialistische Boykott, der durch die Partei
streng überwacht wurde. Mindestens 10 der jüdischen Einwohner konnten in den
folgenden Jahren auswandern, elf verzogen in andere Orte in Deutschland. Beim
Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört
(s.u.), ein jüdisches Schuhgeschäft wurde geplündert. Alle jüdischen
Männer und ein Teil der Frauen wurden verhaftet. Von den 30
Gemeindemitgliedern, die im April 1942 noch in Straubing lebten, wurden 21 nach
Piaski bei Lublin deportiert und ermordet, fünf im September 1942 und einer im Februar
1945 nach Theresienstadt deportiert.
Von den in Straubing geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", vgl. Gedenktafel in der Synagoge Straubing links): Else Ansbacher (1921), Frieda Ansbacher
geb. Stern (1896), Lilli
Ansbacher (1926), Max Ansbacher (1876), Theobald Auernhaimer (1920),
Jenny Baumblatt geb. Straus (1897), Julius Baumblatt (1893), Lore Baumblatt (1924), Sabina
Baumblatt (1926), Ernst Bloch (geb. ?), Irma Brasch geb. Silber (1908),
Moritz Dreyfus (1878), Karl
Epstein (geb. ?), Paula Epstein (geb. ?), Antonie Firnbacher geb. Lang (1870),
Berta Firnbacher geb. Rau (1861), Salomon Firnbacher (1868), Flora (Frieda)
Frank geb. Klein (1876), Nathan Frank (1881), Sara Frank (1891), Dora (Doris, Dorle) Friedmann geb. Sommer (1906), Herfried Gutmann
(1924), Martin Gutmann (1918), Regina Gutmann geb. Happ (1894), Reimar Gutmann
(1926), Recha Hellmann geb. Frank (1883), Martha Kirschbaum geb. Haimann
(1897), Frieda Kleefeld geb. Nass (1898), Hedwig Köhler geb. Katzenstein
(1882), Walter Köhler (1918), Ida Kronberger geb. Preuss (1897), Stefan
Künstler (geb. ?), Therese Lippmann (geb. ?), Wigand (Weigand) Löb (1885),
Emil Löwenthal (1896), Selma
Löwenthal geb. Firnbacher (1900), Sofie Löwenthal (geb. ?), Uri Löwenthal
(1939), Edith Löwy (1904), Ella Löwy (1908), Hedwig Löwy geb. Eben (1882),
Herbert Löwy (geb. ?), Julie Loos (geb. ?), Amalie (Malchen) Lorch geb.
Firnbacher (1889), Amalie Luchs geb. Luchs (1873), Frieda Marcus geb. Schowe
(1883), Hugo Marcus (1885), Karl May (geb. ?), Sylvia May (geb. ?), Nanette
Pfeiffer (geb. ?), Dr. Siegfried Pfeiffer (1896), Frieda Sämann (geb. ?), Kurt
M. Schlesinger (1899), Sofie
Schwartz (geb. ?), Emma Schwarzhaupt (geb. ?),
Karl Schwarzhaupt (geb. ?), Sidonie Seligmann (1881), Otto Selz (geb. ?), Recha
(Reya) Selz geb. Springer (1889),
Sophie Selz geb. Springer (1901), Rosita Silbermann geb. Schwarzhaupt (1889),
Isidor Spiegel (geb. ?), Heinrich Springer (1886), Otto Stein (1877), Adolf
Strauss (1881), Elisabeth (Else) Strauss (1914), Karolina (Lina) Strauss geb.
Gerstner (1883), Hugo Weinschenk (1908).
Die kursiv markierten Personen stehen nicht auf der Gedenktafel in
Straubing. |
Nach
1945: Nach Kriegsende kehrten drei Mitglieder der ehemaligen jüdischen
Gemeinde nach Straubing zurück. Im Februar 1946 gründeten Überlebende von Konzentrationslager,
die sich in Straubing zusammengefunden hatten, eine neue jüdische Gemeinde.
Nach Gründung des Staates Israel 1948 verließ ein Teil Straubing. Dennoch
blieb die Gemeinde bestehen. 1976 lebten 126 jüdische Personen in
Straubing. Zwanzig Jahre später (2006) lebten 950 jüdische Personen in
der Stadt als Folge der Zuwanderung von Emigranten aus den Ländern der
ehemaligen Sowjetunion. Straubing bildet das Zentrum der in Niederbayern
lebenden jüdischen Personen (insgesamt 2006 etwa 1.400 Personen; vgl.
Presseartikel von 2010 unten).
Zur Geschichte der Juden in den Filialorten der jüdischen Gemeinde Straubing:
 | Deggendorf:
Siehe Unterseite zu Deggendorf
(interner Link). |
 | Landshut:
In Landshut bestand eine jüdische Gemeinde bereits im Mittelalter.
Erstmals werden Juden 1291 genannt. Bei der sogenannten Rindfleisch-Verfolgung
wurden 1298 über 30 Männer, Frauen und Kinder ermordet. Die Namen
der Erschlagenen sind bis heute bekannt. Im 14. Jahrhundert entstand eine
neue Gemeinde. Im November 1348 wurden Juden in der Stadt bei der
Pestzeit-Verfolgung ermordet.
In der Stadt sind
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Juden zugezogen, ohne dass es
zur Gründung einer selbständigen jüdischen Gemeinde kam: 1867 6, 1871 10,
1880 20, 1890 28, 1900 46, 1910 60, 1925
45, 1933 48, 1939 18 jüdische Einwohner. Die jüdischen Personen schlossen
sich der Gemeinde in Straubing an. Der Bericht links aus der
"Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. Oktober 1859
berichtet von der ersten jüdischen Hochzeit in Landshut seit dem
Mittelalter.
Nach 1933 wanderten 17 der jüdischen
Einwohner aus, 14 verzogen in andere deutsche Ort. Beim Novemberpogrom 1938
kam es zu Ausschreibung gegen die Juden am Ort. Dabei wurde der jüdische
Kaufmann Hugo Hahn festgenommen und nach Dachau verbracht. Mehrere der
jüdischen Einwohner begingen unmittelbar vor den Deportationen Selbstmord.
Die letzten elf wurden im April 1942 nach Piaski bei Lublin deportiert und
ermordet. 1944/45 bestand ein Außenkommando des KZ Dachau für etwa 500
Häftlinge bei der Stadt (fast nur jüdische Häftlinge). |
 | Passau:
siehe Unterseite zu Passau (interner
Link). |
 | Plattling: In der Stadt sind
seit der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts einige Juden zugezogen, ohne dass es zur Gründung einer
selbständigen jüdischen Gemeinde kam: 1910 13 Personen, 1925 13, 1933 11.
März 1938 keine jüdischen Einwohner mehr.
Aus beziehungsweise in Plattling sind in der NS-Zeit umgekommen: die in
Plattling lebenden Angehörigen der Familie Kohn: Eugenie Kohn (1881), Oskar
Kohn (1881), Paul Kohn (1906), dazu zahlreiche Personen, die 1944/45 in dem
Außenkommando Plattling des Lagers Flossenbürg auf Grund der
katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen gestorben sind.
Gedenkstein für die
Opfer der NS-Zeit aus Plattling vor dem kommunalen Friedhof in
Plattling
(Fotos: Hubert Joachim, www.weltkriegsopfer.de) |
 |
 |
|
 | Vilshofen. In Vilshofen
lebten bereits im 14./15. Jahrhundert einige Juden (1331-32 und 1336 genannt).
1337 oder 1338 traf die von Deggendorf ausgehende Verfolgung auch die Juden
in Vilshofen. 1392 werden in Passau nach Vilshofen genannte Juden erwähnt.
In Vilshofen selbst wird erst 1425 wieder ein Jude genannt (Germania Judaica
II,2 S. 856; III,2 S. 1541).
In der Stadt sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Juden
zugezogen, ohne dass es zur Gründung eines selbständigen jüdischen
Gemeinde kam. Die Vilshofener Juden waren der Gemeinde in Straubing
angeschlossen. Zahlen: 1910 23 jüdische Einwohner, 1925 21, 1933 23, 1938
12. Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Schaufenster der jüdischen
Läden eingeworfen, die noch in Vilshofen lebenden Juden wurden aus ihren
Häusern geholt und in das Gefängnis von Passau gebracht. Bis 1940 waren
von den 1933 hier wohnten Personen 16 ausgewandert, sechs zogen in andere
deutsche Ort (München, Nürnberg).
|
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1908
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Oktober 1908: "In
unserer Gemeinde ist die Stelle eines Religionslehrers, Vorbeters und
Schächters per 1. Januar 1909 neu zu besetzen. Grundgehalt Mark
1.500.-, Mindesteinkommen für wöchentlich einmaligen Religionsunterricht
in Passau und Landshut, Schächtgebühren etc. Mark 1000.-
Es wird auf eine stimmbegabte Kraft reflektiert.
Seminaristisch gebildete Lehrer, die ihre staatliche Anstellungsprüfung
mit Erfolg gemacht haben, wollen sich bis längstens 15. November dieses
Jahres unter Vorlage ihrer Zeugnis-Abschriften melden.
Straubing, 21. Oktober 1908. S. Lippmann. I. Vorstand." |
Berichte zu einzelnen Personen in der Gemeinde
Zum Tod von Luise Niederheimer (1911)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni 1911:
"Straubing, 12. Juni (1911). Am Erew Schawuoth (Vortag
vor dem Wochenfest, d.i. 1. Juni 1911) verschied hier, wo sie
die letzten Jahre bei ihrer Tochter verbrachte, Frau Luise Niederheimer,
Gattin des vor einigen Jahren verstorbenen Moritz Niederheimer, der über
30 Jahre Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde in Roth am Sand war. Um
der teuren Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen, waren viele Freunde
und Bekannte aus nah und fern erschienen, und kein Auge blieb trocken, als
Herr Rabbiner Kohn aus Ansbach und Herr Lehrer Adler aus
Roth am Sand in
ergreifenden Worten die herrlichen Tugenden dieser frommen Frau
schilderten. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Heinrich Lippmann aus Straubing - erster jüdische Gefallener aus Bayern im
Ersten Weltkrieg (1914)
Im Ersten Weltkrieg fiel am 12. August
1914 aus der jüdischen Gemeinde Straubing Heinrich Lippmann, Sohn des genannten
Bankiers Salomon Lippmann. Er war der erste jüdische Gefallene aus Bayern im
Ersten Weltkrieg (siehe Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 4. September 1914). |
65. Geburtstag des Gemeindevorstehers Kommerzienrat Max
Loose (1935)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. Juni
1935: "Straubing. Am 10. Juni beging der Vorstand unserer
Gemeinde, Herr Kommerzienrat Max Loose, seinen 65. Geburtstag. Er hat sich
nicht nur um die Leitung unserer Gemeinde große Verdienste erworben,
sondern gehörte auch lange Zeit zu den geschätzten Mitarbeitern
zahlreicher Körperschaften und Vereinigungen, in denen er an führender
Stelle Ersprießliches leistete. Seine Verdienste fanden durch
verschiedene Auszeichnungen die gebührende Anerkennung. Möge es ihm
vergönnt sein, seine segensreiche Tätigkeit in unserer Gemeinde noch
viele Jahre fortzusetzen." |
Zum Tod von Hulda Wollenreich (1935)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juli 1935: "Straubing
a.D., 7. Juli (1935). Unsere Gemeinde hat einen schweren Verlust erlitten.
Frau Hulda Wollenreich - seligen Andenkens -, Vorsteherin des
Frauenvereins, wurde uns nach kurzer Krankheit entrissen. Mit ihr ist eine
wahre wackere Frau dahingegangen, die sich durch ihr Wirken auf dem
Gebiete der Wohltätigkeit die Wertschätzung und Achtung aller, die sie
kannten, erworben hat. Bei der am Erew Schabbat Kodesch Korach
(Freitag von Schabbat mit der Toralesung Korach, d.i. 4. Mose 16,1
- 18,32, d.h. am Freitag, 5. Juli 1935) stattgehabten Beisetzung,
an der sich außer der Gemeinde auch viele Andersgläubige beteiligten,
kam die Anerkennung ihrer Verdienste so recht zum Ausdruck. Lehrer Frank
zeichnete am Grabe ein Bild der Dahingeschiedenen. Herr Lehrer Sulzbacher,
Biebrich, äußerte die Gefühle des
Schmerzes der Familie und nahm in ihrem Namen in bewegten Worten Abschied
von der Entschlafenen. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens." |
Dokument aus dem Ersten Weltkrieg
(erhalten von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries)
 |
 |
|
Feldpostkarte, verschickt am
8.4.1915 aus Wassertrüdingen von Unteroffizier Fritz
Prager
an seinen Bruder Herrn Rechtsanwalt Prager in
Straubing. |
Anzeigen und
Dokumente jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige der Frau von Lehrer Stern
(1900)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juli 1900:
"Ein Mädchen
gesucht, das kochen kann und Hausarbeit neben zwei Mädchen übernimmt.
Perfekte Köchin nicht notwendig, kann sich ausbilden.
Frau Lehrer Stern, Straubing." |
| |
| |
| Dokument des
Bankgeschäftes Salo Kohn & Co. (1918) |
Briefumschlag
eines Brief des Bankgeschäftes Salo Kohn & Co. in Straubing,
verschickt am 15. April 1918 nach München
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller,
Kirchheim/Ries). |
Geburtsanzeige für einen Sohn von Zahnarzt Dr.
Friedrich Gutmann und Regina geb. Happ (1924)
Anmerkung: angezeigt wird die Geburt von Herfried Gutmann, geb. 28.1.1924 in
Regensburg, der später in Groß Breesen und Berlin lebte. Er ist am 15. März
1945 im KZ Mauthausen umgekommen. Auch seine Mutter Regina Gutmann geb. Happ
(geb. 1894 in Pleschen, Posen) ist umgekommen (1944 KZ
Bergen-Belsen).
Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins)
vom 7. Februar 1924: "Die Geburt eines Sohnes zeigen an Dr.
Friedrich Gutmann, Zahnarzt und Frau Regina geb. Happ. Straubing, 28.
Januar 1924, zurzeit Regensburg, Sedanstrasse 14. Hofrat Dr. Doerflers
Privatkilink". |
Hochzeitsanzeige für Max Levite und Irma geb.
Schwarzhaupt (1924)
Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins)
vom 14. Februar 1924:
"Max Levite - Irma Levite geb. Schwarzhaupt.
Vermählte. Straubing.
Trauung: 18. Februar 1924. München, Hotel Vier
Jahreszeiten". |
Zur Geschichte der Synagoge in Straubing
Mit
der Gründung eines jüdischen Gemeinde 1897 konnte auch ein erster Betsaal der
Gemeinde eingeweiht werden.
Die Einweihung des Betsaales (1897)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30.
September 1897: "Straubing, 16. September. Eine herrliche Feier hat am 3. und 4.
September (1897) hier stattgefunden. Seit kurzer Zeit besteht hier wieder eine
israelitische Kultusgemeinde. Bekanntlich hat seinerzeit auf der ersten
Generalversammlung des ‚Landesvereins’ Herr Dr. Meyer aus Regensburg die
Errichtung einer solchen Gemeinde beantragt. Durch die Bemühungen des Herrn
Salomon Lippmann dahier, welcher bereitwilligst auf diesen Plan einging, kam die
Gemeinde zustande.
Am Freitag nun wurde der sehr schön ausgestattete Betsaal feierlich eingeweiht.
Unter Teilnahme der ganzen Gemeinde fand die erhebende Feier statt. Der Bürgermeister
von Leistner, ein rechtskundiger Rat und zwei bürgerliche Räte des
Stadtmagistrats nahmen an derselben Teil. Dies beweist, welcher Geist bei dieser
hohen Behörde herrscht. Den gesanglichen Teil der Feier exekutierte Herr Lehrer
und Kantor Stern. Die Festpredigt hielt Herr Distriktsrabbiner Dr. Meyer aus
Regensburg. Am Samstag fand zugleich die Bar-Mizwah-Feier des Sohnes des Herrn
Lippmann, der erster Vorstand der Kultusgemeinde ist (zweiter Vorstand ist Herr
Seligmann) statt, wobei Herr Dr. Meyer abermals eine Predigt hielt. Ein
Festessen einigte Nachmittags die Teilnehmer. Ernste und heitere Reden würzten
das Mahl. Die schöne Feier wird allen Einheimischen und fremden Teilnehmern
unvergesslich sein. Möge die Kultusgemeinde Straubing wachsen, blühen und
gedeihen. Wir zweifeln nicht daran, dass sie sich durch Zuzug bald wesentlich
vermehren wird. Das Leben ist hier billig und angenehm. Bei den Israeliten
herrscht schöne Eintracht und sie leben mit den Andersgläubigen in schönstem
Frieden." |
Am 4. September 1907 konnte nach fünfmonatiger
Bauzeit eine Synagoge in Straubing eingeweiht werden.
Mit dem Bau der Synagoge wird
alsbald begonnen (1907)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 8. März 1907: "Straubing. An der Wittelsbacherstra0e
wird demnächst mit dem Bau der Synagoge, deren Pläne bereits vom
Magistrat genehmigt sind, begonnen werden. Die Baukosten sind auf 50.000
Mark veranschlagt. Der Bau soll bereits Jomkippur seiner Bestimmung
übergeben werden". |
Die Einweihung des Synagoge (1907)
Die "Allgemeine Zeitung
des Judentums" berichtete am 13. September
1907: "Straubing, 4. September (1907). Der heutige Tag
bedeutet für die hiesige israelitische Kultusgemeinde, der ersten in
Niederbayern, welche vor zehn Jahren mit zwölf Familien errichtet wurde und
deren nunmehr 24 zählt, einen Fest- und Ehrentag, da nach wenig mehr als fünfmonatlicher
Bauzeit die neue Synagoge durch den Distriktsrabbiner Dr. Meyer – Regensburg
heute feierliche eingeweiht wurde. Hofrat von Leistner, welcher zugleich als
Vertreter der königlichen Regierung von Niederbayern erschienen war, übermittelte
der israelitischen Gemeinde zunächst die wärmsten Glückwünsche der
Regierung, worauf er auch die Glückwünsche der Stadtverwaltung sowie der
gesamten Bürger- und Einwohnerschaft überbrachte. Er hob hervor, welch
ehrendes und rühmendes Zeugnis von der Opferwilligkeit glaubenstreuer Bürger
der schöne Tempel gebe. Mit dem Wunsche, dass von dem neuen Gotteshaus aus auch
für und für der Geist der Eintracht und Versöhnlichkeit gepredigt und in die
Herzen der Erwachsenen wie der Jugend die Liebe zum Landesfürsten und dem königlichen
Hause, die Liebe zur Vaterstadt und die Liebe zum engeren und weiteren
Vaterlande gepflanzt werde, übergab der Bürgermeister dem Distriktsrabbiner
Dr. Meyer den Schlüssel zur Öffnung des Tempeltors. Hierauf begab sich die
ganze Festversammlung, in welcher die Vertreter der katholischen und
protestantischen Geistlichkeit, der militärischen Stellen und Kommandos, der
staatlichen Behörden und städtischen Kollegien, die Baumeister,
Handwerksmeister und Lieferanten sowie die Mitglieder der Kultusgemeinde zu
erblicken waren, in die neue Synagoge, wo Rabbiner Dr. Meyer die Festrede hielt.
Abends fand Festessen mit Konzert statt."
|
| |
In
der orthodox-konservativen Zeitschrift "Der Israelit" war gleichfalls ein
Bericht zur Einweihung der Synagoge zu lesen (Ausgabe vom 12. September 1907):
"Straubing,
4. September (1907). Heute weihte die hiesige jüdische Gemeinde, die erst vor
10 Jahren mit 12 Familien gegründet wurde und jetzt 2 Familien zählt, ihre
neuerbaute Synagoge ein. Dieselbe weit 100 Sitzplätze für Herren und auf einer
Empore 60 für Damen auf. Der Bau, dem auch noch eine Schule und eine Wohnung
angegliedert wurde, kostete etwa 70.000 Mark. Bei der Einweihung waren sämtliche
städtischen und staatlichen Behörden vertreten. Herr Hofrat von Leistner
sprach als Vertreter der königlichen Kreisregierung wie auch im Namen der städtischen
Kollegien und der Bürgerschaft Straubings der israelitischen Kultusgemeinde die
herzlichsten Glückwünsche zur Erbauung ihres neuen Gotteshauses aus. Den Schlüssel
der Synagoge überreichte er dem Distriktsrabbiner Dr. Meyer – Regensburg, der
die Synagoge öffnete. Herr Distriktsrabbiner Dr. Meyer hielt sodann die
Festpredigt. Abends fand noch eine Familienunterhaltung mit Konzert statt.
|
| |
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 20. September
1907: "Straubing. Die vor 10 Jahren mit 12 Mitgliedern errichtete und
nunmehr 24 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde weihte ihre Synagoge
ein. Die Festpredigt hielt Herr Distriktsrabbiner Dr. Meyer -
Regensburg." |
Die
Straubinger Synagoge war nach Plänen des Architekten Hans Dendl erbaut worden.
Am 10. September 1932 konnte das 25jährige
Jubiläum der Synagoge gefeiert werden.
Das
25-jährige Jubiläum der Synagoge
(1932)
In der "Bayerischen Israelitischen
Gemeindezeitung" wurde am 1. Oktober 1932 berichtet: "Die Israelitische
Kultusgemeinde Straubing beging am 10. September das fünfundzwanzigjährige
Jubiläum ihrer Synagoge. Die Straubinger Kultusgemeinde, die einzige der
Regierungsbezirks Niederbayern, untersteht dem Bezirksrabbinat Regensburg und
wurde 1897 unter Führung des frommen und opferwilligen Bankiers Salomon
Lippmann s.A. begründet. Zehn Jahre später, 1907 wurde die Synagoge eingeweiht
Zur Jubiläumsfeier hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. Weinberg (Regensburg) die
Festpredigt, in der er der verdienten Gründer und Erhalter von Gemeinde und
Synagoge gedachte. Die abendliche Feier wurde durch die Ansprache von Herrn
Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer (Berlin) verschönt. Herr Kommerzienrat Loose,
der erste Kultusvorstand, gab einen Rückblick auf die Geschichte der Gemeinde,
er rief die Erinnerung an die Einweihungsfeier vor fast 25 Jahren unter dem
verewigten Distriktsrabbiner Dr. Meyer zurück und gab den Wünschen aller
Teilnehmer der Feier für die Zukunft Ausdruck."
|
| |
In
der Zeitschrift "Der Israelit" erschien am 22. September 1932 ein ähnlicher
Bericht: "Straubing, 18. September. Am Schabbat Ki Teze feierte die
hiesige Gemeinde die 25. Wiederkehr des Tages der Einweihung der im Jahre 1907
erbauten Synagoge. Aus diesem Anlass hielt Bezirksrabbiner Dr. Weinberg,
Regensburg, eine alle Zuhörer fesselnde Festpredigt, in der er u.a. den
Opfersinn der Männer hervorhob, die den herrlichen Bau, ein wahres Mikdasch
meat (kleiner Tempel) ermöglicht haben. Ein besonderes Gedenken widmete er
dem seinerzeit amtierenden Distriktsrabbiner Dr. Seligmann Meyer – das
Gedenken an den Gerechten dient zum Segen -. Eine gemütliche
Familienunterhaltung, in der Herr Rabbiner Dr. M. Hildesheimer, Berlin, der zufällig
anwesend war, herzerquickende Tora-Worte an die Versammelten richtete,
beschloss die Feier." |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge
verwüstet. Das Benzin zur Inbrandsetzung war offenbar von SS-Leuten schon
bereit gestellt, doch erhob der Feuerwehrkommandant der Stadt Einspruch. Er befürchtete, dass die umliegenden Häuser und das gegenüberliegende Altersheim
beschädigt würden. So wurde "nur" die Inneneinrichtung völlig verwüstet, das Gebäude
selbst blieb erhalten.
Nach
Kriegsende wurde bei der Polizei eine Kiste abgegeben. Sie enthielt die
Torarollen, Kerzenleuchter und Kultgegenstände. Es ist unbekannt, welcher der
SS-Leute die Gegenstände heimlich in Sicherheit brachte und sie den Krieg über
aufbewahrte.
Adresse/Standort der Synagoge: Wittelsbacherstraße 2
Kontaktadresse: Israelitische
Kultusgemeinde, Wittelsbacherstr. 2 94315 Straubing
Tel./Fax 09421/1387 E-Mail
ikg-straubing[et]t-online.de
Darstellungen / Fotos
 |
 |
 |
Die Synagoge in Straubing
(Quelle:
Isaak Meyer: Zur Geschichte der Juden
in Regensburg. 1913) |
Die Synagoge in
Straubing
(Quelle: www.straubing.de) |
Innenaufnahme vor Abschluss
der Renovierungsmaßnahmen 1988 |
| |
|
| |
|
|
Einzelne
Presseartikel zur jüdischen Gemeinde
| April 2010:
Über Israel Offmann und die jüdische Gemeinde
in Straubing |
Artikel von Stefan Rammer in der "Passauer Neuen Presse"
vom 23. April 2010 (Artikel
mit Fotos): "'Ich bin ein niederbayerischer Jude'
Der Herrgott hat mich dagelassen, damit ich meine Pflicht als Jude erfülle. Meine Aufgabe sollte fortan sein, die Synagoge in Straubing zu retten, die kleinste jüdische Gemeinde Deutschlands, die zum Untergang verurteilt war, vor diesem zu
bewahren.' Israel Offmann fühlt sich als Werkzeug Gottes: 'Deine Wege sind nicht deine Wege. Der liebe Gott führt
dich.' In Straubing und in seiner Gemeinde, der jüdischen Gemeinde Niederbayerns, wird er schon mal als Heiliger bezeichnet. Das hört er nicht gerne und weist er weit von sich. Der kleine Mann, der am 20. Juli 85 Jahre alt wird, sagt:
'Ich bin ein niederbayerischer Jude und ich bin ein Mensch.'
Israel Offmann hat Unmenschliches erlebt. Am 28. April 1945, also vor 65 Jahren, ist er aus dem Lager Ganacker bei Plattling, einem Außenlager des KZ Flossenbürg, befreit worden. Da war er 19 Jahre jung, wog noch 29 Kilo. Die vor der US-Army flüchtende SS hatte ihn liegengelassen.
'Ich war denen keine Kugel mehr wert.' Als ihn die Befreier gefunden haben, sollte ihm ein Geistlicher die letzte Ölung geben. Mit letzter Kraft hat er geflüstert:
'Nicht taufen. Ich bin Jude.' Er ist am Leben geblieben. Als 15-Jähriger wurde er im Ghetto Tschenstochau von der Gestapo verhaftet, weil er Gewehre für einen geplanten Ghettoaufstand geschmuggelt hatte. Eine Odyssee des Schreckens durch die Vernichtungslager Auschwitz, Sachsenhausen und Oranienburg begann.
Zuwachs dank der Kontingentflüchtlinge. Seine beiden Eltern und vier Geschwister wurden ermordet. Offmann musste in Auschwitz dolmetschen, weil er gut Deutsch konnte. Auch der Massenmörder-Arzt Josef Mengele forderte seine Dienste an.
'Wenn Sie mit ihm gesprochen haben, haben sie gar nicht gewusst, was das für ein Monster ist. Der Herr über Leben und
Tod.' Offmann will heute nur ungern darüber sprechen. Lieber spricht er über seine Lebensaufgabe, die er immer noch mit all seiner Kraft verfolgt: Die jüdische Gemeinde in Straubing mit Leben zu erfüllen. Nach der Teilnahme am israelischen Befreiungskrieg in Palästina ist er nach Straubing zurückgekommen, hat mit seiner großen
Liebe 1950 eine Familie gegründet. Heute hat er allen Grund zur Freude. Denn es geht wieder sehr lebendig zu. Nicht zuletzt dank seiner Tochter Anna Deborah Zisler, eines seiner vier Kinder, und sieben Enkel. Seit 1998 ist sie so was wie die
'Managerin der Gemeinde'.
Hatte die Gemeinde bis Anfang der neunziger Jahre gerade noch 60 Mitglieder, wurde sie ab 1993 vor eine gewaltige Aufgabe gestellt. Es kamen ab diesem Jahr bis heute
3.300 sogenannte Kontingentflüchtlinge aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion nach Niederbayern. Sie durften einreisen, weil sie einen jüdischen Hintergrund hatten. Sie kamen nach Straubing, Grafenau oder Landshut. Die Gemeinde wuchs bis zur Jahrtausendwende an auf bis zu 1800 Mitglieder. Die betagte Sekretärin und die zwei Leute um Israel Offmann, der bis dato als gefragter Holocaustzeuge, aber auch als Gemeindevorsitzender unermüdlich wirkte, stand vor großen Problemen. Seine Tochter, damals bei der Regierung von Niederbayern beschäftigt, wechselte in das Gemeindebüro. Zusammen mit Svetlana Zap versuchte sie der Fülle Herr zu werden, auch und in erster Linie der Fülle an Problemen. Die Neuankömmlinge konnten meist kein Deutsch, bestenfalls das alte Jiddisch. Svetlana Zap sprach anfangs nur Englisch. Heute lacht die 46-Jährige, wenn sie von den Missverständnissen erzählt, die es wegen der Sprache gab. Längst spricht sie perfekt Deutsch und leitet das Betreuungsbüro mit zwölf Mitarbeitern im Gemeindezentrum direkt bei der Synagoge in der Wittelsbacherstraße.
Und sie und die 55-jährige Anna Deborah Zisler sagen: 'Ja, es gibt wieder niederbayerisches jüdisches
Leben.' Sie sagen es mit einem 'Aber'. Denn schon wieder droht die Überalterung. Von den 1800 Mitgliedern ist nur noch die Hälfte da. Die Jugend und die mittlere Generation ist nach München oder nach Nürnberg gegangen. Wieder sind oft nur die Alten geblieben.
'Den noch verbliebenen jungen Mitgliedern und Familien muss jetzt unser ganzes Augenmerk
gelten', sagt Zisler. Die Tochter Offmanns hat über die Arbeit mit den neuen Gemeindemitgliedern wieder zum jüdischen Glauben gefunden. Und Svetlana Zap hat verstehen gelernt, was sie in ihrer Kindheit in Russland bei der Oma sah. Das Jüdischsein, das Feiern des Chanukkafestes und von Purim, den gemeinsamen Kiddusch an Jom Kippur, das traditionelle Essen in der geschmückten Sukkah am Laubhüttenfest und nicht zuletzt die Sederabende an Pessach. All das, was ein Gemeindeleben nach den Vorstellungen des Judentums ausmacht, galt es wieder oder neu zu lernen.
Heute gibt es wieder Kindergeschrei in der 1907 fertiggestellten Synagoge.
'Das stört nicht', sagt Offmann, 'das ist das beste Zeichen, dass wieder Leben da
ist.' Schlomo Appel (78), der Rabbi der Gemeinde, kann am Freitag und am Samstag seine Gemeinde versammeln, Gottesdienst feiern. Mindestens zehn erwachsene Männer müssen in einer orthodoxen Gemeinde anwesend sein. Ab 13 Jahren gilt man bei den Juden als Mann. Und es gibt wieder die Bar Mizwa (man kann dies mit der Firmung oder Konfirmation vergleichen). Männliche Kinder werden wieder beschnitten, auch wenn viele vor dieser Zeremonie am achten Tag nach der Geburt noch zurückschrecken. Mit der Beschneidung wird der jüdische Junge in den Bund Abrahams aufgenommen. Mädchen werden nicht
beschnitten.
Selbstbewusst das Judentum wieder leben. Svetlana Zap, Mutter eines Sohns und einer Tochter, erklärt, dass viele sich noch
schwer tun, die jüdischen Bräuche auch ganz anzunehmen und umzusetzen. Ihr Sohn Alexander geht in die 9. Klasse des Gymnasiums. Er geht zum Religionsunterricht in die Synagoge, am Sonntag. Andere Kinder besuchen lieber den Ethik-Unterricht oder auch die katholische Religionsstunde. Wie seine jüngere Schwester aber ist Alexander Zap daran interessiert, dass die anderen um ihr Judentum wissen.
'Solche selbstbewussten jungen Leute brauchen wir', sagt Zisler. Sie selbst hat in ihrer Schulzeit durchgesetzt, dass vor Schulbeginn nicht mehr der Satz gebetet wurde:
'Und es ward Finsternis, als die Juden den Herrn Jesus gekreuzigt haben.' 'Der Direktor hat das damals sofort geändert.'
Die Straubinger Synagoge ist ein offenes Haus. Viele Leute aus nah und fern kommen, um sie zu sehen, mehr über das Judentum zu erfahren. Zisler und ihr Vater erzählen von vielen Schulklassen und neugierig fragenden Kindern.
'Es gibt keine dummen Fragen. Wir lassen die Hosen runter, antworten auf
alles', lacht die agile rothaarige Frau auf dem Weg in die Synagoge.
Da schaut aus der Küche Zinaida Morduchovic (56) heraus. Sie stammt aus Litauen und ist die Köchin der Gemeinde. Für rund 50 Gemeindemitglieder kocht sie nach den Gottesdiensten, koscher natürlich, d.h. nach den jüdischen Speisegesetzen. Auch die doppelte Menge könnte sie bewältigen, meint sie und holt einen wunderbar duftenden Kuchen aus dem Herd.
'Zuerst gehen wir in die Synagoge', meint Israel Offmann, der Kippas (mit der Mütze drückt man die Ehrfurcht vor Gott aus) verteilt und dann den Schrein zur Thora, der wichtigsten Schrift der Juden mit den fünf Büchern Mose, öffnet. Ein letztes Mal äußert sich Israel Offmann, der die Hölle er- und überlebt hat, nochmal zu seiner Biografie:
'Sehen Sie, deshalb bin ich am Leben geblieben. Nach Kriegsende lebten noch zwei Juden in Straubing. Der Jude lebt immer mit Wundern und Hoffnung. Ist dieses Gemeindeleben nicht ein
Wunder?' " |
| |
| Juli 2012:
Ein Schülergruppe besucht die Synagoge
|
Artikel in idowa.de vom 11. Juli 2012:
"Plattling / Straubing. Schüler erlebten jüdische Kultur hautnah...."
Link
zum Artikel |
| |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,2 S. 806f; III,2 S. 1433-1437. |
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 64-74. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 334-335. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 141-150. |
 | Zum 80jährigen Jubiläum Artikel in der
"Süddeutschen Zeitung" Nr. 209 vom 12./13.9.1987 S. 25. |
 |
"Mehr als
Steine...." Synagogen-Gedenkband Bayern. Band I:
Oberfranken - Oberpfalz - Niederbayern - Oberbayern - Schwaben.
Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager. Hg.
von Wolfgang Kraus, Berndt Hamm und Meier Schwarz.
Reihe: Gedenkbuch der Synagogen in Deutschen. Begründet und
herausgegeben von Meier Schwarz. Synagogue Memorial Jerusalem. Bd. 3:
Bayern. Kunstverlag Josef Fink Lindenberg im
Allgäu.
ISBN 978-3-98870-411-3.
Abschnitt zu Straubing S. 321-343 (die Forschungsergebnisse
konnten auf dieser Seite von "Alemannia Judaica" noch
nicht eingearbeitet werden). |
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Straubing, Lower Bayaria. Jews
traded in town in the 13th century and inhabited a Jewish quarter in the early
14th century. The Jews were all murdered in September 1338 in the wake of the
massacre of the Jews in nearby Deggendorf and the renewed community was again
destroyed in the Black Death persecutions of 1348-49. In 1442, a third community
was expelled within the framework of the general expulsion from Munich.
The modern community was founded in the late 19th century and numbered 141 in
1910 (total 22.021). In the Nazi era the Jews suffered from a strict economic
boycott, with Jewish property 'aryanized' on 24 November 1938, two weeks after Kristallnacht
(9-10 November 1938), when the synagogue was vandalized. In the 1933-42 period,
ten Jews left Germany and another 19 took up residence in other German cities.
Of the remaining 30, most were expelled to Piaski in the Lublin district
(Poland) and to the Theresienstadt ghetto on 2 April and 23 September
1942.
The community established after the war by concentration camp survivors numbered
119 in 1970.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
diese Links sind noch nicht aktiviert
|