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in Speyer
Speyer (Rheinland-Pfalz)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt
Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit
Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Speyer wurden in jüdischen Periodika
des 19./20. Jahrhunderts gefunden.
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt. Neueste Einstellung am
3.5.2012.
Übersicht:
Allgemeine Berichte
Bericht über "850 Jahre jüdische Gemeinde zu
Speyer" (1934)
Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung"
vom 15. November 1934:
"850 Jahre jüdische Gemeinde zu Speyer.
In dieser Zeit, wo Heimatverbundenheit und Heimatrecht der deutschen Juden
in Frage gestellt wird, ein paar Monate nach der 900-Jahrfeier der
Synagoge zu Worms, am 13. September 1934 bestand die jüdische Gemeinde zu
Speyer 850 Jahre. -
Am gleichen Tag im Jahr 1084 n.Chr. erklärte der Bischof Rüdiger
Huosmann in einer Urkunde wörtlich, er glaube den Ruhm der Stadt Speyer
tausendfach zu mehren, wenn er (zugleich mit der Eingemeindung des Dorfes
Altspeyer die dort wohnenden) Juden aufnehme. Das ist die Geburtsurkunde
der Jüdischen Gemeinde zu Speyer.
Erwiesen aber ist, dass Juden schon lange vorher, nämlich seit dem 8.
Jahrhundert, sich in Alt-Speyer, das an den großen Handelsstraßen
Köln-Augsburg und Köln-Narbonne gelegen war, angesiedelt hatten. Luther
behauptet, dass schon in der frühesten Zeit des fränkischen Reiches hier
Juden lebten, wenngleich die Geschichte der Kultur von den Juden der
damaligen Zeit ebensowenig, wie von den Deutschen zu berichten weiß. Ja,
eine Ansiedlung schon zu römischer Zeit ist wahrscheinlich. So zählt
Speyer mit den anderen rheinischen Gemeinden Köln, Mainz und Worms zu den
ältesten jüdischen Niederlassungen in Deutschland.
Die Erinnerung, die in die Zeit vor 1084 zurückgeht, trifft in der
Speyerer Altstadt etwa um das Jahr 1000 Sprosse auf der berühmten
italienischen Rabbinerfamilie Kalonymos in einer schon damals bestehenden
Judengemeinde an, in deren Talmudschule auch Raschi gelernt hat. - Bis in
diese Zeit wohnten die Juden in der Altstadt, angesehen und ungestört
unter den christlichen Bürgern. Seit etwa 1050 aber mussten sie vor
Ausschreitungen des Pöbels geschützt werden.
So zog Bischof Rüdiger nach jener Urkunde von 1084 seine jüdischen
Untertanen auf einem besonderen Gelände zusammen, das er zu ihrem Schutz
mit Mauern umgeben ließ. Hier ist zum erstenmal in Deutschland das Ghetto
erwähnt, das aber nicht zu Hohn und Schande, sondern nur zum Schutz der
Juden errichtet wurde. Im gleichen Jahr nahm der Bischof viele Juden aus
Mainz auf, wodurch erst die Gemeinde so rasch emporblühen konnte. In dem
Privileg aber gewährte er ihnen Freiheiten und Rechte, wie sie die Juden
in Deutschland damals |
nirgends
besaßen: Handelsfreiheit, eigene Gerichtsbarkeit unter einem sogenannten
Archisynagogus, das Recht Grundbesitz zu erwerben, christliche Dienstboten
und Sklaven zu halten usw. Dafür sollten ihm die Juden jährlich 3,5
Pfund Speyerer Geldes zahlen.
Als sechs Jahre später, im Jahr 1090, Kaiser Heinrich IV. nach Speyer kam
- der Bischof war inzwischen alt geworden und Sorge für die Erhaltung
ihrer Rechte mag der Anlass gewesen sein - ließen sich die Speyerer Juden
durch Vermittlung des ihnen wohlgesinnten Bischofs auch unter seinen
Schutz nehmen. Er bestätigte ihnen ihr Privileg und vermehrte ihre
Freiheiten und ihren Rechtsschutz noch ganz bedeutend: Sie konnten im
ganzen Deutschen reich bei Zollfreiheit Handel treiben, in Prozessen mit
Christen durften sie nach jüdischem Recht Beweis führen, germanische
Gottesurteile sollten gegen sie nicht angewendet, Verbrechen gegen sie
streng bestraft werden. Dieses Privileg unterzeichnete der Kaiser
eigenhändig, nachdem er sich vorher mit dem Rabbi Kalonymus über den
Speyerer Dom, der damals erst einige Zeit fertig gestellt war, unterhalten
hatte. Auf des Kaisers Frage, ob der Dom dem salomonischen Tempel an
Schönheit nicht überlegen sei, suchte der Rabbi aus der Bibel die
höhere Würde des Tempels nachzuweisen. Dass der Kaiser die freimütige
Antwort nicht ungnädig aufnahm, zeigt das Privileg, das er
erteilte.
Obwohl nun die Juden dem Kaiser direkt unterstanden, ließ er dem Speyerer
Bischof die ihm als Stadtherrn zustehenden Rechte, sodass Bischof und
Juden in dauernder Verbindung blieben. Von ihm war der Vorsteher der
Synagoge abhängig, an seine Kammer flossen die für Verletzung der
Judenrechte erhobenen Bußgelder. Seit 1090 so unter doppeltem Schutz -
von einer finanziellen Ausbeutung konnte damals noch keine Rede sein -
bracht für die Speyerer Juden eine gute Zeit an. Unterbrochen nur von
einem Schreckenstag im Jahr 1090, wo die Kreuzfahrer einige Speyerer Juden
ermordeten. Doch bot der Bischof gleich Bewaffnete zu ihrem Schutz auf,
die weitere Gefahr abwendeten.
Jetzt begann die 100-jährige Blütezeit der Gemeinde. - Man treib nach
Belieben Handel und Geldgeschäfte. Der Wohlstand muss beträchtlich
gewesen sein. Damals entstanden die Bauten der Gemeinde in der Gegend, die
heute noch die Judengasse heißt: Eine Synagoge, als deren Baujahr schon
1084 bezeichnet wird, ein Gemeinde-, ein 'Dantz- oder Brutehaus' (Tanz-
oder Brauthaus), ein Lehrhaus und eine Mikwe aus der Wende des
Jahrhunderts, ein paar Jahre später noch eine zweite Synagoge. Von all
dem ist heute nur noch die Mikwe, das 'Judenbad' erhalten, das mehr als
400 Jahre seiner Bestimmung diente, heute seiner Renovierung harrend. Eine
unterirdische Anlage in romanischem Baustil, wie sie monumentaler in
Deutschland heute nirgends zu sehen ist. Das Speyerer Judenbad mit seinem
alten Gemäuer zwischen winkligen Gässchen verdient nicht nur als ein
verträumter Zeuge jüdischer Geschichte, sondern auch als deutsches
Kunstdenkmal aus der großen Zeit der salischen Kaiser ernstliche
Beachtung. - Von der romanischen Synagoge aber sind allein kümmerliche
Mauerreste übrig. Sonst künden nur noch ein paar verwitterte Grabsteine
von den jüdischen Menschen des alten Speyer. Deren Namen aber besaßen in
der damaligen jüdischen Welt einen guten Klang. War doch die Gemeinde,
solange Juden in größeren Massen hier lebten, ein geistiges Zentrum.
'Die Weisen von Speyer' werden mit derselben Ehrerbietung genannt, wie die
Meister von Worms und Mainz. Und dass diese drei Gemeinden eine gewisse
Einheit bildeten. SCHUM (Speyer - Worms - Mainz) ist
aus ihren Verordnung, den Tekanoth SCHUM allgemein bekannt. Von diesen
schreibt ein jüdischer Autor, Isaac aus Wien: 'Von unseren Lehrern in
Mainz, Worms und Speyer ist die Lehre ausgegangen für ganz Israel, und
seitdem Gemeinden in Deutschland und in dem (slawischen) Königreiche
sind, hat man sich daselbst an diese Vorschriften gehalten.' Wiederholt
fragten auch die Rabbinerversammlungen und der Gemeindeverband während
dieser Blütezeit in Speyer, ehe beim zweiten Kreuzzug von 1195 große
Verfolgungen über die Gemeinde hereinbrachen.
Wenn auch der Kaiser die Mörder zwang, den Juden Buße zu zahlen, es war
der Anfang des Niedergangs. 50 Jahre später schon verloren sie ihre
Handelsfreiheit: außer mit Geld, sollten sie nur mit Wein, Kräutern und
Arzneien Handel treiben. Und einige Jahrzehnte nach dieser Beschränkung
begann die finanzielle Ausbeutung durch die Kaiser, die die Speyerer Juden
von nun an wechselnd an Städte, Bischöfe und Herren verpfändeten und
wiederholt sämtliche Forderungen, die die Juden besaßen, für null und
nichtig erklärten.
Gegen Ende dieses 13. Jahrhunderts aber setzte die lange Leidenszeit der
Speyerer Juden eigentlich ein, während sie bald vertrieben oder ermordet,
bald wieder zurückgerufen wurden. So ereilte sie 1282 und 1343 das
Verderben. Und als 1348 der 'Schwarze Tod' durch Europa rast, leuchtet im
Speyerer Judenghetto die Brandfackel der sich selbst verbrennenden Juden
durch ein blutiges Morden. - Das Geschehen dieses Jahres hat vor ein
Jahrzehnt der damalige deutsche Gesandte in Wien Dr. Maximilian Pfeiffer
in seinem Buch 'Kyrie Eleison', ein Roman von Juden und Christen im alten
Speyer' gestaltet. - Dieser Schlag hatte die Gemeinde ins Mark getroffen.
Die Steine ihrer Häuser, Grabsteine und Friedhofsmauern wurden von der
Stadt zu neuen Türmen und zur Ausbesserung der Stadtmauern benützt. Zwar
durften die 1349 Entkommenen, die in Heidelberg Zuflucht gefunden hatten,
wieder zurückkehren, aber es gab nur neue Schwierigkeiten: Reibereien mit
den Zünften, ein Verbot der Errichtung neuer Schulen, eine demütigende
Kleiderordnung, Benützung der Synagoge als städtisches Haus usw. Aber
auch die dazwischen liegende Folge von Vertreibungen und Wiederzulassung
konnte die Heimatliebe der Speyerer Juden nicht ersticken, bis mit dem
großen Brand der Stadt Speyer im Jahre 1689 Synagoge und Judengemeinde
ihr Ende fanden.
Als die Stadt wieder aufgebaut war, erhielten die Juden nur 'temporarische'
Aufenthaltserlaubnis, sodass sie sich, wie ehemals in den umliegenden
Dörfern wieder ansiedelten. Nach der französischen Revolution aber kamen
die Juden aus diesen Dörfern wieder in die Stadt, und als 1806 Napoleon
den Juden deutsche Namen geben ließ, wurden schon wieder 80 jüdische
Einwohner festgestellt. Seit dieser Namensgebung tragen viele deutsche
Juden den Namen Speyer, das auch in Spier, Spiro, Spira zu finden ist.
-
Die Gemeinde erlebte jetzt einen, wenn auch mit ihrer klassischen Zeit
nicht vergleichbaren Wiederaufstieg. 1836 wurden eine neue Synagoge und
eine jüdische Schule eingerichtet, die bis heute bestehen. 1900 zählte
die Gemeinde wieder 500 Seelen, die aber heute auf 269 zurückgegangen
sind. Ein einziger Lehrer ist der Verwalter einer großen
Tradition.
Von der Not unserer Zeit sind die Speyerer Juden hart getroffen. Ein
großer Teil der Jugend ist im letzten Jahr abgewandert. Aber wenn die
Jüdische Gemeinde zu Speyer auf ihre Geschichte zurückblickt, dann weiß
sie, dass dies nicht die erste Notzeit ist, die sie bestehen musste und
überstanden hat. Reinhold W. Herz, früher Speyer, jetzt
Berlin." |
Über
die kleiner werdende jüdische Gemeinde (Bericht aus der NS-Zeit von 1936)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. September
1936:
"Schicksal in Zahlen. Von Reinhold Herz (Berlin).
Die Gemeinde Speyer, die als eine der ältesten jüdischen
Gemeinden in Deutschland 1934 achthundertundfünfzig Jahre bestand, begeht
demnächst die 100-Jahre-Feier ihrer neuen Synagoge und der
jüdischen Schule. Wir haben aus Anlass des 850-jährigen Bestehens die
wechselvolle Geschichte dieser alten Gemeinde ausführlich dargestellt.
Aus Anlass der 100-Jahr-Feier bringen wir heute einen kurzen
soziologischen Abriss ihrer gegenwärtigen Gestalt, der über Speyer
hinaus für die Situation und Entwicklung der kleineren jüdischen Gemeinde
in Deutschland nur allzu typisch sein dürfte.
Die Speyerer Gemeinde, die im Jahre 1836 mit einer Seelenzahl von 250
Menschen sich wieder eine eigene Synagoge und eine jüdische Schule
errichtete, hat in ihrer neueren Geschichte die größte Seelenzahl im
Jahre 1900 mit 520 Menschen erreicht. Seitdem ist die jüdische
Bevölkerung bis 1925 auf 350, bis 1933 auf 270 und bis 1936 auf 190
Menschen gesunken.
Der Bevölkerungsverlust von 1900 bis 1933 ist in erster Linie
durch Binnenwanderung in Großstädte entstanden. Der Bevölkerungsverlust
von 1933 bis 1936 rekrutiert sich aus: 1 Austritt, 11 Todesfälle, 36
Personen sind innerhalb Deutschlands abgewandert und zwar hauptsächlich
in die beiden Großstädte Mannheim und Frankfurt am Main. 48 Personen
sind ausgewandert, wobei, wie in sehr vielen süddeutschen Gemeinden, die
weitaus überwiegende Zahl auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika
entfällt und die Zuwanderung zu Verwandten charakteristisch ist. Dem
Bevölkerungsverlust von 96 Personen steht eine Zunahme durch 3 Geburten
und 9 Zuzüge gegenüber. Die wirtschaftliche Entwicklung wird charakterisiert
durch 10 Fälle von Geschäftsübergabe (Verkauf oder Vermietung) und
durch die Senkung des Gemeindeetats von 15.000 auf 10.000 Mark. Auch
dieser Etat kann bereits nur noch durch freiwillige Selbstbesteuerung
einiger weniger Gemeindemitglieder aufrecht erhalten werden.
Nach dem heutigen Stand zeigt die Altersgliederung der Gemeinde mit
50 Prozent der Bevölkerung zwischen 40 und 60 Jahren und 20 Prozent über
60 Jahren eine überdurchschnittliche Überalterung. In der beruflichen
Struktur überwog bisher der Einzelhandel vorherrschend in der
Textilbranche. Dieses berufliche Gepräge löst sich auf und der
Zwischenhandel wird bestimmend. Die soziale Struktur zeigt trotz
der Überalterung nur noch etwa 50 im Erwerbsleben stehende Personen. Die
Form der Selbstständigkeit überwiegt noch. Das kulturelle Leben
verliert durch die Abwanderung der tragenden Menschen dauernd an
Selbstständigkeit. Es wird hauptsächlich durch überörtliche Quellen
gespeist: Jüdische Zeitung und Buch, auswärtige Redner und Teilnahme am
kulturellen Leben der benachbarten Großgemeinde Mannheim. Das gesellschaftliche
Leben ist durch das Fehlen eines gemeindlichen Zusammenkunftsraumes
völlig gehemmt, seitdem vor einigen Monaten die jüdische Schule in dem
einzigen Gemeinderaum untergebracht werden musste. - So bleibt der
Gottesdienst in der Synagoge als alleinige Form eines regelmäßigen
Gemeinschaftslebens.
Für die Zukunft sind in der Bevölkerungsbewegung bereits einige
klare Entwicklungstendenzen festzustellen. Etwa 20 weitere Personen, d.h.
etwa 10 Prozent der Gemeinde bereiten noch ihre Auswanderung vor. Nach diesem
erneuten Wanderungsverlust besonders von jüngeren Menschen und jungen
Ehepaaren wird die jüdische Schule, die jetzt noch 17 Kinder umfasst,
durch den Mangel an Jugendlichen selbst bei Einbeziehung der umliegenden
Landgemeinden nur noch wenige Jahre bestehen können. - Die Seelenzahl der
Gemeinde scheint sich unter Berücksichtigung der durch die Überalterung
entstehende Immobilität und eines der Altersgliederung entsprechenden
Sterbeverlustes für eine Reihe von Jahren auf etwa 130-150 Menschen neu
zu
stabilisieren." |
Artikel
über die jüdische Geschichte im Mittelalter
Beitrag aus dem Jahr 1876 von Moses Mannheimer: "Die
Judenverfolgungen in den Städten Speyer, Worms und Mainz im Jahre 1096,
während des ersten Kreuzzuges" mit Übersetzung eines mittelalterlichen
Berichtes des Elieser ben Nathan Halevi aus
Köln
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 9. Mai 1876: |
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Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 23. Mai 1876: |
Über die Judenverfolgungen
während des Ersten Kreuzzuges 1096 (Artikel von
1925)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
21. Mai 1925: |
Besprechung eines Romans über Juden und Christen im
mittelalterlichen Speyer (1926)
Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung"
vom 8. Februar 1926: |
Artikel
über die jüdische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert
Aus der
Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
70. Geburtstag und 50-jähriges Amtsjubiläum von
Lehrer Ludwig Schloss (1883)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 20. November 1883: "Bonn, 11. November (1883). Man
schreibt aus Speyer vom 6. November: Heute feiert der israelitische
Lehrer L. Schloß seinen 70-jährigen Geburtstag in Verbindung mit dem
50-jährigen Amtsjubiläum. Das gesamte Lehrerpersonal brachte dem greisen
Kollegen gestern Abend ein Ständchen, wobei zwei Chöre vorgetragen
wurden." |
Auszeichnung von Lehrer Ludwig Schloss
(1887)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 21. April 1887: "Der 'Speyerer Zeitung' entnehmen
wir: Ein höchst feierlicher Akt vollzog sich am 2. dieses Monats
Vormittags im großen Saale des Rathauses: die Dekorierung des Herrn
Lehrers Ludwig Schloß dahier. Schon vor 11 Uhr hatten sich die Vertreter
der Stadtverwaltung, den Herrn Bürgermeister Süß an der Spitze, die
protestantischen Distrikts- und Lokalschulinspektoren, die Lehrerkollegien
der Volks-, Real- und Töchterschule, der Vorstandschaft der
israelitischen Kultusgemeinde sowie zahlreiche Bekannte und Freunde des
Jubilars aus Nah und Fern in dem bezeichneten Lokale eingefunden, um Zeuge
einer Ehrung zu sein, die einem verdienten Lehrer für treues 50-jähriges
Wirken in der Schule durch die Gnade Seiner Königlichen Hoheit des
erhabenen Prinzregenten Luitpold von Bayern erwiesen wurde. In einer
warmen Ansprache zeichnete der Königliche Regierungsrat und
Bezirksamtmann Herr von Moers ein Bild des Strebens und Wirkens des
Gefeierten, verlas die hierher gehörigen amtlichen Schriftstücke und
endigte mit dem Wunsche, es möge Herrn Schloß noch lange vergönnt sein,
zum Segen der Schule und unserer Stadt mit Erfolg arbeiten zu können.
Alsdann schmückte der Herr Redner die Brust des Jubilars mit der goldenen
Ehrenmünze des bayerischen Ludwigsordens. Weitere Ansprachen hielten der
Herr Bürgermeister Süß, welcher namens der Stadtverwaltung einen
hübschen Regulator mit einer auf einer Silberplatte eingravierten Widmung
überreichte, Herr Stadtpfarrer und Distriktsschulinspektor Ney, Herr Herz
als Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, welche dem Jubilar ein
Ruhebett zum Geschenk gemacht, dann Herr Hauptlehrer Berger im Namen der
Kollegen des Gefeierten, Herr Dr. Bender, Königlicher Rektor der Realschule,
an welcher Anstalt Herr Schloß schon 29 Jahre als Religionslehrer wirkt,
und Herr Vollert, Hauptlehrer an der hiesigen Töchterschule, woselbst der
Gefeierte ebenfalls als Religionslehrer tätig ist. Auf jede dieser
Ansprachen wusste Herr Schloß, sofort schlagfertig, richtige Worte der
Erwiderung zu finden, die in den Gedanken ausgedrückt sind: ich danke
tiefgerührt zunächst dem Herrn aller Herren, der mich so lange hat
wirken lassen, und dann meinem Königlichen Landesvater, dem erhabenen und
vielgeliebten Prinzregenten Luitpold, der mir die hohe Auszeichnung zuteil
hat werden lassen, dann meinen verehrten Herren Vorgesetzten für die
warme Anerkennung meiner bescheidenen arbeit, dann meinen lieben Kollegen,
meinen werten Glaubensgenossen und allen Freunden für das stets erwiesene
Wohlwollen. - Mit einem dreifachen Hoch auf Seine Königliche Hoheit,
unsern Prinzregenten Luitpold, ausgebracht durch Herrn Regierungsrat und
Bezirksamtmann von Moers, wurde die erhebende Feier beschlossen. Des
Abends fand ein sehr animiertes Festmahl
statt." |
Anstellungsprüfung eines jüdischen
Schulamtskandidaten (1909)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 22. Oktober 1909: |
Ausschreibung der Lehrerstelle
(1928)
Anzeige in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung"
vom 15. August 1928:
"Israelitische Kultusgemeinde Speyer am Rhein.
Infolge der Berufung des Herrn Kauflehrer Krämer nach München ist die Lehrerstelle
an der israelitischen Volksschule zu besetzen. Mit der Stelle ist die
Erteilung des Religionsunterrichts am Gymnasium, der Realschule und dem
höheren Mädchenlyzeum verbunden. Die Mitwirkung am Gottesdienst in der
Synagoge soll ebenfalls übernommen werden. Bewerber wollen sich an die
unterfertigte Stelle wenden.
Der Synagogenrat der Israelitischen Kultusgemeinde Speyer. B. Cahn,
Vorsitzender." |
Jakob Krämer verlässt die Pfalz (1928)
Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung"
vom 13. September 1928: "Speyer am Rhein. Am 1. September
verließ Hauptlehrer Jakob Krämer die Pfalz, um einer ehrenvollen
Berufung der Kultusgemeinde München folgend, die Stelle eines
Religionslehrers in dieser Gemeinde zu übernehmen. Der Freien Vereinigung
Israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz war Krämer seit 1907 ein
beständiger und verständiger Mitarbeiter und seit 1924 ein tatkräftiger
und erfolgreicher Führer. Hier und ebenso im Ausschuss des Verbandes der
Israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz sowie als Mitglied der Tagung des
Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden - überall hat Krämer
fleißig und zielbewusst geholfen, die Gegenwartsaufgaben der Pfälzer
Judenheit ihrer Lösung näher zu bringen. Die Achtung und Wertschätzung
weiter Kreise dieser Pfälzer Glaubensgenossen begleiten Krämer an seinen
neuen Wirkungskreis. Möge seiner Tätigkeit auch dort reicher Erfolg
beschieden sein.
An die Pfälzer Kollegen! Bei meinem Scheiden aus der mir in
21-jähriger Tätigkeit liebgewordenen Pfalz sage ich allen Pfälzer
Kollegen herzlichst Abschiedsgrüße.
Speyer, 31. August 1928. Krämer." |
In
Speyer besteht noch eine der letzten jüdischen Schulen der Pfalz (1936)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1.
Oktober 1936: "Speyer am Rhein. Am 1. September wurden im
Bereich des Regierungsbezirkes Pfalz in vier Städten jüdische
Sonderklassen der allgemeinen Volksschulen errichtet, in Ludwigshafen
zwei Klassen (vorläufig nur mit einem Lehrer besetzt), in Kaiserslautern,
Landau und Neustadt
an der Weinstraße je eine Klasse. Nach Ludwigshafen
wurde Lehrer und Kantor Schottland (Frankenthal)
angewiesen, nach Kaiserslautern
Lehrer i.R. Langstädter, nach Landau
Lehrer und Kantor Zeilberger (Landau)
und nach Neustadt Schulamtsbewerber
Samson aus Landau. Sämtliche
Lehrkräfte sind auf Dienstvertrag mit monatlicher Kündigung angestellt.
Jüdische Schulen entsprechend dem bayerischen Schulbedarfsgesetz, deren
Lehrer Beamte sind, bestehen noch in Speyer, Pirmasens
und Rodalben." |
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Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Oktober 1936:
"Jüdische Schulen und Schulklassen.
Frankfurt am Main, 6. Oktober (1936). Im bayerischen Regierungsbezirk
Pfalz wurde zum 1. September in vier Städten jüdische Sonderklassen an
allgemeinen Volksschulen errichtet, und zwar zwei Klassen in Ludwigshafen
und je eine in Kaiserslautern, in Landau und Neustadt.
Außerdem bestehen noch seit früher jüdische Schulen in Speyer,
Pirmasens und Rodalben..." |
70. Geburtstag von Lehrer Leon Waldbott
(1937)
Leo Waldbott wurde am 28. Januar 1867
in Oberlustadt als zweiter Sohn des Lehrers und Autors Lazarus Waldbott geboren.
Nach dem frühen Tod seiner Vaters (1869) wuchs er bei seinem Großvater, dem Lehrer und Kantor Levi Waldbott (1809 - 1889), auf, dessen vier Söhne alle Lehrer waren.
Auch Leo Waldblatt ließ sich zum Lehrer ausbilden (am protestantischen Lehrerseminars in Kaiserslautern):
von 1885 bis 1890 war er als Lehrer in Hagenbach tätig,
seitdem als
Lehrer mit Rabbinerfunktionen und als Kantor in Speyer. Er war Mitglied der Speyerer Liedertafel, Organist und Dirigent des Synagogenchors. Mit dem in Königsberg tätigen berühmten Kantor Eduard Birnbaum (1855 - 1920), der als weltweit führender Experte auf dem Gebiet der Synagogalmusik galt, war Leo Waldbott eng befreundet. Bei der Eröffnung der neuen Speyerer Synagoge im Jahr 1894 hatte Leo Waldbott die Ehre, die Festansprache halten zu dürfen. 1911 wurde er Hauptlehrer, 1916 Oberlehrer.
Leo Waldbott galt als eine der angesehensten Persönlichkeiten des pfälzischen Judentums vor dem 2. Weltkrieg. Jahrzehntelang war er Vorsitzender des Vereins der jüdischen Lehrer und
Kantoren der Pfalz sowie Vorstandsmitglied im Reichsverband jüdischer Lehrervereine in Deutschland. Besonders engagiert war Leo Waldbott auch im sozialen Bereich. Auf seine Initiative ging die Gründung des ersten Jüdischen Altersheimes für die Pfalz (in Neustadt) zurück. Zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 1938 wurde ihm vom Bezirksrabbinat der altehrwürdige Ehrentitel
"Chaver" (Ehrenrabbiner) verliehen.
Die beiden Söhne Leo Waldbotts, Emil und George, wanderten in jungen Jahren in die USA aus und folgten damit den Spuren ihrer Tante Flora
Waldbott, die bereits im 19. Jahrhundert ebenso wie ihr Bruder, der Botaniker Dr. Sigmund
Waldbott, in die USA ausgewandert war. Leo Waldbott, der stolz auf die jahrhundertelange Geschichte seiner Familie in der Pfalz und am Rhein war, wollte eigentlich in Deutschland bleiben, doch bewogen ihn, den deutschjüdischen Patrioten, die Ereignisse der "Reichskristallnacht", schweren Herzens in seinen alten Tagen noch zu emigrieren. Er starb am 26. Mai 1940 in
Cincinnatti/Ohio.
Obige Informationen nach der Website www.angelfire.com/art/gregorbrand/bios/LeoWaldbott.html;
hier finden sich als Literaturangaben:
Reinhold Herz: Gruß für Leon Waldbott. In: Israelitisches Gemeindeblatt 1937 (15. Jg.), Nr. 3, S. 12
Katrin Hopstock: Leon Waldbott. In: Speyerer Vierteljahreshefte, 1988, S. 24 - 25
George Waldbott: Memories (Mschr., unveröffentlicht, o. O., o. J.)
Leo Waldbott: Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933 (Mschr., Detroit/USA 1940, unveröffentlicht). |
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| Würdigung von Leon
Waldbott zu seinem 70. Geburtstag (1937 in Speyer) |
Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung"
vom 15. Januar 1937: "Gruß für Leon Waldbott. Am 28.
Januar vollendet in Speyer Oberlehrer a.D. Leon Waldbott in
ungewöhnlicher Schaffenskraft das 70. Lebensjahr. Leon Waldbotts
Tätigkeit in der Speyerer Gemeinde reiht ihn in die bewährte Tradition
'unserer Lehrer von Speyer' ein, wie es in alten Dokumenten heißt. Von
1890 bis 1923 wirkte er hier als Leiter der Schule und als 1. Kantor, seit
1923 als Dirigent des Synagogenchors. In ihm verbinden sich pädagogische
und musikalische Begabung, Lauterkeit des Charakters und des
Gemeinschaftssinnes zu einer Wirkungskraft, die sich weit über Speyer
hinaus Sympathie und Begehrtheit erwarb. So zählte ihn die Vereinigung
israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz und der Reichsverband
jüdischer Lehrer in Deutschland 26 Jahre zu ihrem Vorstandsmitglied. Aber
die zentrale Leistung Leon Waldbotts liegt in seiner sozialen Arbeit: Das
pfälzische Judentum verdankte seiner Initiative im Jahre 1908 die
Gründung des israelitischen Altersheims für die Pfalz in Neustadt
a.d.H. und eine seitdem unermüdliche Arbeitsliebe für dieses Werk,
die ihn immer wieder von seinen zahlreichen Reisen nach den Vereinigten
Staaten hierher zurückrief. - Sein 70. Lebensjahr vollendet Leon Waldbott
als ein Unermüdlicher. Er schließt gerade in diesen Tagen eine
literarische Arbeit ab, in der er die Geschichte des israelitischen
Altersheimes für die Pfalz niedergeschrieben hat und seine Sorge für die
Alten findet neuerdings wieder ihre Ergänzung in einer zukunftsbahnenden
Bemühung um die Jugend. Alle, die Leon Waldbotts Lebenswerk kennen,
verbindet an diesem Tage der Dank für das Geleistete und der Wunsch für
seine weitere Vollendung in ungebrochener Lebenskraft. Reinhold
Herz." |
Aus dem jüdischen
Gemeinde- und Vereinsleben
Rückschritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung
(1846)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 30. November 1846: "Speyer, 16. November (1846). Die
Maßregeln wegen des Moralpatents der Juden nach dem Gesetze vom 17. März
1808 sind neuerdings wieder verschärft worden, während man auf
Abschaffung desselben gehofft hatte. Um diesem veralteten Überbleibsel
einer finsteren Zeit zu entgehen, werden wieder viele Bekenner des
mosaischen Glaubens nach Amerika auswandern." |
Der Verein Ez-Chajim will eine Tora-Rolle schreiben
lassen (1886)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
25. Februar 1886: "Für Soferim
(Toraschreiber).
Der Verein Ez-Chajim in Speyer beabsichtigt ein neues kleines Sefer
(Torarolle) (in der Höhe von ca. 50 cm) anzuschaffen. Offerten mit Muster
von Pergament und Schrift, sowie Preisangabe zu richten an den
Vorstand
S. Wolff II." |
Antijüdisches im "Hirtenbrief" des Bischofs
(1904)
Anmerkung: 1904 war Bischof: Joseph Georg von Ehrler (Bischof
in Speyer von 1878 bis 1905), siehe Wikipedia-Artikel
Joseph Georg von Ehrler.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
22. Februar 1904: "Speyer, 15. Februar (1904). Der hiesige
Bischof veröffentlichte im 'Rheinischen Volksblatt' seinen diesjährigen
Fasten-Hirtenbrief. Es seien demselben folgende Stellen entnommen, die wir
den Lesern dieses geschätzten Blattes zum Selbsturteil
unterbreiten:
Unter anderem heißt es in dem Briefe: 'Der Erfolg des Auftrages des Stifters
der christlichen Religion ist bekannt und der wunderbare Erfolg über das
Heidentum und Judentum (?) unter den schwierigsten Verhältnissen bei der
Zähigkeit, mit der sowohl die Heiden, als die Juden an ihren
althergebrachten Lehren und Sitten hingen usw.'
Zwei Fragen seien uns hier gestattet: 1) Worin sich der Sieg des
Christentums über das Judentum bekundet? und 2) ob die christliche
Religion ihr Entstehen nicht den Lehren und Sitten der jüdischen Religion
zu verdanken hat? J. Schön." |
Festgottesdienst aus Anlass der Räumung der Pfalz
(1930)
Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung"
vom 15. Juli 1930:
"Kultusgemeinde Speyer - Festgottesdienst aus Anlass der Räumung der
Pfalz am 1. Juli 1930.
Die Wiege des deutschen Judentums stand am Rhein und in der Pfalz, wo die
Juden an den Anfängen der deutschen Kultur beteiligt waren. Rhein-Juden
und Pfalz-Juden, aus ihrem Vaterland vertrieben, waren die Vorfahren der
Ostjuden, die sich in späteren Jahrhunderten wieder an den Rhein
zurückwandten. Die altehrwürdigen Judengemeinden in Speyer, Worms und
Mainz bestanden schon im ersten Jahrtausend nach
Christus.
Die Juden in der Pfalz waren nach dem Anerkenntnis der bayerischen
Staatsregierung während der 11-jährigen Besatzung ein Muster der Treue
und Anhänglichkeit an das Deutschtum.
Der Festgottesdienst der israelitischen Kultusgemeinde Speyer am 1. Juli
1930 wurde von Gesängen und Psalm-Rezitationen eingerahmt. Die
Festpredigt hielt Bezirksrabbiner Dr. Steckelmacher. Die Ansprache
lautete:
Andächtige Festgemeinde! Mit ganz besonderen innigen Dankgefühlen
nahen wir heute unserem Gotte, betreten wir diese heilige, der
Gottesanbetung geweihte Stätte. 'Diesen Tag hat uns der Ewige gewährt,
wir wollen jubeln und uns freuen an ihm!' Viele bange und schwere Jahre
liegen hinter uns. Aber jetzt ist aller Druck von uns gewichen. Die Pfalz
ist wieder frei. Wir Deutsche am schönen deutschen Rhein sind wieder ein
freies Volk. Es hat sich an uns erfüllt, das Gotteswort, das an Pharao
ergangen war:
'Lass frei mein Volk'. Es hat sich an uns bestätigt:
'Auch uns hat der Ewige herausgeführt aus der Knechtschaft zur Freiheit,
aus dem Kummer zur Freude; aus der Trauer zum Festtag, aus der Dunkelheit
zu hellstem Lichte.'
Aber nicht ganz ungetrübt ist unsere Freude, noch immer hat die Stunde
der Befreiung für viele Deutsche noch nicht geschlagen. Wir denken da
ganz besonders an die Deutschen an der Saar, deren wir uns in innigstem
Mitgefühl in dieser festlichen Stunde erinnern. Und ferner: Auf Millionen
deutscher Menschen, oft Familienväter, die Arbeit suchen, und nicht
finden können, lastet ungeheuere Not und Sorge, hervorgerufen durch eine
Wirtschaftskrise größten Ausmaßes, wie sie unser Vaterland noch nicht
erlebt hat. Und endlich gerade jetzt, da der äußere Druck von unserem
Vaterland gewichen, ist es innerlich im Geiste in seinen sittlichen
Entscheidungen sehr unfrei geworden. Glaubenshass hat heute mehr, denn je
breiteste Schichten des deutschen Volkes ergriffen. Wie kann nun wohl unser
deutsches Volk auch die innere Freiheit, die Freiheit im Geiste und in der
Seele, wiedergewinnen? Über diese Frage nachzudenken, entspricht gewiss
dem Sinn und der Bedeutung dieser festlichen Stunde. Jenes Gotteswort, das
sich an unserem deutschen Volke so wunderbar bestätigt hat, spricht bezeichnender
Weise nicht nur von Befreiung, sondern auch vom Dienen. 'Lass frei mein
Volk, damit es mir diene.' Und warum wohl das letztere? Weil der Dienst,
den wir Gott widmen, erst zur rechten Freiheit, zur inneren Freiheit, zur
Freiheit des Geistes und der Seele führt. Denn in den Dienst Gottes sich
stellen heißt doch vor allem, den Gottesglauben auch durch die Tat
bewähren, sich nciht aufhalten in den Niederungen ungehemmter
Leidenschaften und Triebe, sondern hinansteigen zu den Höhen einer edlen
Menschlichkeit, kundtun, dass das Göttliche in uns wirksam ist, in jeder
Stunde unseres Daseins. Halten wir nicht nach solchem Tun, das allein des
Menschen als eines im Ebenbilde geschaffenen Wesens würdig wäre, so oft
vergeblich Ausschau? Müssen wir uns nicht immer wieder davon überzeugen,
dass das Ungeistige und Ungöttlichste, nämlich Glaubenhass, triumphiert
in der deutschen Welt? Wir haben wohl heute große Erfolge zu verzeichnen
auf allen Gebieten der Wissenschaft und Technik und zwar der Technik,
nicht nur im eigentlichsten Sinne, sondern auch der Technik des Lebens,
also der äußeren Gestaltung unseres Daseins, wir haben aber vielleicht
gerade darum, weil unsere Blicke ausschließlich auf die äußere Formung
des Lebens gerichtet waren, vergessen, unser |
Augenmerk
auf das Wichtigste und Entscheidenste zu richten, nämlich auf die
Gestaltung unseres Innenlebens, wir haben verlernt, um in der Sprache der
Bibel zu reden, Gott zu dienen in der rechten weise. Wenn also Alle,
welche die deutsche Heimat nährt und trägt, sich entschließen wollten,
Gott zu dienen in der Weise, wie wir es soeben angedeutet, werden sie
gewiss die innere Freiheit, die Freiheit des Geistes
zurückgewinnen. Werden wir wohl uns bald zu einer Befreiungsfeier
in dem angedeuteten Sinne rüsten können? Die Ereignisse sprechen leider
nicht dafür. Oder können wir an eine Wandlung und Erneuerung glauben,
solange Leidenschaften, die aus den dunkelsten Tiefen des Menschenherzens
hervorquellen, ihr Spiel treiben mit den deutschen Menschen, solange etwas
so Verkehrtes und Falsches wie Glaubenshass sie irre führen
darf?
Und doch hoffnungslos wollen wir nicht sein, zumal nicht in einer so
festlichen Stunde, wie der heutigen. Und unser Teil wollen wir dazu
beitragen, dass die Kluft geringer werde, welche die Kinder des gleichen
Vaterlandes heute trennt. Lauterkeit und Ehrenhaftigkeit in Gesinnung und
Tat, soll das Losungswort jedes deutschen Juden sein. Unser Tun soll
niemals irgendwelche Angriffsflächen darbieten. In unserer
Anhänglichkeit an unser Vaterland, in unserer Liebe zur Heimat, in der
gewissenhaften Erfüllung unserer staatsbürgerlichen Pflichten, soll uns
niemand übertreffen können. Dann haben wir getan, was in unserer Macht
steht, damit die Zeit reife für jene Befreiungsfeier, die wir noch
erwarten, und erhoffen, jene Befreiungsfeier, die unser deutsches Volk
erst dann begehen kann, wenn es sich selbst überwunden, und von allen
Vorurteilen abgewendet, wenn es nicht nur, wie jetzt, vom äußeren Druck,
sondern auch innerlich und im Geiste, in der Seele frei geworden ist.
Amen" |
Jüdischen Geschäftsleuten ist das Hissen von
schwarz-weiß-roten Fahnen untersagt (1933)
Anmerkung: Die Farben Schwarz-Weiß-Rot waren von 1871 bis 1919 sowie von
1933 bis 1945 die Reichsfarben des Deutschen Reiches.
Siehe Wikipedia-Artikel
Schwarz-Weiß-Rot.
Der genannte Ministerpräsident General von Epp (Franz Ritter von Epp) war von
1933 bis 1945 Reichsstatthalter in Bayern.
Siehe Wikipedia-Artikel Franz
Ritter von Epp.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
21. April 1933: "München. Nach einer Meldung der
'Münchener Zeitung' wurde in Speyer jüdischen Geschäftsleuten das
Hissen von schwarz-weiß-roten Fahnen untersagt. Alle dort zu Ehren des
Besuches des Ministerpräsidenten General von Epp an jüdischen Häusern
gezeigten nationalen Fahnen mussten wieder eingezogen
werden." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
80. Geburtstag des langjährigen Gemeindevorstehers
Sigmund Herz (1908)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 17. Januar 1908: "Speyer. Der hiesigen Kultusgemeinde war
es vergönnt, den 80. Geburtstag ihres langjährigen verdienten
Vorstehers, des Herrn Sigmund Herz, festlich zu begehen. Zahlreiche
Glückwünsche von nah und fern legten beredtes Zeugnis ab von der großen
Beliebtheit, deren sich der Jubilar bei allen, die sein warmes Herz kennen
gelernt haben, namentlich in allen Kreisen von Speyer ohne Unterschied von
Konfession und Stand erfreut.
Aus der nach Hunderten zählenden Menge mündlicher und schriftlicher
Beglückwünschungen seien hier nur die des Bürgermeisters
erwähnt, der in dankbaren Worten der 25-jährigen Tätigkeit des
Jubilars als Stadtrat gedachte. Sehr sinnig war eine Huldigung des
von dem Jubilar mitbegründeten Synagogenchorvereins: sie bestand
in einem Ständchen und in Überreichung eines künstlerisch ausgeführten
Diploms als Ehrenmitglied des Vereins. Nachdem noch Herr Vorsteher Max
Elb - Dresden die Wünsche des Deutsch-israelitischen
Gemeindebundes übermittelte hatte, nahm Herr Herz selbst das Wort,
nicht nur, um für die ihm offenbar wohltuenden Liebesbeweise zu danken,
sondern, um gleichzeitig mit bewundernswerter rhetorischer Kraft das
Programm seiner Gemeindeverwaltung für Vergangenheit und Zukunft klarzulegen.
Schließlich ehrte sich die Gemeinde selbst am meisten, indem sie den dem
Festtag folgenden Sabbatgottesdienst zu einer Art Festgottesdienst
für ihren jugendfrischen Führer machte." |
85.
Geburtstag des langjährigen Gemeindevorstehers Sigmund Herz (1913)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 10. Januar 1913: "Speyer, 5. Januar (1913). Am 3. dieses
Monats vollendete der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Speyer,
Herr Sigmund Herz in körperlicher und geistiger Frische sein 85.
Lebensjahr. Von 1861 ab gehört er dem Synagogenausschuss an, und 1872
wurde er zum Vorstand dieser Gemeinde gewählt, welches Amt er bis heute
ununterbrochen verwaltete. Seit dem Jahre 1861 ist Herr Herz auch als
Vorsitzender des Verwaltungsausschusses, des Wohltätigkeitsfonds des
Rabbinatsbezirks Speyer-Frankenthal ununterbrochen tätig. Genannter Herr
hat sich während seiner langjährigen treuen und gewissenhaften
Tätigkeit um das Wohl der hiesigen israelitischen Gemeinde sehr verdient
gemacht. Möge Herrn Herz ein recht froher Lebensabend beschieden
sein." |
Zum
Tod des aus einer jüdischen Familie stammenden Domkapitular Dr. Zimmern (1914)
Anmerkung: es handelt sich im Sigmund Joseph Zimmern (geb. 1838 in
Mannheim, gest. 1914 in Speyer). Weitere Informationen zu ihm über den Wikipedia-Artikel
Sigmund Joseph Zimmern.
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 10. April 1914: "Der vor kurzem in Speyer am Rhein im Alter
von 76 Jahren verstorbene Domkapitular Dr. Zimmern entstammte einer
geachteten jüdischen Kaufmannsfamilie in Mannheim, deren einzelne Glieder
heute noch angesehene Israeliten sind. Gelegentlich einer Jesuitenmission
in seiner Vaterstadt wurde der Verstorbene als vierzehnjähriger Knabe mit
einer älteren Schwester getauft; ob damals noch die Eltern lebten, bzw.
ob der Übertritt mit deren Einwilligung geschah, ist zu bezweifeln. Dr.
Zimmern, der über 20 Jahre dem bayerischen Landtag als Mitglied des
Zentrums angehörte, bewahrte in Fragen, die seine ehemaligen
Glaubensgenossen berührten, eine wohlwollende
Neutralität." |
Zum Tod des
langjährigen Gemeindevorstehers Sigmund Herz (1918)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Juli
1918: "Speyer, 19. Juli (1918). Am 11. dieses Monats
wurden die sterblichen Überreste des im Alter von fast 91 Jahren
gestorbenen Rentiers Herrn Sigmund Herz zu Grabe getragen. Außer
zahlreichen Mitgliedern der israelitischen Kultusgemeinde und
Andersgläubigen aus den besten Kreisen hatten sich Vertreter der
israelitischen Korporationen, ferner Herr Dekan Cantzler, Herr
Adjunkt Graf als Vertreter der Stadt Speyer, die Herren
Kommerzienrat M. Wolff und Fabrikant Mann (Ludwigshafen)
sowie Herr Kultusvorstand Strauß (Bad
Dürkheim) als Vertreter des Rabbinatsbezirkes Frankenthal
eingefunden. Auch das Kommando der hiesigen Feuerwehr war in Uniform
erschienen, um den letzten der Gründer zur ewigen Ruhe zu begleiten. Herr
Bezirksrabbiner Dr. Steckelmacher (Bad
Dürkheim) gedachte in ergreifenden Worten der glänzenden
Eigenschaften des Entschlafenen als Vater und Verwandten, seiner
vielseitigen Tätigkeit im Dienste der hiesigen israelitischen
Kultusgemeinde sowie als würdigen Vertreters der pfälzischen Judenheit;
weiter erwähnte er, dass ihn das Vertrauen seiner Mitbürger wiederholt
in den Stadtrat berief, wo er seine reiche Erfahrung und vielseitigen
Kenntnisse bereitwilligst in den Dienst der Allgemeinheit stellte, dass er
aber auch ein echter Patriot warm der treu an seinem Vaterlande hing. Herr
Fabrikant B. Cahn entbot dem scheidenden Ehrenvorstand die letzten
Grüße der israelitischen Kultusgemeinde, während Herr Kultusvorstand
Strauß in bilderreicher Sprache die Verdienste des Verblichenen um
den Wohltätigkeitsfonds und die sonstigen Einrichtungen des
Rabbinatsbezirkes Frankenthal pries. Der Vorsitzende des Israelitischen
Altersheims für die Pfalz, Herr Dr. S. Reis (Heidelberg), widmete
warme Worte der Anerkennung dem dahingeschiedenen Ehrenvorsitzenden, der
diesem Werke der Wohltätigkeit jederzeit mit hilfsbereitem Rat und
opferwilliger Tat zur Seite gestanden. So gestaltete sich die Trauerfeier
zu einem würdigen Abschied von der irdischen Hülle dieses
ausgezeichneten Mannes, dessen Geist noch lange in den beteiligten Kreisen
fortleben wird." |
Todesanzeige
für Dr. med. Eduard Dreifuss (1924)
Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins)
vom 26. Juni 1924:
"Statt besonderer Anzeige!
In tiefstem Schmerz geben wir von dem am 11. Juni in Ferrara erfolgten
Hinscheiden unseres lieben
Herrn Dr. med. Eduard Dreyfuss
Kenntnis und bitten um stilles Beileid. Er starb nach schwerem Leiden als
Opfer seines Berufes.
Speyer, 15. Juni 1924. Namens der trauernden Hinterbliebenen: Sigmund
Dreyfuss." |
Zum
Tod des Synagogenvorstandes Leopold Klein (1934)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
März 1934: "Nachruf für den verstorbenen Synagogenvorstand
Leopold Klein, Speyer.
Die ehrwürdige israelitische Kultusgemeinde Speyer mit ihren Vereinen,
der Rabbinatsbezirk Dürkheim-Frankenthal, der Verband der
pfälzisch-israelitischen Kultusgemeinden, die Tagung des Bayerischen
Gemeindeverbandes, beklagen tief den Heimgang des Synagogenvorstandes
Leopold Klein.
Das israelitische Altersheim für die Pfalz in Neustadt a.d. Haardt, ein
Heim, das mit das Lebenswerk des Verblichenen genannt werden darf, trauert
um den langjährigen Vorsitzenden, um den edlen Menschenfreund.
Der Tod dieses Mannes bedeutet für das Judentum einen schweren Verlust.
Haben wir doch mit ihm so viele Jahre im Dienste unserer
Glaubensgemeinschaft zusammengearbeitet und ihn stets als einen erprobten
Mann von vornehmer Gesinnung und reichen Gaben des Geistes erkannt, als
einen rechten und gerechten Mann von klarem Erfassen, klarem Urteil und
warmem menschenfreundlichen Herzen.
Dafür sei dem Verblichenen als letzten Abschiedsgruß der aufrichtigste
Dank für all das, was er Gutes und zum Wohle des Judentums vollbracht
hat, in seine letzte Ruhestätte
hinabgerufen." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeigen
der Metzgerei und Wurstlerei Hermann Hanauer (1901 / 1906)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Oktober 1901: "Metzgerlehrling.
Ein anständiger Junge kann gründlich die Metzgerei und Wurstlerei, sowie
Vieh-Einkauf lernen bei
Herm. Hanauer, Metzgerei und Wurstlerei, Speyer am
Rhein." |
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Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 18. Mai 1906: "Metzger-Lehrling a
uf sofort oder später bei guter Behandlung gesucht.
Hermann Hanauer, Metzgerei, Wurstlerei und Viehhandlung,
Speyer am Rhein." |
Anzeige des Kurz-, Weiss- und Wollwarengeschäftes A.
Westheimer & Co. (1905)
Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 8. Juni 1905: |
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