Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Bleicherode (Kreis Nordhausen) 
Jüdische Geschichte / Synagoge 

Übersicht:

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bulletBerichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
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Berichte aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
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bulletZur Geschichte der Synagoge   
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bulletLinks und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)   
     
In Bleicherode bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42. 
    
Bereits im Mittelalter lebten Juden in der Stadt. 1368 bis 1389 werden Juden "von Bleicherode" in Erfurt nachgewiesen. 1418 zahlten die Bleicheroder Juden 1 Gulden Bullengeld an das Reich. Aus den Jahren 1482 und 1488 wird von räuberischen Überfallen auf reisende Juden in Bleicherode berichtet. 1589 gab es fünf jüdische Familien in der Stadt. 1593 wurden die Juden ausgewiesen. Um 1620 gab es - offenbar nur für kurze Zeit - wieder Juden in der Stadt. 
  
1683 wird in den Besucherverzeichnissen der Leipziger Messen vom Jahr 1683 ein Jude aus Bleicherode genannt (Freudenthal: Die jüdischen Besucher der Leipziger Messen 1675-1699. MGWJ 1901).  
  
Mit dem Anschluss der Grafschaft Hohnstein an Preußen kam es nach 1700 zu einem Aufblühen des jüdischen Lebens in der Stadt. 1725 wurden 86, 1728 bereits 155 jüdische Einwohner gezählt. 1799 erhielt erstmals ein jüdischer Einwohner das Bürgerrecht.    
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1812 112 jüdische Einwohner, 1816 121, 1840 151, 1860 etwa 100, 1861 110, 1887 145, 1895 145, 1899 141 (von etwa 3.600 Einwohnern; in 33 Haushaltungen), 1900 147 (bei etwa 3.300 Einwohner), 1910 151. 
 
Im Krieg 1870/71 wurde für seinen Kriegseinsatz ausgezeichnet: Assistenzarzt Dr. Gustav Fränkel mit dem Eisernen Kreuz.
  
Besondere Verdienste erwarben sich jüdische Gewerbetreibenden beim Aufbau der Textilindustrie in der Stadt. Zu den jüdischen Webereien, Nähereien und Handelsvertretungen gehörten Namen wie Jacob Schönheim (gest. c. 1863) bzw. J. Schoenheim's Wwe. (= Bertha Schönheim geb. Friedländer), Philipp Schlesinger, Carl Helft, Carl Michaelis, Gebrüder Michaelis, Gebrüder Katz, Carl Beyth (vgl. Auswahl von Anzeigen unten). Sehr erfolgreich als Arzt wirkte der früh verstorbene Dr. Wolf Fränkel (1807-1848), ein bekannter Orthopäde. Sein Grab ist auf dem jüdischen Friedhof. Viele jüdische Einwohner engagierten sich im Leben der Stadt und in den Vereinen. Sie stellten Schützenkönige und Vereinsrepräsentanten. Bis 1933 waren mehrere jüdische Unternehmer Mitglieder des Stadtparlaments, darunter um 1900 über längere Jahre Samuel Rothenberg; er wurde auf Grund zahlreicher Verdienste um die Stadt auch zum Ehrenbürger ernannt (siehe Bericht unten). Das einzige private Bankgeschäft wurde von der Familie Frühberg betrieben.       
  
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (bis um 1840 israelitische Elementarschule, danach Religionsschule, vgl. die Ausschreibungen der Stelle unten von 1841 und 1842) und ein Friedhof. Ein rituelles Bad konnte bisher nicht ermittelt werden. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der teilweise auch als Vorbeter und Schochet tätig war. Bis um 1840 (vermutlich bis Anfang 1841) wird ein Herr Gabriel als Lehrer genannt (Neuausschreibung der Stelle 1841). Von 1842 bis 1876 war Lehrer in der Gemeinde Michael Herz Pinkus (Pincus) (siehe Berichte unten). 1842 wird neben ihm als Religions- und Elementarlehrer die Stelle als Schochet und Vorbeters ausgeschrieben. Weitere Lehrer waren: um 1885/1899 D. Samuel (unterrichtete an der Religionsschule um 1899 18 Kinder).
  
Die Gemeinde Bleicherode gehörte dem 1898 gegründeten Synagogen-Gemeinde-Verband der Provinz Sachsen an.  
 
Von den Gemeindevorstehern werden genannt: um 1840/46 Sussmann Frühberg (gest. 1849), um 1867/1870 Hermann Frühberg (seit 1862 auch Stadtverordnetenvorsteher), um 1876 Philipp Schlesinger, um 1887 S. Beyth, L. Hesse und M. Herzfeld, um 1889/1896 M. Herzfeld, B. Hesse und K. Helft, um 1899 M. Herzfeld, M. Schönheim und O. Schlesinger.
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Gefreiter Walter Hesse (geb. 11.8.1888 in Bleicherode, gest. 16.9.1914 in Gefangenschaft), Gerichtsassessor Erich Rothenberg (geb. 21.10.1883, gef. 18.3.1918), Gefreiter Siegried Schönheim (geb. 15.8.1890 in Bleicherode, gef. 6.9.1914) und Gefreiter Walter Schönheim (geb. 11.8.1898 in Bleicherode, gef. 2.6.1918). Außerdem sind gefallen: Erich Beyth (geb. 21.1.1888 in Bleicherode, vor 1914 in Düsseldorf wohnhaft, gef. 14.10.1918) und Paul Schönfeld (geb. 26.6.1892 in Bleicherode, vor 1914 in Göttingen wohnhaft, gef. 24.4.1915). Mehrere der jüdischen Kriegsteilnehmer wurden für ihren Kriegseinsatz ausgezeichnet, u.a. Wilhelm Beyth (Sohn von Fritz Beyth) mit dem Eisernen Kreuz II (siehe unten).      
 
Um 1924, als zur Gemeinde etwa 120 Personen gehörten (2,2 % von insgesamt etwa 5.400 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Otto Schlesinger, Hermann Rothenberg und Ernst Helft. Der Repräsentanz gehörten an: Julius Rothenberg, Josef Schwed, Max Dankwarth, Alfred Herzfeld, Oskar Schlesinger, Carl Michaelis, Kurt Schwabe, S. Lewitz, Fritz Wallach. Der genannte Hermann Rothenberg war Mitglied im Verbandsausschuss des Synagogen-Gemeinde-Verbandes der Provinz Sachsen. Als Lehrer, Kantor und Prediger war Leopold Stein angestellt. Er erteilte im Schuljahr 1935/25 acht Kindern den Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen bestanden: die Chewra Kadischa (gegründet 1843; Wohltätigkeits- und Bestattungsverein, 1924/32 mit 40/42 Mitglieder unter dem Vorsitz von Joseph Schwed; Zweck und Arbeitsgebiete: Krankenpflege, Unterstützung Bedürftiger, Bestattungswesen), der Israelitische Frauenverein (gegründet 1916; 1924/32 mit 30/40 Mitgliedern unter dem Vorsitz von Ida Rothenberg, wohnt Burgstraße 7; Zweck und Arbeitsgebiete: Unterstützung Bedürftiger und Bestattung)) und die Wanderarmenfürsorgekasse (1899 als Armenkasse zur Bekämpfung des Wanderbettels genannt, 1924 unter Leitung von Otto Schlesinger).
   
1932 waren die Gemeindevorsteher: Otto Schlesinger (Hauptstraße 24, 1. Vors.), Oscar Schlesinger (Löwentorstraße, 2. Vors.) und Paul Rothenberg (Hauptstraße, 3. Vors.). Vorsitzender der Repräsentanz war Josef Schwed (Bahnhofstraße, 1. Vors.). Es gab einen Friedhofsausschuss in der Gemeinde unter Vorsitz von Josef Schwed sowie einen Synagogenausschuss unter Vorsitz von Otto Schlesinger. Als Lehrer war inzwischen Gustav Frühauf in der Gemeinde tätig (wohnte in der Löwentorstraße). Er erteilte an der Volksschule der Stadt sechs Kindern den Religionsunterricht.
  
Anfang der 1930er-Jahre waren die meisten jüdischen Geschäfte in der Bahnhofstraße (Nr. 22, 71, 78 und 79) und in der Hauptstraße (Nr. 52, 95, 98, 101 und 104). 
  
1933 lebten 107 jüdische Personen in Bleicherode. In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1937 wurden 77 jüdische Einwohner (in 29 Familien) gezählt. Bis 1939 konnten 86 der früheren jüdischen Einwohner emigrieren. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge niedergebrannt (s.u.). Nach einer amtlichen Verlautbarung wurden 12 namentlich benannte jüdische Männer verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt, unter ihnen Walter Schlesinger, der Lehrer Gustav Frühauf, die beiden Textilfabrikaten Hermann Helft und Karl Michaels. Die "Arisierungen" der letzten jüdischen Geschäfte wurden bis März 1939 abgeschlossen. Im Zusammenhang damit gab es vier Suizide jüdischer Personen, darunter der Webereibesitzer Felix Rothenberg (geb. am 19. Oktober 1939, Hauptstraße 88). Anfang 1939 lebten noch 46 jüdische Personen in der Stadt, bei Kriegsbeginn (September 1939) waren es nach Geheimberichten des Bürgermeisters noch 30 Personen. Im September 1942 begannen die Deportation nach dem Osten.   
  
Von den in Bleicherode geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Grete Esther Baum geb. Oppenheim (1909), Alma Besthoff geb. Beyth (1895) Wilhelm Beyth (1891), Frieda Brinkmann geb. Michaelis (1886), Lina Burghardt (geb. Schönheim 1866), Martha Cahn geb. Herzfeld (1869), Harry Frankenheim (1880), Helene Frohsinn (1876), Gertrude Fromme geb. Michaelis (1878), Gustav Frühauf (1884) Ida Adele Frühauf geb. Blum (1894), Hedwig Frühberg geb. Wormser (1908), Berta Goldschmidt geb. Rosenstein (1873), Sophie Goldschmidt geb. Wolff (1859; Amalie Gottschalk geb. Helft (1866), Olga Gräfenberg geb. Helft (1867), Minna Grünfeld geb. Schönfeld (1887), Nathan Havelland (1873), Kuno Levi Helft (1873), Alfred Herzfeld (1873), Erich Herzfeld (1889), Hermann Herzfeld (1882), Mary Herzfeld (1902), Mathilde Kahn geb. Hesse (1857; für sie liegt ein "Stolperstein" in Eschwege), Hedwig Katz geb. Goldschmidt (1908), Selma Katz geb. Grünstein (1869), Margarete Katzenstein geb. Katz (1903), Margarete Kaufmann geb. Lebrecht (1877), Adeline Kirschberg geb. Jacob (1902), Else (Ilse) Lebrecht (1880), Samuel Lewitz (1871), Fritz Löwenthal (1896), Werner Michaelis (1880), David Rosenbaum (1861), Selma Rosenbaum geb. Arensberg (1873), Else Rothenberg geb. Hildesheimer (1890), Hans Rothenberg (1892), Inge Rothenberg (1924), Richard Ernst Rothenberg (1891), Richard Rothenberg (1891), Ernst Scheyer (1872), Ernst Schönheim (1894), Rudolf Schönheim (1892), Erich B. Schwabe (1921), Grete Schwabe (1884), Rosa Schwabe geb. Bloch (1893), Gerd Selig (1928), Antonie Spiegel geb. Schönheim (1872), Elly Stein geb. Strauss (1890), Leopold Stein (1880), Max Wels (1898).         
      
      
      
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
      
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer         

Ausschreibungen der Stelle(n) des Lehrers, Vorsängers und des Schochet (1841 / 1842 / 1874 / 1876 / 1879 / 1903)
 
Anmerkung: 1842 wird neben dem Religions- und Elementarlehrer als zweite Stelle die eines Vorsängers und Schochet ausgeschrieben.  

Anzeige in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 30. Oktober 1841: "Die hiesige israelitische Gemeinde beabsichtigt zum 1. April dieses Jahres, einen Religions- und Elementarlehrer zu engagieren, der zugleich das Vorsänger- und Schächteramt (letzteres kann ihm durch hiesige Subjekte sehr erleichtert werden) verbindet, und jährlich 18-24 deutsche Vorträge in der Synagoge halten kann. Talmudische Kenntnisse werden erfordert. Das Salär ist 200-250 Thaler nebst Akzidentien, für die 100 Thaler jährlich garantiert werden. Porto freie Anmeldungen bei dem
Vorsteher, S. Frühberg. Bleicherode. "  
    
Anzeige in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 1. Januar 1842: "Die hiesige israelitische Gemeinde bedarf zur sofortigen Besetzung des Vorsänger- und Schächteramts (von dem früher damit zu verbinden gedachten Elementarlehrer-Amte getrennt) einen dazu qualifizierten Mann; sichert demselben einen jährlichen Gehalt von 80 Thaler nebst den üblichen Akzidentien im Belaufe von mindestens 100 Thaler zu, und erwähnt zugleich zur Berücksichtigung, dass sich ein solcher durch Hebräisch und Religions-Unterricht außerdem noch circa 60 Thaler jährlich erwerben kann. Desfallsige Anmeldungen werden baldigst einen unterzeichneten Deputierten portofrei erbeten.
Bleicherode im Dezember 1841. Der Vorstand. Im Auftrage. Der Deputierte B. Schönfeld. " 
  
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Februar 1874: "Die Stelle eines Vorbeters, Religionslehrers und Schächters ist in hiesiger Gemeinde vakant und soll bis zum 1. August dieses Jahres besetzt werden. Fester Gehalt 300 Thaler, außerdem Schechita-Gebühren, welche circa 100 Thaler betragen und Nebeneinnahmen.
Qualifizierte Bewerber wollen ihre Zeugnisse an den unterzeichneten Vorstand bald franco einsenden.
Bleicherode, Provinz Sachsen, 5. Februar 1874.
Der Vorstand der Synagogengemeinde.
"    
    
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Oktober 1876: "Zum baldigen Antritt wird für die hiesige Synagogengemeinde ein Religionslehrer, Vorbeter und Schochet (Schächter) gesucht.
Außer einem festen Gehalt von 900 Mark gewährt die Stelle an Schechita und anderen Gebühren noch ein Einkommen von circa 600 Mark Geeignete Bewerber wollen sich sofort unter Beifügung ihrer Zeugnisse schriftlich an den unterzeichneten Vorsteher wenden.
Bleicherode, 1. September 1876. Philipp Schlesinger. "     
    
Anzeige in der "Algemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. Mai 1879: "Zum baldigen Antritt sucht die hiesige Gemeinde einen tüchtigen verheirateten Religionslehrer Chasan (Vorbeter) und Schochet (Schächter). Außer tüchtigen Kenntnissen im Jüdischen muss derselbe auch mit den modernen Wissenschaften etwas vertraut sein, um an Festtagen und bei besonderen Gelegenheiten einen kurzen deutschen Vortrag halten zu können.
Die Stelle bringen 900 Mark festes Gehalt und für Schechita (Schächten) und andere Gebühren 600 Mark, zusammen 1500 Mark, auch würde die Gemeinde sich bereit finden, bei besonderer Zufriedenheit später das Gehalt etwas zu erhöhen.
Nur solche Gebühr Bewerber, welche obigen Ansprüchen genügen, wollen sich unter Einsendung ihrer Zeugnisse baldigst melden.
Der Vorstand der Synagogengemeinde zu Bleicherode."    
  
Anzeige in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 11. September 1903: "Wegen Erkrankung unseres Kultusbeamten suchen wir zum baldigsten Antritt als Stellvertreter einen seminaristisch gebildeten Herrn, der das Amt eines
Religionslehrers, Chasen und Schauchet
zu versehen hat. Gehalt pro Jahr 1500 M., Nebeneinnahmen 500 M. ohne Gewähr. Nur mit besten Zeugnissen versehene Bewerber, die stimmbegabt und musikalisch sind und einen deutschen religiösen Vortrag halten können, wollen sich sofort melden.
Bleicherode, den 1. September 1903.
Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde. Max Schönheim.
"   

     
Ausschreibung der Dienste eines Hilfsvorbeters zu den hohen Feiertagen (1902)    

Anzeige in Israelitisches Familienblatt" vom 28. August 1902: "Gesucht für die hohen Feiertage
ein musikalisch gebildeter Hilfsvorbeter mit klangvoller Stimme.
Meldungen nebst Gehaltsansprüchen und Empfehlungen an den
Vorstand der Synagogengemeinde Bleicherode."      

       
Silberne Hochzeit von Lehrer M.H. Pinkus und Frau (1855, seit 1842 Religionslehrer in Bleicherode)    

Anmerkung: Michael Herz Pinkus war vor seiner Zeit in Bleicherode als "Cassier der Corporation" der jüdischen Gemeinde in Schwersenz tätig. Er war verheiratet mit Jette geb. Bach, mit der er (mindestens) ein Kind hatte: Bertha Pincus (geb. 1835). In Bleicherode war er von 1842 bis Ende 1876 als Lehrer, Vorbeter und Rabbinatsverweser tätig.     
 

Bleicherode AZJ 22011855.jpg (125480 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. Januar 1855: "Bleicherode, im Dezember (1855). Unsere kleine Gemeinde beging am 17. dieses Monats, als dem zweiten Tag des Chanukkafestes, eine Feier, die in weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient. - Der seit dreizehn Jahren hier wirkende Religionslehrer und Vorbeter, Herr M. H. Pinkus, feierte an diesem Tage mit seiner Gattin das Fest der silbernen Hochzeit. Die Gemeinde ergriff diese Gelegenheit mit Freuden, um den in allen Schichten der Bevölkerung hiesiger Stadt gleich geachteten Herrn Pinkus eine Aufmerksamkeit erweisen zu können. Demzufolge hatten sich viele Mitglieder der Gemeinde vereinigt und ließen demselben am Vorabende durch eine Deputation das große, rühmlichst bekannte Philippson'sche Bibelwerk, äußerst elegant gebunden, überreichen. Die Schulkinder brachten außer Silberkranz und Strauß unter Vortrag eines dazu verfassten Gedichts, ein angemessenes Festgeschenk, denen noch viele Mitglieder der Gemeinde mit Geschenken folgten. Der Gemeindevorstand übergab ihm die definitive Anstellung. Herr Pinkus war freudig überrascht und dankte, sichtlich gerührt, in beredter Weise für die große Aufmerksamkeit bei einem Familienfeste. Auch Sonnabends darauf hielt Herr Pinkus in der Synagoge noch einen ergreifenden Vortrag über das Thema: Empfangene Wohltaten verpflichten zum Danke, und über den Text: Psalm 116, V. 12. - Möge der Himmel demselben noch lange Jahre die Kräfte verleihen, uns durch sein Wort wie bisher zu erbauen und die Jugend zum Segen und Heil heranzubilden."     

     
25-jähriges Amtsjubiläum von Lehrer M. H. Pincus (1867)     

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. Januar 1867: "Dank.
Mehrmals schon hat mir meine Gemeinde große und reiche Liebesopfer gebracht, doch nichts gleicht der Fülle an Güte und Treue, an Liebe und Wertschätzung, womit sie mir gestern bei meinem 25 - fünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläum in ihrer Mitte entgegengekommen ist und mir dasselbe zu einem wahrhaft hohen Feste gemacht, zu einem Feste, das eine Weihe über meine Vergangenheit, einen Segen für meine Zukunft ausgegossen. Mein ganzes Wesen ist ihr dafür in frommer, unauslöslicher Dankbarkeit geweiht, die ich dadurch zu betätigen hoffe, dass mein ferneres Leben in ihrer Mitte eine Anbetung, ein Preis Gottes, eine laute Verkündigung seines Namens und seiner Lehre sein soll zu blühendem Segen, zu fruchtreicher Ernte für ihre künftigen Geschlechter.
Dass ein solches Benehmen der Gemeinde ihrem Diener der Religion gegenüber der Gemeinde selbst als sicheres Zeichen der Eintracht, zur höchsten Ehre gereicht, braucht nicht erst erwähnt zu werden. - Zu dieser Ehrenhöhe hinauf führt meine Gemeinde unablässig ihr erster Vorsteher, der Kaufmann Herr Hermann Frühberg, der seit Jahren auch Stadtverordnetenvorsteher ist. - Diese umsichtige, erfahrene, kenntnisreiche Mann versteht es, wie in allen städtischen Angelegenheiten so auch in Sachen der Gemeinde auf alles Edle und Gute sein Augenmerk zu richten und es soweit als möglich ins Leben zu rufen. Wie fast sämtliche Bürger der Stadt kommen aber auch alle Glieder der Gemeinde ihm willig entgegen, so dass Allen in meiner Gemeinde das Verdienst gebührt, dessen sich brave, edle Herzen jemals rühmen dürfen.
Bei meinem Jubiläum sind mir wie von Vielen der Edelsten hiesiger Stadt, - von der christlichen Geistlichkeit beider Konfessionen, von sämtlichen Herren Schullehrern und ihren Gesangvereinen, ja selbst von den ersten Vertretern der städtischen Behörden und vielen würdigen Männern und Frauen, so auch von nah und fern viele ehrenreiche Beweise aufrichtiger Teilnahme und geschätzten Wohlwollens zugegangen, so dass es mir nicht möglich ist, allen diesen Lieben und Teuren, Edlen, Hohen und Würdigen, die mich mit ihren Kundgebungen unaussprechlich beglückt haben, einzeln dafür zu danken, wie ich es wohl gerne möchte. - Mit diesen Zeilen spreche ich daher ihnen Allen gleichmäßig meinen wärmsten, seelenvollsten Dank aus, verbunden mit dem brünstigen Flehen für ihr Heil und Wohlergehen in Allem, was das Herz erfreut, das Leben beglückt.
Für mich wird der gestrige Tag ein heiliger, denkwürdiger sein alle Tage meines Lebens. Immer wieder und wieder blicke ich wie gestern, in tiefer Demut zu Gott empor mit den Worten Jacobs: 'Ich bin zu gering für all die Gnaden und für all die Treue, die du erwiesen deinem Knecht' (1. Mose 32,11)
Bleicherode, den 9. Januar 1867. M. H. Pincus, Lehrer und Prediger."    
Anmerkung: Lehrer und Prediger M.H. Pinkus blieb in Bleicherode bis Ende 1876. Veröffentlicht ist seine Abschiedsrede von der Gemeinde in der Synagoge zu Bleicherode am 2. Dezember 1876; https://www.nli.org.il/he/books/NNL_ALEPH990027624320205171/NLI.  

  
   
Berichte aus dem jüdischen Gemeindeleben       

Anlässlich des Todes von König Friedrich Wilhelm III. (Preußen) finden Totenfeiern in jüdischen Gemeinden statt (1841)       

Mitteilung in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 30. Januar 1841: "Nachträglich bemerken wir, dass auch in Neu-Stettin in Hinterpommern und in Bleicherode eine rechte feierliche Totenfeier stattgefunden, an ersterem Orte hielt der Religionslehrer Herr Magnus, an letzterem, wo der Magistrat der Feier förmlich beiwohnte, der Religionslehrer Herr Gabriel eine Trauerpredigt."          

    
Zu Fragen der Reform ist zu einiger Unruhe in der Gemeinde gekommen (1846)     

Artikel in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 7. September 1846:  "Aus Thüringen, 28. August (Privatmitteilung). Während einer Ferienreise verweilte ich vor Kurzem an einem Sabbat in dem freundlichen Städtchen Bleicherode und fand in der dortigen, sonst so friedlichen Gemeinde eine Aufregung, die mich wahrhaft betrübt. Möchte man doch bedenken, dass keine Reform nur irgendeinen Wert hat, wenn sie auf Kosten der Eintracht erzielt wird, überhaupt ruhiger und besonnener zu Werke gehen, dass nicht gehässige Parteisucht das religiöse Gefühl gänzlich zerstöre! Von dem vereinten Streben des wackeren Vorstehers, Herrn Frühberg, des würdigen Geistlichen, Herrn Pincus und der Bessergesinnten der Gemeinde lässt sich wohl eine baldige friedliche Ausgleichung der Streitpunkte ohne Einmischung der weltlichen Behörde mit Gewissheit erwarten, damit der nahende Versöhnungstag dieselbe wieder versöhnt und vereint finde.     …m"       
 
Artikel in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 30. November 1846:  "In Bleicherode, wo schon vor Jahren Herr Schwarzauer viel zur Hebung und Veredelung des religiösen Sinnes beigetragen und sich besonders um die Bildung junger Leute überaus verdient gemacht hat, - der Rabbiner Heidenheim ist sein Schüler, - geschieht in dieser Beziehung des Guten schon mehr; der dasige Geistliche, Herr Pincus, spricht gediegen und herzlich. Auch ist dort zu unserer Freude der gestörte Friede wieder hergestellt."   

    
Vorsteher Albert Frühberg berichtet über die staatliche Haltung zur möglichen Trennung von (orthodoxen) Gruppen von der israelitischen Hauptgemeinde (1846)   

Artikel in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 7. September 1846: "Bleicherode, 27. August (Privatmitteilung). Anliegend übersende ich eine Abschrift des mir gewordenen hohen Ministerial-Reskripts mit der Bitte, dasselbe in die Zeitung des Judentums aufzunehmen, überzeugt, dass sie die Spalten ihres weit verbreiteten Blattes jeder Einsendung öffnen, die von allgemeinem Interesse ist.
Dieserhalb, den jetzigen traurigen Zustand unserer, früher so friedlichen Gemeinde und die Spaltung in derselben mit Stillschweigen übergehend, darf ich nicht unerwähnt lassen, dass die Zerwürfnisse, welche leider in den Gemeinden Israels nicht selten, hier umso mehr zu bedauern sind, weil sie nur durch einige Personen herbeigeführt worden, deren Beweggründe hinlänglich bekannt und zu unerfreulich sind, um hier erörtert zu werden.
Die Veröffentlichung dieses Ministerial-Reskripts dürfte ähnliche Vorfälle in anderen Gemeinden verhüten, da größtenteils die Widersacher jedes Fortschrittes und eines geregelten Gottesdienstes ihre Zuflucht zu Anklagen wegen verbotenen Neuerungen und diesseits der Elbe, in Berufung auf die Vorschriften des ehemaligen westfälischen Konsistoriums nehmen, um ihre Handlungsweise zu beschönigen.
Diese Anhaltepunkte sind nun glücklich beseitigt, indem die Einrichtung des Gottesdienstes dem Ermessen und den religiösen Gefühlen der Gemeinden lediglich anheim gegeben, das sogenannte 'westfälische Gesetz' aber, im preußischen Staat der herrschenden Gewissens und Glaubensfreiheit halber, seine Gültigkeit verloren hat. Albert Frühberg..
Kopie
Auf die Anfrage in dem Berichte vom 1. Mai dieses Jahres No. 1657. A. 3. die Spaltungen unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Bleicherode betreffend, wird der königlichen Regierung bei Rückgabe der Anlage hierdurch Folgendes eröffnet:
Bei der Stellung, welche der Staat den jüdischen Gemeinden gegenüber einnimmt, würde sich eine positive Einwirkung der Staatsbehörden auf das jüdische Kultuswesen nicht rechtfertigen lassen. Die Oberaufsicht des Staats muss sich vielmehr darauf beschränken, zu verhüten, dass die jüdische Kirchengesellschaft nicht eine für das Staatsinteresse bedenkliche Richtung nehme. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, ist rücksichtlich der von einzelnen jüdischen Gemeinden gemachten Versuche ihren Gottesdienst zu reformieren, früher der Grundsatz festgehalten worden, dass, wenn auch im Allgemeinen die religiösen Einrichtungen der Juden einer nähern Beaufsichtigung der Staatsbehörde nicht unterliegen, diese doch darüber zu wachen habe, dass nicht eine solche Änderung in der religiösen Verfassung der Juden eintrete, welche die Basis verrücken würde, auf welcher die Juden im preußischen Staate geduldet sind (Anmerkung) und
   Anmerkung: Es ist unsre Pflicht, diese Worte dieses Ministerial-Reskriptes nicht ohne Protestation vorüberzulassen. Die Juden sind nicht 'im preußischen Staate geduldet', sondern sie sind Einländerund Staatsbürger, s. Edikt vom 11. März 1812, §. 1. Die Redaktion.
des hochseligen Königs Majestät haben demgemäß wiederholt zu befehlen geruht, dass der Gottesdienst der Juden nicht anders als in der Synagoge und nach dem hergebrachten Ritus, ohne Einmischung von willkürlichen Neuerungen in den Zeremonien, Gebeten und Gesängen stattfinden solle und dass auch der Religionsunterricht nach den Glaubenslehren der Juden ohne solche Abweichungen, durch welche sich eine neue Sekte bilden könne, zu erteilen sei.
Des jetzt regierenden Königs Majestät haben jedoch in einem neuerlich vorgekommenen Spezialfalle zu bestimmen geruht, dass eine Einmischung der Staatsbehörde in die Differenzen, welche unter den Juden über ihren Kultus entstehen, ohne Unterschied, ob diese Differenzen in angeblichen Neuerungen ihren Grund haben, nicht stattfinden solle.
Den Judengemeinden muss daher zunächst überlassen bleiben, sich darüber zu einigen, was dem Geiste ihrer Religionssatzungen angemessen ist oder nicht und wie es im Falle der Verschiedenheit innerer religiöser Richtungen mit dem Gottesdienste in der Gemeinde und der durch die Natur des Letztern bedingten Einrichtungen gehalten werden soll.
Kann aber hinsichtlich einer obwaltenden Meinungsverschiedenheit über Kultusfragen eine Einigung unter den Interessenten nicht herbeigeführt werden, so ist einer Absonderung der Juden eines Orts in verschiedene Gemeinden von Seiten der Behörden nicht hindernd entgegen zu treten. Die Einrichtung eines Privatgottesdienstes ist vielmehr in solchem Falle, wenn nicht besondere polizeiliche Bedenken obwalten, auch außerhalb der Synagoge geschehen zu lassen.
Hiernach hat die königliche Regierung in dem vorliegenden und in künftig vorkommenden Fällen zu verfahren. Berlin, den 13. Juni 1846.
Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten. gez. Eichhorn.
Für den Minister des Innern. Im Aufträge, gez. Manteuffel.
An die königl. Regierung zu Erfurt. 12,653.
Abschrift etc."     

  
Prozess gegen den Antisemiten Eduard Meier aus Bleicherode (1885 in Nordhausen)       

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. April 1885: "Nordhausen, 16. April (1885). Gestern wurde vor der Strafkammer I des hiesigen königlichen Landgerichts ein Prozess entschieden, dessen Ausgang man schon seit länger als einem halben Jahre mit großer Spannung entgegensah. Es handelte sich um die Gefährdung des Landfriedens durch Verbreitung antisemitischer Flugschriften. Angeklagter war der Weber Eduard Meier aus Bleicherode, welchen die Anklage beschuldigt, Anfang Oktober in Bleicherode ein Lied verbreitet zu haben, das, die Melodie dem bekannten Angotliede entlehnend, folgenden von der königlichen Staatsanwaltschaft inkriminierten Schlussvers hatte: 'Drum auf, Ihr Deutschen Alle - Ermannt Euch, werdet wach! - Die Judenherrschaft falle! - Getilgt sei unsere Schmach! - Aller Juden - Handelsbuden - Machen wir der Erde gleich. - Jeder Schwindel, - Jed' Gesindel - Sei verbannt aus unserm Reich!' Die königliche Staatsanwaltschaft beantragte, nachdem in der Sache nicht weniger als 22 Zeugen vernommen waren, die Verurteilung des Angeklagten zu 1 Monat Gefängnisstraße und den auf viele hundert Mark sich belaufenden Kosten; der Gerichtshof jedoch stützte sich auf das Zeugnis des Bürgermeisters von Bleicherode, Major a.D. Francke, welcher den Angeklagten als einen durchaus zuverlässigen, in bestem Rufe stehenden Mann bezeichnete und konstatierte, dass auch bei der stärksten Verbreitung der Gedichte in Bleicherode nicht zu befürchten gewesen sei, dass der Aufforderung des Gerichtes, die Häuser der Juden der Erde gleich zu machen, Folge geleistet worden wäre, oder dass überhaupt Gewalttätigkeiten irgendwelcher Art gegen die Juden verübt worden wären. In Folge dessen erfolgte die Freisprechung des Mannes. (Nordd. Allg. Ztg.)   
(Wir nehmen an, dass die königliche Staatsanwaltschaft gegen dieses Urteil die Revision einlegen wird, und sind begierig, zu erfahren, ob das königliche Kammergericht hierselbe dieser Motivierung beitreten wird. Die Red. des B.T.)"       

           
Auseinandersetzung zwischen zwei Kultusbeamten zur Schächter-Frage (1877)     

Anzeige in "Der Israelit" vom 2. Mai 1877: "Offene Erklärung und Anfrage.
Ich beziehe deshalb meinen Fleischbedarf von Auswärts, weil jetzt Alles hier koscher wird, und wo Alles koscher wird, verdient ein Schochet viel Geld. Von wem hat denn der Herr Schächter Kabala?
Bleicherode. S. Kaufmann,   früher Schochet."      
  
Anzeige in "Der Israelit" vom 16. Mai 1877: "Auf die wiederholten Anfragen des früheren Schochet, jetzigen Handelsmanns Sußmann Kaufmann Hierselbst in Nr. 6 und 1& des 'Israelit' sehen wir uns veranlasst, Folgendes zu erklären:
Die Ansicht des p. Kaufmann über Schochetim können weder für uns, noch Andere maßgebend sein, da derselbe auf wissenschaftlichem Gebiete als Autorität in keiner Beziehung gelten kann. Unser Kultusbeamter Herr J. Neumann, hat vor Antritt seines Amtes von Herrn Rabbiner Dr. Ungerleider in Berlin Kabala (Rabbinatszertifikat) erhalten und befindet sich dies schriftlich in unsern Händen.
Wenn sich p. Kaufmann der Welt gegenüber als besonders religiös hinstellen will, so mag — abgesehen von so mancher Übertretung ritueller Vorschriften — nur erwähnt werden, dass derselbe am 24. März dieses Jahres — Schabbat hagadol — während des Vormittags-Gottesdienstes nach einem benachbarten Dorfe gegangen ist, um daselbst auf einer Auktion Verschiedenes zu kaufen.
Die Anfrage des p. Kaufmann entspringt also nicht religiösem Gefühle, sondern ist eine Gehässigkeit gegen unseren Kultusbeamten, wird als solche von der ganzen Gemeinde angesehen und hiermit ein für allemal als Verleumdung von uns zurückgewiesen.
Bleicherode, 4. Mai 1877.    Der Vorstand der Synagogen-Gerneinde."    

     
Gemeindebeschreibung 1899       

Übersicht in "Statistisches Jahrbuch" von 1899: "Regierungs-Bezirk Erfurt. Gesamteinwohnerzahl 446.655, darunter jüdische Seelen 1976.
Bleicherode 3.600 Einwohner. 141 Seelen (33 Haushaltungen) Vorsteher M. Herzfeld, M. Schönheim, O. Schlesinger. - D. Samuel (Lehrer, Kantor und Schächter). Religionsschule (18 Kinder). 30 % St. (gemeint: Prozentuales Verhältnis der Kultussteuer zur Staatssteuer). - Etat 4000 Mark. Amenkasse zur Bekämpfung des Wanderbettels."   

         
Gemeindevortrag von Prediger Meyer aus Eisenach in Bleicherode über die Alliance Israélite Universelle" (1909)        

Artikel in "Ost und West" vom März 1909: "Bleicherode. Aus Bleicherode erhalten wir von Herrn Lehrer L. Stein folgenden Bericht: 'Am 31. Januar hat Herr Prediger Meyer aus Eisenach einen Vortrag über die Ziele und Bestrebungen der Alliance Israélite Universelle gehalten. Von der Entstehungsgeschichte dieser großen Institution aus­gehend, wies er nach, dass die Alliance nicht bloß eine gute und hervorragende, sondern eine überaus notwendige Einrichtung ist, dass, wäre sie nicht vorhanden, sie heute gegründet werden müsste. Denn die traurige soziale, politische und geistige Not, in der sich noch Tausende unserer Glaubensgenossen befinden, erfordert die Vereinigung aller Kräfte in allen Ländern. Nur dadurch wird es möglich, etwas Großes zu erreichen und nennenswerte Erfolge zu erzielen. Hat doch gerade in den letzten Jahren die A.I.U. durch ihr energisches Eingreifen und vermöge ihres Ansehens manches Unheil verhütet oder gemildert. — Durch ihre vorzüglich geleiteten Schulen ermöglicht sie vielen Juden des Orients, sich eine menschenwürdige Existenz zu schaffen. — Den fast 1 1/2 stündigen Ausführungen des Redners folgten die Hörer mit größtem Interesse. Fast alle Mitglieder der hiesigen Gemeinde erklärten ihren Beitritt zu der A.I.U. Die Gemeinde als solche ist schon seit mehreren Jahren Mitglied der Alliance'."        

    
Verschiedene Mitteilungen aus der Gemeinde, u.a. Lehrer Stein wechselt in die städtische Mittelschule (1913)   

Artikel in "Der Gemeindebote" vom 13. Juni 1913: "M. S. Bleicherode, 6. Juni (1913). Unsere seit über 200 Jahren bestehende Gemeinde hatte vor 100 Jahren 24 Familien; heute zählt sie die doppelte Anzahl mit 170 Seelen; sie ist nicht allein an Personen, sondern auch an Steuerkraft gewachsen, und macht also eine Ausnahme vor vielen anderen kleinen Gemeinden. Anlässlich der Jahrhundertfeier hat sie ihren Veteranen immerwährende Steuerfreiheit gewährt. Der seit 8 Jahren hier amtierende Kultusbeamte und Lehrer Herr Stein ist seit Jahresfrist an der städtischen Mittelschule angestellt. Auf sein Gesuch an den Herrn Kultusminister kann er auch gottesdienstliche Verrichtungen weiter vornehmen. Für einen christlichen Kollegen, welcher aus ein Jahr beurlaubt ist, wurde Herr Dr. Bloch aus Müllheim in Baden an die Mittelschule berufen, und wirken also jetzt zwei jüdische Herren an derselben. Ein Beweis von der Toleranz unserer Behörden. Als Schächter und Synagogendiener fungiert jetzt Herr A. Kottke ans Boppard. Seine Vorgängerin, Fräulein Hopfeld, welche den Gemeindedienst 50 Jahre lang versehen hat, ist pensioniert; dieselbe hat noch länger eine Privatwohnung in einem christlichen Hause ununterbrochen inne, nachdem das Haus dreimal den Besitzer gewechselt hat; auch ein seltenes Vorkommnis. Unser Etat beträgt für 1913/14  6580 Mark, wozu außer einer Synagogenschuldentilgungssteuer von 1400 Mark, welche noch drei Jahre lang zu zahlen ist, noch 32 Prozent der Staatseinkommensteuer erhoben werden. Die Synagoge wurde 1881 mit einem Kostenaufwand von 50 000 Mark erbaut; vorher benutzte die Gemeinde für den Gottesdienst einen Betsaal, welcher im Jahre 1791 ihr von einer christlichen, sehr toleranten Dame, Freifrau von Hagen (dieselbe ist die Urgroßmutter des Grafen v. Hagen, welcher in der Provinz Sachsen mehrere große Fideikommißgüter besitzt), zur ewigen Benutzung vermacht war, sie hat aber seit 1882 auf dieses Recht weiter verzichtet und den betreffenden Raum an den damaligen Hausbesitzer gegen eine kleine Entschädigung abgetreten."     

      
Ergebnis einer Gemeindekollekte (1914)    

Mitteilung in "Jüdische Rundschau" vom 16. Oktober 1914: "Aus Bleicherode: (Durch Erna Michaelis). Frau Clara Michaelis 1,44, Paul Rothenberg 1,19, Frau Alice Helft 2,15, Frieda Schönheim -,80, Frau S. Rothenberg 2,99, Frau Irma Dankwerth 2.-, Frau Agnes Rothenberg -,64, Frau Ernestine Beyth 1,-, Frau Martha Helft 5,41, Frau Fritz Michaelis 1,--, Frau Lehrer Stein 1,26, Erna Michaelis 4,-, Curt Schwabe -,16, Grete Beyth -,50, Erich Rothenberg 5,-, Frau Carl Michaelis -,75. ...  16 Büchsen 30,19.""       

     
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 

Zur Beisetzung von Sußmann Frühberg (1849)     

Bleicherode AZJ 30041849.jpg (367842 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. April 1849: "Bleicherode, 19. April (1849). Ein Leichenbegängnis. In einer Zeit wie die unsere, wo alles darauf hinsteuert, in bürgerlicher und gesellschaftlicher Beziehung die konfessionellen Scheidewände zu durchbrechen und all die Vorurteile, die aus dem Mutterschoße finsterer Jahrhunderte hervorgegangen, in den Ozean der Vergessenheit zu versenken; - wo aber das Steuer oft auf Klippen und Sandbänke stößt, dass das Rudern erschwert und das schnelle Fahrzeug in seinem raschen Lauf aufgehalten. oder gar in den Abgrund geschleudert wird, - in einer solchen Zeit kann es dem beobachtenden Auge des aufmerksamen Menschenfreundes nur angenehm sein zu erfahren, wenn hie und da Christen und Juden einander die deutsche Bruderhand reichen, und sich gegenseitig mit Gesinnungen entgegenkommen, welche das untrügliche Zeichen anerkannter Gleichheit an sich tragen.    
Ein solches Zeichen hatten vorgestern bei einem jüdischen Leichenbegängnis fast sämtliche Einwohner hiesigen Orts mit tief innigen Gefühlen an ihre Brust geheftet. 
Erzählen wir daher zuerst den Trauerfall. 
Am letzten Tag des Pessachfestes starb in unserer Gemeinde der bestallte königliche Lotterie-Einnehmen Herr Süßmann Frühberg in seinem 64. Lebensjahres. Seit 40 war er Schofarbläser, seit 25 Jahren auch Mohel (Beschneider) und während eines Zeitraums von 15 Jahren war er Gemeindevorsteher, als welcher er bei den Gebrüdern Benedix zu Stockholm ein Legat von 250 Talern für die hiesige Talmud-Tora-Schule zu erwirken gewusst. Der Schützenkompanie und dem Club der hiesigen christlichen Honoratioren gehörte er als Mitglied an. Bei Allen, die ihn kannten, genoss er Achtung und Freundschaft als rechtschaffener, friedliebender, wohltätiger Mann. Als Beleg für seinen Wohltätigkeitssinn führen wir nur Folgendes an:  
In dem Jahre 1847, dem Jahre der Teuerung, hatte sich die hiesige arme Bevölkerung zu Diebstählen auf Feldern verleiten lassen. Da begegnete er einst mehreren solchen Dieben auf seinen Ländereien - er war auch Gutsbesitzer - Erbsen stehlen; anstatt aber die erschrockenen Diebe zu verscheuchen, rief er ihnen freundlich zu, einem Juden noch 2 1/2 Sgr. hinreichend, mit den Worten 'Kaufet euch Jeder ein Pfund Fleisch dazu!'   
Auch als Mohel (Beschneider) zeigte er sich außerordentlich wohltätig, wo er als Solcher von Mittellosen hier und in der Umgebung gerufen ward.  
Wie sehr wir diesen Verlust zu betrauern Ursache haben, ist leicht zu ermessen; wir aber schweigen davon.   
Sprechen wir vielmehr mit unserem Religionslehrer Herrn Michael Herz Pincus, der die Leichenrede gehalten, und um dem Monat Nissan sein Recht zu wahren, nachdem er die Verdienste des Verblichenen nur spärlich hervorgehoben, sagte er: 'Doch dürfen wir unserer Trauer keine Worte, unserer Wegmut keine Tränen geben, so lange eines Festes Schatten und seine Nachfeier uns heiligend umgeben.  Berichten wir nun von dem Leichenbegängnisse, und die Kundigen werden wohl verstehen, was hieraus zu lernen ist.  ........           Wird noch weiter abgeschrieben   
Bleicherode AZJ 30041849b.jpg (80962 Byte)den, durch welchen wir Alle geschaffen sind in Gottes Ebenbilde, wir Alle berufen zur Unsterblichkeit, zu ungetrübter himmlischer Glückseligkeit.'   
Nachdem die Leiche im Sarg nach hiesigem Gebrauche von Jehudim (frommen Juden) zurechtgelegt und der Sarg vernagelt war, geschah die Einsenkung ins Grab durch die christlichen Träger, worauf die ganze Kompanie folgende Verse sang:  
Wie sie so sanft ruhen, alle die Seligen, die tapfer kämpften den großen Lebenskampf, 
Wie sie so sanft ruhen, in den Gräbern, bis sie zum Lohne erweckt werden.  
O, wenn doch wir ruhen, wie all' die Seligen und hier bestehen den schweren Lebenskampf, 
Dann wirst Ewiger Du uns rufen aus unsern Gräbern zum großen Lohne.   
Wir enthalten uns aller ferneren Beleuchtung; nur wünschen wir, dass sich überall die christliche Bevölkerung so human gegen Juden bezeugen möchte als in unserem Orte. Dann wird unsere Emanzipation eine volle Wahrheit, und wir deutsche Juden werden 'Erlöste des Herrn' genannt werden!  
Viele Mitglieder der hiesigen israelitischen Gemeinde."  
  

   
Zum Tod des Arztes Dr. Moritz August Wessely (geb. 1800 in Bleicherode als Sohn des dortigen Arztes Naphataly Wessely, gest. 1850 in Nordhausen)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. April 1850:  "Nekrolog. Nordhausen, 10. März (1850). Die Allgemeine Zeitung des Judentums hat es sich stets zur Pflicht gemacht, über Leben, Wirken und Schicksale berühmter Zeitgenossen israelitischen Glaubens getreulich Bericht zu erstatten, und so erfüllen wir denn durch dies weitverbreitete Organ auch von hier aus die schmerzliche Pflicht, den Tod eines Mannes anzuzeigen, dessen Hinscheiden in engeren und weiteren Kreisen mit Recht als ein großer, unersetzlicher Verlust tief empfunden wird. Am 7. dieses Monats starb nach längerem Leiden der hiesige königlich preußische Sanitätsrat, herzoglich nassauische geheime Hofrat und praktische Arzt Dr. med. Moritz August Wessely, Großneffe unseres berühmten Hartwig Wessely im noch nicht vollendeten 50. Lebensjahre. Er war am 15. Oktober 1800 in Bleicherode geboren, woselbst sein Vater als ein verständiger, geschickter Arzt in hoher Achtung stand und sich einer ausgebreiteten Praxis erfreute. Unter seiner Aufsicht und unter der Leitung einer edeln, tugendhaften Mutter verstrichen unserem Wessely die ersten Jahre seiner Kindheit und seines Knabenalters, und schon früh entwickelte sich in seinem Feiste und seinem Herzen der Sinn für alles Gute und Schöne, sowie jenes innige, menschenfreundliche Gemüt, das er bis zum letzten Lebenshauche nicht verleugnete. Die Vorbereitung zu seinen Studien empfing er auf dem Gymnasium hiesiger Stadt, wo ihm im Hause seines Oheims, des Herrn Hofagenten S. Schönfeld, die liebevollste Pflege zuteil wurde, und er sich durch regen Fleiß und Wohlverhalten die Zufriedenheit seiner Lehrer zu erwerben wusste. Nach redlich vollendeter Schulzeit bestimmte er sich für den Beruf seines Vaters und bezog die Universität Göttingen, wo er unter Leitung des berühmten Himly den Grund zu seiner nachmaligen Tüchtigkeit im Gebiete der Augenheilkunde legte. Zur Vervollständigung seiner Studien, und um sich schon in seinen Jugendjahren einen höhern Grad praktischer Erfahrung anzueignen, ging er, durch die Munifizenz seiner Oheime, der Herren Gebrüder Benedicks in Stockholm, mit den erforderlichen Mitteln versehen, nach Paris, wo er während eines Aufenthaltes von fünf Jahren in dem Umgange mit den hervorragendsten Ärzten und in den großartigen öffentlichen Heilanstalten der berühmten Weltstadt zur Erweiterung seines medizinischen Wissens und Könnens die günstigste Gelegenheit fand. Ganz besonders aber war es der in der medizinischen Welt hochberühmte Baron Dupuytren, Direktor des Hôtel Dieu in Paris und erster Chirurg Frankreichs, dessen vertrauter Schüler und Freund unser Wessely wurde, und durch dessen Lehre und Vorbild er sich zu einem anerkannt tüchtigen und geschickten Operateur ausbildete. Die schmeichelhaftesten Lobeserhebungen, welche Dupuytren in seinen Briefen an Wessely's Eltern aussprach und die Glückwünsche, die er ihnen zu dem Besitze eines so talentvollen Sohnes zurief, waren ganz geeignet, das Herz der treuen Eltern mit gerechter Freude und frohen Hoffnungen zu erfüllen. Und sie wurden nicht getäuscht, diese Hoffnungen. Ausgestattet mit einem reichen Schatze wissenschaftlicher und praktischer Erfahrungen kehrte Wessely in seinen Geburtsort (sc. Bleicherode) zurück, wo er sich an der Seite seines Vaters durch glücklich ausgeführte Kuren Achtung und Vertrauen in der ganzen Umgegend erwarb. Nachdem er auch den vorschriftsmäßigen medizinischen Kursus in Berlin durchgemacht und glänzend überstanden hatte, vermählte er sich mit Fräulein Adelheid Franck aus Breslau, einer Dame von hoher Bildung, mit welcher er bis zu seinem Tode in einer durch gegenseitige Achtung, Liebe und Treue geglückten Ehe lebte. Nach seiner Verheiratung nahm er seinen Wohnsitz hier in Nordhausen. Hier erwarb er sich in einer Reihe von 16 Jahren durch seine ausgezeichnete praktische Befähigung am Krankenbette, durch die mit wahrer Humanität verbundene Entschiedenheit und Vertrauen erweckende Sicherheit, mit welcher er seine Patienten behandelte, durch seinen emsigen Fleiß, mit welchem er den Fortschritten und neuen Entdeckungen auf dem Gebiete seiner Wissenschaft folgte (Anm.: seine 4 bis 5000 Bände starke Bibliothek, in welcher die vorzüglichsten medizinischen und chirurgischen Werke älterer und neuerer Zeit nicht fehlen und zu deren Vervollständigung er kein Opfer scheute, ist eine kostbare Hinterlassenschaft), durch seine rastlose, unermüdliche Tätigkeit in seinem Berufe, noch mehr aber durch sein edles, wohltätiges Herz und seinen biedern Charakter die allgemeinste Anerkennung und wohlverdiente Auszeichnung sowohl in den Palästen der Hochgestellten       
Nordhausen AZJ 01041850a.jpg (247195 Byte)  und Reichen, als auch in den Hütten der Armen, denen er nicht nur als ärztlicher Beistand, sondern oft auch als Helfer in materieller Not erschien. Auch an hohen und höchsten Stellen blieben seine Leistungen auf dem Gebiete der praktischen Heilkunde nicht ohne Anerkennung. So wurde er von des Königs von Preußen Majestät zum Sanitätsrat und von Seiner Hoheit dem Herzoge von Nassau zum geheimen Hofrat ernannt. Seit vorigem Jahre war er auch Begründer und Hauptredakteur der hier erscheinenden 'Neuen Zeitung für Medizin und Medizinalreform'. So im fortwährenden, rastlosen Wirken für Wissenschaft und Menschenheil ereilte ihn der Tod zwar nach längerem Leiden, aber doch nach menschlicher Berechnung viel zu früh für seine Gattin und seine drei unmündigen Kinder, viel zu früh für seine zahlreichen Freunde und Verehrer, viel zu früh für die hiesige israelitische Gemeinde, welcher er eine Zierde war, für unsere Stadt und Umgegend, wie überhaupt für die leidende Menschheit. Er starb am 7. dieses Monats abends 9 Uhr in Folge einer Gehirnlähmung. Die Liebe und hohe Achtung, welche sich der Dahingeschiedene zu erfreuen hatte, zeigte sich in erhebender Weise bei seiner heute in früher Morgenstunde stattgehabten ehrenvollen Beerdigung. Ein überaus langer Zug, bestehend aus den Mitgliedern der israelitischen Gemeinde, und aus den angesehensten christlichen Einwohnern, worunter sich viele Gelehrte, Ärzte, Gerichtspersonen und mehrere evangelische Geistliche im Ornat befanden, folgte der irdischen Hülle des teueren Entschlafenen bis zum israelitischen Friedhof, wo der Prediger Cohn mit tief empfundenen Worten den großen Verlust beklagte, welchen die Gattin, Kinder und Angehörige, die Wissenschaft und die leidende Menschheit, durch den Tod dieses hochverdienten Mannes erlitten haben; wobei er zugleich tröstend hervorhob, wie ja das ganze Leben des Verstorbenen dem Dienste der Menschheit gewidmet, also im wahren Sinne des Worts ein immerwährender Gottesdienst gewesen sei, und dass nach einem so segensreichen Wirken der verklärte Geist gewiss die Palme des ewigen, seligen Friedens errungen habe. Wir schließen dieses Referat mit den Worten des Nachrufes, welchen ihm sein Mitarbeiter, Herr Dr. Bloedau in No. 20 seiner medizinischen Zeitung gewidmet hat: 'Ein liebvoller Familienvater, ein treuer, zu jeder Aufopferung fähiger und bereiter Freund, ein menschenfreundlicher, uneigennütziger, unermüdlicher Arzt, wird unser Wessely schmerzlich genug vermisst werden. Er war ebenso durch seine praktische Tätigkeit, zumal auch in operativer Hinsicht ausgezeichnet, wie durch seine gründliche und wissenschaftliche Bildung, die er rastlos weiterzuführen bemüht war. Wer unsern Verstorbenen näher gekannt hat, wird mit uns sein Andenken hoch und heilig halten.'"     
 
vgl. Artikel zu Moritz August Wessely in wikisource und der Deutschen Biographie (hier findet sich die Angabe von einem Übertritt zum Christentum Wesselys, was jedoch schwer zu der Anmerkung passt, dass er für die israelitische Gemeinde in Nordhausen "eine Zierde war".   

     
Assistenzarzt Dr. Gustav Fränkel aus Bleicherode wird mit dem Eisernen Kreuz II ausgezeichnet (1870)         

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. Dezember 1870: "Bleicherode, 20. Nov. (Privatmitteilung). Dem Assistenzarzt Dr. Gustav Fränkel von hier, welcher am 30. Aug. bei Beaumont schwer verwundet wurde, ist vor 10 Tagen das eiserne Kreuz verliehen worden. Nachdem derselbe hier bei seiner Mutter gepflegt worden, ist er vor acht Tagen wieder zu seinem Regiment abgegangen. Derselbe steht bei dem 66. Magdeburger Füsilier-Regiment."  
  
Mitteilung in "Israelitische Wochenschrift" vom 21. Dezember 1870: "Kriegs-Nachrichten.
Das eiserne Kreuz hat erhalten der Assistenz-Arzt beim 66. (thüringischen) Regiment Dr. Fränkel aua Bleicherode. Derselbe wurde bei Beaumont schwer verwundet, zu Hause verpflegt und ist, nachdem er glücklich hergestellt worden, auf seinen Posten zurückgekehrt. Der von uns unlängst als dekoriert genannte Soldat Nußbaum aus Salzkotten hat sogar später 'das eiserne Kreuz 1. Klasse' erhalten, weil er eine vom Feinde eroberte preußische Fahne mit unvergleichlicher Bravour und Todesverachtung einzig und allein zurückerobert hat. So berichtet der 'Israelitische Lehrer'."      

     
Diamantene Hochzeit von M.S. Falkenstein und seiner Frau (1880)  

Bleicherode AZJ 08061880.jpg (76732 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Juni 1880: "In Bleicherode feierte, wie man uns schreibt, Herr M. S. Falkenstein mit seiner Gattin die diamantene Hochzeit. Das Jubelpaar, 85 respektive 80 Jahre alt, seit 1821 Bürger unserer Stadt, erfreut sich noch rüstiger Gesundheit. Sowohl die städtische Kommune als die jüdische Gemeinde weiß das verehrungswürdige Paar in seinen stets bewährten Tugenden zu schätzen. Bekleidete doch Herr Falkenstein 15 Jahre lang die Stelle eines ersten Vorstehers und hat er soeben zur Erbauung einer neuen Synagoge eine beträchtliche Summe gewidmet. Am 24. Mai fand die Feier der diamantenen Hochzeit statt und zwar nach den Wünschen des Jubelpaares, das jede Gemütsaufregung von sich fernhalten wollte, in aller Stille."    

     
Zum Tod des aus Bleicherode stammenden Gemeindeältesten Lazarus Schönheim (in Nordhausen 1882)        

Artikel in "Israelitische Wochenschrift" 1882 Nr. 13b: "Nordhausen, 23. August. (Original-Korrespondenz) Heute wurde unser Gemeindeältester, der Rentier Herr Lazarus Schönheim, nach erreichtem 82. Lebensjahre zur Erde bestattet. Er gehörte zu denen, die sich beschäftigen mit den öffentlichen Bedürfnissen in Aufrichtigkeit, denn mehr als ein halbes Jahrhundert stand er im heiligen Dienste der Gemeinden Bleicherode (seine Geburtstadt) und Nordhausen die Ehrenämter eines Synagogen-Vorstehers, Repräsentanten und Armenvaters bekleidend. Mehr als sein Geschäft interessierten ihn das Gemeindeleben und die religiösen Institute, insbesondere die Armenkassen-Verwaltung, die er über 40 Jahre mit größter Umsicht und Gewissenhaftigkeit leitete. Von seinem frommen und wohltätigen Herzen zeugt ein Legat von 400 Talern zum Andenken an seine verstorbene Frau, dessen Zinsen alljährlich an deren Jahrzeitstage verteilt werden. Aber auch für Wissenschaft und Kunst hatte er Sinn und Verständnis: Er war einer der ersten Abonnenten auf die vom jüdischen Literatur-Institut herausgegebenen Werke und einer ihrer eifrigsten Verbreiter; er war Mitglied des hiesigen Bildungsvereins, einiger Musik- und Gesangsvereine, die denn auch mit ihren Fahnen sich an seinem Leichenbegängnis zahlreich beteiligten. Ein großer Zug folgte seiner Bahre, an welcher der Gemeinderabbiner Dr. Leimdörfer an der Hand des Textes Jesaias 56,5: 'Ich werde ihnen geben in meinem Hause und in meinen Mauern Macht und Namen besser denn Söhne und Töchter.' - Herr Schönheim starb kinderlos - das segensreiche Wirken des Verblichenen in ergreifender Rede schilderte. Redner leitete ein mit den Worten: 'Im Geburtshaus« eines alten weltberühmten Hebräers (Wilhelm Gesenius) starb der alte in weiten Kreisen geachtete Hebräer, unser Vater Lazarus Schönheim, der für unsere Gemeinde so viel Gutes hat gestiftet.' Vor und nach der Grabrede exekutierten die Vereine 'Concordia' und 'Orpheus' erhebende Gesänge, die einen tiefen Eindruck auf alle Anwesenden machten. Des verdienten Mannes Andenken sei uns zum Segen!"      
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. September 1882: "Man schreibt uns aus Nordhausen vom 23. August (1882): Heute wurde unser Gemeindeältester, der Rentier Herr Lazarus Schönheim nach vollendetem 82. Lebensjahre zur Erde bestattet. Über ein halbes Jahrhundert stand er im Dienste der Gemeinden Bleicherode und Nordhausen, die Ehrenämter eines Vorbeters, Repräsentanten und Zedoko-Verwalters bekleidend. Er war vielleicht der erste Abonnent auf die Literaturwerke des Instituts zur Verbreitung der jüdischen Wissenschaft, wie er oft erzählte. Eine große Anzahl jüdischer und nichtjüdischer Freunde folgte seiner Bahre, die ganze Gemeinde Nordhausen, Deputationen aus Bleicherode, der Männerbildungsverein, die Gesangvereine Concordia und Orpheus, deren langjähriges Mitglied der Verblichene gewesen, sie alle kamen, letztere mit den Vereinsfahnen, um dem würdigen Veteranen das letzte Geleit zu geben. Am Grabe sprach Rabbiner Dr. Leimdörfer über den Text Jesaja 46,5 und schilderte in ergreifender Weise Leben und Wirken des in der Geschichte unserer Gemeinde eine hervorragende Rolle spielenden Mannes, der im Geburtshause eines weltberühmten Hebräers (Wilhelm Gesenius) verstorben sei. Vor und nach der Leichenrede stimmten die christlichen Gesangvereine erhebende Choräle an. Des verdienten Mannes Andenken sei uns zum Segen."      

     
Fabrikant Samuel Rothenberg feiert sein 25-jähriges Jubiläum als Stadtverordneten-Vorsteher (1902)   

Artikel in "Israelitisches Familienblatt" vom 30. Januar 1902: "Bleicherode. Ein seltenes Jubiläum feierte am 16. dieses Monats der Stadtverordneten-Vorsteher, Herr Fabrikant Samuel Rothenberg dahier, welcher nun seit 25 Jahren zum Wohle der hiesigen Stadt als Stadtverordneter wirkt. Die Ehrung des genannten Herrn durch die städtischen Körperschaften trug einen besonders herzlichen Charakter. Auf die Ansprache des Herrn Bürgermeisters Franke erwiderte der Jubilar in gleich herzlicher, warmer Weise. Wie wir hören, beabsichtigen die Stadtverordneten zu Ehren des Herrn Rothenberg, der sich um die Stadt große Verdienste erworben, ein Festessen zu veranstalten. Möge es dem verdienten Glaubensgenossen vergönnt sein, ncoh recht lange im gemeinnützigen Dienste seiner Vaterstadt und seiner Mitbürger zu wirken!"       

         
Stadtrat und Ehrenbürger Samuel Rothenberg wurde als Kreistagsabgeordneter wiedergewählt (1903)    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Januar 1903: "Aus Bleicherode wird uns geschrieben: Herr Stadtrat Samuel Rothenberg, Seniorchef der Mechanischen Weberei Schönheims Witwe, der schon bisher das Amt eines Kreistagsabgeordneten bekleidete, ist in gleicher Eigenschaft auf sechs Jahre neu wiedergewählt worden. Als früherer langjähriger Stadtverordnetenvorsteher hat er sich sehr viele Verdienste um das Wohl der Stadt erworben und wurde seinerzeit zu ihrem Ehrenbürger ernannt, wobei ihm gleichzeitig der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen wurde."   

      
Zum Tod des aus Bleicherode stammenden Rabbiners Professor Heidenheim (gest. 1906 in Sondershausen)       

Artikel in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 12. Juni 1914: "Rabbiner Professor Heidenheim. Geb. 14. Juni 1814 in Bleicherode, gest. 14. Juni 1906 in Sondershausen Zum Gedächtnis.
Heidenheim erblickte das Licht der Welt zu Anfang des vorigen Jahrhunderts und schloss die noch so geistesklaren Augen, als das neue schon sechs Jahre zählte. Und weil es noch viel Lebende gibt, die seine Schüler und Freunde waren, die das pflichttreue, edle Leben ehrten, werden diese Erinnerungszeilen, trotz des nimmerrastenden Lebens, an dem Tage der Geburt, der Stunde seines Todes, manchem Halt gebieten zu liebendem Gedenken. Denn Richtung der Parteien, Kampf um Meinung schweigen vor der Majestät der Ewigkeit, und wer den Lebensweg des einst in armer Hütte geborenen Kindes weiß, fühlt's: Philipp Heidenheim war ein von Gott begnadeter Mensch. Der Vater ein sich schwer plagender, armer Hausierer, der mit seiner Last von Markt zu Markt zog. die Mutter eine geistvolle Frau, die durch Schicksal in dürftige Verhältnisse verschlagen!
Da fassten die Eltern den Entschluss, nach Bayern, der Heimat der Mutter, auszuwandern, um nach ihrer Meinung in bessere Lebensbedingungen zu kommen, wurden aber, da dort nicht heimatberechtigt, kurzerhand ausgewiesen, und so entschlossen sich die armen Eltern, sich wieder der Heimat im Thüringer Lande zuzuwenden. Der kleine, schwächliche kluge Knabe, der immerfort lernte, selbst in der Nacht bei der Straßenlaterne, fand im Hause des Bankiers Frühberg, Bleicherode, Aufnahme und Unterstützung. Frühberg hatte einen vorzüglichen Hauslehrer, M. Schwarzauer, für seine Kinder angenommen, und bei diesem fand der Knabe seinen ersten Lehrer, Unterricht in allem weltlichen und religiösen Wissen. Mit Schwarzauer studierte er den Talmud, und nach Göttingen ging er wöchentlich zu den Vorlesungen. Ein begeistertes Zeugnis Schwarzauers verschaffte ihm, nachdem er in Erfurt vor dem Königlichen Seminar ein glänzendes Examen abgelegt, die Lehrerstelle an der jüdischen Schule in Sondershausen, als Hilfe des Predigers Wolfsohn. Als dieser später nach Berlin berufen wurde, ward Heidenheim sein Nachfolger. Der Fürst Günther Friedrich Carl II. lernte Heidenheim bei der alljährlichen Osterprüfung kennen und verfügte die Auflösung dieser Anstalt und die Eingliederung der Schüler in städtische und staatliche Schulanstalten, und H. wurde dem Lehrerkollegium eingefügt; erkannten doch der Fürst und die Behörden die außergewöhnliche, seltene Befähigung Heidenheims als Lehrer und Erzieher. Im Laufe der Jahrzehnte wurde Heidenheim mit dem Schwarzburgischen Ehrenkreuz dekoriert, Kollaborator, Oberlehrer und Professor, stellvertretender Direktor, Ordinarius der Sekunda und Prima der Realschule, unterrichtete deutschen Aufsatz, Mathematik, ja sogar Weltgeschichte, bis eine Periode der Reaktion ihm diese schwierige Aufgabe entriss, da man meinte, er sei als Jude nicht imstande, über all den Kämpfen objektiv zu urteilen. Aber wie viel Toleranz in der Stellung geübt wurde, geht daraus hervor, dass er Sonnabend und Feiertage völlig losgelöst von den Pflichten der Schule wurde und als der Rabbiner seiner Gemeinde wirken konnte. Dass der Strebsame ein glänzendes Rabbinatsexamen bei dem damaligen Oberrabbiner Löbel Blaschke in Schönlanke ablegen konnte, verdankte H. hauptsächlich seinem dreijährigen rastlosen Studium mit Dr. Lazarus, der auf seinen Antrag nach Sondershausen berufen wurde, und der sein Lehrer war; dessen Bruder, der nachmalige berühmte Philosoph Professor Dr. Moritz Lazarus, war Heidenheims Schüler und besuchte in Sondershausen das Gymnasium. Heidenheim, der Vielbeschäftigte, gründete im Jahre 1842 eine Erziehungsanstalt für israelitische Knaben und Jünglinge, die im Laufe der vielen Jahre weit über 360 Zöglinge zählte, und aus welcher ganz bedeutende Männer, Zierden der Wissenschaft und des Handels hervorgegangen sind. Rabbiner Ludwig Philippsohn, sein bester Freund, die Rabbiner Frankl und Fürst gaben dem Unternehmen das Geleitwort. Welcher Hochachtung und Wertschätzung sich schon nach wenigen Jahren Heidenheim in den Kreisen der schwarzburgischen Lehrerschaft zu erfreuen hatte, davon gibt folgendes Vorkommnis Zeugnis. In den Tagen vom 28. bis 30. Oktober des Sturmjahres 1848 fand der erste Deutsche Allgemeine Lehrertag in Eisenach statt. Heidenheim wurde von 88 Lehrern des Landes als Vertreter nach dort gesandt. Auf diesem denkwürdigen Lehrertage war folgender Antrag gestellt: 'Die Grundlage aller Erziehung ist eine christliche.' Dieser Fassung widersprach Heidenheim in glänzender Rede und stellte den Gegenantrag: 'Die Grundlage aller Erziehung ist eine religiös-sittliche', der auch nach stürmischer Verhandlung mit großer Mehrheit angenommen wurde. — Alle Arbeit, alle Sorgen wurden gekrönt durch Gottes Segen! 59 Jahre lebte Heidenheim in glücklichster Ehe; Kinder, Enkel und Urenkel, mehr als 70, sahen voller Liebe und Ehrfurcht zu dem Patriarchen der Familie. Und bis zum Tode geistesfrisch! Zehn Tage vor seinem Heimgang hielt er noch eine geistvolle Schwanenpredigt mit vollem klangvollsten Organ!
Ein schlichtes Leben, so rein menschlich, dass er göttlichen Geist auf Erden trug. Die Spur von seinen Erdentagen wird nicht verwischt werden. R. D."   
Anmerkung:  - Oberrabbiner Löbel Blaschke = Jehuda Leib Blaschke siehe https://rawiccyzydzi.pl/genealogia/biogramy/jehuda-leib-blaschke 
-  Fürst Günther Friedrich Carl II:   https://de.wikipedia.org/wiki/Günther_Friedrich_Carl_II._(Schwarzburg-Sondershausen)    
-  Prof. Moritz Lazarus  https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Lazarus    

     
Wilhelm Beyth wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet (1914)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. November 1914: "Aus Bleicherode wird uns geschrieben: Wilhelm Beyth, der Sohn unseres Mitbürgers Fritz Beyth, hat wegen Tapferkeit vor dem Feinde und wegen seiner guten Leistungen für das Regiment, Brigade und Division am 8. vorigen Monats das Eiserne Kreuz erhalten. Herr Beyth trat am 1. August mit seinem Friedensdienstgrad als Offizierstellvertreter in das 1. Bataillon Grenadierregiment Nr. 110, Mannheim, ein, wurde am 4. September bereits zum Verpflegungsoffizier befördert und am 12. Oktober mit der Verpflegung für die Division betraut."       

      
Zum Soldatentod von Erich Rothenberg (1918)         

Aus einem Artikel in "Die jüdische Presse" vom 13. Mai 1918: "Es ist erhebend, dass in ähnlicher Weise die Juden aller Länder, auch in den am meisten vom Kriege heimgesuchten Gebieten und unter den schwierigsten Verhältnissen, unermüdlich für die Mehrung des Jüdischen Volksschatzes Sorge tragen. Es wäre zu wünschen, dass auch die wohlhabenden Kreise immer mehr entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zum Jüdischen Nationalfonds beisteuern. Der auf dem Felde gefallene Assessor Erich Rothenberg, Bleicherode, hat als letzten Willen dem Jüdischen Nationalfonds ein Legat von 2000 Mark hinterlassen."       
 
Artikel in der Zeitschrift "Jüdische Rundschau" vom 3. Mai 1918: "Vermächtnis.
Unser gefallener Gesinnungsgenosse, Assessor Erich Rothenberg, Bleicherode, hat als letzten Willen dem Jüdischen Nationalfond ein Legat von 2000 Mark vermacht, sowie aus seiner Bibliothek eine Reihe besonders wertvoller Werke verzeichnet, die für die Universitäts-Bibliothek der jüdischen Universität Jerusalem bestimmt sind. '"     

        
Zum Tod von Nanni Strauß geb. Heidelberger, Schwiegermutter von Lehrer Stein (1923)        

Artikel in "Der Israelit" vom 15. März 1923: "Gelnhausen, 12. März. Am Dienstag nach Purim geleiteten wir eine Frau, Nanni Strauß geb. Heidelberger, die Gattin unseres pensionierten allverehrten Lehrers Strauß, zur letzten Ruhe. Frau Strauß, deren arbeitsreichem Leben im Alter von 63 Jahren ein Ziel gesetzt wurde, war vorbildlich als Gattin und als Mutter hilfreich und gut allen, die in ihren Kreis traten. Am Grabe schilderte Herr Lehrer Marx das Leben der Heimgegangenen, das von Wohltätigkeit erfüllt war, wie sie dem Gatten in allen Lagen des Lebens, besonders in seinem Berufe als Lehrer und Kultusbeamter mit seinen vielseitigen Anforderungen eine wahre  'Hilfe als sein Gegenüber' (sc. Formulierung aus der Schöpfungsgeschichte 1. Mose 1) in des Wortes schönster Bedeutung gewesen und dadurch ihr Heim zum Mittelpunkte der ganzen Gemeinde gestaltete. Was die Verstorbene für den hiesigen israelitischen Frauenverein, dessen Vorsitzende sie viele Jahre gewesen und für die übrigen Wohlfahrtseinrichtungen unserer Kehillo (Gemeinde) geleistet hat, wird stets in dankbarer Erinnerung bleiben. Im Namen des schmerzgebeugten Gatten, der Kinder und Geschwister, dankte in bewegten Worten der älteste Schwiegersohn, Herr Lehrer Stein - Bleicherode, der teuren Mutter für all die Liebe, mit der sie ihre Lieben betreute. Herr Lehrer Halberstadt, Büdingen, pries als Freund des Hauses die wackere Frau als Muster uneigennütziger Freundschaft. Das große Leichenbegängnis legte Zeugnis ab, welch große Verehrung die wackere Frau auch bei den Andersgläubigen genossen hatte. 
Im Sinne so vieler jüngerer Lehrer, die während der Zeit ihrer Ausbildung zum Schochet im Hause der Verstorbenen ein gastliches Heim gefunden, sprach Waisenhausverwalter Marx, Frankfurt, während der Schiwa im Trauerhause geistvolle Worte ehrenden Gedenkens. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." 
Anmerkung:  - Schiwa https://de.wikipedia.org/wiki/Schiv'a          

     
        
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Ein jüdischer Hauslehrer wird gesucht (1843)   

Anzeige in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 2. Oktober 1843: "Anzeige.
Ein von einer Königlich Preußischen Regierung geprüfter Elementar- und Religions-Lehrer jüdischen Glaubens, welcher wo möglich Klavierunterricht erteilen kann, findet zu Ostern 1844 eine vorteilhafte Hauslehrerstelle. Portofreie Anmeldungen, mit Beifügung der Atteste, sind bald einzureichen, bei
H. J. Herzfeld
in Bleicherode."   

        
Anzeigen des Kaufmanns H.J. Frankenheim (1847) und des Tuch- und Modegeschäftes bzw. Tuch- und Manufakturgeschäftes K. Frankenheim (1848 / 1850)    
Anmerkung: es dürfte sich um die Brüder Hirsch Frankenheim (geb. um 1812) und Kusel Frankenheim (c. 24. August 1817, gest. 5. August 1850 in Bleicherode) handeln. Die beiden waren Söhne von N.N. Frankenheim und der Hendel geb. Gustorfer (c.1778-1854). Kusel Frankenheim war verheiratet mit Johanne geb. Herzberg (geb. c. 22. Juni 1823, gest. 13.7.1874 in Bleicherode). Die beiden hatten zwei Töchter: Thekla und Clara Cusila (letztere geb. 10.2.1851 in Bleicherode).  

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. Oktober 1847: "Heilsame Erfindung. Neu verbessertes
Hümmert's Pollution-Verhütungs-Instrument,

dessen Verbreitung, da es, ohne im Geringsten Unannehmlichkeiten oder nachteilige Folgen herbeizuführen, keine Pollution zulässt, mir von Königlicher Hochlöblicher Regierung zu Erfurt bewilligt worden ist. Die Wahrheit dieser Aussage ist durch vielfache Erfahrungen bestätigt. Die Zahl der Zeugnisse über die unfehlbare Wirkung dieses Instruments beläuft sich bereits auf mehrere Hunderte, weshalb ich es für überflüssig halte, nur einzelne hier aufzustellen. Instrumente von feinem Metall á 4 Thlr. und von Holz á 3 Thlr. und Gebrauchsanweisung sind bei portofreier Einsendung des Betrags zu haben bei
H.J. Frankenheim in Bleicherode
bei Nordhausen."   
  
Bleicherode AZJ 07081848.jpg (40344 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. August 1848: "Lehrlingsgesuch
In meinem Tuch- und Modegeschäft, kann ein Lehrling, welcher Schulkenntnisse besitzt, jetzt gleich oder zu Michaelis platziert werden. Hierauf Reflektierende wollen gefälligst sich franko bei mir melden. 
Bleicherode bei Nordhausen, den 30. Juli 1848. K. Frankenheim".   
 
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Juli 1850: "In meinem Tuch- und Manufakturgeschäft kann zu Michaelis dieses Jahres ein Lehrling gegen annehmbare Bedingungen platziert werden. Bleicherode, den 3. Juli 1850. K. Frankenheim."     

   
Anzeigen der Färberei und Druckerei S. Beyth (1849 / 1857)     
Anmerkung: es handelt sich um den Färber Samuel Beyth, geb. c. 1820, Sohn von Bendix Pessach Samuel Beyth (gest. vor 15. Juli 1853) und der Bertha geb. Veilchenblau (geb. c. 1780, gest. 29.4.1864 in Bleicherode). Samuel Beyth war seit 25.10.1852 (in Bleicherode) verheiratet mit Johanne geb. Eichenberg (geb. c. 1823), mit der er acht in Bleicherode geborene Kinder hatte: Paul Friedrich (geb. 22.10.1853), Georg Simon (geb. 15.11.1854), Fritz Benediks (geb. 27.10.1856, gest. 3.2.1922 in Bleicherode), Rudolph Wolf (geb. 15.11.1858), Helena Sara (geb. 5.6.1860), Carl Abraham (geb. 3.2.1863), Bertha Margot (geb. 26.1.1867) und Zwillingsschwester Röschen Else (geb. 26.1.1867, gest. 21.7.1867).  

Bleicherode AZJ 30041849w.jpg (31450 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. April 1849: "In einer Färberei und Druckerei wird gegen annehmbare Bedingungen ein Lehrling mosaischen Glaubens gesucht. Näheres erfährt man gegen portofreie Anfragen bei S. Beyth in Bleicherode bei Nordhausen."        
 
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. April 1857: "Färbergehilfen (Garnfärber), mosaischen Glaubens, finden dauernde Beschäftigung bei S. Beyth. Bleicherode bei Nordhausen."  

   
Anzeigen des Baumwollwaren-Fabrik-Geschäftes Carl Helft (1865 / 1868 / 1876, 75-jähriges Geschäftsjubiläum 1938)       

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. Januar 1865: "Für mein Baumwollwaren-Fabrik-Geschäft suche einen Lehrling mit den erforderlichen Schulkenntnissen versehen. Carl Helft. Bleicherode, im Januar 1865."     
  
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. März 1868: "Für mein Leinen- und Baumwollen-Waren-Fabrik-Geschäft suche einen Lehrling. Bleicherode bei Nordhausen, 12. Februar 1868. Carl Helft."     
  
Anzeige in "Der Israelit" vom 13. September 1876: "Eine Mamsell, die einen größeren Haushalt selbständig führen und perfekt kochen  kann, sucht zum baldigen Antritt  
Bleicherode   Frau Carl Helft."       
 
Mitteilung in "Israelitisches Familienblatt" vom 16. Juni 1938: "Bevorstehendes 75jähriges Geschäftsjubiläum: 
Bleicherode: Firma Carl Helft (Inhaber Hermann Helft) mechanische Weberei."  

         
Anzeige des Leinen- und Baumwollwaren-Fabrik-Geschäftes Philipp Schlesinger (1868)         

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. Oktober 1868: "Für mein Leinen- & Baumwoll-Waren-Fabrik-Geschäft suche ich zum sofortigen Antritt einen mit den nötigen Schulkenntnissen versehenen jungen Mann als Lehrling. Philipp Schlesinger in Bleicherode am Harz."      

     
Anzeige des Leinen- und Baumwollwaren-Fabrikgeschäftes J. Schönheim's Witwe (1872)    
Anmerkung: Jacob Schönheim war bis zu seinem Tod (vor 31. August 1863) Leinen- und Baumwollwaren-Fabrikant in Bleicherode. Nach seinem Tod übernahm seine Frau bzw. Witwe Bertha geb. Friedländer die Fabrikation. Jacob und Bertha hatten drei Töchter: Jacobine (seit 21. Juni 1872 in Bleicherode verheiratet mit Samuel Rothenberg; Sohn der beiden: Paul Leiser Rothenberg, geb. 29. März 1873), Rosalie Rebecca (geb. 12.12.1842, gest. 16.9.1926), Johanna (geb. 22.9.1846 Bleicherode, gest. 7. März 1937 in Göttingen).  

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. Juli 1872: "Für mein Leinen- und Baumwollwaren-Fabrikgeschäft suche ich zum 1. Oktober dieses Jahres einen Lehrling. Bleicherode am Harz. J. Schönheims Witwe."       

    
Anzeige der Garnhandlung en gros und Leinenfabrikation Constant Herzfeld & Co. (1874)     
Anmerkung: Constant Cußel Herzfeld ist am 2. Juni 1836 geboren. Er war in Bleicherode als Kaufmann und Fabrikant tätig. Er war verheiratet mit Zelima Zipora Elle geb. Herzfeld (geb. 10. Dezember 1842), mit der er drei in Bleicherode geborene Kinder hatte: Meta (geb. 19.12.1864), Agnes (geb. 25.9.1867) und Alfred Hugo (geb. 9.9.1873)  

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. September 1874: "Ein Lehrling
findet Stellung. Wohnung und Kost im Hause.
Bleicherode. Constant Herzfeld & Co. 
Garnhandlung en gros und Leinenfabrikation."        

     
Anzeige des Putz-, Weißwaren- und Posamentengeschäftes Rosalie Beyth (1881) 
Anmerkung: vgl. Angaben oben zur Familie (Anzeigen von 1849/1857).       

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. August 1881: "Für mein Putz-, Weißwaren- und Posamentengeschäft suche ein Lehrmädchen.  
Rosalie Beyth
, Bleicherode."      

     
Anzeige des Leinen- und Baumwollewaren-Fabrikationsgeschäftes Paul Beyth (1895)  
Anmerkung: vgl. Angaben oben zur Familie (Anzeigen von 1849/1857).  

Anzeige in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 11. Oktober 1895: "Für mein Leinen- und Baumwolle-Waren-Fabrikationsgeschäft suche ich
einen Lehrling
(Israelit). Bleicherode am Harz. Paul Beyth."       

     
Anzeige von S. Kaufmann (1879)       

Anzeige in "Der Israelit" vom 31. Dezember 1879: "Wegen Auflösung einer Gemeinde sind zwei noch sehr gut erhaltene Torarollen preiswürdig zu verkaufen. Näheres bei S. Kaufmann zu Bleicherode."        

     
Anzeige von B. Schwabe (1885)      

Anzeige in "Der Israelit" vom 23. April 1885: "Ein tüchtiges israelitisches Mädchen, das in allen häuslichen Arbeiten erfahren und mit Kindern umzugehen versteht, sucht
B. Schwabe
, Bleicherode."      

    
Anzeige von J. S. Wallach (1901)        

Anzeige in "Der Israelit" vom 8. August 1901: "Suche per 1. Oktober ein
älteres Mädchen
oder Witwe
zur Führung des Haushalts und zur Pflege eines alten Ehepaares. Auf Wunsch Familienanschluss. Zeugnisse und Gehaltsansprüche zu senden an  
J. S. Wallach, Bleicherode am Harz."      

     
      
      
Zur Geschichte der Synagoge        
     
Zunächst war jeweils ein Betsaal (bereits im 16. Jahrhunderts, danach wieder im 18. Jahrhundert) vorhanden. 
     
Von 1725 bis 1882 war der Betsaal in einem Haus, das 1665 als sogenannter Ackerbürgerhof errichtet wurde und ab 1790/91 der Gräfin von Hagen gehörte ("Alte Kanzlei"). Der Betsaal und die jüdische Schule war in zwei Räumen an der Westseite des Obergeschosses. Der Zugang erfolgte über eine hölzerne Außentreppe an der Nordseite des Gebäudes (zugemauerte Türöffnung ist noch heute zu sehen). Dieses Gebäude ist erhalten; in den 1990er-Jahren wurde das Gebäude neu eingedeckt; 2006 erfolgte eine umfassende Renovierung durch das Engagement der gemeinnütziger Fördervereins "Alte Kanzlei e.V.". Im Gebäude befindet sich heute eine Ausstellung / Dokumentation zur jüdischen Geschichte in Bleicherode (50 Bildplatten á 50/100 cm).    
 
1880 konnte der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt werden. Der Bau wurde aus Spenden finanziert (vgl. oben Bericht zum Tod von M. S. Falkenstein). Die Bauleitung hatte Baurat Edwin Oppler aus Hannover; er hatte kurz zuvor eine mit der Synagoge in Bleicherode fast identische Synagoge in Hameln erbaut. Maurermeister Schirmer aus Bleicherode führte die Arbeiten aus. Am 1. Juni 1882 konnte die Synagoge gemeinsam durch den aus Bleicherode stammenden Landrabbiner Professor Heidenheim und den Rabbiner Dr. David Leimdörfer (Nordhausen) eingeweiht werden. Die Architektur war im Wesentlichen von neuromanischen Formen geprägt. Der Bau kostete insgesamt 45.000 Taler.  
 
Ankündigung der Einweihung der Synagoge - die Vertreter staatlicher, kommunaler und kirchlicher Behörden nehmen nicht an der Einweihung teil (1882)       

Artikel in "Israelitische Wochenschrift" 1882 Nr. 13: "Nordhausen, 26. Mai. In unserer Nachbargemeinde Bleicherode wird demnächst eine neue Synagoge durch unseren Rabbiner eingeweiht werden. Der Vorstand lud den Präsidenten der Provinz, den Landrat hier, den Bürgermeister, das Magistrats und Stadtverordneten-Kollegium und die christliche Geistlichkeit Bleicherodes ein. Auf diese Einladungen kamen von all den genannten Absagebriefe, Antworten, dass sie sich nicht beteiligen werden. - Als vor Kurzem ein begabter junger israelitischer Dichter Lichtenstein von hier (entweder von Nordhausen oder s.u. Sondershausen) in Bleicherode einen Vortrag über Berthold Auerbach zu Gunsten der russischen Juden ankündigte, da geruhte der Herr Bürgermeister, diesen Vortrag zu verbieten. - Anlässlich der gestern stattgehabten Seelenfeier hielt unserer Rabbiner eine Denkrede auf Jakob Nachod, die einen sichtlich tiefen Eindruck machte."      
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. Juni 1882: "In Bleicherode (Thüringen) wird demnächst eine neue Synagoge eingeweiht. Der Vorstand richtete ein Einladungsschreiben an den Oberpräsidenten, den Landrat, den Bürgermeister, die Stadtverordneten, die katholischen und die protestantischen Geistlichen, und erhielt von allen diesen Instanzen die Antwort, dass sie sich nicht beteiligen werden. Nun, das wird dem neuen Gotteshause nichts von seiner Weihe nehmen. Noch mehr. Jüngst wollte ein junger Dichter, Herr Lichtenstein aus Sondershausen, einen Vortrag in diesem Bleicherode halten und zwar über Berthold Auerbach und zu Gunsten der russischen Flüchtlinge, und der Bürgermeister versagte die Erlaubnis! (Steht das in der gesetzlichen Macht des Bürgermeisters?). "  

Die Einweihung der Synagoge (1882)   

Artikel in "Israelitische Wochenschrift" 1882 Nr. 13: "Bleicherode, 1. Juni. Heute fand hier die Feier statt, welche die jüdische Gemeinde zur Einweihung ihres nach reichlichen Opfern, mühevoller Arbeit und beharrlichem Streben nun vollendeten neuen Tempels beging. Der erste, mehr wehmütige Teil der Feier, galt dem Lebewohl, welches die Gemeinde in letzter, festlicher Versammlung ihrem durch ein Jahrhundert hindurch lieb und wert gewordenen, aber auch gealterten und zu eng gewordenen bisherigen Gotteshause widmete.
Herr Lehrer Frank sprach das Abschiedsgebet in der alten Synagoge, aus welcher die Gemeinde ausziehe wie aus einem Vaterhause und doch auch wieder nicht so, denn der himmlische Vater ziehe mit seinen Kindern und heiße in dem neuen Tempel jeden willkommen, der wahre Frömmigkeit, nicht Heuchelei und Schein, im Herzen trage. Nicht ohne Betrübnis erfolgte dieser Wechsel. Mehr als 100 Jahre ist es her als, eine edel denkende Christin dieses ehrwürdige Haus der jüdischen Gemeinde zum Geschenke gemacht. Heute aber zeigen Mitlebende sich noch so fern von solchem Geiste erhabene Duldsamkeit, dass sie es über sich gewinnen, eine Nation, die nichts verschuldet hat, und ihre Pflichten stets mit Treue erfüllt, zu verfolgen bis aufs Blut.
Hierauf sprach der Rabbiner Herr Professor Heidenheim aus Sondershausen Worte des Abschieds an jener Stätte, die ihm, einem Kinde der Gemeinde Bleicherode, so teuer: wo er einst an der Seite an der Seite seiner entschlafenen geliebten Eltern Gebete zum Herrn gesendet, wo die geisterwärmenden und herzbelebenden Worte verehrter Lehrer zuerst in ihm die Begeisterung für seinen heiligen Beruf wach gerufen, und wo er seit 40 Jahren gewöhnt gewesen, zu der Gemeinde von Bleicherode zu sprechen.
Unterdessen hatte sich vor dem Hause der Festzug geordnet. Voran die Schülerinnen und Jungfrauen, dann das Festkomitee mit den Ehrengästen, darunter die an dem Bau beteiligt gewesenen Meister. Hierauf folgte eine junge Dame, die auf seidenem,           
bekränztem Kissen den Schlüssel zur neuen Synagoge trug, sodann die Vorsteher und Repräsentanten der Gemeinde, hinter denen die Träger der kostbar verzierten Torarollen, die Kultusbeamten und unter blauem Baldachin die fungierenden Rabbiner einherschritten; endlich schlossen sich in langer Folge Mitglieder und Freunde der Gemeinde von hier und aus den Nachbarorten an. Im Ganzen mochten etwa 200 Personen an dem Zuge teilnehmen. Vor dem Rathause hatten das Magistratskollegium und der Vorstand der Stadtverordneten am Fuß der Freitreppe Ausstellung genommen, von wo aus sie sich beim Passieren des Zuges den übrigen Ehrengästen anschlossen. Der Herr Regierungspräsident, der Landrat des Kreises, sowie die evangelischen Geistlichen und Lehrer von Bleicherode hatten die Einladung, welche an sie zu der religiösen Frier ergangen, abgelehnt.
Als der Zug vor der Pforte der neuen, in romanischem Stil erbauten Synagoge angelangt war, wurde der Schlüssel mit einigen in gebundener Rede gesprochenen Worten Herrn Architekten Schorbach übergeben, der den schönen Bau nach den Plänen des verstorbenen Baurat Oppler in Hannover ausgeführt; dieser übergab ihn dem Vorsteher der Gemeinde, Herrn Schlesinger, welcher nach einer herzlichen Ansprache an die Versammelten das Tor des neuen Tempels öffnete. Der Nordhäuser Synagogenchor stimmte das 'Hoch tut euch auf!' des 24. Psalms an. Die Torarollen wurden nach feierlichem Umzuge um das Almemor in die Bundeslade gelegt, Rabbiner Heidenheim zündete die ewige Lampe unter beredtem Hinweis auf die heilige Bedeutung dieses Symbols an.
Die Weihepredigt hielt hierauf Herr Rabbiner Dr. Leimdörfer aus Nordhausen. Als sein Thema bezeichnete der Redner die Hochziele eines jüdischen Tempels in unserer Zeit und erläuterte dieselben nach Jesaias c. 56 v. 7. Danach seien jene Ziele 1) die Erhebung oder Seelenweihe. 2) die Andacht oder Herzensweihe, 3) die Milde oder Tatenweihe und 4) die Humanität oder allgemeine Menschenweihe.
Nach dieser, den Höhepunkt der Feier bildenden Rede und dem vom Chor gesungenen: 'Preis und Anbetung sei unserm Gott!' sprach Herr Rabbiner Heidenheim das Gebet für den Kaiser, woraus mit einem Schlusspsalm der religiöse Teil der Feier beendet wurde. Am Abend fand im Ratskeller ein solennes, von geistreichen Toasten gewürzte« Bankett statt.    .   
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Juni 1882: "Die Einweihung der neuen Synagoge zu Bleicherode.
Am 1. Juni fand in Bleicherode die Einweihung der neuen. Synagoge statt, über welche wir bereits eine Notiz gebracht und die in der 'Nordhäuser Zeitung' vom 2. Juni eine ausführliche Schilderung gefunden hat. Die neue Synagoge nach dem Plane des verstorbenen Baurats Oppler in Hannover (Israelit) ausgeführt, ist ein schönes, lichtvolles und stilgerechtes Gebäude: Die Zeremonie ging in üblicher Weise vor sich. In der alten Synagoge, die vor mehr als 100 Jahren von einer edlen Christin der Gemeinde zum Geschenk gemacht worden, sprachen der Lehrer Frank und der Landrabbiner Prof. Heidenheim aus Sondershausen tief ergreifend. Der Zug zur neuen Synagoge war vom Bürgermeister, den Stadtverordneten und vielen Honoratioren begleitet. Der Nordhäuser Synagogenchor führte die Gesänge aus, und die Weiherede hielt der Rabbiner Dr. Leimdörfer aus Nordhausen. Die 'Nordhäuser Zeitung' berichtet darüber: Indem wir darauf verzichten, von dem hinreißendem Eindruck dieser in begeisterter und formvollendeter Sprache gehaltenen einstündigen Kanzelrede 'eine Vorstellung zu gehen, begnügen wir uns, aus ihr die wesentlichsten Gedanken mitzuteilen: Als sein Thema bezeichnete der Redner 'die Hochziele eines jüdischen Tempels in unserer Zeit' und erläuterte dieselben an der Hand der Stelle aus dem Jesaias, welche mit den Worten schließt: 'Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker'. Danach seien jene Ziele 1. Die Erhebung oder Seelenweihe, 2. die Andacht oder Herzensweihe, 3. die Milde oder Tatenweihe und 4. die Humanität oder allgemeine Menschenweihe. Die Seele fühle die himmlische Weihe schon durch das bloße Bewusstsein des Weilens im Hause Gottes, mehr aber noch im Aufnehmen jener erhabenen jüdischen Sittenlehren, welche, vor Jahrtausenden verkündet, heute noch bei allen Völkern wie Grundlage ihres Lebens und ihrer gesetzlichen Verfassung abgeben. Das Herz empfängt seine Weihe von Neuem bei jedem jener wichtigen Schritte im menschlichen Leben, welche nach heiligem Herkommen die Religionsgemeinde mit ihrem Segen begleitet, wie in den großen Augenblicken des gesamten Volkslebens; wenn das Vaterland ruft, welches die Lehren der jüdischen Religion von ganzem Herzen und mit ganzer Hingebung zu lieben verpflichten, und dem das israelitische Volk trotz mancher unwürdigen Anfechtung stets mit Gut und Blut gedient hat, wenn das Volk seine patriotischen Feste feiert, dann ziehen auch die Juden als Söhne des großen gemeinsamen Vaterlandes in ihr Gotteshaus, um für die deutsche Nation und ihren hohen Schirmherrn Gebete zum Himmel zu senden. Wo aber sind heute die Brand- und Schlachtopfer, von denen Jesaias spricht? wo lernt das Herz Milde und gute Taten, da der Altar im Tempel Salomos umgestürzt liegt seit Jahrtausenden? Er steht heute da, wo die Blutzeugnisse, auf welche die jüdische Religion zurückblickt , nochmals abgelegt werden trotz aller Fortschritte der Kultur und der Wissenschaft; im hohen Norden Europas, in Balta und Kiew steht er, wo die Stammesgenossen verfolgt, getötet, geschändet, geplündert und ausgejagt werden wie wilde Tiere: blutige Taten fürwahr, vor denen das Haar sich sträubt, vor denen die schwärzesten Gräuel des Mittelalters verblassen wie Phantome, fluchwürdige Taten, und doch - fluchet nicht, denn das verbietet unsere Religion! betet aber, dass Milde und richtigere Einsicht die Herzen unserer Feinde bessere! Das Haus Gottes soll ein Bethaus sein für alle Völker, eine Pflanzstätte der Humanität. Als Salomo seinen Tempel weihte, hörte man zum ersten Male in der Geschichte einen König beten, dass der Herr Alle erhören möge, die hier zu ihm kommen würden; die Fremdlinge wie die Stammesgenossen. Und in der Tat: die jüdische Religion ist gänzlich frei von jener Ausschließlichkeit, welche man ihr wegen der treuen Anhänglichkeit ihren Bekenner an die alten heiligen Gebräuche fälschlich zuschreibt; vielmehr umschließt sie als eine universelle Glaubenslehre Alle mit dem edlen Bande der Menschlichkeit, d. h. des gleichen Rechts und der gleichen Liebe, die beide zuerst auf dem Boden von Palästina erwuchsen. Die Seligkeit — so lehrt der viel geschmähte und wenig gekannte Talmud — ist kein Sonderrecht Israels, sondern das gemeinsame Heil der Guten und Frommen unter allen Völkern. Möge dieser Geist der unverfälschten Nächstenliebe auch in dem neuen Tempel der Gemeinde Bleicherode walten und im Laufe der Zeit alle jene Schranken beseitigen helfen, welche ohne wahren Rechtsgrund auch im bürgerlichen und gesellschaftlichen Leben noch den Menschen vom Menschen, den Bruder vom Bruder trennen!' Am Abend fand Bankett und Ball statt."   

  
Publikation der Einweihungsrede von Rabbiner Dr. David Leimdörfer (Nordhausen, 1882)       

Mitteilung in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 26. Dezember 1882: "Die Hochziele des Gotteshauses. Festrede zur Einweihung der neuen Synagoge zu Bleicherode am 1. Juni 1882 von Dr. David Leimdörfer, Rabbiner in Nordhausen (Selbstverlag.) Über die schöne Wirkung dieser Predigt wurde bereits an einer anderen Stelle dieser Zeitung berichtet. Die wärmste religiöse Begeisterung spricht sich in beredten Worten aus."      

       
Erinnerung an die Einweihung der Synagoge (1921)         
Anmerkung: Zitat aus einem Artikel über "Adolf Jellinik - Ein Säkular-Denkmal" von Rabbiner Dr. D. Leimdörfer (Hamburg). Über Rabbiner David Leimdörfer (1851-1922) siehe https://de.wikipedia.org/wiki/David_Leimdörfer. Rabbiner Leimdörfer war ab 1874 Rabbiner in Nordhausen, ab 1875 Landrabbiner im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt, bis er 1883 als Rabbiner an den Israelitischen Tempel in Hamburg wechselte. Adolf Jellinek war ein Lehrer von Rabbiner Leimdörfer.     

Aus einem Artikel in "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 18. Februar 1921: "So war es, als ich in Preußen die Synagoge zu Bleicherode mit dem Mathematiker Professor Heidenheim, Rabbiner in Sondershausen, dessen Pensionat Jellinek einige seiner Kinder zugeführt hatte, eingeweiht. Die gedruckte Weiherede 'Hochziele des Gotteshauses' widmete ich Jellinek. Dieser nahm sie beifällig auf, bemerkte jedoch zu. dem Datum der Gründung nach bürgerlicher Ära, daß es nicht statthast sei, aus einer jüdischen Kanzel ein christliches Datum anzugeben. Er, der liberal denkende Prediger, wandte sich einst gegen Oberrabbiner Fassel in Kanizsa, der eine Trauung am Fasttag 10. Tebet vollzog, mit dem Hinweis, dass es auch einen Schulchan Aruch der jüdischen Pietät gäbe, der ihm verbiete, an diesem Tage, an dem Selichot (Sühnegebete) verrichtet werden, die Stimmung der Freude zum Ausdruck zu bringen. Jellinek stellte das Universelle über das Partikulare und was die Gesamtheit bewegte oder betrübte, wie die Klage über die historische Tragödie Israels, höher als himmelhohes Jauchzen der einzelnen — daher die Polemik gegen Fassel anläßlich eines Bet- und Bußtages."      

        
Nur etwa 55 Jahre war die Synagoge in Bleicherode Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens in Bleicherode.     
  
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch SA Leute und andere Nationalsozialisten niedergebrannt. Das Synagogengrundstück kam zum Preis von zwei Reichsmark pro Quadratmeter in den Besitz der Stadt. Die Synagogenruine stand noch bis in die 1950er-Jahre und wurde dann abgebrochen (nach anderen Angaben wurde die Synagogenruine bereits vor Kriegsende beseitigt). Das Grundstück der Synagoge wurde zur Rasenfläche. 
  
1986 wurde am Standort der zerstörten Synagoge ein Gedenkstein aufgestellt mit der Inschrift: "Hier stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde Bleicherode. Sie wurde in der Pogromnacht am 9. November 1938 von Faschisten niedergebrannt. 1988 wurde eine Gedenktafel der Evangelischen Kirchengemeinde am an der evangelischen Kirche angebracht mit der Inschrift: "In unserer Stadt gab es eine Gemeinschaft unserer älteren Geschwister im Glauben an Gott - Die Jüdische Gemeinde Bleicherode. Ihre Synagoge wurde am 9. November 1938 niedergebrannt. Die Menschen wurden verächtlich gemacht, gemieden, vertrieben. Viele wurden umgebracht. Und wir haben geschwiegen. Herr, hilft, dass wir nicht wieder schweigen, wenn neben uns Menschen verächtlich gemacht oder gemieden werden. Amen. 1988 - Fünfzig Jahre danach." Am 6. November 2008 wurde ein neuer Gedenkstein für die Synagoge am Synagogenstandort aufgestellt, u.a. mit der Aufschrift "Wehret den Anfängen". 
 
Auf dem Synagogengrundstück befinden sich inzwischen neben dem Gedenkstein zwei Steine der ehemaligen Synagoge, die vor einigen Jahren am Unteren Feuerteich aufgefunden wurden. Ein dritter aufgefundener Stein ist Bestandteil der Ausstellung zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Bleicherode in der Alten Kanzlei.       
  
  
Adresse/Standort der Synagoge   Betraum vor 1882 im Haus Hauptstraße 131; Synagoge 1882-1938: Obergebraer Straße / Ecke Gartenstraße    
  
Hinweis: gegenüber dem Synagogengrundstück befindet sich in der Obergebraer Straße 15 ein früher in jüdischem Besitz befindliches Haus, das heute unter Denkmalschutz steht. 
  
  
  
Fotos     
(Quelle: Historisches Foto und neuere Innenaufnahmen der "Alten Kanzlei" aus der Website des Fördervereins: http://alte-kanzlei-bleicherode.de/; neuere Außenaufnahmen: Hahn, Aufnahmedatum 29.4.2011; Abbildungen der neuen Synagoge: Museum Bleicherode; Modell der Synagoge: Stadtarchiv Bleicherode; Fotos der Gedenkstätte: Hahn, Aufnahmedatum 29.4.2011).     

1725-1882: Alter Betsaal in der "Alten Kanzlei"

  
Historische Aufnahme  Bleicherode Alte Kanzlei 120.jpg (62735 Byte)  
  Historische Aufnahme
 der "Alten Kanzlei"  
 
Nach der Restaurierung    
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  Die "Alte Kanzlei" präsentiert sich nach Abschluss der Renovierung als historisches Juwel der Stadt
        
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In den Räumen der "Alten Kanzlei" befindet sich eine umfassende Dokumentation der jüdischen Geschichte in Bleicherode
      
Die Synagoge in Bleicherode
(1882-1938)
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  Links Ansicht von Westen mit dem Eingangsportal, rechts Ansicht von Süden.
     
Rechts: Abbildungen erhalten
von Eckhard Grunewald 
 
   Querschnitt der Synagoge mit Blick
zum Toraschrein (Architekt Edwin Oppler)
 Innenansicht der
Synagoge in Bleicherode
     
       Bleicherode Synagoge 180.jpg (68638 Byte)
    Historische Ansichtskarte mit Synagoge - gelaufen 1904  Modell der Synagoge in Bleicherode   
        
Gedenkstein und Steine der Synagoge        
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  Aufstellung des neuen Gedenksteines 
im Jahr 2008 (Quelle des Fotos: 
Stadt Bleicherode)
 Gedenkstein von 1988 mit zwei am unteren Feuerteich gefundenen 
Steinen der Synagoge  
   
        
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Gedenkstein von 1988  Hinweistafel zur Geschichte 
der Synagoge
  
    
Gegenüber des Synagogengrundstückes: ehemalige jüdische Fabrikantenvilla  
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Die Fotos zeigen die Villa der Bankierfamilie Frühberg    
     
Gedenken an der evangelischen Kirche   
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An der evangelischen Kirche in Stadtmitte erinnert seit 1988 eine Gedenktafel mit der Inschrift: "In unserer Stadt gab es eine Gemeinschaft unserer älteren Geschwister im Glauben an Gott. Die jüdische Gemeinde Bleicherode. Ihre Synagoge wurde am 9. November 1938 niedergebrannt. Die Menschen wurden verächtlich gemacht, gemieden, vertrieben. Viele wurden umgebracht und wir haben geschwiegen. Herr, hilf, dass wir nicht wieder schweigen, wenn neben uns Menschen verächtlich gemacht oder gemieden werden. Amen. 1988 - fünfzig Jahre danach".  
     

    
   
 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte       

November 2015: Gedenken an den Jahrestag des Novemberpogroms 1938      
Artikel von S. Winter in der "Nordhäuser Neuen Presse" vom 22. November 2015: "Erinnern. '… und wir haben geschwiegen'
Die Glocken läuteten zum Gedenken der Opfer des nationalsozialistischen Wahnsinns vor 77 Jahren. Auch hier in Bleicherode brannte eine Synagoge, wurden Mitbürger aufgrund ihres Glaubens verfolgt, gedemütigt, misshandelt und umgebracht...
Die Glocken mahnen, damit so etwas nie wieder geschehen möge. Viele Bürger sind sich sicher, dass die Ereignisse der Reichspogromnacht eindeutig zu den negativen und verurteilungswürdigen Seiten unserer Geschichte zählen. Deshalb gingen mehrere Bleicheröder nach einer Andacht in der St. Marien-Kirche zum Gedenkstein am Standort der niedergebrannten Synagoge, um nach entsprechenden Gedenkminuten den Weg zur 'Alten Kanzlei' einzuschlagen. Dort konnten alle Interessierten historische Fotografien vom stattlichen jüdischen Gebetshaus in den Räumen betrachten, wo vor dem Bau der Synagoge der Gebetsraum der jüdischen Gemeinde beherbergt war. Heute wollen wir nicht mehr schweigen zu den Angriffen gegen Opfer fremder Regime, die Zuflucht bei uns suchen. Alle Probleme lassen sich hier und heute auf vernünftigem Weg lösen, wenn der entsprechende Wille dazu vorhanden ist. Lasst uns denselben Fehler wie unsere Vorfahren nicht wiederholen. Die Glocken können wecken, handeln müssen wir!
S. Winter "  
Link zum Artikel  
 
März 2024: Ein Modell der früheren Synagoge wird erstellt   
Artikel von Angelo Glashagel in Nordthüringen.de vom 15. März 2024: "Wiederauferstehung für die Bleicheröder Synagoge - Es war einmal ein Gotteshaus.
Auch im kleinen Bleicherode blühte einst das jüdische Leben inmitten der Gesellschaft. Ende des 19. Jahrhunderts lassen sich die Bleicheröder Juden eine prächtige Synagoge bauen. Gute 40 Jahre prägt sie das Ortsbild, ehe sie in der Pogromnacht angezündet und dem Erdboden gleich gemacht wird. Der Tempel soll nun im Modell wieder auferstehen...

Wenn man sich die wenigen verbliebenen Bilder der Bleicheröder Synagoge ansieht, könnte man der Meinung sein, auf ein Jahrhunderte altes Gebäude zu blicken - wuchtig sind die Türme, die Form gedrungen und kraftvoll. Tatsächlich wurde das Gotteshaus erst 1882 eröffnet und bewusst im Stile von Neogotik und Neoromanik gebaut. Über 140 Jahre wäre immer noch ein ansehnliches Alter, wenn der Tempel denn noch stehen würde. Wie auch im benachbarten Nordhausen wurde die Synagoge der Bleicheröder in der Pogromnacht 1938 von den Nationalsozialisten angezündet und brannte aus. Die Beseitigung der Trümmer muss die Gemeinde mit dem Verkauf des Grundstücks an die Stadt Bleicherode selber zahlen.
Juden gibt es in Bleicherode heute keine mehr. Was geblieben ist, sind die Erinnerungen der Alten, erzählt Kai Hartmann, die eigene Mutter habe noch in den Trümmern gespielt aber spätestens in seiner Generation sei die Existenz des Hauses und der Bleicheröder Juden, von dem 1988 eingeweihten Gedenkstein einmal abgesehen, kaum mehr präsent. Hartmann ist Holzbildhauer und wurde jüngst damit beauftragt, die alte Synagoge im Modell wieder auferstehen zu lassen. Keine alltägliche Arbeit für den Künstler, die akkurate Darstellung des Baus in seinen Details bringt ungewohnte Herausforderungen mit sich. Und sie fördert auch Details zu Tage, die ein neues Licht auf die alte Gemeinde und ihr Leben werfen, weiß Dr. Marie-Luis Zahradnik zu berichten.
Die jüdische Gemeinde in Bleicherode formt sich im Laufe des 16. Jahrhunderts, man hat es nicht weit, viele kommen aus Obergebra und Sollstedt in die aufstrebende Stadt. Im 19. Jahrhundert steigt die Zahl der Mitglieder auf über 160 Personen und im traditionellen Betraum in der Alten Kanzlei, kaum größer als Hartmanns Holzwerkstatt heute, wird es eng. Man hatte Fuß gefasst, schon 1728 wird am Vogelberg ein Friedhof eingerichtet, nun wird der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus immer größer. 'Das Anwachsen der Gemeinde machte seit längerer Zeit den Bau einer größeren Synagoge zum dringenden Bedürfnis. Der Wunsch jedoch, daß das neue Gotteshaus ein monumentaler und auch im Inneren in würdiger Weise ausgestatteter Bau werde', resümierte Michaelis Herzfeld, Bleicheröder Fabrikant und einer der führenden Köpfen der neuzeitlichen Gemeinde, anlässlich der Grundsteinlegung 1880.
Für den Bau kann man Edwin Oppler gewinnen, ein Stararchitekt seiner Zeit, erfahren auch im Bau jüdischer Tempel. Unter anderem deswegen nahm man lange an, die Bleicheröder Synagoge habe die gleichen Maße besessen wie ihr Schwesterbau in Hameln, berichtet Historikerin Zahradnik, beim genaueren hinsehen habe man aber einige Unterschiede erkannt. 'Die jüdische Gemeinde war trotz aller Wünsche nicht finanzstark genug, um den Bau aus Hameln kopieren zu können, man musste schon aufgrund der örtlichen Gegebenheiten neu und anders planen und das ging ins Geld. Interessant ist, wo gespart wurde. Statt den Bau an sich größer zu gestalten und sich dafür bei den Türmen etwas zurückzunehmen tat man genau das Gegenteil - die Türme sollten größer werden. Statt sieben Eingangsstufen gibt es hier nur drei, da spart man auch ein Geländer. Ähnliches passiert im Innenraum, Funktionalität bekommt Vorrang vor Schmuck'.
Gerade die Gestaltung des Innenraums gibt den Experten Einblicke in das Selbstverständnis der Gemeinde. Die überlieferte Orthodoxie hatten ihren Platz - Männer und Frauen etwa mussten getrennt voneinander sitzen, die Damen gelangten über Eingänge an den Türmen auf ihre Empore, die Herren nahmen unten Platz - aber in zentralen Elementen ging man neue Wege, die zum Teil an den evangelischen Ansatz der christlichen Nachbarn erinnerten. Das Allerheiligste findet sich im Bleicheröder Tempel nicht wie üblich in der Mitte des Raumes, Lesetisch, Kanzel und Toraschrein sind gemeinsam am Kopfende angeordnet. Der Fokus der Gemeinde habe weniger auf dem fernen und für viele nahezu unerreichbaren Jerusalem gelegen, sondern auf sich selbst und dem eigenen, geistigem Zentrum, erläutert Dr. Zahradnik, neues Denken, das in den europäischen Gemeinden des 19. Jahrhunderts noch nicht weit verbreitet ist. 'Der Bau einer Synagoge war von enormer Bedeutung für eine Gemeinde, den so ein Tempel hat nicht nur eine religiöse Funktion, wo eine Synagoge ist, da ist meist auch eine Schule und damit Lehre und Bildung.'
Der Bildung soll nun auch der Modellbau dienen. Die Synagoge en miniature ist mobil und wird nicht hinter den allzu oft verschlossenen Türen der Alten Kanzlei verschwinden, versprechen die Organisatoren des Projektes vom Verein 'Gegen Vergessen - Für Demokratie'. Vielmehr will man das kleine Gotteshaus in Bleicherode auf Reise schicken. Anlässlich der Jüdisch-Israelischen Kulturtage wird das fertige Modell erstmals am 24. März um 14 Uhr im Kulturhaus enthüllt, danach wird man das Holzkunstwerk auch in der St. Marien-Kirche und auf Wunsch auch in den Bleicheröder Schulen bestaunen und nutzen können.
Das nötige Kleingeld hat der Verein über das Bundesprogramm 'Demokratie Leben!' aufgebracht, neben dem Modell wird es dank der Unterstützung auch eine bebilderte Broschüre geben, welche die Forschungs- und Rechercheergebnisse zusammenfasst. Bevor das fertige Werk aber der Öffentlichkeit übergeben wird, fehlt noch ein kleines Finish: eine sogenannte 'Mesusa'. 'In dem Modell wird eine Erinnerung an das Projekt und seine Mitwirkenden eingefügt und 'versteckt'. Es ist nicht nur Brauchtum eines 'Bauherren' eine Erinnerungskapsel zur Grundsteinlegung zu setzen, sondern auch im Judentum gibt es diesen Brauch und der heißt 'Geniza', auf deutsch bedeutet das 'Lager' oder 'Versteck'. Eine 'Mesusa' ist eine kleine Kapsel, die z. B. an jüdischen Häusern angebracht wird, um Glück und Frieden zu erhalten, dies trifft auch für jeden zu, der daran vorbei geht und diese 'Kapsel' berührt. Das soll unser 'Geniza' werden, besonders in der Hoffnung, dass es dem Modell und seinem zukünftigen Betrachtenden Glück und Frieden bringe.', sagt Dr. Zahradnik. In dem kleinem Behältnis wird ein Zettel mit Unterschriften der Mitwirkenden aufbewahrt. Auf dem Zettel steht zudem ein entlehnter jüdischer Segenswunsch: 'Wir wünschen dem Modell und seiner Zukunft ein gutes Licht, in dem viele Menschen zu Hause sind, und das nicht müde wird, Liebe zu üben und Schuld zu verzeihen.'"
Link zum Artikel    
 
Mai 2024: Initiative zur Neugestaltung des Synagogengrundstückes bis spätestens 2028  
Artikel in der "Nordhäuser Neuen Presse" vom 21. Mai 2024: "SYNAGOGENGRUNDSTÜCK IN BLEICHERODE. Ein Gedenkort im Wandel der Zeit
Dr. Marie-Luis Zahradnik leitet ein Projekt in Bleicherode, das darauf abzielt, das ehemalige Synagogengrundstück neu zu gestalten und die Erinnerung an dessen jüdische Geschichte zu beleben.

Dieses Vorhaben, unterstützt von lokalen Partnern und der Hochschule Nordhausen, verbindet moderne Gedenkkultur mit Bürgerwissenschaft, um das Andenken an die zerstörte Synagoge lebendig zu halten. Viele Juden siedelten sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts im wirtschaftlich aufstrebenden Bleicherode an. Um 1880, zur Zeit des Baubeginns der Synagoge, zählte die stetig wachsende jüdische Gemeinde 169 Mitglieder. Der Architekt und Königliche Baurat Edwin Oppler aus Hannover, der eine ähnliche Synagoge bereits in Hameln hatte erbauen lassen, wurde für das Bauvorhaben engagiert. Die Gemeinde wollte aber vom Hamelner Modell abweichen, da dieses für sie zu teuer war. So wurde die Synagoge etwas kürzer mit weniger Material und in der Innengestaltung schlichter gebaut. Nach nur zwei Jahren Bauzeit wurde die neue Synagoge am 1. Juni 1882 mit einem großen Programm eingeweiht. Ihre Größe und Baulichkeit prägte das Stadtbild mit und zeigte, dass das jüdische Leben seinen religiösen und kulturellen Platz hatte. In Folge der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 wurde der in Teilen von Politik und Gesellschaft zuvor schon vorhandene Antisemitismus systematisch und mit Brutalität und Gewalt vorangetrieben. In der 'Reichskristallnacht' fiel auch die Bleicheröder Synagoge einem Brandanschlag zum Opfer, sodass sie als Ort jüdischen Glaubens aus dem Stadtbild Bleicherodes für immer verschwand. Im Gedenken an die Zerstörung der Synagoge im nationalsozialistischen Terror wurde 1988 ein Gedenkstein an den Ort gesetzt. Dieser wurde 2005 durch einen neuen ersetzt. Jährlich wird am 9. November an die Opfer der Pogromnacht von 1938 erinnert. Zu diesem Anlass wird der Gedenkort zum Mittelpunkt der Andacht und des Trauermarschs mit Teilnehmenden aus Politik und Gesellschaft gemacht. Mit dem Setzen des Gedenksteins mit neuer zeitgemäßer Inschrift signalisierte die Stadt, dass ihr Bewusstsein für die Historie reflektiert und sich kritisch mit ihr auseinandersetzt. Dem schließt sich nun das Vorhaben der Partner Stadt Bleicherode, Wohnungsbaugenossenschaft eG Südharz (WBG) und Hochschule Nordhausen an. Den Impuls dafür gaben konstruktive Gespräche zwischen Forschung, Einwohnern, evangelischer Kirche und der Stadt Bleicherode. Beflügelt wurde dies durch die neuen Erkenntnisse aus der Forschung zur Geschichte und zum Bau der Synagoge, die bereits am 24. März 2024 in einem eintägigen und gut besuchten Programm in Bleicherode vorgestellt wurden. Mit der Forschung zur einstigen Synagoge in Bleicherode ergab sich auch ein Fund vor Ort. Dieses soll nun in würdiger Gestaltung wieder sichtbar gemacht werden, denn es ist im Moment das einzig sichtbare Zeugnis des jüdischen Gotteshauses, das das Grundstück als ein Synagogengrundstück historisch aufwertet und eine neue Aufmerksamkeit dem historischen Ort zukommen lässt. In Anbetracht dessen besteht die Überlegung, das Grundstück auf weitere Überreste näher zu untersuchen, diese gegebenenfalls sichtbar zu machen und dem Areal ein neues Gesicht zu geben, welches auf die kommunale und zugleich jüdische Gedenk- und Erinnerungskultur Rücksicht nimmt. Die neue Gestaltung des Areals für ein zeitgemäßes Gedenken kann mit einem Citizen Science-Projekt verknüpft werden, um mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen den Platz mit neuen Elementen aufzubauen. Eine Zusammenarbeit mit Handwerkern vor Ort und Kirchen ist dabei unterstützend. Das Vorhaben wird durch unterschiedliche Hilfen mitgetragen: Die Hochschule Nordhausen beabsichtigt, sich um die Akquise von Drittmitteln für dieses Projekt zu bemühen und ein Netzwerk mit den verschiedenen Institutionen aufzubauen. Initiatorin, Verantwortliche und Ansprechpartnerin für dieses Projekt ist Dr. Marie-Luis Zahradnik. Die Partnerin und Eigentümerin des Grundstückes, die Wohnungsbaugenossenschaft (WBG Südharz) unterstützt die abgestimmten Schritte und sieht dabei auch die Einwohnerinnen und Einwohner, die den Gedenkort mitgestalten, pflegen und weiterhin begehen können. Die Stadt Bleicherode ist Partnerin und Mentorin zwischen dem Vorhaben und den Einwohnern, denn der stetige Austausch und die Abstimmung mit allen Beteiligen sind für das Gelingen und Mittragen des Vorhabens und dessen Ergebnis maßgeblich. Ein Wunsch aller Mitwirkenden ist, das Vorhaben mit dem 90-jährigen Gedenken an die Zerstörung der Synagoge der Öffentlichkeit präsentieren zu können und einen Impuls zu setzen, das Erinnern und Gedenken nicht verblassen zu lassen, sondern dem Wandel der Zeit anzupassen, damit die Vergangenheit nah am Menschen dranbleibt."  
Link zum Artikel   

         

     
Links und Literatur

Links:   

bulletWebsite der Stadt Bleicherode  
bulletZur Seite über den jüdischen Friedhof in Bleicherode (interner Link)     
bullet

Website "Neun Jahrhunderte Jüdisches Leben in Thüringen" zu Bleicherode https://www.juedisches-leben-thueringen.de/pogrome-1938/bleicherode    

Literatur:  

bulletGermania Judaica III,1 S. 132. 
bulletIsrael Schwierz: Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation - erstellt unter Mitarbeit von Johannes Mötsch. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (www.lzt.thueringen.de) 2007. Zum Download der Dokumentation (interner Link). Zu Bleicherode S. 78-84.  
bulletZeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Berlin 1992. S. 261-262.  
bulletHans-Peter Schwarz (Hrsg.): Die Architektur der Synagoge. Frankfurt / Stuttgart 1988 S. 248-250.  
bulletHeimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Band 8 Thüringen. Frankfurt 2003. S. 180-181. 
bulletPeter Kuhlbrodt: Verzeichnis der Nordhäuser jüdischen Familien zur Zeit des Neuanfanges im Jahre 1808, 1922 und 1829. Beitrag von 2006 - online zugänglich. Hierin findet sich eine Zusammenstellung der in Bleicherode 1808 lebenden jüdischen Familien.  

           
            


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Bleicherode  Saxony. Jews were living in Bleicherode in 290. The community was spared the Black Death persecutions of 1348-49, but in 1593 all the Jews were expelled from the city. A new Jewish settlement started around 1700, numbering 177 individuals in 1746. The community maintained a cemetery (1728) and a synagogue (1882). The Jews played an important role in the weaving industry and several Jews were elected members of the city council. When the Nazis came to power in 1933, the community numbered about 100, but soon many, the affluent Jews in particular, moved away, following the extensive 'Aryanization' of the larger Jewish businesses. Hans Beyth (1901-1947), a native of Bleicherode, was among the main organizers of Youth Aliya from Germany. In 1937, 77 Jews (29 families) were still living in the town. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was destroyed, the cemetery was desecrated. By 1939, 18 families and nine individuals had emigrated. The remaining 11 Jewish families were deported to the east, one person committing suicide beforehand. One Jew survived because of his non-Jewish wife. 
      
       

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge    

    

 

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Stand: 31. Januar 2026