Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Erlangen (Kreisstadt, Mittelfranken / Bayern)
Jüdische Geschichte / Synagoge bis 1938/42  

Es besteht eine weitere Seite mit Texten zur jüdischen Geschichte in Erlangen (interner Link) 
Es besteht eine weitere Seite über die jüdische Geschichte / neue Beträume nach 1945 (interner Link) 
    

Hinweis auf Ansprechpartner zur Geschichte der untergegangenen Erlanger jüdischen Gemeinde    
Herr Christof Eberstadt wurde 2014 von der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen zum "Beauftragten der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen für die alte Jüdische Gemeinde" bestellt. Damit möchte die JKG Erlangen ihren Wunsch nach dem Aufbau eines eigenen Archivs mit Informationen aller Art über die in der NS-Zeit durch Verfolgung untergegangene erste Jüdische Gemeinde Erlangens realisieren.
Herr Eberstadt bittet Interessenten und Anbieter von Informationen zum Thema um Kontaktaufnahme per E-Mail cpa-eberstadt@t-online.de.    

   
Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Zur Geschichte der Betsäle / Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Persönlichkeiten 
Links und Literatur    

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)   
    
In Erlangen bestand eine jüdische Gemeinde bereits gegen Ende des Mittelalters. Urkundlich werden 1408 erstmals Juden in der Stadt genannt. 1459 und 1475 waren jeweils drei Juden beziehungsweise jüdische Familien in der Stadt. Juden "von Erlangen" werden in Wöhrd/Nürnberg genannt (1432), Bayreuth (1470) und Nürnberg (1458, 1490). Die jüdischen Familien lebten vom Geldhandel und hatten dazu geschäftliche Beziehungen nach Nürnberg und zu Untertanen des Bischofs von Bamberg. 1478 wird Rabbiner Vogelein genannt; vor Erlangen war er im Amt Cadolzburg wohnhaft. Letztmals werden Juden in der Stadt 1514 genannt. Vermutlich wurden sie mit den Juden der ganzen Markgrafschaft Brandenburg-Kulmbach 1515 ausgewiesen (Beschluss der markgräflichen Landtages vom 26. März 1515), doch gibt es keine urkundlichen Nachrichten hierzu. 1537 war vorübergehend wieder ein Juden in der Stadt. Die 1515 ausgewiesenen Juden der Stadt dürften sich - zumindest teilweise - in umliegenden Orten wie in Bruck und Baiersdorf niedergelassen haben. 
  
An der Universität Erlangens wurde 1778 erstmals ein jüdischer Student mit den Themen Medizin und Pharmazie promoviert. 1815 konnten sich die ersten jüdischen Schüler in die Matrikel des Erlanger Gymnasiums eintragen. 1841 wurde erstmals ein jüdischer Mediziner als Assistent an die Universität berufen:  

Erlangen AZJ 22051841.jpg (26467 Byte)Am 22. Mai 1841 berichtete die Allgemeine Zeitung des Judentums: "Aus Bayern, 26. April (1841). Seit einem halben Jahre ist auf der Universität Erlangen ein Israelit als Assistent an der chirurgischen Klinik angestellt, was auf Betrieb des nun in München lebenden Prof. Dr. Strohmeyer geschehen".  
Diese Meldung bezog sich auf Dr. Jakob Herz, weitere Berichte zu ihm auf der Textseite.

Die Gemeinde des 19./20. Jahrhunderts entstand jedoch erst, nachdem der bayerische Landtag 1861 die allgemeine Freizügigkeit für Juden in Bayern beschlossen hatte. Im Jahr zuvor (1860) hatte der Magistrat der Stadt Erlangen bereits einstimmt der Aufnahme eines jüdischen Tuch- und Schnittwarenhändlers zur Niederlassung in Erlangen zugestimmt (siehe auf der Textseite). Schnell zogen aus der Umgebung jüdische Familien zu.   

Erlangen Israelit 20061860.jpg (51072 Byte)Die Zeitschrift "Der Israelit" meldete am 20. Juni 1860 (Artikel links): "So wurde in voriger Woche den Juden das Wohnen in Erlangen gestattet, wohin bereits ein Jude übergesiedelt ist..." 
Der erste, der die Niederlassungserlaubnis in Erlangen erhielt, war Lehmann Aischberg aus Uehlfeld (siehe Textseite).   

Die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder entwickelte sich erstaunlich schnell: 1867 54 jüdische Einwohner (0,5 % der Gesamteinwohnerschaft von 11.546 Einwohnern), 1871 63 (0,5 % von 12.510), 1880 175 (1,2 % von 14.876) und 1890 die Höchstzahl von 239 jüdischen Einwohnern (1,4 % von insgesamt 17.559); 1900 198 (0,9 % von 22.953), 1910 224 (0,9 % von 24.877). Die offizielle Begründung der jüdischen Gemeinde war am 15. März 1873. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts war die offizielle Bezeichnung nach der "Muttergemeinde" in Bruck: "Jüdische Kultusgemeinde Erlangen-Bruck". Die jüdischen Familien stammten zu einem großen Teil aus den Orten Bruck, Baiersdorf und Büchenbach, wo die Zahlen der jüdischen Einwohner entsprechend zurückgingen. Die Büchenbacher Gemeinde wurde bereits 1874 aufgelöst; nach 1900 wohnten in Bruck keine jüdischen Personen mehr. Das Rabbinat von Baiersdorf wurde aufgelöst. Die Gemeinde Erlangen gehörte von 1921 von 1925 zum Bezirksrabbinat in Ansbach, danach zum Bezirksrabbinat Fürth
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde in Erlangen alsbald eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und einen FriedhofLehrer (zugleich Vorbeter/Kantoren) der Gemeinde waren u.a. Abraham Johndorf (1874-1878), Moritz Morgenthau (ab 1885), Leopold Katz (ab 1906), Justin Fränkel (ab 1924).
  
Viele jüdische Neubürger fanden in weitesten Kreisen der Bevölkerung breite Anerkennung. 1875 wurde auf dem damaligen Holzmarkt (Hugenottenplatz) für den 1871 verstorbenen Ehrenbürger Prof. Dr. Jakob Herz das Jakob-Herz-Denkmal enthüllt. Dennoch kam es auch bald zu antisemitischen Vorkommnissen, als Anfang August 1880 die Fenster des Gebäudes mit dem Betsaal eingeworfen wurden (s.u.). 
  
Im Ersten Weltkrieg fielen von den in den Krieg gezogenen jüdischen Erlangern: Unteroffizier Lothar Hopfenmaier (geb. 9.8.1893 in Erlangen, gef. 25.8.1914), Leutnant Dr. Joseph Gutmann (geb. 15.1.1886 in Feuchtwangen, gef. 5.9.1914) und Willy Weglein (geb. 20.11.1892 in Geldersheim, gef. 19.7.1916). Ihre Namen standen auf einer Gedenktafel rechts des Toraschreines in der Synagoge (eingeweiht am 30. Oktober 1921 durch Distriktsrabbiner Dr. David Brader; Tafel wurde vermutlich beim Novemberpogrom 1938 zerstört). Ein weiteres Denkmal mit den Namen der drei jüdischen Gefallenen ist in Erlangen nicht vorhanden. Das Grab von Lothar Hopfenmaier ist auf dem jüdischen Friedhof. Außerdem sind aus der jüdischen Gemeinde gefallen: Erich Boldes (geb. 3.12.1893 in Erlangen, vor 1914 in Breslau wohnhaft, gef. 13.10.1915), Max Karpf (geb. 17.5.1890 in Erlangen, vor 1914 in Nürnberg wohnhaft, gef. 5.9.1914) und Harry Katz (geb. 29.9.1884 in Bodenfelde, vor 1914 in Erlangen wohnhaft, gef. 15.9.1915).    
  
Um 1925, als 125 Personen zur jüdischen Gemeinde gehörten (0,4 % der Gesamteinwohnerschaft von etwa 30.000 Personen), waren die Vorsteher der jüdischen Gemeinde: Max Hopfenmaier jun., S. Weglein, Justin Fränkel, H. Loewi, H.A. Cohn, S. Brauer, J. Dingfelder, H. Brüll und M. Hopfenmaier sen. Als Lehrer und Kantor wirkte Justin Fränkel. Er erteilte auch den Religionsunterricht für die Kinder an der Religionsschule der Gemeinde und in den öffentlichen Schulen. An jüdischen Vereinen bestanden: der Wohltätigkeitsverein Chewra Kadischa (gegründet um 1890, mit 25-35 Mitgliedern unter Leitung H. Dorn, 1932 Alb. Hopfenmaier, Ziel Unterstützung Kranker und Hilfsbedürftiger), der Israelitische Frauenverein (gegründet 1898, unter Leitung von Frau Ullfelder, danach Frau Emma Meinhard, Ziele: Unterstützung Kranker und Hilfsbedürftiger, etwa 30 Mitglieder) sowie eine Ortsgruppe des Central-Vereins unter Leitung von A. Cohn (1932).. 1932 war 1. Vorsitzender der Gemeinde Max Hopfenmaier, 2. Vorsitzender Leopold David; Schriftführer war Justin Fränkel. Für die koschere Verpflegung der jüdischen Studierenden war in der Engelstr. 21 eine "Mensa academica" eingerichtet. Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich bis zur NS-Zeit so: 1910 224 Personen, 1925 161 Personen, 1933 130 Personen.   
  
Der Antisemitismus verbreitete sich in den 1920er-Jahren stark an der Universität. Im Februar 1929 verlangten völkisch orientierte Studenten an der Universität einen "Numerus clausus" für jüdische Studenten. 

Erlangen Israelit 28021929.jpg (52812 Byte)Mitteilung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Februar 1929: "Wie die antisemitische deutsche Presse mitteilt, hat der Allgemeine Studenten-Ausschuss der Universität Erlangen den Antrag der Fraktion des nationalsozialistischen Studentenbundes angenommen, wonach die Regierung aufgefordert wird, an sämtlichen deutschen Hochschulen den Numerus clausus für Nichtdeutsche, besonders aber für Studierende der jüdischen Rasse einzuführen."     

           
1933-1945: 

Erlangen JuedRundschau 08081933.jpg (49578 Byte)Artikel in der "Jüdischen Rundschau" vom 8. August 1933: "Der Bürgermeister von Erlangen, A. Gross, hat folgende Kundmachung erlassen: 'Das städtische Röthelheimbad ist bisher im wesentlichen von dem Besuch von Juden verschont geblieben, sodass sich ein Verbot des Betretens des Badegeländes durch Juden erübrigte. Da aber nunmehr in Nürnberg und anderwärts den Juden der Zutritt zu Bädern verboten wurde, ist zu befürchten, dass aus der Umgebung in das Röthelheimbad Juden kommen. Ich ordne deshalb an: Zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung ist Juden der Zutritt zum Röthelheimbad mit sofortiger Wirkung verboten."

1933 lebten 130 jüdische Personen in Erlangen. Auf Grund der zunehmenden Repressalien, des wirtschaftlichen Boykotts und der Entrechtung verließ die Mehrzahl der jüdischen Einwohner in den folgenden Jahren die Stadt (1938 44 jüdische Einwohner, Mai 1939 noch 26). Von den noch Verbliebenen waren viele auf Unterstützung durch das jüdische Winterhilfswerk oder den Hilfsfonds der Gemeinde Fürth angewiesen. Im April 1937 wurde der jüdische Kantor und Lehrer Justin Fränkel verhaftet. Ihm wurde von der Gestapo Würzburg vorgeworfen, sich an einem Ritualmord an einem Kind beteiligt zu haben. Ein in seiner Wohnung gefundenes Stück Mazze (ungesäuertes Brot) wurde beschlagnahmt um es auf Beimischung von Menschenblut zu untersuchen. Beim Novemberpogrom 1938 wurden am Morgen des 10. November 1938 sämtliche jüdischen Einwohner aus ihren Häusern geholt und ins Rathaus verschleppt. Die Männer kamen von dort für sechs Wochen in das das Gefängnis nach Nürnberg, die Frauen wurden in ein Obdachlosen-Asyl gebracht. Ende November 1941 waren nur noch 13 jüdische Personen in der Stadt. Sechs von ihnen wurden Ende November 1941 nach Riga deportiert. Am 21. Oktober 1943 wurde die letzte jüdische Frau nach Auschwitz deportiert, wo sie zwei Monate später umgekommen ist. 
    
Von den in Erlangen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", ergänzt durch Namensliste aus Erlangen): Emil Bacharach (1887), Isaak Bacharach (1854), Marie Bacharach (1888), Amalie Bauer geb. Neuburger (1893), Ernestine Bauer geb. Stern (1882, Josef Bauer (1880), Lotte Bauer (1923), Simon Bauer (1887), Emma Bekei geb. Levi (1879), Rudolf Benario (1908), Erich Benesi (1931), Gottliebe Benesi geb. Katz (1906), Hannelore Benesi (1935), Hildegard Benesi (1933), Jakob Benesi (1901), Therese Berberich geb. Reinemann (1915), Alfred Cohn (1879), Rosa Cohn geb. Moch (1887), Sally Cohn (1881), Adolf Dreifuß (1859), Ida Fleischmann (1863), Max Fleischmann (1863), Josef Flink (1868), Louise Guggenheimer, ab 1939 Heim (1889), Selma Gundelfinger geb. Blumenthal (1880), Gisela Gutmeyer (1884), Louise Haas geb. Bauer (1878), Betty Hans geb. Wild (1909), Clara Harwitz geb. Wild (1882), Bertha Heinemann geb. Stern (1876), Betty Hopfenmaier geb. Aufseeser (1891), Hella Hopfenmaier (1926), Max Hopfenmaier (1892), Bertha Isaacsohn geb. Karpf (1897), Erna Isaacsohn geb. Moschkowitz (1893), Dr. Benno Jakob (1873), Max Jakob (1876), Else Karliner geb. Boldes (1891), Wilma Katz geb. Tausig (1873), Meta Klestadt, geb. Schwed (1895), Max Hanns Kohn (1910), Hildegard Laink-Vissing geb. Katz (1896), Frida Landau (1907), Adele Leistner, geb. Blumenrath (1881), Ludwig Loewi (1925), Alma Männlein geb. Danziger (1890), Maier Männlein (1869), Max Männlein (1885), Moritz Männlein (1880), Simon Männlein (1871), Therese Männlein (1877), Franziska Meyer, geb. Morgenthau (1870), Siegmund Meyer (1895), Ludwig Neu (1865), Rosa Reiß, geb. Holzinger (1879), Regina Rheinheimer (1877), Walter Rosenblatt (1912), Jenni Rotenstein (1912), Simon Rotenstein (1899), Sofie Rotenstein geb. Paper (1872), Gisela Rubenstein geb. Weinberger (1906), Julie Schlamme, geb. Silberschmidt (1868), Thekla Schmidek geb. Schlamme (1891), Pauline Schnaittacher (1895), Rosa Schnaittacher (1870), Rosette Simon geb. Brüll (1868), Babette Sommerhäuser, geb. Freitag (1874), Therese Stark geb. Rothschild (1899), Olga Steiner (1908), Arthur Stern (1869), Sidonie Stern geb. Stern (1884), Josef Strasse (1905), Frieda Uhlfelder geb. Flink (1883), Josef Uhlfelder (1881), Ingeborg Walg, geb. Hopfenmaier (1921), Leonhard Wassermann (1877), Thekla Wassermann (1895), Wilhelm Wassermann (1893), Ida Wechsler geb. Schönberger (1887), Klothilde Weglein geb. Katzenberger (1869), Samuel Weglein (1865), Benno Weinmann (1883), Iwan (Isaak) Weinstock (1859), Bruno H. Weyl (1881), Ignatz Wild (1879), Paula Wild geb. Schiff (1882), Frieda Wollmann geb. Brüll (1860).      

Ergänzende Informationen zur "Euthanasie" jüdischer Patient/in/en aus der Erlanger Heil- und Pflegeanstalt (von Christof Eberstadt, Erlangen)   
In den Jahren 1940 bis 1943 fielen (nach heutigem Erkenntnisstand) 27 jüdische Patient/in/en aus der Erlanger Heil- und Pflegeanstalt der sogenannten "Euthanasie" zum Opfer, einem Programm des nationalsozialistischen Regimes zur "Vernichtung unwerten Lebens". 21 Personen wurden während der sogenannten "T4-Aktion" am 16. September 1940 in die Sammelstation für Bayern in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verbracht. Von dort erfolgte der Abtransport am 20. September 1940 mit nicht genanntem Ziel. Die Fachwelt geht heute davon aus, dass das Ziel des Bustransports die heute sogenannte "Tötungsanstalt" in Schloss Hartheim bei Linz in Österreich gewesen ist (so stellt das heute auch das Bundesgedenkbuch in der online-Fassung seit 2014 dar). In Hartheim wurden die Todgeweihten entweder am gleichen Tag, oder möglichst bald danach, in der Gaskammer mit Kohlenmonoxidgas ermordet. Ihre Körper wurden anschließend verbrannt und die Asche verstreut. Soweit überhaupt standesamtliche Angaben aus jener Zeit vorliegen, sind diese nach heutigem Urteil der Fachleute alle als amtlich bekundete Fälschungen zu beurteilen.
Nach Einstellung der Aktion T4 wurden noch sechs weitere Kranke jüdischer Herkunft in Erlangen eingeliefert. Drei von diesen wurden in den Jahren bis zur Zerschlagung der nationalsozialistischen Diktatur im Rahmen der sogenannten "dezentralen Euthanasie" an verschiedenen Orten ermordet; eine jüdische Frau war aus politischen Gründen verhaftet und in Erlangen eingeliefert worden und wurde nach dem Prozess in Nürnberg nach Eglfing-Haar verbracht, um von dort nach Auschwitz deportiert zu werden. Diese Menschen müssen letztlich als "verschollen" gelten, da (nach heutigem Stand) keine einzige tagesgenaue offizielle Bestätigung ihres Todes existiert. Zwei Männer starben an verfolgungsbedingt zugezogenen Krankheiten im Jüdischen Krankenhaus in Berlin und fanden ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof Weißensee.

Die Liste der "Euthanasie"-Opfer wurde zum 30. Juni 2015 von Christof Eberstadt, dem "Beauftragten der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen für die alte jüdische Gemeinde" überarbeitet und aktualisiert. Die nachfolgenden Angaben wurden mit Nikolaus Braun M.A. vom Archiv des Bezirks Oberbayern zu den Vorgängen in Eglfing-Haar, und mit Magister Peter Eigelsberger von der Dokumentationsstelle Hartheim des OÖLA abgestimmt; außerdem beteiligten sich eine Reihe Stadt- und Landesarchive an der Suche, ausgewiesene Fachbuchautoren und Teilnehmer von Stolpersteininitiativen:
Julius Braun (1897), Ernst Cohn (1900), Justus Fuld (1901), Berthold Gutmann (1898), Julius Heller (1922), Gertraud Hirschmann (1900), Ludwig Jakobsohn (1907), Martin Liebermann (1921), Ilse Mayer (1911), Henriette Meyer (1910), Irma Naumburger geb. Eising (1888), Jakob Oberländer (1882), Hedwig Quittner (1908), James Thomas Rahn (1897), Franziska Reinmund geb. Bemsel (1891), Siegfried Rieß (1907), Walter Rosenblatt (1912), Milly Rosenwald geb. Geschmay (1890), Lilly Schnebel (1881), Berthold Sturm (1881), Erna Thäter geb. Mayer (1893), Berta Thalheimer (1875), Matilde Tuteur (1863), Emil Walz (1890), Edgar Weis (1907), Berta Wertheimer (1898), Sophie Wiesengrund (1893). 

   
   
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Zur Geschichte der Betsäle / Synagogen   
         
    
Die seit 1861 zugezogenen jüdischen Familien besuchten vermutlich zunächst die Synagoge in Bruck. 1873 wurde ein Betsaal im Haus des Kaufmanns Josef Levin in der Friedrichstraße 6 eingerichtet. 1878 wurden die oberen Räume im Haus Dreikönigstraße 1 gemietet, um dort eine Synagoge (Beträume je für Männer und Frauen) und einen Versammlungsraum für die Gemeinde einzurichten. 

Dieser Betsaal der jüdischen Gemeinde war bereits 1880 von dem damals in der Stadt aufkeimenden Antisemitismus betroffen. Im Sommer 1880 hielt der Berliner Theologe und Antisemit Adolf Stöcker vor Studierenden der Theologie einen seiner Vorträge, was dazu führte, dass am 1.,2. und 3. August in dem jüdischen Haus, in dem sich auch der Betsaal befand, die Fenster eingeworfen wurden
.    

Erlangen AZJ 16081881.jpg (28463 Byte)Die Allgemeine Zeitung des Judentums berichtete am 16. August 1880: "Erlangen, 6. August. Hier, wo Herr Stöcker vor Kurzem vor einer hauptsächlich von Studierenden der Theologie besuchten Versammlung einen seiner bekannten Vorträge gehalten, hat man am 1., 2. und 3. dieses Monats einem Israeliten allabendlich die Fenster eingeworfen; auch der im gleichen Haus befindliche Betsaal der Israeliten wurde nicht verschont". 

 1894 plante die Gemeinde den Bau einer Synagoge.  

Erlangen Israelit 24091894s.jpg (33351 Byte)In der Zeitschrift "Der Israelit" war am 24. September 1894 zu lesen: "Erlangen, 13. September (1894). Die hiesige israelitische Kultusverwaltung strebt die Erbauung eines Synagogengebäudes an und sucht zwecks Aufbringung der Mittel um Erlaubnis zur Veranstaltung einer Kollekte in den Synagogen Bayerns nach. Der Magistrat beschloss heute, das Gesuch der königlichen Regierung befürwortend zu unterbreiten".   

Aus nicht bekannten Gründen konnte der Plan nicht ausgeführt werden, sodass auch weiterhin der Betsaal in der Dreikönigstraße 1 Mittelpunkt der jüdischen Gemeindelebens in der Stadt blieb. Ein Grund für die Nichtausführung könnte auch der zeitweise schlechte Gottesdienstbesuch bewerden sein. 1902 wurde darüber geklagt, dass wochentags überhaupt kein Gottesdienst zustande kam, da sich nicht die hierfür notwendige Zahl von 10 religionsmündigen Männern einfand: 
    
 In der Synagoge wird wochentags kein Gottesdienst abgehalten (1902)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Dezember 1902: "Aus Mittelfranken. Als vor einigen Jahren im 'Israelit' aus Erlangen berichtet wurde, dass sich daselbst ein Talmud-Tora-Verein gegründet habe, der unter anderen löblichen Zwecken auch die hochwichtige Aufgabe sich stellte: soviel als möglich dafür zu wirken, dass jederzeit, insbesondere an Montag und Donnerstag, mit Minjan gebetet werden kann, war gewiss jeder wahrhafte Jehudi freudigst davon berührt und wünschte sicher den besten Erfolg. Wie benannter Verein seiner sich gestellten Aufgabe nachkommt und welche Erfolge derselbe bis jetzt erzielte, will und kann ich nicht bemessen, aus den jüdischen öffentlichen Blättern habe ich seit seiner Gründung nichts mehr darüber vernommen; dagegen kann ich, was das Ziel, Minjan täglich zu bekommen, betrifft, bezeugen, dass an einem der jüngsten Donnerstage der dortige Betsaal gar nicht geöffnet wurde und auch niemand zum Gebete sich einfand. Auf Befragen, wann an Wochentagen der Gottesdienst beginnt, wurde mir von Mehreren bedeutet: 'Bei uns wird an Wochentagen nicht Schul gegangen.' Ich möchte nicht gern jemand zu nahe treten und unterlasse deshalb, meine Vermutung auszusprechen, wer wohl dazu beitragen respektive veranlassen könnte, dass hierin Besserung eintrete. Nach meinem Dafürhalten erfordert es keine große Anstrengung, in dortiger Gemeinde täglich Minjan zusammen zu bringen. Es wäre zu wünschen und erfreulich, wenn die kalte Witterung nur allein Schuld daran hatte, dass obiger traurige Missstand besteht, und dass ich recht bald das Gegenteil berichten kann, das gebe Der, zu dem wir unsere Gebete richten."   

  
Bis 1937 wurden im Betsaal in der Dreikönigstraße Gottesdienste abgehalten. Dann konnte die klein gewordene jüdische Gemeinde die Miete nicht mehr bezahlen. In der Einhornstraße 5 wurden zwei Räume gemietet, die nicht bewohnt werden konnten. Die dortigen Räume wurden beim Novemberpogrom 1938 verwüstet. Die Ritualien wurden beschlagnahmt (nach einer Übersicht u.a. neun Torarollen, neun Paar Toraaufsätze mit Toraschildern, drei Lesefinger, 30 Toramäntel, 50 Wimpel, vier Toraschreinvorhänge, vier Decken für den Lesepult, eine Ewige Lampe, eine Menora, ein Chanukka-Leuchter usw.). Eine der Torarollen aus Erlangen konnte jedoch von einem in die USA geflüchteten jüdischen Mann gerettet und inzwischen wieder nach Erlangen zurückgebracht werden.  
     
     
 
Adressen/Standorte der Betsäle / Synagogen bis 1938

1873-78 Friedrichstraße 6 
1878-1937 Dreikönigstraße 1 
1937-1938 Einhornstraße 5

  
  
Fotos
(Quelle: Gebäude des Betsaales Dreikönigstraße: Hahn, Aufnahmedatum 23.6.2006; Gebäude des Betsaales Einhornstraße: Jürgen Hanke, Kronach, www.synagogen.info, Aufnahme von 2004).    

Gebäude des Betsaales 
1878 - 1937
Erlangen Synagoge 200.jpg (60968 Byte) Erlangen Synagoge 201.jpg (59743 Byte)
     Das Gebäude Dreikönigstraße 1(-3), in dem sich der Betsaal der Gemeinde befand.
     
Betsaal 1937-1938 in 
der Einhornstraße
Erlangen Synagoge 060.jpg (36902 Byte)
    In dem Gebäude mit dem Geweih war der Betsaal, der beim Novemberpogrom 1938 
geschändet wurde. 
     
     

      
      
Persönlichkeiten:     

Der Physiologe Isidor Rosenthal (1836-1915) war seit 1872 Professor in Erlangen. Er entstammte einer jüdischen Familie. Er war zwar aus dem Judentum ausgetreten, wurde aber dennoch in mehreren Artikeln in jüdischen Zeitschriften hoch gewürdigt. Anlässlich seiner Emeritierung 1913 erschien in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. August 1913 folgender Beitrag: 
   
Erlangen AZJ 08081913.jpg (99031 Byte)"Erlangen, 1. August (1913). Der ordentliche Professor und Direktor des physiologischen Instituts Geh. Hofrat Dr. med. et phil. Isidor Rosenthal wurde auf sein Ansuchen von der Verpflichtung zur Abhaltung von Vorlesungen befreit; aus diesem Anlass erhielt er den Titel eines Geheimen Rates. Geheimer Rat Rosenthal ist am 16. Juli 77 Jahre geworden, er ist 1836 in Labischin, Provinz Posen, geboren. Der berühmte Physiologe hat nach einer erfolgreichen und ehrenvollen wissenschaftlichen Laufbahn ein volles Anrecht darauf, seinen Lebensabend in einer des hochangesehenen Forschers würdigen Ruhe zu schließen. Gleichwohl wird es manchen unter seinen Freunden geben, die seinen Entschluss bedauern. Denn an geistiger Frische vermag er es noch heute mit viel jüngeren seiner Genossen aufzunehmen. Rosenthal ist seiner wissenschaftlichen Entwicklung nach als ein Berliner Kind anzusprechen. Hier hat er seine Studien begonnen und unter des unvergesslichen Emil Dubois-Reymond Leitung, dessen langjähriger Assistent und Freund er gewesen, auch vollendet. Rosenthal gehört zu den begabtesten Schülern Dubois', dem an allgemeiner Bildung, an wissenschaftlicher Gründlichkeit und unbestechlicher Kritik es gleichzutun, sein hauptsächlichstes Bestreben war. Wir wünschen dem ausgezeichneten Physiologen und vortrefflichen Menschen einen schönen Lebensabend. 
Ein noch ausführlicherer Beitrag zu Rosenthal erschien in der Allgemeinen Zeitung des Judentums vom 15. August 1913, siehe auf der Textseite.

    

Jakob Herz (Professor, Arzt und Ehrenbürger). Ein Denkmal wurde für ihn am 5. Mai 1875 errichtet. Dieses wurde am 15. September 1933 zerstört. 50 Jahre später wurde ein Denkmal errichtet mit der Aufschrift: "Wir denken an Jakob Herz, dem Bürger dieser Stadt ein Denkmal setzten und zerstörten." Texte zu Prof. Dr. Jakob Herz auf der Textseite
Erlangen Denkmal JHerz 2.jpg (33654 Byte) Erlangen Denkmal JHerz.jpg (44159 Byte) Erlangen Denkmal JHerz 3.jpg (42158 Byte) Erlangen Wohnhaus JHerz.jpg (36300 Byte)
Denkmal für Jakob Herz - Krankenhausstraße  Gedenktafel Hugenottenplatz  Wohnhaus Jakob Herz 
Fotos: Jürgen Hanke, Kronach

   

Emmy Noether (Mathematikerin, 1882 in Erlangen - 1935 USA). Emmy Noether wuchs in Erlangen als Tochter des Mathematikprofessors Dr. Max Noether und seiner Frau Ida Amalie geb. Kaufmann auf. Sie besuchte Schulen in Erlangen und Nürnberg, studierte von 1903 bis 1907 Mathematik in Göttingen und Erlangen. 1907 schloss sie die Studien mit einer Dissertation ab und erhielt als erste Erlangerin an der Universität Erlangen die Doktorwürde. 1908-1915 Arbeit am Mathematischen Institut der Universität Erlangen, seit 1915 in Göttingen (Habilitation 1919 und Aufnahme der Lehrtätigkeit als Privatdozentin). 1922 ao. Professorin in Göttingen, 1928/30 Gastprofessuren in Moskau und Frankfurt a.M.. 1933 auf Grund ihrer jüdischen Herkunft (seit 1920 war sie evangelisch geworden) entlassen; im Oktober 1933 in die USA emigriert, Gastprofessur an einer Frauenhochschule in Pennsylvania. 1935 unerwarteter Tod nach einer Operation. Albert Einstein widmete ihr in der "New York Times" vom 5. Mai 1935 einen Nachruf. Link zur Seite bei wikipedia

    
    

Links und Literatur

Links:   

Website der Stadt Erlangen    
Website der "Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen e.V."  
"Juden in Erlangen" - Ein Projekt von Schülern für Schüler (Hermann-Hedenus-Hauptschule, AG Religion im Internet) mit zahlreichen Informationsseiten und Fotos zur Geschichte der Juden in Erlangen. 
Seite zu Professor Jakob Herz    
Seite zum jüdischen Friedhof in Erlangen (interner Link)  
Artikel zu Lotte Ansbacher von Christina Kolbet in der Zeitung "Raumzeit" von 2002   
Namen der jüdischen Gefallenen auf einer Seite des Hauses der Bayerischen Geschichte  

Literatur:  

Germania Judaica III,1 S. 329-330.
Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 173-175.
Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 152.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 276-278.
Ilse Sponsel: Das Schicksal der Erlanger Juden in der NS-Zeit. Erlanger Materialien Heft 4. Herausgegeben von der Stadt Erlangen und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Franken e.V. 1982. 
dies.: Gedenkbuch für die Erlanger Opfer der Schoa. Erlangen: Bürgermeister- und Presseamt 2001.
Bayern SynGedenkband II.jpg (63426 Byte)"Mehr als Steine...." Synagogen-Gedenkband Bayern. Band II: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager, unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner. Hg. von Wolfgang Kraus, Berndt Hamm und Meier Schwarz. Reihe: Gedenkbuch der Synagogen in Deutschen. Begründet und herausgegeben von Meier Schwarz. Synagogue Memorial Jerusalem. Bd. 3: Bayern, Teilband 2: Mittelfranken. Lindenberg im Allgäu 2010. 
Kunstverlag Josef Fink Lindenberg im Allgäu

ISBN 978-3-89870-448-9.   Abschnitt zu Erlangen S. 190-224.  

  
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Erlangen Middle Franconia. Jews are first mentioned in 1432 and were expelled in 1515 in the general expulsion from the principality. Jews studied at Erlangen University from the early 19th century and later taught there, with the physician Jakob Herz (d. 1871) becoming the first Jewish professor in Bavaria in 1863. However, the modern community was only organized in 1873, numbering 239 in 1890 (of a total 17.559) and 130 in 1933. Under Nazi rule, Jews suffered from the economic boycott and on Kristallnacht (9-10 November 1938), all who remained were arrested. The men were held in the Nuremberg prison for six weekes. On their release, they were kept from working and forced to sell their property. Between 1933 and 1941, at least 42 Jews emigrated, including 50 left for other German cities, 21 of them for Nuremberg. The last seven jews were sent to Riga and Auschwitz starting in November 1941.    
        
          

                   
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Stand: 22. August 2016