Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Deggendorf (Kreisstadt)
Jüdische Geschichte

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Mittelalter   
19./20. Jahrhundert  
Berichte zur jüdischen Geschichte   
Zur mittelalterlichen Geschichte und ihrer Auswirkung - Artikel aus jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts   
19./20. Jahrhundert: Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen     
Fotos / Darstellungen   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)  
   
Mittelalter  

In Deggendorf bestand eine jüdische Gemeinde im Mittelalter, nachzuweisen seit etwa 1242 oder 1250 bis 1338. Die vermutlich relativ große Gemeinde hatte wahrscheinlich eine Synagoge, die an Stelle der 1360 geweihten "Heilig-Grab-Kirche" stand.  
 
Die jüdische Gemeinde des Mittelalters fand durch einen von der christlichen Bevölkerung verübten Massenmord ein grausames Ende. Die Hauptursache hierfür wird neben dem allgemein verbreiteten und von der Kirche jahrhundertelang geschürten Judenfeindschaft in der Verschuldung vieler Deggendorfer Bürger bei jüdischen Kaufleuten und Geldverleihern zu suchen sein.  Mit der Judenverbrennung am 30. September 1338 wurden etwa 400 jüdische Männer, Frauen und Kinder unschuldig ermordet. Ihre Besitztümer wurden durch die Deggendorfer Bürger geraubt. Bereits am 14. Oktober 1338 sprach der Herzog die Stadt von aller Schuld frei. An Stelle der vermutlich mit oder nach dem Mord an der jüdischen Bevölkerung zerstörten Synagoge begannen die Deggendorfer mit dem Bau einer Kirche. Mit der Einweihung der "Heilig-Grab-Kirche" 1360 wurde die Prozession der "Deggendorfer Gnad" begründet, womit der Massenmord an den Juden eine jahrhundertelange Nachgeschichte erhielt. Über die Feier dieser "Deggendorfer Gnad" wurde der Antijudaismus des Mittelalters bis ins 20. Jahrhundert hinein unkritisch weitertradiert. Erstmals fand die Prozession mit einem fünftägigen Ablass vom 30. September bis zum 4. Oktober 1361 statt. Erst in diesem Zusammenhang taucht die Begründung auf, es habe vor der Judenverbrennung eine Hostienschändung durch einige Juden der Stadt gegeben: eine verlogene, nachträgliche Rechtfertigung des Massenmordes. 
  
Bei der Prozession selbst wurden bis ins 19. Jahrhundert hinein alljährlich vor Tausenden von Pilgern die angeblich geschändeten Hostien, eine Schusterahle und ein Dorn herumgetragen. Die Prozession war lange Zeit für die Stadt eine lukrative Einnahmequelle: so kamen 1721 etwa 40.000 Pilger zur Wallfahrt in die Stadt. Zwar war die Wallfahrt auf Grund des Zusammenhanges mit der verlogenen Hostienschändung und dem Massenmord an den Juden der Stadt seit dem 19. Jahrhundert auch in kirchlichen Kreisen umstritten, dennoch dauerte es bis zum Jahr 1992, in dem die Wallfahrt eingestellt wurde. Nach einer damals von kirchlichen Kreisen veranlassten Dissertation von Manfred Eder erklärte der Bischof von Regensburg in einem Hirtenwort an die Katholiken in Deggendorf: "Da jetzt die Haltlosigkeit jüdischer Hostienschändungen auch für den Deggendorfer Fall endgültig bewiesen ist, ist es ausgeschlossen, die 'Deggendorfer Gnad' - noch dazu als 'Eucharistische Wallfahrt der Diözese Regensburg' weiterhin zu begehen."      
 
1993 wurde an der Kirche eine Hinweistafel mit dem folgenden Text angebracht: "Kyrie Eleison. Im Jahre 1338 wurden die Juden Deggendorfs ermordet. Eine Jahrzehnte später zur Rechtfertigung dieses Verbrechens entstandene Legende, wonach die Juden Hostien geschändet haben sollen, ist falsch. Die über Jahrhunderte hin aufrechterhaltene Verleumdung ließ nicht nur das Andenken an die Juden des Mittelalters zu einem Zerrbild werden, sondern schädigte auch den Ruf ihrer Nachkommen bis herein in die jüngste Vergangenheit. Wir bitten die Juden, 'unsere älteren Brüder' (Papst Johannes Paul II) um Vergebung für das ihnen zugefügte Unrecht. Deggendorf im Advent 1993. Manfred Müller - Bischof von Regensburg. Ludwig J. Rösler  Stadtpfarrer Mariä Himmelfahrt Deggendorf."   
    
    
Weitere Geschichte im Mittelalter: Nach der Judenverbrennung 1338 lebten 1415 vorübergehend wieder einige Juden in der Stadt, wenig später war über Jahrhunderte keine Niederlassung mehr möglich.    
  
   
  
19./20. Jahrhundert  
  
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zogen einige jüdische Personen/Familien zu. Es wurden bei Volkszählungen gezählt: 1871 2, 1880 8 (von insgesamt 6.226 Einwohnern der Stadt), 1900 17, 1910 17 (0,2 % von 7.478 Einwohnern), 1925 15, 1933 17, 1939 10 jüdische Personen in der Stadt. 
  
Die jüdischen Einwohner schlossen sich der Gemeinde in Straubing an. Die Toten der jüdischen Filialgemeinde wurden entweder in Cham oder in Straubing beigesetzt.
 
Die nur wenigen jüdischen Einwohner/Familien waren in den 1920er-/1930er-Jahren insbesondere: der Hausierer Heinrich Scharf (im Ersten Weltkrieg schwerbeschädigt) mit seiner (zweiten) Frau Paula geb. Schloss und der gemeinsamen Tochter Regina, dazu der aus erster Ehe von Heinrich Scharf stammende Sohn Felix Ephraim (geb. 1918, konnte 1939 nach Palästina emigrieren); der Kaufmann Julius Isidor Lauchheimer (im Ersten Weltkrieg mehrfach ausgezeichnet), der mit seinem Verwandten Leopold Röderer ein Bekleidungs- und Textilgeschäft am Oberen Stadtplatz betrieb (im Gebäude heute Schuhgeschäft Dettweiler) mit seiner (zweiten) Frau Klementine geb. Haas und der Tochter (aus erster Ehe) Ilse; der genannte Leopold Röderer war verheiratet mit Emma geb. Neuburger. Adolf Silber (Straubing) hatte in den 1920er-Jahren in Deggendorf eine Filiale seines Geschäftes für Haus- und Küchengeräte, Glas und Porzellan, Galanterie- und Spielwaren. Im Nachbarort Hengersberg lebten Leopold Lederer und seine Frau Malwine geb. Schwarz.      
  
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 verließen bis 1938 mehrere der jüdischen Einwohner die Stadt, einer emigrierte nach England, vier verzogen nach München. Eine Frau starb in Deggendorf. 1939 wanderte Felix Ephraim Scharf nach Palästina und ein Mädchen nach England aus. In Deggendorf verblieben acht jüdische Personen, von denen im April 1942 sechs über Regensburg in Vernichtungslager deportiert wurden Heinrich, Paula und Regina Scharf sowie Julius, Klementine und Ilse Lauchheimer), das Ehepaar Leopold und Emma Röderer wurde über Regensburg im September 1942 nach Theresienstadt verschleppt. 
 
Von den in Deggendorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Daniela (Ella) Holzinger geb. Neuberger (1889), Ilse Lauchheimer (1921), Julius (Isidor) Lauchheimer (1877), Klementine Lauchheimer geb. Haas (1896), Rosa Lauchheimer (geb. ?), Gerda Moos geb. Stern (1913),  Emma Röderer geb. Neuburger (1885), Leopold (Leo) Röderer (1876). Heinrich Scharf (1880), Paula Scharf geb. Schloss (1896), Regina Scharf (1931).

1945 bestanden zwei Lager für jüdische Displaced Persons in Deggendorf (Juni 1946 1.200 Personen), die einige Zeit nach Gründung des Staates Israel 1948 aufgelöst wurden. Die in den Lagern verstorbenen Personen wurden auf einem neu angelegten jüdischen Friedhof beigesetzt. Die ehemaligen Lagergebäude (frühere Kreisirrenanstalt, ab 1935 Kaserne von Deggendorf, im Zweiten Weltkrieg Unterkunft für Fremdarbeiter) sind erhalten: Am Stadtpark 28-48. In diesem Gebäude befand sich auch eine Synagoge der Displaced Persons.   
 
Zur Erinnerung an die früheren jüdischen Familien wurden in den vergangenen Jahren drei Straßen benannt: Lauchheimerstraße, Roedererstraße und Scharfstraße. Zum Gedenken an die in der NS-Zeit deportierten und ermordeten jüdischen Einwohner wurden am 2. Oktober 2012 durch den Kölner Künstler Gunter Demnig acht sogenannte "Stolpersteine" verlegt: für Julius Isidor und Klementine Lauchheimer, Emma und Leopold Roederer sowie Heinrich, Paula und Regina Scharf vor ihren letzten frei gewählten Wohnsitzen am Oberen Stadtplatz und am Pferdemarkt.      
    
    
    
Berichte zur jüdischen Geschichte 
 
Zur mittelalterlichen Geschichte und ihrer Auswirkung - Artikel aus jüdischen Periodika des 19. / 20. Jahrhundert   
Antisemitisch motivierte Darstellung der mittelalterlichen Vorgänge in der Zeitschrift "Der Bayerische Wald" des Vereins Bayerwald (1907)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Januar 1907: "Die Deggendorfer im Jahr 1337 und der Verein Bayerwald. Die Kirchenchronik der Stadt Deggendorf erzählt ungefähr folgende Geschichte. Im Jahre 1337 wussten sich die Juden von Deggendorf heilige Hostien zu verschaffen, die sie zu peinigen und zu vernichten suchten. Sie kratzten und durchstachen die Oblaten, sodass sie bluteten und in strahlendem Glanze ein kleines Kind (der J.-Knabe) (sc. Jesus-Knabe) über den Hostien erschien. Auch verschlucken und verbrennen wollten sie die Gegenstände ihres Hasses, aber es gelang nicht. Da warfen sie die unverwundbaren Hostien in einen Brunnen. Aber die Heiligtümer stiegen von selbst wieder aus dem Brunnen empor und ließen sich in dem Kelch eines Priesters nieder. Daraufhin wurde die Gesamte Judenheit unter Führung des Ritters Degenberg von der christlichen Einwohnerschaft zur Ehre der heiligen Hostien niedergemetzelt.  
'Über diese alte Mär', so schreibt ein Herr A.W.L. im Fränkischen Kurier, wären nicht viele Worte zu verlieren. Man kennt heute den chemischen Vorgang, nach welchem länger liegende Oblaten rote, blutähnliche Wassertropen absondern. Man kennt den Wahn des Mittelalters, der sich in Verfolgungen der Juden wegen angeblicher Ritualmorde, Hostienschändungen, Brunnenvergiftungen sowie in Hexenprozessen und -Verbrennungen äußerte. 
Wenn Schreiber dieser Zeilen auf diese uralte Geschichte zurückkommt, so ist es nur, um eine historische Abhandlung in der Zeitschrift 'Der Bayerische Wald' (Jahrgang 1906, Heft 4) - dem Vereinsorgan des Vereins Bayerwald - zu beleuchten. Ein Herr Georg Bauer aus Deggendorf gibt in genannter Zeitung einen Abriss der Geschichte der Stadt Deggendorf und spricht mit Genugtuung, ja mit Begeisterung von jener Judenmetzelei in seiner Vaterstadt. Ich glaube nicht, dass es heute noch einen gebildeten Geistlichen gibt, der dieser Kirchengeschichte ernstlichen Glauben beimisst, aber der 'Geschichtsforscher' Bauer spricht von 'Volksjustiz' und davon, dass die Stadt nun glücklich die 'Wucherer' losbekommen habe.   
Man wird lebhaft an die Untersuchungen russischer Regierungsorgane über die Ursachen eines Pogroms erinnert, wenn Bauer erzählt, dass der Herzog Heinrich XIV., dem die Juden als Kammerknechte zu eigen waren, zwar zuerst erzürnt gewesen sei, aber nach durchgeführter Untersuchung erklärt habe: es sei alles in bester Ordnung vor sich gegangen, er erteile den Deggendorfern Pardon und gestatte, dass die Mörder die den Juden abgenommenen Kostbarkeiten als Eigentum behalten dürften, dass alle jüdischen Schuldurkunden annulliert würden usw. Es ist wahrlich nicht schwer zu erraten, wie der geldbedürftige Herzog zu diesem Entscheid bewogen wurde, zumal an der Spitze der Mörder sein Günstling, der frumbe Ritter von Degenberg auf Natternberg, stand. Dann bemerkt Bauer: 'Gelegentlich ihrer Ermordung zündeten die Juden auch wohl selbst ihre Häuser an.' Er gibt die Quelle dieser Annahme nicht an. In der alten Chronik ist diese sinnlose Beschuldigung nicht enthalten. Bauer hätte das Zeug zum russischen Regierungsberichterstatter! Er hätte nach dem Bialystoker Pogrom gewiss geschrieben: 'Die Juden haben sich Kanonen gekauft und damit ihre Häuser niedergeschossen'.   
Es scheint übrigens nicht, dass Bauer diese literarischen Untaten aus kirchlicher Verranntheit verübt. Im Gegenteil leugnet er den Hauptteil des Mirakels mit der Erklärung, die Hostien seien nicht im Brunnen neben der infolge dieses Ereignisses erbauten Heiliggrabkirche, sondern 'in der Grotte des sogenannten Judenaltars' gefunden worden. Bleibt also als Motiv seiner Darstellung nur blinder Judenhass als unschönes Erbteil seiner mittelalterlichen Ahnen. Wer an Hostienschändungen dieser Art glaubt, der muss auch an Ritualmorde, an Entstehung der Pest durch vorsätzlich Brunnenvergiftungen, muss auch an die Rechtmäßigkeit der Hexenprozesse glauben. Denn alle diese Ausgeburten der Unduldsamkeit sind aufs innigste miteinander verwandt. Das Gräulichste an der Geschichte ist aber, dass sie sich in den Spalten eines Blattes befindet, welches den Zwecke verfolgen soll, Natursinn und Liebe zum schönen Bayerischen Wald zu verbreiten. Es berührt eigentümlich, neben begeisterten Naturschilderungen in Prosa und Versen solch einfältig-gehässiges Zeug zu finden. Der Verein Bayerwald nimmt als Mitglieder keine Juden auf. Aber deshalb brauchte er doch nicht nicht volksverhetzendes Geschreibsel zum Zweck der Verbreitung des Judenhasses in sein Vereinsorgan aufzunehmen."

    
Katholikenversammlung in Deggendorf mit der Feier der "Aussetzung des heiligen Mirakels in der Gnadenkirche" (1871)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Mai 1871: "Aus Bayern, 7. Mai (1871). Am 21. Mai (1871) wird in Deggendorf (Niederbayern) eine großartige Katholikenversammlung stattfinden, um einer Kundgebung zu Gunsten des Papstes Ausdruck zu verleihen. Nach dem veröffentlichen Programm beginnt die Feier mit der 'Aussetzung des heiligen Mirakels in der Gnadenkirche'. Es wird wohl nicht ohne Interesse sein, wenn wir auf Grund authentischer Aktenstücke eine kurze Geschichte dieses heiligen Mirakels bringen. Im Jahre 1337 werden einige in Deggendorf wohnende Juden beschuldigt, eine von einem Christenweibe gestohlene Hostie gekauft zu haben; die Käufer haben alsdann versucht, die Hostie mit einer Ahle zu durchstechen, worauf aus dem Sakrament rosenfarbenes Blut hervorgedrungen und auf dem Brode ein Kind erstanden sei. Ebenso fruchtlos blieben, so fährt die Historie fort, alle Versuche, die Hostie auf einem Ambosse zu zerschlagen, oder in einem Backofen zu verbrennen. Die Kunde von dem angeblichen Diebstahle verbreitete sich und es wurden für diesen Frevel sämtliche in Deggendorf wohnende Juden - gegen 400 - unter den grässlichsten, höchst barbarischen Umständen ermordet. Zu Ehren dieses Massenmordes wurde in Deggendorf eine Wallfahrtskirche, in welcher die wundertätige Hostie aufbewahrt ist, erbaut, und alljährlich im Monat September wird eine mehrere Tage dauernde geistliche Feierlichkeit abgehalten, wobei die Hostie dem in dichten Scharen herbeiströmenden Volke - namentlich liefert das an der Grenze wohnende böhmische Landvolk ein zahlreiches Kontingent - vorgezeigt wird. Da es aber notwendig ist in dieser frivolen Zeit, den Glauben öfter zu beleben, so muss in diesem Jahre, da die Zeit bis September zu lange währt, schon vorher eine besondere Feierlichkeit zu Ehren der Judenverfolgung und des Massenmordes stattfinden."   

    
Über die Feier der "Gnadenzeit" in Deggendorf (1872)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Oktober 1872: "Aus Bayern, 2. Oktober (1872). In dem niederbayerischen Städtchen Deggendorf findet in diesen Tagen (vom 29. September bis 5. Oktober) die Feier der 'Gnadenzeit' statt. In dichten unabsehbaren Scharen wandern die Gläubigen aus weiter Ferne, namentlich aber aus Böhmen, zu dem ausgestellten Gnadenbilde, um des päpstlichen Ablasses teilhaftig zu werden. Fragen wir nun, aus welchen Gründen diese Kirchenfeierlichkeit abgehalten wird, so erhalten wir die Antwort: sie ist der Erinnerung an einen Massen-Judenmord gewidmet. Es war nämlich im Jahre 1337, als die in Deggendorf wohnenden Juden des Diebstahls einer Hostie beschuldigt wurden; ohne weitere Untersuchung wurde die Niedermetzelung der ganzen Judengemeinde beschlossen und so fanden etwa 400 Personen, Männer, Weiber und Kinder, unter schrecklichen Misshandlungen ihren Tod. Um nun diese edle im Namen der Kirche und der Religion begangene Tat den Nachkommen in Erinnerung zu halten, findet alljährlich in Deggendorf eine besondere Kirchenfeierlichkeit statt, deren Teilnehmern von Seiten des Papstes vollkommener Ablass verliehen wird. Wir sehr übrigens derartige der Erinnerung an einen Massenmord gewidmete Kirchenfeierlichkeiten den Geist der Humanität befördern, dafür möge der Umstand den Beweis liefern, dass bereits am ersten Tage des Festes mehrere Raufereien in Deggendorf stattfanden; ein zwischen zwei Burschen entstandener, mit Messern geführter Streithandel endete damit, dass der eine Bursche sofort tot auf dem Platze liegen blieb, während der andere eine tödliche Verletzung erhielt. (Frankfurter Zeitung)."   

      
   
  
       
19./20. Jahrhundert 
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Juni 1921: "Zur Führung eines rituellen Haushaltes bei einem älteren Ehepaar auf einem kleinen Platz in Bayern wird eine Person gesetzten Alters gesucht. Briefe mit Gehaltsansprüchen sind zu senden an J. Lauchheimer, Deggendorf (Bayern)."   
Anmerkung: Der unterzeichnende Julius Lauchheimer war am 18. Juni 1877 in Schopfloch geboren. Er wurde nach dem Novemberpogrom 1938 in das KZ Dachau verschleppt und 1942 nach Polen deportiert, wo er umgekommen ist (für tot erklärt).     

  
Geschäftskarte der Firma  Silber (Straubing mit Filiale in Deggendorf, 1926) 
(Karte aus der Sammlung von Peter K. Müller, Kirchheim/Ries)   

Straubing Dok Silber 010.jpg (127293 Byte)Die Geschäftskarte wurde von Adolf Silber, Haus- und Küchengeräte, Glas und Porzellan, Galanterie- und Spielwaren (Straubing und Deggendorf) von Straubing nach Amberg am 8. September 1926 versandt.    

    
    
    
Abbildungen / Fotos  

Darstellung der "Judenverbrennung" 
von Deggendorf in der Schedelschen
 Weltchronik von 1493 
     
     
Darstellung (Tafelbild von Ph.N. Miller)
 zum Judenmord (1710; 
Stadtmuseum Deggendorf) 
Deggendorf Darst1710.jpg (54416 Byte)  
     
     
Fotos der "Heilig-Grab-Kirche" und der Gedenktafeln werden noch ergänzt.  
     
Friedhof der in Cham verstorbenen jüdischen Personen:
 Jüdischer Friedhof in Cham   
  Cham Friedhof IMG_0941.jpg (188545 Byte) Cham Friedhof IMG_0941a.jpg (356526 Byte)   
  Grabstein für Rosa Lauchheimer geb. Neuburger von Deggendorf 
im jüdischen Friedhof in Cham  
(geb. 10.4.1881, gest. 22.3.1934)  
 

     
     
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

Januar 2012: Auch in Deggendorf sollen "Stolpersteine" verlegt werden"   
Artikel in der "Deggendorfer Zeitung" vom 5. Januar 2012: "Erinnerung an KZ-Opfer: Stolpersteine für Deggendorf..."  
Link zum Artikel  
 
Oktober 2012: Video zur Verlegung von "Stolpersteinen" in Deggendorf  
 
 
Presseartikel von Katrin Wallner zur Verlegung der "Stolpersteine" im "Donau-Anzeiger" vom 2. Oktober 2012: 
Link zum Artikel      
 

   
     

Links und Literatur

Links:  

Website der Stadt Deggendorf   
Wikipedia-Artikel zur Grabkirche in Deggendorf    
Deggendorf Museum 010.jpg (8762 Byte)Stadtmuseum Deggendorf  mit einer Dauerausstellung "Die Deggendorfer Gnad". 
Die Dauerausstellung mit der Darstellung der so genannten "Deggendorfer Gnad" wurde 1993 eröffnet. Sie ist sowohl ein Beitrag zur Wallfahrtsgeschichte, aber auch ein wichtiger Abschnitt in der Deggendorfer Stadtgeschichte. 1338 wurden in Deggendorf die jüdischen Bewohner ermordet. Anschließend wurde dies mit einer verleumderischen Hostienlegende gerechtfertigt, um die wohl in erster Linie wirtschaftliche Motivation des Pogroms zu verbergen. Die sich daraus entwickelnde Wallfahrt wurde 1992 eingestellt und wird heute im Museum mit bedeutenden Leihgaben aus der Grabkirche dargestellt. Im Zentrum der Ausstellung steht dabei die Gegenüberstellung von Legendenbildung und historischen Tatsachen. 
   

Literatur:  

Germania Judaica II,1 S. 157; III,2 S. 221.     
Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 65-66.  
Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 1992² S. 336-337. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 144. 
Manfred Eder: Die "Deggendorfer Gnad": Entstehung und Entwicklung einer Hostienwallfahrt im Kontext von Theologie und Geschichte. Deggendorf 1992 (zugleich Dissertation 1991).  Eine gedruckte Version ist erhältlich über das Stadtmuseum Deggendorf - Begleitbuch zur dortigen Dauerausstellung.  
Vortrag von Prof. Dr. Gerhard Langer (Universität Salzburg) über "Die altbewährte Mär vom 'Gottesmord': Hostienfrevel: online bei haGalil.com  
Artikel von S. Michael Westerholz: Gedenken an Nazi-Opfer: Zickzack-Kurs in Deggendorf. Eingestellt am 4. Februar 2012 - online bei haGalil.com  

  
   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Deggendorf (in Jewish sources, Takendorf) Lower Bavaria. The Jewish settlement dates form the early 14th century. In September 1338, all the Jews were burned alive in their ghetto by the local pop. The massacre and its approval by Duke Heinrich XIV sparked an orgy of violence against the Jews throughout Bavaria and Austria.   
A handful of Jews lived in Deggendorf from the 1870s, attached to the Straubing community.           
     
      

                   
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Stand: 28. Mai 2017