Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Grötzingen (Stadt Karlsruhe) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

FS Groetzingen tit.jpg (24205 Byte)Download möglich von:  Festschrift zum Hundertjährlichen Jubiläum der Synagoge in Grötzingen von 
Sigmund Metzger,
Vorsitzender des Synagogenrats der Israelitischen Gemeinde Grötzingen. 
Erschienen 1899
im Selbstverlag des Verfassers.     
wieder veröffentlicht von der Evangelischen Kirchengemeinde Karlsruhe-Grötzingen durch Pfarrer Ulrich Schadt mit einem Anhang. Karlsruhe-Grötzingen 2002.           DOWNLOAD       

   
Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
Links und Literatur   

    
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde               
   
In Grötzingen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück. Möglicherweise waren bereits im 15./16. Jahrhundert einzelne Juden am Ort (1472/1532). Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht auf das Jahr 1677 zurück, als Markgraf Friedrich Magnus eine erste jüdische Familie aufnahm. 1741 wurden sechs jüdische Familien gezählt, 1770 12, 1798 15 Familien.     
    
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1825 99 jüdische Einwohner (5,5 % von insgesamt 1.814 Einwohnern), 1844 152, 1869 131 (6,3 % von 2.091), 1875 97 (4,5 % von 2.180), 1900 72 (2,2 % von 2.226), 1910 64 (1,7 % von 3.794). Zur jüdischen Gemeinde in Grötzingen gehörten auch die in Durlach lebenden jüdischen Personen. Die jüdischen Familien lebten hauptsächlich vom Handel.    
 
Im Revolutionsjahr 1848 kam es zu Krawallen gegen die jüdischen Einwohner. Die jüdische Wirtschaft "Zum Kranz" in der Mittelgasse oberhalb des Rathauses wurde dabei abgebrannt.  
 
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule (seit 1899 in einem Schulraum im Synagogengebäude), ein rituelles Bad und seit ca. 1900 ein eigener Friedhof (Beisetzungen zuvor in Obergrombach). Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. In besonderer Erinnerung blieb der 32 Jahre lang in Grötzingen tätige Lehrer Abraham Liberles (gest. 1918, siehe Bericht unten). Die Gemeinde gehörte seit 1827 zum Rabbinatsbezirk Karlsruhe, seit 1885 zum Rabbinatsbezirk Bretten.     
 
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Gefreiter Max Liberles (geb. 29.12.1892 in Grötzingen, gef. 30.3.1918). Sein Name findet sich auf der Gefallenengedenktafel in der Grötzinger Friedhofskapelle. Außerdem ist gefallen: Unteroffizier Hermann Schmalz (geb. 8.5.1897 in Durlach, gef. 24.4.1918).  
 
Um 1924, als noch 31 jüdische Einwohner gezählt wurden (0,8 % von 3.995 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Sigmund Sinauer, Max Schmalz (Durlach), David Falk (Durlach). Die damals neun schulpflichtigen jüdischen Kinder wurden durch Lehrer Jakob Ehrlich aus Weingarten unterrichtet. An jüdischen Vereinen bestanden der Wohltätigkeitsverein Chewra Kadischa (bzw. Israelitischer Männerverein, 1924 unter Leitung von Isak Palm mit 16 Mitgliedern, Zweck und Arbeitsgebiet: Wohltätigkeit) und der Israelitische Frauenverein (1924/32 unter Leitung der Frau bzw. Witwe von Isak Palm mit 14 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiet: Wohltätigkeit). 1924 gehörten aus Durlach zur jüdischen Gemeinde Grötzingen 47 Personen (1932: 60). 1932 waren die Gemeindevorsteher weiterhin Sigmund Sinauer (1. Vorsitzender), David Falk (Durlach, 2. Vorsitzender) und (neu:) Max Schmalz (Durlach, 3. Vorsitzender). Inzwischen wurden die schulpflichtigen jüdischen Kinder der Gemeinde (im Schuljahr 1931/32 11 Kinder) durch Lehrer Godlewsky aus Untergrombach unterrichtet.      
   
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben im Besitz jüdischer Familien sind bekannt: Viehhandlung und Metzgerei Ludwig Palm (Schustergasse 3), Manufakturwaren Max Palm (Schultheiß-Kiefer-Straße 27), Ellenwarengeschäft Sinauer & Veith (Niddastraße 2), Haus- und Küchengeräte, Eisenwaren Emil Weil (Niddaplatz 3).    
An früher bestehenden Betrieben sind zu nennen: ehemalige Mazzenfabrik von Hermann Oppenheimer (bis zum Ersten Weltkrieg, Niddastraße 14, siehe Anzeige unten), ehemalige jüdische Wirtschaft "Zum Kranz" (1813 von Isaak Goldschmied eingerichtet, Schultheiß-Kiefer-Straße 1), Ölmühle (von Jud Borich 1797 eingerichtet, Schultheiß-Kiefer-Straße 4).  
  
1933 lebten noch 20 jüdische Personen in Grötzingen (0,5 % von insgesamt 4.008 Einwohnern). In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Mindestens vier der jüdischen Gemeindeglieder konnten in die USA emigrieren, zwei starben noch vor den Deportationen in Grötzingen. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört (siehe unten). Die letzten 12 jüdischen Einwohner wurden am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert.   
  
Von den in Grötzingen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Sofie Dreyfus geb. Veith (1855), Meta Fröhlich (1906), Mathilde Löwenhardt geb. Marx (1870), Walter Marx (1903), Jenny Mayer geb. Palm (1892), Auguste Palm geb. Flegenheimer (1864), Luise Palm geb. Kohn (1897), Max Palm (1889), Emilie Plonski geb. Palm (1889), Max Schmalz (1866), Berta Traub (1868), Jenny Traub (1902), Leopold Traub (1871), Ludwig Traub (1868), Mina Traub (1901), Pauline Traub (1866), Julius Beith (1880), Elias Emil Weil (1877), Thekla Weil geb. Palm (1884).    
1991 wurde gegenüber dem Rathaus, am früheren Haus einer jüdischen Familie, eine Gedenktafel für die in der NS-Zeit umgekommenen Grötzinger jüdischen Einwohner angebracht.  
   
   
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Zum Tod von Lehrer Abraham Liberles (1918)  

Groetzingen Israelit 24101918.jpg (146959 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Oktober 1918: "Grötzingen, 13. Oktober (1918). Lehrer Abraham Liberles dahier ist im Alter von nur 55 Jahren aus dem Leben geschieden. 32 Jahre genoss der Verstorbene in seiner Gemeinde hohe Wertschätzung und erregt sein frühes Hinscheiden aufrichtige Teilnahme. Als Sohn des Bezirks-Rabbiners S. Liberles - er ruhe in Frieden - in Bretten wurde er im Geiste der Tora groß gezogen, sodass er später andere zu belehren imstande war und auf die Wege des Rechten zu leiten. 
Ein Seelenbedürfnis war es ihm, in die Herzen der Gemeinde, sowie namentlich der ihm anvertrauten Jugend reichen Samen der Belehrung zu senken, Jung und Alt in die Gänge des religiösen Schrifttums einzuführen. Zur Trauerfeier hatte sich eine große Anzahl Leidtragender in der Synagoge, wohin der Sarg getragen wurde, eingefunden. Herr Bezirksrabbiner Dr. Grzymisch, Bruchsal und Herr Lehrer Ehrlich, Weingarten, hielten tief empfundene Nachrufe. Kollege Rabinowitz, Flehingen, sang in ergreifender Weise die Psalmen 'Mo-Enosch' ('Was ist der Mensch...'). Auf besonderen Wunsch wurde die irdische Hülle in Karlsruhe auf dem Friedhofe der israelitischen Religions-Gesellschaft gebettet. Dort widmete Herr Rabbiner Dr. Schiffer dem Verstorbenen einen ehrenden Nachruf. Herr Kantor Lippmann, Karlsruhe, entbot dem Entschlafenen im Namen des Großherzoglichen Oberrats und seiner Kollegen in warmen, herzlichen Worten den Scheidegruß. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  

  
Zum Tod von Sofie Liberles, Tochter des Lehrers Abraham Liberles (1924)  

Groetzingen Israelit 12061924.jpg (69331 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juni 1924: "Karlsruhe, 6. Juni (1924). Am Mittwoch, 24. Ijar (= 28. Mai 1924) wurde auf dem Friedhof der Religionsgesellschaft in Karlsruhe unter großer Beteiligung aus Nah und Fern Frl. Sofie Liberles, Tochter des bekannten Lehrer Abraham Liberles in Grötzingen, nach langem, schwerem, mit großer Geduld ertragenem Leiden zur letzten Ruhe gebettet. Wer die edle Entschlafene kannte, versteht den Schmerz der trauernden Hinterbliebenen. Sie war mit allen guten Eigenschaften ausgezeichnet und passen auf sie die Worte, welche Herr Lehrer Meyer in so trefflicher Weise in seiner Trauerrede ausführte. Möge Gott der schwer geprüften Mutter sowie den tief trauernden Geschwistern Trost senden. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  

  
  
Berichte zu einzelnen Personen  
Über Noach Jehuda Leib mi-Grötzingen (gest. 1697)  
Anmerkung: auf dem jüdischen Friedhof in Mackenheim (Elsass) findet sich der Grabstein einer 1697 gestorbenen und dort beigesetzten Gitla bat Abraham, die mit Jehuda Leib mi-Grötzing(en) verheiratet war. Sehr wahrscheinlich ist damit Grötzingen im heutigen Kreis Karlsruhe gemeint.  
   
Beitrag von Günter Boll: Noach Jehuda Leib mi-Grötzingen und Gitla bat Avraham Gad mi-Medinat Necker: als pdf-Datei eingestellt    

Der Grabstein der 1697 verstorbenen 
Gitla bat Avraham Gad s"l mi-Medinat Necker 
(Fotos rechts) wurde von 
Günter Boll am 21.4.1985 ausgegraben; 
der Grabstein wurde später wieder aufgerichtet. 
Mackenheim Gitla bat Avraham 010.jpg (273443 Byte) Mackenheim Gitla bat Avraham 010a.jpg (141277 Byte)

     
Hinweis auf Lieselotte Margot Elikan (1924-1944) 
Groetzingen Schulklasse 1931.jpg (97751 Byte) Foto links: Klassenfoto der allgemeinen Schule in Grötzingen 1931, rechtsaußen stehend: Lieselotte Margot Elikan
Lieselotte Margot Elikan, genannt Lilo (geb. am 7. Mai 1924 in Heidelberg) verbrachte die ersten sieben Lebensjahre in Grötzingen. Hier lebte sie zusammen mit ihrer Mutter, Helene Elikan, im Haushalt ihrer Großmutter und ihres Stiefgroßvaters, der Vorbeter und Gemeindediener der Grötzinger Synagoge war. Lieselotte hatte eine vier Jahre jüngere Halbschwester, Marianne. Von Lieselottes Vaters sind lediglich der Name und das Todesdatum bekannt: Willi Lichtenwalder starb im Dezember 1938. Lieselotte Elikan besuchte in Grötzingen zwei Jahre lang die Volksschule, bis sie nach dem Tod ihrer Großmutter Ende des Jahres 1931 mit ihrer Mutter nach Ettlingen zog.
Die Mutter heiratete einen nicht-jüdischen Ofensetzer. Auch Lieselotte war nun in Ettlingen gemeldet, ging aber ab 1932 bis zum Frühjahr 1939 im jüdischen Landschulheim in Herrlingen nahe Ulm zur Schule. Ihre kleine Schwester Marianne lebte bei Pflegeeltern. Nachdem das Landschulheim in Herrlingen im März 1939 zwangsweise geschlossen worden war, lebte Lieselotte vermutlich vorübergehend bei ihrer Mutter, die sich inzwischen von ihrem Mann getrennt hatte und nach Karlsruhe gezogen war. Hier war Lieselotte jedenfalls gemeldet, als sie am 26. Mai 1939 im Heim des jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg eine hauswirtschaftliche oder pflegerische Ausbildung begann. Nach zweijährigem Aufenthalt verließ Lieselotte im Sommer 1941 Neu-Isenburg und nahm eine Stelle als Krankenschwester im Israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße 36 in Frankfurt an. Hier lernte sie Werner de Vries kennen. Am 5. Dezember 1941 ging sie mit ihm in seine Heimatstadt Gelsenkirchen. Ihre letzte Adresse dort lautete Karl-Laforce-Straße 3a (Heute Arminstraße, die damalige Bebauung existiert heute nicht mehr.) Am 27. Januar 1942 wurde Lieselotte Elikan zusammen mit Werner de Vries und dessen Familie deportiert. Am Vortag hatte man sie zur Ausstellungshalle auf dem Wildenbruchplatz in Gelsenkirchen gebracht, dem Sammelort für die zur Deportationen vorgesehenen Menschen.  
An Margot Elikan erinnert seit Dezember 2013 in Gelsenkirchen, Arminstraße/Höhe Kurt Neuwald-Platz ein "Stolperstein". 
Informationen von der Seite www.stolpersteine-gelsenkirchen.de: Seite zu Lieselotte Margot Elikan.      

  
     
     
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Anzeige der Mazzenbäckerei Hermann Oppenheimer (1893)  
Groetzingen Israelit 07121893.jpg (43479 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Dezember 1893: "Mazzot. Die 1879 gegründete Mazzosbäckerei von Hermann Oppenheimer in Grötzingen (Baden) empfiehlt ihre streng jomtoftig (für die Feiertage geeigneten) hergestellten Mazzen (10 bis 11 Stück aufs Pfund) à 28 Pfennig. Ferner: Honig, eigener Züchterei auf Pesach, Pfund Mark 1.20. Referenzen zu Diensten. Bestellungen baldigst erbeten."  

  
Anzeige des Manufakturwaren- und Herrenkonfektionsgeschäftes Sinauer & Veith Nachfolger (1911)  

Groetzingen FrfIsrFambl 11081911.jpg (38671 Byte)Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 11. August 1911: "Für mein Manufakturwaren- und Herrenkonfektionsgeschäft suche per 1. Oktober dieses Jahres, auch früher, bei freier Kost und Wohnung einen Lehrjungen mit guten Schulkenntnissen. 
Sinauer & Veith Nachfolger. Grötzingen bei Karlsruhe".    

    
    
    
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge               
    
1677 wurde von Markgraf Friedrich Magnus ein erster Jude aufgenommen, der nach einigen Jahren verstarb. Seine Witwe heiratete einen Moses. Dieser kaufte 1697 ein altes Haus in der Grötzinger Mittelgasse, dessen Besitzer gestorben war. Er reparierte dieses Haus und zog auf Georgi 1699 ein. Beim Umbau hatte er eine Dachkammer ausgebaut, die als Betsaal für die Juden Grötzingens und der umliegenden Orte Verwendung finden sollte. Der damalige Grötzinger Pfarrer Bechtold versuchte dies mit der Begründung zu verhindern, "dass die christlichen Schabbesmägde zu Instrumenten ihres Gräueldienstes missbraucht werden und ihrer Sünden teilhaftig machen würden; sie sollten ihre Satansschule da halten, wo sie ihre Begräbnisstätte hätten, nämlich in Durlach". Pfarrer Bechtold konnte freilich nur erreichen, dass die Grötzinger Juden die Auflage erhielten, ihre Gottesdienste im Privaten zu halten und nicht an den Bau einer Synagoge zu denken. 1701/02 kam es zum Streit zwischen den Durlacher und Grötzinger Juden, da der in Durlach zugezogene Emanuel Reutlinger den Betsaal für beide Orte in Durlach einrichten wollte. Nachdem jedoch in beiden Orten in den folgenden Jahren mehrere Familien zugezogen sind, konnten Gottesdienste sowohl in Durlach wie in Grötzingen gefeiert werden. Wie lange der Betsaal im Haus in der Mittelgasse benützt wurde, ist nicht bekannt. Nach einem Bericht des Oberamtes Durlach vom 12. Januar 1791 war der Betsaal vor dem Bau der Synagoge "in einer kleinen, dunklen, feuchten Stube im Veith'schen Haus..., die jetzo zu dieser Absicht unbrauchbar wird, indem alles daselbst zusammenfault".   
    
Nachdem um 1770 in Grötzingen 12 jüdische Familien lebten, reichte der bisherige Betsaal sowieso nicht mehr aus. Man plante den Bau einer Synagoge. Im Januar 1787 konnte der Kaufvertrag für ein geeignetes Grundstück "zur Erbauung einer Schule" in der Oberen Gasse unterzeichnet werden. Die jüdische Gemeinde – vertreten durch Hayum Veith, Hirsch Baruch und Moses Seeligmann – bezahlte dem Ehepaar Michael und Barbara Arheidt für den Bauplatz 215 Gulden. 1796 wurden die ersten Gelder gesammelt, um die Baukosten für eine Synagoge zu beschaffen. Diese wurden auf 5000 Gulden geschätzt, die großenteils in den folgenden beiden Jahren beschafft werden konnten: 2000 Gulden erbrachte eine Umlage auf alle Gemeindeglieder, dazu kamen freiwillige Spenden der Gemeindeglieder (747 Gulden), Erlöse aus einer in anderen Gemeinden durchgeführten Kollekte (633 Gulden) und aus der öffentlichen Versteigerung der Synagogenplätze (620 Gulden). Da damit die finanziellen Kräfte der jüdischen Familien völlig erschöpft waren, musste noch ein Darlehen von 1000 Gulden aufgenommen werden.   
     
Die Synagoge ist 1798/99 erbaut worden. Mit einem großen Fest für die jüdische und christliche Bevölkerung Grötzingens wurde sie eingeweiht. Markgraf Karl Friedrich schickte zur Einweihung seinen Enkel, Prinz Karl (der spätere Nachfolger Karl Friedrichs und Großherzog Karl). Die "Obere Gasse" in Grötzingen hieß seitdem "Synagogengasse". Zunächst waren in der Synagoge jeweils 12 Betstühle für Männer (im Betsaal) und für Frauen (in der "Frauenloge") vorhanden, die jedoch durch die weitere Vermehrung der Gemeindeglieder in den folgenden Jahren ergänzt werden mussten. So wurden 1814 sechs neue Stühle angeschafft. 1841 war eine erste größere Instandsetzung des Synagogengebäudes nötig. Damals war der Dachstuhl baufällig geworden. Statt der bislang einzelnen Betstühle wurden nun zusammenhängende, in Reihen angeordnete Betpulte aufgestellt. Die Frauenloge erhielt Fenster, das bislang vorhandene Drahtgitter wurde entfernt. Die nächste größere Reparatur stand 1874 an. Damals wurden die Umfassungsmauern der Synagoge erneuert, größere Fenster eingesetzt und der Betsaal renoviert. Durch eine Spende des früheren Synagogenchorvereins konnte man einen schönen Kronleuchter aus Bronze anschaffen. Auch ist damals ein Ofen aufgestellt worden; vermutlich war die Synagoge zuvor nicht heizbar. Die Kosten der Baumaßnahmen sind großenteils auf die Gemeindeglieder umgelegt worden. Der nächste Umbau wurde 1899 vorgenommen. Damals ist vor allem das Nebengebäude der Synagoge mit dem Schulraum für den Religionsunterricht der Kinder neu beziehungsweise umgebaut worden. In der "Festschrift zum Hundertjährigen Jubiläum der Erbauung der Synagoge in Grötzingen" schrieb der damalige Vorsitzende des Grötzinger Synagogenrats Sigmund Metzger im Rückblick auf die Baumaßnahmen: "Wir haben unser Gotteshaus IHM zu Ehren wieder hergestellt, damit die Mit- und Nachwelt daran erkennen soll, dass man neben der Erwerbung von irdischen Gütern auch noch wirken kann und soll für unsere religiösen Ideale, welche die Grundlage bilden zur sittlichen Weltordnung. So möge denn der Himmel unser Gotteshaus beschützen, möge er uns vergönnen, noch recht viele Jahre darin in Eintracht und Frieden unsere religiösen Gefühle betätigen zu können". Über dem Eingang der Synagoge war als Portalinschrift ein hebräisches Zitat aus Psalm 133,1 angebracht (übersetzt: "Siehe, wie schön und lieblich ist es, wenn Brüder zusammenwohnen").  
     
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung ist 1934 die "Synagogengasse" Grötzingens in "Krumme Straße" umbenannt worden. Im Zusammenhang mit der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge am 10. November 1938 zerstört. Am späten Vormittag waren vor der Synagoge vier Personenkraftwagen vorgefahren, aus denen je vier mit Beilen bewaffnete Männer in Zivil ausstiegen. Sie drangen in die Synagoge ein, schlugen Fenster und Bänke entzwei und warfen sie zusammen mit den Torarollen, Gebetbüchern und allem, was sich in der Synagoge befand, aus dem Gotteshaus. In Stücke geschlagen wurde auch die über der Tür angebrachte Portalinschrift. Als die Männer die Synagoge anzünden wollten, verhinderten dies die Nachbarn unter Hinweis darauf, dass die beiderseits auf die Grenze gebauten Häuser zwangsläufig mit gefährdet wären. Die vor der Synagoge liegenden Trümmer wurden einige Tage später von Gemeindearbeitern weggeräumt. Den geretteten Teil einer Torarolle, den der letzte Vorbeter Leopold Traub (umgekommen 1941 in Gurs) dem damaligen evangelischen Pfarrer Herbert Fuchs überließ, wurde 1978 dem Oberrat der Israeliten in Baden überreicht. Die Synagoge selbst wurde Anfang 1939 abgebrochen. Seit 1983 erinnert an ihrem Platz (Krumme Straße 15) eine Gedenkstele an das Schicksal des Hauses und der jüdischen Gemeinde in Grötzingen.  
    
    
Adresse:  Krumme Straße   (1932 Adresse: Synagogenstraße 15)  
     
     
Fotos 
Historische Fotos / Pläne: 
(Quelle: S. Asche, Grötzingen s. Lit. S. 86 und 254)  

Historische Ansichten Groetzingen Synagoge 001.jpg (57238 Byte) Groetzingen Synagoge 340.jpg (81220 Byte)
  Synagoge in Grötzingen 
(rechts im Hintergrund) 
Zeichnung der ehemaligen Synagoge 
auf Grund des Fotos links 
(Ehepaar Werner Hahn, Grötzingen)
 
     
Pläne für den Umbau des
 Nebengebäudes der Synagoge 
(mit Schulsaal) 1898/99  
Groetzingen Plan 02.jpg (36704 Byte)
   Übersichtsplan: Synagogenstraße (heute Krumme Straße) mit Synagoge,
 dahinter das Nebengebäude mit dem Schulzimmer (auf Plan "Bauplatz") 
   
Groetzingen Plan 01.jpg (41665 Byte) Groetzingen Plan 03.jpg (42760 Byte) Groetzingen Plan 04.jpg (35082 Byte)
Um den Hofraum stehen links 
die Synagoge, rechts ist im 
Nebengebäude der Schulraum  
 Ansicht der Synagoge von hinten: 
im Vordergrund der Anbau mit 
dem Schulzimmer 
Blick auf den 1899 neu erstellten Anbau 
(die Synagoge steht links) 
    

    
Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn)
Groetzingen Synagoge 100.jpg (61718 Byte) Groetzingen Synagoge 101.jpg (67458 Byte)
   Standort der ehemaligen Synagoge
 (Krumme Straße) 
Die Gedenkstele für die 
Synagoge von 1983 
     
Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, 
Aufnahmedatum 15.9.2003)
Groetzingen Synagoge 150.jpg (54176 Byte) Groetzingen Synagoge 152.jpg (45049 Byte)
   Straßenschild "Krumme Str." mit
 zusätzlichen Hinweisen 
Standort der 
ehemaligen Synagoge 
       
   Groetzingen Synagoge 151.jpg (78420 Byte) Groetzingen Synagoge 153.jpg (64864 Byte)
   Die Gedenkstele für die
 Synagoge von 1983 
Zusätzliche Erklärungen zu Standort und
 Geschichte der ehemaligen Synagoge 

   
   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
"Gedenkbuch für die Grötzinger Juden" erschienen (Dezember 2008)    

Groetzingen 2008PA.jpg (86167 Byte)Links: Foto aus Gurs (Quelle: Werner "Hakenkreuz und Juden")    
Artikel von Rupert Hustede in: "Badische Neueste Nachrichten" (Ausgabe Karlsruhe) vom 4. Dezember 2008
Eine Überlebende des Holocaust gefunden - Autorengruppe erarbeitet Gedenkbuch für die Grötzinger Juden / Zeitzeugen berichten von Leiden, Terror und Courage.  

DIE VORHÖLLE VON AUSCHWITZ, so wird das französische Lager Gurs genannt, in das die Grötzinger Juden 1940 verschleppt wurden. Die Szene zeigt die Trostlosigkeit hinter Stacheldraht, als schon die Deportationen ins Vernichtungslager Auschwitz liefen. 
Sieben Grötzinger Bürger haben ein Gedenkbuch für 13 Grötzinger Juden geschrieben. Viereinhalb Jahre haben sie daran gearbeitet, um 68 Jahre nach der Deportation dieser Opfer des Nazi-Terrors und des Rassenwahns noch möglichst viel über deren Leben und Leiden zu erfahren. Ein Familienschicksal soll beispielhaft angerissen sein: Die Geschenke liegen noch auf dem Tisch. Zehn Tage nach Ruth Palms zehntem Geburtstag erscheinen Männer von der Gestapo und befehlen, alle Fensterläden zu schließen, einen Koffer pro Person und Proviant für zwei Tage zu packen. Die Grötzinger Familie wird mit den badischen Juden am 22. Oktober 1940 von den Nazi-Schergen ins Lager Gurs nach Frankreich deportiert. Luise Palm kann 1942 noch die Ausreise ihres einzigen Kindes über Marseille und Casablanca nach Amerika dank der Hilfe der Quäker von Philadelphia erreichen. Max Palm ist wenige Wochen vorher mit 52 Jahren gestorben. Luise Palm wird im Sommer 1942 nach Auschwitz deportiert. 'Als letztes Lebenszeugnis erscheint ihr Name auf einer Liste für einen Transport von 991 Personen, die Auschwitz in einem Güterzug am 16. August 1942 erreichten', berichtet Ilse Charlotte Güß, eine der Autorinnen des Erinnerungsbuchs. Über ihr Ende in dem Vernichtungslager findet sie heraus: 'Bei diesem Transport wurden keine Frauen zur Arbeit abgesondert und als Häftlinge in das Lager eingewiesen, das heißt Luise Palm wurde noch am selben Tag oder innerhalb von drei Tagen umgebracht. Sie wurde nicht einmal 45 Jahre alt.'
Ihre Tochter Ruth aber lebt noch in den USA. Es ist schwierig, sie zu finden. 'Wahrscheinlich ist sie verbittert und will mit Grötzingen nichts mehr zu tun haben', meint Güß. Sie versucht es trotzdem, und nach eineinhalb Jahren der vorsichtigen Annäherung mit vielen Briefen 'war irgendwie der Bann gebrochen', erzählt sie. 2008 ist Ruth Palm zu einem offenen Besuch in ihr Heimatdorf zurückgekehrt. Die Frau, die ihre ganze Familie durch den Holocaust verloren hat, trifft sich mit den Klassenkameraden im Grötzinger Rathaus. Das Autorenteam hat Zeitzeugen im Dorf befragt, andere rund um den Globus aufgespürt. In Archiven wurden Akten und Zeitungen gewälzt - aus Erinnerungssplittern ein Gesamtbild erschlossen. 'Wir haben im Herzen Grötzingens Spuren gefunden, das möchten wir weitergeben', sagt Peter Güß. Dabei habe man auch Beispiele für Zivilcourage aufgedeckt. 'Es gab die Möglichkeit zu sehr verschiedenem
Verhalten. Eine ganze Menge Leute hat versucht, vorsichtig zu helfen', berichtet er. Ortsvorsteher Thomas Tritsch unterstreicht die Bedeutung dieser Erinnerungsarbeit, die auch die 'dunklen Momente' der mehr als 1 000-jährigen Geschichte des Malerdorfs ausleuchte. Ernst Otto Bräunche, Chef des Stadtarchivs, lobt das Buch als 'wichtige Ergänzung für das seit 2001 im Internet entstehende 'Gedenkbuch für die Karlsruher Juden'. Inzwischen seien von 1 012 Opfer-Biographien 372 bearbeitet.
Das "Gedenkbuch für die Grötzinger Juden" hat 56 Seiten und eine Auflage von 250 Exemplaren. Es kostet 7,50 Euro und ist im Grötzinger Rathaus sowie beim Stadtmuseum, beim Pfinzgaumuseum und beim Stadtarchiv erhältlich. Ortsverwaltung und Stadtarchiv sind die Herausgeber, der Heimatverein hat finanziell geholfen.

  
   

Links und Literatur 

Links:  

Website der Stadt Karlsruhe  u.a. Chronik zur Geschichte Grötzingen  

Literatur:

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 112-113. 
Germania Judaica III,1 S. 472. 
Wilhelm Mössinger: Grötzingen. Grötzingen 1965. S. 268-270. 
Heinz Schmitt (Hg.) unter Mitwirkung von Ernst Otto Bräunche und Manfred Koch: Juden in Karlsruhe. Beiträge zu ihrer Geschichte bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung. Karlsruhe 1988. 1990² (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Band 8). zu Grötzingen die Beiträge von Susanne Asche S. 21-41 und 189-218.  
Josef Werner: Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich. 1988. 1990² (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Band 9). Zur Pogromnacht in Grötzingen: S. 185. 
Susanne Asche: 1000 Jahre Grötzingen. Die Geschichte eines Dorfes (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Karlsruhe Band 13). 1991.
Groetzingen Buch 001.jpg (25608 Byte)Sigmund Metzger: Festschrift zum Hundertjährigen Jubiläum der Erbauung der Synagoge in Grötzingen. Grötzingen 1899. Reprint: Evangelische Kirchengemeinde Karlsruhe-Grötzingen (Hg. Ulrich Schadt). Karlsruhe-Grötzingen 2002.  online abrufbar (als pdf-Datei): hier anklicken.  
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 299-302.   
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.  

    
      

                   
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Stand: 02. Februar 2014