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Gotha (Kreisstadt,
Thüringen)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
Mittelalter
In Gotha bestand eine jüdische Gemeinde bereits im Mittelalter.
Erstmals wird um 1250 Jud Jakob aus Gotha mit seiner Frau Jutta in Köln genannt. Am 14.
März 1303, als kurz vor dem Passafest im Zusammenhang mit einem angeblichen
Ritualmord in Weissensee eine Judenverfolgung ausbrach, wurden auch in Gotha
acht Juden ermordet. Im Februar 1349 wurden im Zusammenhang mit
der Verfolgung während der Pestzeit Juden in der Stadt ermordet. Danach hört man wieder
1379 von jüdischen Einwohnern der Stadt.
Die jüdischen Familien lebten im Mittelalter nahe am
Markt in der Judengasse (heute "Jüdenstraße"). Im 16. und 17. Jahrhundert wird im
Bereich der "Judengasse" ein "Judenbad" genannt.
Haupterwerbszweig war der Geldhandel.
1418 werden 10 Juden (mit Familien) genannt, insgesamt etwa 55 Personen. Damals war auch ein Rabbiner in der Stadt,
der eine Schule (Jeschiwa) hatte, die auch von auswärtigen Studenten besucht
wurde. 1417 wurde dieser Rabbiner zum "Judenmeister" ernannt. Um 1465
wurden die Juden aus der Stadt vertrieben.
Fotos
(Fotos Hahn, Aufnahmedatum 2005)
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| Die
mittelalterliche jüdische Ansiedlung lag nahe beim Markt in der heutigen
"Jüdenstraße" |
19./20. Jahrhundert
Zu einer Wiederansiedlung einiger jüdischer Kaufleute mit ihren Familien kam es
1768. Ihnen wurde erlaubt, in einem ihrer Häuser Gottesdienste
abzuhalten und einen Friedhof vor dem Siebleber Tor anzulegen.
In größerer Zahl war es jedoch erst nach 1848/1855 jüdischen Personen wieder möglich,
sich in Gotha niederzulassen und das Bürgerrecht zu erlangen. 1866
konnten sechs jüdischen Familien eine jüdische Gemeinde in der
Stadt gründen, die 1870 den Status einer Körperschaft des öffentlichen
Rechtes erhielt. Nicht alle jüdischen Einwohner schlossen sich der Gemeinde an,
da es im Herzogtum Coburg-Gotha damals keinen Gemeindezwang gegeben hat.
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich - vor allem durch Zuzug jüdischer Familien aus der weiteren
Umgebung - wie folgt: 1864 27 jüdische Einwohner, 1875 119, 1879 30 bis 40
Familien, 1885 244 jüdische Einwohner, 1896 297, 1900 296 und 1910/13 372.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, eine
Religionsschule, ein rituelles Bad und einen Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibung der Stelle von
1876 unten). Seit 1. Januar 1877 war Lehrer in Gotha D. Röthler. Er blieb der
Gemeinde über mehrere Jahrzehnte treu, konnte 1902 sein 25-jähriges
Dienstjubiläum begehen (siehe Bericht unten) und war Liturg bei der Einweihung
der Synagoge im Mai 1904 (sprach u.a. bei der Beisetzung von Landrabbiner Dr.
Salzer in Stadtlengsfeld 1902, siehe Text).
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Edwin Berent (geb.
24.12.1890 in Gotha, gef. 21.10.1914), Leutnant Walter Berent (geb. 30.3.1894 in
Gotha, gef. 11.10.1918), Max Heilbrunn (geb. 29.1.1894 in Gotha, gef. 20.10.1914),
Leutnant Hermann Meyer (geb. 9.10.1892 in Gotha, gef. 13.11.1918), Kurt Meyerstein
(geb. 12.3.1895 in Gotha, gef. 8.6.1918) und Felix Röthler (geb.
26.7.1896 in Gotha, gef. 23.10.1914). Außerdem sind gefallen: Unteroffizier
Willi Meyer (geb. 2.2.1879 in Gotha, vor 1914 in Danzig wohnhaft, gef.
6.10.1914), Siegfried Müller (geb. 27.2.1892 in Gotha, vor 1914 in Leipzig
wohnhaft, gef. 26.9.1914) und Alfred Ruppel (geb. 18.6.1883 in Gotha, vor 1914
in Coburg wohnhaft, gef. 16.7.1918).
In den 1920er-Jahren zählte die Gemeinde etwa 350 bis 400 Mitglieder.
Jüdische Gewerbetreibende hatten bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Stellung im wirtschaftlichen
Leben der Stadt. Ihnen gehörten zahlreiche Geschäfte (Textilgeschäfte,
Kaufhäuser, Schuhgeschäfte), Fabriken (Lederfabrik, Metallwarenfabrik,
Porzellanfabrik) und Handlungen (Getreide- und Landesproduktenhandlungen,
Viehhandlungen, Fellhandlung, Altwarenhandlungen). 1933 gab es sieben jüdische
Ärzte und einen Rechtsanwalt.
Um 1925 gehörten dem Synagogenvorstand an: Willi Herrmann (Hohe Straße. 11), Dr.
jur. Otto Goldschmidt (zugleich Kassier), M. Grünstein, M. Ledermann,
Rechtsanwalt Dr. Oppenheim, Fabrikbesitzer J.
Simson. An jüdischen Vereinen gab es den Israelitischen Frauenverein
(gegründet
1878, 1932 unter Leitung von Minna Schäler, Hersdorfstr. 15 und 63 Mitgliedern;
Zweck und Arbeitsgebiete: Unterstützung Hilfsbedürftiger und Kranker), einen Gemeindeverein
(1932 unter Leitung von Louis Neuhaus, Waltershausenstraße), einen Jugendverein, die
Gotha-Loga des
Unabhängigen Ordens Bnei Berith (1932 unter Präsidentschaft von Kurt Simson,
Friedrichstraße 19), eine Schwesternloge (1932 unter Vorsitz von Frau
Lebram, Wilhelmstraße 1) und (nach 1930) eine
Zionistische Ortsgruppe (1932 unter Vorsitz von Dr. Schramm, Herderstraße
8). Diese unterhielt auch eine private hebräische Sprachschule (1932 Leitung:
Lehrer Posenmann, Krämpferufer 5, 9 Teilnehmer). Lehrer und Kantor war nach 1930 Joseph Liberles. Er unterrichtete
im Schuljahr 1932/33 28 Kinder im Religionsunterricht. Zur Gothaer Gemeinde
gehörten auch die in Waltershausen, Friedrichroda, Ohrdruf, Georgenthal und
Bad Tennstedt lebenden jüdischen Personen (1932/33 zusammen 47 Personen). 1932
bildeten den Gemeindevorstand: Willi Herrmann (1. Vors.), S. Israelski (2.
Vors., Gartenstraße). Es gab einen Schulausschuss unter Vorsitz von R. Schäler
sowie einen Synagogenausschuss unter Vorsitz von Hugo Lewin. Für die Aufgaben
der Wohlfahrtspflege gab es inzwischen eine "Örtliche Zentrale für jüdische
Wohlfahrtspflege - Wohlfahrtsausschuss der Israelitischen Kultusgemeinde"
(Vorsitzender Willi Herrmann, Hohe Straße 11).
1933 wurde eine Höchstzahl jüdischer Einwohner mit 494 Personen
erreicht. Mit dem Beginn der NS-Zeit und dem Boykott der jüdischen Geschäfte begann
jedoch eine
starke Abwanderung der hier noch lebenden jüdischen Einwohnern. Die
Repressalien gegen die jüdischen Gemeindeglieder und ihre Einrichtungen hatten
schon Jahre zuvor, u.a. mit dem vom Stadtrat 1931 ausgesprochenen Schächtverbot
eingesetzt. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge niedergebrannt. 1939 lebten
noch 80 jüdische Personen in der Stadt.
Von den in Gotha (dazu Friedrichroda) geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Eitel Max Adler
(1903), Frieda Andacht (1903), Anna Baum geb. Baumann (1898), Max Baumann
(1891), Selma Bergwerk (1905), David Blau (1883), Ernst Blau (), Max Blau (),
Helene Blumenfeld (1896), Anna Brock geb. Grünbaum (1889), Rosalie Dominski
geb. Wolff (1886), Fanny Ellendmann (1913), Hermann Ellendmann (1914), Ruth
Ellendmann (1925), Charlotte Feibelmann geb. Gümpel (1880), Robert Feibelmann
(1874), Erich Feige (1903), Günther Feige (1901), Lina Fibach (1906), Rita
Fichtmann geb. Gottfeld (geb. 1909 in Friedrichsroda), Ludwig Freudenthal
(1885), Jenny Szeindil Friedmann (1914), Pinkas Friedmann (), Regina Ryfka
Friedmann (1875), Margarethe Friedrich geb. Bechhöfer (1898), Taube Geller (),
Elias Gideon (), Aron Ginsberg (1902), Alfred Gottfeld (geb. in Friedrichsroda),
Werner Wolf Gottfeld (geb. 1905 in Friedrichsroda), Marie Luise Gottschalk geb.
Kunreuther (1895), Selma Grünebaum geb. Grünstein (1884), Julius Gründstein
(1877), Irma Gurdaze (1869), Jenny Gutstein (1909), Bruno Ludwig Hartmann (geb.
1902 in Waltershausen), Lotte Heftler geb. Suss (1908), Kurt Heilbrunn (1938(,
Carl Herrmann (1878), Carola Hirschberg geb. Popper (1887), Ida Katzenstein
(1872), Thekla Kehr geb. David (1868), Anna Marie Kunreuther geb. Michaelis
(1871), Toni (Sidonie) Kuznitzky geb. Worms (1874), Paula Lang geb. Strupp
(1862), Ada Ledermann geb. Freudenthal (1890), Gertrud Ledermann (1887), Anna
Lewin (1882), Else Lewin geb. Bach (1890), Heinrich Lewin (1876), Hugo Lewin
(1875), Clara Liebermann geb. Treidler (), Hermann Herscz Liebermann (), Abraham
Loew (), Sophie Loew (), Eugen Lorch (1885), Helene Lutzky (1893), Siegbert
Lutzky (1897), Gertrude (Trude) Mayer geb. Blumenfeld (1906), Wilhelmine Muskat
geb. Pollak (1897), Margarete Namm geb. Saberski (1887), Louis Neuhaus (1880),
Martha Neuhaus geb. Wachtel (1890), Thekla Neuhaus geb. Neumann (1879), Gertrud
Popper (1888), Jenny Prinz (1896), Marx Prinz (1899), Sophie Prinz (1926), Lina
Rosenthal geb. Michlewitsch (1895), Louis Ruppel (1876), Walter Ruppel (1896),
Siegbert Saberski (1886), Gertrud Salomon geb. Stern (1875), Max Schächter (),
Sofie Schächter geb. Liebermann (), Elly Schattmann geb. Singer (1871), Erna
Theresa Schenker geb. Sachs (1881), Bernhard Schleyen (), Bertha Schleyen (),
Oswald Schleyen (), Martha Schmelzer geb. Blumenfeld (1895), Erna Selig
geb. Meyerstein (1890), Anna Serok geb. Rudkowksy (), Arnold Serok (1925), David
Serok (1891), Moses Leisa Max Serok (1922), Rudolf Silbermann (191), Alice
Singer (1878), Erich Singer (1875), Walli Singer (1886), Gretchen Stein (1895),
Lina Stein geb. Weinstock (1864), Anna Sophie Süß (1906), Moses Tauber (),
Bernhard Trauring (), Minna Trauring geb. Westreich (), Alex Siegfried Wachtel
(1881), Judith Weissenberg (1931), Ruth Weissenberg geb. Stern (1904), Regina
Weksler geb. Liebermann (1905), Emmy Will geb. Cohn (1884), Moses Wirth (1890),
Bella Wochenmark geb. Freudenthal
(1887).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers, Kantors und Schochet (1868 /
1876)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. April 1868:
"Die israelitische Gemeinde in Gotha sucht einen noch jüngeren Mann,
welcher das Amt eines Lehrers, Vorbeters und Schächters gleichzeitig
ausfüllen kann. Gehalt ca. 200 Thaler mit entsprechenden
Nebeneinkünften. Der Eintritt kann sofort stattfinden. Briefe bittet man
der Expedition dieses Blattes sub H.H. Nr. 278
einzusenden." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Juli 1876: "Am 1.
November dieses Jahres soll die Stelle eines Religionslehrers und Kantors,
der zugleich Schochet sein muss, hierselbst neu besetzt werden.
Gehalt beträgt 1.650 Mark (und zwar 1.350 Mark Fixum, sowie Mark 300
garantiert für Schechita) mit nicht unbeträchtlichen Nebeneinkünften.
Bewerber, welche musikalisch gebildet oder in fremden Sprachen bewandert
sind, finden bei der ihnen zu Gebote stehenden freien Zeit Gelegenheit zur
Erteilung von Privatunterricht.
Die gestellten Bedingungen sind sittlich religiöses Vorleben, angenehme
geübte Stimme und Nachweis über perfekte seminarische Vorbildung.
Offerten beliebe man baldigst zu richten an Vorstand der Israelitischen
Kultusgemeinde Gotha, Gustav Ledermann." |
25-jähriges Dienstjubiläum von Lehrer D. Röthler (1902)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Januar 1902:
"Gotha, im Januar (1902). Mit großem Vergnügen greife ich heute zur
Feder, um Ihnen von einem schönen Feste zu berichten, welches unsere
Gemeinde am 31. Dezember abends und am 1. Januar gefeiert. Es galt, das
25-jährige Dienstjubiläum unseres in allen Kreisen beliebten und hoch
geehrten Lehrers, Herrn D. Röthler, festlich zu begehen. Der
Jubilar hat in hiesiger Gemeinde eine überaus segensreiche Wirksamkeit
entfaltet und durch diese und seine Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue
die Hochachtung aller Gemeindeangehörigen sich erworben. Dies bezeugte
auch die Festesfeier, welche die Gemeinde zu seinen Ehren am Vorabend
veranstaltete und zu welcher fast alle Mitglieder erschienen waren. Der
Vorsteher der Gemeinde, Herr Kommerzienrat Goldschmidt, sowie die Herren
Rosenblatt und Ruppel, schilderten in längerer Rede die vielen und hohen
Verdienste, die Herr Röthler um die Gemeinde und Schule sich erworben,
worauf der Gefeierte einen Rückblick warf auf seine Tätigkeit während
seiner Amtszeit.
Am Jubiläumstage selbst erschienen in großer Anzahl Gratulanten, wie der
Gemeindevorstand, der Vorstand des Frauenvereins, die jetzige Schuljugend
und ehemalige Schüler, die namhafte und wertvolle Geschenke
überreichten. Glückwunschschreiben gingen von den städtischen und
Regierungsbehörden, von der Geistlichkeit und dem Lehrerverein ein. Ein
Delegierter des 'Israelitischen Lehrervereins Mitteldeutschlands'
überbrachte die Glückwünsche dieses Vereins.
Möge es Herrn Röthler vergönnt sein, in ungeschwächter Gesundheit zum
Segen seiner Gemeinde weiter segensreich zu wirken!" |
Zum Tod von Lehrer Jakob Freudenberger (1911)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Oktober 1911: "Gotha,
18. September (1911). Im Greisenalter von 84 Jahren wurde uns unser Lehrer
Jakob Freudenberger entrissen und unausfüllbar ist die Lücke, die
sein Fortgang in unserer Mitte hinterlassen. Was wir an ihm verloren
haben, das empfanden wir mit tiefem Schmerze bei seiner Beerdigung am
Freitag, bei der sich noch einmal alle seine Freunde und Verehrer
zusammenfanden, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Die Herren Rabbiner
Nathan Bamberger und Lehrer Goldstein ließen es sich nicht
nehmen, dem teuren Freunde innige Worte des Gedenkens zu widmen und den
Kindern Trost an seiner Bahre zu spenden. War doch der Verstorbene ein
für die heilige Tora begeisterter Jude und ein hervorragender Gelehrter,
geliebt und verehrt von allen, die ihn kannten, und ein liebevolles
Gedenken wird ihm denn auch in den kreisen seiner Mitbürger bewahrt
bleiben. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."
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Aus dem jüdischen
Gemeinde- und Vereinsleben
Die Stadtverordneten sprechen sich für eine weitere Aufnahme jüdischer
Familien und den Erwerb des Bürgerrechtes aus (1855)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. November 1855:
"Gotha, 19. Oktober (1855). Die hiesigen Stadtverordneten
haben in ihrer gestrigen Sitzung eine prinzipielle Frage entschieden.
Seither hat nämlich in unserer Stadtgemeinde der Grundsatz Geltung
gehabt, dass nur einigen Judenfamilien der Wohnsitz in hiesiger Stadt
nachgelassen sein solle. In der gestrigen Versammlung kam nun bei
Gelegenheit der Beratung des Status über den Erwerb oder Verlust des
hiesigen Bürgerrechts auch die Frage zur Besprechung, ob die
Verschiedenheit der Religion der Erwerbung dieses Rechtes hindernd
entgegen treten dürfe. Die Versammlung verneinte gegen nur eine Stimme
diese Frage und genehmigte als einzige Ausnahme, dass den fremden
Israeliten die Erwerbung des Bürgerrechts versagt werden solle, welche
einem Staate angehörten, in welchem eine Gleichberechtigung der Christen
und Juden entweder überhaupt oder wenigstens in Bezug auf die Juden des
Herzogtums Gotha nicht bestehe."
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Beschreibung des jüdischen Gemeindelebens in Gotha (1879)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. April 1879: "Aus
Thüringen. Ich habe bei meiner Thüringer Rundschau bis jetzt Gotha's
noch keiner Erwähnung getan. Diese inmitten einer fruchtbaren Umgebung
gelegene, gewerbereiche, park- und schlössergeschmückte Stadt, der
schönsten Perlen Thüringens Eine, welche seit Jahrhunderten den Juden
ihre Tore verschlossen hatte, birgt jetzt ebenfalls eine jüdische
Gemeinde in ihren Mauern. Von jüdischen Handelsleuten, namentlich
Pferdehändlern, seit langen Zeiten schon viel gesucht und genannt, boten
ihre Lage sowohl, als auch die humanen Regierungsgrundsätze des jetzt
regierenden Herzogs gewerbe- und handelsbeflissenen Israeliten einen nicht
geringen Anziehungspunkt zur Niederlassung, sodass schon 1866 sich dort
eine Gemeinde konstituieren konnte, welcher 1870 von der Regierung die
Rechte eine juristischen Person erteilt wurde. Die Gemeinde zählt
gegenwärtig 30-40 Mitglieder. Sie unterhält eine Religionsschule, hat
eben noch keine eigene Synagoge, wohl aber bereits einen kleinen, durch
freiwillige Spenden entstandenen und durch solche immer mehr anwachsenden
Fond zum dereinstigen Bau einer solchen. Außer den zur Gemeinde
gehörigen Israeliten wohnen auch mehrere Israeliten daselbst, welche sich
dem Gemeindeverbande nicht angeschlossen haben. Im Herzogtume Coburg-Gotha
herrscht nämlich seitens des Staates kein Gemeindezwang. Es hat daher
auch bei der Bildung der betreffenden Gemeinden keine äußere Nötigung,
sondern nur das innere Religionsbedürfnis, der, dem religiösen
Bewusstsein innewohnende Kristallisationstrieb die Gemeindegestaltung
herbeigeführt, ein in unserer Zeit sicher recht erfreuliches Zeichen der
unvertilgbaren Opferfreudigkeit des größten Teils unserer
Glaubensangehörigen für die angestammte Religion! Es ist zu wünschen
und zu hoffen, dass diese Energie des jüdisch-religiösen Bewusststeins,
welche diese Gemeindeinstitutionen geschaffen hat, auch dem weiten Ausbau,
der Förderung und Erhaltung derselben zugute komme! Das
Laien-Selfgouvernement in den Religionsangelegenheiten einer Gemeinde,
ohne geistliche Mithilfe, ohne fortgesetzte geistliche Mitarbeit hat
indessen auch seine bedenkliche Seite. Es werden da oft die religiösen
Institutionen nur bis zu einer gewissen Stufe entwickelt, (ja, es ist
anders gar nicht möglich!), dann aber tritt Stillstand und in Folge
dessen allmählicher Verfall ein. Es lässt solches Verhältnis einen
Vergleich mit den klimatischen Verhältnissen eine hoch gelegenen
Berggegend zu. Die Bewohner einer solchen sehen in ihrer, durch die
Ortslage bedingten zwangloseren und freieren Bewegung mit einem gewissen
stolzen Selbstbewusststein auf die Talbewohner herab. Aber während da
unten die Aussaat schon zur reiferen Frucht gediehen ist und die
Segensernte eingeheimst wird, ist man da oben in der Höhe noch weit von
diese, Ziele entfernt. Die um soviel späteren und um soviel schwächeren Sonnenstrahlen
vermögen hier nur ein dürftiges Wachstum, ein verspätetes Reifen zu
bewirken oder es fahren auch die Winterstürme schon über die
Hochfläche, |
bevor
es hier überhaupt zur vollständigen Entwicklung und zur vollen Reife zu
kommen vermochte. So fehlt auch solcher in bloßen Laienhänden
befindlichen Leitung der religiösen Gemeindeangelegenheiten das täglich
sich erneuernde intensive Sonnenlicht, die rechte Sonnenwärme: das
lebendige Wort der religiösen Belehrung in- und außerhalb des
Gottesdienstes! Wie erwärmend und belebend dasselbe auf Geist und Gemüt
zu wirken imstande ist, ist der Gemeinde in Gotha wohl unlängst wieder
recht lebhaft zum Bewusststein gekommen. Vor einigen Wochen war nämlich
der Großherzogliche Sächsische Landrabbiner, Herr Dr. Kroner, über
Samstag in Gotha, bei einer dort wohnenden, ihm befreundeten Familie, zu
Besuch. Bei dieser Gelegenheit aufgefordert, dort zu predigen, kam er
dieser Aufforderung bereitwillig nach und zwar in der ihm eigenen
meisterhaften Weise. Der Eindruck war ein mächtiger, was nicht zu
verwundern ist, da dem vortrefflichen Manne die Macht der Rede in seltener
Meisterschaft zu Gebote steht. Es wurde daher in der Gemeinde der Wunsch
rege, denselben noch einmal zu hören. Herr Dr. Kroner entschloss sich
deshalb Samstagabend einen öffentlichen Vortrag in irgendeinem Saale zu
halten. Obgleich nun in öffentlichen Blättern dieses Vorhaben nicht
angezeigt werden konnte, so füllte sich doch das in Aussicht genommene
Lokal so sehr mit israelitischen und christlichen Hörlustigen, dass nach
einem anderen größeren Lokale ausgewandert werden musste. Hier sprach
Herr Dr. Kroner in 1 1/2-stündigem Vortrage über die Pflichten der
Nächstenliebe, wie solche im schriftlichen und mündlichen Gesetze des
Judentums zum Ausdrucke kommen, in so zündender Weise, dass die Zuhörer
seinen Worten mit lautloser Spannung und Begeisterung folgten und nach
Beendigung des Vortrags viele christliche Zuhörer dem Redner ihre
Anerkennung unter Händedruck zu erkennen gaben. Es war ein wahrer
Kiddusch Haschem (Heiligung des Gottesnamens) und ein Hochgenuss,
welche den Gothaern sicher noch lange im Gedächtnisse bleiben
werden.
Das oben über das Laien-Selfgouvernement Gesagte ist übrigens nur eine
allgemeine Bemerkung und soll auf die israelitische Gemeinde in Gotha
durchaus keinen speziellen Bezug haben. Wir können vielmehr mit
Vergnügen konstatieren, dass deren Leitung sich in sehr guten Händen
befindet und bei dem religiösen Sinne des Vorstandes sowohl, als auch des
größten Teiles der so viele hoch achtbare Mitglieder in sich
schließenden Gemeinde eine Weiterentwicklung der Institutionen derselben
im Geiste und im Sinne echtjüdischer Frömmigkeit zu hoffen ist.
Gefördert würden solche allerdings noch mehr werden, wenn solche
religiöse Genüsse und Anregungen, wie Herr Dr. Kroner sie der Gemeinde
bereitet hat, sich oft wiederholten. Ein Anschluss an das Großherzoglich
Sächsische Landrabbinat oder an das Rabbinat in Erfurt dürfte sich daher
der Gemeinde Gotha sehr empfehlen." |
Die Kremation jüdischer Verstorbener hat einen relativ hohen Anteil (1883)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Februar 1883:
"Gotha, im Januar (1883). Dass es keinerlei Erscheinung
gegenwärtig gibt, zu der die Juden nicht ihr Kontingent stellen, kann man
auch aus Folgendem ersehen. Der hiesige Leichen-Verbrennungs-Apparat, der
einzige, der bis jetzt besteht, hat vom 10. Dezember 1878 bis zum 10.
Dezember 1882, also in 4 Jahren, 100 Leichen verbrannt, davon waren 70
evangelisch, 12 katholisch, 5 israelitisch, und bei 13 fehlte die Angabe
der Konfession. Verhältnismäßig stellen also die Juden das stärkste
Kontingent!" |
Gemeindebeschreibung in "The Jewish Encyclopedia" (um 1904)
Englischer Artikel
über das jüdische "Gotha" in "The
Jewish Encyclopedia" um 1904: "GOTHA: Capital of the
duchy of Saxe-Coburg-Gotha, Hermany. A Jew named Jacob who lived at
Cologne in the middle of the thirteenth century is designated as a native
of Gotha (Höniger, 'Das Judenschreinsbuch der Laurenzpfarrer in Köln',
p. 8 Nos. 39,40). In 1303 the Jews of Gotha, were persecuted in
consequence of an accusation, which originated in the province, of having
murdered the son of a miner for ritual purposes. The Nuremberg 'Memorbuch'
gives the names of the victims of this persecution. The community was
annihilated at the time of the Black Death, and a new community must have
sprung up, which appears to have disappeared again in 1459-60, a period of
renewed persecution. The exegete Solomon is designated as a native of
Gotha.
In the nineteenth century, prior to 1848, no Jews were permitted to live
in the duchy of Gotha, although they could trade there under restrictions;
after 1848 they were free to enter. They began to settle there in the
sixth and seventh decades and founded a community in the capital which at
first numbered only from ten to twelve families. The first communal
officals were appointed in the eighth decade. There is no rabbi, affairs
being managed hy three teachers. The community has a lterary society and a
B'nai N'rith lodge. The synagogue was built in 1903. The first cemetery
was situated on the Erfurter Landstrasse; when this was closed by the
local authorities in the eighth decade, a new cemetery was acquired in the
Eisenacher Landstrasse. In 1903 Gotha had a population of 29.134, of whom
about 350 were Jews." |
Der Antisemit Philipp Stauff aus Berlin steht in Gotha
vor dem Gericht (1914)
Hinweis: über Philipp Stauff (1876-1923) informiert ein englischer
Wikipedia-Artikel
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 9. Januar 1914: "Gotha, 2. Januar (1914). Vor der
Strafkammer des Landgerichts Gotha hatte sich wegen Beschimpfung der
jüdischen Religion auf Grund des $ 166 des Strafgesetzbuches der Schriftsteller
Philipp Stauff aus Berlin zu verantworten. Ein grob ausfälliger
Artikel in der antisemitischen 'Thüringer Landeszeitung' mit der
Überschrift 'Evangelische Führer' gab den Anlass zu der Anklage. Es
heißt in dem Artikel u.a., dass die Juden die Christen 'nicht als
Menschen, sondern als Vieh' betrachten, dass die Juden 'das Volk bewuchern
und übervorteilen' und dass 'die jüdische Religion tief unter der
katholischen steht in sittlicher Beziehung'. Der Angeklagte, der ohne
jeden Beweis arbeitet, erklärte hierzu, dass er sämtliche Behauptungen
mit voller Absicht aufgestellt habe. Er beruft sich des weiteren auf
Talmud und Tora. Der Verteidiger machte lange Ausführungen über frühere
Prozesse in Leipzig; er benennt schließlich Zeugen für die Richtigkeit
der Angaben des Angeklagten und betont, dass dieser nicht das Bewusstsein
gehabt habe, etwas Rechtswidriges zu begehen. Infolge dieser Anträge kam
es zu einer Vertagung. Im nächsten Termin sollen neue Aktenstücke
verlesen und Zeugenaussagen gehört werden." |
Schächtverbot in Gotha (1931)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Februar 1931: "Schächtverbot
in Gotha.
Berlin, 12. Februar (1931). Der Gothaer Stadtrat hat einen
nationalsozialistischen Antrag auf Erlass eines Schächtverbotes für
Gotha mit 17 gegen 14 Stimmen bei 4 Stimmenthaltungen angenommen. Für das
Verbot stimmten die Nationalsozialisten, die Deutschnationalen und die
Wirtschaftspartei, dagegen stimmten die Sozialdemokraten, die Deutsche
Demokratische Partei und die Kommunisten. Die Deutsche Volkspartei
enthielt sich der Stimme.
Die 'C.V.-Zeitung bemerkt dazu u.a.: Die Stellungnahme der
Wirtschaftspartei überrascht deswegen, weil sich die in Betracht
kommenden Wirtschaftsorganisationen, die der Partei nahe stehen, aufs
entschiedenste gegen das Verbot ausgesprochen haben, durch das sie schwere
Schädigungen voraussahen... Die Gothaer Vorgänge beleuchten in
dankenswerter Weise die Grundsatztreue gewisser Parteien und gestatten
einen Vorausblick auf die Geschehnisse im thüringischen Landtag, wo
bekanntlich in Kürze ein Betäubungszwangsgesetz für ganz Thüringen, in
klarem Deutsch: ein Schächtverbot zur Abstimmung gelangen
wird." |
Aus der NS-Zeit - "Deutscher Gruß" von Juden unerwünscht (1933)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1933: "Deutscher
Gruß von Juden unerwünscht.
Gotha, 23. Oktober (1933). Die Gothaer Stadt- und Kreisleitung der
NSDAP erließ folgende Bekanntmachung: 'Es ist wiederholt die Frage
aufgeworfen worden, ob Juden auch den deutschen Gruß zu leisten haben. Um
alle Missverständnisse in Zukunft zu unterbinden, geben wir hiermit
bekannt, dass der deutsche Gruß ein Gruß der Deutschen ist, der von
Juden nicht nur nicht verlangt wird, sondern der von ihnen nicht einmal
erwünscht ist. Die Bevölkerung wird daher ersucht, Juden, die den
deutschen Gruß nicht anwenden, unbehelligt zu lassen.'" |
"Parteigenossen" dürfen sich nicht mehr von jüdischen Ärzten
behandeln lassen (1933)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Dezember 1933: "Gotha.
Die Stadtkreisleitung der NSDAP bringt folgende Anweisung der Gauleitung
zur Kenntnis: 'Jüdische Ärzte: Ebenso wie es den Parteigenossen
untersagt ist, bei Juden zu kaufen, ist es auch nicht gestattet, dass sie
sich in Behandlung jüdischer Ärzte begeben, da dies parteischädigend
ist.' |
Berichte zu einzelnen
Personen aus der Gemeinde
Leutnant Dr. Alfred Wachtel wird mit dem Eisernen Kreuz I ausgezeichnet
(1917)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 23. Februar
1917:
"Gotha. Leutnant Dr. Alfred Wachtel erhielt das Eiserne Kreuz
1.Kl." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Werbung für das Israelitisch-Internationale Erziehungsanstalt für Knaben von
M. Lichtenauer in Gotha (1870)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Januar 1870: "Israelitisch-Internationale
Erziehungsanstalt für Knaben vom 10. Jahre an
von M. Lichtenauer, Sprachlehrer in Gotha. Deutsch, französische,
englische und italienische Sprache. Handelswissenschaften. Vorbereitung
für das Militärexamen. Mäßiges Honorar." |
Anzeige des Eisenwarengeschäftes Gebr. Ruppel (1887)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. März
1887:
"In unser Eisenwaren-Geschäft en gros & detail kann zu Ostern
diesen Jahres ein junger Mann als
Lehrling eintreten.
Gebrüder Ruppel, Gotha." |
Anzeigen der Fa. Gebr. Alsberg (1903 / 1904)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. November
1903:
"Wir suchen zum baldigen Eintritt ein Lehrmädchen
aus guter Familie, mit guter Figur. Station (koscher), im Hause.
Gebrüder Alsberg, Gotha." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1904: "Wir
suchen für unser Manufaktur-, Konfektions- und Kurzwaren-Geschäft einen Lehrling
mit guten Schulkenntnissen. Kost und Logis im Hause.
Gebrüder Alsberg, Inhaber G. Marcks, Gotha." |
J. Grünstein sucht eine Lehrstelle für seinen Sohn (1904)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Februar 1904:
"Für meinen Sohn, der Ostern die Berechtigung zum Einjährigen
erhält, suche in Frankfurt eine Lehrstelle,
wo Samstags und Feiertage geschlossen.
J. Grünstein, Gotha." |
Verlobungsanzeige von Bertel Kaiser und Emil Ferchheimer (1922)
Anzeige
in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins) vom 2.
November 1922: "Statt Karten.
Bertel Kaiser - Emil Ferchheimer. Verlobte.
Gotha, Lutherstrasse - Coburg." |
Zur Geschichte der Synagogen
Im Mittelalter dürfte ein Betsaal oder eine Synagoge vorhanden gewesen sein,
von der nichts näheres bekannt ist.
Nachdem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zahl der
jüdischen Familien zunahm, wurden zunächst Beträume in jüdischen
Wohnhäusern benutzt. Zuerst im Eichelschen Haus (Hauptmarkt 36), danach im
Liebensteinschen Haus (Schwabhäuser Straße 6) und ab 1877 im Rudolphschen Haus
(Siebleber Straße 8). Ein jüdischer Reisender, der 1887 durch Gotha kam, hat
auf Grund des vermutlich unscheinbaren Charakters des damaligen Bethauses ein
anderes Gebäude als Synagoge "identifiziert" und in der Zeitschrift
"Der Israelit" beschrieben, was jedoch alsbald durch einen
Ortskundigen zurechtgerückt werden konnte:
Fälschliche Beschreibung der Gothaer
Synagoge durch einen jüdischen Reisenden (Verwechslung mit dem Haus der
Freimaurerloge) und Richtigstellung (1887)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Oktober 1887: "In
Gotha, wo ich am Montag war und des Wochentages wegen die Synagoge
nur von außen sehen konnte, macht dieselbe einen vornehmen Eindruck. Es
ist ein regelmäßiger Quadratbau in grauem Sandstein, kleiner als der in
Erfurt, und die Vorderfassade lässt nur durch einige architektonische
Schnitzereien eine Synagoge vermuten. An der rechten Seitenwand von der
Straße aus ist eine Steintafel eingelassen, auf der das Errichtungsjahr
(ich glaube mich zu erinnern 1875-1877) angegeben ist, unter Bezugnahme
auf den regierenden Herzig. Das Wort Synagoge aber und was sonst dem
entsprechend, ist darauf nicht zu lesen, auch kein anderes 'jüdisch'
Wort', das heißt kein hebräischer Buchstabe oder Spruch, z.B. 'Beth
Jakob, l'chu, we-nelchu bedar Adonai' usw., wie man an anderen
Synagogen liest. Ob dies der Furcht zuzuschreiben ist, offen aufzutreten,
kann ich nicht wissen, doch ist die Synagoge in der vornehmsten Straße
Gothas gelegen, nämlich in der Friedrichstraße (oder Allee), dicht beim Lustschloss
Friedrichsthal, gegenüber der großartigen herzlichen Orangerie und ganz
nahe vom jetzigen Wohnpalais des Herzogs. ich weiß nur nicht für wen die
Synagoge hergestellt ist, denn in der Stadt - und es ist bei jedem
Aufenthalt mein Vorsatz 'überall' gewesen zu sein und 'Alles' gesehen zu
haben - habe ich nur 2-3 jüdische Namen gelesen, während man z.B. in
Erfurt, namentliche am 'Anger' (Handelsstraße) viele jüdische Namen
lesen kann." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. November 1887:
"...Der betreffende Referent schildert die Synagogen von Gotha,
Meiningen und Coburg und behauptet, alles Diesbezüglich gründlich
gesehen und berichtet zu haben. Wie gründlich der Referent zu Werke
gegangen ist, wollen wir aus Nachstehendem ersehen: In Gotha stempelt
er das Gebäude der dortigen Freimaurerloge zur Synagoge und hat keine
Ahnung davon, dass die Gothaer Synagoge in einem ganz andern, als in dem
beschriebenen Stadtteile liegt, und kein Gebäude aus grauem Sandstein,
sondern vorläufig noch ein einfacher, provisorischer Holzbau
ist." |
1903/04 baute die Israelitische Kultusgemeinde in der damaligen
Hohenlohestr. 1 (heute Moßlerstraße) in neuromanischem Stil eine neue
Synagoge. Architekt war Richard Klepzig aus Gotha. Die Synagoge wurde am 11.
Mai 1904 in Anwesenheit von Landrabbiner Dr. Prager aus Kassel feierlich
eingeweiht. Es war ein Zentralbau mit eine
türmchenbekrönten Kuppel.
Die Einweihung der Synagoge (1904)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Mai 1904:
"Gotha. Am 11. dieses Monats wurde unsere neue Synagoge in wahrhaft
feierlicher Weise eingeweiht. Anwesend waren der Oberbürgermeister Liebetreu
mit mehreren Vertretern des Stadtrats und der Stadtverordneten, Oberhofprediger
Scholz, der Pfarrer der katholischen Kirche, Unkraut, der Geistliche der
englischen Gemeinde, Hubbard, ferner Vertreter der Nachbar-Gemeinden. Im Namen
der Regierung war Staatsminister Hentig erschienen, der folgende Ansprache
hielt: "Im Namen Sr. Durchlaucht des Regenten und der Herzoglichen
Staatsregierung danke ich zuvörderst für die freundliche Einladung zur
heutigen Feier. Jede neue Stätte, die dem Gottesdienst errichtet wird, ist ein
ragendes Zeichen für die Unvergänglichkeit des religiösen Sinnes in der
menschlichen Natur, ein Denkmal des fortlebenden Idealismus, der nicht aufhört,
nach dem Höchsten zu suchen und den irdischen Menschen im tiefsten und
innersten Zusammenhang mit dem Ewigen zu denken. Solcher Sinn kann nur im
Frieden der Religionsgemeinschaften untereinander gehütet und gepflegt werden.
In unserem Lande ist uns dieser Frieden bisher beschieden gewesen; er wird, so
hoffe und wünsche ich, auch für ferne, unabsehbare Zeit gewahrt bleiben. Indem
ich im Höchsten Auftrage die Wünsche Seiner Durchlaucht des Regenten zur
Vollendung ihres Werkes der kleinen, aber opferfreudigen Festgemeinde, die treu
den Glauben ihrer Väter bewahrt, überbringe, schließe ich mich diesen
Wünschen von Herzen an." Mit einer poetischen Widmung überbrachte sodann
ein junges Mädchen auf seidenem Kissen den Schlüssel des Gebäudes dem
leitenden Architekten, Herrn Klepzig, der ihn dem Herrn Staatsminister
überreichte mit der Bitte, das Gotteshaus in den Schutz des Staates und der Stadt
zu übernehmen und den Befehl zur Eröffnung zu geben. Der Minister gab den
Schlüssel an den Herrn Oberbürgermeister Liebetreu weiter, der ihn mit Worten
des Dankes für die Einladung und mit dem Versprechen, stets die Interessen der
Gemeinde zu wahren, in Empfang nahm. Hierauf wurden die Pforten des Gotteshauses
geöffnet und die Ehrengäste traten ein, von der versammelten Gemeinde mit dem
Gesange des Boruch habo begrüßt. Nachdem Lehrer Roethler den Psalm 30 und dann
im Wechselgesang mit dem Chor weitere Psalmen wirkungsvoll vorgetragen, sprach
er ein warm empfundenes Gebet für den Kaiser, Herzog und Regenten, worauf die
von dem Ältesten der Gemeinde getragenen Thorarollen unter den religiösen
Gesängen in die heilige Lade gestellt worden. Die Festpredigt hielt
Landrabbiner Dr. Prager - Kassel. Der Regent Erbprinz zu Hohenlohe hat auf ein
Huldigungstelegramm der Gemeinde folgende Drahtantwort geschickt: "Ich
freue mich mit Ihrer Kultusgemeinde der Vollendung Ihres Gotteshauses und danke
bestens für den freundlichen und mir übersandten Gruß. Erbprinz
Hohenlohe". Das neue Gotteshaus gewährt einen erhebenden, stimmungsvollen
Eindruck. Möge es dazu beitragen, den religiösen Sinn in unserer Gemeinde wach
zu halten. |
In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge zerstört. Am frühen
Morgen des 10. November stand das Gebäude in Flammen und brannte bis auf die
Grundmauern nieder. Die Ruine stand noch einige Zeit. Die Abbrucharbeiten
begannen am 10. März 1939. Die Kosten des Abbruchs hatte die Jüdische Gemeinde
zu bezahlen.
Die Zerstörung der Synagoge beim Novemberpogrom 1938 -
nach der Bericht in der NS-Tagespresse
Bericht vom "Brand in der
Hohenlohestraße" im "Gothaer Beobachter" vom 11.11.1938: "Der
Brand in der Hohenlohestraße. Wie wir gestern schon kurz berichteten,
wurde auch in Gotha der feige hinterhältige Judenüberfall auf den
deutschen Diplomaten in Paris mit einer Demonstration der Empörung gegen
das Gothaer Judentum beantwortet. Schon kurz nach dem Bekannt werden des
Hinscheidens des Botschaftsrats 1. Klasse vom Rath hatten sich im Stadtinnern
zahlreiche Volksgenossen zusammengefunden, um ihrer Empörung Luft zu
machen. In der Mitternachtsstunde erreichten diese Demonstrationen ihren
Höhepunkt. Jedoch vollzog sich alles reibungslos und in geordneter
Disziplin. Keinem Juden wurde auch nur ein Haar gekrümmt. Aber ihre
Synagoge musste dran glauben. die Demonstranten zogen nach der
Hohenlohestraße und in kurzer Zeit stand das jüdische Bethaus in
Flammen. Vor Anlegung des Brandes wurde die Hausmeisterin benachrichtigt,
sodass für Menschenleben keine Gefahr bestand. Dann ging das Judenhaus in
Flammen auf. Im Nu stand die Kuppel in hellen Flammen, die Feuerwehr
rückte heran und sorgte dafür, dass der Brand auf das Gebäude
beschränkt blieb. Nach einigen Stunden, gegen 5 Uhr morgens, ging das
Feuer zurück. Die Synagoge ist mit allem Inventar vollständig
ausgebrannt. Es stehen lediglich noch die Außenmauern.
Gestern Vormittag hatte sich der Brand der Synagoge in der Stadt schnell
herumgesprochen, die Brandstätte wurde im Laufe des gestrigen Tages von
zahlreichen Schaulustigen besucht.
Dieser Ausbruch der Empörung war unvermeidlich und die Juden haben sch
die Folgen selbst zuzuschreiben. Die Juden drinnen und die Juden draußen,
das ist ja alles eine Judenschaft. Nun Schluss mit den Einzelaktionen, das
Weitere werden Gesetz und Verordnungen besorgen." |
Seit 1988 befindet sich beim einstigen Synagogenstandort eine Gedenkstätte.
Der Künstler Hans Klein aus Gotha gestaltete eine Plastik in Form von zwei
abgewinkelten Stahlprofilen, die KZ-Zaunpfähle oder das zerbrochene Fenster
eines Gotteshauses symbolisieren sollen.
Adresse/Standort der Synagoge:
Die Häuser mit den Beträumen nach 1866:
- Eichelsches Haus: Hauptmarkt 36 (Gebäude besteht noch)
- Liebensteinsches Haus: Schwabhäuser Straße 6 (1994
abgebrochen)
- Rudolphsches Haus: Siebleber Straße 8 (heute Evangelisch-Freikirchliche
Gemeinde)
Synagoge 1904: Hohenlohestraße 1, heute Moßlerstraße beziehungsweise Straße
"An der Synagoge"
Fotos
(Historische Fotos aus verschiedenen Publikationen; Fotos
untere Zeile: Hahn, Aufnahmedatum 12.8.2005)
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Historische Ansichtskarte von
Gotha
mit Synagoge (links unten) |
Außenaufnahme
der Synagoge |
Innenaufnahme |
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| Die Gedenkstätte für die
Synagoge |
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| Straße "An der
Synagoge" - im Hintergrund ein inzwischen unbewohnter Plattenbau |
Gedenkstätte am
Synagogenplatz,
1988 von Hans Klein errichtet |
Inschrift und Abbildung der
Synagoge am Denkmal |
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| August 2009:
Vierte "Stolpersteine"-Verlegung in
Gotha |
Artikel in der "Thüringischen
Landeszeitung" vom 11. August 2009 (Artikel):
"Gothaer stolpern über vierte Steinverlegung
Gotha. (tlz/bau) Vier weitere Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig erinnern seit gestern an das Schicksal jüdischer Mitbürger und Holocaust-Opfer aus Gotha. Erstmals verlegte Demnig in Gotha einen Stein für einen Angehörigen der Sinti und Roma.
Den Stolperstein für Monika Mettbach stiftete die Schulgemeinde der Herzog-Ernst-Schule. Sechs ihrer Schüler hatten bei dessen Aufenthalt in Gotha 2008 die Aktion unterstützt und unter anderem auf das Schicksal mehrerer Kinder aufmerksam gemacht, die zu den Opfern nationalsozialistischen Terrors gehörten. Für eines dieser Kinder sollte eigentlich ein Stolperstein gesetzt werden, da aber das einstige Wohnhaus im Bereich des Mohren-Busbahnhofs stand, verständigten sich Aktionsbündnis und Schule darauf, den Stein für die im Alter von zwei Jahren ermordete Monika Mettbach zu setzen. Der hat seinen Platz im Ulmenweg, wo vor mehr als 60 Jahren offenbar eine Barackensiedlung stand, in der Monika Mettbachs Familie untergebracht war.
Albrecht Loth vom Aktionsbündnis gegen rechte Gewalt ist mit dem Fortgang der Stolperstein-Aktion in Gotha mehr als zufrieden. Seit 2006 gab es jedes Jahr eine Verlegung von Stolpersteinen. Dieses Jahr zwar nur vier an der Zahl, aber es gibt immer noch Interessenten, die die Aktion unterstützen, sagt Albrecht
Loth.
Stolpersteine gibt es im Kreis außer in Gotha noch in Waltershausen und Friedrichroda. Bundesweit erinnern 471 Kommunen auf diese Weise an jüdische Mitbürger, Homosexuelle, Sinti und Roma oder Zeugen Jehovas, die Opfer nationalsozialistischen Terrors wurden. Bundesweit wird so inzwischen mehr als 20 000 ermordeten Menschen gedacht." |
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| September 2011:
Sechste "Stolpersteine"-Verlegung in
Gotha |
Artikel von Klaus-Dieter Simmen in der
"Thüringischen Landeszeitung" vom 29. September 2011: "Zum
sechsten Mal verlegt Gunter Demnig Stolpersteine in Gotha"
Link
zum Artikel; auch eingestellt
als pdf-Datei. |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,1 S. 295f; III,1 S. 457-460. |
 | Jüdische Landesgemeinde Thüringens (Hg.): Die Novemberpogrome.
Gegen das Vergessen. Eisenach - Gotha - Schmalkalden. Spuren jüdischen
Lebens. 1988. |
 | Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in
Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und
Thüringen. Berlin 1992. S. 272-274. |
 | Israel Schwierz: Zeugnisse jüdischer Vergangenheit
in Thüringen. Eine Dokumentation - erstellt unter Mitarbeit von Johannes
Mötsch. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen ( www.lzt.thueringen.de)
2007. Zum Download
der Dokumentation (interner Link). |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Gotha Thuringia. Jews lived there at the turn of the 12th and 13th
centuries and possibly earlier. Until the 16th century the history of the local
Jewish community was marked by successive expulsions and returns. Following the
last expulsion in 1543, Jews were not allowed to return to Gotha until 8 June
1768. The Jewish population began to increase following emancipation of the Jews
of Saxony-Coburg-Gotha in 1852. They numbered 27 in 1864; 119 in 1875; 296 in
1900; and 372 in 1910 (total 39,553). Antisemitism and Nazi incitement were
widespread in Gotha even before 1933. In Februar 1931, the majority of the city
council voted to prohibit ritual kosher slaughter. The Nazi takeover in 1933
accelerated emigration, reducing the size of the community from 350 in 1932 to
264 according to the June 1933 census. The local Nazi newspaper conducted a
vicious antisemitic campaign, publishing in September 1935 a list of 147 adult
Jews "with whom we may no longer associate". Jews wishing to emigrate
were assisted by a counseling center at the Confessor's church headed by the
evangelical priests Gerhard Bauer and Werner Sylten (the latter recognized
posthumously as one of the Righteous among the Nations). On Kristallnacht
(9-10 November 1938), the synagogue was burned down; Jewish shops were
vandalized and pillaged; and 38 Jews were deported to the Buchenwald
concentration camp. In 1939, only 80 Jews were left in Gotha and 39 in 1940-41.
Probably in September 1942, 28 Jews were deported. To escape deportation at
least seven Jews in Gotha committed suicide.

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