Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Weimar (Kreisstadt)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Allgemeine Gemeindebeschreibung (1877)   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben und allgemeine Berichte   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Zur Geschichte des Betraumes   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Weimar lebten Juden bereits im Mittelalter. Erstmals werden jüdische Bewohner Anfang des 14. Jahrhunderts genannt. In den Jahren nach 1323 lebte eine jüdische Frau Guta aus Weimar in Erfurt. Unter den Würzburger Juden, die 1327 Erzbischof Mathias von Mainz eine größere Summe liehen, wird Abraham von Weimar genannt. Dieser war Hausbesitzer in Würzburg. 1338 werden Moses von Weimar und sein Sohn Joseph in Eckartsberga genannt. Von der Judenverfolgung in der Pestzeit 1348/49 waren vermutlich auch die Juden Weimars betroffen. Danach wird nach einer allerdings unsicheren Quelle erst 1379 wieder ein Weimarer Jude genannt. Eine sichere Erwähnung liegt von 1390 vor. 1418 gab es in der Stadt acht erwachsene erwerbstätige Juden (sechs Männer, zwei Frauen in sechs Familien). Sie lebten vom Geldhandel. Auch ein Rabbiner Isag mit einem Schüler wird in der Stadt genannt. Juden aus Weimar lassen sich auch in anderen Orten nachweisen (u.a. in Erfurt 1393 und 1398, in Hildesheim 1395). Über eine Vertreibung der Weimarer Juden am Ende des Mittelalters ist nichts bekannt.
  
Nach 1529 lebte in der Stadt der im Dienst des Kurfürsten von Sachsen stehende Arzt Moses Staffelsteiner (gest. vermutlich 1554).           
  
Eine neue Gemeinde bildete sich in Weimar erst wieder im 19. Jahrhundert. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. 1770 ernannte Herzogin Anna Amalia den Juden Jacob Elkan (aus Schwanfeld, 1742-1805) zum Hofjuden im Fürstentum Weimar. Ihm folgten in den kommenden Jahren weitere jüdische Personen / Familien nach, sodass 1789 drei jüdische Familien in Weimar lebten: die des Jacob Elkan, des Jacob Löser und des Gabriel Ulmann. Gabriel Ulmann (1743-1816) belieferte als "Großherzoglicher Hofcommisai und Banquier" zusamen mit Jacob Elkan und dessen SChwager Jacob Löser (1753-1818) die herzliche Münze in Eisenach mit Silber. Auch Jacob Elkans Sohn, Israel Julius Elkan war als Bankier für den Weimarer Hof tätig, darunter auch für Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe. Das "Bankhaus Julius Elkan" bestand bis 1905 und wurde danach von der "Magdeburger Privatbank" übernommen (siehe Pressebericht unten).      

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner in Weimar wie folgt: Anfang des 19. Jahrhunderts drei jüdische Familien, 1818 36 jüdische Einwohner, 1843 30, 1878 22 jüdische Familien, 1880 80 jüdische Einwohner, 1895 84, 1905 etwa 100. Unter den Weimarer jüdischen Einwohnern gab es einige Personen, die im kulturellen Leben der Stadt eine besondere Rolle spielten (als Kapellmeister, Hofopernsänger, Hofschauspielerin). Es gab auch jüdische Ärzte und Juristen, Fabrikanten und - wie zu Familie Elkan genannt - Bankiers.   

An Einrichtungen bestand einige Zeit ein Betraum (s.u.), zeitweise (jedoch erst in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg) eine Religionsschule sowie ein überwiegend privat genutzter jüdischer Friedhof (Privatfriedhof von Jacob Elkans Familie, unmittelbar daneben Privatfriedhof von Gabriel Ulmanns Familie). Zur Besorgung religiöser Aufgaben der jüdischen Familien war zu keiner Zeit im 19./20. Jahrhundert ein Lehrer angestellt. Aus dem Bericht von 1877 (siehe unten) ist allerdings zu entnehmen, dass damals die jüdischen Kinder der Gemeinde vor ihrer "Konfirmation" (Bar Mizwa, Bat Mizwa) Unterricht durch einen auswärtigen jüdischen Lehrer erhielten. Die jüdische Gemeinschaft der Stadt gehörte zum Landesrabbinat Sachsen-Weimar-Eisenbach mit Sitz in Stadtlengsfeld, ab 1912 in Eisenach
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde: Offz.St. Hans Salomon (geb. 25.3.1893 in Dessau, gest. an der Kriegsverletzung am 5.6.1919). Außerdem ist gefallen: Unteroffizier Erich Michelsohn (geb. 17.2.1897 in Weimar, vor 1914 in Hannover wohnhaft, gef. 9.5.1915).                  
  
Um 1924, als zur Gemeinde (gemeint der 1903 gegründete "Jüdische Religions-Verein", dem jedoch nur ein Teil der jüdischen Einwohner der Stadt angehörte; die Bildung einer autonomen Synagogengemeinde in Weimar scheiterte mehrfach) etwa 25 Personen gehörten, war Gemeindevorsteher S. Kauffmann (Schillerstraße 2). Insgesamt lebten 1925 etwa 105 jüdische Personen in der Stadt. 
   
Bis Anfang der 1930er-Jahre gab es mehrere kleine jüdische Geschäfte im Handels- und Dienstleistungsbereich, dazu gab es ein Kaufhaus von "Bermann Tiertz" am Markt sowie von "Sachs & Berlowitz" in der Schillerstrasse.  
  
1933 lebten 91 jüdische Personen in der Stadt.
In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Der Opernsänger Emil Fischer erhielt am Deutschen Nationaltheater Auftrittsverbot. Drei Künstler und eine Lehrerin wurden wegen ihrer jüdischen Herkunft entlassen. 1935 wurden an den Zufahrtsstraßen und an Hotels der Stadt Schilder mit der Aufschrift "Juden nicht erwünscht" angebracht. Schon vor 1938 wurden fast alle jüdischen Geschäfte und Gewerbebetriebe gezwungenermaßen aufgegeben, darunter das Kaufhaus Sachs & Berlowitz. Das letzte jüdische Geschäft (Schreibwaren- und Puppenladen Hetemann in der Teichgasse) wurde beim Novemberpogrom 1938 verwüstet. Im Zusammenhang mit dem Pogrom wurden zwölf jüdische Männer in das KZ Buchenwald verschleppt. Ernst Bendix überlebte die Lagerzeit nicht; nach der Entlassung starb der Chemiker Hans Salomon an Suizid. Die jüdischen Einwohner (1939 noch elf Familien) wurden bei Kriegsbeginn zwangsweise in "Judenhäusern" einquartiert (u.a. Belvederer Allee 6 und Brühl 6; an letzterem Haus ist 1995 eine Gedenktafel angebracht worden). Mehrere der jüdischen Einwohner starben an Suizid. Von 1942 bis Januar 1945 wurden die letzten jüdischen Einwohner deportiert - Sammellager für die Deportation waren die Reithalle im Marstall und der Güterbahnhof in der Ettersburger Straße.      
   
Von den in Weimar geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Gerda Abraham geb. Benjamin (1910), Günter Appel (1924), Jakob Appel (1885), Susanne Appel geb. Ortweiler (1894), Ernst Bendix (1895), Sonja Bromberg (1886), Meta Bibo (1877), Nathan Cahn (1872), Else Carillon geb. Kaufmann (1889), Emanuel Eisenbruch (1870), Ruth Eisenbruch (1927), Charlotte Vera Feldstein geb. Rosenthal (1906), Ella Fischer geb. Oppenheimer (1889), Emil Fischer (1880), Wolf Fischer (1926), Käthe Friedlaender (1887), Edith Gal (1888), Ruth Glücksmann geb. Gutmann (1914), Emmy Göttinger geb. Rosenfeld (1885), Melanie Gottschalk geb. Peiser (1870), Fritz Gutmann (1906), Erika Haase (1936), Hedwig Hetemann geb. Markus (1866), Martha Kahn (1885), Selma Kahn (1881), Ida Katz geb. Frankenstein (1882), Jacob Katzenstein (1878), Selma Katzenstein geb. Freudenthal (1881), Karin Keins (1934), Hedwig Lasch geb. Davidson (1879), Elfriede Leopold geb. Lewkowitz (1887), Ludwig Leopold (), Therese (Rosa) Marchand geb. Strauss (1858), Siegmund Oskar Mayer (1885), Paul Moosbach (1861), Friedrich Nathan (1888), Lucy Ortlepp geb. Bock (1883), Lina Ortweiler geb. Ledermann (1866), Eduard Rosé (1859), Max Salomon (), Rosa Schmidt geb. Grill-Freimann (1882), Ruth Stern (1934), Johanna Straubing geb. Hetemann (1886), Hedwig Thate geb. Baumann (1873), David Tultschinsky (1891), Ludwig Waelder (1888), Bertha Wallach geb. Schönbeck (1880), Albert Wallhausen (1899), Herbert Wolff (1914), Jakob Wolff (1910), Martin Wolff (1894).         
   
Hinweis: Auf dem städtischen Hauptfriedhof Berkaer Straße wird im Ehrenhain für die Verfolgten der NS-Zeit auch der ermordeten jüdischen Einwohner der Stadt gedacht.  
     
  
    

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Allgemeine Gemeindebeschreibung (1877)    
Anmerkung:  der in der konservativ-orthodoxen Zeitschrift "Der Israelit" erschienene Bericht ist außerordentlich kritisch gegenüber dem damals offenbar nicht gerade regen jüdischen Gemeindeleben in Weimar geschrieben.        

Weimar Israelit 30051877a.jpg (389583 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1877: nach einigen einleitenden Bemerkungen zur Neuerungen in der jüdischen Gemeinde Eisenach: "Wenden wir uns aber von hier nach der Landeshauptstadt, nach Weimar, um zu erfahren, wie es alldort mit dem jüdisch-religiösen Gemeindeleben beschaffen ist: was nehmen wir da wahr? Wenn ich es ein Tauhu wowauho (sc. Tohu wabohu = Chaos) nennen könnte, so wäre das zwar schlimm; aber es läge dennoch etwas Tröstliches darin; denn aus einem Tauhu wowauhu ist ja einst eine Welt hervorgegangen, welcher der erhabene Schöpfer das Zeugnis geben konnte, dass sie zweckentsprechend gut sei. Aber hier ist nicht einmal dieses vorhanden. Hier blickt man in eine untröstliche Leere. Hier existiert, was eigentlich die Abwesenheit einer jeden Existenz bedeutet: das leere Nichts! In Weimar wohnen 12-15 israelitische Familien, respektive selbständiger Israeliten, welche zu den bestbesteuerten Israeliten des Landes gehören. Erkundigt sich nun der Besucher Weimars, wo in dieser Stadt, in welcher einst ein Herder gelebt, und in seinen Schriften den Geist der gebildeten Welt auf den, nur in der Ursprache recht zu würdigenden unübertrefflichen, ja bis jetzt unerreichten Gehalt der poetischen Bücher des alten Testaments aufmerksam gemacht hat, die Schule befindlich ist, in welcher die, in den alttestamentlichen Schriften verkündete israelitische Religion den israelitischen Kindern gelehrt und diesen der hochheilige Inhalt dieser alttestamentlichen Bücher, wenn auch nur teilweise, in der Ursprache zugänglich gemacht wird, damit sie lebenslänglich aus diesem nimmer versiegenden Quelle der Wahrheit ihren Geist und ihr Gemüt zu laben und zu stärken im Stande seien, so kann man ihm am Besten nur mit dem echtthüringischen Ausdrucke antworten: 'Ist nicht!' Und die Synagoge oder doch wenigstens ein anderes entsprechendes Betlokal? 'Ist nicht!' Dass auf die Frage nach irgendeiner anderen jüdisch-religiösen Anstalt keine andere Antwort erfolgen kann, versteht sich nach Obigem von selbst. Und das ist nicht bloß jetzt so, sondern ist nie anders dort gewesen. Der ganze Religionsunterricht der betreffenden Kinder beschränkt sich auf die, von irgendeinem auswärtigen Lehrer jeweilig auf eine kurze Zeit besorgte Vorbereitung zu der gesetzlich vorgeschriebenen (?) Konfirmation. Wie wenig ein solcher, wie eine Badekur nur auf eine Saison berechneter Unterricht nachhaltig auf Geist und Gemüt zu wirken vermag, ist leicht begreiflich! Wenn nun von allen diesen Anstalten nichts vorhanden ist, was ist denn aber eigentlich vorhanden, worin das jüdische Gemeindeleben sich bekundet? Für das Leben nichts, mein lieber Leser, aber für den Tod! Das einzige, was daran erinnert, dass Israeliten in Weimar wohnen, ist ein jüdischer Totenhof! Das Verlangen, auch im Begräbnis mit denen vereint zu sein, mit welchem man im Leben und in der religiösen Übung vereint gewesen, ist dem menschlichen Gemüte so natürlich, dass es sündhaft wäre, demselben nicht Rechnung zu tragen. Aber die Religion ist nur für die Lebenden und für das Leben! Wenn daher im Leben, in seinem ganzen Leben, die Pflege und Erhaltung der angestammten Religion ein so sehr gleichgültiger Gegenstand ist, dass er, bei vorhanden Mitteln, selbst in seiner nächsten Nähe Alles unterbleiben lässt, was für diese Pflege und Erhaltung unerlässlich ist, dem könnte, sollte man meinen, kaum viel daran gelegen sein, ob der zurückbleibende Erdenteil nach den Vorschriften der Religion zur Erde bestattet werde und hier neben den Leibern von Religionsgenossen modere oder nicht. Aber natürlich, dem toten Leib kostet sein Judentum kein Opfer, keine Entsagung mehr und man glaubt sich mit der letzten Anordnung als Jude begraben zu sein, auf die leichteste Weise mit dem Judentum abgefunden zu haben. Es ist doch wahr, dass vom Erhabenen bis zum Lächerlichen oft nur ein Schritt ist.   
Vor etwas 10 Jahren hatte sich die Gemeinde Weimar auch einmal mit einem Schochet versehen. Ein junger Mensch, welcher eine dortige Schule besuchte, wurde mit diesem Posten betraut. Nach Jahresfrist machte man aber die sonderbare Entdeckung, dass derselbe während dieser ganzen Zeit gar nicht geschächtet, sondern bloß das Fleisch des von dem Metzger getöteten Viehes mit dem Koscherzeichen versehen hatte. Natürlich wurde er seines Amtes entlassen, und da dieser erste Versuch          
Weimar Israelit 30051877b.jpg (435468 Byte)so schlecht ausgefallen war, wurde ein weiterer zur Beschaffung eines solchen Luxusartikels nicht mehr gemacht. Seit einigen Jahren wohnt indessen ein israelitischer Geschäftsmann dort, der die Befähigung zum Schächten hat und diese Funktion zu seinem Bedarf auch übt. 
Die obige Geschichte erinnert mich zugleich an eine andere, die vor vielen Jahren spielte. Ein getaufter Israelite schilderte einem ihm verwandten jüdischen Arzte seinen ganzen Lebenslauf in einem Briefe. Der betreffende Arzt las mir diesen Brief vor. In demselben erzählte nun der Schreiber... Nachfolgendes wird nicht abgeschrieben, da es nicht Weimar betrifft.   
Doch zurück zum Gegenstand meiner Berichterstattung. Das Großherzogtum Weimar hat außer Weimar, Eisenach und Stadtlengsfeld nur noch fünf Synagogengemeinden. In diesen letzteren hat sich, trotz jahrelanger gegenteiliger Einflüsse, das israelitisch-religiöse Leben und die orthodoxe Praxis in Kultus- und in Familienleben ungeschwächt erhalten, ja sich teilweise wo sie in Abnahme begriffen waren, zu neuer Lebenskraft erhoben..."       

     
  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben und allgemeine Berichte 
Landrabbiner Dr. Wiesen legt in der Hofkirche in Weimar einen Kranz für die verstorbene Großherzogin nieder (1905)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Februar 1905: "Weimar, 2. Februar (1905). Anlässlich des Hinscheidens Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Großherzogin Karoline von Sachsen widmeten die israelitischen Gemeinden des Großherzogtums eine Kranzspende, bestehend aus Palmen und Blumen, welche durch den Großherzoglichen Landrabbiner Dr. Wiesen am Sarge der hohen Verewigten in der Hofkirche zu Weimar niederlegt wurde. Derselbe beteiligte sich sodann in der Gruppe der Geistlichkeit am Leichenzuge und wohnte der feierlichen Beisetzung in der Grabkapelle der Fürstengruft bei. Am letzten Samstag, den 28. vorigen Monats fanden in den Synagogen des Landes Trauergottesdienste statt."    

   
Im Landtag sitzen mehrere antisemitische Abgeordnete (1906)    
Anmerkung: gemeint ist wohl der Landtag des 1903 bis 1918 bestehenden Großherzogtums Sachsen mit der Hauptstadt Weimar.  

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. Dezember 1906: "Weimar. Der neu gewählte Landtag hat zwei antisemitische Abgeordnete: Oberlandesgerichtsrat von Richthofen und Gastwirt Stein".        
    
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 21. Dezember 1906: "Weimar. Nachdem nunmehr die letzten Wahlen zum Landtage vollzogen sind, werden die Antisemiten, die bisher im Landtage unvertreten waren, mit vier Mann ihren Einzug halten. Es sind dies: Rittergutsbesitzer von Boyneburgk, Großgrundbesitzer Allmer, Oberlandesgerichtsrat von Richthofen und Gastwirt Stein."        

   
Kritische Artikel über die Politik von Minister Wilhelm Frick (1930)  
Anmerkung: Wilhelm Frick war in Thüringen seit Januar 1930 Staatsminister für Inneres und Volksbildung in einer Koalitionsregierung und somit der erste Minister der NSDAP zu Zeiten der Weimarer Republik. In der Zeitschrift "Der Israelit" wurde seine Politik kritisch verfolgt. Zu Wilhelm Frick siehe Wikipedia-Artikel "Wilhelm Frick".  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Mai 1930: "Weimar. Eine neue Bestimmung Fricks verbietet den Stadtverwaltungen, Gesuche 'fremdrassiger Ausländer' um Naturalisierung weiter zu empfehlen."   
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juni 1930: "Weimar. Im Landtag begründete der nationalsozialistische Sprecher den Schächtverbotsantrag mit den Worten: 'Wenn dadurch die Juden unsere Kurorte meiden, dann hätten wir erreicht, was wir erreichen wollten.' Der Antrag wurde zurückgestellt."      
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juli 1930: "Weimar. Mit 25 gegen 22 Stimmen wurde im Landtage ein Misstrauensvotum gegen Frick angenommen. Von national-sozialistischer Seite wird aber erklärt, dass Frick garnicht daran denke, aus dieser Abstimmung die Konsequenzen zu ziehen, da die Verfassung für den Rücktritt eines Ministers mindestens die Hälfte der Stimmen aller Abgeordneten vorsieht. Moralische Bedenken gelten für diese Herren nicht."   

  
     
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde 
      
70. Geburtstag des Großherzoglichen Generalmusikdirektors Dr. Eduard Lassen (1900)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Mai 1900: "Weimar, 2. Mai (1900). Der siebzigste Geburtstag unseres Glaubensgenossen, der Großherzoglichen Generalmusikdirektors Dr. Eduard Lassen, gab in hiesiger Stadt zu seltenen Ehrungen des greisen Tondichters Anlass. Im Hoftheater fand ein Festkonzert statt, in dem die Kammersänger Karl Scheidemantel und Hans Gießen aus Dresden, die früher der Weimarer Bühne angehörten, mitwirkten. Sämtliche Kompositionen, die zum Vortrage gelangten, stammten von Lassen. Aus dem überfüllten Hause, in dem sich auch der Großherzog befand, wurden dem Jubilar freundliche Kundgebungen zuteil, für die er schließlich von der Bühne herab in herzlichen Worten dankte. Im Hoftheater wird eine bronzene Büste Lassens Aufstellung finden, die von Freunden und Kunstgenossen des Tondichters gewidmet ist. Der Großherzog hat den Jubilar durch Verleihung des Komturkreuzes des Großherzoglichen Falkenordens ausgezeichnet, die Erbgroßherzogin sandte ein wertvolles Festgeschenk. Der Gemeinderat der Stadt hat in Würdigung der Verdienste Lassens um das musikalische Leben Weimars einer neuen Straße den Namen Lassenstraße beigelegt. Lassen, welcher in Kopenhagen geboren ist, kam 1858 als Hofmusikdirektor nach Weimer und trat 1861 als Hofkapellmeister an die Stelle Franz Liszts."   

  
Zum Tod der Bankierswitwe Cäcilie Callmann geb. Hirschberg (1898)      

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. März 1898: "Weimar, 27. Februar (1898). Am 17. dieses Monats verstarb Frau Witwe Bankier Cäcilie Callmann geb. Hirschberg. Als Tochter eines Buchhändlers in Bromberg 1824 geboren, heiratete sie im Jahre 1847 den 1869 verstorbenen Bankier August Callmann. Schon im Kriegsjahre 1866 hat sie sich als echte Patriotin ausgezeichnet und ganze Kompanien preußischer Landwehr, welche am Ettersberg um Weimar auf Vorposten lagen, aus eigenen Mitteln mit Nahrung etc. versorgt. Eine größere Tätigkeit entfaltete sie in den Kriegsjahren 1870/71. Ihr Haus am Markt bildete eine große freiwillige Arbeitsstätte für Verbandartikel und Unterzeug der Truppen im Felde. Aus allen Straßen der Stadt kamen die Damen, alt und jung, herbei, zu helfen und unter ihrer Anordnung zu arbeiten. Viele Nähmaschinen gingen Tag und Nacht und im kleinen Garten saßen Kinder, Charpie zu zupfen. Wer etwas übrig hatte, brachte es zu Frau Callmann, dort wurde alles noch verarbeitet, alles für die Braven im Gelde hergerichtet, und allwöchentlich gingen viele große Kosten fertiger Waren an das Bezirkskommando zur Weiterbeförderung in Feindesland. Das waren die Taten, mit denen die biedere Frau an die Öffentlichkeit trat. Ihrem Rufe folgten gern Weimars Bürgerinnen zu neuer Arbeit. Gar manche Träne verschämter Armen linderte sie im Stillen, keine Bitte ging unerhört an ihrem Ohre vorüber. Neben reichen Auszeichnungen vom verstorbenen Kaiser Wilhelm und der Kaiserin Augusta, von unserem Großherzog und der hochseligen Frau Großherzogin, auf welche sie in den letzten Tagen mit großer Freude zurückblickte - ihr Schulter zierte das Eiserne Kreuz für frauen und Jungfrauen, der großherzoglich sächsische Verdienst-Orden für ruhmreiche Tätigkeit im Kriege und die Kriegsmedaille von 1870/71 -, ist ihr auch mancher schwere Schicksalsschlag nicht erspart geblieben. Ein langes Leiden erlöste ihr irdisches Sein im 74. Lebensjahre. Die Beerdigung hat am 18. dieses Monats stattgefunden. Die edle Frau wollte laut letztwilliger Bestimmung in aller Stille zur Ruhe gebettet werden, darum wurde weder Tag noch Stunde der Bestattung bekannt gegeben; dennoch haben die Weimarer sich zahlreich zur Trauerfeier eingefunden. Die Leichenrede wurde auf Wunsch der Familie von Herrn Rabbiner Dr. Salzberger gehalten. Da es in Weimar sehr wenig Glaubensgenossen gibt, so bestand der Trauerzug fast nur aus Christen."    

   
Das Bankhaus Julius Elkan schließt (1905)      

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 15. Dezember 1905: "Weimar. Am künftigen 1. Januar (1906) wird das hiesige Bankhaus Julius Elkan seine über mehr als fünf Menschenalter ausgedehnte Tätigkeit beschließen, indem es an die 'Magdeburger Privatbank' übergeht und sein Chef, Dr. Moritz, sich ins Privatleben zurückzieht. Mit dem Hause Elkan verknüpfen sich manche Erinnerungen an die klassische Zeit Weimars. Hingewiesen sei nur auf Goethes Verse auf 'Miedings Tod' (1789): 'Der tätige Elkan läuft mit manchem Rest, Und diese Gährung deutet auf ein Fest.' J. Elkan war bekanntlich der 'Hofjude', mit dem auch Goethe in geschäftlicher Verbindung stand. Er war lange Zeit der einzige Jude, der in Weimar lebte."   

      
Zum Tod von Samuel Lublinski in Weimar (1911)  
Anmerkung: Samuel Lublinski (1868-1910) war ein vor allem in Berlin wirkender jüdischer Schriftsteller, Literarhistoriker, Kritiker und Religionsphilosoph; vgl. den Wikipedia-Artikel Samuel Lublinski. Lublinski lebte die letzten Jahre seines Lebens in Weimar.       

Weimar AZJ 03031911.jpg (117168 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. März 1911:  
Zum Lesen des Artikels bitte Textabbildungen anklicken.     

Weimar AZJ 03031911a.jpg (249365 Byte)

Weimar AZJ 03031911b.jpg (68351 Byte)

  
   

      
Zur Geschichte des Betraumes   

1805 richtete Jacob Elkan in seinem Privathaus eine Synagoge (Betsaal) ein. Bis zu seinem Tod fanden in dieser Privatsynagoge die Gottesdienste der jüdischen Familien in Weimar statt.   
  
Eine Synagoge wurde im 19./20. Jahrhundert in Weimar nicht gebaut. Das religiöse Leben fand überwiegend nur privat in den Familien statt. Zu gottesdienstlichen Feiern an den Festtagen wurden Räume - meist in Hotels - angemietet.   
    
  
Adresse/Standort des Betraumes         Betsaal von Jacob Elkan in dem bis heute erhaltenen Haus in der Windischenstraße 25 (über der geschmückten Eingangstür des Gebäudes finden sich die ineinander verschlungenen Initiale "J.E." für Jacob Elkan).  
     

Fotos   
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 29.6.2011)    

 Haus des Jacob Elkan    
An den früheren Hausbesitzer Jacob Elkan erinnert bis heute die Initiale "J.E." über der geschmückten Eingangstüre
     

    
    
Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Weimar  

Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Weimar (interner Link)      

Literatur:  

Germania Judaica II,1 S. 869-870; III,2 S. 1562-1563.  
Eva Schmidt: Jüdische Familien im Weimar der Klassik und Nachklassik und ihr Friedhof. In: Weimarer Schriften Heft 8/1984 und Heft 48/1993. 
Erika Müller / Harry Stein: Jüdische Familien in Weimar. Vom 19. Jahrhundert bis 1945. Ihre Verfolgung und Vernichtung. In: Weimarer Schriften. Heft 55/1998.
Israel Schwierz: Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation - erstellt unter Mitarbeit von Johannes Mötsch. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen ( www.lzt.thueringen.de) 2007. Zum Download der Dokumentation (interner Link). Zu Weimar S. 264-269. 
Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Berlin 1992. S. 290-291.     
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Band 8 Thüringen. Frankfurt 2003. S.  329-331.
    
        


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Weimar  Thuringia. The first mention of Jews in Weimar dates back to the beginning of the 14th century. They were probably expelled from the city in the course of the Black Death persecutions (1348-49), but returned before the end of the century. The modern Jewish community begins with the settlement of the Courth Jew Jacob Elkan and his son Julius Elkan, the founder of a famous banking house. In 1878, there were 22 Jewish taxpayers of family heards in Weimar. By 1925 there were 105 Jews in Weimar and 91 in 1933 at the outset of Nazi rule. The fact that approximately 30 % were married to non-Jews helped to protect them to some extent from anti-Jewish measueres and possible may account for the disproportionately large number of survivors in Weimar. On Kristallnacht (9-10 November 1938), 12.500 Jews from all over Germany were brought to the newly erected Buchenwald concentration camp on the outskirts of Weimar. The Jews who still remained in Weimar after July 1941 were forced to vacate their apartments and crowded into a few 'Jewish houses'. In 1942, alle were deported. 
     

  

                    
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 25. Januar 2012