Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 

  
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zurück zur Übersicht "Synagogen in Unterfranken"
   

Oberaltertheim (Gemeinde Altertheim, Kreis Würzburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge 

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)    
    
In Oberaltertheim (frühere Grafschaft Castell) bestand eine jüdische Gemeinde bis 1942. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts zurück. In Rechnungen der Gemeinde Oberaltertheim sind 1655 jüdische Personennamen genannt, doch könnte es sich auch um auswärtige Juden gehandelt haben. Im Fürstlich Castell'schen Archiv finden sich Akten und Urkunde zur Geschichte der Juden aus Unteraltertheim (ab 1683) und Oberaltertheim (ab 1726). 1785 lebten bereits 12 jüdische Familien am Ort.  
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1815 67 jüdische Einwohner (12,9 % von insgesamt 520), 1867 65 (9,2 % von 703), 1890 90 (12,0 % von 751), 1900 74 (9,8 % von 752). Für eine Landgemeinde ungewöhnlich, nahm die Zahl der jüdischen Einwohner noch bis um 1890 zu, um erst danach langsam zurückzugehen. 1910 waren es noch 53 jüdische Einwohner (6,7 % von insgesamt 795).  
  
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden für Oberaltertheim auf 12 Matrikelstellen die folgenden jüdischen Familienvorständen (mit neuem Familiennamen und Erwerbszweig) genannt: Salomon Simon Traubel (Vieh- und Warenhandel, seit 1819 auch Handel mit ganzen Ellenwaren und Viehschlachten), Pfeifer Isaak Rosenbaum (Vieh- und Warenhandel, seit 1819 auch Handel mit ganzen Ellenwaren und Viehschlachten), Märla, Witwe von Isack Rosenbaum (Vieh- und Warenhandel), Nathan Schlom Rosenbaum (Vieh- und Warenhandel), Hirsch Schlom Rosenbaum (Schmuserei), Jacob Jandorf Waldauer (Schlächterei, Balghandel), Simon Löw Strauß (Vieh- und Warenhandel, seit 1819 Ellenwarenhandel, seit 1823 Seifensieden und Lichterziehen), Mindel, Witwe von Schlom Rosenbaum (Warenhandel), Pfeiffer Löw Grünbaum (Schlächterei und Warenhandel, seit 1819 Handel mit ganzen Ellenwaren und Spezerei sowie Viehhandel und Schlachten), Jandoff Löw Grünbaum (Vieh- und Warenhandel), Jacob Eleasar Frei (Warenhandel, seit 1817 Handel mit Ellenwaren und Spezereiwaren und kleinem Vieh- und geringem Gewürzhandel), Josua Oscher Kahn (Viehhandel und Schlächterei), Gumbel Schlom Rosenblum (Feldbau und Handel). 
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule und ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Wenkheim beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schächter tätig war. Dabei hatten Oberaltertheim und Unteraltertheim über eine längere Zeit denselben Lehrer.   
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde David Neumann (geb. 2.1.1885 in Künzelsau, vor 1914 in Oberaltertheim wohnhaft, gef. 13.10.1915) und Nathan Kahn (geb. 4.5.1880 in Oberaltertheim, vor 1914 in Merchingen wohnhaft, gef. 13.10.1916).  
     
Um 1925, als noch 34 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden (4,25 % von insgesamt etwa 800 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Bernhard Traubel und Salomon Schornstein. Den Religionsunterricht der beiden schulpflichtigen jüdischen Kinder in der Gemeinde erteilte Lehrer Heß aus Wenkheim. 1932 wurden noch 27 Gemeindeglieder gezählt. Weiterhin war Bernhard Traubel Gemeindevorsteher. An jüdischen Vereinen, die dem Bestattungswesen und der Wohlfahrtspflege dienten, bestanden ein Israelitischer Frauenverein (1932 unter Leitung von Frau Sophie Traubel) und der Israelitische Männerverein (1932 unter Leitung von Hermann Strauß). Im Schuljahr 1931/32 waren fünf jüdische Kinder in Religion zu unterrichten. Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Würzburg.
   
Anfang der 1930er-Jahre gab es noch folgende Gewerbebetriebe jüdischer Familien: Metzgerei der Brüder Traubel; Viehgroßhandlung der Brüder Traubel und der Brüder Strauß: Textilienhandlung Moritz Schiff, Viehhandlung Simon Kahn, Gemischtwarenladen von Sarah Schornstein.   
   
1933 lebten noch 22 jüdische Personen in Oberaltertheim. Im Frühjahr 1937 waren es noch 20 Personen. Eine dreiköpfige Familie war inzwischen verarmt und unterstützungsbedürftig geworden. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört (s.u.); die Fenster und der Hausrat in den jüdischen Häusern wurde zerschlagen. Zwischen 1936 und 1940 konnten 16 der jüdischen Einwohner emigrieren: 16 in die USA, drei nach Kuba. Zwei der jüdischen Einwohner verzogen in andere deutsche Orte. Im März 1939 mussten die jüdischen Einwohner ihre Felder zu einem Bruchteil des Wertes verkaufen, im September ihre Häuser aufgeben und in einem gemeinsamen "Judenhaus" zusammenziehen. Im Februar 1942 lebten noch vier jüdische Personen in Oberaltertheim, die am 24. April 1942 über Würzburg nach Izbica bei Lublin (Polen) deportiert wurden. Die Ortsverwaltung ließ amtlich verlautbaren: "Abgemeldet am 24. April 1942 nach Jerusalem. Weiterer Verbleib nicht bekannt".  
     
Von den in Oberaltertheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", ergänzt durch Namen aus der Veröffentlichung von J. Sporck-Pfitzer s.Lit.): Karoline (Lina) Blatt geb. Fein (1872), Kurt Blumenfeld (1920), Simon Bravmann (1879),  Jenny Dick geb. Bravmann (1886), Jeanette Edelstein geb. Kahn (1874), Emma Elkan geb. Traubel (1892), Max Fein (1880), Sara Forchheimer geb. Grünbaum (1873), Ricka Grünbaum geb. Strauss (1879), Mina Maier geb. Strauß (1891), Rosa Marx geb. Truk (1889), Karoline Mayer (1874), Mira Schiff (1925), Moritz Schiff (1896), Marga Schornstein (1923), Max Schornstein (1924), Sara Schornstein geb. Rosenbaum (1889), Emmi Strauß geb. Fein (1888), Ludwig (Louis) Traubel (1895), Siegfried Traubel (1904), Berta Weis geb. Weiss (1884).  
       
       
       
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
  
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers / Vorbeters / Schochet 1893 / 1908  

Oberaltertheim Israelit 09101893.jpg (42536 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Oktober 1893: "Vakanz. In den kombinierten Gemeinden in Ober- und Unteraltertheim bei Würzburg erledigt sich per 1. November 1893 die Religionslehrer-, Vorsänger und Schochet-(Schächter-)Stelle. Fixer Gehalt 500 Mark, Nebenverdienst 700 Mark. Geeignete Bewerber wollen sich schleunigst an den Unterzeichneten melden. Reiseentschädigung erhält nur der von den Gemeinden Gewählte.
Oberaltertheim, 4. Oktober 1893, Abraham Grünbaum, Kultusvorstand." 
  
Oberaltertheim Israelit 26111908.jpg (46930 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. November 1908: "Vakanz. Die Religionslehrer-, Kantor- und Schochetstelle in den vereinigten Gemeinden Ober- und Unteraltertheim ist baldigst zu besetzen. Fixum 700 Mark, Nebenverdienst 7-800 Mark bei freier Wohnung. Seminaristisch gebildete Bewerber belieben ihre Gesuche an den Unterzeichneten zu senden. Ausländer bleiben unberücksichtigt. Reise wird dem Gewählten vergütet. 
Oberaltertheim, 22. November 1908. Abraham Grünbaum, Kultusvorstand."

     
Zum Tod von Lehrer H. Rosenfelder (1887)

Unteraltertheim Israelit 27101887.jpg (81040 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Oktober 1887: "Altertheim bei Würzburg. Geliebt und geehrt, geachtet und hoch geschätzt von allen, die ihn kannten, lebte und wirkte Herr H. Rosenfelder nahezu 40 Jahre als Lehrer in unserer Gemeinde. Am Erew Schabbat Kodesch Paraschat Haasinu (Freitag vor dem Schabbat mit der Toralesung Haasinu = 5. Mose 32,1-52; das war Freitag, 30. September 1887) wurde uns der 80jährige Greis durch den Tod entrissen. Schon von Jugend auf dem Torastudium sich weihend, besuchte er als Jüngling die Jeschiwa in Fürth, und ausgerüstet mit Tora und Gottesfurcht suchte er mit allem Eifer seine Kenntnisse weiter zu verbreiten; denn sein immerwährendes Streben war (hebräisch und deutsch:) zu lernen und zu lehren
Mit liebevoller Begeisterung suchte er seinen Schülern und Freunden die wahre Gottesfurcht einzuprägen und mit Vergnügen war er bereit, durch Midraschim (Auslegungen) und Maschalim (Gleichnisse) seine Zuhörer zu fesseln, sie zur Glaubenstreue anzuregen und aufzumuntern. Er war seiner Familie und allen Bekannten ein edles Vorbild echter Frömmigkeit. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."   

   
Die kurze Amtszeit
des Lehrers Joseph Wolfromm (1909)

Lehrer Joseph Wolfromm (sein Name wurde unterschiedlich geschrieben) blieb im Sommer 1909 nur wenige Wochen in der Gemeinde. Vermutlich war die Volksschullehrerstelle in Hagenbach attraktiver als die Religionslehrerstelle in Ober- und Unteraltertheim:

Unteraltertheim Israelit 17061909.jpg (12445 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1909: "Würzburg, 15. Juni (1909). Herr Lehrer Wolffromm, bislang in Völkersleier, wurde als Lehrer der vereinigten Kultusgemeinden Unter- und Oberaltertheim gewählt. 
Unteraltertheim Israelit 05081909.jpg (12253 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. August 1909: "Unteraltertheim, 30. Juli (1909). Herr Lehrer Joseph Wolframm in Oberaltertheim wurde zum Volksschullehrer in Hagenbach bei Germersheim (Rheinpfalz) ernannt. 

  
Max Fuchs, Sohn des Oberaltertheimer Lehrers Fuchs wird die Lehrerstelle an der Simultanschule in Langen übertragen (1921) 

Langen Israelit 07071921.jpg (34317 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juli 1921: "Langen (Hessen), 4. Juli (1921). Herr Max Fuchs, Sohn des Lehrers Fuchs, Oberaltertheim bei Würzburg, der sich an der Universität Frankfurt den Titel Dipl. Handelslehrer erworben hat, wurde an der Simultanschule der Stadt Langen eine Lehrerstelle durch das Hessische Landesamt für das Bildungswesen entgültig übertragen." 

         
Wegzug des jüdischen Lehrers (1934)     

Anmerkung: es ist unklar, welcher pensionierte Lehrer weggezogen ist.   

Oberaltertheim Israelit 14091934.jpg (47799 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. September 1934: "Frankfurt am Main, 28. August (1934). In Oberaltertheim, Rabbinatsbezirk Würzburg, einer noch streng frommen Gemeinde, fehlt durch den Wegzug des bisherigen Lehrers, der pensioniert ist, ein Mann zum Minjan. Da das Leben dort sehr billig ist und eine Wohnung für eine Familie gegen ganz geringe Vergütung freigestellt wird, so wäre die Gemeinde sehr glücklich, wenn ein pensionierter Lehrer dorthin ziehen würde. Derselbe könnte in Oberaltertheim und Unteraltertheim sich noch kleine Verdienste durch Lehrtätigkeit usw. verschaffen. Näheres bei der 'Freien Vereinigung' Frankfurt am Main, Rechneigrabenstraße 10 zu erfahren."     

       
     
Berichte zu Personen aus der jüdischen Gemeinde  
Zum Tod der "Friedensfürstin" Beßla Strauß (1890)   

Oberaltertheim Israelit 17071890.jpg (121203 Byte)"Nachruf. (Hebräisch und deutsch:) 'Gefallen ist die Krone von unserem Haupte, wehe uns, wir haben gesündigt'. Einen fast unersetzbaren Verlust erlitt vor 14 Tagen die Gemeinde Oberaltertheim. Beßla Strauß, die edle Menschenfreundin, hauchte am Schabbat Kodesch Paraschat Chukat (= am heiligen Schabbat mit der Toralesung Chukat, d.h. aus 4. Mose 19-22,1, Datum: 28. Juni 1890) ihre reine Seele aus. Als eine würdige Tochter Judas, die für wahre Religiosität - welche leider in heutiger Zeit sehr selten zu treffen ist - erglüht war, ging daher ihr ganzes Streben auf Ausübung von Wohltaten aus. Ergriff sie ja gerne jede Gelegenheit, hilfsbedürftige Menschen nach Kräften zu unterstützen. War sie ja eine Freundin der Armen und Kranken. Besonders in die Häuser der letzteren konnte man sie zu jeglicher Zeit, früh oder spät, mit gefüllten Taschen eilen sehen.
Nicht minder war sie auch eine Friedensfürstin. Nicht nur, dass sie in ihrem eigenen Hause den Frieden als ein köstliches Kleinod wahrte, sondern sie sorgte auch dafür, dass die Friedenspalme auch in fremden Häusern in voller Pracht grünte und wo Uneinigkeit herrschte, da ruhte sie nicht eher, bis der Frieden wieder hergestellt war. 
Kein Wunder, dass an ihrer Bahre bittere Tränen der Wehmut vergossen wurden. Ist ja durch ihren Tod der Schmuck obiger Gemeinde geraubt.
Wie sie sich nun auf Erden einen Schem tow (guten Namen), einen vorzüglich guten Namen erworben, wodurch sie bei Allen, ohne Unterschied des Glaubens und Standes in hoher Achtung stand, so möge sie sich auch dessen beGan eden im Garten Eden, am Wohnorte der Gerechten und Redlichen erfreuen und sich ergötzen an der Herrlichkeit des allmächtigen Vaters.  Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. Amen.  Den Trauernden sende Gott Seinen himmlischen Trost.  B.

      
Zum Tod von Regine Kahn (1908)  

Oberaltertheim Israelit 25061908.jpg (46819 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juni 1908: "Oberaltertheim, 22. Juni (1908). Am vergangenen Schabbat verschied nach langem und schwerem Krankenlager Frau Regine Kahn  und wurde am Sonntag unter zahlreicher Beteiligung zu Grabe getragen. Als wackere Frau, die von tiefinniger Religiosität durchdrungen, stets wahre Nächstenliebe pflegte, war sie uns allen bekannt, was auch ihr Schwiegersohn, Lehrer Gundaß (? Gundersheimer?) in Sennfeld sowie Lehrer Rosenberger hier an der Bahre besonders betonten."  

    
   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 

Anzeige von Metzgermeister Jakob Bravmann (1889)      

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juni 1889: "Ein ordentlicher, kräftiger Junge, der die Metzgerei gründlich erlernen will, wird sofort gesucht. Beste Behandlung wird zugesichert. Samstag und Feiertage streng geschlossen. Näheres bei 
Jakob Bravmann,
Metzger, Oberaltertheim bei Würzburg."       

       
       
 
     
Zur Geschichte der Synagoge            
    
Die Synagoge der jüdischen Gemeinde wurde 1727 auf dem Anwesen "Am Schützengäßchen" eingerichtet.  Bei einem Ortsbrand am 28. Juli 1825 wurde die Synagoge zerstört. Daraufhin wurde 1826/27 eine neue Synagoge erstellt. Im Gebäude befanden sich auch Räume für die Religionsschule. Der Neubau kostete die Gemeinde 2.145 Gulden und 51 Kreuzer.In der Synagoge wurde ein Toramantel aus dem Jahr 1775 aufbewahrt und ein seit 1827 geführtes Totengedenkbuch.

Von den besonderen Ereignissen aus der Geschichte der Synagoge beziehungsweise des jüdischen Lebens der Gemeinde liegt ein ausführlicher Bericht zur Einweihung einer neuen Torarolle am 10. Juni 1882 mit einem Fest der ganzen Gemeinde und der feierlichen Prozession und Einbringung der Torarolle in die Synagoge vor:  

Oberaltertheim Israelit 05071882.jpg (74488 Byte)Artikel aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juli 1882: "Oberaltertheim (Unterfranken). Die veränderten Zeitverhältnisse, welche einen größeren Zuzug nach den Städten und eine Entleerung der Landgemeinden bewirken, lassen oft einen sehr wehmütigen Eindruck zurück, indem wir häufig bemerken, wie ehemals blühende, mitunter berühmte Gemeinden nunmehr auf ein kleines Häuflein oft bis zur Auflösung zusammengeschmolzen sind, und selbst da, wo die Abnahme noch nicht in dem Grade stattgefunden, die Aufgabe zur Erhaltung der nötigsten Gemeinde-Institutionen wie Synagoge und Schule etc. immer schwieriger wird. Es gehört daher gewiss zu den Seltenheiten, heute noch von Synagogen-Einweihung, von einer Tora-Einweihung auf dem Lande in dem früheren Stile zu hören. Dennoch bin ich in der angenehmen Lage, Ihnen von einer solchen Tatsache aus hiesiger Gemeinde zu berichten und dürfte die Art und Weise der Begehung auch fernere Kreise interessieren. Die hiesige Gemeinde, respektive die Chewra (Wohltätigkeitsverein in der Gemeinde), suchte sich der Pflicht "schreibe ihnen..." dadurch zu entledigen, dass sie unter schweren Opfern ein schönes Sefer (Torarolle) anfertigen ließ.
Oberaltertheim Israelit 05071882b.jpg (188545 Byte)Am Schabbat Kodesch Paraschat Schelach Lecha (der Heilige Schabbat mit der Toralesung Schelach Lecha, d.h. aus 4. Mose 13,1 - 15,40; Datum 10. Juni 1882) sollte dasselbe seiner heiligen Bestimmung übergeben, damit aber auch ein Freudenfest ob des gelungenen Werkes verbunden werden. Wochen vorher wurde gerüstet, Einladungen an nah und fern gemacht, vor Allem aber unser Herr Distriktsrabbiner, Nathan Bamberger in Würzburg, um Leitung der Feier und seine Mitwirkung durch eine Predigt dringend ersucht. Nachdem von dieser Seite bereitwillig Zusage erfolgt, wurde von Herrn Rabbiner das Fest-Programm entworfen und festgestellt. Und nun entwickelte sich ein Eifer und eine Tätigkeit in unserem kleinen Orte zur würdigen Begehung der Feier, wie man sie bei ähnlichen Gelegenheiten gewiss nur selten sieht. Alles befand sich im Vorgefühl einer göttlichen Freude und eines höheren Festes, das sich durch die allgemeine Beteiligung bald zu einem schönen Volksfeste gestalten sollte. 
Ein sogenannter Binjan (Bau), von dem Sofer (der Toraschreiber) Herrn Neumann aus Külsheim errichtet, zog durch seine geschmack- und effektvolle Ausstattung die Bewunderung Aller auf sich und in Scharen strömte man dahin, das seltene Kunstwerk zu betrachten. Der Festtag nahte heran und  zahlreiche Gäste stellten sich ein. Die Jugend ließ es sich nicht nehmen, sich schon am Donnerstag in Tanz und Musik zu erfreuen. Am Freitag Abend nach Beendigung der Synagoge versammelte man sich zur Vorfeier bei dem neuen Sefer (Torarolle); hier wurden mehrere jüdische Gesänge, besonderes das Scholem aleichem im Chor vorgetragen, wobei auch der Herr Rabbiner, anknüpfend an den letzteren Gesang, eine kurze passende Ansprache über das Lied an die Versammlung richtete. Bis in die tiefe Nacht war man hier in gehobenster Stimmung versammelt und gab sich der Bedeutung der Feier mit Herz und Geist hin. Schabbat Morgen, nachdem das Schacharit-Gebet (Morgengebet) frühzeitig verrichtet
Oberaltertheim Israelit 05071882c.jpg (144847 Byte)am Sinai zu vergegenwärtigen habe und das naasä unischma "wir wollen danach tun und gehorchen" (2. Mose 24,7) wiederholen müsse, denn "die Lehre Gottes ist vollkommen", ihr Inhalt, den wir im großen Ganzen in einen gesetzlichen, geschichtlichen und prophetischen teilen können, ist gleich wichtig: "erquickt die Seele" wirkt bei wahrer Beherzigung und Erkennung gleich wohltätig auf das ganze Wesen des Menschen. Der gesetzliche Teil regelt unser Leben nach dem Willen unseres Schöpfers, lehrt Liebe und Treue gegen Gott und unsere Mitmenschen; der geschichtliche beweist uns ihre Wahrheit, zeigt uns Ursache und Wirkung auf religiösem, moralischem Gebiete; lässt uns aus Tatsachen die nützlichsten Lehren auf unser eigenes Leben ziehen; und der prophetische gewährt uns die sichere Hoffnung auf eine schöne Zukunft, auf die Anerkennung und Verbreitung der höchsten Wahrheiten, was sich Alles in der verheißenen und noch zu erwartenden Messias-Zeit zu erfüllen hat und erfüllen wird. 
Zum Schlusse wurde tiefgefühlter Dank ausgesprochen, zunächst gegen den Allvater für das Gelingen des schönen Werkes, sodann an die sämtlichen Veranlasser und Mitwirkenden, die keine Opfer scheuten, das Fest in jeder Beziehung zu einem schönen, gelungenen zu gestalten, endlich an die verehrlichen Gäste aus nah und gern, ohne Unterschied des Glaubens, und so endete mit einem Gebete für König und Vaterland die fast eine Stunde dauernde Predigt.
Die Synagoge war von Zuhörern israelitischer und nichtisraelitischer Konfession angefüllt und alle waren begeistert von den schönen, aus tiefem Herzen und wahrer Überzeugung kommenden Worten unseres verehrlichen Rabbiners. Es herrschte darüber nur eine Stimme. Nun wurden noch einige Psalmen rezitiert, die Sidra vorgelesen und das Musaf-Gebet verrichtet. Damit war die religiöse Feier beendet, wobei es bereits Nachmittag geworden. Der übrige Tag wurde der gesellschaftlichen Unterhaltung gewidmet.
Boch lange wird diese schöne Feier in Aller Gedächtnis bleiben, und mit einem glücklichen Bewusstsein wird man sich dieser schönen Tage religiöser Begeisterung erinnern. 
 

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerschlagen, mehrere Torarollen wurden zerrissen. Das Silbergerät und andere Ritualien waren bei Gemeindegliedern versteckt worden. Das Synagogengebäude wurde von der jüdischen Gemeinde an die Ortsverwaltung weit unter dem Wert (600 Reichsmark; der tatsächliche Wert war auf 4.000 Reichsmarkt geschätzt worden) verkauft. Beim Aufräumen der Trümmer im August 1939 fanden sich noch zwei vollständig erhaltene Torarollen und eine Anzahl verkohlter Torarollen-Fragmente, die den noch am Ort befindlichen jüdischen Einwohnern übergeben wurden. Die verbrannten Rollen sind mit anderen unbenutzbar gewordenen Ritualien der Nachbargemeinde Unteraltertheim im Garten eines jüdischen Hauses nach jüdischer Brauch beigesetzt worden. Einen ebenfalls im Schutt gefundenen Kiddusch-Becher (Weinkelch) beschlagnahmten die Behörden. Das Synagogengebäude wurde zu einem Feuerwehrhaus umgebaut. In dieser Funktion wurde das Gebäude von 1939 bis Mitte 1990 zweckentfremdet. 
  
1987
war eine Gedenktafel mit dem Text angebracht worden: "Dieses Gebäude diente der jüdischen Kultusgemeinde OBERALTERTHEIM als Synagoge, deren Inneneinrichtung in der Pogromnacht zertrümmert wurde. Die Gemeinde Altertheim gedenkt ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürger. ZUR ERINNERUNG UND MAHNUNG".
  
1989 wurde die Gedenktafel entfernt, im ersten Halbjahr 1990 wurde das ehemalige Synagogengebäude auf Betreiben der Gemeinde Altertheim abgerissen. 
  
  
Adresse/Standort der SynagogeZaunlücke 2 (Ortsmitte)             
   
   
Fotos
(Foto: Schwierz s.Lit. S. 99)   

Oberaltertheim Synagoge 100.jpg (52192 Byte)  
Die ehemalige Synagoge, als Feuerwehrhaus zweckentfremdet (1987/88); das 
Gebäude wurde 1990 auf Betreiben der Gemeinde Altertheim abgebrochen.
 
     

    
    

Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Altertheim   
Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden im Fürstlich Castell'schen Archiv  

Literatur:  

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 375-376.
Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 98-99.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 385-386.
Jutta Sporck-Pfitzer: Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg. Hg. vom Landkreis Würzburg. Würzburg 1988. S. 69-70.
Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13. Würzburg 2008. S. 165-166. 

  
   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Oberaltertheim Lower Franconia. The community probably began in the first half of the 17th century. A cemetery was consecrated in 1792 and a new synagogue was built in 1827. The Jewish population was 90 in 1890 (total 751) and 22 in 1933. The synagogue was wrecked on Kristallnacht (9-10 November 1938). In 1936-40, 16 Jews emigrated, 13 to the United States. The last four were deported to Izbica in the Lublin district (Poland) via Wuerzburg on 24 April 1942.             
    

   

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge
   
                    

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 23. Oktober 2014