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Habitzheim (Gemeinde
Otzberg, Kreis Darmstadt-Dieburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
(english
version)
In Habitzheim bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18.
Jahrhunderts zurück. Eine erste Erwähnung von Juden in Habitzheim liegt von
1548 vor. 1598 werden die Juden Isaak, 1605 Mosche und Wolf mit ihren Familien
genannt. 1759 wurden folgende jüdische Familienvorstände erwähnt: Veitel Löb,
Eißig. Jockel Isaac, Jockuf, Abraham Joseph und David Benjamin. Isaak Moses war
Mitte des 18. Jahrhunderts Gemeindevorsteher.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1828 wurden 57 jüdische Einwohner gezählt. 1831 waren es die Familien von
Salomon Strauß, Mordechai Siegel, Feist Sauer, Josef Löw Wolf, Josef Magsamen,
Isaak Grünebaum, Moses Seligmann, Seligmann Jacob Abraham Stern, Moses
Reinheimer und - ab 1837 - Bär Strauß. 1861 gab es 78 jüdische Einwohner (7,5 % von insgesamt
1.032 Einwohnern), 1880 59 (6,0 % von 986), 1900 36 (3,9 % von 918), 1910 28
(3,0 % von 943). In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten auch die in
Semd lebenden
jüdischen Personen zur Gemeinde in Habitzheim. Seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts ging die Zahl der jüdischen Einwohner bereits stark zurück.
Unter den Kriegsteilnehmern 1870/71 waren zwei jüdische Männer: J.
Reinheimer und W. Mayer. J. Reinheimer war der Vorbeter bei einem
Soldatengottesdienst in Frankreich, über den man in einem Bericht von 1871
erfährt (siehe unten). Die Namen der beiden Kriegsteilnehmer stehen auf dem Ehrenmal am Freiplatz (siehe
Fotos unten).
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und
ein rituelles Bad (im Gebäude der Synagoge). Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war im 19.
Jahrhundert ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und
Schochet tätig war. Als Lehrer wird genannt: um 1857 Lehrer Hamburger ("Allgemeine
Zeitung des Judentums" vom 12.10.1857 S. 576). Um 1868 war Lehrer
Samuel Montag offenbar gemeinsamer Lehrer für
Lengfeld, Habitzheim und
Ober-Klingen. Jedenfalls führte er 1868
in den drei Orten eine Spendensammlung durch (siehe unten). 1869 wird in
Habitzheim Lehrer Moses Strauß genannt (in "Der Israelit" 21.4.1869 S.
315). Nach der Ausschreibung von 1877 stellten die jüdischen Gemeinden
Lengfeld und Habitzheim gemeinsam einen
Lehrer an (siehe unten). 1887 erteilt Lehrer M. Spier (Groß-Zimmern)
den jüdischen Religionsunterricht in Habitzheim ("Statistisches Jahrbuch des
Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" 1887 S. 27).
Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof
in Dieburg beigesetzt.
Die jüdische Gemeinde war dem orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II zugeteilt.
Um 1924, als noch 22 Personen der jüdischen Gemeinde angehörten (2,3
% von insgesamt etwa 950 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde
Salomon Reinheimer, David Strauß und Abraham Reinheimer. Als Lehrer und
Schochet kam in die Gemeinde Lehrer Hermann Kahn aus Höchst im
Odenwald. Er
hatte noch fünf jüdische Kinder in Habitzheim in Religion zu unterrichten. 1932 war 1. Vorsitzender
David Strauß. Den jüdischen Familien gehörten mehrere für das
wirtschaftliche Leben am Ort wichtige Handlungen und Läden (zwei Familien
Reinheimer hatten Viehhandlungen, eine Familie Strauß ein großer Textilwaren-
und Landesproduktengeschäft).
1933 lebten noch 27 jüdische Personen in Habitzheim. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1942 waren noch
sechs ältere Mitglieder der Familien Reinheimer und Seligmann am Ort. Sie
wurden in diesem Jahr in das Ghetto Theresienstadt deportiert.
Von den in Habitzheim geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Abraham
Berkewitz (1875), Klara Dannenberg geb. Reinheimer (1876), Fanny (Frieda)
Lehmann geb. Reinheimer (1871), Frieda Lehmann geb. Reinheimer (1871), Abraham
Reinheimer (1874), Berta (Beda) Reinheimer (1885), Ida Reinheimer geb.
Frankfurter (1876), Jacob Reinheimer (1876), Ludwig Reinheimer (1918), Bettina
(Bettchen) Seligmann (1875), Jakob Seligmann (1870, siehe unten,
"Stolperstein" in Frankfurt am Main, Wiesenau 18), Johanna Seligmann (1866),
Johannette Seligmann (1896), Leopold Seligmann (1866), Settchen Seligmann
(1872), Bernhard Strauss (1878).
Seit dem 9. November 1988 erinnert an der Otzbergschule in Lengfeld ein Mahnmal
an die Ermordung der früheren jüdischen Einwohner der Teilorte von Otzberg.
Das Denkmal stellt eine aus einer mit Eisenplatten und Steinen gestaltete
Trümmerlandschaft dar, verbunden mit einer Glasplatte, auf der der Text der
Todesfuge von Paul Celan steht. Die Inschrift lautet: "Den Juden, die in
Lengfeld, Habitzheim und Ober-Klingen mit uns verfolgt und der Vernichtung
preisgegeben wurden, zum Gedächtnis - uns selber und künftigen Generationen
zur Mahnung. Die Liebe besiegt den Haß! Otzberg, am 50. Jahrestag der
sogenannten Reichskristallnacht."
Fotos des Mahnmals
siehe auf Seite zu Lengfeld.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Allgemeiner Bericht
Aus einem Bericht
von Saul Lilienthal - Kurzbeschreibung der Gemeinde (1931)
Der Beitrag "Mit jüdischen Augen durch deutsche Lande - Heidelberg
- Bergstraße - Darmstadt" wurde erstellt von Saul Lilienthal, Oberkantor
der jüdischen Gemeinde Wiesbaden, Religionslehrer und Verleger (geb. 14. Oktober
1877 in Jerutten, Ostpreußen, ermordet am 30. Oktober 1944 im KZ Auschwitz.
Weitere Informationen:
https://www.wiesbaden.de/stadtlexikon/stadtlexikon-a-z/lilienthal-saul).
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 4. Juni 1931: "Von
Lengfeld nordwestlich auf dem Feldweg
über den Kirchberg in 3/4 Stunde nach
Habitzheim. Dorf mit 1000 Einwohnern, 20 jüdischen Seelen. — Schon
1604 wohnen hier Mosche und Wolf als Schutzjuden des Kurfürsten von der
Pfalz und zahlen der 'Kellerei Umbstadt' ihre 'Geleitsbatzen' — Vor 40
Jahren war die Gemeinde doppelt so groß wie heute. Doch hat sie auch noch an
den hohen Feiertagen Gottesdienst in eigener Synagoge. — Von Habitzheim
nordwestlich wandert man in 1 Stunde nach
Groß-Umstadt..."
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Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1877 -
gemeinsam mit Lengfeld
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Oktober 1877: "Die
israelitische Gemeinde Lengfeld, verbunden mit Habitzheim, Kreis
Dieburg, sucht bis zum 1. November dieses Jahres einen Religionslehrer und
Vorbeter, ledigen Standes, mit einem Gehalt von Mark 600 nebst freier
Wohnung und Heizung. Bewerber wollen sich an den Vorstand der
israelitischen Gemeinde Lengfeld wenden." |
Über Lehrer Samuel Montag (zu seinem Tod 1903; Lehrer
ín Habitzheim um 1868, um 1875 in
Rüsselsheim, danach in
Griesheim, später
in
Friedrichstadt von 1894 bis
zu seinem Tod 1903)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Mai 1903:
"Friedrichstadt, 30. April (1903). Plötzlich und unerwartet
starb heute am Herzschlag im Alter von 55 Jahren der Kultusbeamte, Herr
Samuel Montag, gebürtig in Crumstadt.
Derselbe war hier 9 1/4 Jahre, vorher 19 Jahre in Griesheim
bei Darmstadt. Herr Ober-Rabbiner Dr. Lerner aus Altona kam zur
Beerdigung und hielt am Grabe eine ergreifende Rede. Frau und Kinder des
Heimgegangenen sind nun plötzlich ihres Ernährers beraubt. Hoffentlich
nimmt sich die Gemeinde der Witwe und Waisen an." |
Bei einem Soldatengottesdienst im
deutsch-französischen Krieg wirkt als Vorbeter der preußische Unteroffizier
Reinheimer aus Habitzheim (1871)
Anmerkung: Herr Reinheimer - der preußische Unteroffizier - war in
Habitzheim sicher als ehrenamtlicher Vorbeter tätig.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. März 1871: "Durch die Güte des
Herrn N. Kahn in Egelsbach bei
Darmstadt wird uns der nachstehende Brief seines im Felde stehenden Sohnes
mitgeteilt:
Orleans, 12. Februar. Lieber Vater! Gestern, am 11. dieses Monats,
hatten wir Israeliten der hessischen Division einen glücklichen Tag — wir
waren in der Synagoge und haben gemeinsam andächtig gebetet. Der durch die
Vermittelung des Herrn Rabb. Dr. Lehmann in Mainz bei der
israelitischen Division angestellte Feldprediger, Herr Ehrmann, hat
am gestrigen Sabbat die erste Predigt gehalten. Ja, geliebter Vater, der
gestrige Tag war der glücklichste, den wir im ganzen Feldzug bis jetzt
gehabt haben. Kein Mensch kann sich die herzinnige Freude vorstellen, die
wir empfanden, da es uns vergönnt war, gemeinsam am Heiligen Schabbat
mit Andacht in der Synagoge zu beten! Wir waren, sämtliche Juden der
hessischen Division, auf Antrag des Herrn Ehrmann vom Dienste befreit. Da
unsere Division nicht bloß hier, sondern in der weiten Umgegend verteilt
liegt, so hatten unsere jüdischen Brüder, so weit es anging, Ordre bekommen,
sich schon Freitags hierher zu begeben und waren teilweise aus einer
Entfernung von 6 Stunden per Eisenbahn hierher gefahren. So waren denn
ungefähr 60 jüdische Soldaten beisammen. Bei diesem heiligen Gottesdienste
haben wir Israeliten uns zum ersten Male wieder beisammen gefunden seit
jenem Tage, da wir von Worms aus in den Krieg zogen. Unsere Augen füllten
sich mit Tränen; aber Herr Ehrmann tröstete uns; er sprach uns Mut ein und
lenkte unsere Herzen zum allmächtigen Gott, zu unserm Beschützer im Himmel.
O, mein geliebter Vater, wie das uns wohl tat! Herr E. ermahnte uns, fest an
der Religion der Väter zu halten und jede mutwillige Übertretung des
Gottesgesetzes zu meiden. Dann würde Gott uns schützen und behüten in
jeglicher Gefahr, und selbst wenn Jemand der Gefahr erliegen und den Tod
fürs Vaterland sterben sollte, so würde der Allgütige seiner unsterblichen
Seele die ewige Seligkeit zuteil werden lassen.
Wir waren alle im höchsten Grade ergriffen, aber zugleich auch getröstet und
gekräftigt; wir alle danken Gott, dass er uns solch einen wackern Mann zu
unserm Beistände geschickt hat.
Ein preußischer Unteroffizier, Herr Reinheimer aus Habitzheim, fungierte
in erhebender Weise als Vorsänger. Mehrere von uns, die während der
verschiedenen Schlachten in großer Gefahr gewesen, wurden zur Tora gerufen
und sprachen den üblichen Segensspruch (Birchath Hagomel). So Gott
will, werden wir jetzt jeden Samstag und Freitag-Abend Gottesdienst haben.
Lieber Vater! ich bitte Dich nun auch in meinem Namen und dem meiner
Kameraden Herrn Rabb. Dr. Lehmann in Mainz mitzuteilen, wie sehr wir auch
ihm dankbar sind; denn ihm haben wir ja die Anstellung unseres wackeren
Feldpredigers zu verdanken. 356 (?) Lazarette sind hier, und Herr Ehrmann
geht von einem zum anderen, sucht die Juden darin aus und bemüht sich, ihnen
Trost und Hilfe zu bringen.
Wir hoffen jetzt jeden Tag auf Frieden. Gebe der gute Gott, dass wir bald
wieder gesund zu Euch zurückkehren, Amen!" |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Spendensammlungen in der Gemeinde (1868 / 1870)
Anmerkung: in den jüdischen Gemeinden wurde regelmäßig für bestimmte Zwecke
gesammelt. Die Ergebnisse der Sammlungen wurden immer wieder in jüdischen
Periodika mitgeteilt.
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. August 1868 - Spenden
"Zur Unterstützung der notleidenden Glaubensgenossen in Russland und Polen":
"Durch Lehrer Samuel Montag in
Lengfeld, Habitzheim und
Oberklingen: a) Gemeinde Lengfeld:
Abraham Lehmann 2 fl., Pesach Lehmann 2 fl., Karlmann Lehmann H. 1 fl.,
Joseph Lehmann 1 fl., Karlmann Lehmann I. 1 fl., Ahron Lehmann 1 fl., Maier
Lehmann Ww. 1 fl., Götz Lehmann 35 kr., Wolf Wolf 30 kr., Löb Wolf 30 kr.,
Salomon Rosenberger 18 kr., Lehrer Montag 35 kr., Löser Neu 18 kr., 6)
Gemeinde Habitzheim: Salomon Reinheimer 24 kr., Wolf Wolf 24 kr.,
Abraham Stern 18 kr., Aron Magsamen 18 kr., Hirsch Reinheimer I. 18 kr.,
Moses Hirsch Reinheimer 24 kr., Raphael Wolf 30 kr., Hirsch Reinheimer II.
18 kr., Lazarus Reinheimer 18 kr.; — c) Gemeinde
Oberklingen: Aron Wolf 15 kr.,
Samuel Neu 15 kr., Leser Neu I 24 kr., Joseph Wolf 18 kr., Leser Wolf 12 kr.,
Heyum Neu 30 kr., Moses Wolf 12 kr., zus. 17 fl. 4 kr., abz. Porto 16 fl. 53
kr." |
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. April 1870 - Spenden
"Für die Notleidenden im Heiligen Land" - auffallend, dass sich auch
christliche Personen aus Habitzheim bei der Spendensammlung beteiligten!:
"Durch Raphael Wolf, Vorsteher in Habitzheim: von ihm selbst 1 fl., Hirsch
Reinheimer II. 36 kr., Wolf Wolf 30 kr., Bernhard Wolf 12 kr., Jonas Wolf 12
kr., Abr. Stern 18 kr., Lazarus Reinheimer 15 kr., Josel Seligmann 6 kr.,
Wilhelm Rapp, luth. Konfession 12 kr., Heinrich Fussenschuck, kath. 6 kr.,
Wolf Reinheimer 20 kr., Moses H. Reinheimer 30 kr., Lews Reinheimer (Rondout
N.Y).) 1 fl., Bette Reinheimer 24 kr., Aron Magsamen 24 kr., Moses Strauß 12
kr., Peter Egly (luth. Konfession) 12 kr., Friedrich Rapp (lutherische
Konfession) 12 kr., Joseph Magsamen 6 kr., Peter Schröder (luth.) 6 kr.,
Friedrich Brenner Ww 12 kr., Mathes Rapp 12 kr., Heinrich Brenner II. 12 kr.,
Salomon Reinheimer 24 kr., Heinrich Büchler (luth.) 16 kr., zus. 8 fl. 9
kr." |
Streit in der Synagoge in Habitzheim und die
problematische Berichterstattung dazu (1872)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. September 1872:
"König im Odenwald. Die in Darmstadt erscheinenden
'Hessischen Volksblätter' (Landeszeitung) bringen in ihrer Nr. 198 unter
'Stadt und Land' die Sitzung des Bezirksstrafgerichts vom 21. August und
finden wir darin einen Passus, der ganz dazu angetan ist, uns auf eine
nicht angenehme Weise zu frappieren. Es wird da nämlich mitgeteilt, dass in
der Synagoge zu Habitzheim am Schlusse des Gottesdienstes eine
Beleidigung und zugleich eine Schlägerei zwischen zweien, das Gotteshaus
besucht habenden, stattgefunden hätte. Der Beschuldigte, der zwar
leugnet, aber nach Allem überführt erscheint, hatte sich sonach der
Körperverletzung und der Beleidigung schuldig gefunden, die dadurch
erschwert erschien, dass sie an einem zum Gottesdienst bestimmten Orte
vorfiel, während mildernd in Betracht gezogen wurde, dass der als
zänkischer Jude bekannte Ankläger den Beschuldigten gereizt hatte. -
Wir
können nicht umhin, unsere Verwunderung über den Ausdruck 'zänkischer
Jude' auszusprechen, die um so mehr ihr Berechtigung findet, als wir in
einem Staate leben, in welchem alle Konfessionen gleichgestellt sind, in
welchem Jeder gleiche Pflichten, aber auch gleiche Rechte hat, in welchem
der Jude und der Christ dieselben Ansprüche auf Gerechtigkeit und auf
Gesetz haben. Wenn der vorliegende Fall unter denselben Umständen in
einer Kirche vorgefallen wäre, würde es dann auch geheißen haben: 'dass
der als zänkischer Christ usw.?' Wir glauben diese Frage im Sinne aller
redlich Denkenden mit einem gewissenhaften 'nein' beantworten zu dürfen
und hoffen auch im Sinne der Leser dieser Blätter gehandelt zu haben, den
betreffenden Fall der Öffentlichkeit zu übergeben. Halten wir es doch
für unsere Pflicht, alles Derartige, was uns an unserer Ehre angreift,
mit Entrüstung von uns zu weisen, glauben wir uns doch verpflichtet, mit
aller Kraft und mit allem Feuer unserer Beredsamkeit für unser Interesse
und für unsere Rechte einzustehen." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Kleine Mitteilungen
| - 1889: Der Sohn von Wolf Wolff in
Habitzheim erhält - als "ein Denkmal für Kaiser Friedrich - den Vornamen
Friedrich (in: "Der Israelit" vom 21. Januar 1889 S. 102). |
| - 1913: Verlobung von Mathilde Strauß
(Habitzheim) mit Julius Kahn (Frankfurt, Zeil 41) ("Frankfurter
Israelitisches Familienblatt - Neue jüdische Presse" vom 28. März 1913 S.
6). |
| - 1936: Johanna Seligmann (Habitzheim),
Musiklehrerin in Frankfurt, feiert am 19. Februar 1936 ihren 70.
Geburtstag ("CV-Zeitung" - Zeitung des "Central-Vereins" vom 13. Februar
1936 und "Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main" vom
Februar 1936, siehe unten) |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen
Josuel Seligmann sucht eine Stelle als Vorbeter für die
hohen Feiertage (1890 / 1900)
Anmerkung: Josua (Josuel) Seligmann in Habitzheim war seit dem 19.
Juni 1863 verheiratet mit Sara (Saarchen) geb. Meyer (geb. 6. August 1830
in Londorf). Die beiden hatten mindestens
sechs Kinder:
- Salomon Seligmann (geb. 10. April 1864, gest. 31. Januar 1927 in
Habitzheim, beigesetzt im jüdischen Friedhof Dieburg
https://lagis.hessen.de/resolve/de/juf/16086)
- Johanna Seligmann (geb. 19. Februar 1866, später Musiklehrerin in
Frankfurt am Main, wohnte zuletzt wieder in Habitzheim, umgekommen nach
Deportation im Ghetto Theresienstadt, siehe unten)
- Leopold Seligmann (geb. 23. April 1868, umgekommen nach Deportation im
Ghetto Theresienstadt, siehe unten)
- Jakob Seligmann, geb. 9. Juli 1870 in Habitzheim, lebte später als
Kaufmann in Frankfurt zusammen mit seiner Frau Else geb. Speyer (geb.
26.7.1886 in Stadtoldendorf). Die beiden hatten eine Tochter Sofie (geb.
4.2.1915). Die geplante Emigration in die USA scheiterte. Die Familie wurde bei
der ersten großen Deportation aus Frankfurt in das Ghetto Lodz verschleppt.
Jakob, Else und Sofie Seligmann wurden ermordet ("Stolpersteine" in Frankfurt am
Main - Westend Wiesenau 18 vgl.
https://www.frankfurter-info.org/news/stolpersteine-korrektur)
- Settchen Seligmann (geb. 9. November 1872, umgekommen nach Deportation im
Ghetto Theresíenstadt, siehe unten)
- Bettina (Bettchen) Seligmann (geb. 9. Juni 1875, umgekommen nach
Deportation im Ghetto Theresienstadt, siehe unten)
Sara Seligmann starb am 19. November 1905 und wurde im jüdischen Friedhof
Dieburg beigesetzt
https://lagis.hessen.de/resolve/de/juf/15899.
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. August 1890: "J. Seligmann
in Habitzheim, Post Lengfeld, sucht Stelle als Vorbeter für die hohen
Festtage." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. August 1900:
"Suche
in kleiner Landgemeinde als Vorbeter auf die hohen Feiertage
Stelle.
Josuel Seligmann, Habitzheim im Odenwald." |
Weitere Mitglieder der Familie Seligmann - Habitzheim
(Verwandtschaftsverhältnis noch nicht geklärt), u.a.
- Salomon Seligmann (geb. 29. April 1854 in Habitzheim), war
verheiratet mit Hannchen geb. Grünebaum (geb. 7. Juni 1864 in
Untersotzbach)
https://www.geni.com/people/Salomon-Seligmann/6000000223246943994
Verlobungsanzeige von Bertel Magsamen und Leo Levi (1925)
Anmerkung: Bertha (Bertel) Levi geb. Magsamen ist am 3. März 1901 in
Habitzheim geboren als Tochter von Bernhard Bär Magsamen (1865-1922) und seiner
Frau Johanna geb. Strauß (1875-1953). Genealogische Informationen über
https://www.geni.com/people/Bertha-Levi/6000000207826317856. Bertha
Levi starb im Februar 1991 in Chicago.
Leo Levi ist am 3. Juli 1892 in
Groß Bieberau geboren als Sohn von Siegmund Levi (1863-1929) und der Klara
geb. Hofmann (1862-1944). Er starb am 10. Juni 1963 in Chicago. Genealogische
Informationen über
https://www.geni.com/people/Leo-Levi/6000000207826364886.
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 2. Januar 1925: "Statt Karten.
Bertel Magsamen - Leo Levi Verlobte
Habitzheim im Odenwald - Nürnberg, Regensburger Straße 43
- Groß Bieberau im
Odenwald
Dezember 1924" |
| Kennkarten
aus der NS-Zeit |
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Am 23. Juli 1938 wurde
durch den Reichsminister des Innern für bestimmte Gruppen von
Staatsangehörigen des Deutschen Reiches die Kennkartenpflicht
eingeführt. Die Kennkarten jüdischer Personen waren mit einem großen
Buchstaben "J" gekennzeichnet. Wer als "jüdisch"
galt, hatte das Reichsgesetzblatt vom 14. November 1935 ("Erste
Verordnung zum Reichsbürgergesetz") bestimmt.
Hinweis: für die nachfolgenden Kennkarten ist die Quelle: Zentralarchiv
zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: Bestände:
Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV:
Kennkarten, Mainz 1939" http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm.
Anfragen bitte gegebenenfalls an zentralarchiv@uni-hd.de |
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Kennkarten
zu Personen,
die in Habitzheim geboren sind |
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KK
(Frankfurt 1939) für Abraham Bergewitz (geb.
17. Februar 1875 in Habitzheim), wohnhaft in
Frankfurt, am 15. September 1942 deportiert ab
Frankfurt in das Ghetto Theresienstadt, wo er am
3. Dezember 1942 umgekommen ist |
KK (Konstanz
1940) für
Adelheid Levi geb. Stern
(geb. 8. Oktober 1854 in Habitzheim)
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KK
(Nürnberg 1939) für
Johanna Magsamer geb. Strauß
(geb. 26. Januar 1875 in Habitzheim)
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KK (Pforzheim
1939) für
Kätchen Maier geb. Reinheimer
(geb. 27. März 1873 in Habitzheim), Hausfrau
|
KK (Dieburg 1939)
für Abraham Reinheimer
(geb. 12. November 1874 in Habitzheim), wohnhaft
in Habitzheim, am 27. September 1942 deportiert
ab Darmstadt in das Ghetto Theresienstadt, wo er
am 29. März 1943 umgekommen ist |
KK (Frankfurt
1940) für Jakob Reinheimer (geb.
9. Juli 1876 in Habitzheim), Kaufmann, wohnhaft
in Frankfurt, am 15. September 1942 deportiert ab
Frankfurt in das Ghetto Theresienstadt, am 15. Mai
1944 in das Vernichtungslager Auschwitz, ermordet |
KK (Dieburg
1939) für Ludwig Joachim Reinheimer
(geb. 26. Mai 1918 in Habitzheim), Pferdepfleger,
wohnhaft in Habitzheim, am 25. März 1942
deportiert ab Mainz - Darmstadt in das
Ghetto Piaski, umgekommen |
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KK (Dieburg 1939)
für Bettchen Seligmann (geb.
9. Juni 1875 in Habitzheim), wohnhaft in Habitzheim,
am 27. September 1942 deportiert ab Darmstadt
in das Ghetto Theresienstadt, wo sie am
2. März 1943 umgekommen ist |
KK
(Frankfurt 1939) für Jakob Seligmann (geb.
9. Juli 1870 in Habitzheim), kfm. Angestellter,
wohnhaft in Frankfurt, am 20. Oktober 1941
deportiert ab Frankfurt in das Ghetto Litzmannstadt
(Lodz), umgekommen |
KK (Dieburg 1939)
für Johanna (Hannchen) Seligmann
(geb. 19. Februar 1866 in Habitzheim), wohnhaft
in Habitzheim, am 27. September 1942 deportiert
ab Darmstadt in das Ghetto Theresienstadt, wo sie
am 7. Oktober 1942 umgekommen sit |
KK
(Frankfurt 1939) für Johannette (Jenny)
Seligmann (geb. 29. Juli 1896 in Habitzheim),
Kontoristin, wohnhaft in Habitzheim und Frankfurt,
am 22. November 1941 deportiert ab Frankfurt
nach Kowno (Kauen), Fort IX, umgekommen |
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KK (Dieburg
1939) für Leopold Seligmann (geb.
23. April 1868 in Habitzheim), Musiker, wohnhaft
in Habitzheim und Dieburg, am 27. September 1942
deportiert ab Darmstadt in das Ghetto Theresienstadt,
wo er am 11. Januar 1943 umgekommen ist |
KK (Dieburg 1939)
für Settchen Seligmann (geb.
9. November 1872 in Habitzheim, wohnhaft in
Habitzheim, am 27. September 1942 deportiert
ab Darmstadt in das Ghetto Theresienstadt, wo sie
am 16. Oktober 1942 umgekommen ist |
KK
(Frankfurt 1939) für
Sigismund Seligmann
(geb. 18. August 1898 in Habitzheim),
Hausdiener
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Todesfallanzeigen zu Personen, die im Ghetto Theresienstadt
umgekommen sind, darunter vier Geschwister der Familie Seligmann
aus Habitzheim |
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Johanna
Seligmann
(umgekommen 7. Oktober 1942
in Theresienstadt) |
Settchen
Seligmann
(umgekommen 16. Oktober 1942
in Theresienstadt) |
Leopold
Seligmann
(umgekommen 11. Januar 1943
in Theresienstadt) |
Bettchen
Seligmann
(umgekommen 2. März 1943
in Theresienstadt) |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war vermutlich ein Betsaal vorhanden. 1827
wurde eine Synagoge in einem Fachwerkhaus eingerichtet. Sie war über 100 Jahre
Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens am Ort.
Nach 1933 fanden nur noch gelegentlich
Gottesdienste in Habitzheim statt, zeitweise mit Beteiligung von Juden aus Lengfeld
und Ober-Klingen, um den Minjan zu
erreichen. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung
der Synagoge einschließlich der Ritualien zerstört. Das Gebäude blieb erhalten und wurde später als
Kindergarten mit Spielplatz verwendet. 1972 wurde das Gebäude abgebrochen und
auf dem Grundstück ein Parkplatz angelegt.
Eine Gedenktafel für die ehemalige Synagoge wurde am 9. November 2008 am
Kindergarten angebracht.
Adresse/Standort der Synagoge: Krötengasse 19/21
Fotos
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 306-307. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 127. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 111. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 42-43. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 168-169. |
 | Habitzheimer Geschichte(n). Band 2. Verwehte
Spuren?. Veröffentlichung des Häzemer Dorf und Kultusvereins
e.V. 110 S. Preis 7,50 €. 2010.
Weitere Informationen auf der Website
des Häzemer Dorf- und Kulturvereins e.V.
Vgl. Buchvorstellung: »Verwehte Spuren?« in Habitzheim (veröffentlicht am 26.11.2010
auf echo-online.de) |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Habitzheim
Hesse. Established around 1800, the community numbered 78 (7 % of the total) in
1861 but declined. Twelve Jews emigrated between 1933 and 1939; seven others
were deported in 1942.

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