Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Baiersdorf (Kreis Erlangen-Höchstadt)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte des Rabbinates in Baiersdorf   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In der bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Fürstentum Ansbach (bzw. Markgrafentum Brandenburg-Bayreuth) gehörenden Stadt Baiersdorf (Stadt seit 1353) wird eine jüdische Gemeinde erstmals 1473 genannt. Vermutlich gab es jedoch bereits im frühen 15. Jahrhundert jüdische Familien in der Stadt, da die ältesten Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in dieser Zeit datiert werden. Ein nach Baiersdorf benannter Jude lebte 1450 in Bayreuth. Zwei 1496 genannte jüdische Familien von Baiersdorf unterhielten Wirtschaftsverbindungen nach Bamberg und im Bereich von Oberfranken. 1515 wurde bei einem Landtag zu Baiersdorf der Wunsch der Stände vorgetragen, die Juden aus dem Fürstentum Ansbach zu vertreiben. Doch war der damalige Regent Georg der Fromme von Brandenburg-Ansbach (regierte 1527-1541) daran u.a. auf Grund chronischer Geldnöte wenig interessiert. Die Landtagswünsche wurden auf dem Landtag zu Ansbach 1538 wiederholt. Georg der Fromme sagte zwar zu, setzte jedoch den Beschluss nicht oder nur teilweise um. Ein nachfolgender Regent Georg Friedrich der Ältere (regierte 1557-1603) ließ 1560 auf abermaliges Dringen des Landtags verkünden, dass die Juden bis Pfingsten 1561 das Land zu räumen hätten, worauf es offenbar zur Vertreibung der Mehrzahl der Juden - auch auf Grund regionaler Übergriffe auf Juden - gekommen ist.  

Vermutlich konnten bis Ende des 16. Jahrhunderts wieder mehrere Familien in Baiersdorf zuziehen. In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges werden 1619 neun jüdische Familien in der Stadt genannt. Im Jahrhundert nach Ende des Krieges kam es zu einer erstaunlichen Vergrößerung der Gemeinde: 1709 34 Familien, 1728 54, 1763 79 und die Höchstzahl im 18. Jahrhundert von 95 Familien im Jahr 1771 (1776: 367 jüdische Einwohner). Bis 1807 ging die Zahl auf 83 jüdische Familien leicht zurück, um im 19. Jahrhundert wieder anzusteigen.  
  
Baiersdorf wurde Sitz eines Landrabbinats, das für die weitere Umgebung (vor allem für die Rabbiner des Fürstentums Bayreuth) die Bedeutung eines Oberrabbinats hatte. Bereits im 17. Jahrhundert wird das Rabbinat Baiersdorf genannt. Zeitweise (unter dem Bamberger Rabbiner Mendel Rothschild 1686-1711) wurde es von Bamberg aus mitverwaltet. Die letzten Rabbiner in Baiersdorf waren Rabbi Chaim Hirsch Berlin, Rabbi Löb Berlin (1789-1784 Rabbiner in Bamberg, zugleich in Baiersdorf), Rabbi David  Diespecker bis 1848 und von 1848 bis 1888 Wolf Cohn. Nach Auflösung des Rabbinates Baiersdorf gehörte die Gemeinde zum Distriktsrabbinat in Fürth. 
Im 19. Jahrhundert wurde die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde 1837 mit 440 Personen erreicht (28,4 % der Gesamteinwohnerschaft von 1.550 Personen). In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verzogen viele Baiersdorfer Juden in die Städte (viele nach Erlangen und Nürnberg) oder wanderten aus, sodass die Zahl der Einwohner schnell zurückging: 1867 153 jüdische Einwohner (11,3 % von insgesamt 1.332 Personen), 1871 128 (10,1 % von 1.271), 1880 86 (6,1 % von 1.411), 1890 55 (4,4 % von 1.264), 1900 33 (2,5 % von 1.393). 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde Synagoge (s.u.), ein rituelles Bad, eine jüdische Schule und einen Friedhof. Nach der Auflösung des Rabbinates 1888 waren die jüdischen Lehrer die wichtigsten Personen für die meisten kultischen Aufgaben der Gemeinde. Als 1914 (siehe unten bei den Ausschreibungstexten) die Stelle noch einmal ausgeschrieben wurde, verband man mit der Ausschreibung die Hoffnung, dass der Vorsänger in seiner Familie einige über 13jährige Söhne habe, die helfen würden, den bereits in Gefahr geratenen Minjan (notwendige Zehnzahl der jüdischen Männer für einen Gottesdienst) zu sichern.  
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Ernst Hirschkind und Max Hirschkind. Ihre Namen stehen auf dem Kriegerdenkmal der bürgerlichen Gemeinde unweit des protestantischen / jüdischen Friedhofes an der Forchheimer Straße sowie auf dem Kriegerdenkmal an der Stadtpfarrkirche. 
 
Um 1925, als nur noch 12 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden (0,92 % von etwa 1.300 Einwohnern), war Vorsteher der Gemeinde Philipp Hirschkind. 1932 wird als Vorsteher Ludwig Kohn genannt. 
    
1933
wurden 19 jüdische Einwohner gezählt. Von ihnen emigrierten bis zum Novemberpogrom 1938 16 Personen oder verzogen in andere Orte (fünf nach Nürnberg). Sechs emigrierten in die USA, drei nach Frankreich, einer nach Litauen. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört (s.u.), die letzten drei in Baiersdorf gebliebenen Juden wurden aus ihren Wohnung geholt und nach Erlangen gebracht. Zwei von ihnen (Ehepaar Cohn) durften nicht in ihre inzwischen zerstörte Wohnung zurückkehren. Sie zogen nach Fürth, wo sie später starben. Eine Frau überlebte in Baiersdorf in "privilegierter Mischehe". 
     
Von den in Baiersdorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Babette Dilsheimer (1864), Oskar Fleischmann (1887), Theobald Hirschkind (1874), Ludwig Kohn (1885), Helena Kilsheimer (1874), Dr. Siegfried (Sami) Lichtenstädter (1865, s.u.), Hannchen Straus geb. Lohmann (1862), Julius Wassermann (1864), Philipp Weil (1857), Max Weißmann (1871).
   
   
   
    
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
   
Aus der Geschichte des Rabbinates in Baiersdorf  

Überlegungen zur Vergrößerungen des Rabbinates Baiersdorf (1852)

Baiersdorf AZJ 13091852.jpg (44488 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. September 1852: "Der Anschluss der den Schwabacher Rabbinatsdistrikt mit gebildet habenden Gemeinden an Oettingen hat die Bestätigung königlicher Kreisregierung, weil außer dem Regierungsbezirk gelegen, nicht erhalten und ist besagten Gemeinden, wenn sie auf Auflösung des hiesigen Rabbinats bestehen und da die Eisenbahn das wesentliche Motiv des Anschlusses bilden soll, Baiersdorf empfohlen worden. Gut für Wassertrüdingen, für welches die nötige Fassionssumme noch immer nicht völlig aufzubringen war."

    
Zum Tod des letzten Baiersdorfer Rabbiners: Wolf Cohn (gestorben am 16. Januar 1888)

Baiersdorf AZJ 02021888.jpg (65381 Byte)Baiersdorf, 18. Januar (1888). Am 16. dieses Monats verschied hier der  Distriktsrabbiner Wolf Cohn, wahrscheinlich der letzte seines Standes in hiesiger Gemeinde. Heute fand das feierliche Leichenbegängnis statt, und gestaltete sich zu einer seltenen Feier, nicht nur, weil der Bezirksamtmann, der Stadtpfarrer, die Ortsbehörde und fast die gesamte erwachsene Einwohnerschaft dem Sarge folgten, sondern auch weil an jener alle Parteien in seltenem Einverständnis teilnahmen. Es erweist sich dies durch die Berichte, welche sowohl der freisinnige 'fränkische Kurier', als auch das Organ der evangelischen Pietisten, die konservative 'Suddeutsche Landpost' vom 21. dieses Monats bringt, sodass dieser Vorgang einen allgemein interessierenden Charakter angenommen. Wir geben deshalb den Bericht des letzteren Blattes, der zugleich der ausführlichere ist.
Baiersdorf AZJ 02021888b.jpg (244689 Byte)Er lautet: 'Heute wurde dahier mit großen Ehren der Distriktsrabbiner Wolf Cohn, ein 75 1/2jähriger Mann, zu Grabe gebracht. Er wurde sehr geehrt; die Ehre aber, die ihm gegeben wurde, war nicht Lobhudelei, sondern Wahrheit. Gar manchmal, wenn Leute im Bahnzuge den ehrwürdigen Mann fahren sahen, fragten sie: was ist das für ein Pfarrer? Von den Fehlern, die man, sei es mit Recht oder Unrecht, gerne seinen Volksgenossen vorwirft, war er vollständig frei. Dagegen zierte ihn die aufrichtigste Demut und Bescheidenheit. Dabei war der Mann aber reich an Wissen und Bildung. Als der berühmte alttestamentliche Theologie Dr. Delitzsch (nun bekanntlich in Leipzig) noch in Erlangen lehrte, kam er häufig zu ihm nach Baiersdorf, um noch mehr über das Judentum zu lernen. Diesen Umstand hob die in der Synagoge gehaltene, sehr wohlgelungene und sehr maßvolle Rede des Rabbiners von Fürth Dr. Neuburger über Maleachi 2,5-7 mit Wärme hervor. Auch sonst kamen je und je studierende Theologen von Erlangen in gleicher Absicht wie einst Delitzsch zu ihm hinaus. Er pflegte für solche Lektionen kein Honorar anzunehmen. Der letzte dieser Schüler war Repetent Engelhardt von Erlangen. Es war in der Tat ergreifend, die warmen Worte des Dankes zu hören, die er am Grabe des Rabbiners, nachdem alles andere vorüber war, demselben nachrief, und die sichtlich aus tiefstem Herzen amen. Auch was mehrere jüdische Redner vorher am Grabe in kurzen Worten geredet hatten, machte denselben Eindruck. Der Nürnberger Rabbiner, Dr. Ziemlich, der auch unter diesen sich befand, hob den Umstand hervor, dass mit dem greisen Rabbiner Cohn, wahrscheinlich auch das Rabbinat Baiersdorf zu Grabe getragen werde (es wird wahrscheinlich, da die Zahl der Israeliten dahier von früher 500 auf 60-70 heruntergegangen ist, an einen anderen Ort verlegt werden). Der Fürther Rabbiner hatte in seiner Synagogenrede auch erzählt, wie in noch früherer Zeit der Baiersdorfer Rabbiner der Oberrabbiner über alle Rabbiner des Fürstentums Bayreuth gewesen sei, und wie daher meistens hochgelehrte Männer, z.B. Hirsch, Vater und Sohn, und Diespecker, Vater und Sohn, diese Stelle innegehabt hätten. Aus der ganzen Feier aber bekam man den Eindruck, welche hohen Graben und Kräfte noch immer diesem Volke beiwohnen.'
Über den letzten Passus schreibt uns Herr Dr. Neuburger: "Was von den Vorgängern des seligen Cohn hier erzählt ist, beruht teilweise auf einem Gedächtnisfehler des Korrespondenten. Der Vater Diespecker war Rabbi David Diespecker, zuerst hier Parnas, dann Dajan in Metz und zuletzt Rabbiner in Baiersdorf, Verfasser des Pardes David.
Seine Vorgänger aber waren nicht "Hirsch, Vater und Sohn", sondern die Brüder Berlin von hier, und zwar Rabbi Chajim Hirsch Berlin (nachmals in Bamberg, Mainz und Hamburg Rabbiner und Rabbi Lob Berlin (zuletzt Königlich Westfälischer Konsistorialrabbiner in Kassel).
Cohns Biographie ist einfach: Er war im Juli 1912 in Baiersdorf geboren, absolvierte das Gymnasium in Erlangen, studierte dann in Erlangen und München, übernahm 1840 die Kantorstelle und 1848 nach Rabbi Diespeckers Tod das Rabbinat. 



Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers, Vorbeters und Schochet 1871 und 1914

Baiersdorf Israelit 04011871.jpg (62399 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Januar 1871: "Erledigte Lehrerstelle. Bei der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde wird am 1. Januar kommenden Jahres die Stelle eines Religions- und Elementarlehrers mit einem Fixum von 350 Gulden nebst freier Wohnung, Holz zur Beheizung der Schule und nicht unbedeutenden Nebeneinkünften vakant. Bewerber, bei denen die Fähigkeit zum aushilfsweisen Kantordienste erwünscht wäre, wollen ihre Gesuche nebst Zeugnissen bis längstens zum 15. Januar kommenden Jahres an den Unterzeichneten franco einsenden.
Baiersdorf (Bayern), den 18. Dezember 1870. Der Kultusvorstand: W. Springer". 
   
Baiersdorf Frf IsrFambl 24041914.jpg (69182 Byte)Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 24. April 1914: "Erledigte Schulstelle. Infolge Todesfalls ist die Stelle eines seminaristisch gebildeten Religionslehrers, Vorbeters und Schächters baldmöglichst wieder zu besetzten. Gehalt Mk. 1200.-, Nebeneinnahmen und schöne freie Wohnung. Wenig anstrengender Dienst, viel freie Zeit. Größerer Familienstand, namentlich an Haussöhnen, die Barmizva sind, erwünscht. Kinder können, zu Hause wohnend, im nahen Erlangen (Eisenbahn 7 km) Realschule, Gymnasium, Universität, höhere Töchterschule, Lehrerinnenseminar besuchen, ebenso kann Herr Lehrer selbst sich auf der Universität weiter ausbilden. Gesuche mit Lebenslauf und beglaubigten Zeugnisabschriften bis 15. Mai an die Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde Baiersdorf, Bayern."

   
Auswanderung des jüdischen Lehrers Dr. Dessauer nach Amerika (1853)

Baiersdorf AZJ 21031853.JPG (56466 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. März 1853: "Die Auswanderung nach Amerika entführt uns einen unserer tüchtigsten Lehrer, Herrn Dr. Dessauer zu Baiersdorf, Verfasser mehrerer literarischer Werke. Lobend muss der Gemeinde Erwähnung geschehen, die nicht, wie anderwärts, auf eine Schmälerung der Fassion, noch auf Verzögerung der Besetzung oder gar Auflösung der Schule hinarbeitet, sondern dieselbe bereits rechtzeitig und in früherer Weise ausgeschrieben hat. Möchte sie bei ihrer Wahl auch nur die sittliche und pädagogische Tüchtigkeit der Bewerber ins Auge nehmen."

    
  
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben   
Spende aus Amerika 1904

Baiersdorf FrfIsrFambl 02091904.jpg (41737 Byte)Artikel im Frankfurter Israelitischen Familienblatt vom 2. September 1904: "Baiersdorf (Bayern). Die Herren Seligmann, Chefs der bekannten Bankfirma in Frankfurt a.M., Paris, London und New York, haben unserem Städtchen 10.000 Mark zum Gedächtnis an ihre dort begrabenen Eltern geschenkt mit dem Bemerken, sie würden, wenn diese Summe nicht für eine Kinderbewahranstalt ausreichen sollte, auch für die Mehrkosten aufkommen. Der Bau ist indessen durch andere Gaben gesichert". 

          
      
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde    

Zum Tod des aus Baiersdorf stammenden Rabbiners Dr. Joseph Aub (1880)  

Baiersdorf AZJ 08061880.jpg (122787 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Juni 1880: "Berlin, 25. Mai (1880). So ist abermals ein Veteran des zeitgenössischen Rabbinismus heimgegangen! Am 22. verschied sanft Rabbiner Dr. Joseph Aub im 76. Lebensjahre. Geboren 1805 in Baiersdorf bei Erlangen, fungierte er zuerst als Rabbiner in Bayreuth (1830-1850), dann in Mainz und seit 1866 in Berlin, wo er vor einigen Jahren in den Ruhestand trat. Seine literarischen Arbeiten sind nicht umfänglich, zeugen aber von der Gesinnungstüchtigkeit und Sachkenntnis ihres Verfassers. Sie sind, wie seine 'Betrachtungen und Widerlegungen', 2 Hefte (1839) und spätere Broschüren polemischen Inhalts auf theologischem und staatsrechtlichem Gebiete. Im Jahre 1846 gab er eine Wochenschrift 'Sinai' heraus, die er jedoch bald wieder aufgab. Seine letzte Schrift, eine Religionslehre auf wissenschaftlichem Grunde, hat Wert. Aub gehörte zu der Schule der Reformer, welche bei aller Selbständigkeit doch die Reformen an das Herkommen und an Aussprüche der Talmudisten anzuknüpfen suchen. Er nahm an den Rabbinerversammelungen keinen Anteil, desto lebhafteren an den beiden Synoden, wo er als Referent tätig war. Bei allem Ernst seines Strebens hatte er einen humoristischen Zug, der ihm im geselligen Verkehre sehr liebenswürdig machte. - Gestern Vormittag fand die Beerdigung statt. In der großen Synagoge unter Teilnahme einer die weiten Räume dicht füllenden Menge, des gesamten Gemeindevorstandes, Deputationen aus Leipzig und Mainz sowie Mitglieder beider städtischen Behörden, hielt Dr. Frankl die Leichenrede, während Dr. Ungerleider das Gebet auf dem Friedhof vortrug."      

  
Zum Tod des Geheimen Kommerzienrates Ludwig Ritter von Gerngroß (1839 Baiersdorf - 1916 Nürnberg)  
Anmerkung: Ludwig Ritter von Gerngros ist am 1. Mai 1839 in Baiersdorf geboren [Geburtshaus Forchheimer Straße 3, siehe Fotos unten]. Er ließ sich in Nürnberg als Hopfenhändler nieder. Seine wirtschaftlichen Erfolge setzte er zur Förderung städtebaulicher Projekte ein (Stifter der Kopie des Neptunbrunnens, Förderer des Kaiser-Wilhelm-Denkmals am Egidienberg). Von 1908 bis 1916 gehörte er dem Verwaltungsausschuss des Germanischen Nationalmuseums an. Seit 1901 war er Ehrenbürger der Stadt Nürnberg; 1909 wurde er mit der Goldenen Bürgermedaille der Stadt Nürnberg ausgezeichnet. Eine Straße in Nürnberg ist nach ihm benannt. Er starb am 3. Oktober 1916 in Nürnberg. 

Baiersdorf FrfIsrFambl 06101916.jpg (33951 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. Oktober 1916: "Nürnberg. Geheimer Kommerzienrat Ludwig Ritter von Gerngroß, Ehrenbürger der Stadt Nürnberg, ist verschieden. Gerngroß wurde 1839 in Baiersdorf geboren. Im März dieses Jahres feierte er noch mit seiner Frau Julie geb. Tuchmann aus Dessau die goldene Hochzeit. Er hat sich um Nürnberg in künstlerischer und sozialer Hinsicht große Verdienste erworben."    

 
Aus der Zeit des Ersten Weltkrieges: Ernennung von Julius Strauß zu Leutnant (1918) 

Baiersdorf FrfIsrFambl 15031918.jpg (17097 Byte)Meldung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 15. März 1918: "München. Martin Marx, Sohn des Bankiers Simon Marx, und Max Strauß, Sohn des Julius Strauß in Baiersdorf, wurden zu Leutnants befördert." 

  
Zum 70. Geburtstag des aus Baiersdorf stammenden Siegfried Lichtenstädter (1935) 
Anmerkung: Siegfried Lichtenstaedter ist am 8. Januar 1865 in Baiersdorf geboren, 1942 im Ghetto Theresienstadt umgekommen. 

Baiersdorf BayrGZ 01011935.jpg (163812 Byte)Artikel in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom 1. Januar 1935: "70. Geburtstag. Am 8. Januar 1935 begeht eine eigenartige literarische Persönlichkeit den 70. Geburtstag: Siegfried Lichtenstaedter, geboren in Baiersdorf (Mittelfranken) als Sohn des Kaufmanns und Talmudforschers Wolf Lichtenstaedter, studierte Sprachwissenschaft, dann Jurisprudenz, und trat nach seinem juristischen Staatsexamen in den bayerischen Finanzdienst, und zwar in die Rechnungskammer, eine Filiale des Rechnungshofes. Mit Erreichung der Altersgrenze ist Lichtenstaedter als Oberregierungsrat in den Ruhestand getreten. Die Schriften Lichtenstaedters liegen auf dem Gebiete der Volkspsychologie und Politik, namentlich der orientalischen Völker, für die er schon auf der Universität durch umfassende sprach- und ethnographische Studien den Grund gelegt hatte. Allgemeine Bedeutung haben: Kultur und Humanität (1897) und Natur und Kultur (1909; die sich durch Scharfsinn und realistische Auffassung auszeichnen. Daran reihen sich Schriften über die türkische Frage: 'Die Zukunft der Türkei' (1898) usw. Im Weltkrieg fand sein Vorschlag des 'Bevölkerungsaustausches' Beachtung (Nationalitätenprinzip und Bevölkerungsaustausch, 1917 u.a.). Die Leser dieser Zeitschrift interessieren besonders die zahlreichen Schriften Lichtenstaedters, die sich mit dem Judentum befassen. Lichtenstaedter beteiligte sich an der Diskussion über 'Bibel und Babel' (1903, 1922), sowie über die Schächtfragen (1927ff).  Köstlich ist seine 1926 erschienene Satire: 'Anti9semitica'. Ernst, allzuernst treten andere jüdische Schriften auf: 'Jüdische Religion' (1921), 'Praktisches Judentum' (1931), 'Jüdische Politik' (1933). Dem Zionismus gegenüber nimmt Lichtenstaedter eine kritische Stellung ein (1918, 1920). 
Der Verbreitung der Schriften Lichtenstaedters hat Eintrag getan der Umstand, dass sie lange Zeit pseudonym erschienen, und zwar unter verschiedenen Pseudonymen (Mehemed Emin Effendi, Ne'man); ferner dass sie, mit Ausnahme der beiden an erster Stelle genannten, meist der Gelegenheitsliteratur angehören; endlich die Rigorosität seiner Forderungen: Mahn- und Scheltworte (1933), zumal wenn sie ausgiebig nach allen Seiten erteilt werden, sind eben im allgemeinen nicht beliebt.
Wir wünschen dem Jubilar noch viele Jahre, schon deshalb, damit er Zeit findet, sein allzu zersplittertes Lebenswerk durch straffe Zusammenfassung derjenigen Gedanken zu krönen, die von bleibendem Wert sind. Dabei will ich nicht mit dem Bekenntnis zurückhalten, dass nach meiner Ansicht die Stärke Lichtenstaedters in der politischen Satire liegt. Schon jetzt sei Freunden dieser Literaturgattung, außer der oben erwähnten Schrift 'Antisemitica' empfohlen: 'Das neue Weltreich', 1902, 'Moralische Erzählungen', 1914.  Arthur Cohen"
Lichtenstaedter P02.jpg (46960 Byte)

Zu Siegfried Lichtenstaedter:

Publikation im Luedde-Verlag (vgl. Abbildungen oben mit Porträt von Lichtenstaedter und Buchtitel): 
Siegfried Lichtenstaedter / Jussi U. Isaksen: Der Jüdische Exekutor. Erschienen 2006.  ISBN 3-937028-01-3 
 
Siegfried Lichtenstaedter wurde am 25. Juni 1942 mit Transport II/9 von München aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert und ist dort im selben Jahr umgekommen.   
  

  
  
  

Zur Geschichte der Synagoge

Eine Synagoge wird erstmals 1530 genannt, dürfte jedoch auf das 15. Jahrhundert zurückgehen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Synagoge zerstört; nach dem Krieg 1651 wiederhergestellt. 1711 wurde eine neue Synagoge erstellt. Hierbei handelt es sich um ein stattliches Gebäude, das durch den einflussreichen Hoffaktor Samson Salomon finanziert wurde. Die Einweihung war am 14. September 1711 (zum jüdischen Neujahrsfest 5472). An den Stifter erinnerte eine Inschrift in der Vorhalle zum Männerraum, wo sein Name genannt wurde: "Simson, Sohn des Chawer Judah Selke und seiner Gattin Rebekkah, Tochter des Raw Hirsch, Dajans von Wien").  

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge demoliert; das gesamte Inventar mit den Ritualien, darunter kostbare Gegenstände von hohem Alter, wurde zerstört. Die Synagoge wurde wenig später abgebrochen. Auch das rituelle Bad wurde vernichtet.

Das Grundstück wurde nach 1945 mit einem Wohn- und Geschäftshaus (Sparkasse) neu bebaut. 1986 wurde eine Gedenktafel angebracht.  
 

Adresse/Standort der SynagogeJudengasse (frühere Anschrift: Judengasse 146).

Fotos
(Historische Fotos von Theodor Harburger, Aufnahmedatum 20. Juli 1927; Quelle: Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem; veröffentlicht in Th. Harburger: "Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern. 1998 S. 49-57).

Baiersdorf Synagoge 105.jpg (65441 Byte) Baiersdorf Synagoge 104.jpg (63929 Byte) Baiersdorf Synagoge 103.jpg (59620 Byte)
Außenansicht der Synagoge 
von Südwesten
Außenansicht von Südosten mit Blick über den jüdischen Friedhof Innenansicht mit Blick zum Toraschrein
     
Baiersdorf Synagoge 102.jpg (71458 Byte) Baiersdorf Synagoge 101.jpg (85549 Byte) Baiersdorf Synagoge 100.jpg (60660 Byte)
Leuchter in der Synagoge Tora-Vorhang. Am 25. Mai 1937 zur Aufbewahrung in die Synagoge Bamberg verbracht Inschriften in der Vorhalle zum Männerraum. Im Kreis: Erinnerungstafel an den Stifter Simson
     
Judengasse / Synagogenplatz / Kriegerdenkmale
(Fotos - wenn nicht anders angegeben -: Hahn, Aufnahmedatum: 20.10.2007))
Baiersdorf Judengasse 101.jpg (77074 Byte) Baiersdorf Judengasse 100.jpg (73684 Byte) Baiersdorf Judengasse 104.jpg (69826 Byte)
Straßenschild Die Judengasse in Baiersdorf - aus unterschiedlichen Richtungen gesehen
   
 Vor und im "Meerrettichmuseum" in der Judengasse 11 Baiersdorf Judengasse 102.jpg (84766 Byte) Baiersdorf Judengasse 103.jpg (100605 Byte)
    Erinnerungen an die jüdische Geschichte: Hinweistafel zum jüdischen Friedhof sowie Fotos aus der jüdischen Geschichte
   
Baiersdorf Synagoge 012.jpg (47663 Byte) Baiersdorf Synagoge 010.jpg (67033 Byte) Baiersdorf Synagoge 011.jpg (82739 Byte)
Außen- und Innenaufnahmen der ehemaligen Synagoge - ausgestellt im Eingangsbereich zum "Meerettichmuseum"
   
  Synagogengrundstück 
und Gedenktafel
Baiersdorf Synagoge 101.jpg (61298 Byte) Baiersdorf Synagoge 102.jpg (68620 Byte)
   Das an Stelle der ehemaligen Synagoge erbaute Gebäude Die Gedenktafel für die Synagoge
     
Kriegerdenkmal an der 
Forchheimer Straße
Baiersdorf Denkmal 100.jpg (110321 Byte) Baiersdorf Denkmal 101.jpg (132199 Byte)
        Die Namen von Ernst und Max Hirschkind auf dem Kriegerdenkmal
     
Kriegerdenkmal 
an der Stadtpfarrkirche
(Fotos: Jürgen Hanke, Kronach)
Baiersdorf Kriegerdenkmal 010.jpg (55249 Byte) Baiersdorf Kriegerdenkmal 011.jpg (76246 Byte)
Auch auf dem Kriegerdenkmal an der Stadtpfarrerkirche sind die Namen von Ernst und Max Hirschkind eingetragen 
      
Ehemaliges Haus der 
Familie Gerngros in Baiersdorf
(Fotos: Jürgen Hanke, Kronach)
Baiersdorf Gerngros 011.jpg (77527 Byte) Baiersdorf Gerngros 010.jpg (117733 Byte)
  Ehemaliges Haus Gerngros in Baiersdorf (Forchheimer Straße 3) mit Inschriftentafel und Text: "In diesem Hause wurden geboren: am 1. Mai 1839 Ludwig Ritter von Gerngros, kgl. Geh. Kommerzienrat - am 28. September 1843 Wilhelm Ritter von Gerngros, kgl. Kommerzienrat, beide Ehrenbürger hiesiger Stadt." 
     

   
   

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Baiersdorf
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Baiersdorf (interner Link)    
Die Namen der jüdischen Gefallenen auf einer Seite des Hauses der bayerischen Geschichte   
Englischer Beitrag über die Familie Gerngros: "Our family" by Heinz and Thea Ruth Skyte née Ephraim (pdf-Datei, auch intern abgespeichert)    

Literatur:  

Germania Judaica III,2 S. 72-73.
Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 161-162.
Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 145-146.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 280-292.
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Baiersdorf (Yiddish Fayersdorf etc.) Middle Franconia. Jews may have been present as early as the 14th century and constituted one of the most important communities in the Bayreuth margravate in the 16th century. In 1702 Baiersdorf was fixed as the seat of the margravate's chief rabbi, a position occupied since 1728 by one of the sons of Glueckel of Hameln, the famous female diarist. In 1717 residence was restricted to one son per family and various trade restrictions were added in 1771. In 1837, the Jewish population was 440 (total 1.550), thereafter declining rapidly and numbering only 19 in 1933. All but one of the Jews left by 1938, ten emigrating.             

   

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 13. August 2009