Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Unterbalbach (Stadt Lauda-Königshofen, Main-Tauber-Kreis) 
Jüdischer Friedhof

Jewish Cemetery - Cimetière juif
       
  

Zur Geschichte dieses Friedhofes      
    
Die Geschichte des jüdischen Friedhofes in Unterbalbach geht in die Zeit Mitte des 16. Jahrhunderts zurück. Damals lebten auch in Unterbalbach einige vom Deutschen Orden aufgenommene Juden. Am 22. Februar 1590 bestätigte der Deutschmeister Erzherzog Maximilian auf Widerruf den schutzverwandten Juden zu Mergentheim, Markelsheim, Igersheim und Unterbalbach das Recht, auf dem Begräbnisplatz oberhalb des Dorfes Unterbalbach gegen eine jährliche Zahlung von 16 Gulden an die Trapponei Mergentheim weiterhin ihre Toten beizusetzen. In den folgenden 450 Jahren wurden auf diesem Friedhof Juden aus einer weiten Umgebung beigesetzt (Mergentheim, Igersheim, Markelsheim, Weikersheim, Laudenbach, Niederstetten, Mulfingen, Hollenbach, Hohebach; in diesen Orten jedoch teilweise später eigene Friedhöfe; von 1880 bis 1940 noch von den jüdischen Gemeinden Mergentheim, Edelfingen, Wachbach, Igersheim, Angeltürn, Markelsheim und Königshofen).
  
Zur Frage nach den letzten Beisetzungen auf dem Friedhof: Nach Informationen von Hartwig Behr (Bad Mergentheim vom 3.12.2011 und 10.7.2013) wurde längere Zeit angenommen, dass Aron Adler der letzte Beigesetzte auf dem Friedhof war (Beisetzung am 18. März 1938; der letzte Grabstein - vermutlich erst nach 1945 gesetzt - außer den Gedenksteinen erinnert an ihn). Doch gab es noch weitere Beisetzungen, wie auch das erst vor kurzem wiederentdeckte "Leichenbuch" von Unterbalbach bestätigt. Das "Leichenbuch"  weist am 8. August 1938 "Eckmann, Mergentheim, m. 6o" (= Heinrich Eckmann, geb. 6.12. 1878) aus, am 25. November 1938 "Meta Ascher, w., 50, Weikersheim", die vermutlich im Anschluss an die Pogromnacht in die Tauber gegangen und in Mergentheim gefunden worden sein soll, ohne Datum "Westheimer, m.", was mit Sicherheit den am 10. Januar 1939 gestorbenen Hirsch Westheimer meint, geb. 3.7.1867. 
Ob nicht noch weitere in Mergentheim (möglicherweise auch in anderen Orten) gestorbene Juden in Unterbalbach beerdigt wurden, ohne notiert zu sein, steht noch dahin. Die letzte Eintragung ist mit Datum 28. November 1945 "Anton Katz, m. Mergentheim, 45", ein aus einem KZ Zurückgekehrter, der bei einem Autounfall auf der Autobahn ums Leben kam. Er war vermutlich auf dem Weg nach Frankfurt. Katz, dessen Mutter Mina 1942 nach Theresienstadt deportiert worden war, hatte von den Amerikanern das Kino von Ehrler bekommen. Anton Katz wurde ohne Grabstein beigesetzt.     
      
Weitere Details zur Geschichte siehe den unten wiedergegebenen Text von Dieter Oberhollenzer.  

Hinweis auf ein online einsehbares Gräberverzeichnis und weitere Register      
In der Website des Landesarchivs Baden-Württemberg (Hauptstaatsarchiv Stuttgart) sind die Personenstandsregister jüdischer Gemeinden in Württemberg, Baden und Hohenzollern einsehbar: https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=5632     
Zu Unterbalbach ist vorhanden:  J 386 Büschel 597
Gräberverzeichnis 1861 bis 1911:
direkter Link:  http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-446819      
In dem genannten Bestand gibt es von den jüdischen Gemeinden, die den Friedhof belegt haben, teilweise auch Beerdigungsregister, aus den gleichfalls Personen verzeichnet sind, die in Unterbalbach beigesetzt wurden, z.B. 
Bad Mergentheim: J 386 Bü. 55 Sterberegister der Gemeinde 1868 bis 1939http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-439995 u.a.m. 
Soweit keine Sterberegister in den den Friedhof belegenden Gemeinden vorhanden sind, können teilweise auch die Familienregister eingesehen werden, in denen Todesfälle gleichfalls eingetragen sind.   

   
    
    
Die Lage des Friedhofes  

Unterbalbach FriedhofPlan.jpg (100760 Byte) Lage des jüdischen Friedhofes Unterbalbach
 (durch Pfeil markiert)
(Topographische Karte aus den 1970er-Jahren)
   

Link zu den Google-Maps   

    
    
Aus der Geschichte des Friedhofes   
Es sind nachfolgend einige mehr zufällig beim Lesen jüdischer Periodika entdeckte Beiträge mit Bezug zum Friedhof in Unterbalbach zusammengestellt. 

Hinweis auf das Grab des Rabbi Simon Ulma   

Unterbalbach Israelit 16041894.jpg (52176 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. April 1894: "Mergentheim. Bezugnehmend auf den Artikel in nr. 16 über die hervorragenden Männer der Gemeinde Mannheim teile ich Ihnen mit, dass ein Rabbi Simon Ulma in Unterbalbach bei Mergentheim auf den dortigen Friedhof begraben liegt, welcher mit dem Rabbi Ulma von Mannheim in ganz naher Verwandtschaft gewesen sein dürfte und ebenso wie dieser eine hervorragende Stellung unter den Söhnen unseres Volks, wie es auf seinem Grabstein bezeichnet ist, einnahm. Das er Gelehrter und Zadik war, beweist, dass er neben Großen in Israel begraben ist. Leopold Ehrlich." 

 
Eintragung des Vereins "Israelitische Bezirksfriedhofverwaltung Mergentheim" in das Vereinsregister (1902)  

Unterbalbach AZJ 12121902.jpg (34745 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Juli 1902: "Aus Mergentheim wird im Gegensatze zu der Korrespondenz aus Trier in voriger Nummer gemeldet, dass der dortige Verein 'Israelitische Bezirksfriedhofverwaltung Mergentheim' (Friedhof zu Unterbalbach) ohne Anstand vom hiesigen Amtsgericht ins Vereinsregister eingetragen worden ist, obgleich dieser Verein sicher eine religiöse Tendenz hat."
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Dezember 1902: "Mergentheim, 2. Dezember (1902). Bezüglich der Korrespondenz aus Trier in der letzten Nummer Ihres Blattes diene als Gegenstück, dass der hiesige Verein 'Israelitische Bezirksfriedhofverwaltung Mergentheim' (Friedhof zu Unterbalbach) ohne Anstand vom hiesigen Amtsgericht ins Vereinsregister eingetragen worden ist, obgleich dieser Verein sicher eine religiöse Tendenz hat, wie das auch Paragraph 1 des Statuts zum Ausdruck bringt. Da heißt es nämlich, dass der Verein einzig und allein die rituelle Beerdigung der Toten aus den beteiligten Gemeinden bezweckt. Es ist demnach im Falle Trier jedenfalls nur unrichtig vorgegangen worden."   

   
Eine der auf dem Friedhof Beigesetzten: Nannette Hirsch, beigesetzt neben ihrem Gatten Rabbiner Dr. Maier Hirsch (1897)

Unterbalbach Israelit 14021897.jpg (112776 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Februar 1897: "Würzburg- Am Heiligen Schabbat, dem 6. Schewat (= Samstag, 9. Januar 1897) verstarb dahier im Greisenalter von 81 Jahren Frau Nannette Hirsch, Witwe des rühmlichst bekannten Herrn Dr. Maier Hirsch, vormaligen Rabbiners in Braunsbach. Ihrem Wunsche gemäß wurde sie auf dem Friedhofe zu Unterbalbach bei Mergentheim zur Erde bestattet, wo auch die irdischen Reste ihres teuren Gatten und seiner Familie ruhen. Seiner Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Sänger von Mergentheim hielt die Grabrede, in der die zahlreichen Tugenden, welche die selig Verblichene in ihrem wechselvollen Leben betätigte, sowie das besondere Gottvertrauen, das sie stets auszeichnete, hervorgehoben wurden. An der Seite ihres ehrwürdigen Gatten, der schon nach neunzehnjähriger glücklichster Ehe ihr entrissen worden ist, hat die Heimgegangene alle jene herrlichen Tugenden entfaltet, wie sie nur eine wackere Frau in des Wortes edelster Bedeutung zu üben vermag. Sie war in der Tat (hebräisch und deutsch:) die Krone ihres Gatten, dessen Andenken sie bis an ihr Lebensende in einer Weise heilig gehalten hat, die geradezu bewundernswert zu nennen ist und nach dessen Intentionen auch auf ihre Umgebung einzuwirken sie stets bestrebt war. Nicht minder war sie (hebräisch und deutsch:) der Schmuck ihrer Kinder, ihrer ganzen Familie, von welcher jedes Mitglied mit wahrhafter Verehrung und Begeisterung zur frommen Greisin emporblickte. Ihr Wirken beschränkte sich aber nicht auf die engen Grenzen ihres Hauses. Die Wohltätigkeit, die sie am liebsten in der Stille übte, hat viele Tränen getrocknet, manche Not gelindert. Ihre Bescheidenheit und ihre Zuvorkommenheit gegen Jedermann machte sie in allen Kreisen dauernd beliebt. Möge nun der teueren Dahingeschiedenen der Lohn ihres edlen Strebens und ihres frommen Wirkens zuteil werden, den sie in reichstem Maße hienieden verdient hat. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."

 
Sanierungsmaßnahmen auf dem Friedhof, Bau einer neuen Mauer und Erweiterung der Fläche (1902)  

Unterbalbach Israelit 17031902a.jpg (148138 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. März 1902: "Aus Württemberg. Unter den Orten in Württemberg, welche für die Geschichte der Juden von größerer Bedeutung sind, nimmt Mergentheim und die Geschichte der israelitischen Gemeinde daselbst einen ersten Rang ein. Mit großem Interesse verfolgt man daher die Aufrollung dieser Geschichte in den 'historischen Blättern', welche als Beilage dem 'Israelit' beigegeben werden. Unter den Zeugen für das Alter und die Ehrwürdigkeit dieser Gemeinde - merkwürdigerweise lassen sich solche Zeugen in der Stadt selbst auf höchstens 150 Jahre zurück noch finden - ragt vor allem der alte, große Begräbnisplatz der Gemeinde in dem eine Stunde entfernten badischen Orte Unterbalbach hervor. Der älteste Grabstein, der noch dort steht, datiert aus dem Jahre 1591. Ohne Zweifel aber ist der Teil dieses Friedhofes, etwa in der Mitte daselben liegend, auf welchem kein Grab mehr sichtbar ist, noch älter. Zu allen Zeiten ist zu diesem Bezirksfriedhof noch Platz hinzugekauft worden. Erst im vorigen Jahre wieder sah man sich vor die Notwendigkeit gesetzt, ein Areal von ca. 30 Ar dazu zu kaufen und eben jetzt ist man daran - und die Arbeit wird soeben fertig - den Friedhof mit einer neuen Mauer in einfacher, geschmackvoller, ehrwürdiger Weise zu umgeben. Während bei früheren derartigen Erweiterungen immer mehr oder weniger Hindernisse zu überwinden waren, muss diesmal dem Großherzoglich badischen Bezirksamte Tauberbischofsheim sowohl, als auch der Gemeindebehörde in Unterbalbach für das loyale Entgegenkommen die Anerkennung ausgesprochen werden, und es ist jetzt der Weiterbestand dieses alten Friedhofes nach menschlicher Berechnung auf viele Jahrzehnte hinaus gesichert. 
Der Friedhof erstreckt sich nun vom Ostausgang des Dorfes Unterbalbach der Staatsstraße nach Oberbalbach entlang, in einer Ausdehnung von 300 Meter, bei einer durchschnittlichen Breite von 60 Meter. Die West-, Nord- und Ostseite sind durch Mauern, während
Unterbalbach Israelit 17031902bf.jpg (119296 Byte)die Südseite durch einen Bach begrenzt ist, dessen Ufer zu regulieren nun aber auch die nötigsten nächsten Schritte zur Erhaltung des Friedhofes werden, da durch das Wasser des Baches - noch besonders bei Hochwasser - immer mehr und mehr Boden abgeschwemmt wird, ja sogar schon Grabsteine weggespült wurden. 
Die Kosten der oben erwähnten diesjährigen Erweiterung des Friedhofes betragen über 5.000 Mark. Die Ausführung konnte natürlich nur durch große Opfer und durch 'Schuldenmachen' der zwei am Friedhofe hauptsächlich beteiligten Gemeinden Mergentheim (60 %) und Edelfingen (25 %) ermöglicht werden, wodurch diese Gemeinden auf lange Jahre hinaus schwer belastet bleiben. Die Ausführung der weiteren nötigen Arbeiten zur Erhaltung dieses ehrwürdigen und allgemein jüdisches Interesse beanspruchenden Friedhofes, welche weiterhin noch einige Tausend Mark erfordern dürfte, also die erwähnte Bachregulierung, Anlage von Wegen (die Besucher der älteren Teile des Friedhofes müssen über die Gräber gehen), Erhaltung und Aufrichtung der alten Grabsteine usw. ist in Frage gestellt, wenn sich nicht edle Menschenfreunde finden, welche diese - sonst auch immer hilfsbereiten Gemeinden in der Erfüllung dieser Aufgabe, die sie so gerne ausführen möchten, unterstützen. 
Etwaige Zuwendungen, welche aus Anlass dieser Zeilen oder hervorgerufen aus älteren oder neueren Familienbeziehungen zu diesem Friedhofe, gereicht werden sollten, nimmt die israelitische Bezirks-Friedhofverwaltung in Mergentheim dankbar entgegen."

   
   
   
Fotos 
Neuere Fotos  
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum: 8.6.2003)

Unterbalbach Friedhof200.jpg (68997 Byte) Unterbalbach Friedhof201.jpg (75899 Byte) Unterbalbach Friedhof202.jpg (65893 Byte)
Eingangstor Teilansichten
   
Unterbalbach Friedhof203.jpg (69973 Byte) Unterbalbach Friedhof207.jpg (79784 Byte) Unterbalbach Friedhof205.jpg (80005 Byte)
Teilansichten
 
Unterbalbach Friedhof204.jpg (92274 Byte) Unterbalbach Friedhof206.jpg (61995 Byte)  
 

Ältere Fotos
(Fotos: Hahn, entstanden Mitte der 1980er-Jahre; Zeilen 5-7 Fotos von R. Klotz um 1970)

Unterbalbach Friedhof01.jpg (134408 Byte) Unterbalbach Friedhof02.jpg (63300 Byte) Unterbalbach Friedhof03.jpg (164732 Byte)
Eingangstor 
zum Friedhof
Hinweisschild. Zum Namen von 
J. Schönleber vergleiche den unten
 abgedruckten Text
Grabsteine mit Symbolik (links Schofar,
 rechts Levitenkanne)
       
     
Unterbalbach Friedhof05.jpg (183990 Byte) Unterbalbach Friedhof14.jpg (186067 Byte) Unterbalbach Friedhof07.jpg (151727 Byte)
Teilansichten des Friedhofes Hirsch mit Krone
   
 Unterbalbach Friedhof10.jpg (149279 Byte) Unterbalbach Friedhof08.jpg (106089 Byte) Unterbalbach Friedhof12.jpg (191144 Byte)
Gräberfeld bis in die 
1930er-Jahre
Grabstein des Baruch Simon 
von Mergentheim
   
     
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Grab-/Gedenkstein       
     
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Text   

Dieter Oberhollenzer: "Unsere Tränen sollen deine Blumen sein"  
Auf den Spuren des jüdischen Friedhofes Unterbalbach  
(Artikel in: Fränkische Nachrichten vom 17.7.1982)  

Schon im 13. Jahrhundert waren Juden in Mergentheim ansässig. Ende des 15. Jahrhunderts ließen sie sich auch in Edelfingen, Igersheim, Neunkirchen und Wachbach nieder. Ihre Zahl stieg ständig an, sodass sie bald eine eigene Begräbnisstätte benötigten, zumal ihnen die Benutzung christlicher Friedhöfe verweigert wurde. Mitte des 16. Jahrhunderts räumte das Mergentheimer Patriziergeschlecht der Süzel den Juden in Mergentheim und den umliegenden Orten einen 0,25 Morgen großen Begräbnisplatz in Unterbalbach gegen einen Pachtzins ein. Als nach dem Aussterben der Süzel der Deutsche Orden Unterbalbach erworben hatte, gestattete dieser 1590 den Juden die weitere Benutzung gegen einen Jahreszins von 16 fränkischen Gulden und erlaubte darüber hinaus seinen jüdischen Schutzverwandten zu Mergentheim, Igersheim, Markelsheim und Unterbalbach, auch auswärtige und fremde Glaubensgenossen dort beizusetzen.
Besonders in den Pestjahren, so auch 1626, verwehrten die Bewohner von Edelfingen und Unterbalbach wegen Ansteckungsgefahr die Fahrt der toten Juden durch ihre Ortschaften und verlangen die Benützung eines Umgehungsweges zum Judenfriedhof. Der damalige Statthalter Freiherr von Egg aus Hungersbach erlaubte den Juden die Benützung der kaiserlichen, freien Landstrassen, verbot aber die Fahrt durch Dörfer, Städte und Flecken. Sie durften auch an Sonntagen und christlichen Feiertagen Bestattungen nicht bei Tage, sondern nur bei Nacht vornehmen. Im 17. und 18. Jahrhundert (1643, 1704, 1728, 1750) wurde der Gottesacker wiederholt vergrößert, bis zu seinem jetzigen Umfang. Die etwa 200 Meter lange Mauer auf dem Weg von Unter- nach Oberbalbach wurde 1898 errichtet.
Bei der Überführung der Juden nach Unterbalbach musste an den einzelnen Zollstellen auch Abgaben (Zoll) gezahlt werden. Für einen erwachsenen Juden einen Gulden, für die Kinder die Hälfte. Die toten Juden aus Weikersheim, Ober- und Niederstetten, Laudenbach und anderen Orten wurden daher über Oberbalbach geführt. Auch die anderen Deutschherren-Schutzjuden wie die fremdherrischen brachten nach den eingegangenen Meldungen der Zöllner bei der Wolfgangsbrücke in Mergentheim, zu Igersheim Markelsheim und Edelfingen unter Umgehen des Zollgeldes auf vielen Nebenwegen und unter Vermeiden der ordentlichen Zollstraßen seit 1689 ihre Verstorbenen auf den Unterbalbacher Friedhof, sodass die Ordensregierung am 3. März 1713 durch eine scharfe Verfügung die Entrichtung dieser Abgabe nach dem Inhalt der Zolltabellen verlangte.
Im Jahre 1729 kam es zum Streit zwischen den jüdischen Gemeinden Weikersheim und Mergentheim wegen der Beerdigung. Als Folge dieser Auseinandersetzung erlaubte Graf Ludwig von Hohenlohe den Weikersheimern, einen eigenen Friedhof anzulegen. Juden aus Niederstetten und Laudenbach schlossen sich dem Vertrag im gleichen Jahr an. Ende des Jahres 17390 wurde der erste Jude in Weikersheim begraben (ab 1738 auch Juden aus Ober- und Niederstetten, ab 1741 aus Tauberrettersheim und Hohebach). 
    
Streit um Unterbalbach 
    
Nach der Annexion Mergentheims durch Württemberg im Jahre 1809 änderte sich an den bestehenden Verhältnissen zunächst nur wenig. Immerhin wachten die neuen Länder Württemberg und Baden eifersüchtig über ihre Grenzen und Rechte. Am 26. Januar 1815 richtete das Großherzogliche Badische Bezirksamt Boxberg an das Königliche Hochlöbliche Oberamt zu Mergentheim ein Schreiben, in dem es unter anderem hieß, dass es bei der inzwischen eingetretenen Territorialveränderung unmöglich sei, einem "auswärtigen" Judenvorstand, was jetzt der Mergentheimer sei, Verschluss und Aufsicht über das Judenbegräbnis in Unterbalbach und Rechnungsführung zu überlassen. In diesem Schreiben wurde auch die Aushändigung des Friedhofsschlüssels verlangt. Dieser Brief erregte nicht nur die Mergentheimer jüdische Gemeinde, auch das Mergentheimer Oberamt war über Form und Inhalt aufgebracht. Es schrieb am 13. Februar zurück, dass der jüdische Begräbnisplatz in Unterbalbach bereits seit einigen hundert Jahren unbestrittenes und ausschließliches Eigentum der zum Rabbinat Mergentheim gehörigen Judengemeinden sei und dass seit der im Jahre 1810 vor sich gegangenen politischen Veränderung kein Einwand erhoben worden sei. Um 1815 wurden noch Juden aus folgenden Gemeinden in Unterbalbach beerdigt: aus dem Württembergischen Mergentheim, Igersheim, Markelsheim, Neunkirchen, Wachbach, Dörzbach, Ailringen, Mulfingen und Edelfingen, aus dem badischen Boxberg, Angeltürn, Schüpf, Neunstetten und Königshofen. Die Auseinandersetzungen zogen sich bis 1816 hin, dann scheinen sie beigelegt worden zu sein. 1902 wurde die "Israelitische Bezirksfriedhofsverwaltung Mergentheim - Friedhof zu Unterbalbach" in das Mergentheimer Vereinsregister eingetragen. 1940 wurde der Verein in die Reichsvereinigung der Juden in Deutschlang eingegliedert. Unter der Aufsicht des Oberrates der  Israeliten in Baden und der israelitischen Religionsgemeinschaft in Stuttgart (Württemberg) betreuen die politischen Gemeinden heute die Friedhöfe. 
     
Noch lebendig  
     
Das Archiv in Bad Mergentheim, verschiedene Publikationen von Paul Sauer (Dokumente), Franz Diehm (Geschichte der Stadt Bad Mergentheim) und Hermann Fechenbach (Die letzten Mergentheimer Juden) geben Auskunft über das Leben der Juden in unserem Raum, über Schicksale, über menschliche Tragödien, über den Tod. Diese Schriften sind für viele junge Menschen oft einziger Berührungspunkt mit der unglaublichen Vergangenheit. In den Erinnerungen vieler alter Menschen schwebt das unerhörte Vorgehen des Naziregimes noch wie ein unsichtbares Schwert und bleibt so oft der jungen Generation verschlossen.  
  
Eine engere Beziehung zum Unterbalbacher Friedhof, der, außerhalb der Gemeinde liegend, von den Einheimischen kaum beachtet wurde, hatte und hat noch der über 80jährige Johann Schönleber. Er trat 1955 in die Fußstapfen seines Vaters Josef Schönleber, der 58 Jahre lang (1897 bis 1955) Totengräber und Friedhofsaufseher war. Im Gespräch mit ihm werden die Erlebnisse von früher wieder lebendig. Früher, als er oft seinem Vater auf dem Friedhof zur Hand ging, war es beim Ausheben der Gruben, der Absprache mit den Angehörigen oder bei anderen gerade anfallenden Arbeiten. Damals, erinnert sich Johann Schönleber, habe er auch oft die Bahre nach Edelfingen getragen, denn vom Nachbarort wurden die Juden auf einer Bahre mit mehreren Trägern zum Friedhof geleitet, von der weiteren Umgebung kam das Leichenauto.  
Bis 1933 sind in Unterbalbach regelmäßig Juden begraben worden. Empörte, steinewerfende Unterbalbacher Nazis verwehrten damals den Juden, ihre toten Angehörigen zu begraben. Oft mussten sie mit dem Leichnam wieder umkehren. Danach ging die Zahl der jüdischen Mitbürger drastisch zurück: Auswanderung, Deportation, unbekannte Schicksale. In den Jahren 1941 und 42 kamen in drei Transporten die letzten Juden aus Bad Mergentheim weg, sodass nach einem Bericht des damaligen Bürgermeisters an die Kreisleitung am 20. August 1942 kein Jude mehr hier war (1925: 212; 1933: 196 und 1938 87 Juden).
In den letzten Kriegsjahren, 1945, weiß Johann Schönleber weiter zu berichten, ist in Unterbalbach ein in Frankfurt abgestürzter jüdischer Pilot beerdigt worden. Die vorläufig letzte Bestattung fand 1967 statt: eine Urne wurde aus den Vereinigten Staaten, die für viele deutsche Juden eine zweite Heimat geworden sind, über München in den nordbadischen Ort überführt. 
  
Während des Krieges 
     
Obwohl durch das Eingreifen einiger beherzter Mergentheimer Bürger die Ruhestätte in Unterbalbach im "Tausendjährigen Reich" nicht zerstört wurde, ging der Naziterror nicht ohne Folgen an diesem jüdischen Friedhof vorbei. Unterstützt durch seine Frau erzählt Johann Schönleber weiter: in einem kleinen Häuschen am Friedhof wurde früher ein Holzkasten mit dicken Büchern (Gebete für Totenliturgie) aufbewahrt. Während des Krieges haben die Nazis eine Grube ausgehoben, die Bücher hineingeworfen und alles verbrannt. Überreste konnten trotz intensiver Grabungen nach dem Krieg nicht gefunden werden. Im Jahre 1944 wurden in einer Nacht auch von der Hitler-Jugend des Ortes die Grabsteine umgestoßen und beschädigt. Dem alten Vater Schönleber wurde es während des Krieges nicht gestattet, zum Friedhof zu gehen.  
Erst nach einigem Zögern zeigt mir Johann Schönleber ein altes Buch mit feinsäuberlichen Eintragungen. Auf der ersten Seite steht in großen Buchstaben: "Begräbnisbuch, ausgestellt 1880 vom Großherzoglichen Bezirksamt Tauberbischofsheim". Die ersten Eintragungen, die im Jahre 1881 beginnen, wurden von Karl Moll getätigt. Danach kam das Buch in die Obhut der Familie Schönleber, die des trotz Kriegswirren und Judenhetze bis zum heutigen Tag aufbewahrte. Johann Schönleber bemerkt, er müsse noch einige Namen, die auf losen Blättern vermerkt sind, in das Buch eintragen. Doch er lässt sich Zeit, denn er meint, dass niemand auf die Weiterführung des Buches Wert legt und wahrscheinlich kein neuer Name in das große schwarze Buch eingetragen wird.
  
  
  
Weitere Presseberichte  

Mai 2013: Führung über den jüdischen Friedhof durch Hartwig Behr   
Artikel von Peter D. Wagner in den "Fränkischen Nachrichten" vom 22. Mai 2013: "Heimat- und Kulturverein besichtigte den Judenfriedhof in Unterbalbach / Erläuterungen durch Hartwig Behr. Berufe sind auf Grabsteinen verewigt..."  
Link zum Artikel - auch eingestellt als pdf-Datei  
 

   
     

Links und Literatur

Links:  

Website der Stadt Lauda-Königshofen  
Website des Stadtteiles Unterbalbach  mit Seite zum jüdischen Friedhof Unterbalbach    
Website des Zentralarchivs Heidelberg mit Informationen zum jüdischen Friedhof Unterbalbach  

Quellenhinweis

Gräberbuch zum israelitischen Bezirksfriedhof in Unterbalbach Alter Teil Staatsarchiv Ludwigsburg J 386 Bd. 597. 
Link: http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-446819

    
      

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 07. April 2014