Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Hungen mit Inheiden, Utphe und Villingen (Stadt Hungen, Kreis Gießen)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Kennkarte aus der NS-Zeit     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Links und Literatur   

  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)     
   
In Hungen bestand eine jüdische Gemeinde bereits im späten Mittelalter. Schon im 14. Jahrhundert könnten Juden in der Stadt gelebt haben, doch liegen urkundliche Nachweise erst seit 1426 vor. Damals wird eine Familie genannt, die aus Wölfersheim (Jakob von Wölfersheim und Moses von Wölfersheim) zugezogen war, eine andere aus Langsdorf (Moses von Langsdorf 1458). Die jüdischen Familien lebten von Einnahmen aus dem Pfandleihgeschäft. Da 1463 ein jüdischer "scholemeister" (Schulmeister; Schule = Synagoge) genannt wird, ist davon auszugehen, dass noch mehrere jüdische Familien in der Stadt lebten und diese einen Betsaal oder eine Synagoge hatten. 
  
Auch im 16. Jahrhundert bestand eine jüdische Gemeinde mit eigenen Einrichtungen: 1510 erteilte Graf Bernhard III. (Ortsherrschaft Grafen von Solms) der Judenschaft das Recht auf einen Friedhof. Einschränkungen gab es in der Zeit des Dreißigjähriges Krieges: 1623 wurde den Hungener Juden auf Grund einer Klage der Krämerzunft das Hausieren verboten; 1633 wurden auf Befehl Graf Wilhelm II. verarmte Juden ausgewiesen. 1655 gab es in der Stadt fünf jüdische Hausbesitzer, 1666 wurden 53 jüdische Einwohner in acht jüdischen Familien gezählt. Im 18. Jahrhundert dürften kontinuierlich acht bis zehn jüdische Familien in Hungen gelebt haben. Damals gehörten auch die in Langsdorf lebenden jüdischen Personen zur Gemeinde in Hungen. Nach 1765 bildeten die Langsdorfer Juden jedoch eine eigene Gemeinde. 
  
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert wie folgt: 1818 62 jüdische Einwohner, 1828 54, 1861 83 (6,6 % von insgesamt 1.251 Einwohnern), 1880 105 (7,8 % von 1.350), 1900 93, 1910 85 (5,1 % von 85). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert begann der Prozess der Ab- und Auswanderung. So sind mehrere der jüdischen Einwohner nach Nordamerika ausgewandert. 
  
Um 1800 lebten die jüdischen Familien noch in sehr bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen, erst im Laufe des 19. Jahrhunderts besserte sich die Situation nach Eröffnung mehrerer Handlungen und Läden.
  
Zur jüdischen Gemeinde in Hungen gehörten auch die in Inheiden und Utphe lebenden jüdischen Personen (Inheiden: 1830 13, 1905 7, 1924 6, 1932 6; Utphe: 1830 9, 1905 6, 1924 4; 1932 5). 
  
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. 52 Jahre wirkte allein (von 1842 bis 1894) der Lehrer Salomon Salomonsohn. 
  
Um 1924, als 73 jüdische Einwohner gezählt wurden (4,2 % von 1.748), waren die Vorsteher der jüdischen Gemeinde Gustav Löb und Gustav Gonsenhäuser. Als Lehrer und Kantor wirkte Jacob Höhnlein. Er hatte damals acht jüdische Kinder in Religion zu unterrichten (1932 gleichfalls acht Kinder). An jüdischen Vereinen bestand insbesondere der Wohltätigkeitsverein (1924 unter Leitung von Gustav Gonsenhäuser). Von 1925 bis 1927 war Lehrer in Hungen Leo Singer. Seit 1929 war jüdischer Lehrer und Kantor Edwin Seelig aus Nordhausen im Harz (bis September 1934; 1936 nach Palästina emigriert). Anfang der 1930er-Jahre waren von den etwa 18 jüdischen Familien zwei Getreidehändler, sieben Textilhändler, fünf Viehhändler. Außerdem gab es einen jüdischen Arzt (Dr. Siegfried Maier) und den jüdischen Lehrer. 

1933 lebten noch 63 jüdische Personen in Hungen (3,7 % von 1.800).
In den folgenden Jahren ist ein Großteil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der  zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen (insbesondere nach Frankfurt) beziehungsweise ausgewandert. Bereits im März 1933 hatte ein SA-Trupp Gustav Gonsenhäuser in seiner Wohnung überfallen (Kaiserstraße 27). Seit Oktober 1933 wurden die jüdischen Viehhändler vom Viehmarkt in Hungen ausgeschlossen. Bauern, die noch mit Juden Handel trieben, durften ihre Milch nicht mehr in der Molkerei Hungen abliefern. Ernst Katz, der von einem SA-Mann aus Hungen angegriffen wurden war, hatte sich gewehrt und wurde dafür ins KZ Osthofen eingewiesen. Auf Grund eindeutiger Zeugenaussagen wurde er jedoch wegen Notwehr freigesprochen und konnte Deutschland verlassen. Beim Novemberpogrom 1938 wurde nicht nur die Synagoge geschändet: SA-Leute überfielen auch jüdische Häuser und Wohnungen. Vier Männer wurden festgenommen, in das Gefängnis gesperrt und misshandelt. Unter den in das KZ Buchenwald verschleppten Personen war der letzte Vorsteher Salomon Wiesenfelder, der am 20. November 1938 an den Haftfolgen starb. 1939 wurden noch 13 jüdische Einwohner in Hungen gezählt, am 31. Dezember 1940 waren es noch sieben. Am 15. September 1942 wurden die letzten drei jüdischen Einwohner Hungens deportiert. Aus Inheiden wurden 16 jüdische Personen deportiert, darunter das Ehepaar Meier und Rosa Steinhauer sowie Frieda Steinhauer, die bis Oktober 1941 in Hungen gewohnt hatten und dann in ein "Judenhaus" in Inheiden ziehen musste (Haus der Familie Katz Seestraße 21). 
  

Von den in Hungen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Anna Gallinger geb. Hess (1875), Samuel Gerendasi (1886), Gustav Gonsenhäuser (1869), Paula Gonsenhäuser geb. Steinheiner (1874), Florenze Grünebaum geb. Kahn (1900), Alexander Hirsch (1901), Bertha Kahn geb. Kaufmann (1871), Hermann Kahn (1895), Julius Kahn (1867), Milli Martha Kahn (1887), Simon Kahn (1863), Gerda Kaufmann geb. Sulzbach (1909), Emma Mannheimer geb. Stern (1861), Rosalie Nelkenstock geb. Kahn (1870), Helene Oppenheimer geb. Klebe (1855), Hermann Oppenheimer (1881), Ida Oppenheimer geb. Grünebaum (1884 oder 1885), Johanetta Oppenheimer geb. Eichel (1881), Katharina (Karola) Oppenheimer (1915), Karoline Oppenheimer (1891), Ruben Oppenheimer (1883), Berta Saalberg geb. Katz (1864), Amalie Seckbach geb. Buch (1870)*, Johanna Stahl geb. Cahn (1888), Frieda Steinhauer (1886), Meier (Moritz) Steinhauer (1884), Rosa Steinhauer geb. Klein (1879), Susanne Steinhauer (1893), Lina Stern geb. Katz (1865), Clementine Strauss geb. Stern (1882), Alfred Sülzbach (1877), Gertrud(e) Wassermann geb. Meyer (1897), Salomon Wiesenfelder (1875). 
*) Frau des Architekten Max Seckbach
Von den in Inheiden geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Rosalie Joseph geb. Wallenstein (1881), Julius Katz (1886), Levy Katz (1862), Recha Katz geb. Simon (1888), Emma Kuttner geb. Gutmann (1874), Julius Kuttner (1876), Marta Kuttner (1912), Paula Löwenberg geb. Katz (1890), Elfriede Löwenstein geb. Katz (1914), Jennie Löwenstein (1941), Otto Löwenstein (1909), Hilda (Henel) Simon geb. Eckstein (1861). 
  
Nach 1945 kam ein jüdisches Ehepaar aus Theresienstadt nach Hungen zurück: Jeremias Oppenheim und seine Frau Hedwig geb. Wiesenfelder. Herr Oppenheim starb bereits 1946, seine Frau starb in Frankfurt am Main im September 1991.   
   
Am 26. August 1990 wurde am jüdischen Friedhof in Hungen ein Mahnmal zur Erinnerung an die jüdischen Einwohner von Hungen, Bellersheim, Obbornhofen und Utphe eingeweiht. Auf dem Denkmal stehen die Namen der "in der Zeit der Gewaltherrschaft 1933 bis 1945 ermordeten, vertriebenen und gedemütigten jüdischen Bürger". Auf Grund der Forschungsarbeit der "Arbeitsgemeinschaft Spurensuche" in Hungen konnte die Zusammenstellung vorgenommen werden. 
   
   
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers, Vorbeters und Schochet 1862 / 1870 / 1875 / 1894 / 1901/ 1915 / 1921 (Hilfsvorbeter) / 1923 / 1925  

Hungen AZJ 26081862.jpg (43833 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. August 1862: "Für einen braven, tüchtigen Religionslehre rund Vorsänger ist eine sehr empfehlenswerte Stelle in meinem Rabbinate: zu Hungen in der Wetterau, offen mit 250 Gulden fixem Gehalt, freier Wohnung und Akzidenzien, und nehme ich portofreie Bewerbungen um dieselbe gern entgegen. Gießen, den 4. August 1862. Rabbiner Dr. Levi."
Hungen Israelit 13071870.jpg (45114 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juli 1870: "Konkurrenz-Eröffnung. Die Stelle eines Religionslehrers und Vorbeters bei der israelitischen Gemeinde zu Hungen, mit einem jährlichen Gehalt von 350 Gulden nebst freier Wohnung und Akzidenzien ist zu besetzen. Konkurrenzfähige Bewerber wollen sich unter Vorlage ihrer Zeugnisse binnen sechs Wochen bei dem unterzeichneten Vorstand melden. Hungen (Oberhessen), den 4. Juli 1870. 
Der Vorstand. S. Salomonsohn".
  
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. September 1875: "Die Religionslehrer- und Vorbeter-Stelle in der israelitischen Gemeinde zu Hungen ist zu besetzen. Gehalt bei freien Wohnungsräumen 700 Reichsmark. Bewerber wollen sich alsbald unter Beifügung ihrer Zeugnisse bei uns melden. 
Hungen in Oberhessen, im August 1875. Der Vorstand der israelitischen Religions-Gemeinde dasselbst."     
 
Hungen Israelit 16081894.jpg (48887 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1894: "Die Stelle eines Lehrers, Kantors und Schochets an hiesiger Gemeinde ist per alsbald zu besetzen. Tüchtige Bewerber wollen sich schriftlich unter Beifügung ihrer Zeugnisse an unterzeichneten Vorstand wenden. 
Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Hungen. 
B. Stern."  
      
Hungen Israelit 18031901.jpg (60846 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. März 1901: "Wir suchen zum alsbaldigen Eintritt für hiesige israelitische Religionsgemeinde einen Lehrer, Kantor und Schochet, mit einem fixen Gehalt von 1.000 Mark nebst Schächterdienst, welcher ungefähr 300 Mark einbringen kann. Ebenso ist ein dauernder Nebenverdienst mit mehr als 200 Mark zu erwarten. Bewerber wollen gütigst unter Beifügung ihrer Zeugnisse sich an den unterzeichneten Vorstand wenden.  
Hungen, Oberhessen, 16. März. 
Der Vorstand: H. Stern
."  
    
Hungen Israelit 21101901.jpg (61925 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Oktober 1901: "Da unser seitheriger Lehrer unerwartet zur Absolvierung seiner Militärzeit einberufen worden, so suchen wir möglichst per sofort einen Religionslehrer, der zugleich Vorbeter und Schochet ist, mit einem Jahresgehalt von Mark 1.000 nebst Schechita, welche mindestens 200 Mark einbringt, nebst freier Wohnung etc. Bewerbungen mit Lebenslauf und Zeugnisse erbitten wir bald. Hungen, Oberhessen, 17. Oktober. 
Der Vorstand: Heinemann Stern."
  
Hungen Israelit 11031915.jpg (47756 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. März 1915: "Infolge Berufung unseres Lehrers Herr Isak, der 10 Jahre in unserer Gemeinde amtierte, nach Limburg a. Lahn ist die Stelle als Lehrer, Kantor und Schochet für alsbald neu zu besetzen. Der Grundgehalt beträgt 1.200 Mark, Nebeneinkommen ca. 1.000 Mark. Reisekosten werden jedem zur Probe berufenen vergütet. Meldungen nebst Zeugnisabschriften von seminaristisch gebildeten, stimmlich begabten Herren erbeten an den 
Vorstand der israelitischen Religions-Gemeinde Hungen. Salomon Kahn."  
  
Hungen Israelit 15091921.jpg (35460 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. September 1921: "Die Israelitische Religionsgemeinde Hungen sucht für die hohen Feiertage respektive für Rausch Haschonoh und Jom Kippur einen Hilfsvorbeter gegen freie Station und freie Verpflegung. Bewerber wollen sich mit ihren Gehaltsansprüchen an den Unterzeichneten werden. 
Salomon Kahn, 1. Vorsteher."
   
Hungen Israelit 01031923.jpg (37132 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. März 1923: "Die hiesige israelitische Religionsgemeinde sucht per 1. März dieses Jahres eventuell etwas später einen Lehrer und Schochet. Gehalt nach Übereinkunft. Reisekosten bei Vorstellung wird vergütet. 
Israelitische Religionsgemeinde Hungen (Oberhessen). J. Kahn."
  
Hungen Israelit 19041923.jpg (50870 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. April 1923: "Religionslehrer, Kantor und Schochet zum alsbaldigen Eintritt für unsere Gemeinde gesucht. Gehalt unter Zugrundelegung von Gruppe 7 der Staatsbeamten. Reichsdeutsche mit seminaristischer Ausbildung und guter Stimme wollen Bewerbungsschreiben unter Beifügung von Zeugnissen und Lebenslauf richten an Israelitische Religionsgemeinde, Hungen (Kreis Gießen in Oberhessen)."
   
Hungen Israelit 23041925.jpg (36543 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. April 1925: "Infolge Berufung unseres seitherigen Lehrers an die Präparandenschule Höchberg ist die Stelle eines orthodoxen Lehrers, Vorbeters und Schochet per sofort neu zu besetzen. Gehaltsgruppe VII der Staatsbeamten. Meldungen erbeten an den Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Hungen (Oberhessen)."
     
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. August 1925: Infolge Berufung unseres seitherigen Lehrers an die Präparandenschule Höchberg ist die Stelle eines Lehrers, Vorbeters und Schochets neu zu besetzen. Gehalt nach Gruppe 8 sowie größeres Nebeneinkommen. Angebote an den Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Hungen, Gustav Löb."  

     
50-jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Salomon Salomonsohn (1892)   

Hungen Israelit 20061892.jpg (98081 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juni 1892: "Hungen (Oberhessen). Allen Freunden, Schülern und Gönnern unseres allverehrten Lehrers Herr S. Salomonsohn, diene zur Nachricht, dass derselbe in Kürze nicht nur seinen 80. Geburtstag zurücklegt, sondern auch auf eine segensreiche 50jährige Dienstzeit zurückblicken kann. Ein halbes Jahrhundert der Arbeit und des Kampfes, der Erfolge und Verdienste, welch’ eine riesige Spanne Zeit! Und doch hat Herr Salomonsohn mit kurzen Unterbrechungen ausgefüllt im Dienste seiner Gemeinde Hungen, im Dienste des Judentums, im Dienste der gesamten Menschheit und dabei die Liebe und Achtung aller kreise zu erringen gewusst. Zahlreich werden die Sympathieäußerungen sein, die ihm an seinem Jubiläumstag entgegengebracht werden. Seine dankbare Gemeinde hat deshalb auch Vorbereitungen getroffen, diesen Tag, es ist der 4. August dieses Jahres in festlicher Weise zu begehen. Über den Verlauf der Feier werden wir später berichten."
   
Hungen Israelit 18081892.jpg (107157 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. August 1892: "Hungen, 5. August (1892). Die gestrige Feier des 50jährigen Dienstjubiläums unseres verehrten Lehrers, Herrn Salomonsohn, verlief in sehr würdiger Weise. Nach dem Festgottesdienste, während welchem Herr Rabbiner Dr. Levi die Festrede hielt und in warm empfundenen Worten das Leben und die Verdienste des Jubilars schilderte, begab man sich zur gemütlichen Feier in das Hotel zur Traube. Bis spät in die Nacht blieben die Teilnehmer zusammen. Der Jubilar wurde in der mannigfachsten Weise geehrt. Abgesehen von den zahlreichen Glückwünschen und Huldigungen, die ihm zuteil wurden, hatten ihm viele seiner Schüler, Freunde und Gönner ein Ehrengeschenk, seine Kollegen respektive der israelitische Landeslehrerverein Hessens eine prachtvolle Gedenktafel gewidmet. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, alle die Wünsche, die ihm entgegen gebracht wurden, auch in Erfüllung gehen zu sehen."  
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. August 1892: 
ähnlicher, noch etwas ausführlicherer Bericht als in der Zeitschrift "Der Israelit", siehe oben.    
Zum Lesen bitte Textabbildung anklicken.     

   
Zum Tod von Lehrer Salomonsohn (1894 - 52 Jahre Lehrer in Hungen)  

Hungen Israelit 15111894.jpg (140503 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. November 1894: "Hungen im Oktober (1894). Am 7. dieses Monats starb Herr Lehrer Salomonsohn, der Senior der jüdischen Lehrer Hessens, im Alter von 82 Jahren. 52 Jahre lang hat er in hiesiger Gemeinde als Lehrer amtiert und gleichzeitig auch als Vorsteher während eines langen Zeitraumes seine Dienste ihr gewidmet. Wenn auch ursprünglich dem Handwerkerstand zugehörig, hatte der Verblichene trotzdem im Laufe der Jahre ein reiches Wissen gesammelt und stand mit seinen Ansichten über Erziehung und Unterricht, sowie in seiner Amtsführung überhaupt, vollkommen auf der Höhe unserer Zeit. Von der Saat, die er in hiesiger Gemeinde gesät und von der warmen Verehrung und Anerkennung, die man seinem Wirken zollte, legte sein vor wenigen Jahren begangenes 50jähriges Jubiläum das beredteste Zeugnis ab, indem die Beteiligung aus dem Kreise seiner Schüler, Freunde und Bekannte eine sehr große war. Wenn auch von harten Schicksalsschlägen nicht verschont, hatte der Dahingeschiedene sich doch eine seltene Körper- und Geistesfrische bewahrt, und mit staunenswertem Eifer kam er noch im hohen Alter bis vor 4 Monaten seinen Berufspflichten nach, wo er in würdiger Anerkennung seiner Wirksamkeit von der Gemeinde mit vollständigem Gehalt in den Ruhestand versetzt wurde. Möge der wackere Lehrer, der Kinder und Kindeskinder erzogen und gebildet, seiner Gemeinde unvergessen bleiben. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."

   
Über Lehrer Leo Singer (Lehrer in Hungen von 1925 bis 1927)  

Lehrer Leo Singer wurde am 3. September 1897 in Moglino (Provinz Posen, Polen) geboren. 1925 bis 1927 war er Lehrer in Hungen. 1927 wechselte er nach Northeim. Hier blieb er bis zum Herbst 1938 im Dienst der jüdischen Gemeinde. Danach war er in der jüdischen Volksschule Hannover als Lehrer tätig. Am 15. Dezember 1941 wurde er nach Riga deportiert. Er wurde im KZ Kaiserwald bei Riga ermordet. Ein "Stolperstein" erinnert an ihn in Northeim vor dem Anwesen Untere Straße 27. 
Quelle: Lehrer Leo Singer und der Betsaal der jüdischen Gemeinde Northeim.  

    
    
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  

Antisemitische Äußerungen des Hungener Amtsrichters (1901)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. September 1901: "Aus Hessen, 10. September (1901). Zur der Notiz in Ihrer Nr. 71 des 'Israelit' betreffs Gebrauches eines ungeziemenden Ausdruckes 'Judenschule' seitens eines den Vorsitz führenden Gerichtsassessors in einer rheinischen Stadt, wird uns als Gegenstück Folgendes mitgeteilt: In dem oberhessischen Landstädtchen Hungen hatte sich der jüdische Lehrer vor Gericht zu verantworten weil er angeblich in der Amtstracht der evangelischen Geistlichen die Leiche 'des Juden G. Kahn' begleitete. In Gemäßheit des Paragraphen 300 (8) des Strafgesetzbuches wurde der Angeklagte zu einer Geldstrafe von 5 Mark verurteilt. Die seinerzeit gegen das Urteil eingelegt Berufung musste aus formalen Gründen abgelehnt werden, sodass das Erkenntnis die Rechtskraft erhalten hat. (In Rosenberg sprach die dortige Strafkammer den jüdischen Kultusbeamten von einer ähnlichen Anschuldigung frei.)
An der ganzen Sache wäre jedoch nicht sonderlich viel gelegen, wenn nicht die Begründung des Urteils eine derartige wäre, die, was Form und Ausdruck anbelangt, geradezu Unerhörtes leistet und wahrlich nicht den Anforderungen entspricht, die man sonst an einen deutschen Richter zu stellen gewöhnt ist. Das angezogene Urteil spricht sich zunächst in einer solch' beleidigenden Weise gegen den gesamten jüdischen Lehrstande aus, dass es Wunder nehmen muss, dass hiergegen noch keine energischen Maßnahmen unternommen worden sind. Das Urteil sagt wörtlich von den jüdischen Lehrern: 'Ihre Vorbildung und ihre soziale Stellung ist niedrig', Man glaubt des Ferneren einer antisemitischen Versammlung beizuwohnen, wenn man die Ausdrücke wie 'Judenbestattung', 'Judenlehrer', 'Jude' liest. 'Der evangelischen Kirche kann es', so wird in dem Urteil ausgeführt, 'nicht gleichgültig sein, ob ein jüdischer Vorleser, Kantor oder Lehrer von einer niederen Bildung und sozialer Stellung, der auch gleichzeitig das Amt eines Schächters versieht, sich die beregten Eingriffe in die Rechte des Geistlichen straflos gestatten darf.'   
Gegen dieses Urteil, das auch in anderen Beziehungen höchst charakteristisch ist, und noch zahlreiche andere Angriffspunkte enthält, wurde bei dem Landgerichtspräsidenten in Gießen Beschwerde erhoben; dieser jedoch ja entschieden, dass zum disziplinarischen Einschreiten  gegen den betreffenden Amtsrichter keine Veranlassung vorläge. In dem Antwortschreiben des Landgerichtspräsidenten wird alsdann des Weiteren ausgeführt: 
'Da indessen einzelne Stellen der Urteilsbegründung, wie die Eingabe zeigt, zu irrigen Schlussfolgerungen Anlass gegeben haben, so habe er dem betreffenden Richter empfohlen, bei der Abfassung gerichtlicher Entscheidungen Ausdrücke und Wendungen tunlichst zu vermeiden, die unter Umständen Anlass zu Missdeutungen oder als polemische, über den Rahmen der zu treffenden Entscheidungen hinausgehende Erörterungen angesehen werden könnten.' 
Ob diese 'Empfehlung' des Gießener Landgerichtspräsidenten genügen wird, dass der Hungener Amtsrichter in Zukunft derartige Ausdrücke und Redewendungen, welche geeignet sind, den ehrenwerten Stand israelitischer Lehrer in der Öffentlichkeit herabzuwürdigen und u beleidigen, vermeidet, müssen wir bezweifeln. Von viel heilsamerer Wirkung wäre eine wirksame Bestrafung des Richters gewesen, dessen Ausdrucksweise auf das Schärfste gegeißelt und zurückgewiesen werden muss. Wenn der Antisemit Böckel, ein Landsmann des Richters in Hungen, derartige Redewendungen gerbacht, wie sie das angezogenen Urteil enthält, so ist das mit seiner Gesinnungs-tüchtigkeit zu entschuldigen, bei einem Richter aber muss ein Urteil, ob es einen Christen oder Juden betrifft, in Form und Ausdruck den billigen Anforderungen entsprechen, welche man in Deutschland an die Vorurteilslosigkeit der weder 'sozial nieder stehenden, noch ungebildeten' Richter zu stellen gewohnt ist. L.-"    

    
Streit in der Gemeinde (1906)  

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. Januar 1906: "Hungen (Oberhessen). 
Unerquickliche Gemeindeverhältnisse. 
Der Artikel wird nicht ausgeschrieben. Bei Interesse zum Lesen bitte Textabbildung anklicken. 
Erstaunlicherweise wurden solche Konflikte einer großen Öffentlichkeit über die Presse bekannt gemacht.  

    
Antisemitische Regungen (1909) 

Hungen Israelit 01041909.jpg (106669 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. April 1909: "Hungen, 20 März (1909). Von vertrauenswerter Seite war dem Vorstand des Zentralvereins in Berlin mitgeteilt worden, dass der Leiter der höheren Bürgerschule in Hungen, Herr Otto Steuernagel, in den Unterrichtsstunden jüdischen Schülern gegenüber verletzende Bemerkungen gemacht habe, die sie umso mehr schmerzen mussten, als dies in Gegenwart der christlichen Mitschüler geschehen war. Von der Ansicht ausgehend, dass die jüdische Jugend gegen solche, das kindische Gemüt verbitternde Beleidigungen geschützt werden müsse, erachtete es der Vorstand des Zentralvereins für angezeigt, die Angelegenheit dem Großherzoglichen hessischen Ministerium des Innern, Abteilung für Schulangelegenheiten, mit der Bitte um Abhilfe zu unterbreiten. Darauf ist dem Zentralverein der Bescheid zugegangen, dass der Leiter der höheren Bürgerschule zu Hungen mit aller Bestimmtheit bestreite, die betreffende Äußerung gebraucht zu haben. Er gebe aber zu, dass einige Ausdrücke besser unterblieben, bei ruhiger Überlegung auch nicht erfolgt wären. Aus diesem Grunde sei vom Großherzoglichen Ministerium des Innern der Direktor Steuernagel für die Zukunft entsprechend belehrt worden."

  
Antijüdische Maßnahmen setzen 1933 ein  

Schotten Israelit 28091933.jpg (47204 Byte)Mitteilung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. September 1933: "Gießen. Wie in Hungen, so hat, nach Wagners Süddeutschem Nachrichtendienst, auch in Schotten eine außerordentliche Generalversammlung der Molkereigenossenschaft Hoherodskopf einstimmig beschlossen, jedes Mitglied aus der Genossenschaft auszuschließen, das künftig mit Juden in geschäftliche Beziehungen tritt."   

 
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Zum Tod von Adolf Löb (1915)
Anmerkung: Adolf Löb ist 1837 in Wohnbach geboren, wo er von 1861 bis 1889 als Ellenwarenhändler und Handelsmann lebte (Braugasse 60). 1889 zog er mit seiner Familie nach Hungen, wo er als Kaufmann tätig war (im Laufe der Jahre sehr unterschiedliche Waren). Er war verheiratet mit Bettchen geb. Stern (1837-1875), seit 1876 mit Mathilde geb. Kahn (1850-1905). Adolf Löb hatte aus den beiden Ehe zusammen neun Kinder, von denen fünf zum Zeitpunkt seiner Todes bereits gestorben waren. Bei den zwei im Artikel genannten verheirateten Töchter handelt es sich wohl um Olga (geb. 1861), Soffi/Cäcilie (geb. 1877, lebte später in Endingen - CH), Hedwig (1883) und den Sohn Gustav (1879-1927).   

Hungen Israelit 23121915.jpg (107741 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Dezember 1915: "Hungen (Oberhessen), 19. Dezember 1915. Im Alter von 79 Jahren wurde Herr Adolf Löb unter zahlreichem Trauergefolge zu Grabe getragen. Er war der Typus eines jüdischen Biedermannes, dessen an Kampf, Erfolg, Leid und Enttäuschung reiches Leben getragen war von den Grundsätzen der Redlichkeit und Rechtlichkeit, der schlichten, tief sitzenden Frömmigkeit und des unerschütterlichen Gottvertrauens. Als langjähriger Verwalter des Unterstützungsvereins hatte er reichliche Gelegenheit, sich der Armen und Bedürftigen anzunehmen und ihnen sein gastliches Haus zu öffnen. Um den Toten trauern zwei verheiratete Töchter und ein Sohn, der zurzeit an der Westgrenze unter den Waffen steht. Am offenen Grabe verlieh der Schwiegersohn der Verewigten, Herr Redakteur Schachnowitz, Frankfurt am Main, dem Schmerze der Familie und der Gemeinde Ausdruck und widmete dem scheidenden Vater und Schilderung seines Lebensganges und vorbildlichen Lebenswandels Worte liebenden Gedenkens. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."

  
Zum Tod von Mathilde Löb geb. Gernsheim (1922)  
Anmerkung: Mathilde Löb war die Frau von Gustav Löb (1879-1927) und damit Schwiegertochter des oben genannten Adolf Löb. 

Hungen Israelit 30111922.jpg (100891 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. November 1922: "Hungen (Oberhessen), 24. November (1922), Eine unserer besten Frauen hat uns der Tod mitten aus blühendem Leben entrissen. Frau Mathilde Löb geb. Gernsheim, war ein Musterbild von Treue, Tapferkeit und Tüchtigkeit, wahre Helferin ihres Gatten, liebreiche und zielbewusste Mutter und Erzieherin ihrer Kinder, zärtliche Verwandte und Freundin aller, die gleich ihr geraden Wesens und offenen Charakters dem Guten und Rechten dienten. Von ihrem kurzen 42jährigen Lebensalter gehörten 17 Jahre der treuesten aufopferndsten Pflichterfüllung an der Seite ihres Mannes in Haus und Geschäft. Ihren Kindern suchte sie das Beste zu geben, was eine Mutter geben kann: Bildung und Lauterkeit der Gesinnung, den Nebenmenschen, die ihre Freundschaft suchten oder ihrer Hilfe bedurften, ein liebevolles, mitempfindendes Herz. So wird ihre Bild unverwischlich im ehrenden Andenken ihres Kreises fortleben. 
An der Bahre, die von einer großen Trauerversammlung aus Nah und Fern umringt war, entwarf Herr Lehrer Stein, Hungen, ein ergreifendes Lebensbild der Frühverstorbenen, dem noch Herr Redakteur Schachnowitz, Frankfurt am Main, herzliche Worte letzten Dankes im Namen der Familie anfügte. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  

      

Kennkarte aus der NS-Zeit            
               
Am 23. Juli 1938 wurde durch den Reichsminister des Innern für bestimmte Gruppen von Staatsangehörigen des Deutschen Reiches die Kennkartenpflicht eingeführt. Die Kennkarten jüdischer Personen waren mit einem großen Buchstaben "J" gekennzeichnet. Wer als "jüdisch" galt, hatte das Reichsgesetzblatt vom 14. November 1935 ("Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz") bestimmt. 
Hinweis: für die nachfolgenden Kennkarten ist die Quelle: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: Bestände: Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV: Kennkarten, Mainz 1939" http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm. Anfragen bitte gegebenenfalls an zentralarchiv@uni-hd.de       
 
 Kennkarte des in Hungen 
geborenen Alfred Sulzbach
 
 Hungen KK MZ Sulzbach Alfred.jpg (88745 Byte)  
   Kennkarte (ausgestellt in Mainz 1939) für Alfred Sulzbach (geb. 7. September 1877 in Hungen), Kaufmann,
 wohnhaft in Mainz, am 25. März 1942 deportiert ab Mainz - Darmstadt in das Ghetto Piaski, umgekommen  
 

      
     
     

Zur Geschichte der Synagoge        
     
Zunächst (16. Jahrhundert) dürfte ein Betsaal vorhanden gewesen sein. 1673 wurde eine erste Synagoge erbaut ("Schule", später "alte Synagoge" genannt).
     
Eine neue Synagoge wurde nach dreijähriger Vorbereitung in Planung und Finanzierung 1832 eingeweiht. In der Zeit während des Baus der Synagoge wurde das davor liegende Gebäude als Synagoge verwendet. Das Nebengebäude zur Synagoge wurde als Badhaus mit Schule und Lehrerwohnung eingerichtet. Die Synagoge war ein zweigeschossiges, verputztes Fachwerkhaus mit einem geschweiften Walmdach, auf dessen Spitze ein Davidstern angebracht war. Die Fenster- und Türöffnungen waren mit Rundbögen versehen. 1885 wurde eine Heizung eingebaut sowie Reparaturen vorgenommen. 

1892
beschädigten - in einer Zeit des auch in Hungen deutlich spürbaren Antisemitismus - Jugendliche die Hungener Synagoge. 1899 wurde das Gebäude gründlich renoviert.
Über 100 Jahre war die Synagoge Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens in Hungen.    

1932 konnte das hundertjährigen Bestehen der Synagoge gefeiert werden:

Hungen Israelit 16061932.jpg (144555 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juni 1932: "Hungen (Oberhessen), 12. Juni (1932). Am vergangenen Samstag feierte unsere Gemeinde das 100jährige Bestehen der Synagoge. Im Rahmen des Freitagabend-Gottesdienstes begrüßte Lehrer Seelig in seiner Ansprache Herrn Provinzialrabbiner Dr. Hirschfeld, Gießen sowie ehemalige Hungener Lehrer und noch viele Gäste, die es sich nicht hatten nehmen lassen, in alter Anhänglichkeit und Liebe den Ehrentag der Gemeinde mitzufeiern. – Samstagmorgen nach dem Frühgottesdienst fanden sich in der schön geschmückten Synagoge Bürgermeister Fendt als Vertreter der Behörde, Pfarrer Bock als Vertreter der Geistlichkeit und Rektor Schaad als Vertreter der Schule ein. Alsdann ergriff Herr Provinzialrabbiner Dr. Hirschfeld das Wort zu seiner Festpredigt, die einen tiefen Eindruck auf alle Zuhörer hinterließ. Anschließend sprachen Prediger Isaak, Limburg und Lehrer Stein, Markt Berolzheim. Sie gaben in beredten Worten ihrer Freude Ausdruck, ihrem früheren Wirkungskreise ihre Glückwünsche persönlich übermitteln zu können. Der erste Vorsteher, Herr S. Wiesenfelder, trug noch interessante Eintragungen aus der Chronik vor, um zu zeigen, wie sich die jüdische Gemeinde von jeher aufs engste mit allen Mitbürgern Hungens verbunden fühlte. Die erhebende Feier fand mit dem Olenugebet ihren Abschluss.
Anlässlich der Hundertjahrfeier stiftete der Frauenverein trotz der Not der Zeit unter großen Opfern unter der bewährten Leitung ihrer ersten Vorsitzenden, Frau Paula Gonsenhäuser, ein Porauches (sc. Toraschreinvorhang) nebst Schulchandecke (sc. Decke für den Lesepult), außerdem wurde von Familie Katz, Hungen, eine wundervolle silberne Torakrone, von Adolf Katz, Frankfurt am Main, ein herrliches Toramäntelchen gestiftet. Auch der Jugendbund Hungen überreichte ein selbst angefertigtes Toramäntelchen."   

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge durch SA-Leute zerstört. Torarollen, Gebetbücher wurden auf die Straße geworfen; die Möbel wurden auf dem Marktplatz verbrannt. Ritualien sollen teilweise auf dem Rathaus abgeliefert worden sein, sind seither jedoch verschwunden. Die politische Gemeinde erwarb wenig später für 7.600 RM das Synagogengebäude, zu dem auch Schule, Lehrerwohnung und im Keller das rituelle Bad gehörten. 
Nach 1945 ging das Gebäude in Privatbesitz über und wurde zu einem Wohnhaus umgebaut. 
    
1990
wurde eine Gedenktafel mit folgendem Text angebracht: "Ehemalige Synagoge eingeweiht 1832 unter dem Rabbinat Oberhessen - am 10. November 1938 unter nationalsozialistischer Herrschaft geschändet und im Innern zerstört."
  
  
Adressen/Standorte der Synagogen   

Alte Synagoge: Saalgasse 3 (frühere Anschrift: Schlossgasse Gebäude Nr. 120)     

Neue Synagoge: Blitzenstraße 38.         

Informationen zur jüdischen Geschichte vor Ort: über die Arbeitsgruppe Spurensuche; Kontakt gegebenenfalls über das Kulturamt der Stadt Hungen (Leiter Erhard Eller)  
  
   
Fotos
(Quelle: Altaras 1988 S. 83; Altaras 1994 S. 69; Arbeitsgruppe Spurensuche s.Lit.: Jüdisches Hungen S. 12; Fotos 2008: Hahn, Aufnahmedatum 28.3.2008)

Historische Fotos Hungen Synagoge 100.jpg (63884 Byte) Hungen Synagoge 102.jpg (102169 Byte)
   Blick zur ehemaligen 
Synagoge  
 Rechts die Synagoge. Der Fraueneingang
 führte über die kleine Treppe sowohl zur
 Frauenempore wie auch ins Gemeindehaus.
  
     
Das zum Wohnhaus umgebaute Synagogengebäude Hungen Synagoge 103.jpg (71260 Byte) Hungen Synagoge 101.jpg (105081 Byte)
     Ehemalige Synagoge rechts der Mitte, links
 das ehemalige Schul- Gemeindehaus. Der
 ehemalige Fraueneingang ist mit Glassteinen
 zugemauert (Foto August 1984)
Die 1990 angebrachte 
Hinweistafel
     
Das Synagogengebäude um 1970 
(Foto Else Bender, Hungen
Quelle: Umschlagbild der Dokumentation "Judenfamilien in Hungen" s.Lit.)
Hungen Synagoge 190.jpg (63350 Byte)  
  Das Foto wurde vom Kirchturm 
aus aufgenommen
 
                 
Das Gebäude der ehemaligen Synagoge im März 2008  
    Hungen Synagoge 156.jpg (74747 Byte) Hungen Synagoge 152.jpg (72244 Byte)
   Das ehemalige Schule und Gemeindehaus 
und anschließend die ehemalige Synagoge
Das ehemalige 
Synagogengebäude
     
    Hungen Synagoge 155.jpg (65708 Byte) Hungen Synagoge 151.jpg (64747 Byte)
    Blick zur ehemaligen Synagoge  Die 1990 angebrachte Hinweistafel 

  
  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

Januar 2009: Auch in Hungen werden ab 2011 "Stolperstein" gelegt und weitere aktuelle Aktivitäten der Arbeitsgruppe "Spurensuche" 
Bericht in der Gießener Allgemeinen vom 15. Januar 2009 (Artikel): "'Spurensucher' holen 'Stolpersteine' auch nach Hungen
Hungen
(us). Seit ihrer Gründung im Jahr 1988 hat die Arbeitsgruppe 'Spurensuche' in Hungen einiges erreicht: sie hat die Errichtung des Denkmals am jüdischen Friedhof initiiert, sie organisiert dort alljährlich am 10. November die Gedenkfeiern, und sie hat vier Broschüren herausgebracht, die vor allem das Schicksal der jüdischen Einwohner Hungens während es Nationalsozialismus in den Blick nehmen. Nun will die Gruppe ihr Arbeitsspektrum erweitern...".    
 
Mai 2009: Publikation zu "Judenfamilien in Hungen" wird vorgestellt.  
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 22. Mai 2009: "Schicksale und Beziehungen rekonstruiert. "Judenfamilien in Hungen" weist Weg zu Gräbern - Reiches Archivmaterial ausgewertet - Ergänzungen früherer Werke.  
HUNGEN
(ivi). Es ist ein bemerkenswertes Werk, das Hanno Müller im Hungener Rathaussaal der Öffentlichkeit vorlegte. Hinter dem schlichten Titel "Judenfamilien in Hungen" verbergen sich 412 Seiten, gefüllt mit akribisch recherchierten Daten über das Leben von Juden in Hungen, Inheiden, Utphe, Villingen, Obbornhofen, Bellersheim und Wohnbach. Den Anstoß zu diesem Familienbuch hatten der Steinbacher und seine Co-Autoren Dieter Bertram und Friedrich Damrath durch die Schriften und Bücher erhalten, die der Hungener Arbeitskreis Spurensuche in den letzten Jahren über jüdische Familien in Hungen publizierte..."   
   
November 2010: Gedenkstunde zum Novemberpogrom 1938  
Artikel in der "Gießener Allgemeinen" vom 1. November 2010 (Artikel): "Gedenkveranstaltung in Hungen
Hungen (pm). Auch in diesem Jahr organisiert die Hungener Arbeitsgruppe 'Spurensuche' wieder eine Veranstaltung zum Gedenken an die 'Reichspogromnacht', die in Hungen am 10. November 1938 stattfand. 
Nazihorden zertrümmerten damals systematisch das Innere der Synagoge und jüdische Geschäfte...".   
  

     


Links und Literatur

Links:   

Website der Stadt Hungen  
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Hungen (interner Link)    
Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Hungen  

Quellen:  

Hinweis auf online einsehbare Familienregister der jüdischen Gemeinde Hungen und Orten der Umgebung 
In der Website des Hessischen Hauptstaatsarchivs (innerhalb Arcinsys Hessen) sind die erhaltenen Familienregister aus hessischen jüdischen Gemeinden einsehbar: 
Link zur Übersicht (nach Ortsalphabet) https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/llist?nodeid=g186590&page=1&reload=true&sorting=41              
Zu Hungen sind bislang keine Register vorhanden bzw. eingestellt (zu genealogischen Zusammenhängen siehe unten das Buch von Hanno Müller u.a. über die Judenfamilien in Hungen u.a.); 
zu Utphe sind vorhanden (auf der jeweiligen Unterseite zur Einsichtnahme weiter über "Digitalisate anzeigen"):    
HHStAW 365,981  Sterberegister der Juden von Utphe  1809 - 1875     https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v4610411  
HHStAW 365,979  Geburtsregister der Juden von Utphe  1809 - 1875  https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v282891       
HHStAW 365,980  Trauregister der Juden von Utphe  1811 - 1875  https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v2949344       

Literatur:  

Germania Judaica III,1 S. 578-579.
Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 406-407.
Friedrich Prokosch: Chronik unserer Stadt 782-1982. Hrsg. vom Magistrat der Stadt. Hungen 1982 S. 80-94.
Inge Wolter: Geschichte der Juden in Hungen. In: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde. N.F. vol. 41. 1983 S. 253-280.
dies.: Der Judenpogrom in Hungen. Hungen 1988.
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 82-83.
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 69.
Gerhard Steinl: Protokollbuch der jüdischen Religionsgemeinde zu Hungen, 1826-1907: eine Transkiptions- und Judenmatrikel der Stadt Hungen, 1823-1876: eine Auswertung. Stadtarchiv Hungen 1992. 491 S.   
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 40-41. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 172-174.
Gabriele Reber: Lasst meine Bilder nicht sterben, Amalie Seckbach. Bruchstücke einer Biographie. Frankfurt 2006.
Hungen Lit 01.jpg (30878 Byte)"Arbeitsgruppe Spurensuche": Jüdisches Hungen. Einladung zu einem Rundgang. Reihe: Orte jüdischer Kultur. Haigerloch 2006.
Zur Vorstellung der Broschüre: Artikel bei www.hungen.info 
Hungen Lit 04.jpg (48419 Byte)Hanno Müller, Dieter Bertram, Friedrich Damrath: Judenfamilien in Hungen und in Inheiden, Utphe, Villingen, Obbornhofen, Bellersheim und Wohnbach. ISBN 978-3-940856-16-6    Hungen 2009.  
Zu beziehen über den Magistrat der Stadt Hungen - Stadtarchiv - Kaiserstraße 7  35410 Hungen   E-Mail    

        
         


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Hungen Hesse.  Jews lived there from the 15th century and a community was established in 1700. Numbering 105 (8 % of the total) in 1880, it was affiliated with the Orthodox rabbinate of Giessen, but services held in the synagogue (built in 1832) were accompanied by an organ and choir. After Worldwar I, a local branch of the German Zionist Organization was established. In March 1933, some prominent Social Democratics (including a number of Jews) were arrested. The anti-Jewish boycott won popular support, and on the 'Night of the Long Knives' (30 June 1934) SA and SS troops beat Jews attending Sabbath services. On Kristallnacht (9-10 November 1938), Nazis vandalized the synagogue's interior and attacked community leaders. Of the 66 Jews living in Hungen after 1933, at least 29 emigrated (mainly to the United States or Palestine) by 1939; more than 20 were deported to the Theresienstadt ghetto in 1942. 
      
       

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 17. Mai 2016