|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zurück zur Übersicht "Synagogen in Mittelfranken"
Thalmässing (Marktgemeinde,
Kreis
Roth bei Nürnberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In der ehemals den Markgrafen von Ansbach gehörenden
Ortschaft Thalmässing gab es Juden bereits im späten Mittelalter, doch
dürften im Bereich von Thalmässing bereits im 13./14. Jahrhundert Juden gelebt
haben. Mitte
des 15. Jahrhunderts (vor 1468) machten ein oder mehrere Thalmässinger
Juden Pfandgeschäfte. 1489 handelte einer mit Getreide in Nürnberg. 1480 lebte
am Ort ein Jude unter dem Schutz des Markgrafen. 1449 wird ein nach Thalmässing
benannter Jude in Regensburg genannt. Auch in der ersten Hälfte des 16.
Jahrhunderts werden Juden am Ort genannt (vor 1531: erster markgräflicher Schutzbrief
des Thalmässinger Juden Mayr / Meir), die jedoch 1560 und 1569
ausgewiesen wurden. Wie streng die Ausweisung gehandhabt wurde, ist nicht
bekannt. 1600 erhielt ein Jude von Thalmässing einen fürstlichen
Geleitsbrief.
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in die Zeit des 17.
Jahrhunderts zurück. 1618 lebten fünf jüdische Familien am Ort, nach
dem Ende des Dreißigjährigen Krieges jedoch nur noch eine jüdische Familie
oder Person. 1674 waren es acht, 1689 vierzehn, 1714 21 Familien, die in
Thalmässing lebten. Eine
Höchstzahl wurde 1743 erreicht, als 227 jüdische Einwohner gezählt
wurden, darunter 118 Kinder. Die jüdischen Familien lebten in 32
Häusern.
Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war die Zahl der jüdischen
Einwohner bereits leicht zurückgegangen. Es liegen für das 19. Jahrhundert folgende
Zahlen vor: 1811/12 210 jüdische Einwohner (20,9 % von insgesamt 1.006
Einwohnern), 1835 335 (etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung), 1867 202 (17,0 % von 1.191), 1880 112 (10,1 % von 1.105), 1890 98
(8,4 % von 1.163), 1900 67 (5,9 % von 1.127).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
Israelitische Religions- und Elementarschule,
ein rituelles Bad und seit 1832 einen Friedhof
(zuvor wurden die Toten der Gemeinde in Georgensgmünd beigesetzt). Die Gemeinde
gehörte bis 1851 zum Bezirksrabbinat Schwabach
und wurde in diesem Jahr dem Rabbinatsbezirk Sulzbürg zugeteilt.
Für
die Schule wurde 1840 ein jüdischen Schulhaus eingerichtet. An der Schule
wirkten israelitische Religions- und Elementarlehrer. In besonderer
Erinnerung blieb Lehrer Jesajas Prager (von 1830 bis um 1860 in
Thalmässing) sowie Lehrer Samuel Loew Hammel (von 1859 bis 1907 in
Thalmässing, seit 1906 als Oberlehrer).
Außer den Lehrern hatte die jüdische Gemeinde im 19. Jahrhundert zeitweise als weiteren
Kultusbeamten einen
Vorbeter für die Wochentage angestellt, der zugleich als Schächter sowie als
Gemeinde- und Begräbnisdiener tätig war (vgl. Ausschreibungstext unten).
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Unteroffizier
Siegfried Rosenfeld (geb. 18.11.1895 in Thalmässing, gef.
16.8.1918).
Um 1925, als noch 42 Personen der jüdischen Gemeinde
angehörten (3,8 % der Einwohnerschaft von etwa 1.100 Personen), waren die Gemeindevorsteher
Siegmund Süß-Schülein und Ludwig Schülein. Als Religionslehrer und Kantor
wirkte Sally Cohn. Es waren damals noch fünf jüdische Kinder an der
Religionsschule zu unterrichten. An jüdischen Vereinen bestanden die Chewroh
Kadischa (Sozial- und Bestattungsverein unter dem Vorsitz von Siegmund
Süß-Schülein mit 1924 9 Mitgliedern) sowie der Israelitische Frauenverein
unter dem Vorsitz von Rosa Schülein (1925 7 Mitglieder, 1932 Vorsitz Emma
Neuburger). Die jüdische Gemeinde gehörte inzwischen zum Rabbinatsbezirk Nürnberg. 1932
waren die Gemeindevorsteher Siegmund Süß-Schülein (1. Vors.), Julius
Schülein (2. Vors.) und Heinrich Holländer (3. Vors.). Als Kantor war
inzwischen Elieser Rachelsohn tätig (1943 mit Frau und Tochter im KZ Auschwitz
ermordet).
1933 lebten noch 33 jüdische Personen am Ort (vor allem die vier
Familien Neuburger, Süß, Rosenfeld und Schülein; 2,9 % von insgesamt 1.131
Einwohnern). Auf Grund der zunehmenden Repressalien und der Folgen des
wirtschaftlichen Boykotts wurden die Lebensbedingungen auch für die jüdischen
Familien in Thalmässing immer schwieriger. Im Juli 1934 beschwerte sich Martin
Rosenfeld, der (jüdische) Besitzer einer großen Lebensmittelfirma in
Thalmässing beim bayerischen Wirtschaftsministerium darüber, dass ihn seine
Kunden, vor allem Bauern aus der Umgebung, boykottierten, da am Ort die Devise
ausgegeben worden sei: "Wer beim Juden kauft, ist ein
Volksverräter". Bis Mai 1939 verließen alle jüdischen
Einwohner den Ort: 13 konnten emigrieren (sieben in die USA, je drei nach
Frankreich und Argentinien), 20 verzogen innerhalb Deutschlands (sechs nach Nürnberg,
vier nach München, zehn in andere Orte). Die letzten neun hatten sich zum
Wegzug aus Thalmässing nach den Ereignissen beim Novemberpogrom 1938
entschlossen.
Von den in Thalmässing geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", ergänzt durch einige Namen
auf dem Gedenkstein an der Synagoge in
Georgensgmünd): Henriette (Jette, Henny) Benario geb. Schwarz (1875),
Sophie Bock geb. Heydecker (1870), Babette Böhm geb. Pappenheimer (1856),
Hermann Dachauer (1869), Dr. David Erlanger (1867), Dr. Michael Erlanger (),
Michael Erlanger (), Bella Pauline Guggenheim geb.
Haas (1869), Ludwig (Lois) Haas (1870), Alexander Heydecker (1887), Justus
Hommel (1878), Max Hommel (1867), Hedwig Hubert geb. Schülein (1901), Frieda
Kaiser geb. Schönfrank (1901), Emma Lindner geb. Rosenfeld (1862), Berta Meier geb. Haas (1898),
Bernhard Neuburger (1875), Moritz Neuburger (1868), Rosa Neuburger geb. Meyer
(1873), Salomon Neuburger (1862), Selma Neuburger (1896), Mathilde Neuhaus geb.
Schwarz (1869), Louis Pappenheimer (1861), Jette (Henriette) Pessel geb. Hommel
(1866), Kathi Pessel geb. Hommel (1869), Doris Rachelsohn (), Elieser Rachelsohn (1884),
Hanna Rachelsohn geb. Schochet (1887), Max Rosenfeld (1859), Selly Rosenfeld
(1894), Siegfried Schönfrank (1898), Justin Schülein (1874), Ludwig Schülein
(1872), Elise Seller geb. Schülein (1876), Recha Strauß
geb. Hommel (1877), Bertha Süß-Schülein (1869), Sigmund Süß-Schülein (1868), Antonie Weinfeld geb.
Heydecker (1892).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Zur Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1871
(Schochet, Gemeindediener und Vorsänger), 1927 (Lehrer, Vorbeter und Schochet)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Oktober 1871:
"Erledigte Stelle. In der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde
erledigt sich mit dem 1. Januar 1872 die Stelle eines Schächters,
Gemeinde- und Begräbnisdiener und Vorsängers für die Wochentage. Der
Gehalt besteht in 200 Gulden fix, 30 Gulden Wohnungsentschädigung, in
Schächtergefällen, die mindestens 200 Gulden betragen und in sonstigen Akzidenzien
und Zuflüssen aus Stiftungen. Die Stelle ist provisorisch, kann aber bei
zufriedenstellenden Leistungen nach Ableben des in Quiescenz getretenen
Schächters definitiv verliehen werden.
Bewerber um dieselbe werden aufgeforderte, ihre Gesuche binnen 4 Wochen
unter Beilage ihrer Befähigkeitszeugnisse bei dem Unterfertigten
einzureichen und müssen in der Lage sein, zur Sicherheit der
anzuvertrauenden Gelder und Gemeindeeigentümer eine Kaution von
mindestens 300 Gulden aufrecht machen zu können. Unverheiratete Bewerber
werden bevorzugt.
Thalmässing (Mittelfranken), den 9. Oktober 1871. Der Kultus-Vorstand A.
Erlanger." |
| |
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 9.
Februar 1927: "Wir suchen zur sofortigen Besetzung unserer
Stelle einen seminaristisch gebildeten Lehrer zugleich als Chasen und
Schochet (Reichsdeutschen). Israelitische Kultusgemeinde Thalmässing in
Mittelfranken." |
Zuschuss der königlichen Kreisregierung zum Bau des jüdischen Schulhauses (1840)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. April 1843:
"Im Jahre 1840 erwarb die jüdische Gemeinde zu Thalmessing ein
eigenes Schulhaus, und die königliche Kreisregierung, an die sie sich
deshalb wendete. wies ihr fünfhundert Gulden als Staatsbeitrag bei der
königlichen Kasse an. - Gewiss ein eklatanter Beweis von Toleranz, den
man im intelligenten, phrasenreichen Preußen vergeblich suchen
dürfte." |
Zum Tod des israelitischen Schullehrers Jesajas Prager (1870;
Lehrer in Thalmässing seit 1830)
Artikel
aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Mai 1870: "Thalmessing
(Bayern). Am 8. April starb dahier der israelitische Schullehrer, Herr
Jesajas Prager, im 89. Lebensjahre. Das am 11. stattgefundene
Leichenbegängnis desselben legte Zeugnis ab, wie sehr der Verblichene
dahier in Ansehen stand und wie doch das Volk fortschreitet, wahres
Verdienst um die Jugenderziehung anzuerkennen. Es hatten sich hiezu
nicht nur die Mitglieder und Angehörigen der gesamten israelitischen
Gemeinde, die drei hiesigen protestantischen Herren Geistlichen, die
Herren Lehrer von hier und mehrere der Umgegend, die sämtlichen Herren
Gemeindebeamten, sondern auch ein sehr großer Teil der hiesigen
christlichen Bürgerschaft eingefunden, um dem Entschlafenen das letzte
Ehrengeleit zu geben. Am Grabe angekommen, ergriff der Distrikts-Rabbiner,
Herr Dr. Löwenmeyer, aus Sulzbürg das Wort, um ein ebenso
charakteristisches als treues Lebensbild des Seligen zu entrollen, indem
er der aufopfernden Liebe, der treuen Hingabe und des unermüdeten
Diensteifers gedachte, womit derselbe während seiner 60jährigen
Aktivität als Erzieher und Lehrer zum Frommen der hiesigen Gemeinde in
und außer der Schule wirkte, dessen anspruchslose Bescheidenheit und
Demut, dessen schlichtes, einfaches und von der reinsten Moral
geregeltes Leben, sowohl im Kreise seiner Familie und Kollegen, als im
Verkehre mit seinen Vorgesetzten und Mitbürgern rühmte, um so
schließlich denselben als einen echten, wackeren und treuen
Volksschullehrer zu bezeichnen, der für das Prinzip lebte und wirkte, in
jedem Menschen den Mitbruder und das Kind des Vaters, der die ganze
Menschheit mit gleicher Liebe umfasse zu erkennen. Hieran reihte sich eine
gleich ausgezeichnete warme Ansprache des durch seine Toleranz und edle
Menschenfreundlichkeit allgemein beliebten und hochverehrten hiesigen
protestantischen Dekans und Distriktsschulinspektors Herr Reichenbach,
worin er sich, bezüglich der vielen Verdienste des Verblichenen dem Herrn
Vorredner anschloss und bemerkte, dass gerade die auch an dem
Entschlafenen gerühmte, in der zivilisierten Welt sich mehrende Liebe und
Toleranz es seien, die den gegenseitigen Hass der Konfessionen
abgeschwächt haben und wie er hoffe, gänzlich beseitigen werden. Mit
wahrhaft rührenden Worten sprach der Redner hierauf dem Seligen, bevor
ihn die Mutter Erde aufnahm, seinen innigen Dank für alle erwiesene Liebe
und traue aus. Mit gespannter Aufmerksamkeit und sich steigernder
Empfindung folgte die einen großen Teil des Friedhofes ausfüllende
Versammlung den Ausführungen beider Herren Redner, und Tränen sah man
fließen aus den Augen dankbarer Schüler, väterlicher Vorgesetzten und
treue Kollegen und Freunde. |
Volksschullehrer Samuel Loew Hammel erhält den Titel Oberlehrer (1906)
Mitteilung
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. Januar
1906: "Thalmässing (Bayern). Herr Volksschullehrer Samuel
Loew Hammel erhielt den Titel Oberlehrer." |
Abschiedsfeier von Oberlehrer Hammel (1907; war von 1859 bis 1907 als Religions- und
Elementarlehrer in Thalmässing)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Mai 1907: "Thalmässing
(Mittelfranken), 12. Mai (1907). Zu einer erhebenden Kundgebung gestaltete
sich jüngst die von der jüdischen Gemeinde zu Ehren des in den Ruhestand
getretenen Herr Oberlehrers Hammel arrangierte Abschiedsfeier, an welcher
alle Stände und Berufsarten ohne Unterschied des Glaubens sich
beteiligten. Mit tiefem Bedauern sieht man in allen Kreisen der
Bevölkerung Herrn Hammel, der in Thalmässing 48 Jahre in überaus
segensreicher Weise als Religions- und Elementarlehrer gewirkt, von dem
Orte dieser seiner Wirksamkeit nunmehr scheiden. Herrn Hammel wurde
bereits vor zwei Monaten unter Anerkennung seiner Verdienste die
nachgesuchte Pensionierung bewilligt. Jetzt vor seinem Weggang nach
Nürnberg ward ihm noch eine besondere Würdigung zu Teil, die Ernennung
zum Ehrenbürger, worüber der Kunstmaler Hans Treiber in München ein
Diplom anfertigte. Am 5. dieses Monats erfolgt die feierliche
Überreichung des Diploms durch den Bürgermeister, Herrn Pfitzinger. Herr
Dekan Gruber, der Lokalschulinspektor schilderte im Anschluss an die
ehrenden Worte des Bürgermeisters die Leistungen Hammels als
Schulmann. Herr Kultusvorsteher Salomon Neuburger, brachte die
Gefühle, die die israelitische Gemeinde für Herrn Hammel hegt, zum
Ausdruck und überreichte in deren Namen als ein Zeichen dauernder
Anhänglichkeit eine goldene Uhr. Tiefgerührt dankte der Scheidende für
alle diese Beweise der Liebe und Dankbarkeit." |
Tod von Oberlehrer Hammel (1912 in Nürnberg)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 8. März 1912:
"Nürnberg. Der früher in Thalmässing amtierende und hier den
Ruhestand genießende Oberlehrer Hommel (verschrieben für Hammel)
starb vor einigen Wochen. Nach seinem Ableben ist nun die Ehrenmedaille
des Luitpoldkreuzes für ihn eingetroffen." |
Wiederbesetzung der Schulstelle mit Lehrer W. Goldberg (1927)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 19.
September 1927: "Unter Beihilfe des Verbandes wurden folgende Stellen
wieder besetzt: Thalmässing durch W. Goldberg aus Ichenhausen,
Bechhofen durch E. Heimann, früher in Odenbach, Schwanfeld durch M.
Selmanson, bisher in Lübeck und Oberlauringen durch Schia Kraushaar,
bisher in Frankfurt am Main." |
Weitere Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
Über die Anfänge der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde -
Artikel von 1842
In
seinem grundlegenden Beitrag "Über die ersten Niederlassungen der
Juden in Mittelfranken" von 1842 kommt E. M. Fuchs auf diese erste
Geschichte in Thalmässing zu sprechen: "Greding. Die
Burggrafen Johann und Albrecht erhielten im Jahre 1355 von Karl IV. als
einen besonderen Vorzug das Recht, Juden aufnehmen zu dürfen; im Jahre
1419 waren 3 Judenhäuser in Eysölden, und zu gleicher Zeit einige
Judenfamilien zu Aue, eine halbe Stunde von Thalmässing. In den Jahren
1560 und 1569 wurden sie ausgeschafft; dieses Gebot scheint jedoch nicht
mit gehöriger Strenge vollzogen worden zu sein, da sie 1618 die
landesherrliche Bewilligung für fünf Familien in Thalmässing
erhalten haben. Auf diese Zahl bestand man lange Zeit, indessen stieg sie
1674 auf acht und 1689 auf 14 Familien; im Jahre 1743 waren 42 Familien
vorhanden, welche 32 Häuser, 118 Kinder und so viel Dienstboten hatten,
dass die jüdische Bevölkerung auf 227 Seelen stieg. Die Synagoge ist
1690 und der Begräbnisplatz 1825 entstanden. |
Scharlachepidemie (1852)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. November 1852:
"In der Gemeinde Thalmessingen grassiert der Scharlach bösartig unter den
Kindern. Der zuständige Rabbiner, Herr Dr. Löwenmaier in Sulzbürg, soll
deshalb ein dreitägiges Fasten und zweimaliges Psalmensagen des Tages
angeordnet haben. Wie gut ist's doch, dass so viele Rabbinen Doktoren sind.*
(*Letzteres ist als ironische Anmerkung der fortschrittlich-liberalen
"Allgemeinen..." gegen den konservativ-orthodoxe Rabbiner zu
verstehen). |
Thalmässing schließt sich dem Rabbinatsbezirk Sulzbürg an (1851)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Dezember
1851: "Am 3. Oktober starb in Lehrberg im 60ten Jahre der tüchtige,
vielgeprüfte Lehrer, Herr Marx Gotthelf, Bruder des Redakteurs des
'Eilboten', und am 8. November im 65ten Jahre der Distriktsrabbiner Herr
Uri Veitel in Dittenheim. Nach einem sehr bewegten Leben hatte der
Letztere bei einem mäßigen Einkommen und einem überaus glücklichen
Familienleben den Hafen der Ruhe gefunden und wahrhaft fromm und bieder
und einer mäßigen Reform zugetan, besonders auch wegen seiner
Uneigennützigkeit, die Liebe seiner Gemeinden und die Achtung Aller sich
erworben, während Ersterer fortwährend mit dem Elend und der
Kleinlichkeit zu kämpfen hatte. In beiden Fällen hatte der Distriktsrabbiner
Herr Grünbaum aus Ansbach durch extemporierte Vorträge dem gerechten
Schmerz würdigen Ausdruck gegeben, sich selbst aber viele Herzen aufs
Neue gewonnen.
Da der Distrikt Dittenheim in dem seltenen Fall ist, eine
erhebliche Stiftung zum Rabbinatsgehalte zu besitzen, so wird hier nach
Umfluss des der Witwe zu gewährenden einjährigen Nachsitzes ein
Rabbinatskandidat eine Stelle finden. Schwabach aber ist bereits
angeschlossen, d.h. die das Rabbinat Schwabach gebildet habenden Gemeinden
sind, mit Ausnahme Thalmessingens
(Thalmässing), das sich an Sulzbürg angeschlossen,
dem Rabbinate Oettingen definitiv zugeteilt, dass allmählich ein kleines
Bistum zu werden scheint." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Über Josef Schülein (1854-1938)
Gemälde
links im Stadtmuseum München.
Joseph Schülein (1854 in Thalmässing - 1938 in Kaltenberg)
gründete 1895 in Haidhausen die "Unionsbrauerei Schülein &
Co." (heute Gaststätte Unionsbräu-Haidhausen). 1905 wurde von
dieser die Münchner-Kindl-Brauerei übernommen. 1923 ging die
Unionsbrauerei in der Münchner Löwenbräu auf. In der NS-Zeit zog sich
Schülein auf seinen Besitz Kaltenberg zurück, wo er 1938 starb. In Berg
am Laim wurden eine Strauße und ein Platz (mit Schüleinbrunnen) nach ihm
benannt (nach Umbenennung in der NS-Zeit) 1945 wieder
Rückbenennung. |
| Links: Seite
des Berg-am-Laim-Kalenders zu Joseph Schülein |
| Beitrag von Rolf Hofmann: Die
Liebmann Brauerei in New York und ihre Beziehung zu den Familien Schülein
und Steiner (interner Link, pdf-Datei) |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine erste Synagoge wurde 1690 in der
ehemaligen Badstube eingerichtet.
1857/58 wurde am selben Standort wie die alte Synagoge eine neue
Synagoge erbaut.
Bei der Auflösung der jüdischen Gemeinde Thalmässing 1937 wurde die Synagoge
geschlossen. Sechs Torarollen kamen in Verwahrung zum Verband der Bayerischen
israelitischen Gemeinden nach München. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die
Inneneinrichtung der Synagoge mit allen noch vorhandenen Möbeln und Ritualien
zerstört.
Das Synagogengebäude wurde im Zweiten Weltkrieg als Getreidespeicher,
später als Turnhalle (noch in den 1960er-Jahren) zweckentfremdet und blieb bis zum Abbruch
im Jahr 1972 erhalten.
Nach dem Abbruch der ehemaligen Synagoge wurde auf dem Grundstück ein Wohnhaus erstellt. Ein Gedenkstein für die Synagoge ist unweit des
Standortes der Synagoge aufgestellt.
Adresse/Standort der Synagoge: Ringstraße
/ Merleinsgasse
Die ehemalige jüdische Schule, ein zweigeschossiger Walmdachbau befindet sich
in der Schulgasse 10; das Gebäude der ehemaligen Mikwe befindet sich in der
Nähe des Synagogengrundstücks Ringstraße 6 (Mikwe zugeschüttet).
Fotos / Abbildungen
(Aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries; neuere
Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 4.12.2009)
 |
 |
 |
Ansichtskarte von Thalmässing
um 1900, rechts
Ausschnittsvergrößerungen: |
Pfragnerei (Kaufladen) des
jüdischen Gemeindeglieds Isack Schülein,
dahinter die Synagoge |
Die 1857/58 erbaute Synagoge
von Thalmässing mit separaten
Eingängen für Männer und Frauen |
| |
|
|
| |
|
|
Die ehemalige
Synagoge
vor dem Abbruch
(Fotos erhalten von
Renate Pannenbecker, Kaarst) |
 |
 |
| |
Das Foto ist auch eingestellt
in höherer Auflösung |
Innenraum
der ehemaligen Synagoge; die
Frauenempore ist erkennbar; die Ringe
erinnern an die Nutzung als Turnhalle |
| |
| |
|
|
| |
|
|
| Der
Gedenkstein für die ehemalige Synagoge |
|
 |
 |
 |
| Blick auf den
Gedenkstein für die ehemalige Synagoge |
Meditation zur Bedeutung der
Zahl 7 in Judentum und Christentum - unten Markierung eines
vorbeiführenden Jakobsweges |
| |
| |
|
|
 |
 |
 |
Gedenkstein mit
Erinnerungen an die Gedenkfeier von 2009 zum Novemberpogrom 1938 (siehe
Bericht unten);
Inschrift der
Gedenktafel "Zum Gedenken (hebräisch) - 'What is so awesome
about this place, it's a place of God.' (Genesis 28,17; deutsch: 'wie
ehrfurchtgebietend ist dieser Ort, hier ist nichts anderes als Gottes Haus').
Im Gedenken an die jüdische Gemeinde in Thalmässing. 1531 Erste
Erwähnung von Juden - 1690 Bau der Synagoge - 1832 Errichtung des
Friedhofes - 1857 Neubau der Synagoge - 1938 Pogrom und Vertreibung der
Juden - 1972 Abriss der Synagoge". |
| |
|
|
Faltprospekt
"Jüdische Heimat Thalmässing"
(erschienen 1998; verantwortlich Ev. Kirchengemeinden Thalmässing und
Ralf Rossmeisl) |
|
 |
 |
 |
| |
|
|
 |
 |
 |
| |
|
|
| |
|
|
| Andernorts entdeckt |
 |
| |
Grabsteine im
jüdischen Friedhof in Augsburg für
Jacob Waitzfelder
(geb. 1844 in Mönchsdeggingen
- 1903 in Augsburg) und Deborah
Waitzfelder
geb. Oettinger (geb. 1854 in Thalmässing - 1927 in Augsburg) |
| |
|
|
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| November 2009:
Gedenken zum 71. Jahrestag des Novemberpogroms
1938 |
Artikel in der "Hilpoltsteiner
Zeitung" vom 11. November 2009 (Artikel):
"Steine als mahnende Erinnerung - Thalmässinger gedachten der Reichspogromnacht
vor 71 Jahren.
Mit einer schlichten, aber würdigen Gedenkveranstaltung an der Stelle der früheren Thalmässinger Synagoge gedachten rund 20 Leute der Pogromnacht am 9./10. November 1938, die vor 71 Jahren in ganz Deutschland den Auftakt zur systematischen Judenverfolgung darstellte.
THALMÄSSING - Musikalisch umrahmten Ursula Klobe an der Querflöte und Margot Schwab aus Eysölden am indischen Harmonium die Gedenkveranstaltung. Im Namen der Marktgemeinde Thalmässing und der SPD-Fraktion legte 2. Bürgermeisterin Ursula Klobe ein Blumengesteck vor dem Gedenkstein nieder.
Klobe und der evangelische Geistliche Rudolf Hackner aus Thalmässing gestalteten die Gedenkfeier und Andacht vor dem Gedenkstein, der an die Synagoge erinnert. Zunächst wies Klobe auf die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Thalmässing hin: Bereits 1409 seien drei Judenhäuser in Eysölden und einige jüdische Familien in Aue nachgewiesen.
'Der 1531 vom Fürstentum Ansbach aufgestellte Schutzbrief wurde 1560 aufgehoben, und Juden aus dem Staufer Land wurden vertrieben', berichtete sie.
'Um 1582 war das Oberamt Stauf judenfrei.' Nach dem 30-jährigen Krieg habe 1648 in Thalmässing nachweislich nur ein Jude oder eine jüdische Familie gelebt.
'1690 wurde die Synagoge in der ehemaligen Badstube errichtet', berichtete
Klobe. 'Damals ist bereits Jud Löw als maßgeblich beteiligt erwähnt.' 1712 habe Thalmässing zu den wohlhabendsten jüdischen Siedlungen in Franken gezählt. Seitdem habe die Zahl der jüdischen Bewohner in Thalmässing stetig zugenommen.
'An der Leiten' sei 1825 der jüdische Friedhof angelegt worden. '1835 waren in Thalmässing 335 jüdische Einwohner bekannt, das entsprach etwa einem Drittel der damaligen Bevölkerung des Kernortes Thalmässing.' 1857 sei der Neubau der Synagoge auf den Grundmauern der alten vonstatten gegangen. 1933 seien nur noch die vier jüdischen Familien namens Neuburger, Süß, Rosenfeld und Schülein ansässig gewesen.
'Das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden verlief bis dahin friedlich', sagte die 2. Bürgermeisterin.
'So war es völlig normal, bei jüdischen Geschäftsleuten einzukaufen und mit ihnen Handel zu treiben.' Thalmässinger Frauen hätten sich ihr Haushaltsgeld aufgebessert, indem sie bei jüdischen Familien putzten, im Haushalt halfen oder Näharbeiten verrichteten. Die Mikwe, das rituelle Badehaus, sei von einer Nichtjüdin beheizt worden. Die zu Ostern von Juden gebackenen Mazzen, das ungesäuerte Brot, sei auch an Nichtjuden verteilt worden.
Ab 1933 habe sich das Zusammenleben der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung schlagartig verändert. Von örtlichen Parteiorganisationen seien Tafeln angebracht worden, die zum Ausdruck brachten, dass Juden am Ort unerwünscht seien.
'Wegen des Verbots, bei Juden zu kaufen und zu arbeiten, wurden die geschäftlichen Aktivitäten nachts abgewickelt', so Ursula Klobe.
Den Satz 'Wer von Juden kauft, ist ein Volksverräter' hätten die jüdischen Thalmässinger Geschäftsleute deutlich zu spüren bekommen. Schließlich seien viele von ihnen gezwungen gewesen, ihre Geschäfte aufzugeben und ihren Besitz zu verkaufen. So habe sich die jüdische Gemeinde in Thalmässing aufgelöst. 1936, noch vor der Reichspogromnacht, sei die Synagoge als Getreidelager umfunktioniert worden.
'So lange es noch so viele Menschen gibt, die nicht wissen, was damals geschah, es sogar leugnen, so lange ist es unsere Pflicht, die Erinnerung wach zu halten', unterstrich
Klobe. 'Mit unserem Gedenken an unsere jüdischen Mitbürger zeigen wir den Überlebenden des Holocaust, ihren Nachkommen und Freunden in aller Welt, dass auch wir in Thalmässing unsere ehemaligen Mitbürger nicht in Vergessenheit geraten lassen werden.'
'Wir gedenken, was am 9. November 1938 hier in Thalmässing geschehen ist', sagte Pfarrer Hackner und bedauerte, dass in diesem Jahr nur rund 20 Personen zu der kleinen Gedenkfeier gekommen waren.
'Gedenken heißt zu erschrecken vor den Möglichkeiten, schuldig zu werden.' Gedenken heiße auch, sich an die Leiden der vielen Opfer zu erinnern, deren Fensterscheiben zu Bruch gingen, deren Synagogen zerstört, deren Häuser abgebrannt und die ermordet wurden, erklärte er.
Gedenken sei nur fruchtbar, wenn man neue Wege im Umgang mit jüdischen Mitbürgern gehe.
'Hier in unserem Land wurden Juden über Jahrhunderte entrechtet und verfolgt, es wurde geplündert und gemordet, Tausende wurden in Lager gebracht', sagte
Hackner. 'Wie konnten Menschen so unmenschlich werden?', fragte der Pfarrer.
'Wir spüren die Kälte des Herzens, wir erschrecken über das Schweigen unserer Kirchen, über die Lästerung des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, wir erschrecken über das Schweigen danach und das Verdrängen der Schuld.
'Jeder lasse einen Stein zur mahnenden Erinnerung zurück, wie es die Juden an ihren Gräbern tun', erinnerte Pfarrer Hackner an einen jüdischen Brauch.
'Damit wollen wir ausdrücken: Du bist nicht vergessen. Und das wollen wir auch heute tun.' Anschließend legte jeder Teilnehmer der Gedenkveranstaltung einen Stein auf dem Gedenkstein nieder. Gemeinsam sang man zum Ausklang die jüdische Volksweise
'Shalom chaverim'."" |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | S(igfried) Haenle*: Geschichte der Juden im
ehemaligen Fürstentum Ansbach. Ansbach 1867 (Reprint Hainsfarth 1990.
Reihe: Bayerische jüdische Schriften Hg. von Karl W. Schubsky und
Hermann Süß Bd.1).
* geboren als Salomon Haenle 1814 in Heidingsfeld, 1854 Übertritt zum
Protestantismus, Taufname Franz Theodor Sigfried Haenle, gest. 1889 in
Ansbach. |
 | Germania Judaica Bd. III,2 S. 1457. |
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 230-231. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 183. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 308-309.
|
 | "Mehr als
Steine...." Synagogen-Gedenkband Bayern. Band II:
Mittelfranken.
Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid,
Hans-Christof Haas und Angela Hager, unter Mitarbeit von
Frank Purrmann und Axel Töllner. Hg.
von Wolfgang Kraus, Berndt Hamm und Meier Schwarz.
Reihe: Gedenkbuch der Synagogen in Deutschen. Begründet und
herausgegeben von Meier Schwarz. Synagogue Memorial Jerusalem. Bd. 3:
Bayern, Teilband 2: Mittelfranken. Lindenberg im Allgäu 2010.
Kunstverlag Josef Fink Lindenberg im
Allgäu.
ISBN 978-3-89870-448-9. Abschnitt zu Thalmässing S.
639-651. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Thalmaessing
Middle Franconia. Jews are first mentioned in 1531 and were expelled in 1560 and
1569. Though restricted to five families in 1618, the community thereafter grew
steadily, numbering 227 in 1743 and being among the wealthiest and most
important in the Ansbach principality. A cemetery was consecrated in 1832 and a
new synagogue was erected in 1857. By 1880 the Jewish population had fallen to
112 (total 1.105). In 1933, when the Nazis came to power, there were 33 Jews
left. The synagogue was vandalized on Kristallnacht (9-10 November 1938). By May
1939 all Jews had left Thalmaessing, 13 emigrating and 20 moving to other German
cities.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|