Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 


zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zurück zur Übersicht "Synagogen im Saarland" 
    
zurück zur Übersicht "Synagogen in Rheinland-Pfalz" 
Zur Übersicht "Synagogen im Kreis Kusel"      
    

Herchweiler (VG Kusel, Kreis Kusel) / Haupersweiler (Gemeinde Freisen, Kreis St. Wendel)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Sonstiges    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

     
Vorbemerkung: die Grenze zwischen den Bundesländern Rheinland-Pfalz und dem Saarland verlief im Bereich des westlichen Ortsrandes von Herchweiler bis 2003 entlang der Straße In der Gaß beziehungsweise der Haupersweilerstraße. Der Standort der Synagoge lag auf der westlichen /saarländischen Straßenseite und damit auf Gemarkung Haupersweiler. Hier waren auch die Häuser der jüdischen Familien. Im Volksmund heißt der ehemals saarländische Teil von Herchweiler die "Judengasse", der Bach, der dort fließt, wird "Judenbach" genannt. Die Grenze ist historisch bedingt: der Bach trennte Herchweiler schon im 16. Jahrhundert in zwei Teile - einen lichtenbergischen und einen lothringischen Teil.   
Seit einem Staatsvertrag vom 27. Mai 2003 wurde die Landesgrenze zwischen Rheinland-Pfalz und dem Saarland angepasst. Dadurch wurde am 1. Januar 2004 ein Teil der saarländischen Gemeinde Freisen mit 53 Einwohnern nach Herchweiler umgemeindet.     
      
       
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde               
     
In Herchweiler bestand eine jüdische Gemeinde bis um 1920; die Gemeinde hatte jedoch vermutlich zu keiner Zeit den rechtlichen Status einer Synagogengemeinde. Ihre Entstehung geht in die Zeit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zurück, als in der Grafschaft von der Leyen, zu der Haupersweiler damals gehörte, Juden das Recht bekamen, Haus, Scheuer, Stall und ein kleines Gartengrundstück zu erwerben und zu nutzen. Auch das Schächten und die Ausübung ihrer religiösen Gebräuche war ihnen erlaubt. In dieser Zeit war der leyen'sche Ortsteil von Herchweiler (westliche Seite der Straße "In der Gaß") ausschließlich von jüdischen Familien bewohnt.   

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1808 24 jüdische Einwohner (fünf Ehepaare mit zusammen sechs Jungen und sieben Mädchen, daneben eine Witwe), 1839 39 (in fünf Familien), 1844 41, 1855 50, 1861 61, 1868 64, 1895 29. Die jüdischen Haushaltsvorsteher erwarben den Lebensunterhalt der Familien meist  als Viehhändler, Metzger und Krämer. Später eröffneten einige von ihnen Handlungen und Geschäfte.  
 
Die Namen der fünf jüdischen Familien waren 1839: Salomon Sender (sechs Personen), Mayer Rothschild (zwölf), Lob Seligmann (zehn), Isaak Lemel (drei) und Isaak Born (acht). Damals hieß es in den Akten über die Familien: "Diese fünf Familien sind sämtlich schon lange in der Gemeinde ansässig, oder vielmehr, sie sind daselbst zuhause". 1863 gab es in der "Gaß" insgesamt 12 jüdische Wohnhäuser mit den Häusernamen: Kartusche, Koppels, Gässersch, Jeinkoffs, Herz, Jule, Seele, Schramme, Christoffels und Süßkinds.  
   
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Religionsschule) und ein rituelles Bad. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer angestellt, der auch als Vorbeter und Schochet tätig war. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Thallichtenberg beigesetzt. Beim rituellen Bad handelte es sich um ein kleines Gebäude, das vor dem Haus "Schramme" stand. Es ist jedoch bereits am Ende des 19. Jahrhunderts abgebrochen worden. 
  
In den 1920er-Jahren gab es in Herchweiler /Haupersweiler noch die jüdischen Familien Frank, Marx, Rothschild, Herz und Meier-Sender. Sie waren im Leben des Ortes weitgehendst integriert. Als Vorbeter wird Adam Frank genannt.   

In den Jahren nach 1933 ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Leo Marx wurde aus nichtigem Grund 1933 verhaftet und für vier Monate in das KZ Dachau eingeliefert. Seine Kinder Lilly und Herold konnten noch bis zum Dezember 1938 die Volksschule in Herchweiler besuchen, bekamen dann jedoch Schulverbot und besuchten danach die jüdische Schule in Bosen. Beim Novemberpogrom 1938 gab es in Herchweiler nach vorliegenden Berichten keine besonderen Vorkommnisse. 1941 kamen nach Herchweiler noch zwei jüdische Familien aus Thallichtenberg, die dort ausgewiesen worden waren. Sie fanden Unterkunft im Haus der Familie Artur Frank. Im Mai 1942 wurden mehrere der letzten jüdischen Einwohner deportiert (Sara Marx, Fanny Rothschild und Lazarus Seligmann, letzterer aus Thallichtenberg). Im Februar 1945 wurde Leo Marx, der mit einer christlichen Frau verheiratet war, noch in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er einige Wochen später die Befreiung durch die Amerikaner erlebt hat. Er konnte im August 1945 nach Herchweiler zurückkehren und ist 1970 als letzter Herchweiler Jude gestorben.      
   
Von den in Herchweiler - Haupersweiler geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Artur Frank (), Edmund Frank (1892), Elli Karoline Frank (1920, siehe Kennkarte unten), Herta Frank (), Klara Frank (), Johanna Friedberger geb. Sender (1880), Thekla Judenberg geb. Rothschild (1888), Therese Delphine Kohlhagen geb. Rothschild (1887), Julius Jules Levy (1879), Brandla Rosa Marx (1892), Sara Marx geb. Bärmann (1866), Fanny Rothschild (1858), Lazarus Seligmann (1857), Ida Sender geb. Jacob (1861), Siegfried Sender (1882), Ella Wolff geb. Levy (1893).  
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde           
      
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1876 / 1886 / 1887  

Haupersweiler AZJ 13061876.jpg (32443 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juni 1876: "Die Gemeinde Haupersweiler bei St. Wendel sucht einen geprüften Elementar- und Religionslehrer, der auch zugleich Kantor und Schochet sein muss. Gehalt 600 Mark nebst freier Wohnung. Nebenverdienste gut. 
Meldungen nebst Zeugnissen gefälligst einzusenden an 
den Vorstand K. Rothschild."     
 
Haupersweiler Israelit 08111876.jpg (41219 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. November 1876: "Wir suchen einen Lehrer, Kantor und Schächter zum sofortigen Eintritt mit einem jährlichen Gehalt von 750 Mark nebst freier Wohnung und Heizung mit den üblichen Kasualien. Zeugnisse nimmt entgegen Unterzeichneter. 
Haupersweiler, Kreis St. Wendel, 26./10.76. K. Rothschild, Vorsteher".           
 
Haupersweiler Israelit 11021886.jpg (51969 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Februar 1886: "Die hiesige Stelle als Vorbeter, Schochet und Elementarlehrer ist sofort zu besetzen. Fixer Gehalt 720 Mark nebst freier Wohnung und anderen Kasualien. Bewerber wollen sich wenden an den Vorsteher 
Koppel Rothschild,
Haupersweiler, Kreis St. Wendel."          
 
Haupersweiler Israelit 12051887.jpg (50303 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Mai 1887: "In unserer Gemeinde ist die Stelle eines Religionslehrers und Vorbeters zu besetzen. Gehalt 700 Mark, sowie freie Wohnung und Nebenverdienste. Bewerber wollen sich melden an den unterzeichneten Vorstand 
Koppel Rothschild, in Haupersweiler (Kr. St. Wendel)."         

     
Hinweis: Anfang der 1840er-Jahre war Jacob Mayer Eppstein als Lehrer in Haupersweiler tätig: siehe Familiengeschichte "HaLevi - Eppstein - Eppler - Mayer. Vier Namen - eine Familie" von Rolf Michael Mayer (eingestellt als pdf-Datei).    
     
     
Sonstiges      

Kennkarte aus der NS-Zeit            
               
Am 23. Juli 1938 wurde durch den Reichsminister des Innern für bestimmte Gruppen von Staatsangehörigen des Deutschen Reiches die Kennkartenpflicht eingeführt. Die Kennkarten jüdischer Personen waren mit einem großen Buchstaben "J" gekennzeichnet. Wer als "jüdisch" galt, hatte das Reichsgesetzblatt vom 14. November 1935 ("Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz") bestimmt. 
Hinweis: für die nachfolgenden Kennkarten ist die Quelle: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: Bestände: Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV: Kennkarten, Mainz 1939" http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm. Anfragen bitte gegebenenfalls an zentralarchiv@uni-hd.de       
 
 Kennkarten für die in Haupersweiler 
geborene Elli Karoline Frank
 
 Haupersweiler KK MZ Frank Elli.jpg (83387 Byte)    
    Kennkarte (Berschweiler 1939) für Elli Karoline Frank (geb. 18. Juli 1920 in Haupersweiler), wohnhaft in
 Herchweiler und Mainz, am 25. März 1942 deportiert ab Mainz - Darmstadt in ds Ghetto Piaski, umgekommen  
 

  
  
  
Zur Geschichte der Synagoge          
  
Bei der Synagoge handelte es sich um ein etwa zehn mal acht Meter großes Gebäude, über dessen Eingangstür die Jahreszahl 1790 zu lesen war, vermutlich das Baujahr des Gebäudes. Das Gebäude stand etwas oberhalb zwischen den Häusern mit den Namens "Christoffels" und "Schramme". 
 
In der Synagoge Herchweiler-Haupersweiler wurden noch in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg Gottesdienste abgehalten, obwohl durch die Zahl der jüdischen Männer am Ort inzwischen kaum noch ein Minjan zustande kam. Damals besuchten den Gottesdienst in Herchweiler freilich auch die jüdischen Männer / Familien der gleichfalls klein gewordenen Gemeinde in Konken.       
 
In den 1930er-Jahren wurde die Synagoge nicht mehr für Gottesdienste verwendet und stand leer. Als nach 1933 von der Bergseite her Wasser in die Mauern eindrang und sich im Innern Steine lösten, meldete der Gendarm in Oberkirchen das Gebäude als baufällig, worauf das Amt umgehend den Abriss anordnete. Darauf wurde das Gebäude an einen Privatmann aus Herchweiler versteigert und von diesem abgebrochen. Die Steine und Ziegel der Synagoge wurden beim Bau eines neuen Hauses in der Kuseler Straße verwendet. Auf dem Grundstück der ehemaligen Synagoge ist heute ein Garten beziehungsweise eine Wiese.   
   
   
Standort der Synagoge:   Etwas oberhalb / zwischen den Anwesen In der Gaß 16 und 18.  
  
  
Fotos:
(Fotos: H. Kirsch s. Lit. S. 85; neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 3.6.2011)

Die Straße "In der Gaß"   Herchweiler Ort 010.jpg (77427 Byte)
    Entlang der Straße verlief bis 2003 die Landesgrenze zwischen Rheinland-Pfalz und dem Saarland;
 die linke Straßenseite gehörte bis dahin zu Haupersweiler; in diesem Bereich lebten
 die jüdischen Familien. 
         
Herchweiler Gass 122.jpg (102216 Byte) Herchweiler Gass 125.jpg (114836 Byte) Herchweiler Gass 126.jpg (139550 Byte)
Straßenschild "In der Gaß"   Ansichten der Straße "In der Gaß"
     
Herchweiler Gass 124.jpg (118168 Byte) Herchweiler Gass 120.jpg (152420 Byte) Herchweiler Gass 121.jpg (88774 Byte)
Ehemalige jüdische Wohnhäuser "In der Gass"; am Haus in der Mitte findet sich bis heute eine hebräische Portalinschrift von 1858
"Gesegnet bist du bei deinem Kommen und bei deinem Gehen" (5. Mose 28,6)  
     
  Herchweiler Gass 123.jpg (106493 Byte)  
     

 
  

Links und Literatur

Links:  

Website der Gemeinde Herchweiler  
Website der Gemeinde Haupersweiler   

Literatur:   

Hans Kirsch: "Juden-Herchweiler" gibt es nicht mehr - Zur Geschichte der Haupersweiler Juden. In: Michael Landau (Hrsg.): Damit es nicht vergessen wird. Beiträge zur Geschichte der Synagogengemeinden des Kreises St. Wendel. Veröffentlichungen des Adolf-Bender-Zentrums e.V. Nr. 1 St. Wendel 1988 S. 84-99.  
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 442 (mit weiteren Literaturangaben).  

   
     

n.e.

    Saarland:  

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge  

Rheinland-Pfalz:

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge  

                

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 19. Mai 2015