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Passau (Kreisstadt)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Passau - bis zum 16. Jahrhundert ein Zentrum des
internationalen Fernhandels - gab es im
Mittelalter eine größere jüdische Gemeinde. Schon in der sogenannten
"Raffelstätter Zollordnung" aus der Zeit um 903 werden neben
Bayern, Slaven und Russen ausdrücklich Juden genannt, die in den östlichen Gegenden von Bayern
zu Handelszwecken reisten. Ob es damals bereits Juden in der Stadt gab, ist
nicht bekannt. 1204 wird als einer der drei Mautner des Passauer Bischofs
David Judaeus genannt, ob er in Passau lebte, ist jedoch nicht bekannt. Eine
Urkunde von 1210 lässt die Anwesenheit von Juden in der Stadt vermuten. Damals kam es zu einem Vergleich zwischen
dem Bischof und den Juden, die schweren Schaden erlitten hatten, nachdem ihr Besitz
geraubt worden war. Eine Schadensersatzregelung wurde getroffen. In der zweiten
Hälfte des 13. Jahrhunderts waren sicher Juden in der Stadt. 1260
zahlten sie dem damaligen Bischof Otto eine größere Summe zum Rückkauf eines
Zehnten. Die Juden der Stadt lebten überwiegend vom Geldhandel. Ihre Häuser
lagen in der "Judenstraße" (heute: Steiningergasse), die von der Donau
zum damaligen Markplatz (heute Residenzplatz) führte. Die
Synagoge
befand sich am Innufer in der nach ihr genannten "Judenschulstraße"
(judenschulstrazz, 1362 und 1388 genannt, heute "Zinngießergasse"). Sie wird erstmals 1314 erwähnt. Die
Toten der Gemeinde wurden in dieser Zeit wahrscheinlich in Regensburg
beigesetzt.
Bei
der Verfolgung 1338 (vgl. Deggendorf) und derjenigen in der Pestzeit 1348/49
wurden möglicherweise auch Passauer Juden ermordet, da nach diesen
Verfolgungen erst 1371 wieder Juden in der Stadt genannt werden.
Möglicherweise wohnten sie in der Folgezeit nicht mehr in der "Judenstraße" (judenstraz,
1354 und 1371 genannt). Hier gehörten die Häuser in der zweiten Hälfte des
14. Jahrhunderts christlichen Familien.
Das jüdische Wohngebiet lag nun (spätestens seit Anfang des 15. Jahrhunderts)
in einem "Judenstädtl" ("oppidulum Judaeorum") am
Ilzufer zu Füßen des Oberhauses (in der Ilzstadt), wo sich nach einer
Überlieferung schon um 1100 aus Regensburg vertriebene Juden angesiedelt haben
sollen. Auch in der zweiten Hälfte des 14. und im 15. Jahrhundert lebten die Juden vom Geld- und
Pfandverleih; der Warenhandel lag damals weitgehend in den Händen der
christlichen Bürger. 1390 wurden die Passauer Juden
verhaftet. Sie wurden gezwungen, alle Schuldbriefe und Pfänder auszuliefern.
Spätestens seit 1418 war ein jüdischer Friedhof nördlich des "Judenstädtl"
vorhanden. 1419 wurde eine Kleidervorschrift erneuert, wonach die jüdischen Männer einen
spitzen Hut, die Frauen eine klingende Schelle zu tragen hatten. Bis zu etwa 15
jüdische Familien dürften in der Ilzstadt gelebt haben. Am 10. Februar 1478
wurden alle erwachsenen jüdischen Männer gefangengenommen und des
Hostienfrevels beschuldigt. Auf Grund der durch die Folter erzwungenen Aussagen
wurden am 10. März 1478 zehn von ihnen hingerichtet, darunter zwei Fremde.
Die übrigen wurden vertrieben, sofern sie sich nicht zur Taufe bereit
erklärten. Angeblich sollen 40 oder 46 Juden getauft worden. Im
Zusammenhang mit dieser Judenverfolgung wurde die Synagoge zerstört. Als
Sühnekirche wurde 1479 bis 1495 die Kirche St. Salvator erbaut. Sie soll
an Stelle einer Synagoge in der Ilzstadt erbaut worden
sein.
Die Kirche St. Salvator diente der Pflege des kirchlichen Antijudaismus in der
Stadt über mehrere Jahrhunderte. Ein Emporenkapellenumgang zeigte die "Heiltümer"
mit dem angeblichen Hostienfrevel. Dieser wurde bis zum 19. Jahrhundert auch auf
Tafelbildreihen dargestellt, die sich heute zum Teil im Passauer Oberhausmuseum
befinden. Ein angeblich zum Durchstechen der Hostien verwendetes Messer wurde in
eine prunkvolle Monstranz eingearbeitet.
Erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte jüdische
Personen wieder in Passau zuziehen, ohne dass es zur
Gründung einer selbständigen jüdischen Gemeinde kam. Die Zahl der
jüdischen Einwohner entwickelte sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wie
folgt: 1867 8 jüdische Einwohner, 1871 7, 1880
16, 1890 42, 1900 34, 1910 73 (0,3 % von insgesamt 20.983
Einwohnern), 1925 48, 1933 40 jüdische Einwohner. Die jüdischen Familien lebten vom
Handel mit Textilien, Schuhen und Holz.
Die jüdischen Familien des 19./20. Jahrhunderts hatten keine eigenen
Einrichtungen am Ort. Sie gehörten seit 1903 zur jüdischen
Gemeinde in Straubing. Die in Passau verstorbenen Juden wurden
auf dem jüdischen Friedhof in Straubing
beigesetzt.
Nach 1933 traf der wirtschaftliche Boykott die zwölf jüdischen
Geschäfte schwer. Als das jüdische Warenhaus "Merkur" im August
1935 seinen Ausverkauf abhalten wollte, verwehrten Posten der NSDAP den Käufern
den Zutritt in das Geschäft. Als die Übergriffe andauerten, schloss die
Polizei das Warenhaus. Am 31. August 1935 fande in Passau eine stark besuchte
antisemitische Kundgebung statt. Noch in der Nacht und an den folgenden Tagen
wurden auf die Schaufenster der jüdischen Läden Plakate mit antijüdischen
Parolen geklebt und antisemitische Handzettel verteilt. In kurzer Zeit gingen
nun sämtliche jüdischen Geschäfte in "arischen Besitz" über. Im
August 1938 wurde Robert Weilheimer festgenommen und in das Gefängnis von
Amberg gebracht. Er wurde später in Polen (Treblinka) ermordet. Bis zum
Beginn der Deportationen waren fast alle jüdischen Einwohner ausgewandert
oder von Passau verzogen (20 nach München, vier nach Berlin). Die zwei letzten jüdischen Einwohner waren
Frauen, die in "privilegierter Mischehe" lebten und den Krieg in
Passau überlebten.
Von den in Passau geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Johanna Maurus geb.
Bechert (geb. 1896 in Passau, später in München wohnhaft), gest. im November
1941 an Suizid, Aloisia (Luise) Schwarzschild geb. Klein (geb. 1909 in Passau,
später in Kaiserslautern wohnhaft, 1940 in das südfranzösische KZ Gurs
deportiert und umgekommen), Robert Weilheimer (1900).
Nach 1945 bildete sich in der Stadt eine jüdische Gemeinde aus ehemaligen
Lagerhäftlingen / Displaced Persons (überwiegend aus der Stadt und der
Region Kielce/Polen). Im Januar 1946 wurde eine jüdische
Gemeinde gegründet. Im August 1946 lebten 150 jüdische
Personen in der Stadt. Verwaltungssitz und kulturelles Zentrum der
jüdischen Gemeinde in Passau war das Hotel Deutscher Kaiser in der
Bahnhofstraße 30. Gemeindevorstand war Josef Holländer. Die Zahl der in
Wohnungen oder in Häusern Passaus zeitweise untergebrachten Juden lag bei bis
zu 280 Personen. Nach Gründung des Staates Israel 1948 sind die
meisten ausgewandert. Viele hatten sich vor der Auswanderung in einem
"Trainingskibbuz" im Soldenpeterweg 19 für die Auswanderung
vorbereitet (landwirtschaftliche Arbeiten usw.). 1961 wurden noch 35 jüdische Einwohner gezählt, 1976
20.
Seit den 1990er-Jahren erfolgte wieder ein etwas stärkerer Zuzug von
jüdischen Personen und Familien aus den GUS-Staaten
("Kontingentflüchtlinge").
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Beitrag "Zur
(mittelalterlichen) Geschichte der Juden in Passau" von W. M.
Schmid (1929)
Der Beitrag erschien in der "Zeitschrift für die Geschichte der Juden in
Deutschland" 1929 Heft 2 S. 119-135: Zum Lesen bitte die
Textabbildungen anklicken.
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| Seite 119 |
Seite 120 |
Seite 121 |
Seite 122 |
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| Seite 123 |
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Seite 125 |
Seite 126 |
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Seite 129 |
Seite 130 |
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Seite 132 |
Seite 133 |
Seite 134 |
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| Seite 135 |
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Zur Geschichte der Synagoge
Im Mittelalter erfährt man von einer Synagoge in der
Altstadt (1314 erstmals und 1427 letztmals genannt) sowie einer Synagoge in der
Ilzstadt am Ufer der Ilz (bis zur Zerstörung 1478) am Platz der St.-Salvator-Kirche.
Näheres siehe oben im Text.
Im 19./20. Jahrhundert (bis zur NS-Zeit) war vermutlich kein Betraum
vorhanden. Möglicherweise trafen sich Gemeindeglieder zeitweise zur Abhaltung
von Gottesdiensten in einem der jüdischen Häuser. Ansonsten wurden die
Gottesdienste in Straubing besucht.
1945/46 gab es einen Betraum für die in der Stadt sich aufhaltenden Displaced
Persons (DPs). Der Betsaal und eine Mikwe (rituelles Bad) befanden sich im Hotel
"Deutscher Kaiser" in der Bahnhofstraße 30. Nach dem Wegzug der DPs
wurde die Gemeinde aufgelöst. Das Hotel "Deutscher Kaiser" wurde (bis
zur Gegenwart) wieder als Hotel benutzt.
Adresse/Standort der Synagoge: siehe
Textbeschreibungen oben
Fotos
Pläne der jüdischen
Ansiedlungen
in der mittelalterlichen Altstadt
und der Ilzstadt
(aus dem Beitrag von Schmid s.o.
in höherer Auflösung) |
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Plan der Altstadt mit
Eintragung der
"Judengasse", "Judenschulgasse" und
der Stelle der Synagoge (h). |
Plan der Ilzstadt
mit Eintragung der
Judensiedlung am Ilzufer, der Synagoge
(a, hier später St. Salvator) und des
jüdischen Friedhofes |
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Zeitgenössisches Flugblatt
(um 1480)
vom (erlogenen) Hostiendiebstahl
der Juden von Passau |
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Die an Stelle der Synagoge im
Stadtteil Ilzstadt 1479 bis 1495
erbaute Sühnekirche St. Salvator |
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Die Kirche diente
jahrhundertelang
der Pflege des kirchlichen Antijudaismus
in der Stadt |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica I, 266-267; II,2 S. 647-648; III,2
S. 1088-1091. |
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 68-69. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 330; 1992² S. 341-342. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 146.
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 | Anna Elisabeth Rosmus-Wenninger: Widerstand und
Verfolgung am Beispiel Passaus 1933-1939. Andreas-Haller-Verlag 1983. |
 | dies.: Exodus - Im Schatten der Gnade. Aspekte zur
Geschichte der Juden im Raum Passau. Tittling 1988. |
 | Herbert Wurster (Diözesan-Archivar in Passau): Die
Geschichte der jüdischen Bevölkerung Passaus. Online
zugänglich (pdf-Datei). |
 | ders.: Die jüdische Bevölkerung. In: Geschichte der Stadt
Passau. Passau 2000. S. 385-392. |
 | Jim G. Tobias: Chasah we Emaz - Stark und Mutig!
Beitrag über die jüdische Nachkriegsgemeinde in Passau. Online
zugänglich (eingestellt am 2.2.2012). |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Passau, Lower Bavaria. Jewish
merchants possibly arrived in Passau with the Romans and the Jewish quarter
dates from at least the 11th century. Most of the Jews were killed in the wake
of the massacre of the Jews of Deggendorf in 1338 and in the Black Death
persecutions of 1348-49. In 1478, ten were executed in a blood libel, 40 were
forced to convert, and the rest were expelled. The 19th century community was
attached to Straubing. The Jews traded in knitted good, readymade wear, shous,
and lumber. In 1933 they numbered 40 (total 25.151). Most Jews left for other
German cities.

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