Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Sinzig (Kreis Ahrweiler) 
Jüdische Geschichte / die Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde         
   
In Sinzig bestand bereits im Mittelalter eine relativ große jüdische Gemeinde. Spätestens in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts haben sich Juden in der Stadt niedergelassen, von denen auch einige namentlich genannt werden: um 1236 Aleidis, Tochter des Samuel von Sinzig, 1237 Guda von Sinzig, Witwe des Samuel, 1238-39 Gottschalk, Sohn des Samuel Levi von Sinzig usw. Nach dem Reichssteuerverzeichnis von 1242 zahlten die Juden damals den relativ hohen Betrag von 25 Mark Silber (die Wormser Gemeinde zahlte im Vergleich dazu den Betrag von 130 Mark Silber; dies spricht von der Größe der Gemeinde in Sinzig). Mit großer Rücksichtslosigkeit wurden in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Sondersteuern von der Gemeinde eingezogen beziehungsweise erpresst. Auf Grund von starken Spannungen zwischen Christen und Juden, ausgelöst durch einen aus Augsburg stammenden Proselyten Abraham, der in Sinzig das Judentum predigte, dabei auch ein Kruzifix zerbrach und dafür zum Tod verurteilt wurde, kam es am 1. Mai 1265 zu einem furchtbaren Judenpogrom. Bei diesem wurden 61 Männer, Frauen und Kinder am Freitagabend in der Synagoge verbrannt, unter ihnen zwei Rabbiner, drei Lehrer und weitere drei Gelehrte. Die Zahl der Gelehrten bezeugt das Vorhandensein einer bedeutenden jüdischen Gemeinde in der Stadt. Beim nächsten Pogrom (sogenanntes "Werner-Pogrom) 1287 wurden 46 Juden in der Stadt ermordet. Die überlebenden Juden wurden gezwungen, Sinzig zu verlassen. Nach einigen Jahren konnten sich 12 jüdische Familien wieder in der Stadt niederlassen, bis bei der Judenverfolgung in der Pestzeit 1348/49 die Gemeinde vernichtet wurde. Erst 1395/98 werden wieder Juden in der Stadt genannt. Seit 1433 ist von einer Judengasse (Joden gasse bzw. juedengasse) in der Stadt die Rede. 
  
Auch im 15. Jahrhundert lebten Juden in Sinzig (1409 mindestens jüdische Familien). Im 16./17. Jahrhundert schweigen die Quellen weitgehend.
     
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in das 18. Jahrhundert zurück. 1782 werden fünf jüdische Familien mit zusammen 23 Personen in Sinzig gezählt. 1808/17 waren es 27 Personen. Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl noch zu. Die höchsten Zahlen jüdischer Einwohner werden 1858 mit 73 bzw. 1895 mit 75 jüdischen Einwohnern erreicht. Danach ging die Zahl durch Aus- und Abwanderung wieder zurück. 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war im Synagogenbezirk Sinzig (meist mit Remagen, Niederbreisig und den anderen Orten) ein Lehrer (Religionslehrer, zeitweise Elementarlehrer) angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). 
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Ludwig Bähr (geb. 14.6.1882 in Ruchheim, gef. 26.9.1914) und Ernst Friesen (geb. 24.2.1894 in Sinzig, gef. 21.3.1915). Außerdem ist gefallen: aus Sinzig Siegmund Wolff (geb. 5.12.1885 in Sinzig, vor 1914 in Koblenz wohnhaft, gef. 23.3.1917),  aus Bodendorf Adolf Friedsam (geb. 17.8.1883 in Bodendorf, vor 1914 in Neuß wohnhaft, gef. 18.12.1916).       
    
Um 1925 bildeten Sinzig und Remagen den gemeinsamen Synagogenbezirk Sinzig-Remagen. Zum Verband gehörten auch die an den folgenden Orten lebenden jüdischen Einwohner: Westum, Löhndorf, Bodendorf, Oberwinter, Niederbreisig, Brohl und Oberbreisig. Damals gehörten noch 39 jüdische Einwohner der Stadt zur jüdischen Gemeinde. Die Vorsteher waren aus Sinzig Carl Hirsch, Salomon Salomon. Vorsitzender der Repräsentanz war Abraham Meyer. Die damals vier schulpflichtigen jüdischen Kinder erhielten Religionsunterricht durch Lehrer David Würzburger aus Linz am Rhein.  
    
1933 wurden noch 41 jüdische Einwohner gezählt. Auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen verließ ein großer Teil von ihnen die Stadt in den folgenden Jahren. Nach dem Novemberpogrom 1938 lebten in Sinzig und Bodendorf noch 19 jüdische Personen. 1942 wurden die letzten jüdischen Einwohner deportiert. 
    
Von den in Sinzig geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Cilla (Zibora) Caspary geb. Hartmann (1880), Olga Daniel (geb. ?), Jakob Faber (geb. ?), Bernhard Gottschalk (), Erich Gottschalk (1926), Franziska Gottschalk geb. Baer (1892), Rosalia Gottschalk (), Erwin Hein (geb. ?), Rosa Hein geb. Salomon (1890), Julius Hirsch (1877), Lina Hirsch (1864), Max Hirsch (1866), Pesel Itzinger (1876), Julius Joseph (geb. ?), Zila Kaspary (1879), Selma Kohn geb. Meyer (1888), Lena Levy (geb. ?), Leopold Albert Liebmann (1891), Dora Liebmann geb. Faber (1902), Heinz Liebmann (), Dina Meyer geb. Hartmann (1873), Isaak Meyer (1878), Julius Meyer (1910 oder 1912), Karl Meyer (1930), Mathilde Meyer geb. Meyer (1891), Joseph Salomon (1886), Klara Salomon (1887), Leopold Salomon (geb. ?), Mathilde Schmitz geb. Wolff (1896), Johanna Schwartz geb. Hirsch (1880), Jeanette Schweizer geb. Moises (1865), Frieda Wolff (1892), Gottfried Wolff (1854), Karoline Wolff geb. Meyer (1857), Max Wolff (), Rosa Wolff (1888), Salomon Wolff (1855(), Samuel Gottschalk Wolff (1863).   
      
      
      
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
    
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Religionslehrerstelle 1861 / 1884 / 1886 / 1892 / 1901 / 1907 / 1908     

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. November 1861: "Mit dem 15. März laufenden Jahres wird die hiesige israelitische Elementarlehrerstelle vakant. Der jährliche fixe Gehalt beträgt 225 Thaler außer den Nebeneinkünften, welche sich auf circa 25 Thaler belaufen. Qualifizierte unverheiratete Bewerber wollen scih an den Unterzeichneten wenden. 
Sinzig am Rhein, im November 1861. Der Vorsteher der israelitischen Gemeinde. Isaac Hirsch."        
 
Sinzig Israelit 14021884.jpg (39711 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Februar 1884: "Ein seminaristisch gebildeter Religionslehrer wird von der Synagogengemeinde Sinzig per 1. April gesucht. 
Gehalt 900-1.000 Mark. 
Sinzig am Rhein, im Februar 1884. Der Vorsitzende des Vorstands."    
    
1886 als gemeinsame Stelle der Gemeinden Sinzig, Remagen und Niederbreisig
Remagen Israelit 29111886.jpg (42193 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. November 1886: "Ein seminaristisch gebildeter Religionslehrer wird von dem Synagogenbezirk Sinzig (einschließlich die Gemeinden Remagen und Niederbreisig) per Frühjahr 1887 zu engagieren gesucht. Gehalt 1.000 Mark.  
Sinzig, 26. November 1886. Der Vorsitzende des Vorstands: Samuel Hirsch."
      
1892 Ausschreibung für den "Synagogenbezirk Sinzig" (gemeint: dieselben Gemeinden wie oben 1886)
Sinzig Israelit 04011892.jpg (31776 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Januar 1892: "Die Stelle eines Religionslehrers für den Synagogen-Bezirk Sinzig, verbunden mit einem Gehalt von Mark 1.000 wird mit dem 1. Februar vakant.
Sinzig, 3. Januar 1892. Der Vorsitzende des Vorstands. Samuel Hirsch."
      
1901 Ausschreibung für den "Synagogenbezirk Sinzig"    
Sinzig Israelit 26031901.jpg (32313 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. März 1901
"Für den Synagogenbezirk Sinzig wird per 1. Mai, ein 
Lehrer
 
gesucht. Offerten mit Zeugnis-Abschriften erbittet 
A. Hirsch
, Vorsteher, Sinzig am Rhein."     
  
Im Mai 1901 wurde die Ausschreibung verändert und nun ein Elementarlehrer gesucht:    
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Mai 1901: 
"Für den Synagogenbezirk Sinzig wird per sofort ein geprüfter 
Elementarlehrer 
gesucht
. Gehalt Mark 1.000. Offerten mit Zeugnisabschrift erbittet 
der Vorsitzende des Vorstandes: A. Hirsch, Sinzig am Rhein."    
     
1904 als gemeinsame Stelle der Gemeinden Bad Neuenahr, Ahrweiler, Remagen und Sinzig   
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. April 1904: 
"Die Kantor- und Religionslehrerstelle 
in Bad Neuenahr ist sofort zu besetzen. Der Lehrer ist verpflichtet, den Religionsunterricht in den Nachbargemeinden Ahrweiler, Remagen und Sinzig mitzuerteilen. Gehalt 1.500 Mark sowie Nebenverdienste. Staatlich geprüfte Bewerber wollen sich unter Beifügung ihrer Zeugnisse schriftlich melden bei 
Abraham Bär,
Ahrweiler."    
 
1908 als gemeinsame Stelle der Gemeinden Ahrweiler, Remagen, Sinzig und Niederzissen  
Remagen Israelit 27121907.jpg (72340 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Dezember 1907: "Die Religionslehrer- und Kantorstelle in Ahrweiler ist per 1. Mai 1908 zu besetzen.
Der Lehrer ist verpflichtet, den Religionsunterricht in den Nachbargemeinden Remagen, Sinzig und Niederzissen mitzuerteilen. Schochet mit Kaboloh orthodoxer Rabbiner bevorzugt. Gehalt Mark 1.200.- sowie Reisespesen, Nebenverdienste. 
Staatlich geprüfte, unverheiratete Bewerber wollen sich unter Beifügung von Zeugnisabschriften melden bei Abraham Bär, Ahrweiler."

       
Lehrer Weingarten wechselt von Buchen nach Sinzig (1912)  

Sinzig FrfIsrFambl 26041912.jpg (64896 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. April 1912: "Buchen-Hainstadt (Baden). Der Israelitische Jugendverein konnte vergangenen Schabbos Rabbiner Dr. Löwenstein - Mosbach als Redner begrüßen. Der allverehrte Herr Rabbiner sprach über das Thema 'Jüdisch-deutsche Volkslieder.' Unser Verein hat sich in der kurzen Zeit seines Bestehens durch die rührige Tätigkeit seines Gründer, Lehrer S. Schereschewski - Hainstadt, günstig entwickelt. Zu seinem größten Bedauern verliert er das Vorstandsmitglied Lehrer Weingarten - Buchen, der mit dem 1. Mai eine Lehrerstelle in Sinzig am Rhein antritt."  

    
    
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Bericht über eine Purimfeier der jüdischen Schule 1893  

Sinzig Israelit 09031893.jpg (58376 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. März 1893: "Remagen, 6. März (1893). Am Sonntag, den 5. März wurde in der israelitischen Schule zu Sinzig die Purimfeier begangen. Jung und Alt aus den Orten Remagen, Sinzig und Niederbreisig, ja sogar Fremde waren herbeigeeilt, um der Theateraufführung, dargestellt von 16 Schulkindern unter Leitung des Herrn Lehrers Mannheimer, beizuwohnen. Nachdem die Musik einen Marsch intoniert hatte, begannen Vorstellung und Deklamationen. Nach beendeter Vorstellung fand noch eine Verlosung statt. Alle Anwesenden verließen das Haus mit Worten des Dankes und in dem Bewusstsein, frohe und heitere Stunden verlebt zu haben."

        
     
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 

Anzeige der Metzgerei Jakob Faber (1901)    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Oktober 1901: 
"Der Versand meiner weltberühmten vorzüglichen Wurst- und Fleischwaren hat begonnen und empfehle ich: 
koscher  
Kochwurst à Marlk 0,60. Roheßwurst à Pf. Mark 0,80.  
Rauchfleisch knochenfrei à Pf. Mk. 1,10.  Rauchzungen à Pf. Mk. 1,50.  
Versand unter Nachnahme. Emballage frei. 
Jakob Faber, Metzgerei in Sinzig am Rhein."        

 
Anzeige des Manufakturwaren- und Konfektionsgeschäftes A. Hirsch (1905)  

Sinzig FrfIsrFambl 08121905.jpg (34935 Byte)Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 8. Dezember 1905: "Lehrling.  
Per Januar suche ich für mein Manufakturwaren- und Konfektionsgeschäft einen Lehrling mit guter Schulbildung.  
A. Hirsch, Sinzig.
"    

      
Anzeige der Textilgeschäftes M. Friesem (1924)    

Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins) vom 14. August 1924: 
"Per sofort oder später suche ich 
mehrere erste Verkäuferinnen 
für die Abteilungen Damen-Konfektion, Kleiderstoffe
Es kommen nur erstklassige, erfahrene Kräfte in Frage, denen an einer Dauerstellung in Kleinstadt gelegen ist. Schriftliche Offerten mit Bild und Zeugnisabschriften erbeten an 
M. Friesem, Sinzig am Rhein".       

    
    
    
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge      
   
Die mittelalterliche Synagoge wird anlässlich des grausamen Judenpogroms genannt, das am 1. Mai 1265 über die Gemeinde hereinbrach. Damals wurde die Synagoge niedergebrannt. 61 Männer, Frauen und Kinder fanden den Tod in den Flammen. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts dürfte wiederum eine Synagoge oder ein Betsaal eingerichtet worden sein.   
   
Bis zum 19. Jahrhundert gibt es keine weiteren Nachrichten über jüdische Gebets- und Gottesdiensträume. Erstmals wird in einem Dokument von 1828 ein Betsaal genannt ("Judenschule"). Nach einem Dokument von 1842 war er "sehr mangelhaft und der Würde einer kirchlichen Versammlung nicht entsprechend". Auf Grund von Spannungen in der Gemeinde kam es in der Folgezeit zur Einrichtung einer zweiten Betstube im Haus des Leo Hartmann, in dem trotz amtlichen Verbotes von 1846 bis 1856 "Privat-Andachts-Übungen" abgehalten wurde. Die "Judenschule" wurde im März 1855 in ein neu erbautes Privathaus in der Ausdorfer Strasse 56 1/2 verlegt. 1856 wurde eine Betstube in einem dem Kaufmann Leo Hirsch gehörenden Teil der "Alten Burg" (Martelsburg) eingerichtet. Hier befand sich schon seit 1850 die jüdische Schule mit einem Raum für 30 Kinder. Trotz der Neueinrichtung eines Betsaales plante man gleichzeitig schon den Bau einer Synagoge. Dieser Plan konnte freilich erst nach einigen Jahren in die Tat umgesetzt werden. 1862 wurde behördlich die Durchführung  einer Hauskollekte in den jüdischen Gemeinden der Rheinprovinz genehmigt. 1865 konnte die jüdische Gemeinde den den bislang angemieteten Teil der "Alten Burg" kaufen. Er befand sich in einem stark baufälligen Zustand und wurde seit Herbst 1866 für insgesamt 974 Taler zu einer Synagoge umgebaut. Davon stammten 20 Taler von "ihrer Majestät der Königin", an die die jüdische Gemeinde ein Bittgesuch gerichtet hatte:   

Sinzig AZJ 18121866.jpg (34774 Byte) Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. Dezember 1866: "Sinzig (am Rhein), 3. Dezember (1866). Die hiesige kleine Gemeinde beabsichtigt eine neue Synagoge zu bauen. Sie richtete deshalb auch an Ihre Majestät die Königin, welche in Koblenz weilt, ein Bittgesicht um eine Beisteuer, und erhielt ein Gnadengeschenk von 20 Taler. In dankbarer Anerkennung dieser königlichen Huld gestatten wir uns, Sie um Veröffentlichung dieser Zeilen zu bitten."  

Die feierliche Einweihung der Synagoge im Mitteltrakt der "Alten Burg" in den Tagen vom 13. bis 15. Oktober 1867 nahm der Koblenzer Rabbiner Ben Israel vor. Folgende Berichte liegen zur Einweihung vor:

Sinzig AZJ 08101867s.JPG (147676 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Oktober 1867: "Sinzig am Rhein. 15. September (1867). Die hiesige Synagogenweihe war von einigen Momenten begleitet, welche in der jetzigen Zeit und in der hiesigen Provinz nicht gewöhnlich sind, und die mit daher geeignet scheinen, in diesem Blatte angeführt zu werden.
Wie bestimmt, wurde den 13. September Nachmittags 4 Uhr das Fest begonnen und der Anfang durch Böllerschüsse verkündet. Der Zug, welchem sich die hiesigen Honoratioren, die Herren Bürgermeister von hier, Remagen und Breisig, die katholische Geistlichkeit von hier und den benachbarten Ortschaften angeschlossen hatten, setzte sich in Bewegung und durchzog die Straßen der Stadt, welche nach Verordnung des Bürgermeisters geschmückt waren, bis zur neuen Synagoge. Im Vorhofe angekommen, wurde dem Herrn Bürgermeister von hier der Schlüssel unter passenden Worten überreicht. Nachdem er denselben empfangen, hielt er vor der im Hohe versammelten Menge eine treffliche Rede. Aus derselben führte ich hier an. Er sprach den Wunsch aus, dass die Eintracht und Liebe unter den verschiedenen Konfessionen eine immer befestigtere werde. Denn der Friede des Glaubens stehe höher und sei wichtiger als der Friede in der Politik, und hob dann noch besonders die Verdienste des hiesigen Vorstehers hervor, die er durch die Leitung ders Synagogenbaues und des Gemeindewesens habe. Darauf öffnete er die Türe und hinein strömte eine Menschenmenge, welche die Synagoge kaum zu fassen vermochte. In derselben geschahen die üblichen Zeremonien und die üblichen Gesänge wurden vom Kantor und Chor feierlich vorgetragen. Alsdann hielt der Rabbiner Herr Ben Israel eine Weihepredigt, welche bei der Geistlichkeit, die auch dem zweistündigen Gottesdienste ganz beiwohnte, wie bei der ganzen Versammlung, allgemeinen Beifall fand, worüber der hiesige Pastor dem Rabbiner noch besonders seine Anerkennung durch ein Gemeindemitglied aussprechen ließ.
Sinzig Synagoge 020.gif (76103 Byte)  
Links: Programm der Synagogeneinweihung in der "Ahrweiler Zeitung"; Quelle: Beitrag von Hans Kleinpass s.Lit.
    
In der Ahrweiler Zeitung vom 21. September 1867 fand sich folgender Bericht zur Einweihung: 
"Sinzig. Die Einweihung der jüdischen Synagoge zu Sinzig, welche am 13. d. M. durch den Rabbiner Dr. Ben Israel von Koblenz in der erhabensten und würdigsten Weise vollzogen wurde, war in Verbindung mit den weltlichen Festivitäten eine Feier, wie eine solche noch nie in den Mauern Sinzig's begangen worden ist. - Um 4 Uhr Nachmittags versammelte sich die Gemeinde in der alten Synagoge, und nachdem der eigens zu dieser Feier berufene ausgezeichnete Cantor Herr Wallenstein von Krefeld mit der Gemeinde einen Psalm rezitiert hatte, hielt der Herr Rabbiner eine ergreifende Abschiedsrede, welche die Anwesenden zu Tränen rührte, öffnete dann die h. Lade und übergab die Tora-Rollen den zu deren Empfang designierten Personen. Die Gemeinde verließ nun die alte Synagoge und es ordnete sich folgender Zug: Voran Knaben und Mädchen mit Fahnen, das Musik-Corps, die Mitglieder des Comite's, die Trägerin des Schlüssels, von zwei Mädchen begleitet, die Träger der Tora-Rollen und der Herr Rabbiner nebst Herrn Cantor unter einem schönen blauen Traghimmel, dann der Herr Bürgermeister Wenner mit dem Gemeindevorstande nebst einer unübersehbaren Menge jüdischer und christlicher Festteilnehmer. Der Zug bewegte sich nun durch das mit Maien, Girlanden und Fahnen festlich geschmückte Sinzig zur neuen Synagoge. An der neuen Synagoge angekommen, überreichte die Schlüsselträgerin unter passenden Worten den Schlüssel derselben dem Herrn Bürgermeister, welcher dann in schöner Ansprache der jüdischen Gemeinde Glück zu dem neuen Gotteshause wünschte und zur fortdauernden Friedlichkeit und gegenseitiger Toleranz, welche heute sich so glänzend bewiesen, ermahnte und die Synagoge dann öffnete. Die Versammlung trat ein, und nachdem der Herr Rabbiner die Feier mit einem Gebet eröffnet, begann der Gesang abwechselnd zwischen dem Cantor und dem eigens zu dieser Feier eingeübten israelitischen Chore, in hebräischen und deutschen Liedern unter der Direktion des Lehrers Herrn Zimmermann von Sinzig mit Musikbegleitung der berühmten Bach'schen Kapelle aus Bonn. Der Herr Rabbiner hielt nun eine meisterhafte, mit fließender Diktion gesprochene Einweihungsrede, welchen Worten die Anwesenden mit großer Ruhe und Erbauung lauschten, und trotzdem die Hitze in dem überfüllten Räume drückend war und die Feier bis nach sieben Uhr währte, wich keiner der Anwesenden von der Stelle. Am Abende desselben Tages war Sinzig wieder sehr belebt durch die Serenaden, welche die Bach'sche Kapelle dem Herrn Rabbiner, dem Herrn Bürgermeister Wenner und dem Herrn Pastor Stumpf brachten."

Bis 1938 war die Synagoge Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens in Sinzig.
  
Beim Novemberpogrom 1938, d.h. in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, wurden von SA-Leuten aus Bad Neuenahr und Sinzig die Fensterscheiben der Synagoge eingeworfen. Die Inneneinrichtung (Bücher, Torarollen, Leuchter, Mobiliar) wurde auf einen Haufen in den Hof geworfen und angezündet. 1939 wurde das Synagogengebäude an die Stadt verkauft, die einen NSV-Kinderhort hier einrichtete. Im Krieg wurde das Gebäude als Soldatenquartier, später als Flüchtlings-Notunterkunft zweckentfremdet.  
  
Nach 1945
kam das Gebäude zurück in den Besitz der jüdischen Kultusgemeinde Koblenz, die es 1953 an die Stadt für 5.000 DM verkaufte, die das Gebäude in den folgenden Jahren jedoch zerfallen ließ, sodass es um 1970 abgebrochen werden musste. Auf dem Grundstück wurde ein Parkplatz angelegt. Von der Alten Burg blieb nur noch ein in Privatbesitz befindlicher Teil erhalten, der 1998 abgebrochen wurde. Am 30. April 1992 wurde nach jahrelangen Verhandlungen im Gemeinderat ein Gedenkstein errichtet.  
   
   
 
Standorte der Synagogen

Die mittelalterliche Synagoge stand vermutlich im Bereich der Judengasse (heutige Gudegasse)

Die Synagoge von 1867 war im Mitteltrakt der "Alten Burg" (Eulengasse 33)  

  
  
Fotos:  

Historische Fotos sind der ehemaligen Synagoge in der "Alten Burg" sind keine vorhanden, über Zusendungen freut sich der Webmaster von "Alemannia Judaica", Adresse siehe Eingangsseite  
           
Gedenkstätte am Grundstück der früheren Synagoge
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 31.8.2007)
Sinzig Synagoge 190.jpg (114428 Byte) Sinzig Synagoge 195.jpg (100993 Byte) Sinzig Synagoge 191.jpg (125575 Byte)
Blick über den Parkplatz auf dem Grundstück 
der "Alten Burg" / ehemaligen Synagoge 
Blick auf die Gedenkstätte 
an der Rheinstraße 
Der Gedenkstein 
   
     
Sinzig Synagoge 192.jpg (80169 Byte) Sinzig Synagoge 193.jpg (96949 Byte) Sinzig Synagoge 194.jpg (78659 Byte)
Gedenkinschrift  Namenstafel der aus Sinzig ermordeten Juden auf dem Boden vor dem Gedenkstein 


   
Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Sinzig   
Zur Seite über die jüdischen Friedhofe in Sinzig (interner Link)  
Portal "Jüdisches Leben im Kreis Ahrweiler" mit Seite zur Synagoge in Sinzig http://www.aw-wiki.de/index.php/Synagoge_Sinzig   

Literatur:   

Germania Judaica I, S. 325-326; II,2 S. 766-768; III,2 S. 1372-1374.
Hans-Ulrich Reiffen: Das Sinziger Synagogen-Denkmal und seine Entstehung. Online zugänglich.
Hans Kleinpass: Die Einweihung der Sinziger Synagoge anno 1867. Online zugänglich.  
Udo Bürger: Zum Erziehungswesen der Juden in Kreis Ahrweiler und zu den Synagogenverhältnissen allgemein. In: SACHOR. Beiträge zur jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. Hrsg. von Matthias Molitor und Hans-Eberhard Berkemann in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Erschienen im Verlag Matthias Ess in Bad Kreuznach. 6. Jahrgang, Ausgabe 2/96, Heft Nr. 12 S. 16-33.  
Beitrag online zugänglich (pdf-Datei)       
Rudolf Menacher, Hans-Ulrich Reiffen: "Knoblauch und Weihrauch" - Juden und Christen in Sinzig 1914-1992. Bonn 1992.
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 346-347 (mit zahlreichen weiteren Literaturangaben).  
Kreis Ahrweiler Bu01.jpg (30887 Byte)Hans Warnecke (Hg.): Zeugnisse jüdischen Lebens im Kreis Ahrweiler. Bad Neuenahr-Ahrweiler 1998.  

       
     n.e.

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 02. Juni 2015