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Wetteraukreis"
Nieder-Wöllstadt (Gemeinde
Wöllstadt, Wetteraukreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Nieder-Wöllstadt bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts
zurück. Bereits im 17. Jahrhundert gab es zwei jüdische Familien am Ort. Bis ca. 1724 bildeten die in Nieder-Wöllstadt lebenden jüdischen Familien mit denen in Assenheim eine
gemeinsame jüdische Gemeinde. 1783 gab es sieben jüdische Familien in
Nieder-Wöllstadt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1828 42 jüdische Einwohner, 1861 71 (7,6 % von insgesamt 936
Einwohnern), 1880 53 (5,1 % von 1.035), 1900 38 (3,1 % von 1.205), 1910 36 (2,7
% von 1.340). Die jüdischen Familienvorstände waren als Metzger, Viehhändler,
Getreide- und Textilhändler tätig.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule,
ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der
Gemeinde war zeitweise ein jüdischer Lehrer angestellt, der zugleich als
Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. unten Ausschreibung der Stelle von 1890).
Um 1885 wird Lehrer A. Harris genannt (drei seiner 1882, 1884 und 1888 in
Nieder-Wöllstadt geborenen Kinder sind nach den Deportationen in der NS-Zeit
umgekommen). Später wurde der Unterricht durch einen auswärtigen Lehrer
erteilt (vor allem aus Groß-Karben). Die Gemeinde gehörte zum liberalen
Provinzialrabbinat Oberhessen mit Sitz in Gießen.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde der Gefreite Hermann
Stern (geb. 30.11.1869 in Nieder-Wöllstadt, gef.
17.7.1915).
Um 1924, als 43 jüdische Einwohner am Ort gezählt wurden (2,7 % von 1.557
Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Salli Löwenthal, J. Frank und J.
Bamberger. 1932 war Gemeindevorsteher Moritz Strauss.
1933 lebten noch 29 jüdische Personen in Nieder-Wöllstadt (in acht
Familien; 1,9 % von
insgesamt 1.561 Einwohnern). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen (viele nach Frankfurt) beziehungsweise ausgewandert
(drei nach Argentinien bzw. Brasilien). Zwei Personen sind noch am Ort
verstorben. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört (s.u.),
der jüdische Friedhof geschändet und weitgehend zerstört. Vier der letzten
jüdischen Einwohner wurden im September 1942 vom Ort deportiert.
Von den in Nieder-Wöllstadt geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Minna Bamberger geb.
Strauss (1886), Hilde Frank (1921), Jakob Frank (1889), Salie Harris (1882),
Betty Löb geb. Strauss (1912), Ferdinand Löwenthal (1902), Ruth Löwensthal
(1932), Pauline Sänger (1895), Selma Schöps geb. Harris (1888), Paula Stein
geb. Harris (1884), Auguste Stern (1868), Edith Strauss (1928), Gerda Strauss
geb. Strauss (1902), Margot Strauss (1918), Selma Strauss (1885), Theodor
Strauss (1896).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1890
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Mai 1890: "Die
israelitische Gemeinde Nieder-Wöllstadt sucht per sofort einen jungen
Mann, der als Lehrer, Vorbeter und Schächter zu fungieren hat. Gehalt 700
Mark. Bewerber wollen sich gefälligst an den unterzeichneten Vorsteher
wenden.
Nieder-Wöllstadt, 20. Mai 1890. P. David." |
Lehrer A. Harris publiziert ein Rätsel
(1885)
Aus
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Februar 1885: "Rätsel.
Ein Haus voll Kraft und wunderbar, Das hat ein einzig Türenpaar,
Das nur ein kleiner Haken hält. Und ob dies Haus vom Sturm umweht.
Es sorgt schon Gottes Majestät, Dass nimmer Tür und Haken
fällt.
A. Harris, Lehrer in Nieder-Wöllstadt.
Auflösung erfolgt in Nr. 12. Die Namen der richtig Lösenden werden, wenn
uns solche bis längstens Dienstag Vormittag den 10. Februar zugegangen,
in der folgenden Nummer veröffentlicht." |
| Anmerkung: "Die Auflösung
in Nr. 12 ergab das "Haus David". |
Berichte aus dem jüdischen
Gemeindeleben
Bürgermeister Weith wendet sich gegen antisemitische
Hetzereien (1890)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. September 1890: "Nieder-Wöllstadt,
22. August (1890). Der Versuch, auch in unserer Gemeinde antisemitische
Hetzereien zu inszenieren, ist an der kräftigen Initiative unseres
Bürgermeisters Herrn Weith und an der Einmütigkeit, mit welcher die
ganze Gemeinde, mit verschwindenden Ausnahmen dagegen Front machte,
gescheitert. Die Kommission nämlich, welcher der Auftrag geworden, die
Gründung einer freiwilligen Feuerwehr am hiesigen Platze vorzubereiten,
hatte mit 4 gegen 3 Stimmen beschlossen, dass in den Statutenentwurf ein
Paragraph aufgenommen werden solle, demzufolge Juden von der
Mitgliedschaft ausgeschlossen seien. Die Kommission strich in Folge des
laut gewordenen allgemeinen Unwillens nachträglich den Passus, und in der
allgemeinen Versammlung, welche über die Statuten zu befinden hatte, nahm
der Bürgermeister, Herr Weith, Veranlassung, zuerst einen Israeliten zur
Anmeldeunterschrift aufzufordern; er wollte speziell damit seinen Standpunkt
in der Frage präzisieren." |
Zur Geschichte der Synagoge
Bereits seit 1729 war eine Synagoge vorhanden. Zeitweise wurde
die Synagoge in Nieder-Wöllstadt auch von den in Bruchenbrücken lebenden
jüdischen Personen besucht.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch einheimische
Nationalsozialisten verwüstet, geplündert und anschließend zerstört. Die
Mauern des Gebäudes wurden mit einem Traktor geschleift.
Seit 1981 befindet sich eine kleine Hinweistafel am ehemaligen
Standort der Synagoge.
Adresse/Standort der Synagoge: Bahnhofstraße
3 (1932: Eisenbahnstraße)
Fotos
(Quelle: Arnsberg Bilder S. 156)
| Die Synagoge in
Nieder-Wöllstadt |
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Die Aufnahme wurde
um 1900 erstellt |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 145-146. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 156. |
 | Keine Abschnitte zu Nieder-Wöllstadt in Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 und dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994 und dies. Neubearbeitung der
beiden Bände. 2007. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 335-336. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 269-270.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Nieder-Woellstadt
Hesse. Established around 1725, the community numbered 71 (8 % of the total) in
1861 and then declined. The Jews mostly earned their livelihoods in the cattle
trade and as storekeepers and butchers. On Kristallnacht (9-10 November
1938), the Nazis organized a pogrom and demolished the synagogue. Twenty-three
of the town's Jews 40 Jews emigrated; three married to non-Jews survived the
Holocaust.

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