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Thüringen"
Apolda (Kreisstadt,
Kreis Weimarer Land)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Apolda bestand eine jüdische
Gemeinde ("Israelitische Vereinigung") von 1900 bis Mitte der
1920er-Jahre (doch lebten bis zu den Deportationen in der NS-Zeit jüdische
Familien in der Stadt). Eine Ansiedlung jüdischer Personen und Familien in der
Stadt war erst seit etwa 1850 möglich.
Im 19./20. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1880 12 jüdische Einwohner, 1885 39, 1895 47, 1905 62.
An Einrichtungen bestand ein Betraum (s.u.). Den Religionsunterricht der
wenigen jüdischen Schulkinder übernahm ein auswärtiger Lehrer. Nach 1900 war
es der auch für Jena zuständige jüdische Lehrer. 1924 wurde das damals
einzige schulpflichtige jüdische Kind durch Lehrer A. Heilbrun aus Arnstadt unterrichtet.
Nach der Mitte der 1920er-Jahre gab es in Apolda kein organisiertes jüdisches
Gemeindeleben mehr. Ein eigener jüdischer Friedhof in der Stadt bestand
nicht.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Erich Salinger (geb.
23.12.1893 in Apolda, gef. 16.3.1915).
Um 1924, als zur Gemeinde 59 Personen gehörten (0,24 % von insgesamt etwa
25.000 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Benjamin Hofmann, Gerhard
Holzmann und Jakob Raphael. Eines der bekanntesten Geschäfte einer jüdischen
Familie war die Fell- und Därmehandlung S. Prager (um 1900 von Salomon Prager
gegründet, später durch den 1888 geborenen Sohn Bernhard Prager übernommen,
siehe unten).
1933 lebten 80 jüdische Personen in Apolda. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Der Boykott jüdischer
Geschäfte hatte auch in Apolda mit dem 1. April 1933 begonnen. Damals zogen
SA-Posten u.a. vor dem Kaufhaus Fortuna-Wohlwert auf; vor diesem hielt der
Großkaufmann und NSKK-Standartenführer Eduard Gabriel eine antijüdische
Hetzrede. Ende Oktober 1938 wurden die sogenannten "Ostjuden"
deportiert. Davon waren in Apolda die Familien Piper (Faulborn 32), Rechtmann
und Szajnthal betroffen. Sie sind vermutlich alle umgekommen. Beim Novemberpogrom
1938 wurden die jüdischen Häuser und Geschäfte demoliert. Bei Familie
Fleischmann (Bernhardstraße 34) wurden die Fensterscheiben eingeworfen, ein
Pferdefuhrwerk auf die Gasse gezogen und angezündet; bei Familie Hofmann
(Bernhardstraße 14) wurde die Wohnung verwüstet und der 70-jährige Benjamin
Hofmann die Treppe heruntergestoßen; er starb wenige Tage später an seinen
Verletzungen. Elf jüdische Männer wurden in das KZ Buchenwald verschleppt.
Nach dem Novemberpogrom mussten alle noch bestehenden jüdischen Geschäfte
zwangsweise verkauft ("arisiert") werden. Dies betraf die Kaufhäuser
Rosewitz, Fortuna-Wohlwert und Karstadt, die Schokoladenfabrik von Heinrich
Strasser, das "Cigarrenhaus des Westens", die Viehhandlungen
Braunschild und Hofmann, die Schneidereien Lichtenstein und Ginsburg, die
Textilbetriebe Fleischmann, Lichtenstein und Heymann, das Strickwarengeschäft
Bukofzer, der Fellhandel von Bernhard Prager und das Hutgeschäft von Grete
Rosenthal. 1941 mussten die Familien Sichel, Lichtenstein und Friedmann in das
"Judenhaus" Bernhardstraße 34 umziehen, wo bereits die Familie
Fleischmann lebte. Ab Mai 1942 erfolgten die Deportationen der noch in der Stadt
lebenden jüdischen Einwohner.
Von den in Apolda geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Emma Bukofzer geb.
Scheuer (1890), Jakob Bukofzer (1886), Estera Cohn geb. Strumpfner (1893),
Erich Dublon (1890), Otto Wilhelm Dublon (1889), Hedwig Fischer geb. Gumpert
(1896), Ida Fleischmann geb. Frank (1881), Lina Fleischmann geb. Braunschild
(1877), Salomon Ginsburg (1891), Nelly Hirsch geb. Rosewitz (1905), Hermann
Ikenberg oder Itzenberg (1885), Fanny Katzenstein geb. Baum (1859), Gertrud
Lichtenstein (1898), Max Mossner (1878), Heinz Peller (1922), Max Peller (1907),
Bernhard Prager (1888), Gertrud Prager geb. Katzenstein (1894), Heinz Prager
(1922), Gertrud Raphael
(1894), Jakob Raphael (1864), Hugo Rechelmann (1879), Judka (Julius) Rechtmann
(1883), Margot Rechtmann (1922), Antonie Reiss (1901), Grete Rosenthal (1898),
Minna Rosenthal geb. Grünbaum (1872), Norbert Rosenthal (1901), Margarete
Schwabacher geb. Wuertenberg (1894), Frieda Sonn geb. Katzenstein (1880), Anna
Thiele geb. Kiesel (1906).
An den in der Liste genannten Bernhard Prager erinnert seit 1959 die
"Bernhard Prager-Gasse" (früher: "Sandgasse"). An dessen
früherem Wohn- und Geschäftshaus (Bernhard-Prager-Gasse 8; am Gebäude ist noch
leicht die alte Firmeninschrift zu lesen: "Felle - S. Prager - Därme")
wurde rechts vom Eingang 1988 eine Gedenktafel mit folgendem Text angebracht:
"(Davidstern). Bernhard Prager, geb. 29.6.1888 in Wenings, verfolgt
wegen seiner jüd. Herkunft, deportiert von den Faschisten in das KZ
Theresienstadt, ermordet am 26.9.1944. Vergesst sie nie". 2007 wurde in
Apolda ein Verein mit dem Ziel gegründet, das Bernhard-Prager-Haus als Gedenk-
und Erinnerungsort an die jüdischen Einwohner der Stadt zu
erhalten. 2008 bis 2010 wurden in Apolda sogenannte "Stolpersteine"
zur Erinnerung an Umgekommene der NS-Zeit verlegt (die ersten drei Steine vor
dem Prager-Haus im Mai 2008).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Gründung einer Religionsgemeinde (1900)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Mai 1900: "Apolda.
Den am hiesigen Platze lebenden Israeliten ist es nach langem Bemühen
gelungen, sich zu einer Religionsgemeinde zu vereinigen, und haben sie
auch einen Kultusbeamten engagiert, der allwöchentlich auch in Jena
Religionsunterricht erteilt." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Viehgeschäft Benjamin Hofmann sucht einen
Mitarbeiter (1902 / 1903)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. August 1902:
"Suche sofort oder später für mein Viehgeschäft, einen jungen,
soliden, gewandten, tüchtigen Mann, am liebsten, welcher in einem
Viehgeschäft schon tätig war.
Benjamin Hofmann. Apolda in Thüringen." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. April 1903:
"Suche für mein Vieh-Geschäft einen tüchtigen, jungen Mann,
welcher selbständig einkaufen kann.
B. Hofmann, Apolda, Thüringen." |
Anzeige der Firma B. Wahrenberg (1902)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 13. November 1902: "Familien-Konzert,
besonders Gesangslehrer für Kantoren, ist dieser beinahe so laut, wie
natürlich sprechende, singende und spielende Phonograph. Derselbe
setzt alle Hörer in Erstaunen und verkaufe ich diesen Apparat für Mark
20.-, auf Teilzahlung; 10 verschiedene Walzen, deutsch oder
hebräisch á Stück 80 Pfennig. Anzahlung Mark 8.-, Ratenzahlung Mark
3.- per Monat. - Walzen ca. 2000 Nr. á Stück 80 Pfennig. Teurere
Apparate ebenfalls Teilzahlung. B. Wahrenberg, Thüringer Phonographen-Industrie
Apolda (Thüringen)." |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine eigentliche Synagoge war nicht vorhanden. Von 1901 bis
1925 befand sich im Obergeschoss des Hauses des "Bürgervereins"
(nach 1945: "Volkshaus") ein Betraum der "Israelitischen
Vereinigung".
Das Gebäude, in dem sich das Betlokal befand, wurde 1993 abgebrochen. Auf dem
Grundstück wurde die Apoldaer Stadthalle erbaut.
Adresse/Standort des Betlokales: Klause
3
Fotos
(Quelle: oberes Foto: Wikipedia-Artikel zum Prager-Haus Apolda; alle Fotos
darunter: Hahn, Aufnahmedatum 30.6.2011)
Das "Bernhard-Prager-Haus"
in Apolda |
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Rechts des Eingangs die
Gedenktafel |
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Das "Bernhard-Prager-Haus"
im Juni 2011 mit Informationsplakat: "Dieses ehemalige jüdische
Wohnhaus wird ausgebaut zu eine Ort der Erinnerung und der Begegnung" |
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Gedenktafel von 1988
(Text siehe oben) |
Historische Aufnahme des
Geschäftes
von Salomon Prager |
Straßenschild
"Bernhard-Prager-Gasse" |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Israel Schwierz: Zeugnisse jüdischer Vergangenheit
in Thüringen. Eine Dokumentation - erstellt unter Mitarbeit von Johannes
Mötsch. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen ( www.lzt.thueringen.de)
2007. Zum Download
der Dokumentation (interner Link) S. 44-45. |
 | Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in
Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und
Thüringen. Berlin 1992. S. 257. |
 | Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des
Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Band 8 Thüringen. Frankfurt 2003. S. 349-352. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Apolda
Thuringia. Jews settled in Apolda in the 19th century, engaging in the knitting
and embroidery trades and opening small businesses. The Jewish population grew
from 12 in 1880 to 39 in 1885 and 60 in 1900. During the first year of Nazi rule,
four Jews from Apolda were incarcerated in concentration camps. On Kristallnacht
(9-10 November 1938), 11 Jewish men were arrested and deported to the Buchenwald
concentration camp. Jewish shops and homes were vandalized. Most Jews from
Apolda managed to make it to safe havens in Palestina and the Americas before
the outbreak of war. Those who remained were subjected to deportations to the
east on 1 May 1942 and on 20 September 1942. At least seven perished in the
Holocaust.

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