|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Rohrbach (Stadt Heidelberg, Rhein-Neckar-Kreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In Rohrbach bestand eine jüdische Gemeinde bis 1937, deren
Entstehung in das 17. Jahrhundert zurückgeht. 1689 wird Moses Mayer genannt,
der zur Zeit des pfälzischen Erbfolgekrieges mit seiner Familie von Rohrbach
nach Mannheim geflüchtet war. Vielleicht lebten er und andere jüdische
Familien in der Rohrbacher "Judengasse" (seit 1921 in Blumenstrasse, 1927 in
Weingasse umbenannt).
Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1865 mit
122 Personen erreicht.
1927 wurde der Ort Rohrbach nach Heidelberg eingemeindet.
Zum 1. April 1937 wurde
die noch rund 30 Personen umfassende Gemeinde mit Genehmigung des
Staatsministeriums mit der Heidelberger Gemeinde vereinigt.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Auflösung der jüdischen Gemeinde 1937
Artikel
in der "CV-Zeitung" - Zeitschrift des
"Central-Vereins" vom 1. April 1937; "Baden. Der Oberrat
der Israeliten Badens gibt bekannt, dass mit Genehmigung des
Staatsministeriums und des Synodalausschusses die israelitischen Gemeinden
in Östringen, Eberstadt und Odenheim aufgelöst und die noch
verbleibenden Mitglieder anderen Gemeinden zugeteilt werden. Die
Religionsgemeinden Heidelberg und Rohrbach sind zu einer Gemeinde mit der
Bezeichnung Israelitische Religionsgemeinde Heidelberg mit Wirkung vom 1.
April 1937 vereinigt worden." |
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Ein erstes Betzimmer hat man schon
im Bereich der ehemaligen "Judengasse" vermutet, wofür es jedoch
keine näheren Hinweise gibt.
Vor 1845 bestand ein Betsaal im "Würtelischen
Haus", dem damaligen Haus des Nathan Wolf in der Rathausstrasse 54. Ein
"menschenfreundlicher, frommer Glaubensgenosse" hatte ihn seinerzeit
der jüdischen Gemeinde unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Freilich
herrschte Anfang der 1840er-Jahre eine drückende Enge in diesem Betsaal. Bis zu
70 Personen waren zu den Gottesdiensten in dem 3,0 m hohen, 6,60 langen und 7,20
breiten Raum versammelt. In einem Bericht von 1842 heißt es: "Dass dieses
Zusammenzwängen so vieler zum Teil oft sehr unreinlicher Menschen in solch
engem Raum besonders bei warmer Witterung höchst unangenehm, der Gesundheit nachteilig,
Krankheit erzeugend ist, sogar sein muss, bedarf wohl keiner weiteren Ausführung".
Die Betstühle und Pulte verbrauchten sowieso schon viel Platz. Die
Berichterstatter meinten, innerhalb weniger Jahre müsste man "die Betenden den
Heringen gleich aufschichten", wenn nicht bald ein größerer Betsaal in
Rohrbach eingerichtet werden könnte. Das Oberamt Heidelberg, an den dieser
Bericht der Gemeindeglieder Joel Wolf und Simon Maier gerichtet war, ließ sich
von der Notwendigkeit überzeugen, dass die jüdische Gemeinde Rohrbachs Bedarf
zur räumlichen Erweiterung ihres Betsaales hatte. Eine solche Erweiterung im
Haus des Nathan Wolf wurde auch zunächst überprüft, jedoch erklärte dieser,
dass "wegen Mangels an Raum" eine Erweiterung in seinem Haus nicht in Frage käme.
Eine bald eingerufene Gemeindeversammlung drückte
einstimmig den Wunsch aus, dass baldmöglichst ein Grundstück erkauft und eine Synagoge
nebst einem Schulhaus darauf erbaut werden soll. Der Synagogenrat ließ sich zum
Ankauf eines Platzes ermächtigen. Im Mai 1842 konnte man zum Preis von 1.000
Gulden einen Platz von Martin Kaltschmidt unmittelbar beim Rohrbacher Rathaus
erwerben. Nachdem ein Kostenvoranschlag eingeholt war, beriet eine weitere
Gemeindeversammlung im Juni 1842 darüber, wie die finanziellen Mittel
beigebracht werden konnten. Man beschloss, dass jeder israelitische Bürger
Rohrbachs 47 Gulden 29 Kreuzer im Laufe von zwei Jahren entrichten musste. Am 4.
Mai 1845 stimmten das Oberamt Heidelberg und der Oberrat der Israeliten dem
Synagogenbau zu. In den folgenden beiden Jahren wurde mit einem Kostenaufwand
von etwa 8.000 Gulden die Rohrbacher Synagoge erbaut. Sie konnte am 26. und 27.
Dezember 1845 feierlich eingeweiht werden. Mit den Baukosten hatte sich die jüdische
Gemeinde eine hohe Schuld aufgebürdet. 1847 musste man im Blick auf die
Restschuld von Hofrat Wilhelmi in Heidelberg ein Darlehen in Höhe von 3.700
Gulden aufnehmen.
Zur Einweihung der Synagoge
(1845)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. Januar 1846:
"Heidelberg, 31. Dezember 1845. Bei Gelegenheit der Feier der
Einweihung der neuen Synagoge zu Rohrbach erschien im hiesigen Journal
folgender Artikel, der um so mehr der Beachtung verdient, als er aus der
Feder des dortigen katholischen Geistlichen floss. 'Rohrbach, 16. Dezember
1845. Heute wurde die feierliche Einweihung der neuen Synagoge dahier nach
der im Programm gegebenen Andeutung durch den Bezirksrabbiner Fürst von
Heidelberg vorgenommen. Die Feier war erhebend und erbauend sowohl durch
den schönen Gesang, um welchen sich die beiden Schullehrer von hier und Reilingen
sehr verdient gemacht haben, als auch durch die vom Rabbiner gesprochene
Weihepredigt. Nciht nur der deutliche würdevolle Vortag und die
durchsichtige, wohl gelungene Durchführung des Themas, sondern auch vor
allem der reine Gottesdienst und die vortreffliche sittliche Anwendung der
Zeremonie war es, was der seltenen Feier eine wahrhaft religiöse Weihe
verlief, und selbst die Gemüter der mit dem Judentum sonst nicht
Befreundeten nicht unbewegt und unerbaut ließ. Öftere Predigten in
diesem Geiste würden wohl einen noch lebendigen und nachhaltigeren
Eindruck machen, als selbst der Anblick der mit Kunst befertigte Coteret
Tora, d.i. der goldgestickten Gesetzeskrone. Möchte, dem Wunsche Vieler
gemäß, die Rede nebst Nachgebet und Weihegedicht im Druck
erscheinen!'" |
Fast 100 Jahre war die Synagoge in Rohrbach
Zentrum des jüdischen Lebens am Ort.
In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Synagoge
zerstört. Angehörige des SA-Studentensturms waren, nachdem sie die
Heidelberger Synagoge niedergebrannt hatten, am frühen Morgen des 10. November
von der Altstadt zur Synagoge in Rohrbach gezogen. Ihnen hatten sich Mitglieder
des Pioniersturms der SA angeschlossen. Gemeinsam schlugen sie die Tür der
Synagoge ein, zertrümmerten im Innern mit ihren Äxten die Bänke und anderes
Holzwerk, schichteten es zusammen mit Büchern und Akten und steckten es in
Brand. Das Deckengebälk und das Gebäude selbst wurden vom Feuer nur wenig
angegriffen, da die Rohrbacher Feuerwehr zum Schutz der Nachbargebäude
rechtzeitig eingreifen durfte. Brandstiftung und Löscharbeiten wurde von etwa
15 bis 20 Zuschauern und Passanten verfolgt. Als der Kreisleiter zwischen 7 und
8 Uhr an der Rohrbacher Synagoge eintraf, war die SA bereits mit einem
Lieferwagen abgefahren und der Brand fast gelöscht. Das Synagogengebäude wurde
in den folgenden Monaten (vor Mai 1940) abgebrochen. Nach anderen Angaben ist
das Gebäude erst nach 1945 beseitigt worden. Doch ist in einem Plan vom Mai
1940 (Archiv Nr. R 8/001) das Grundstück Rathausstraße 35/37 bereits mit
"abgebrochener Synagoge" bezeichnet.
Seit dem 27. April 1985 erinnert ein Gedenkstein am Platz
der Synagoge (Rohrbacher Rathausplatz) an deren Schicksal. Der Davidstern des
Gedenksteins ist aus rotem Balmoral-Granit, während die Granit-Basisplatte aus
dem Steinbruch aus Flossenbürg in der Oberpfalz stammt (ehemaliges KZ und
Hinrichtungsstätte zahlreicher Widerstandskämpfer). Die Inschriften des
Gedenksteines sind: ein großes "chai" (lebe!), auf den Sockelplatten
der Text "Hier stand von
1845-1938 die Synagoge der jüdischen Gemeinde Rohrbach. Sie diente dem Lobe
Gottes, bis sie in der Nacht zum 10. November von frevelhafter Hand zerstört
wurde", und ein Zitat aus Jesaja 51,1: "Schaut auf den Fels, aus dem
ihr gegraben, und auf den Brunnen, aus dem ihr gegraben".
Im Synagogengebäude war bis 1876 auch eine jüdische
Konfessionsschule. Unweit der Synagoge stand die Mikwe auf dem Grundstück
Rathausstraße 49/51 (heute ein schmaler, tangential zulaufender Platz zwischen
den Häusern Nr. 47 und 53). Alte Aufnahmen zeigen ein kleines Gebäude, das
schon vor 1833 als Kaltwasser-Mikwe existierte und dann auf Druck der Behörden
umgebaut werden musste. Das Gebäude der Mikwe stand noch bis in die
1950er-Jahre und diente zuletzt einer benachbarten Schreinerei als Lagerplatz.
Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden in Wiesloch, nach der Eingemeindung von
Rohrbach nach Heidelberg (1927) in Heidelberg (Bergfriedhof) beigesetzt.
Fotos
Historische Fotos:
(Quelle: Heimatmuseum Rohrbach; Foto links im Internet: hier
anklicken)
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Synagogenplatz vor der Einrichtung der
Gedenkstätte
(Foto: Hahn, 1984) |
 |
|
|
Blick über den Rathausplatz |
|
| |
|
|
| Der Gedenkstein für die ehemalige
Synagoge auf dem Rohrbacher Rathausplatz |
 |
 |
| (Farbfotos: Hahn;
Aufnahmedatum 25.6.2004) |
Der Gedenkstein; im
Vordergrund ist auf der Sockelplatte ein Teil des Textes lesbar |
| |
|
 |
 |
 |
| Blick über den Rathausplatz;
in der Mitte der Gedenkstein |
Der Gedenkstein
mit der Bodeninschrift |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 128f. |
 | Georg Ludwig Menzer: Rohrbach bei Heidelberg. Eine pfälzische Ortsgeschichte.
Heidelberg 1926. |
 | Karl Heinz Frauenfeld: Rohrbach im Wandel der Zeit. Eine
Ortsgeschichte aus der Kurpfalz. 1981. |
 | Geschichte der Juden in Heidelberg. Mit Beiträgen von Andreas Cser,
Susanne Döring, Norbert Giovannini u.a. Heidelberg 1996. Hierin Näheres zu
Rohrbach in den Beiträgen von Martin Krauss (Der Bevölkerungsanteil... S.
155), von Udo Wennemuth ("Die israelitische Gemeinde in Rohrbach"
S. 397f), im Beitrag vom Frank Moraw (S. 506 zur Pogromnacht 1938 in
Heidelberg) |
 | Ursula Röper/Claudia Rink: Jüdisches Leben in Rohrbach.
In: der punker. Leben in Rohrbach. Ausgabe 02/2003 |
 | Claudia Rink: Jüdisches
Leben in Rohrbach: In: Heidelberg - Jahrbuch zur Geschichte der Stadt. Hg.
vom Heidelberger Geschichtsverein.
2003/04 Jahrgang 8 S. 65-87. |
 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
|

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|