Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Speyer (Rheinland-Pfalz) 
Jüdische Geschichte vom 17. Jahrhundert bis 1940 / Synagogengeschichte 
  

vgl. die weiteren Seiten zu Speyer bei "Alemannia Judaica" 

zur jüdischen Geschichte Speyer im Mittelalter 
zur jüdischen Geschichte in Speyer nach 1945 
zu den jüdischen Friedhöfen in Speyer 
Texte zur jüdischen Geschichte in Speyer   
  
  

Übersicht zu dieser Seite:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde vom 17. Jahrhundert bis 1940  
Zur Geschichte der Synagogen    
Fotos / Darstellungen  
Aktuelle Presseberichte zur jüdischen Geschichte der Stadt  
Links und Literatur    

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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

Nach den verschiedenen Ausweisungen am Ende des Mittelalters lebten zunächst nur wenige jüdische Familien in der Stadt. Während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges nahm die Zahl der jüdischen Familien wieder zu. So wanderten 1622 14, 1623 sieben, 1624 fünf, 1625 sechs und 1626 zwei Juden zu, sodass um 1624/25 von einer Gemeinde mit etwa 300 Mitgliedern ausgegangen werden kann. Im weiteren Verlauf des 17. Jahrhunderts ging die Zahl jüdischer Einwohner in Speyer wieder zurück: 1685 wurden nur noch neun jüdische Familien gezählt. 1688 erfolgte eine neue Ausweisung aus der Stadt. Ein Jahr später wurde die Stadt durch die Franzosen zerstört. 
 
1797 wurde Speyer in das französische Staatsgebiet eingegliedert, wo jüdischen Personen die Gleichberechtigung zustand. Im Laufe der folgenden Jahre ließen sich wieder mehrere jüdische Familien in der Stadt nieder.     
 
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1818 80 jüdische Einwohner, 1823 155, 1824 190, 1830 209, 1841 301, 1848 272 (in 51 Familien), 1849 319, 1855 370, 1861 425, 1867 440, 1880 Höchstzahl mit 539 jüdischen Einwohnern (von insgesamt 15.589 Einwohnern), 1890 535, 1895 508, 1900 520, 1905 476. 1848 waren unter den jüdischen Gewerbetreibenden 61 % als Kaufleute tätig, 25 % waren im Handel tätig (einschließlich Metzgereien). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in der Stadt eine größere Zahl von Läden und Industriebetrieben eröffnet, u.a. Schuhfabriken, Zigarettenfabriken, Betriebe der holzverarbeitenden Industrie. 
 
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die jüdischen Einwohner im städtischen Leben weitestgehend integriert, u.a. durch ihr Engagement in den städtischen Vereinen (bis hin zum Roten Kreuz). 

An Einrichtungen bestanden eine insbesondere eine Synagoge (s.u.), eine Israelitische Volksschule (seit 1831, zunächst mit 42 Schülern), ein rituelles Bad, eine Gemeindebibliothek und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde waren ein Lehrer, zumeist auch weitere Personen angestellt (Kantor, Schochet).  Im 19. Jahrhundert war über mehrere Jahrzehnte die prägende Persönlichkeit des jüdischen Gemeindelebens Lehrer Ludwig Schloß. Er konnte 1883 sein 50-jähriges Amtsjubiläum in der Stadt begehen und wurde 1887 für seine vielfältigen Verdienste mit der Goldenen Ehrenmünze des bayerischen Ludwigsordens ausgezeichnet. 

1825 wollte die jüdische Gemeinde, dass Speyer zum Sitz eines Bezirksrabbinates wird. Da jedoch damals noch keine Synagoge in der Stadt vorhanden war, wurde Neustadt und wenig später Frankenthal beziehungsweise Bad Dürkheim zum Sitz des Bezirksrabbinates (erster Bezirksrabbiner Aron Merz; ab 1935 war der Sitz des Bezirksrabbinates in Ludwigshafen am Rhein). Das Verhältnis zum Bezirksrabbinat war auf Grund der liberalen Prägung der jüdischen Gemeinde in Speyer teilweise sehr konfliktträchtig, vor allem nachdem der streng orthodox geprägte Rabbiner Dr. Adolph Salvendi 1865 das Bezirksrabbinat übernommen hatte.       
   
Um 1925, als zur Gemeinde 335 Personen gehörten, waren die Vorsteher der Gemeinde Benedikt Cahn, Leopold Klein, Julius Seligmann und Albert Mühlhauser. Als Kantor und Schochet war Benno Grünberg (geb. 1885, 1940 nach Gurs deportiert und später in Auschwitz ermordet) angestellt, als Synagogendiener wird ein Herr Würt, als Organist ein Herr K. A. Krauß genannt. An der Israelitischen Volksschule unterrichtete Lehrer Jakob Krämer im Schuljahr 1924/25 21 Kinder. Außerdem erteilte er den Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen für etwa 30 Kinder (Gymnasium, Realschule, höheres Mädchenlyzeum). 1932 bildeten den Gemeindevorstand: Leopold Klein (1. Vors., Hauptstraße 30), Julius Seligmann (2. Vors., Gilpenstr. 4), Ludwig Gudenberg (Wormser Str. 24) sowie zwei weitere Herren. Als Lehrer war seit dem Weggang von Jakob Krämer, der am 1. September 1928 eine Lehrerstelle in München angenommen hatte, Lehrer Leopold Schwarz angestellt. Er unterrichtete an der Israelitischen Volksschule im Schuljahr 1931/32 16 Kinder in vier Klassen. Kantor war 1932 weiterhin Benno Grünberg (wohnt Hartmannstr. 31).  
  
Zur jüdischen Gemeinde in Speyer gehörten nach Auflösung der Gemeinde Otterstadt auch die in Otterstadt und Waldsee lebenden jüdischen Personen.   
   
An jüdischen Vereinen gab es u.a.: den "Vereinigten Unterstützungsverein" mit der "Central-Kasse" und der "Spenden-Kasse" (die Vereinigung wurde aus älteren Wohltätigkeitsvereinen 1911 gegründet, 1924 unter Leitung von Benedikt Cahn mit 70 Mitgliedern; 1932 unter dem Namen "Vereinigte israelitische Männerwohltätigkeitsvereine" unter der Leitung von Leopold Klein, Hauptstr. 30; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger), den Israelitischen Frauenverein (gegründet 1860, 1924 unter Leitung der Frau von Leopold Lehmann und 60 Mitgliedern, 1932 unter Leitung von Frau Landsberger, Gutenbergstr. 18 mit 80 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger), den "Verein für jüdische Geschichte und Literatur" (1924 mit 50 Mitgliedern), eine Ortsgruppe des "Central-Vereins" (1924 mit 50 Mitgliedern), den Synagogenchorverein. Von überregionaler Bedeutung waren der "Verein für das israelitische Altersheim für die Pfalz, e.V. Neustadt (Haardt)", dessen Sitz und Geschäftsstelle in Speyer war, sowie der "Wohlfahrtsfonds des Rabbinatsbezirks Frankenthal" (1932 unter Leitung von Leopold Klein, Hauptstr. 30; Zweck und Arbeitsgebiet: Ausbildungsbeihilfen).      
  
1933 lebten 269 jüdische Personen in der Stadt.
In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bis 1936 verließen 84 jüdische Personen Speyer, weitere 30 im Jahr 1937. Die jüdischen Vereine waren weiterhin aktiv, darunter die Jugend- und Sportvereine der Gemeinde. 1938 wurden noch 139 jüdische Einwohner gezählt. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge niedergebrannt (s.u.), jüdische Häuser und Geschäfte wurden zerstört, der jüdische Friedhof geschändet. Die jüdischen Männer wurden in das KZ Dachau verschleppt und dort wochenlang festgehalten. Bis Mai 1939 verließen weitere 60 jüdische Personen die Stadt. Von den im Oktober 1940 noch 60 in Speyer lebenden jüdischen Personen wurden 51 im Oktober 1940 nach Gurs deportiert. Von ihnen starben 12 in Frankreich, 24 wurden später nach Auschwitz verbracht und ermordet. Nur wenige der Deportierten haben die grausamen Lagerzeiten überlebt.    
  
Von den in Speyer geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):   Eduard Adler (1924), Max Adler (1884), Selma Adler geb. Mayer (1895), Lina Altschüler (1874), Paulina Arronge geb. Bohrmann (1880), Walter Richard August (1898), Frieda Beissinger geb. Scharff (1883), Eveline Blüm (1936), Bernhard Böttigheimer (1886), Liselotte (Lilo) Böttigheimer (1928), Selma Böttigheimer (1890), Dolly Bohrer geb. Blonder-Reiss (1924), Bernhard Bohrmann (1882), Josef Bohrmann (1876), Mina Bottigheimer geb. Katzauer (1878), Moses Bottigheimer (1873), Wolf Bottigheimer (1869), Johanna Bruchfeld geb. Rothschild (1871), Martin Cramer (1880), Franziska Daniel geb. Hahn (1881), Siegmund Dreyfuss (1859), Hugo Dukas (1899), Albert Elkan (1880), Clara (Klara) Elkan geb. Elkan (1878), Hugo Elkan (1882), Lucie Elkan (1892), Trude Elkan (1928), Alice Emsheimer geb. Weil (1879 oder 1909), Wilhelm Feibelmann (1861), Heinrich Goldschmidt (1897), Mina Grübel geb. Wenk (1882), Benjamin (Benno) Grünberg (1885), Erna Beate Grünberg geb. Rosenthal (1894), Rebekka Grünewald (1889), Gerson Grünfeld (1873), Elsa Grünwald geb. Kling (1896), Karoline Gudenberg geb. Bloch (1892), Ludwig Gudenberg (1878), Sara Haas geb. Herzog (1864), Anna Haber geb. Kahn (1888), Ludwig Haber (1875), Leo (Leib) Hammer-Hellsinger (1887), Emma Heilbronner geb. Scharf (1884), Flora Heilbronner geb. Rheinauer (1896), Julie (Juliane) Herz geb. Durlacher (1879), Margaretha Heumann geb. Hirsch (1900), Germaine Hinfeld (1918), Franziska Hirsch (1879), Karl Meyer Hirsch (1879), Melanie Hirsch geb. Roos (1872), Oskar Syha Inger (1888), Mathilde Jordan (1880), Jenny Jülich geb. Altschüler (1871), Else Kämpf geb. Hirschfeld (1891), Clothilde (Mathilde) Kahn geb. Süssel (1869), Gertrude Katz geb. Kling (1903), Sally Katz (1890), Emma Kinsky geb. Landmann (1876), Lothar Arthur Kirschbaum (1899), Ernestine Klein geb. Reich (), Toni Klein geb. Herz (1882), Elias Kling (1879), Ernst Kling (1900), Mina Kling geb. Weil (1872), Ruth Kling geb. Goldschmidt (1906), Johanna Kohlhöfer geb. Werk (1880), Julius Karl Lehmann (1883), Max Lehmann (1890), Salomon Lehmann (1873), August Levi (1867), Elisabeth (Elsa) Levi geb. Süssel (1888), Sara Liebmann (1853), Pauline Löb geb. Lehmann (1866), Klara Mängen geb. Landsmann (1878), Siegmund Marx (1895), Albert Mayer (1863), Anna Mayer geb. Wolf (1889), August Mayer (1883), Ernst Mayer (1875), Friedrich (Fritz) Mayer (1881), Hedwig Mayer geb. Adler (1893), Julius Mayer (1866)., Minna (Mina) Mayer geb. Löb (1903), Otto Mayer (1884), Sara Mayer geb. Lußheimer (1856), Theodor Mayer (1881), Else Mendelssohn geb. Mendelssohn (1900), Johanna Metzger geb. Mayer (1874), Lina Metzger geb. Bottigheimer (1884), Rosa(lie) Metzger (1879), Henriette Meyer (1876), Gustav Moritz (1877), Hedwig Moritz (1887), Albert Mühlhauer (1878)), Klara Mühlhauser (1919), Marie Mühlhauser geb. Dreyfuß (1885), Friedrich Müller (1878), Emilie Neuberger geb. Weil (1861), Irma Oppenheimer geb. Marx (1878), Betty Preis geb. Dreyfuss (1882), Frieda Rebekka Prochownik geb. Gelbart (1879), Chaim Rattner (1875), Aron Adolf Reichenberg (1867), Helene (Ellen) Reichenberg geb. Neuberger (1909), Ernst Reichenberg (1892), Ernst D. Reichenberg (1896), Friedericke Reichenberg geb. Loeb (1872), Franziska Reis geb. David (1862), Cäcilie Reiß (1872), Liza (Alice) Roos geb. Mayer (1879), Josef Rosenhaupt (1876), Amanda Rosenthal geb. Klein (1875), Lina Rosenthal (1867), Lazarus Scharff (1854), Mathilde Schiff geb. Feudenstein (1885), Wilhelm Schiff (1875), Elisabeth Schwarz geb. Seligmann (1919), Sophie Schwarzschild geb. Druckhaimer (1909), Barbara Bertha Seligmann geb. Süssel (1858), Klara Seligmann geb. Weinstein (1886), Mathilde Eugenie Seligmann geb. Mayer (1874), Sigmund Seligmann (1879), Werner Seligmann (1909), Sofie Siegel geb. Mayer (1890), Georg Jehoshuah Steiner (1934), Franziska Steinert geb. David (1865), Eugenie Stern geb. Moritz (1885), Hedwig Gertrude Teutsch geb. Dreyfuß (1888), Berta Weil (1866), Eduard Weil (1876), Minna Weil geb. Bohrmann (1873), Emil Wenk (1879), Karl A. Wolf (1923), Marta Wolff geb. Bärmann (1879).               
   
    

  

   
Zur Geschichte der Synagogen

Vom 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts  
    
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war vermutlich ein Betraum in einem der jüdischen Wohnhäuser vorhanden. Urkundlich liegt jedoch kein Nachweis vor. 
 
Ein alte Synagoge um 1700 könnte in einem Gebäude in der Webergasse eingerichtet gewesen sein. Auch hierzu liegen keine schriftlichen Nachweise vor. 
  
Spätestens seit 1811 war eine Betstube im Haus des Gemeindevorstehers Simon Adler eingerichtet. Der Raum soll jedoch "mehr einem Speicher zum Tabakaufhängen als einer Synagoge" geglichen haben. Nachdem 1816 die Gottesdienste in privaten Betstuben durch die bayerische Regierung nicht mehr erlaubt waren, wurde diese Betstube aufgegeben.   
       
  
19./20. Jahrhundert  
 
 
Nach 1816 bemühte sich die jüdische Gemeinde mehrfach um die Einrichtung beziehungsweise um den Bau einer Synagoge. Ein 1819 dem königlichen Landkommissariat vorgelegter Plan zum Bau einer Synagoge, den Maurermeister Johann Friedrich Müller erstellt hatte, wurde wegen der ungesicherten Finanzierung nicht genehmigt. 1825 sollte ein Haus in der heutigen Hellergasse zu einem "Bethaus" umgebaut werden. Behördlicherseits wurde die Auflage erteilt, gleichzeitig ein jüdisches Schulhaus zu errichten. Doch überstieg dies die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde.    

1832 gab es Pläne zum Umbau einer Kirchenruine an der Ecke Heydenreichstraße / Stöckergasse (heutige Hellergasse) in eine Synagoge mit Schule und Frauenbad. Die Pläne hatte der Zivilbauinspektor August Voit gezeichnet. Zunächst wurden die Pläne behördlicherseits wiederum abgelehnt. Nachdem Voit unter dem finanziellen Aspekt die Pläne überarbeitet hatte, wurden sie schließlich von der obersten Baubehörde, dem königlichen Innenministerium in München am 10. Mai 1836 genehmigt. Im August 1836 konnte die Kirchenruine abgebrochen werden. Bis Juni 1837 wurde das Schulhaus mit dem Frauenbad erstellt. Vier Monate später erfolgte die Einweihung der Synagoge am 24. November 1837. Die Baukosten betrugen 10.687 Gulden, finanziert durch Beiträge der Gemeindeglieder, Spenden (500 Gulden vom Frankfurter Bankhaus Rothschild) und durch Darlehen. Zunächst wurde der Gottesdienst traditionell abgehalten, worüber in der "liberal" eingestellten "Allgemeinen Zeitung des Judentums" 1840 eine Beschwerde vorliegt:     
     

Über den weiterhin traditionellen Gottesdienst in der neuen Synagoge (1840)  

Speyer AZJ 12091840a.jpg (87036 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. September 1840: "Über Provinzialzustände in Deutschland. III. Aus der Pfalz. Speyer, im Juli (1840). Allerdings gehen die Dinge in kleineren Gemeinden jetzt besser und leichter, als in größeren, wo im Hangen und Schwanken die beste Zeit versäumt wird, wo unentschieden, welcher Richtung man folgen soll, man am liebsten gar keiner folgt. Dieser Charakter trägt auch die unsere (sc. Speyer), während kleinere Gemeinden sich der Verbesserung des Gottesdienstes und Religionsunterrichtes mit Eifer annehmen. Es sind bereits drei Jahre, dass die hiesige Gemeinde eine neue Synagoge erbauten ließ, und wahr ist es, es ward kein Opfer gescheut, dieselbe im edelsten Geschmacke herzurichten, in der Pfalz darf sich wohl auch keine Synagoge der unsrigen gleichstellen. Damals hofften alle Gutgesinnten, dass mit der Ausschmückung des Äußern, auch ein den Bedürfnissen der Zeit angemessen geschmückter Gottesdienst eingerichtet werde. Gott, man verlangt ja davon nur, was sich von selbst versteht! Es ist ja dabei nur auf Erhaltung der väterlichen Religion gedacht! Und es lag dies noch obendrein vermöge der Statuten in den Händen der Vorsteher.       
Speyer AZJ 12091840b.jpg (140859 Byte) Aber nein! wir erhielten abermals einen Vorsänger nach altem Schlage, und das misstönende Jodeln und Trillern schlug an das Gewölbe der neuen, wie der alten Synagoge. Die Kanzel und die Obsellien sehen zu, und spielen eine stimme Rolle dabei. Die Jugend aber, die der religiösen Weckung am benötigsten ist - bleiben weg. Vor einem Monate verließ dieser Vorsänger seine Stelle. Der Elementar- und Religionslehrer H. Ludwig trat auf, um die Gemeinde durch eine Probe von geregeltem Vortrag und Choral-Gesängen der wohlgeübten Schuljugend nach den Münchener Gesängen an das Bessere zu gewöhnen. Hier war es, wo die Vorsteher die dargebotene Gelegenheit rüstig ergreifen, und durch ihre wirksame Protektion langgehegte Wünsche realisieren hätten sollen. Allein sie blieben müßig, und ließen den Gegnern (und 2wo fänden sich deren nicht?) freien Spielraum, den Herr Schloss so zu entmutigen, dass er seinerseits die Sache aufgab. Und so werden wir denn abwarten, bis wieder ein alter Chasan sich meldet, und da anfängt, wo jener gerade stehen geblieben.   
Was die Religiosität betrifft, so finden Sie in unserm Bezirke noch viele Gemeinden, wo gar kein Religionsunterricht erteilt wird; die Kinder besuchen die christlichen Schulen, und das Judentum können sie - in den Schlafstuben kennen lernen. Hier täte es doch Not, dass der Bezirksrabbiner einschreite, der es auch schon so oft versprochen. Die Regierung ist überall geneigt, zu unterstützen, sie will, dass die Jugend eine religiöse Erziehung erhalte. Aber man muss sie auffordern, man muss ihr zeigen, wo es fehlt. - Möchten meine Bemerkungen eine gute Stätte finden, wie sie aus vollem Herzen gegeben werden. Ich bin ein Privatmann, aber Jude, und will gern, dass die reichen Mittel, welche die jetzige Zeit darbietet, zur Erhebung und Läuterung, nicht ungenutzt brach liegen mögen."  
   
Speyer Israelit19Jh 22111840.jpg (60978 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vom 22. November 1840: "Dagegen lautet's nicht schön, was man den Speyerern nachsagt: Es seien bereits 3 Jahre, dass die Gemeinde eine neue Synagoge erbauten ließ. Man hätte damals gehofft, dass mit der Ausschmückung der Äußern auch ein den Bedürfnissen der Zeit entsprechender Gottesdienst eingerichtet werde. Aber nein! es ward wieder ein Vorsänger nach altem Schlage angestellt, und das abgeschmackte Jodeln und Trillern schlage jetzt an das Gewölbe der neuen, wie ehedem an das der alten Synagoge. Die Kanzel und Obsellien sehen zu, und spielen eine stumme Rolle dabei; die Jugend aber, die der religiösen Erweckung am benötigsten ist, bleibe weg."       

 
Nachdem seit den 1840er-Jahren die Zahl der Gemeindemitglieder stark zunahm, gab um 1850 Veränderung im Gottesdienst der jüdischen Gemeinde in Speyer. Im Februar 1850 wurde die Synagoge mit einer Orgel ausgestattet. Im Mai 1851 wurde in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" ganz anders berichtet als zehn Jahre zuvor:        
   
Über die Gestaltung des Gottesdienstes in der Synagoge (Bericht von 1851)   

Speyer AZJ 12051851.jpg (58808 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Mai 1851: "Speyer, 1. Mai (1851). Unser Gottesdienst mit Orgelbegleitung gestaltet sich immer schöner und zieht die Herzen unserer Andächtigen immer mehr an sich. Jeden Sonnabend vor dem Ausheben der Tora wird jetzt ein deutscher Psalm gesungen (vom Prof. Wiss in Musik gesetzt). Vor Pessach fand hier die Trauung dreier Paare (auf einmal) in der Synagoge statt; vor derselben wurde der 84., nach der Trauung der 113. Psalm (mit kleinen Wortveränderungen) in deutscher Sprache gesungen. Der Bezirksrabbiner Herr Merz verrichtete die Trauung und hielt eine ergreifende Traupredigt.  H."     

  
Über die Reformen im Gottesdienst und das Zusammenleben zwischen Christen und Juden (1857)  

Speyer AZJ 27041857.jpg (164474 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. April 1857: "Kaiserslautern, im April (1857). In einer neu erbauten Synagoge der Vorderpfalz befinden sich die Männer und Frauenstühle der Art nebeneinander, dass nur ein schmaler Gang beide trennt, eine scheinbar unbedeutende Reform, die aber wesentlich in kleineren Gemeinden, deren männliche Mitglieder den unteren Raum des Gotteshauses nur teilweise ausfüllen. Bezüglich der inneren Kultusreform, so geht die Kreishauptstadt Speyer, bekanntlich neben Worms und Mainz die älteste Gemeinde Süddeutschlands, mit nachahmungswertem Beispiele voran. Seit längerer Zeit im Besitze einer Orgel, hat diese Gemeinde einen trefflichen Männer-Chorgesang eingeführt, welchem dieser Tage die Ehre zuteil wurde, neben den vorzüglichen Gesangschören im Dom und in der evangelischen Kirche jener Stadt öffentlich anerkannt zu werden. Desto unangenehmer mussten die neulichen Expektorationen des berühmten Kulturhistorikers H.W.R. (Riche) berühren, welcher, wie bekannt, die Provinzen des Königreichs bereist, um ethnographische Studien zu machen. In einem 'das kirchliche Volksleben der Pfalz' überschriebenen größeren Artikel in der A.A. Zeitung, welcher auch von anderer Seite Reklamationen hervorgerufen hat, nimmt der geistreiche Schriftsteller schlecht verhohlenen Ärger an dem friedlichen Zusammenleben der christlichen und jüdischen Bevölkerung, findet es befremdend, dass so wenige Gemeinden den Juden die Bürgeraufnahme verweigern, dass die christlichen und jüdischen Friedhöfe freundnachbarlich nebeneinander liegen, und dass man hierzulande 'Schacherjuden am Sabbat eine Bratwurst' verzehren sehen könne. Das mag recht pikant sein, aber als Charakteristikum des 'pfälzischen' Judentums erscheint es gar zu schal."       

  
Im Mai 1862 beschloss der Synagogenausschuss eine Erweiterung der Synagoge nach Westen. Der städtische Ingenieur Max von Siebert lebte die Pläne vor, die durch Bauinspektor Tanera überarbeitet wurden. 1865 konnte mit den Baumaßnahmen begonnen werden. Anstelle des Schulhauses wurde ein zweiachsiger Anbau angefügt. Die Frauenempore und eine neue Orgel    
   
Einweihung der erweiterten Synagoge am 27. April 1866 (1866)  

Speyer Ben Chananja 06061866a.jpg (154823 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Ben Chananja" vom 6. Juni 1866:  "Aus der Pfalz, 24. Mai 1866: Mitten in den kriegerischen Zurüstungen, deren Schauplatz besonders unsere Grenzprovinz in wahrhaft erschreckender Weise bildet, sind wenigstens bis jetzt die Werke des Friedens, auch auf dem Gebiete der Judenheit, nicht ganz zurückgedrängt. Am 4. des vorigen Monats wurde der Grundstein zu einer neuen schönen Synagoge in Neustadt a.H. gelegt, am 27. desselben Monats fand die Einweihung einer prachtvollen neuen Synagoge in Speyer statt, beide Festlichkeiten unter herzlicher Teilnahme auch der christlichen Bürger und in Gegenwart sämtlicher Behörden. Besonders in Speyer, der Hauptstadt des Kreises, war es erfreulich zu sehen, wie die Spitzen sämtlicher Zivil- und Militärbehören mit dem Regierungspräsidenten, sowie Bürgermeister und Stadtrat der Einladung folgten und der dreistündigen schönen Feier von Anfang bis zu Ende mit der größten Teilnahme beiwohnten. Nur der katholische Bischof gab der Einladung keine Folge. Treffend aber war die Antwort, die der dortige israelitische Vorstand, Herr Karl David, ein auch sonst für die Angelegenheiten sich interessierender und namentlich auch um den Synagogenbau sehr verdienter gebildeter Mann, dem Bischofe gab. Dieser wich nämlich der Antwort auf die Einladung immer in geschickten Seitenwendungen aus, bis er endlich sagte: 'Ich freue mich der Vollendung der Synagoge, obgleich ich der Überzeugung bin, dass auch die Juden einst zur alleinseligmachenden katholischen Kirche sich bekehren werden.' Herr David erwiderte ihm: 'Herr Bischof! Über dem Eingang unserer Synagoge stehen die Worte aus Jesaja 56,7: 'Mein Haus wird ein Bethaus für alle Volker genannt werden'; ich glaube daher, dass Sie eher zu uns, als wir zu Ihnen kommen werden', um empfahl sich."      

  
Gespräch mit dem Bischof von Speyer anlässlich der Einweihung der erweiterten Synagoge (1866)  

Speyer AZJ 21081866.jpg (185892 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. August 1866: "Speyer, 6. August (1866). Der Unterzeichnete hatte bei Gelegenheit, als der hiesige Herr Bischof zur Einweihung der Synagoge eingeladen wurde, ein Gespräch mit diesem geistlichen Herrn, welcher durchaus nicht wortgetreu in mehreren Blättern ohne mein Zutun veröffentlicht worden. Ich konnte dies nicht verhindern, da noch andere Ausschuss-Mitglieder der Gemeinde zugegen waren. Erlauben Sie mir daher, das Gespräch ganz wortgetreu in Ihrem Blatt mitzuteilen. 
Seine Eminenz empfing die Synagogen-Ausschuss-Mitglieder mit aller möglich Courtoisie, freute sich, dass man ihn einlade. Nachdem die Einladung erfolgt war, nahm der Herr Bischof folgende Fragen vor: 
Der Herr Bischof: Ist Ihre Synagoge fertig, ist sie recht hübsch?  
C.D.: Ja, Herr. 
Der Herr B.: So wünsche ich, dass viele fromme Beter darin einkehren.   
C.D.: Auch unser Wunsch.  
Der Herr B.: Ich hoffe aber auch, dass die Bekenner des alten Testamentes herüber kommen zu den Bekennern des neuen Testamentes.  
C.D.: Das glaube und hoffe ich nicht, über der Eingangstüre unseres Bethauses stehen die Worte aus Jesaias Kap. 56 Ende des Verses 7, die heißen zu Deutsch: 'denn mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker'; und so hoffe ich, dass die Bekenner des neuen Testaments zu den Bekennern des alten Testaments herüberkommen, ohne Ihrer Hirtenschaft, Herr, zu nahe zu treten. -  
Der Herr B.: Nicht alles was die Propheten uns sagten, ist zur Wahrheit geworden.  
C.D.: Ich glaube es dem Jesaias aufs Wort!  
Hier hatte die Unterhaltung ein Ende, der Synagogen-Ausschuss empfahl sich. Die Behörden erschienen bei der Feier, waren davon sichtlich erbauet, und dankten feierlichst für die Einladung; wie zu vermuten war, erschien seine Eminenz nicht; ich war zur Zeit, als die Herren zur Einladung vorgemerkt worden, nicht der Meinung gewesen, dass der Herr Bischof eingeladen werden, da nach meinem Dafürhalten, die Vorschriften seiner Kirche, die Beiwohnung eines Gottesdienstes bei einer anderen Konfession nicht gestatten. - Carl David."        

  
Bezirksrabbiner Dr. Salvendi bemüht sich um Wiedereinführung traditioneller Zustände in Synagoge und Gottesdienst (1874)  

Speyer AZJ 16061874n.jpg (157756 Byte) Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. Juni 1874: "Speyer, im Juni (1874). Was rabbinischer Zelotismus nicht Alles zu leisten in Stande ist, beweist ein trauriges Vorkommnis in der hiesigen jüdischen Gemeinde.
Seit den vierziger Jahren erfreut sich die hiesige Gemeinde eines mit Chor und Orgel geführten regelmäßigen Gottesdienste; nach Neubau unserer Synagoge wurde an Stelle des früheren Männerchors ein gemischter Chor errichtet, welchem Institute von dem damaligen Vorstande Herrn Carl David die wärmste Unterstützung wurde. Die Gemeinde war stolz auf ihren Gottesdienst, und allseitiger Anerkennung erfreute sich Chor und Dirigent. Da kam das Verhängnis in der Person des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Salvendi.  
Bei Neuwahl des Ausschusses wurde das Menschenmöglichste geleistet, um unsern alten, verdienten Vorstand zu stürzen; es gelang.  Dem neuen Vorstande, dessen Hauptstärke Charakterfestigkeit gerade nicht ist, wusste Herr Dr. Salvendi durch scheinbare Unterwürfigkeit zu kitzeln, und siehe da, man schob den unbedeutendsten, lächerlichsten Grund vor und tat dem Herrn Rabbiner den Gefallen, den Organisten und Dirigenten (derselbe hat nämlich das Unglück, Jude zu sein) zu entlassen und unsern schönen Chor, der weit und breit Namen hatte, dadurch aufzulösen; denn Sänger und Sängerinnen des Chors schlossen sich innig ihrem bisherigen Dirigenten an. 
Die ganze Gemeinde ist in noch nie da gewesener Aufregung. 
So geschehen in der freien Pfalz im Wonne-Monat des Jahres 1874. Hildesheimer."        

  
Stellungnahme des Synagogen-Ausschusses zu dem obigen Bericht (1874)   

Speyer AZJ 21071874.jpg (184643 Byte) Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. Juli 1874: "Speyer, im Juli (1874) (Erwiderung). In Nr. 25 Ihres geschätzten Blattes befindet sich unter Speyer ein mit dem Namen Hildesheimer unterschriebenes 'Eingesandt', welches die Entlassung des Chordirigenten und Organisten an der hiesigen Synagoge in einer, die Wahrheit entstellenden Weise bespricht, weshalb der Unterfertigte sich veranlasst findet, Folgendes darauf zu erwidern. Vor Allem bedarf es der Erwähnung, dass der Unterzeichner jenes Artikels von Speyer der entlassene Organist selbst ist, welcher sich bereits in arrogantester Weise in hiesigen Lokalblättern über den hiesigen Synagogen-Ausschuss ausgelassen hat, was aber deshalb von Letzterem ignoriert wurde, weil man hier die Sachlage jener Angelegenheit genugsam kennt.  
Es wird nicht in Abrede gestellt, dass wir uns schon seit Jahren eines herrlichen Gottesdienstes erfreuen und nur der Synagogenchor in letzterer Zeit stets mangelhafter wurde, was unter der sich immer steigernden Unhöflichkeit des Dirigenten H. nicht zu verwundern war, sodass dieser voraussichtlich den Chor baldigst vollständig invalid gemacht haben würde. Deshalb sag der Unterzeichnete sich veranlasst, dem Dirigenten hier wegen sein Bedenken auszusprechen, was den ohnehin etwas reizbaren, streitsüchtigen Herrn H. in solchen Harnisch brachte, dass er den Synagogen-Ausschuss mit den unziemlichsten, dessen Ehre verletzenden Vorwürfen etc. zu überhäufen sich erlaubte. Dies allein hatte die Entlassung des beregten Herrn zur Folge und ist in aller Kürze der wahrheitliche Sachverhalt jenes 'traurigen Vorkommnisses', wie sich der betreffende Einsender auszudrücken beliebt.   
Dass Herr H. ähnliche Konflikte auch schon mit dem früheren Vorstande gehabt hat, dafür liegen die schriftlichen Bewiese vor.  
Was die Zerrüttung unseres Gottesdienstes und die Auflösung des hiesigen Synagogenchors anbelangt, wovon Herr H. spricht, haben wir nur zu bemerken, dass seit seiner Entlassung, obwohl er sich für unersetzlich hielt - nicht die gelindeste Lücke fühlbar wurde, dass der Gottesdienst in gewohnter Weise seinen Fortgang nahm und der reorganisierte Synagogenchor unter Leitung des neu angestellten Organisten und unter der kräftigen Mitwirkung unseres bewährten Kantors lebensfähiger ist, als er ehedem war und zu den besten Hoffnungen berechtigt, trotz der offenen und geheimen Intrigen, die von gewisser Seite in Szene gesetzt werden.  
Was ferner der Herr Einsender von einer 'nie da gewesenen Aufregung in der ganzen Gemeinde' sagt, ist völlig unwahr. Gemeinde und Synagogenausschuss leben in schönster, ungetrübtester Eintracht und erfreuen wir uns des tiefsten Friedens. 
Auch in diesem Blatte in dieser Sache unser letztes Wort. 
Der Synagogen-Ausschuss von Speyer.
"          

  
Nach dem Willen des Gemeindevorstandes soll die Haftara (Prophetenlesung am Schabbat) nur noch teilweise gelesen werden (1886)   

Speyer Israelit 15111886.jpg (203311 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. November 1886: "Speyer (Rheinpfalz), im November (1886). Die hiesige jüdische Gemeinde, die lange Jahrhunderte hindurch der früher hier in ganz herrlicher Weise geherrschten innigen und musterhaften Frömmigkeit halber weithin sich eines ausgezeichneten Rufes zu erfreuen gehabt, genießt seit einer Reihe von Jahrzehnten bereits in gesetzestreuen jüdischen Kreises eines ihr mit vollstem Rechte gebührenden, sehr gelinge ausgedrückt, bitterbösen Renommees. Die in dieser Beziehung sowohl in der hiesigen, als auch in einem sehr großen Teile der jüdischen Gemeinden der Rheinpfalz in den letzten Jahrzehnten leider herrschenden Zustände sich auch in diesen Blättern zu wiederholten Malen schon in kaum glaublicher, aber trotzdem streng wahrheitsgetreuer Weise hinlänglich geschildert und beleuchtet worden, bei allen aufrichtig religiösen Glaubensgenossen hohes Befremden und tiefstes Bedauern erregend. Zweck unserer heutigen Zeilen ist einer der jüdischen Gesinnungs- und Denkungsweise des hiesigen Gemeinde-Vorstandes hinreichend kennzeichnenden allerneuesten Verfügung desselben kurz Erwähnung zu tun, wonach aus Gründen, auf deren Wiedergabe wir getrost zu verzichten können glauben, seit einigen Monaten bereits von allen großen Haphtoras nur noch Bruchstücke vorgetragen werden dürfen. Mit dieser Verordnung waren denn doch Gott sei Dank noch eine ganz stattliche Anzahl von Gemeindemitgliedern nicht weniger als einverstanden und wandten sich deren 30 beschwerdeführend an den Gemeinde-Vorstand, denselben aufs dringendste ersuchend diese Verfügung sofort wieder zurückzuziehen. Ob nun diesem gerechten Ersuchen in Güte stattgegeben wird oder erst ein Einschreiten des vorgesetzten Bezirks-Rabbiners Herrn Dr. A. Salvendi, Dürkheim, behufs Wieder-Abschaffung dieser, nebenbei bemerkt unendlich sinnreichen (!) sogenannten 'Verbesserung' veranlasst werden muss, darüber werden wir demnächst berichten."          
    
Speyer Israelit 18111886.jpg (138779 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. November 1886:    

  
Kritischer Beitrag aus orthodox-jüdischer Sicht zu den Gemeinde- und Gottesdienstzuständen in Speyer (1886)  

Speyer Israelit 25111886.jpg (161990 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. November 1886:     
Speyer Israelit 25111886b.jpg (152815 Byte)     

   
Die Synagoge wird nach einer umfangreichen Renovierung wieder eingeweiht (1894)  
Anmerkung: der Bericht findet sich in der orthodoxen Zeitschrift "Der Israelit". Der kritische Unterton erklärt sich durch die dem gegenüber der Orgel und dem gemischten Chorgesang völlig ablehnende Haltung des orthodoxen Judentums.  

Speyer Israelit 01021894.jpg (46841 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Februar 1894: "Speyer, 19. Januar (1894). Die hiesige Synagoge, an welcher im letzten Jahre umfangreiche Restaurationen vorgenommen, wurde wiederum am vergangenen Samstage unter besonderen Feierlichkeiten eingeweiht. Die hiesige Gemeinde war die erste, welche den gemischten Chorgesang mit Orgelbegleitung in ihrem Gotteshause einführte! Speyer, Worms, Mainz, wo ist Euer alter Ruf geblieben?"      

  
100-jähriges Bestehen der Synagoge (1937)  

Speyer Israelit 11111937.jpg (43030 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. November 1937: "München. Die jetzige Synagoge in Speyer wird demnächst ihr 100-jähriges Bestehen feiern. Das Vorhandensein einer Synagoge in Speyer ist zum ersten Mal für das Jahr 1096 urkundlich bezeugt. Fachgelehrte vertreten die Ansicht, dass die Juden nach Speyer schon sehr früh gekommen seien."         

   
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch SA- und SS-Leute geschändet. Ritualien und Einrichtungsgegenstände sowie die Bibliothek wurden geplündert, vieles gestohlen. Danach wurde Feuer gelegt; das Gebäude ist völlig ausgebrannt. Schon am 11. November 1938 bekam der Oberbürgermeister die Abbruchgenehmigung für die Brandruine.  
 
Auf dem Grundstück wurde 1948/49 zunächst eine Grünanlage mit einem Kinderspielplatz angelegt, später wurde es als Parkplatz verwendet. 1955 wurde ein Kaufhaus auf dem Synagogengrundstück erbaut.  Am 9. November 1978 wurde zunächst an der Wand des Kaufhauses eine Gedenktafel angebracht. 1992 wurde ein neuer Gedenkstein enthüllt, der an die vernichtete jüdische Gemeinde und ihre Opfer erinnert.   
  
  
Adresse/Standort der Synagoge  Heydenreichstraße / Ecke Hellergasse (ehem. Stöckergasse 1)    

Fotos   
(Quelle: SW-Fotos aus Landesamt: Synagoge s. Lit. S. 352-355; neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum: 10.8.2011)     

Alte Synagoge (?)  Speyer Synagoge 11021.jpg (141648 Byte)  
  Nach unbestätigten Angaben soll es sich 
bei diesem Gebäude um eine alte Synagoge
 (um 1800?) handeln
 
  
Die 1837 eingeweihte und 
1866 vergrößerte Synagoge
Speyer Synagoge 11022.jpg (155906 Byte) Speyer Synagoge 11026.jpg (61846 Byte)
     Die Synagoge (Aufnahme 
Mitte der 1930er-Jahre)
Restaurierung der Portalinschrift um 1911:
 "mein Haus soll ein Bethaus genannt werden
 für alle Völker" (hebräisch, Jesaja 56,7)
   
     
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Luftaufnahme: das Synagogengebäude
 (zwischen 1914 und 1938)
Innenaufnahmen: Blick zum Toraschrein (Aufnahme rechts von 1937) 
   
     
Die zerstörte Synagoge   Speyer Synagoge 11025.jpg (72907 Byte)  
  Die ausgebrannte Synagoge am Morgen 
des 10. November 1938
 
     
Das Denkmal am 
Synagogenstandort 
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  Blick auf das Denkmal 
     
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"Zum Gedenken an die Ermordung der
 jüdischen Mitbürger in Vernichtungslagern
 des Naziregimes"
Davidstern mit 
abgeknickter Spitze 
Tafel mit Namen 
von aus Speyer ermordeten 
jüdischen Personen
    
    Foto oben in hoher Auflösung 
   

   

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte    

Juli 2010: Besuch bei ehemaligen Organisten der Speyerer Synagoge in den USA   
Artikel von "pes" in der "Schwetzinger Zeitung" vom 20. Juli 2010 (Artikel): 
"Besuch in den USA: Lehrer Peter Sauter bei Alfred Cahn, der 1939 vor den Nazis fliehen musste
Nach 70 Jahren gut über Speyer informiert
Speyer.
Alfred Cahn zeigt sich gut informiert über die aktuellen Entwicklungen in Speyer, besonders, wenn es um den Stand des Baus der neuen Synagoge geht. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn Cahn ist zwar gebürtiger Speyerer, doch er musste 1939 wegen seines Glaubens vor den Nazis fliehen und lebt seit den 40er Jahren in den Vereinigten Staaten. Vergessen ist auch er in seiner Heimatstadt nicht..."    
    

  


Links und Literatur  

Links:  

Website der Stadt Speyer    

Literatur:  

Johannes Bruno: Schicksale Speyerer Juden 1800 bis 1980. Schriftenreihe der Stadt Speyer. Bd. 12. Speyer 2000.  
Neu in 2011:  ders.: Schicksale Speyerer Juden II. 2011. ISBN 978-3-939512-31-8.  
Buchvorstellung im "morgenweb" (Schwetzinger Zeitung) vom 7. November 2011: Link zum Artikel - auch als pdf-Datei eingestellt.   
Historischer Verein der Pfalz. Bezirksgruppe Speyer (Hg.): Geschichte der Juden in Speyer. 3., erheblich erweiterte und überarbeitete Auflage Speyer 2004.
Speyer Buch 01.jpg (31646 Byte)Johannes Bruno / Eberhard Dittus: Jüdisches Leben in Speyer. Einladung zu einem Rundgang. Haigerloch 2004. 
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S.    (mit weiteren Literaturangaben). 
Im "Speyer-Kurier - Kurpfälzer Allgemeine Zeitung" sind 2011 mehrere Artikel zur jüdischen Geschichte der Stadt erschienen, darunter 
- Erinnerungen an einen bedeutsamen Teil Speyerer Bürgerschaft "Jüdische Lebensbilder": ausführliche Artikel zu Esajas Kuhn, Henriette Mayer, Theodor David, Dr. med. Adolf David, Sigmund Mayer, Marx Mayer, Leopold Süssel, Isidor Roos, Theodor Altschul, Dr. med. Siegmund Reis usw. 
- Weitere Artikel unter den Stichworten: Jüdisches Leben - früher   -  Jüdisches Leben - heute      
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Speyer  Palatinate.   After the 1534 expulsion, Jews were not present again until 1621. In 1622, 47 were living under the protection of the municipality. However, new restrictions followed and in 1688 they were again expelled. Jewish settlement was only renewed under the French after the institution of equal rights. In 1808, Jews numbered 80. Their population grew steadily throughout the century, reaching 539 (total 15.589) in 1880. In 1848, 61 % of Jews were merchants and 25 % practiced trades (including butchers). Later Jews opened shoe, cigarette, and woodworking factories. In trade, livestock dealers were prominent. Between 1863 and 1907, Jews were regularly elected to the municipal coucil and the jurist Karl Adler, a native of Speyer, became one of the first two Jews to be elected in the Bavarian Landtag in 1869. Jews were also active in local organizations like the Red Cross and glee club. A Jewish elementary school was started in 1831 with 42 pupils and a new synagogue was consecrated in 1837, also housing the school and a mikve. Ludwig Schloss taught in the school 52 years, also becoming chairman of the community and one of its leading figures. Because of its Liberal tencendies, manifested in the introduction of an organ onto the synagogue in 1850 and confirmation exercised in the Protestant style for both boys and girls, the community was in constant conflict with the regional rabbinate, particularly from 1865 when the Orthodox Dr. Adolf Salvendi was at its helm. The Jewish population dropped to 403 in 1910 and the downward trend continued in the Weimar period owing to a declining birthrate and emigration to bigger cities like Mannheim and Frankfurt. Jews continued to be involved in local life.   
In 1933, the Jewish population was 269. With the rise to power of the Nazi regime, Jewish stores were burned and the economic and social isolation of the Jews commenced. The situation worsened in late 1934 and by September 1936, ten Jewish businesses had been closed or sold. Only 50 Jewish wage earners now remained in the city. In the 1933-36 period, 84 Jews left Speyer, another 30 left in 1937. Of these, 33 moved to other German cities and 81 emigrated, inluding 45 to the United States. Fifteen more left by October 1938. Jewish youth and sports clubs remained active and Hebrew and English courses were offered in the community. The Zionists also became more active. On Kristallnacht (9-10 November), the synagogue was burned. Jews homes and stores were vandalized, and the Jewish cemetery was desecrated. Jewish men were sent to the Dacau concentration camp and detained for weeks and months. Another 60 Jews left by May 1939. Sixty remained in October 1940. On 21-22 October, 51 were deported to the Gurs concentration camp in southern France in the general expulsion of Jews from the Palatinate and Baden. Of these, ten managed to emigrate. Of the others, 12 perished in France and 24 were murdered in Auschwitz; five survided. In all, at least 42 Jews perished in the Holocaust.       
                     

   

                   
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Stand: 10. Dezember 2011