Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Vollmerz (Stadt Schlüchtern, Main-Kinzig-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

bulletZur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
bulletBerichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 
bulletZur Geschichte der Synagoge   
bulletFotos / Darstellungen   
bulletLinks und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)      
   
In Vollmerz bestand eine jüdische Gemeinde bis nach 1933. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts zurück. 1587 werden erstmals Juden am Ort genannt. 1687 gab es drei jüdische Familien in Vollmerz. 
    
Im 18. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Familien weiter zu (1751 sieben Familien, 1769 12 Familien).   
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1835 105 jüdische Einwohner, 1861 103 (22,7 % von insgesamt 454 Einwohnern), 1871 78 (9,7 % von 804), 1885 52 (6,5 % von 803), 1892 45 (in 11 Familien), 1897 48 (in elf Familien), 1903 30 (in sieben Haushaltungen), 1905 34 (4,8 % von 711 Einwohnern).   
    
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Religionsschule), ein rituelles Bad (im Synagogengebäude) und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war im 19. Jahrhundert zeitweise ein jüdischer Lehrer angestellt, der teilweise auch als Vorbeter und Schochet tätig war. Unter den Lehrern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Vollmerz ist bekannt: Heym Neumark, Vater des Lehrers (in Hochstadt) Salomon Neumark (1824-1864). Seit Ende der 1870er-Jahre hatte die jüdische Gemeinde keinen eigenen Religionslehrer mehr. Nun besuchten die jüdischen Kinder der Gemeinde die israelitische Elementarschule in Sterbfritz bzw. der jüdische Lehrer aus Sterbfritz kam zum Religionsunterricht nach Volmerz. Um 1887/1901 erteilte Lehrer M. Luß aus Sterbfritz den Religionsunterricht in Vollmerz, ab 1903 Lehrer S. Neuhaus aus Sterbfritz. 1892 und 1895 waren neun, 1897 sechs, 1898 fünf, 1901 drei, 1903 vier, 1933 noch drei schulpflichtige Kinder am Ort. Um 1897/1903 war in Vollmerz J. Grünebaum als Schochet und Kantor tätig.
   
Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Hanau.      
   
Nach einem Bericht von 1865 gab es damals einen Sofer (Toraschreiber) in Vollmerz (siehe Artikel aus der Zeitschrift "Der Israelit" bei Ungedanken): "Auch in unserer Gegend hat sich seit einiger Zeit ein Sofer etabliert, Herr Wolf Grünebaum in Vollmerz, der bis jetzt sehr schöne Arbeiten geliefert hat, und recht tüchtig in seinem Fache zu sein scheint." Dieser Sofer Wolf Grünebaum war wenige Jahre später im deutsch-französischen Krieg 1870/71 eingesetzt, aus dem er mit hohen Auszeichnungen zurückgekommen ist. Er verzog später nach Fulda, wo er im Juni 1906 verstorben ist (Berichte zu ihm siehe unten).   
  
Von den Gemeindevorstehern werden genannt: um 1866 Jakob Oppenheimer, um 1889/95 David Loebenberg, um 1897/1901 David Loebenberg und L. Levi. 1903 A. Löb.
 
Von den jüdischen Vereinen wird 1897 ein Israelitischer Wohltätigkeitsverein genannt (längere Zeit unter dem Vorstand des 1898 gestorbenen Simon Levi s.u.; 1897 unter Leitung von Abraham Loeb und L. Levi, 1898/1905 Abraham Loeb und A. Nußbaum I).
    
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Unteroffizier Theodor Nußbaum (geb. 26.11.1891 in Vollmerz, Sohn von Arnold Nußbaum; vermisst seit 21.3.1916). Theodor Nußbaum war für seinen Kriegseinsatz im Frühjahr 1915 mit dem Eisernen Kreuz II ausgezeichnet worden ("Israelitisches Familienblatt" vom 26. August 1915 S. 3 und "Dr. Blochs österreichische Wochenschrift" vom 10. September 1915 S. 683)
   
Um 1924, als zur Gemeinde noch 23 Personen gehörten (2,7 % von insgesamt 838 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Arnold Nußbaum und Jakob Grünebaum. Als Kantor und Schochet wird Jacob Grünebaum genannt. Damals gab es noch zwei schulpflichtige jüdische Kinder am Ort, die ihren Religionsunterricht in Schlüchtern erhielten. An jüdischen Vereinen gab es einen Wohltätigkeitsverein (1924 unter Leitung von Arnold Nußbaum mit sechs Mitgliedern). 1932 waren die Gemeindevorsteher weiterhin Arnold Nußbaum (1. Vors.) und Jakob Grünebaum (Schriftführer). Im Schuljahr 1931/32 erhielten drei Kinder der Gemeinde Religionsunterricht.     
    
1933 wurden noch 22 jüdische Einwohner in Vollmerz gezählt. In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert.  
         
Von den in Vollmerz geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ida Baum geb. Nussbaum (1899), Rebekka Friedmann geb. Levi (1887), Margot Grünfeld (1928), Rosa Grünfeld geb. Hecht (1896), Rose Grünfeld geb. Hecht (1868), Johanna Heymann geb. Nussbaum (1871), Jenny Katz geb. Grünebaum (1892), Fanni Kaufmann geb. Grünebaum (1878), Emanuel Levi (1864, siehe unten, Stolperstein in Lübeck), Israel Nussbaum (1869, siehe Bericht unten), Käthe van der Walde geb. Nussbaum (1907).       
    
   
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
     
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   

Ergebnisse von Spendensammlungen in der Gemeinde (1866 / 1889)
Anmerkung: in jüdischen Gemeinden wurden regelmäßig für bestimmte Zwecke Spenden gesammelt und die Ergebnisse immer wieder in jüdischen Periodika veröffentlicht. 

Mitteilung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Januar 1866 - Sammlung "zur Linderung der Hungersnot in Palästina": "Durch Jakob Oppenheimer, Synagogengemeinde-Ältester in Vollmerz, gesammelt: Markus Nußbaum 1 fl., Moses Hecht 15 kr., Viktor Birk 12 kr., Simon und J. Schiff 1 fl., N. Katzmann 9 kr., Witwe Sontheimer 1 fl. 45 kr., Wolf Grünebaum 18 kr., J. H. Sontheimer 48 kr., D. Grünebaum 12 kr., A. Grünebaum 24 kr., S. Levi 18 kr., Oppenheimer 1 fl. 9 kr., Betty O. 1 fl., Ungenannt 21 kr., Aus der Zedeka-Büchse 1 fl. 9 kr., zusammen 10 fl."     
 
Mitteilung im "Spenden-Verzeichnis für alle Zweige jüdischer Wohltätigkeit" 14. Jahrgang = 5650 vom 3. Dezember 1889: "Vollmerz. Durch D. Löbenberg: M. Nußbaum 2, S. Levi 1, D. Löbenberg 1, Challah-Geld von seiner Frau 3, zusammen 7 Mark, wovon je 2 Mark für die Armen im Heiligen Land."    


Rittmeister Stumm macht in seiner Wohltätigkeit keinen Unterschied zwischen den Konfessionen (1885)  

Vollmerz Israelit 05011885.JPG (169877 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Januar 1885: "Schlüchtern. Die ehemalige Grafschaft Degenfeld, zu welcher die Gemeinden Vollmerz, Ramholz und Hinkelhof gehören, ist im vorigen Jahre in den Besitz des Herrn Rittmeisters Stumm vom 1. Hessischen Husaren-Regiment Nr. 13 käuflich übergegangen. Der neue Besitzer dieser Herrschaft hat sich in der kuren Zeit schon die ehrende Anerkennung aller Edeldenkenden durch seine Wohltätigkeit gewonnen. Vor einigen Tagen hat er alle Hilfsbedürftigen in den genannten Ortschaften seiner Besitzung in reichlichem Maße durch Gaben in barem Gelde, Viktualien und Stoffen zu Kleidungsstücken bedacht. Bei einer früheren, derartigen Gelegenheit war es übersehen worden, die armen, israelitischen Einwohner der Gemeinde Vollmerz in Vorschlag für diese Unterstützungen zu bringen. Auf eine Anfrage des Gemeindeältesten, Herrn David Löwenberg zu Vollmerz, bei dem ebenso leutseligen als edeldenkenden Gutsherrn, ob nicht auch die israelitischen Ortsarmen auf gleiche Berücksichtigung wie die christlichen Armen hoffen dürften, erwiderte der Herr Rittmeister, dass er keinen Unterschied der Konfession bei Akten der Menschenliebe kenne. Bei der jüngsten allgemeinen Verteilung wurden daher auf Vorschlag des Herrn Löwenberg auch die armen Israeliten zu Vollmerz ebenso wie die übrigen Ortsarmen in höchst liebevoller und freundlicher Weise beschenkt. 
Ehre dem edlen Philanthropen und seiner hochherzigen Frau Gemahlin, welche den erhabenen Grundsatz, dass man bei Akten der Wohltätigkeit die Angehörigen anderer Konfessionen mit den eigenen Glaubensgenossen zu unterstützen habe, in so schöner Weise zu betätigen verstehen. H.G."    

   
Bei einer deutsch-völkischen Wahlversammlung wehrt sich ein jüdischer Viehhändler in humorvoller Weise gegen den Redner (1924)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Mai 1924: "(Humor in der Wahlversammlung.) Aus Vollmerz bei Schlüchtern wird uns folgendes berichtet:
Am Vorabend der Reichstagswahlen fand in Vollmerz eine große deutschvölkische Wahlversammlung statt, zu der auch die Umgebung eingeladen war. Der Redner, eine völkische Lokalgröße, erläuterte mit großem Pathos: 'Sehen Sie, meine Herren, wir sind zu allernächst Deutsche, dann erst in zweiter Reihe Katholiken oder Protestanten. Die Juden aber sind zuerst Juden, dann angeblich auch Deutsche.'
Da schreit ein anwesender jüdischer Viehhändler aus Sterbfritz dazwischen: 'Stimmt nicht, Herr Doktor, Sie sind schon einen Tag nach Ihrer Geburt katholisch getauft worden, ich aber war sieben Tage nur Deutscher und bin erst am achten Tage jüdisch geworden.'
Es setzte ein Hallo ein, dass der Redner des Abends, wie uns erzählt wird, nicht mehr weiter konnte. In den sich immer wiederholenden Lachsalven gingen seine weiteren Ausführungen gänzlich verloren. Er war geschlagen."   

   
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Auseinandersetzung zwischen dem Toraschreiber (Sopher, Sofer) Wolf Grünebaum aus Vollmerz und dem Toraschreiber Mosche Mai in Raboldshausen (1866)  
Anmerkung: zu Tefilin siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Tefillin   
Wolf Grünebaum ist in Vollmerz geboren. Er war als Sofer (Toraschreiber) tätig. Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 erhielt er mehrere Auszeichnungen auf Grund seiner engagierten Kriegseinsatzes. Wolf Grünebaum war verheiratet mit Sophie geb. Plaut, die am 18. April 1849 in Willingshausen geboren ist. Er verzog um 1880 nach Fulda, wo er als Toraschreiber und Weinhändler tätig und auf Grund seines hohen Ansehens alsbald Mitglied des Vorsteheramtes der jüdischen Gemeinde wurde. Wolf und Sophie Grünebaum hatten mehrere Kinder - die Geburtsregister der jüdischen Gemeinde Fulda verzeichnen: Henry (?), Leo (?), Joseph (verh. mit Caroline geb. Grünebaum, ermordet im Vernichtungslager Auschwitz), Benno (?), Abraham (geb. 13. Oktober 1883 in Fulda), Miriam (geb. 14. November 1884 in Fulda, verheiratet mit Jacob Goldschmidt, gest. 1967 in Haifa), Aron (geb. 18. März 1888 in Fulda, gest. 2. September 1893 in Fulda), Friedrich (geb. 24. April 1889 in Fulda), und Friedericke (geb. 20. März 1893 in Fulda, gest. 23. Juli 1893 in Fulda). Wolf Grünebaum starb am 18. Juni 1906 in Fulda. Seine Frau Sophie verstarb am 18. März 1929 ebd.    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. April 1866: "Mainz, den 15. April. Der Sopher (= Toraschreiber), Herr Assor Mai aus Raboldshausen im Kurfürstentum Hessen, hat uns vor circa 6 Wochen 5 Zeugnisse übersandt und zwar 2 vom Herrn Landrabbiner Dr. Adler zu Kassel, eins von dem ehemaligen Provinzial-Rabbiner Gosen zu Marburg, ein solches von Dr. Levy in Gießen und eins von einem anderen Sopher, die da dessen Befähigung als Sopher Sefarim Tefilin Mesusot = Toraschreiber von Torarollen, Tefillin und Mesusot bekunden sollen; hervorgerufen wurde diese Zusendung durch einen Artikel in Nr. 17 vorigen Jahres, in welchem ein Herr Heoref die gewissenhafte und regelrechte Tätigkeit des Herrn Mai angegriffen hat. Herr Mai sandte uns zugleich eine Entgegnung, in der er behauptete, Heoref sei der an unserer Unterrichtsanstalt fungierende Lehrer Herr Grünebaum aus Vollmerz in Kurhessen. Herr Mai greift in dieser Entgegnung die Ehre des Herrn Grünebaum an, beschuldigt ihn der Unwahrheit und eigennütziger Absichten, da ein Bruder desselben ebenfalls Sopher sei (Anmerkung: Raboldshausen ist übrigens wenigstens 20 Stunden von Vollmerz entfernt, was bei den mangelhaften Verkehrswegen in jener Gegend Kurhessens um noch viel weiter erscheinen muss, so dass also von Konkurrenzneid hier gar nicht die Rede sein kann).
Da jedoch Zeugnisse nur die Befähigung, nicht aber die gewissenhafte Arbeit eines Sopher bekunden können, so ließen wir uns durch Vermittelung eines Dritten ein Paar Tefilin von Herrn Mai kommen; dieselben trafen vorigen Freitag bei uns ein, und war das Paket mit dem Siegel des Herrn Mai gesiegelt und von einem Briefe desselben begleitet, so dass unmöglich ein Zweifel darüber obwalten kann, dass diese Tefilin auch wirklich von Herrn Mai verkauft worden sind.
Wir haben diese Tefilin geöffnet und zu unserm Bedauern gefunden, dass dieselben pesulim (nicht korrekt) sind, und zwar aus folgenden Gründen:
1) Die Schrift in denselben hat nicht die gesetzmäßige Gestalt der Buchstaben; das Schluss-K hat die Gestalt eines W; das W gleicht dem J; andere sehen gar keinen Buchstaben ähnlich.
2) Die Zwischenräume zwischen den einzelnen Worten fehlen häufig, sodass vielfach zwei Worte wie eines erscheinen;
3) ist in den Tefilin schäl jad (die am Arm getragenen Tefilin) in der Paraschah - Zitat 2. Mose 13, 5.11 - im Gottesnamen beim zweiten H eine Berührung (sc. der Striche des Buchstabens H), sodass dasselbe einem T gleicht.
Die Tefilin erscheinen als so leichtfertig geschrieben, dass eine sorgfältigere Prüfung sicher noch mehr Fehler ergeben würde; dieselben stehen Jedermann bei uns zur Einsicht offen.
Dass durch dieses Ergebnis das Verfahren des Herrn Grünebaum vollkommen gerechtfertigt ist, bedarf wohl weiter keiner Auseinandersetzung. Seitdem Herr Grünebaum die Arbeit des Herrn Mai öffentlich gerügt hat, ist fast ein Jahr verflossen; Herr Mai ist leider seitdem in seiner Arbeit nicht gewissenhafter, nicht sorgfältiger geworden.
Möge der Rabbiner, dem er untersteht und der ihn durch sein Zeugnis installiert oder bestätigt hat, seine Pflicht tun; es handelt sich hier um die heiligsten Angelegenheiten des Judentums, um eine der wichtigsten Obliegenheiten eines Rabbiners."          

    
Über den im deutsch-französischen Krieg auf Grund seines Kriegseinsatzes hochdekorierten jüdischen Soldaten (den o.g. Sofer) Wolf Grünebaum aus Vollmerz (Artikel von 1894)      

Artikel in "Dr. Bloch's österreichischer Wochenschrift" vom 26. Oktober 1894: "Wolf Grünebaum, ein jüdischer Soldat.   Von M. Plaut.
Die Antisemiten haben in ihrem frevelhaften Beginnen, Alles, was jüdisch heißt, zu verunglimpfen und in Verruf zu bringen, auch vor den Leistungen der jüdischen Krieger nicht Halt gemacht. Diesem nichtswürdigen Treiben gegenüber haben die jüdischen Blätter und die 'Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus' es als ihre Pflicht erachtet, Alles aufzuzeichnen, was ihnen über das Verhalten der jüdischen Soldaten im Kriege bekannt wurde. Heute soll der verehrte Leser einen jüdischen Soldaten kennen lernen, der an Tapferkeit keinem der christlichen Soldaten seines Regimentes nachgestanden hat.
Der Name dieses Helden ist Wolf Grünebaum, aus Vollmerz bei Schlüchtern stammend. Von Jugend auf für Reiten und Schießen eingenommen, war er bald der keckste Reiter seines Regiments, des I. hessischen Husarenregiments Nr. 13. Da erscholl der Kriegsruf über den Rhein und sein Regiment rückte alsbald dem Feinde entgegen. Lass Dir nun, lieber Leser, einige der von ihm ausgeführten Reiterstückchen von ihm selbst erzählen: 'Nachdem ich das Gefecht bei Weißenburg, die Schlacht bei Wörth mit unserer Attacke auf französische Kürassiere und Uhlanen und die Attacke unserer zwei Escadronen auf drei französische Kürassierescadronen in der Schlacht bei Sedan mitgemacht hatte, wurde ich vor Paris als Ordonnanz zum Thüringischen Infanterie-Regiment Nr. 94 abkommandiert.
General von der Tann hatte vor der großen Übermacht des Feindes aus Orleans weichen müssen, und uns — der 17. und 22. Division — wurde die Aufgabe, mit General von der Tann die aufgegebene Position und die Stadt Orleans um jeden Preis wieder zu erringen. Das Regiment, dem ich attachiert war, hatte in früheren Schlachten seinen Kommandeur verloren und inzwischen als Führer den von seinen bei Wörth erhaltenen Wunden kaum geheilten ältesten Major v. Nechar erhalten. Am 1. Dezember erhielt das Regiment in dem Obersten v. Palmenstein einen neuen Kommandeur. In aller Frühe des 2. Dezember rückte das Regiment mit den übrigen Truppenteilen der Division bei Arteny dem Feinde entgegen. Wie es schien, hatten wir in demselben im Laufe des Vormittags empfindliche Lücken gerissen. Er ging zurück, von uns verfolgt bis in die Waldungen hinter Arteny, wo wir uns plötzlich einer fast sechsfachen Übermacht in einer für uns sehr ungünstigen Stellung gegenüber sahen. Von fast drei Seiten warf der Feind das mörderischste Feuer auf uns, dazu ging unsere Munition auf die Neige. Da fiel an meiner Seite Oberst v. P., von zwei Kugeln schwer verwundet, vom Pferde. Ich sprang sogleich aus dem Sattel, um den braven tapferen Offizier, der erst Tags zuvor aus seiner Garnisonsstadt in Frankreich eingetroffen war, aus dem Kugelregen zu tragen. Er wehrte mir dies aber mit den Worten ab: 'Lassen Sie es, mit mir ist es doch vorbei; überbringen Sie eiligst das Kommando dem Major v. Nechar!' Ich musste gehorchen. Als ich zurückkam, hatte man den braven Obersten in eine nahe Mühle getragen, wo er kurze Zeit darauf verschied. Nachmittags mussten wir vor der erdrückenden Übermacht und wegen Mangels an Munition zurückgehen. Ich stieß auf den Divisionsgeneral von Wittich, dem im Verlauf einer halben Stunde drei Pferde unter dem Leibe weggeschossen worden waren, und wollte ihm schnell ein anderes Pferd besorgen. Da rief er einem Adjutanten den Befehl zu, die Compagnie des 94. Regiments, die zwei Gehöfte an der Waldlisiére besetzt hielt, herauszuholen, da sie sonst vom Feinde umringt würde. Kaum hatte der Adjutant den Befehl erhalten, als er verwundet wurde. Deshalb bat ich um die Erlaubnis, den Befehl überbringen zu dürfen. Es war ein Weg von etwa dreiviertel Stunden, den ich zurückzulegen hatte. Ich erhielt die Weisung, recht vorsichtig zu sein, da das zu passierende Dorf möglicherweise von Feinden besetzt sein könnte. Vor diesem Dorf begegnete mir Herr Major v. Schauroth, der mir auf meine Frage antwortete, noch sei das Dorf von Feinden nicht besetzt. Ich sprengte also durch dasselbe, überbrachte den Befehl und ritt dann wieder zurück. Es war inzwischen etwas dunkel geworden, und deshalb gewahrte ich erst, als ich nur noch 300 Schritte vom Dorfe entfernt war, dass hinter der Gartenmauer des ersten Hauses eine feindliche Kavallerie-Patrouille (Spahis), die abgesessen war, durch die Sättel ihrer Pferde ihre Gewehre auf mich in Anschlag gebracht hatte. Blitzschnell warf ich mein Pferd herum, und in demselben Augenblicke schon pfiffen mir die Kugeln die sehr bekannte Melodie um die Ohren. Die Kerls schossen gar nicht übel. Eine Kugel jagten sie mir durch meine Pelzmütze auf dem Kopfe, eine zweite durchlöcherte den Mantel, die dritte riss mir den Absatz vom Stiefel, und eine vierte durchschoss kurz vor meiner Hand die Kandarenzügel meines Pferdes, so dass ich dasselbe nur noch mit der Trense leiten konnte. Dem Tiere die Sporen eindrückend, jagte ich querfeldein der Richtung zu, wo ich unsere Truppen vermutete. Bald zeigte sich ein Laufgraben vor mir. Als ich demselben auf 4—5 Schritte nahegekommen war, schlug eine Granate in denselben und durch das Krepiren derselben und die hierdurch hoch aufgeschleuderte Erde, die mein Pferd überschüttete, wurde dieses stutzig und war nicht über den Graben zu bringen. Wären meine Zügel intakt gewesen, so wäre ich doch hinübergekommen, und mein schnelles Pferd — ein bei Sedan erbeutetes und dem Großherzog von Sachsen-Weimar gehöriges edles Tier — wäre von den arabischen Hengsten der Spahis nicht eingeholt worden. So aber erreichten mich zwei Mann der französischen Patrouille vor dem Graben. Ergeben durfte ich mich nicht. Es galt zu kämpfen und es galt das Leben. Immer meine rechte Seite dem Feinde zuwendend, fing ich den ersten, auf meinen Kopf gerichteten Hieb auf, schwang meinen Säbel mit aller Kraft und spaltete meinem ersten Gegner mit einem gewaltigen Hiebe die Schulter, dass er lautlos vom Pferde sank. Zur Rechten sah man wie zur Linken einen halben Spahi heruntersinken. Sodann machte ich den zweiten, der mich auch mit seinem Säbel bedrohte, durch einen Stich in den Unterleib kampfunfähig. Kaum dachte ich, nun in Ruhe zu sein, als zwei andere dieser weißgekleideten Wüstensöhne, der Rest der Patrouille, ihr Mütchen an mir zu kühlen gedachten und mir an den Graben noch den Weg verstellten. Der zuerst Herangerittene suchte mich von hinten über den Kopf zu hauen. Um mich zu decken, musste ich den Hieb, von vorn anziehend, auffangen. Dabei kam ich mit meinem Säbel zu tief und hieb meinem Pferde die Spitze des linken Ohres ab.
Dies bewirkte, daß das Thier mit einem Satze den Graben übersprang. Die zwei Feinde folgten mir in der Richtung zu meinen Truppen. Als ich noch einige 100 Schritte vom Walde entfernt war, knallten aus demselben einige Schüsse, und erst, als ich mich nicht mehr verfolgt sah, gewahrte ich, wem der Gruß gegolten hatte. Meine zwei afrikanischen Freunde, deren helle Uniformen auch im Dunkeln unserer Infanterie eine gute Zielscheibe abgegeben hatten, lagen erschossen hinter mir, und ich — war gerettet.
Bald darauf erhielt ich die silberne Verdienstmedaille mit Schwertern.
Es war in den letzten Decembertagen. Wir lagen in einem kleinen Orte, ungefähr vier Stunden von Maintenon. Eine pech­rabenschwarze Nacht hatte sich über die Erde gelegt, und Schnee- und Regenstürme verleideten Einem jeden Schritt im Freien. Gegen 9 Uhr Abends erhielt ich durch den Adjutanten des 94. Infanterieregiments, den Lieutenant v. Trotha, den Befehl,      
mein Pferd zu satteln, um nach dem 3—4 Stunden entfernten Quartier des Generals v. Wittich zu reiten und Meldung zu überbringen und Befehl zu holen. Nach meiner Karte und der mir gewordenen Instruktion hatte ich in der Entfernung von einer Stunde ein Dorf zu passieren. Nach dem Verlassen desselben sollte ich von den in dasselbe einmündenden drei Wegen den mittleren einschlagen. Sodann müsste ich die rechts von dem eineinhalb Stunden durch Wald führenden Weg liegende Mühle passieren, bei der vor einigen Tagen eine Ordonnanz erschossen worden, die aber vermutlich jetzt frei von Franktireurs sei. Auf keinem Fall dürfte ich den linken Weg wählen, da auf demselben sich Franktireurs umhertrieben. Als ich das Dorf hinter mir hatte, machten die Dunkelheit und der Sturm es mir unmöglich, den rechten Weg herauszufinden. Ich ritt zu dem ersten Haus des Dorfes zurück und klopfte ans Fenster. Als dasselbe geöffnet wurde, begehrte ich unter Vorhalten des Karabiners Licht. Es erschien darauf ein Bauer mit einem Licht, der auf meine Aufforderung, mir den Weg nach Maintenon zu zeigen, sich hierzu bereit erklärte. An dem Punkte, wo die Wege sich trennten, wollte er mich durchaus auf den linken Weg führen. Als ich ihm unter der Drohung, ihn zu erschießen, zu verstehen gab, dass dies der richtige Weg nicht sei. sprang er plötzlich über den Straßengraben hinüber in den Wald. Ich setze ihm nach und da inzwischen etwas Schnee gefallen war und die Bäume nicht dicht standen, so hatte ich ihn sofort wieder eingeholt. Meine Schusswaffe gegen ihn zu gebrauchen, schien mir nicht rätlich, da der Schuss sicherlich Franktireurs angelockt hätte. Deshalb bearbeitete ich den Rücken des Bäuerleins gehörig mit der flachen Klinge. Laufen lassen durfte ich den Kerl auch nicht, dazu erschien er mir nicht harmlos genug, und er hätte mir wohl noch einen bösen Streich spielen können, zumal ich die berüchtigte Mühle noch vor mir hatte. So blieb mir nichts übrig, als ihn bei mir zu behalten. Schnell warf ich ihm meine Fouragierleine um den Hals und drohte ihn zu erwürgen, wenn er noch einmal Miene zum Fortlaufen machte. Schließlich dauerte mich doch seine Situation und ich zog ihm die Schlinge vom Hals. Um ihn aber am Davonlaufen zu hindern, ließ ich mir seinen Gürtel geben, der ihm die Hosen festhielt, sodass er diese mit seinen Händen halten musste, wodurch er am Laufen gehindert war. Als wir die gefürchtete Mühle hinter uns hatten, gab ich meinem unfreiwilligen Begleiter seinen Gürtel und ließ ihn laufen. Mein Pferd aber musste nun die über den Franzosen versäumte Zeit einholen; rechtzeitig kam ich nach M., und gegen Morgen war ich bereits wieder bei den Meinen. — Solche nächtliche Ordonnanzritte, die stets allein ausgeführt werden müssen, habe ich viele gemacht.
Nach Beendigung des Feldzuges kehrte Grünebaum mit drei Orden geschmückt in seine Garnison zurück. Der Großherzog von Sachsen-Weimar wollte ihm unter seinen Hofbeamten eine Stelle geben, doch lehnte Grünebaum das Anerbieten ab. Lange Zeit nach der gesetzlichen Frist zur Invaliditätsmeldung stellten sich bei ihm die Folgen der großen Strapazen ein. Der eine Unterschenkel starb ab und Grünebaum musste gefahren und getragen werden, Trotzdem konnte ihm nach dem Gesetz keine Invalidenpension bewilligt werden. Erst durch die dem Kaiser zur Verfügung gestellten Fonds wurde es möglich, ihm eine solche zuzuerkennen. Nach langjährigem Besuch verschiedener Heilquellen ist Grünebaum jetzt im Stande, sich mit Hilfe zweier Stöcke gehend zu bewegen und das in einer vom hochseligen Kaiser ihm geschenkten Maschine liegende Bein nachzuziehen.
Grünebaum lebt in Fulda, angesehen und beliebt bei den staatlichen und städtischen Behörden."   

  
Zum Tod des Kriegsveteranen, Toraschreiber und Mitglied des Vorsteheramtes Wolf Grünebaum (1906)
     

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 22. Juni 1906: "Fulda, 20. Juni (1906). Sterbefall. Ein imposanter Leichenzug, wie einen ähnlichen man lange nicht gesehen. Galt es doch, einen wackeren Jehudi und geachteten Bürger die letzte Ehre zu erweisen. Der über die Grenzen des engen Vaterlandes weit hinaus bekannte und berühmte Fuldaer Sofer, Herr Wolf Grünebaum, ist nicht mehr; Montag hauchte er seine reine Seele aus. Sein Scheiden rief allgemeine Teilnahme hervor. War er auch Wochenlang an das Schmerzenlager gebannt, so hoffte man doch, dass die unabwendbar gewordene Operation den ersehnten Erfolg haben würde. Es hat anders kommen sollen. Eine plötzlich eingetretene Herzschwäche hat allzu schnell den Tod herbeigeführt. 
Wolf Grünebaum, eine imponierende Erscheinung, konnte sich nur, auf Stäbe gestützt, mühsam fortbewegen. Infolge der Strapazen des Krieges von 1870/71, in dem er sich durch Mut und Tapferkeit auszeichnete und einen hohen Orden erhielt, hatte sich ein Leiden eingestellt, das der Ärzte Kunst nicht zu heilen vermöchte. Er war vollständig gelähmt. Nichtsdestoweniger bewahrte er die Heiterkeit des Gemüts und Lebensfreude, wie sie nur ein unerschütterliches Gottvertrauen zu erzeugen vermag. Erzählte er von seinen Kriegserlebnissen - und er konnte interessant erzählen - so lauschte jeder gespannt seinen Worten. Wie als Soldat, so war er nicht minder pflichtgetreu als Jude. Als Sohn unbemittelter Eltern, diente er als Husar in Hofgeismar. Ein Zug seines tiefsinnigen religiösen Empfindens dürfte auch für weitere Kreise nicht uninteressant sein und verdient, bekannt gegeben zu werden. Grünebaum ließ jeden Samstag, um nicht den Sabbat zu entweihen, sein Pferd putzen und zahlte dafür 50 Pfennig. Um nun diese Ausgabe zu decken, übernahm er Sonntags freiwillig Stallwache. Der Zufall fügte es, dass sein Rittmeister ihn drei aufeinander folgende Sonntage im Stalle fand. Auf die Frage nach dem Grunde, zögerte Grünebaum mit der Antwort. Doch der Rittmeister forderte diese, und Grünebaum erteilte sie mit tränendem Auge. Gerührt wandte sich der Offizier ab. Dienstag Morgen wurde beim Appell bekannt gegeben, dass der Husar Grünebaum vom Pferdeputzen am Samstage dispensiert sei. Dabei wurde ihm wegen seiner Glaubenstreue volles Lob gespendet. Auch während des Feldzuges hatte der wackere Jude seine religiöse Pflicht in seltener Weise erfüllt. 
Wie sehr man die Vorzüge und Charaktereigenschaften des Heimgegangenen zu schützen wusste, erhellt daraus, dass ihn der Kriegerverein, der ihm unter Führung zweier Offiziere das Geleit zu seiner letzten Ruhestätte gab und am Grabe drei Salven abfeuerte, in den Vorstand wählte. Tief ergriffen entrollte Herr Provinzial-Rabbiner Dr. Cahn am Grabe des Verblichenen ein Lebensbild des Entschlafenen. Die Rede machte einen tiefen Eindruck auf die zahlreichen Hörer, unter denen man auch den Herrn Landrat erblicken konnte. Grünebaum war auch Mitglied des Vorsteheramts der Israeliten hier und im Kollegium wegen seines Biedersinnes und seiner Einsicht hochgeschätzt. Möge dem teueren Verblichenen die Erde leicht sein!"    

   
Zum Tod von Viktor Birk I. in Vollmerz (1868)  
sowie über Viktor Stern in Schlüchtern und Salomon Schwarzenberg in Hitzkirchen

Anmerkung: zu Wimpeln - Mapot siehe
https://de.wikipedia.org/wiki/Torawimpel; zu Jom Kippur katan siehe https://www.talmud.de/tlmd/jom-kippur-katan/   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. August 1868: "Schlüchtern. Dieser Tage starb in dem benachbarten Vollmerz Viktor Birk I. im Alter von etwa 96 Jahren. Der Verstorbene hinterlässt noch vier lebende Geschwister, von denen der älteste, Namens Hirsch (ein Cousin und Namensbruder meines sel. Großvaters er ruhe in Frieden) das hundertste Lebensjahr bereits überschritten haben soll. Genau lässt sich nämlich das Alter dieser Leute nicht ermitteln; sie selbst wissen dasselbe nur durch Vergleichungen mit längst verstorbenen Altersgenossen anzugeben. In damaliger Zeit führte man keine Geburtsregister, nur die sogenannten 'Wimpeln' (Mapot) in der Synagoge bieten einigen Inhalt. In vorliegendem Falle sind auch diese nicht mehr aufzufinden. 
Kräftige Naturen sind diese alten Leute, die noch heute ihr kümmerliches Stückchen trockenen Brotes so kräftig erhält, dass sie mancher junge Mann unserer Zeit um solche Gesundheit beneiden dürfte. So hat eben mein Namensvetter, der hundertjährige Hirsch Birk, noch heute eine Kraft und Sicherheit in den Armen, die mancher Dreißigjährige entbehrt. Derselbe ist Metzger seines Geschäftes und lässt es sich noch immer nicht nehmen, wenn sein Sohn ein Stück Vieh schlachtet, die Haut des geschlachteten Tieres abzuziehen, die Eingeweide auszunehmen und das Fleisch auszuhacken, und das tut er mit einer Gewandtheit, die jeder Zunftmeister für tadellos erklären muss. Wenn man im Sommer am Hause dieser alten Leute vorübergeht, so sieht man den alten Hundertjährigen auf einem Stühlchen sitzen, und da hackt er sein ganzes Reisholz, das ihn während des Winters erwärmen soll, mit eigener Hand. Jeden Jom Kippur katan fastet noch dieser alte Mann und er ist keiner der letzten, der an solchen Tagen mit den am Kopfe und Arme von seinem Berge herab zur Synagoge kommt, um mit den Enkeln und Urenkeln seiner Jugendgenossen gemeinsam zu beten. — Der jüngste Bruder, auch ein tüchtiger Achtziger, geht noch jeden Tag über Land und die Bauern handeln gern mit dem ehrlichen Alten, der schon ihren Urgroßvätern das Vieh abkaufte. Zur Zeit der Obsternte sieht man ihn alltäglich mit dem schwer beladenen Quersacke nach Hause kommen, den ihm die Bauern füllen, und das wird er gar nicht müde, denn es ist für die lieben Brüder und das achtzigjährige Schwesterlein, die nicht mehr fortgehen können. — Auch hier in Schlüchtern lebt ein alter Mann, namens Viktor Stern, der wenigstens 106 Lebensjahre zählt, da er hier noch einen lebenden Schwiegersohn hat, der bereits ein tiefer Achtziger ist. Schließlich will ich den Lesern des 'Israelit' noch von einem interessanten Veteranen erzählen, der in Hitzkirchen im Vogelsgebirge lebt. Salomon Schwarzenberg diente in seiner Jugend als Ysenburg - Büdinger Tambour bei der Rheinbundarmee. Als Bundesgenosse der Franzosen machte seine Truppe den Feldzug in Spanien mit. Eines Tages führte das launige Schlachtenglück das Bataillon unseres Salomon in ein Gehölz, das von englischen Truppen in großer Übermacht umzingelt war. Englische Parlamentäre forderten die Ysenburger zur Übergabe auf. Der tapfere Kommandant des unglücklichen Bataillons wollte jedoch den Heldentod auf dem Felde der Ehre einer Gefangenschaft unter spanischen Händen vorziehen und ließ das Feuern nicht einstellen. Wie Hagelkörner schlugen die Kugeln der Hochschotten unter dem Häuflein Ysenburger von allen Seiten ein und es dauerte wohl nicht lange, so hätten die armen Söhne des Vogelsgebirges sämtlich ihr Grab unter den Korkeichen Iberiens gefunden. Doch, da wird gegen alle Erwartung das feindliche Feuer immer schwächer, die Engländer machen kehrt, denn das Trommelfell hatte Ordre zum Rückzug gegeben. Freund und Feind hatten keinen solchen Ausgang des Gefechtes erwartet, beide waren gleich verblüfft und dennoch rasselte das unerforschliche Kalbfell fortwährend Return! return! Nur die nächsten Kameraden neben unserem Salomon aus Hitzkirchen bemerkten zuerst die Ursache ihres unerwarteten Glückes. Salomon hatte nämlich von früheren Rencontres her, die Signale der englischen Kollegen abgelauscht und seine Wirbel beorderten die Engländer zurück. So war es dem Ysenburger Bataillon möglich aus dieser Falle zu entkommen; dem kaltblütigen Helden aus Hitzkirchen verdankt der Fürst von Büdingen die Rettung seines Bataillons.   Hirsch Grünbaum."    

        
50-jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Samuel Neumark (geb. um 1808 in Vollmerz, gest. 1880 in Windecken)

Windecken Israelit 16041879.jpg (64954 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. April 1879: "Windecken, 26. März (1879). Gestern feierte der Lehrer der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr Samuel Neumark, sein 50-jähriges Dienstjubiläum. Eine große Anzahl seiner während dieser langjährigen Dienstzeit gewesenen Schüler und Schülerinnen sowie die Mitglieder der hiesigen israelitischen Gemeinde, die Führer der hiesigen städtischen Schulen, die Lehrer der umliegenden Gemeinden, endlich das Vorsteheramt in Hanau erfreuten mit Glückwünschen und passenden Geschenken den wackeren Lehrer. Abends war gesellige Vereinigung im Gasthause 'Zur Hochmühle', wo sowohl die städtischen Behörden, die Kollegen des Jubilars von Windecken und Umgegend und sonstige Gäste anwesend waren."   

   
Zum Tod von Simon Levi (1898)

Vollmerz Israelit 25041898.jpg (60275 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. April 1898: "Vollmerz, Kreis Schlüchtern. Am Heiligen Schabbat - Halbfeiertag (zu Pessach) (= 9. April 1898) verschied in Vollmerz nach mehrwöchentlichem Leiden Herr Simon Levi, im hohen Alter von 82 Jahren. Gestern wurde der Verlebte unter sehr starker Beteiligung, auch von Auswärts, zur letzten Ruhe bestattet. Herr Simon Levi stand, nachdem die Gemeinde schon 20 Jahre ohne Lehrer war, nicht nur der Gemeinde, sondern ganz besonders der dortigen Chewra (Wohltätigkeitsverein) insofern zu Diensten, dass er den Erfolg seines Torastudiums, dem er trotz seiner steten, erwerblichen, angestrengten Tätigkeit mit Fleiß oblag, zum Besten gab. Die Gemeinde und Chewra hat dadurch wirklich ihre Krone verloren. M.M.R."   

  
Zum Tod von Esther Loeb (1915) 

Schluechtern Israelit 27051915.jpg (65305 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Mai 1915: "Schlüchtern, 23. Mai (1915). Am 2. Tag von Schawuoth (Wochenfest) wurde eine wahre wackere Frau zur letzten Ruhe bestattet, deren wirklich musterhaft frommes Wesen es verdient, hier gewürdigt zu werden. Frau Esther Loeb aus Vollmerz, die von frühester Jugend schwer um ihr tägliches Brot kämpfen musste und deren Haus danach einem Heiligtum glich, in dem Arme stets offenen Eingang hatten; jeder Betrübte ging froh von ihr; das Letzte, was die Verblichene besaß, konnte sie entbehren und dem Betrübten reichen; machte sie doch die schwersten Fußwege, um für andere zu sorgen und sie zu erfreuen. Ihr Andenken wird  uns erhalten bleiben. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."   

     
Über den Lehrer Emanuel Levi (geb. 1864 in Vollmerz, nach Deportation ermordet 1942) 
Anmerkung: Emanuel Levi ist am 10. März 1864 in Vollmerz geboren als Sohn des Handelsmannes Simon Levi und seiner Frau Betti (Bettchen) geb. Coburger. Er ließ sich am Israelitischen Lehrerseminar in Würzburg zum Lehrer ausbilden und war als solcher spätestens ab 1886 (vermutlich bereits ab 1883; erste Nennung 1886 bei einer Spendensammlung in Unterriedenberg in "Der Israelit" vom 20.8.1886) in Unterriedenberg tätig. Anschließend war er von 1901 bis 1912 Lehrer in Willmars, danach von 1912 bis 1929 in Burgpreppach. 1908 konnte er in Willmars sein silbernes Lehrerjubiläum feiern. Er war seit 1893 verheiratet mit Jettchen geb. Birkenruth (geb. 13. Mai 1868 in Wehrda), mit der er drei Kinder hatte: Betty (geb. 3. September 1896 in Unterriedenberg), Simon (geb. 25. Dezember 1901 in Willmars) und Frieda (geb. 28. Februar 1907 in Willmars). Während des Ersten Weltkrieges wurde Emanuel Levi beauftragt, auch die Leitung der beiden protestantischen Schulen sowie der Fortbildungsschule in Burgpreppach zu übernehmen. Damals war er für bis zu 168 Kinder zuständig. 1929 wurde er völlig grundlos mit anderen jüdischen Männern des Ritualmordes an einem Kind bezichtigt (vgl. Seite zu Hofheim). Am 1. Mai 1929 wurde er in den Ruhestand versetzt. Am 12. November 1935 wurde er durch das Amtsgericht Hofheim zu drei Wochen Gefängnis verurteilt; auch von April bis Ende 1937 war er in Haft. 1938 suchte die Familie Zuflucht in Lübeck und lebte dort in der Fleischhauerstraße 49, dann in der Fleischhauerstraße 1. Sohn Simon (verheiratet mit Irma, geb. 17. November 1907) lebte in Burgpreppach, im Mai 1939 in Bremerhaven, von wo er über Hamburg nach New York emigrieren konnte. Die Tochter Betty wurde mit ihrem Mann Siegfried Frank von Hamburg aus 1942 nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert, wo sie im Oktober 1944 ermordet wurden. Emanuel Levi, seine Frau Jettchen und die Tochter Frieda wurden am 6. Dezember 1941 von Lübeck aus über Bad Oldesloe und Hamburg in das Außenlager des Ghettos Riga (Riga-Jungfernhof) deportiert und dort im März 1942 ermordet Vgl. https://www.stolpersteine-luebeck.de/stolperstein/emanuel-levi sowie www.hagalil.com.archiv/99/05/manau.htm und https://www.juf-gedenken.de/juedische-orte/jg-burgpreppach/ 
Für Emanuel Levi, seine Frau Jettchen geb. Birkenruth und die Tochter Frieda liegen seit dem 20. April 2010 in Lübeck "Stolpersteine" vor dem Haus Fleischhauerstraße 1: https://www.luebeck.de/de/presse/pressemeldungen/view/125349
Für Tochter Betty und ihren Mann Siegfried Frank liegen Stolpersteine in Hamburg, Rissener Landstraße 127 (ausführlich zur Familiengeschichte https://www.stolpersteine-hamburg.de/?MAIN_ID=7&BIO_ID=3670). 
Die Gräber von Simon Levi (gest. 8. September 1983) und seiner Frau Irma (gest. 10. Februar 2005) sind im Beth-El-Cemetery, Paramus, Bergen County NJ/USA  https://de.findagrave.com/memorial/254278152/simon-levi  https://www.geni.com/people/Simon-Levi/6000000008659635005  (hier weitere genealogische Informationen zur Familie).   
Hinweis: Texte aus jüdischen Periodika zu Lehrer Emanuel Levi siehe in den Seiten zu Unterriedenberg, Willmars und Burgpreppach.    
     
 
  
 
Über Israel Nussbaum (1869-1942)  

Nussbaum Viersen.jpg (12094 Byte)Israel Nussbaum ist 1869 in Vollmerz in einer orthodoxen Landjudenfamilie geboren. Sein Vater war Viehhändler. Felix Nussbaum konnte sich in Köln zum Lehrer ausbilden lassen und wandte sich dem liberalen Judentum zu. In seinem Buch "'Gut Schabbes!' Jüdisches Leben auf dem Lande. Aufzeichnungen eines Lehrers (1869-1942). Berlin 2002" setzte er sich mit der Orthodoxie und manchen Gebräuchen jüdischer Landgemeinden auseinander. Dabei wird vielfach das jüdische Gemeindeleben in Vollmerz beschrieben. Felix Nussbaum war von 1897 bis 1932 Lehrer und Kantor in Viersen. Im Juli 1942 wurde er über Düsseldorf nach Theresienstadt deportiert, wo er Anfang Dezember 1942 umgekommen ist. 
Links: Gedenkmedaille des Kreises Viersen aus dem Jahr 2004 für Israel Nussbaum.   

      
Über Theodore Levitt (1925-2006)  

Theodore Levitt (geb. 1. März 1925 in Vollmerz als Sohn des Schusters Boris Levitt und seiner Frau Rachel; gest. 28. Juni 2006 in Belmont) war ein deutschamerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Harvard Business School. Er prägte den wirtschaftswissenschaftlichen Begriff der Globalisierung im Jahre 1983 in seiner Ausgabe der Harvard Business Review. 
Die Familie Levitt ist in der NS-Zeit nach Dayton, Ohio emigriert.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Theodore_Levitt bzw. englisch https://en.wikipedia.org/wiki/Theodore_Levitt  
Ausführliche Informationen im Beitrag von Ernst Müller-Marschhausen: Theodore Levitt (1925-2006). Der Vordenker und Erklärer der modernen Weltwirtschaft stammte aus Schlüchtern-Vollmerz. In: Bergwinkel-Bote - Heimatkalender 2013. Beitrag ist in der Website der Stadt Schlüchtern eingestellt  (auch als pdf-Datei abrufbar).   

  
Kleine Mitteilungen in jüdischen Periodika: 
-  Bevorstehende Hochzeit am 31. August 1930 von Max Nußbaum (Vollmerz) mit Bella Goldschmidt (Sterbfritz) (in: "Israelitisches Familienblatt" vom 28. August 1930 S.6)   
-  70. Geburtstag von David Nußbaum (Vollmerz) am 19. Mai 1937 (in "Israelitischen Familienblatt" vom 13. Mai 1937 S. 16) 
    
  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Verlobungsanzeige von Ida Nußbaum und Julius Baum (1923) 

Anmerkung: Ida Baum geb. Nußbaum ist am 9. Februar 1899 in Vollmerz geboren. Julius Baum ist am 1. März 1892 in Ziegenhain geboren. Nach ihrer Heirat lebten beide in Ziegenhain, zuletzt in Frankfurt. Beide wurden am 15. September 1942 von Frankfurt in das Ghetto Theresienstadt deportiert, von hier aus am 29. September 1944 (Julius) bzw. am 4. Oktober 1944 (Ida) in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Beide wurden ermordet.   

Anzeige im "Israelitischen Familienblatt" vom 11. Oktober 1923: "Ida Nußbaum   -   Julius Baum  
Verlobte  
Vollmerz   25. September 1923   Ziegenhain". 

   
Nachkommen von Meier Levi aus Vollmerz in Nordamerika gesucht (1938)  
Anmerkung: solche Suchanzeigen gab es nach 1933 häufig in der Hoffnung auf Erlangung eines "Affidavit" https://de.wikipedia.org/wiki/Affidavit: Familienangehörige, Freunde und qualifizierte Organisationen in Staaten außerhalb Deutschlands konnten mit einer beglaubigten Bürgschaftserklärung Verfolgten die Einreise in die USA (und andere Länder) ermöglichen. Auf diese Weise war eine Emigration möglich.  
Emanuel Levi, der die Suchanzeige unterschrieb, ist am 10. März 1864 in Vollmerz geboren, lebte später in Riedenberg und in Burgpreppach und schließlich in Lübeck. Er wurde am 6. Dezember 1941 ab Hamburg in das Außenlager des Ghettos Riga (Riga-Jungfernhof) deportiert und ermordet. 

Suchanzeige in der "Jüdischen Rundschau" vom 5. August 1938: "Nr. 736. Meier Levi, aus Vollmerz, Kreis Schlüchtern, 1878 nach Baltimore ausgewandert, wird gesucht von Emanuel Levi, Lübeck, Fleischhauerstr. 49/III."     

  
Todesanzeige für Arnold Nussbaum (1938)   

(Anmerkung: die Anzeige erschien in der letzten Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" vor dem Novemberpogrom 1938; Arnold Nussbaum ist am 15. August 1864 in Vollmerz geboren als Sohn von Markus Nussbaum und der Jetta (Jette) geb. Hamburger. Er starb am 30. Oktober 1938 in Fulda. Arnold Nussbaum war verheiratet mit Jenny geb. Stern, die am 3. September 1890 in Züntersbach geboren ist als Tochter von Daniel Gedalia Stern und der Hanchen geb. Lion. Jenny starb am 24. März 1955 in New York NY/USA (Grab siehe unten). Arnold und Jenny hatten eine Tochter Ilse, geb. 21. Dezember 1919 in Vollmerz, später mit Ernst Hall verheiratet und am 30. Januar 2003 in Plainview NY/USA gestorben. Arnold Nussbaum wurde vermutlich in Vollmerz beigesetzt. Er ist zwar im Sterberegister Fulda eingetragen, doch dort ohne Hinweis auf Tag und Ort der Beerdigung. Link: Eintragung im Sterberegister Fulda
Genealogische Angaben nach  https://www.geni.com/people/Arnold-Nussbaum/6000000001576334584 
 

Anzeige in der "Jüdischen Rundschau" vom 4. November 1938: "Unerwartet rasch entschlief mein innigstgeliebter guter Mann, mein herzensguter Vater, Schwiegersohn, Bruder, Schwager und Onkel
Arnold Nussbaum
aus Vollmerz

Im Namen der Hinterbliebenen:
Frau Jenny Nussbaum geb. Stern
Fulda, Sturmiusstraße 5,
den 30. Oktober 1938." 
 
  Rechts: Grab/Grabstein für
Jenny Nussbaum
(1890 Züntersbach - 1955 New York)

im Cedar Park Cemetery, Paramus, Bergen County NJ/USA https://de.findagrave.com/memorial/208985366/jenny-nussbaum 
     

    
     
     
Zur Geschichte der Synagoge    
           
     
Zunächst war vermutlich ein Betraum in einem der jüdischen Häuser vorhanden. 

Eine Synagoge wurde 1811 erbaut. Erstellt wurde ein einfacher Fachwerkbau mit steilem, geschweiftem Satteldach, beidseitig mit Krüppelwalmen. Das Gebäude hatte einen Grundriss von 7 mal 11 Metern. Es umfasste den Betsaal mit einer einseitigen Frauenempore, einem gesonderten Raum in einem Anbau (ursprünglich Schulraum?) sowie ein rituelles Bad. 
 
Wie lange in dem Gebäude Gottesdienste abgehalten wurden, ist nicht bekannt. Nach 1933 war die Gemeinde bereits zu klein für regelmäßigen Gottesdienst. Das Synagogengebäude wurde bereits vor dem Novemberpogrom 1938 verkauft.   
   
Beim Novemberpogrom 1938 wurden, obwohl das Gebäude bereits verkauft war, dennoch der Innenraum und die Fensterscheiben durch SA-Leute zerstört. Danach wurde das Gebäude als Spenglerei und Pferdestall verwendet. 1976 wurde das Gebäude nach jahrelangem Leerstand durch einen neuen Besitzer abgebrochen. Das noch teilweise gut erhaltene Gebälk wurde zum Bau eines Wohnhauses in Stork bei Flieden (Kreis Fulda) verwendet. Zwei beim Abbruch vorgefundenen Gedenksteine von 1813,  Gebotstafeln aus Holz unter einem Magen David (vermutlich vom Vollmerzer Toraschrein) sowie Gebetbuchfragmente (mit Brandspuren) wurden dem Bergwinkelmuseum im Lauterschen Schlösschen in Schlüchtern übergeben, wo sie in der Abteilung Judaica ausgestellt sind. 
  
Zum Bau des Wohnhauses in Stork wurde nicht nur das Bauholz der ehemaligen Synagoge, sondern auch von zwei Bauernhäusern und einer Scheune verwendet. Der ehemaligen Fachwerksynagoge entstammen beide Traufseiten und ein Giebel. Die gebogenen Dreiviertelstreben, Sporne und Gegenstreben entstammen anderen Gebäuden oder wurden neu angefertigt. Die Ritualbad-Anlage wurde beim Abbau und Versetzen der ehemaligen Synagoge zerstört und entfernt.  
   
1987 wurde das Synagogengrundstück mit einem neuen Wohnhaus überbaut
.    
   
   
Adresse/Standort der Synagoge:   an Stelle des heutigen Gebäudes Hinkelhofer Straße 6A  
   
    
Fotos / Abbildungen
(Quelle: Altaras 1988 S. 25; 2007² S. 346-347)  

Plan / Schnitt / Isometrie der Synagoge    
Vollmerz Synagoge 142.jpg (34680 Byte) Vollmerz Synagoge 141.jpg (40168 Byte) Vollmerz Synagoge 143.jpg (98069 Byte)
Plan des Erdgeschosses 
der ehemaligen Synagoge 
Senkrechter Schnitt 
durch das Synagogengebäude
Isometrie des Fachwerks und des 
Holzgefüges der ehemaligen Synagoge
     
     
Foto der ehemaligen Synagoge
(Quelle: Stadtarchiv Schlüchtern; 
vermittelt durch Horst Möwes)  
Vollmerz Synagoge 150.jpg (105278 Byte) Foto links 
in höherer Auflösung (318 kb)
     Blick auf das 1811 erbaute Gebäude mit
 einem bei Landsynagogen häufigen
 Krüppelwalmdach; das kleine Fenster über
 dem Haupteingang gehört zur Frauenempore.
    
          
     
Privatwohnhaus im Storker Hof, erbaut 
mit dem Bauholz der ehemaligen Synagoge
Vollmerz Synagoge 140.jpg (73975 Byte)   
   Aufnahme April 1987   
       
Synagogengrundstück 
(Foto: Hahn, Aufnahmedatum 9.4.2015) 
Vollmerz Synagoge IMG_6726.jpg (87080 Byte)  
  Blick auf das Grundstück der ehemaligen Synagoge mit Neubebauung   
      

     
     
Links und Literatur

Links:  

bulletWebsite der Stadt Schlüchtern   
bulletSeite zu Vollmerz bei LAGIS: https://lagis.hessen.de/resolve/de/ol/12562 
bulletSeite zum jüdischen Friedhof in Vollmerz (interner Link)    

Literatur:  

bulletPaul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 331.   
bulletThea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 25.  
bulletdies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 138 (keine weiteren Informationen). 
bulletdies.: Neubearbeitung der beiden Bände. 2007² S. 346-347. 
bulletStudienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 223.    
bulletPinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 535. 
bulletJens Hoppe: Jüdische Geschichte und Kultur in Museen. Zur nichtjüdischen Museologie des Jüdischen in Deutschland. New York / München / Berlin. Waxmann-Verlag. 2002. S. 142-143. 

    
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Vollmerz (now part of Schluechtern) Hesse-Nassau. Dating from the 18th century, this Jewish community numbered 103 (23 % of the population) in 1861 and 22 in 1933. Its wooden synagogue had an interior design and Hebrew inscriptions executed by a Christian artist in 1812. The interior was destroyed on Kristallnacht (9-10 November 1938) and by 1941 all the remaining Jews had left. 
  
    

                   
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Stand: 31. Januar 2026