Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Harmuthsachsen mit Waldkappel (Gemeinde Waldkappel, Werra-Meißner-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen   
Kennkarte aus der NS-Zeit   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen       
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)   
    
In Harmuthsachsen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1936. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Bereits im 14. Jahrhundert lebten vorübergehend jüdische Personen am Ort (für 1342 belegt).  
 
Seit dem 17. Jahrhundert lassen sich wieder jüdische Einwohner in Harmuthsachsen nachweisen. 1665 waren es vier Familien, 1730, 1744 und 1776 jeweils neun Familien beziehungsweise Haushaltungen. Die jüdischen Familien lebten verteilt im Ort, waren aber nicht alle im Besitz eines eigenen Hauses. 1724 war "Heinemann Jud" Besitzer eines kleinen Eckgrundstückes, das heute von der Gaststätte "Zur Linde" (Bilsteinstraße 9) eingenommen wird. An derselben Stelle baute 1755 Susmann Schmul ein größeres Haus; sein Name ist der Bauinschrift zu entnehmen. 

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1823 88 jüdische Einwohner in 18 Familien, 1835 118 jüdische Einwohner, 1861 130 (24,8 % von insgesamt 524 Einwohnern), 1871 121 (23,7 % von 511), 1885 95 (23,0 % von 430), 1895 78 (17,5 % von 446), 1905 67 (15,8 % von 423). Zur jüdischen Gemeinde Harmuthsachsen gehörten auch die in Waldkappel lebenden jüdischen Personen (im 19. Jahrhundert bis zu 26 Personen). Die jüdischen Männer waren als Händler und Kaufleute tätig. Die Ladengeschäfte des Ortes waren in jüdischem Besitz. Fast alle jüdischen Familien hatten eigene Häuser. 
 
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (von etwa 1869 bis 1924 Israelitische Volksschule), ein rituelles Bad (Schule, Bad und Lehrerwohnung im Nachbargebäude zur Synagoge) und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Als Lehrer wird spätestens seit 1866 (Quelle) vor allem Moses Neuhaus genannt; er war noch 1902 in der Gemeinde (siehe Bericht unten). 1909-10 besuchten die jüdischen Kinder vorübergehend die allgemeine Schule, da die Lehrerstelle unbesetzt war; 1915 bis 1919 mussten die Kinder nach Bebra zur Schule gehen. Ab 1919 gab es wieder einen Lehrer in Harmuthsachsen (Gustav Kron, siehe unten). Die Gemeinde gehörte innerhalb des Kreises Witzenhausen zum Rabbinatsbezirk Niederhessen mit Sitz in Kassel. 
    
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Felix Fürst (geb. 24.2.1892 in Harmuthsachsen, gef. 3.10.1918), Siegfried Fritz Goldschmidt (geb. 25.5.1899 in Harmuthsachsen, gef. 30.9.1918), Unteroffizier Oskar Grunsfeld (geb. 17.1.1884 in Hebenhausen, gef. 29.9.1915) und Sally Rosenbaum (geb. 30.11.1896 in Harmuthsachsen, gef. 23.3.1918). Ihre Namen wurden auf dem Gefallenendenkmal des kommunalen Friedhofes in Harmuthsachsen eingetragen, in der NS-Zeit herausgemeißelt und nach 1945 wieder nachgetragen (Information von Rolf Hocke).       
  
Um 1924, als zur Gemeinde noch 50 Personen gehörten (11,0 % von insgesamt 455 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Adolf Hammerschlag und Leopold Hammerschlag. Bis zu diesem Jahr war als Lehrer, Kantor und Schochet der bereits genannte Gustav Kron tätig. Er unterrichtete an der Israelitischen Volksschule zuletzt noch sieben Kinder. An jüdischen Vereinen gab es insbesondere die Chewrat Talmud Thora (1924 unter Leitung von Adolf Hammerschlag mit 12 Mitgliedern), der Wohltätigkeitsverein Chewrat Gemillus chassodim (1924 unter Leitung von Adolf Hammerschlag mit 12 Mitgliedern), der Männerwohltätigkeits-Verein (1924/32 unter Leitung von Adolf Hammerschlag mit 12 Mitgliedern) sowie den Israelitischen Frauenverein (1924/32 unter Leitung von Lina Lorge mit 12 Mitgliedern). 1932 war Gemeindevorsitzender Leopold Hammerschlag. An Vereinen kam es bis dahin zu einer Konzentration der bisherigen Vereine auf die beiden Wohltätigkeitsvereine: Israelitischer Frauenverein und Israelitischer Männerverein; beide hatten als Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung und Bestattungswesen.          

1933 lebten noch 30 jüdische Personen am Ort (6,6 % von insgesamt 457 Einwohnern). In den folgenden Jahren sind fast alle jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Zuletzt lebte nur noch ein Ehepaar Hammerschlag am Ort, das 1939 nach Kassel verzogen ist und von dort (1942) in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde.  
  
Von den in Harmuthsachsen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Sara Aronstein geb. Rosenbaum (1895), Clara Bernstein geb. Fürst (1888), Goldine Carlsruhe geb. Rothschild (1883), Heinemann Fürst (1854), Helene Goldschmidt geb. Borchert (1897), Salli Goldschmidt (1903), Emma (Lea) Haller geb. Strauß (1881), Alice Hammerschlag (1911), Heddi Hammerschlag (1908), Isidor Hammerschlag (1871), Sara Heilbrunn geb. Neuhaus (1882), Rosa Katz geb. Hammerschlag (1883), Gustav Kron (1878), Selma Kron geb. Blumenkrohn (1890), Flora Levinson geb. Goldschmidt (1902), Heinz Lorge (1925), Jenni (Jenny) Lorge geb. Hammerschlag (1884), Julian Lorge (1877), Goldine Plaut geb. Hammerschlag (1866), Rickchen Rosenbaum (1858), Ingeborg Simon (1927), Kurt Simon (1896), Hanny (Nanny) Stein geb. Hammerschlag (1870), Hanchen (Hulda) Strauß geb. Lorge (1893).
   
Aus Waldkappel ist umgekommen: Klara Ascher geb. Goldschmidt (1887).                        
    
    
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1924

Harmuthsachsen Israelit 28081924.jpg (58465 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. August 1924: "Abbau! Unsere staatliche Volksschule wird abgebaut, unser Lehrer versetzt. Wir suchen sofort Religionslehrer, Kantor und Schochet für unsere kleine Gemeinde (Bahnstation Nähe von Kassel). Sehr geeignete Stelle für abgebaute Herren. Schöne Wohnung mit Heizung und Garten und dazu Besoldung nach Übereinkunft. 
Referenz: Lehrer Kron, Harmuthsachsen, Lehrer Rosenbusch, Bebra. - Sofort Meldungen an die Gemeindeältesten, Harmuthsachsen (Bezirk Kassel)." 

     
Auszeichnung für Lehrer Moses Neuhaus in Harmuthsachsen (1902)    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. März 1902: "Der Lehrer Moses Neuhaus zu Harmuthsachsen im Kreise Witzenhausen erheilt den Adler der Inhaber des Hausordens von Hohenzollern."     

   
Über das Schicksal des Lehrers Gustav Kron und seiner Frau Selma geb. Blumenkrohn (Anmerkung zu einem Artikel von 1922)     
(Fotos und Informationen aus einem Artikel zu Gustav Kron von Rolf Hocke, Waldkappel, Quelle

Fritzlar Kron 020.jpg (8201 Byte)Lehrer Gustav Kron (links Hochzeitsfoto während der Zeit in Harmuthsachsen 1921) ist 1878 in Wolfhagen geboren. Er ließ sich 1900 bis 1904 am Lehrerseminar in Kassel zum Lehrer und Kantor ausbilden. Während seines Militärdienstes in Arolsen war er zeitweise in der Gemeinde Mengeringhausen tätig, von 1905 bis 1914 war er Lehrer in Westhoffen im Elsass. 1914-1916 nahm er am Krieg teil. Auf Grund einer schweren Erkrankung kam er 1916/17 nach Westhoffen zurück, seit 1917 war er zusätzlich Vorsänger in Balbronn. Im Februar 1919 kehrte er nach Hessen zurück. Kurzzeitig war er Lehrer im Momberg, danach von 1919 bis 1924 in Harmuthsachsen, seit 1924 Lehrer und Kantor in Fritzlar. Er war seit Januar 1921 verheiratet mit Selma geb. Blumenkrohn, Sohn des jüdischen Lehrers und Kantors Viktor Blumenkrohn in Spangenberg. Im Bericht zu dessen Beerdigung 1922 wird Gustav Kron genannt:    
Spangenberg Israelit 02031922.jpg (123220 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. März 1922: "Spangenberg, 22. Februar (1922). Nach fast 40-jähriger segensreicher Wirksamkeit in unserer Gemeinde ist uns Lehrer Blumenkrohn nach kurzem Krankenlager durch den Tod entrissen worden. Das Scheiden dieses trefflichen Mannes, der in vorbildlicher Pflichttreue seines Amtes als Lehrer und Vorbeter waltete und dessen Lebensführung mustergültig gewesen, löste in allen Kreisen der hiesigen Stadt aufrichtige Trauer aus. Die ehrenden Nachrufe, die ihm die Synagogenältesten, der Bürgermeister, der Schulvorstand, der Lehrerverein widmen, zeugen von der Würdigung des allgemein beliebten und verehrten Mannes. Am 19. Februar wurde unter zahlreicher Beteiligung die sterbliche Hülle der Erde überantwortet. Herr Landrabbiner Dr. Walter, Kassel, schilderte in längerer Rede das Wirken des Verblichenen in Schule und Gemeinde, Herr Lehrer Rosenstein, Rotenburg, sprach als Berufsgenosse und Freund; Herr Lehrer Heilbrun, Kassel, entbot als Schüler dem teuren Lehrer den Dank der Schüler, in deren Herzen der Verklärt sich ein Denkmal gesetzt, dauernder als in Stein gehauen und als letzter Redner nahm der Schwiegersohn, Herr Lehrer Kron, Harmuthsachsen, mit tränenerstickter Stimme Abschied von dem geliebten Schwiegervater, dessen Andenken nie erlöschen wird. In später Stunde schloss sich das Grab, das der Besten einen birgt. Wir sagen mit dem Dichter 'Ach, sie haben einen guten Mann begraben, uns war er mehr'. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."    
Weitere Geschichte: Gustav Kron und seine Frau Selma geb. Blumenkrohn bemühten sich in der NS-Zeit vergeblich um eine Auswanderung. Die Familie mit dem 1922 in Harmuthsachsen geborenen Sohn Walter verzog spätestens im Oktober 1937 nach Hamburg; dabei war auch die in hohem Alter befindliche Mutter von Gustav Kron (Wohnung: Eppendorfer Baum 34). Walter Kron konnte noch mit einem Kindertransport in die USA gelangen. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Gustav Kron einige Zeit im KZ Oranienburg festgehalten. Am 25. Oktober 1941 wurden Gustav und Selma Kron in das Ghetto Litzmannstadt deportiert; im Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno), wo sie ermordet wurden.  
Für Gustav Kron und seine Frau Selma geb. Blumenkrohn wurden in Hamburg, Eppendorfer Baum 34 "Stolpersteine" verlegt, siehe Seite in der Website stolpersteine-hamburg.de
Harmuthsachsen GKron 015.jpg (14171 Byte)  Links: Gustav Kron während der Zeit
 als Lehrer in Harmuthsachsen
   

   

    
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde 
Der antisemitische Pfarrer Iskraut und der Zigarrenfabrikant Hesse (Waldkappel) vor Gericht (1895)
   

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. Juni 1895: "In Bischhausen fand ein Privatklageprozeß des antisemitischen Reichstagsabgeordneten Pfarrers Iskraut gegen den Zigarrenfabrikanten Hesse - Waldkappel statt. Hesse war beschuldigt, Iskraut zwei Mal einen 'Lügner' genannt zu haben. Er gab das zu, erbot sich, den Wahrheitsbeweis zu erbringen, und erhob Widerklage wegen beleidigender Äußerungen, die Iskraut über ihn getan. Der Angeklagte und der Privatkläger wurden wegen Beleidigung zu je 30 Mark Geldstrafe verurteilt, die Kosten aber sind von jedem Teil zur Hälfte zu tragen. Außerdem wurde dem Angeklagten Hesse das Recht zugesprochen, die Verurteilung des Pastors Iskraut wegen Beleidigung des Hesse nach Rechtskraft öffentlich bekannt zu machen. In einem Falle hat das Gericht den Wahrheitsbeweis als erbracht erachtet, also angenommen, dass Iskraut bewusst die Unwahrheit gesagt hat." 

       
80. Geburtstag von Jettchen Fürst (1927)        

Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung" für Kassel, Kurhessen und Waldeck" vom 11. Februar 1927: "Harmuthsachsen. Am 17. Februar (1927) feiert Frl. Jettchen Fürst ihren 80. Geburtstag. Die alte Dame, die sich hier großer Beliebtheit erfreut, begeht diesen Tag in vollster geistiger und körperlicher Frische."           

      
Liesel Hammerschlag wurde bei einem Zugunfall schwerst verletzt (1931)       

Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung" für Kassel, Kurhessen und Waldeck" vom 8. Mai 1931: "Harmuthsachsen. Von einem schrecklicher Unglücksfall wurde die 20 Jahre alte Liesel Hammerschlag betroffen. Sonntagabend kurz nach 1/2 12 Uhr geriet sie im Frankfurter Hauptbahnhof bei Einfahrt des Personenzuges von Heidelberg durch vorzeitiges Aussteigen unter die Räder des Zuges. Es wurden ihr beide Beine abgefahren. Die Schwerverletzte wurde nach dem städtischen Krankenhaus verbracht."             

 
     
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 
Anzeige des Manufakturwarengeschäftes Benjamin Lorge (1913)  

Harmuthsachsen FrfIsrFambl 19121913.jpg (41325 Byte)Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 19. Dezember 1913: 
"Für meinen Sohn, welcher nächste Ostern die Schule verlässt, suche ich eine 
Lehrlingsstelle
 
in einem Manufakturwarengeschäft, welches Samstag und Feiertage geschlossen ist. 
Benjamin Lorge. Harmuthsachsen, Bezirk Kassel."    

         

Kennkarte aus der NS-Zeit            
               
Am 23. Juli 1938 wurde durch den Reichsminister des Innern für bestimmte Gruppen von Staatsangehörigen des Deutschen Reiches die Kennkartenpflicht eingeführt. Die Kennkarten jüdischer Personen waren mit einem großen Buchstaben "J" gekennzeichnet. Wer als "jüdisch" galt, hatte das Reichsgesetzblatt vom 14. November 1935 ("Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz") bestimmt. 
Hinweis: für die nachfolgende Kennkarte ist die Quelle: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: Bestände: Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV: Kennkarten, Mainz 1939" http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm. Anfragen bitte gegebenenfalls an zentralarchiv@uni-hd.de       
 
 Kennkarte des aus Harmuthsachsen
 stammenden Rabbiner Dr. Moritz Lorge
 
 HarmuthsachsenKK MZ Moritz Lorge.jpg (85926 Byte)

Kennkarte (Mainz) für Rabbiner Dr. phil. Moritz Lorge (geb. 6. Oktober 1874 in Harmuthsachsen). Moritz Lorge war nach dem Besuch der Schule in Harmuthsachsen Schüler an der Israelitischen Präparandenschule in Burgpreppach. 1892 bis 1892 studierte er am Lehrerseminar in Kassel. Er war zwischen 1900 und 1904 jeweils kürzere Zeit Lehrer in Wolfenbüttel, dann Lehrer und Prediger in Petershagen sowie Lehrer in Hamm in Westfalen. Ab 1904 studierte er in Berlin und Tübingen (Promotion 1907). Von 1908 bis 1933 war er Oberlehrer und Studienrat für Religion, Deutsch und Geschichte in Mainz an der Höheren Töchterschule. 1935 Bezirksrabbiner in Sobernheim. 1939 in die USA emigriert und in den folgenden Jahren in Cincinatti und New York Vortrags- und Lehrtätigkeit zur Geschichte der Juden in Deutschland und den USA. War verheiratet mit Hedwig geb. Steinweg (Sohn: der 1916 geborene Ernst Mordechai Lorge wurde gleichfalls Rabbiner, siehe Artikel unten). Moritz Lorge starb 1948 in New York.   

 

Harmuthsachsen PA 201605a.jpg (187927 Byte) Hinweis auf den Artikel von Gabriele Hannah, Hans-Dieter Graf und Wolfgang Bürkle in der "Allgemeinen Zeitung Mainz" vom 27. Mai 2016: "Stets hoffnungsvoll und furchtlos. 
Auswanderer. Ernst Mordecai Lorge flüchtete aus Mainz in die USA / Seelsorger für KZ-Überlebende..." 
Artikel zum 100. Geburtstag von Ernst Mordechai Lorge.   
Der Artikel ist eingestellt als Bilddatei (links) und als pdf-Datei.  
     

        
        
    
    
Zur Geschichte der Synagoge            
   
Zunächst war vermutlich ein Betraum vorhanden. 1833 konnte die jüdische Gemeinde eine bäuerliche Hofanlage an der heutigen Bielsteinstraße erwerben und zu ihrem neuen Gemeindezentrum umbauen. In das bisherige Wohnhaus wurden im Obergeschoss die Schule und die Lehrerwohnung, im Keller das Bad (Mikwe) eingerichtet. Eine Scheune wurde zu einer neuen Synagoge der Gemeinde umgebaut. Der damalige Kreisrabbiner (Prediger und Religionslehrer) Philipp Goldmann aus Eschwege nahm die Einweihung am 15. Februar 1833 vor.  
    
Einweihung der Synagoge am 15. Februar 1833 durch Prediger und Religionslehrer Goldmann aus Eschwege - 
beiläufig erwähnt in der Veröffentlichung zu einer Predigt des Herrn Goldmann 

Harmuthsachsen Sulamith 1834 69.jpg (138539 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Sulamith", Jahrgang 1834 S. 69: "Rede, kurz nach der Emanzipation der Israeliten in Kurhessen, gehalten am Sabbath-Chanuka in der Synagoge zu Eschwege, von dem Prediger und Religionslehrer Goldmann daselbst. Wenn es auch bei den heutigen Israeliten nicht mehr wie früher, wo wir so manche uns eingesandte Predigt, um als Muster und zur Aufmunterung für andere Gemeinden zu dienen, in der Sulamith mitteilten, an Reden und Predigten fehlt, vielmehr solche von allen Seiten durch den Druck anderweitig verbreitet werden, so glauben wir gleichwohl, dass manchen Lesern die folgende Rede hier zu finden nicht unwillkommen sein wird, indem solche besonders eine für einen Teil der Israeliten so günstige Veranlassung hatte, zugleich zeitgemäße Bemerkungen und Ermahnung enthält und gleichsam auch als etwas Geschichtliches, zur Emanzipation der Kurhessischen Israeliten gehörend, zu betrachten sein dürfte. 
Der wackere Herr Verfasser wirkt übrigens, besonders auch durch seine Synagogen-Predigten, viel Gutes in seinem Kreise, und eine vor uns liegende gedruckt Predigt desselben (‚Predigt bei der Weihe der neuen Synagoge der Israelitischen Gemeinde zu Harmuthsachsen, gehalten am 15. Februar 1833, zu haben beim Verfasser, Preis 2 Gr.’), in welcher er, wenn auch gerade nichts Neues, doch viel Wahres und Beherzigungswertes über den ei-..."
 

Erinnerung an die Einweihung der Synagoge 1833 (Artikel von 1926)    

Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung" für Kassel, Kurhessen und Waldeck" vom 19. November 1926: "Über einige neue Synagogen. Am 15. Februar 1833 wurde in Harmuthsachsen eine neue Synagoge eingeweiht. Mein Oheim, Kreisrabbine Philipp Goldmann zu Eschwege, hielt dabei die Festpredigt, welche gedruckt wurde. In einem Vorwort fordert er die Glaubensgenossen auf, sich stets in anständiger und würdevoller Haltung dem Gotteshause zu nahen, auch die Pijutim nicht gedankenlos herzusagen. In der Predigt nahm er als Text Koheleth Kap, 5,1 und sprach über das Gebet, und dass ein jeder soviel lernen solle, dass es das, was er bete, auch verstehe."             

Bei der Synagoge handelte es sich um ein eingeschossiges, nicht unterkellertes Fachwerkhaus mit einem Satteldach. Beim Umbau zur Synagoge erhielt das Gebäude mehrere hohe Segmentbogenfenster. Im Inneren wurde auf drei Seiten eine Empore für die Frauen eingezogen. Über dem Tora-Schrein gab es ein Segmentbogenportal mit einer hebräischen Inschrift ("Ich habe geruht in Euch - Kinder Israels").      
 
Über 100 Jahre war die Synagoge Mittelpunkt des religiösen Lebens der jüdischen Gemeinde in Harmuthsachsen. Nach Auflösung der jüdischen Gemeinde 1936 wurde die Synagoge verkauft und als Scheune / Lager verwendet. Die rituellen Gegenstände wurden nach Kassel verbracht, wo sie im November 1938 zerstört worden sind. Im Laufe der Jahrzehnte geriet es in einen höchst baufälligen Zustand. In den 1990er-Jahren wurde das Gebäude auf Betreiben des Landkreises und der Gemeindeverwaltung unter Bürgermeister Peter Hillebrandt saniert und vor dem weiteren Verfall gerettet, nachdem das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt worden war. Der damalige Besitzer hatte bereits einen Antrag auf Abbruch gestellt.  2004 erhielt das restaurierte Gebäude den Hessischen Denkmalschutzpreis 2004. 
   
Ein "Förderkreis ehemalige Synagoge Harmuthsachsen" unter Pfarrer Rolf Hocke ist entstanden und kümmert sich um die weitere Nutzung der ehemaligen Synagoge.           
   
   
Adresse/Standort der Synagoge   Bielsteinstraße 15    
   
   
Fotos
(Quelle: obere Zeile: Th. Altaras 1988 S. 74 und Umschlag hinten)

Die ehemalige Synagoge vor der
 Restaurierung im März 1985
Harmuthsachsen Synagoge 110.jpg (82885 Byte) Harmuthsachsen Synagoge 111.jpg (94814 Byte)
   Blick auf den Ostgiebel mit dem 
Vorbau des Toraschreines
  
Die südliche Trauseite 
der ehemaligen Synagoge mit dem
 Scheunentor zur Einfahrt mit dem Traktor
     
Vor Beginn der Restaurierungsarbeiten 
im April 1996
(Quelle der Fotos: 
Kollmann/Wiegand s.Lit.) 
Harmuthsachsen Synagoge 273.jpg (76481 Byte)   
  Bestandsaufnahme vom Grundriss 
im Erdgeschoss  
  
     
Harmuthsachsen Synagoge 277.jpg (111892 Byte) Harmuthsachsen Synagoge 271.jpg (104817 Byte) Harmuthsachsen Synagoge 274.jpg (86307 Byte)
Ostfassade mit Blick auf die frühere 
Apsis im Bereich des Toraschreines
Fenster in der Nordostecke 
in Emporenhöhe
Innenaufnahme: in Höhe der Frauenempore
 war ein Heuboden eingezogen
     
Harmuthsachsen Synagoge 272.jpg (111304 Byte) Harmuthsachsen Synagoge 275.jpg (88098 Byte) Harmuthsachsen Synagoge 276.jpg (68607 Byte)
   Bogen mit Inschrift über dem Toraschrein Ablage für Bücher u.a.m.
        
Die ehemalige Synagoge 
im Frühjahr 2009 
(Fotos: Hahn: 8.4.2009)
Harmuthsachsen Synagoge 170.jpg (102522 Byte) Harmuthsachsen Synagoge 171.jpg (93854 Byte)
Blick auf die ehemalige Synagoge von Süden her, rechts das ehemalige jüdische
 Gemeindehaus mit Schule, Lehrerwohnung und der Mikwe. 
     
Harmuthsachsen Synagoge 174.jpg (92934 Byte) Harmuthsachsen Synagoge 173.jpg (107603 Byte) Harmuthsachsen Synagoge 175.jpg (102881 Byte)
Das Eingangstor Tafel zur Erinnerung an die Verleihung des
 Hessischen Denkmalschutzpreises 2004
Vorbau im Bereich des 
früheren Toraschreines
   
     
  Harmuthsachsen Synagoge 177.jpg (61285 Byte) Harmuthsachsen Synagoge 176.jpg (60294 Byte)
  Innenaufnahmen der ehemaligen Synagoge; auf dem Boden links liegt das
 Segmentbogenportal über dem früheren Toraschrein mit der hebräischen Inschrift.

   
    
Links und Literatur

Links:  

Website der Stadt Waldkappel   mit Informationsseite zum "Förderkreis ehemalige Synagoge Harmuthsachsen"
Bericht des Denkmalpflege Hessen über die Restaurierung der ehemaligen Synagoge  
Bericht von Verena Jakob: "Ich habe geruht in Euch - Kinder Israels"  
Bericht von 2003 zur Synagoge Harmuthsachsen und den Stand der damaligen Restaurierung  
Seite über den letzten jüdischen Lehrer Gustav Kron (1878-1942); die Seite wurde erstellt von Rolf Hocke, Waldkappel 
Seiten zur jüdischen Geschichte von Harmuthsachsen auch bei www.hassia-judaica.de 
Zur Seite über die jüdischen Friedhöfe in Harmuthsachsen (interner Link)    
Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Harmuthsachsen 

Quellen:  

Hinweis auf online einsehbare Familienregister der jüdischen Gemeinde Harmuthsachsen 
In der Website des Hessischen Hauptstaatsarchivs (innerhalb Arcinsys Hessen) sind die erhaltenen Familienregister aus hessischen jüdischen Gemeinden einsehbar: 
Link zur Übersicht (nach Ortsalphabet) https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/llist?nodeid=g186590&page=1&reload=true&sorting=41              
Zu Harmuthsachsen sind vorhanden (auf der jeweiligen Unterseite zur Einsichtnahme weiter über "Digitalisate anzeigen"):    
HHStAW 365,430   Geburts-, Trau- und Sterberegister der Juden von Harmuthsachsen 1825 - 1877: enthält Geburtsregister  1825 - 1877, Trauregister  1825 - 1877 und Sterberegister 1825 - 1876; 
https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v4101086   
HHStAW 365,432   Gräberverzeichnis des alten und des neuen jüdischen Friedhofs in Harmuthsachsen, aufgenommen durch Curt Wolf aus Eschwege und D. Goldschmidt aus Frankershausen im Juni 1938; Laufzeit 1846 - 1936; enthält hebräische und deutsche Grabinschriften auf dem alten jüdischen Friedhof auf dem Rauschenberg, 1846 - 1902 und hebräische und deutsche Grabinschriften auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Straße 'im alten Dorf', 1906 - 1936; 
https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v5319769       
HHStAW 365,431   Geburts-, Trau- und Sterberegister der Juden von Harmuthsachsen  1877 - 1936: enthält Trauregister 1877 - 1931, Geburtsregister 1877 - 1927 und Sterberegister 1877 - 1936 
https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v4449181      

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 336-337.    
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 74.
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 68.
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 236.  
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 434. 
Spuren Lit 010.jpg (37810 Byte)Karl Kollmann / Thomas Wiegand: Spuren einer Minderheit. Jüdische Friedhöfe und Synagogen im Werra-Meissner-Kreis. Hrsg. von der Historischen Gesellschaft des Werralandes. Kassel 1996. S. 87-89 u.ö.   

     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Harmuthsachsen  Hesse-Nassau.  Established in the 18th century, the community opened a synagogue in 1833 and numbered 130 (25 % of the total) in 1861. It was affiliated with Kassel's rabbinate. Most of the remaining 30 Jews had left by 1937, when the community disbanded. At least five perished in the Holocaust.  
    
     

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge

        

 

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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 13. Januar 2017