Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Ilmenau (Ilm-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte     
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Ilmenau bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. 
  
Doch lebten bereits in früheren Jahrhunderten Juden in der Stadt. Nach einer allerdings sehr unsicheren Angabe werden 1428 Juden in der Stadt genannt. Da Ilmenau seit dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts Stadtrechte hatte, ist eine zumindest vorübergehende Ansiedlung jüdischer Personen noch im Mittelalter durchaus wahrscheinlich.   
    
Im 16. Jahrhundert werden zwischen 1508 und 1565 mehrfach jüdische Einwohner genannt (1508 wird namentlich Jud Jarow erwähnt). 1555 wurden die Schutzbriefe der in der Grafschaft Henneberg lebenden Juden nicht mehr verlängert, was zu ihrer Ausweisung bis 1566 führte. 
Vermutlich an die jüdische Ansiedlung des 16. Jahrhunderts erinnerte noch lange das "Judentor", von dem aus die noch im 19. Jahrhundert sogenannte "Jüdengasse" (seit 1860 "Bergstraße", später "Weimarer Straße") zum Markt führte.               
     
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1880 8 jüdische Gemeindeglieder (bzw. Familien), 1895 52 jüdische Einwohner, 1900 50, 1910 82. Zur jüdischen Gemeinde in Ilmenau gehörten auch die wenigen in Elgersburg lebenden jüdischen Personen. Die in Ilmenau zugezogenen jüdischen Familien eröffneten alsbald einige Läden und Handlungen. Unter den ersten waren Jacob Cohn aus Wollstein, der 1874 ein Leinen-, Weißwaren-, Manufaktur- und Wäschegeschäft führte sowie Gustav Josman Grünthal, der spätestens seit 1879 Uhrmacher in Ilmenau war und und mit Gold- und Silberwaren handelte. 1906/07 entstand das bekannte Kaufhaus Eichenbronner. Mehrere jüdische Viehhandlungen gab es in der Stadt (1884 bereits vier Viehhändler: Moses Mannheimer, Moses Kaiser, Moses Hartmann und Seligmann Gutmann).        
  
An Einrichtungen bestanden seit 1891 eine Synagoge (Betsaal, s.u.) sowie eine jüdische Schule (Religionsschule der Gemeinde). Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war in der Zeit des 19./20. Jahrhunderts kein eigener Lehrer angestellt. Vielmehr kam regelmäßig ein auswärtiger Lehrer in die Gemeinde (s.u.). Die jüdische Gemeinde, die sich selbst "Jüdische Religionsvereinigung e.V." nannte, gehörte zum Landesrabbinat Sachsen-Weimer-Eisenach mit Sitz in Eisenach. Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Plaue beigesetzt.   
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Iwan Cohn (geb. 9. Oktober 1893 in Ilmenau, gefallen 16. März 1915); sein Name steht auf einem Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges im städtischen Friedhof Ilmenau. Weiter sind aus der jüdischen Gemeinde Ilmenau gefallen: Julius Gutmann (geb. 1878 in Uffenheim, gefallen 31.8.1918) und Louis Grünthal (geb. 1887 in Ilmenau, gefallen 3.6.1918).  
 
Um 1924, als zur Gemeinde 68 Personen gehörten (0,4 % von etwa 14.000 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Siegmund Eichenbronner, Max Gabbe und Samuel Gronner. Als Kantor und Schochet kam regelmäßig Lehrer Abraham Heilbrunn aus Arnstadt nach Ilmenau; zum Unterricht der damals fünf jüdischen Kinder kam Lehrer Jungmann aus Gotha wöchentlich in die Gemeinde. 1932 waren Gemeindevorsteher weiterhin Siegmund Eichenbronner (1. Vors., wohnt Poststraße 12), Max Gabbe (2. Vors., wohnt Moltkestraße) und Samuel Gronner (Schatzmeister, wohnt Moltkestraße 3). Zur Repräsentanz gehörten 18 Mitglieder. Als Lehrer und Schochet wird weiterhin Lehrer Heilbrunn aus Arnstadt genannt; vermutlich hat er nun auch den Religionsunterricht der im Schuljahr 1931/32 noch vier jüdischen Kinder der Gemeinde übernommen.        
 
1933 lebten noch etwa 90 jüdische Personen in Ilmenau.
In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (etwa 60 der jüdischen Einwohner konnten emigrieren, insbesondere nach Südamerika und in die USA). Beim Novemberpogrom 1938 wurde der Betsaal geschändet und geplündert (s.u.), sechs jüdische Männer wurden verhaftet, zwei von ihnen in das KZ Buchenwald verschleppt. Die Deportationen 1942/44 zerstörten vollends das jüdische Leben in der Stadt: mehrere der jüdischen Einwohner wurden am 10. Mai 1942 über Weimar und Leipzig ins Ghetto Belzyce (bei Lublin) verschleppt und sind umgekommen; drei kamen am 20. September 1942 in das Ghetto Theresienstadt; die letzten beiden jüdischen Einwohnerinnen (Clara Steinmetz und Marie Naumann) wurden im Herbst 1944 deportiert: Clara Steinmetz kam in das Ghetto Theresienstadt, Marie Naumann direkt nach Auschwitz. Andere frühere jüdische Einwohner Ilmenaus wurden von anderen Städten aus deportiert.     
  
Von den in Ilmenau geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Erna Altgenug (1891), Flora Eichenbronner geb. Lichtmann (1906), Gisela Eichenbronner (1932), Mathilde Eichenbronner geb. Ortenberger (1874), Mathilde Eichenbronner geb. Wesermann (1876), Stefan Eichenbronner (1900), Walter Eichenbronner (1902), Sally Gabbe (1874), Reinhart Griesbach (1887), Helene Gronner geb. Sandler (1887), Samuel Gronner (1885), Lina Grünthal (1883), Artur Israel (1887), Herta Israel geb. Lewin (1881), Walter Israel (1897), Beatrice Kahn geb. Freudenthal (1896), Joseph Kasel (1881), Johanne Löb geb. Ullmann (), Herbert Münz (1925), Jakob Münz (1888), Johanna Münz geb. Hamberg (1897), Marie Naumann geb. Eichenbronner (1901), Asta Ortenberger (1901), Erich Ortenberger (1898), Jenny Ortenberger geb. Frank (1877), Sidonie Sternberg geb. Grünstein (1898).  
   
Am Wohnhaus der jüdischen Familie Gronner in der Friedrich-Hofmann-Straße 7 befindet sich seit Juli 1993 eine von dem in den USA lebenden John Gronner zur Erinnerung an seine Eltern angebrachte Gedenktafel mit der Inschrift: "Dieses Geschäftsgebäude wurde im Jahre 1929 von Samuel und Helene Gronner an der Stelle des ehemaligen Pfarramtes Ilmenau erbaut. Das nationalsozialistische Gewaltregime deportierte beide am 5. Mai 1942 nach dem Osten in den sicheren Tod. Diese Tafel dient ihrer Erinnerung und als stete Mahnung an kommende Geschlechter zur menschlichen und gegenseitigen Toleranz. Datum der Weihung Juli 1993."    
   
In der Stadt erinnern (Stand Mai 2010) inzwischen 21 "Stolpersteine" an das Schicksal von (überwiegend jüdischen) Menschen, die in der NS-Zeit umgekommen sind. 
   
    

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Anzeige des Kaufhauses B.W. Kirstein (1900)   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. November 1900: "Lehrling. Sohn achtbarer Eltern mit absolut guter Schulbildung, groß und kräftig, kann unter sehr günstiger Bedingung per April 1901 oder früher, in mein Manufaktur-, Modewaren-, Herren- und Knaben-Konfektionsgeschäft in die Lehre treten, nur selbstverschriebene Offerten werden berücksichtigt. 
B.W. Kirstein, Ilmenau in Thüringen. Größtes Geschäftshaus am Platze."   

   

       

      
Zur Geschichte der Synagoge

Bereits im 15. Jahrhundert bestand möglicherweise eine Synagoge, die 1492 von Schwarzburger Soldaten zerstört worden sein soll. Doch ist dies Angabe mehrfach angezweifelt worden.   
 
Ob es im 16. Jahrhundert einen Betraum gab, ist nicht bekannt. 
   
Erst Ende des 19. Jahrhunderts gab es wieder einen jüdischen Betraum (Synagoge) in Ilmenau. 1894 richteten die jüdischen Familien einen solchen im Hintergebäude des Wohnhauses Burggasse 4 ein; die Einweihung des Betsaales war am 30. September 1894. In diesem Betraum gab es für etwa 40 bis 50 Personen Plätze. Der Betsaal bestand aus früheren zwei Zimmern, zwischen denen die Trennwand beseitigt war. Es gab im Toraschrein zwei Torarollen.  

Über 44 Jahre war in der Burgstraße 4 das Zentrum des jüdischen Gemeindelebens der Stadt. 
  
Beim Novemberpogrom 1938 wurde der Betsaal geschändet und geplündert. Die Inneneinrichtung und die Ritualien - Torarollen, Gebetsmäntel usw. -  wurden auf dem Marktplatz öffentlich verbrannt. Der Betsaal wurde wenig später als Wohnraum verwendet. 
  
Das Gebäude des ehemaligen Betsaales wurde auch nach 1945 als Wohngebäude benutzt und um 1987/88 wegen Baufälligkeit abgebrochen.   
    
   
  
Adresse/Standort der Synagoge         Burggasse 4 (bzw. Hintergebäude mit der Nr. 4a)    

Fotos
(Quelle: J. Rauprich s. Lit. S. 206)  

Gebäude des Betsaales 
- Vordergebäude
Ilmenau Synagoge 121.jpg (60043 Byte) Ilmenau Synagoge 120.jpg (67395 Byte)
Das Gebäude Burggasse 4, in dessen Hintergebäude sich von 1894 bis zum Novemberpogrom 1938 der Betsaal der jüdischen Gemeinde befand. 

   
    

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   

Mai 2010: Verlegung von drei weiteren "Stolpersteinen" in der Stadt   
Ilmenau PA 31052010.jpg (24933 Byte)Foto links von Ingo Herzog: Musikalisch wurde Gunter Demnig bei der Arbeit von Schülern der Zink-Schule begleitet.   
Artikel von Gerd Schmidl in der "Thüringer Allgemeinen" vom 31. Mai 2010 (Artikel): 
"Drei weitere Stolpersteine in Ilmenau gesetzt.  
Seit Samstag sind es 21 Stolpersteine, die in Ilmenau an von den Nazis vertriebene, gequälte und ermordete Menschen erinnern. Die vorerst letzten sind den Brüdern Karl und Walter Zink sowie Wilhelm Völkopf gewidmet. 
Ilmenau.
In der Pfortenstraße 21 wohnte einst die Familie Zink. Die Fassade des Hauses ist neu, das Pflaster davor alt und geflickt. Die beiden messingfarbenen Stolpersteine fallen dadurch besonders auf. 
Mehr als 70 Leute hatten sich am Samstag eingefunden, um die Verlegung des 19. und 20. Ilmenauer Stolpersteins mitzuerleben. Honoratioren der Stadt und des Ilmkreises, interessierte Bürger und wie Hannelore Nastoll - eine Initiatorin der Aktion in Ilmenau - betonte, erstmals auch Zeitzeugen. Der Alterskontrast dazu - acht- und neunjährige Schüler aus der nach dem hingerichteten Widerstandskämpfer Karl Zink benannten Grundschule. 
Gunter Demnig, Kölner Künstler und Vater der mittlerweile europaweiten Aktion, der unter anderem dafür mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde, war zum dritten Mal in Ilmenau. Für ihn trotz der mittlerweile über 25 000 verlegten Stolpersteine immer noch ein Zwiespalt. Freude über einen Stein, der eigentlich Trauer zum Anlass hat? Letztlich doch, weil es ein Bekenntnis zur Aufarbeitung deutscher Geschichte ist. Abstraktes, Unvorstellbares werde in Einzelschicksalen konkret. Prägnant machte er dies an Beispielen deutlich. Der jüdische Junge, der als Zwölfjähriger nach England ausreisen konnte und an die Stolpersteine für Eltern und Großeltern zurückkehrte. Für ihn seien es Schlusssteine, er konnte nun nach Hause fahren aber auch in seine Geburtsstadt zurückkehren. Die beste Definition der Stolpersteine, so Demnig, habe er von einem Hauptschüler erfahren. Es seien keine Steine, über die man falle, sondern man stolpere mit Herz und Hirn. Genugtuung für ihn, da ihn viele vor einem angeblichen Sättigungseffekt bei der Jugend gewarnt hätten. Dem sei nicht so, er habe anderes erlebt. 
Von der Zinkstraße ging es in die Burggasse. Hier lebte der Klempner und Bibelforscher Wilhelm Völkopf. Für ihn der verhaftet und im Gefängnis psychisch erkrankte wurde der 21. Ilmenauer Stolperstein gesetzt. Der vorerst letzte. 
Aber Oberbürgermeister Gerd-Michael Seeber, der die Teilnehmer der Veranstaltung anschließend in den Rathaussaal einlud, betonte die Wichtigkeit der Aufarbeitung dieses düstersten Kapitels deutscher Geschichte. Er Dankte Gunter Demnig und bat ihn sich in das Ehrenbuch der Stadt einzutragen. Auf ihn könne man auch künftig rechnen, hatte Demnig bereits vorab kund getan - auch wenn sein Kreuz mitunter schmerze."    
 
 


Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Ilmenau  

Literatur:  

Israel Schwierz: Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation - erstellt unter Mitarbeit von Johannes Mötsch. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen ( www.lzt.thueringen.de) 2007. Zum Download der Dokumentation (interner Link).  Zu Ilmenau S. 161-162.  
Gerlinde Hoefert: Spurensuche - Fragmentarisches zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Ilmenau. In: Ilmenau - Beiträge zur Geschichte eines Stadt. Hg. Stadt Ilmenau (Bearb. Silke Leisner). Ilmenau/Hildburghausen 1995 S. 139ff.  
Ausführliche Darstellung: Juliane Rauprich: Erinnerungen an die Juden der Stadt Ilmenau. In: Hans Nothnagel (Hg.). Juden in Südthüringen - geschützt und gejagt. Band 6: Über jüdisches Leben im mittleren Werra- und Rennsteiggebiet. Suhl 1999 s. 194-228.  

         


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Ilmenau Thuringia. Jews probably lived there from the 14th century to 1566. There is evidence of Jewish settlement during the 17th and 18th centuries, but a permanent community only developed in the 19th century. The Jewish population was 54 in 1910 and 80 in 1932. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was vandalized. Six Jews were arrested and two were deported to the Buchenwald concentration camp. No forther information is available about the fate of the other Jews in Ilmenau. 
  

  

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 01. Juni 2010