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Abterode (Gemeinde
Meißner, Werra-Meißner-Kreis)
mit Vockerode (Gemeinde Meißner)
Jüdische Geschichte / Synagoge
(bitte besuchen Sie auch die Website
des Vereines der
"Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis"
www.synagoge-abterode.de)
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Abterode bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/41. Ihre Entstehung geht in
die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück, als bereits eine jüdische
Gemeinde am Ort entstanden war: 1600 wird mit Jeremias erstmals ein jüdischer
Bewohner namentlich genannt; 1622 werden sechs jüdische Familien mit 27
Personen, 1630 7 und 1646 12 jüdische Familien gezählt. In der ersten Hälfte
des 18. Jahrhunderts war Abterode die größte jüdische Gemeinde im Bereich von
"Niederhessen", dem nordöstlichen Teil des späteren Kurhessen. Bei
der Landeshuldigung am 5. Dezember 1664 waren 16 jüdische Familien in Abterode.
1741 waren es 39 jüdische Familien mit zusammen 171 Personen, die 22,8 % der
Gesamteinwohnerschaft von Abterode ausmachten.
Die jüdischen Familien lebten am Ende des 18. Jahrhunderts vor allem in der
Ortsmitte (Kirchkranzbebauung, Steinweg).
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert
wie folgt: 1812 53 jüdische Familien, 1835 234 jüdische Einwohner,
1861 158 (1,4 % von insgesamt 1.096), 1871 139 (13,4 % von 1.040), 1885 183
(18,4 % von 997), 1893 170 (in 40 Familien), 1894 164 (in 40 Familien), 1897
147 (in 37 Familien, von 997 Einwohnern), 1903 135 (in 34 Familien, von 997
Einwohnern), 1905 131 (15,2 % von 860), 1910 122 (14,8 % von 826). Zur
jüdischen Gemeinde Abterode gehörten im 19. Jahrhundert auch die in den
umliegenden Orten Germerode (1835 3) und
Vockerode (1835: 11,
1861: 11) lebenden jüdischen Personen.
Unter den in Vockerode
lebenden jüdischen Personen wird 1869 Josef Stiefel in einer Spendenliste
genannt (s.u.). Er entstammte der schon im 18. Jahrhundert in Vockerode
ansässigen jüdischen Familie Stiefel: die Brüder Joel, Raben und Lazarus Joseph
Stiefel bzw. Stiebel sind 1767, 1770 und 1775 in Vockerode geboren. Der in der
Spendenliste genannte Joseph Stiefel ist am 21. März 1818 in Vockerode als Sohn
von Lazarus Joseph Stiefel geboren und war hier als Viehhändler tätig.
Die jüdischen Familienvorstände waren
überwiegend Händler (Viehhandel, Lebensmittel-, Manufakturwaren- und
Textilhandel) und waren Inhaber einiger für das wirtschaftliche Leben des Ortes
wichtiger Handlungen/Geschäfte. In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es auch
mehrere jüdische Handwerker (drei Metzger, drei Schuhmacher, zwei
Baumwollweber, zwei Färber, fünf Schneider, zwei Buchbinder und ein
Schreiner). Die meisten jüdischen Familien hatten auch eine kleine
Landwirtschaft. Vorangegangen war hierin in den 1820er-Jahren der Lehrer Levi
Oppenheim (siehe Bericht unten). Die häufigsten jüdischen Familiennamen waren:
Katzenstein, Kugelmann, Westheim, Wertheim u.a.m.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Israelitische
Elementarschule (im Gebäude Steinweg 47, Hinterhaus), eine Mikwe (hinter dem
Haus Am Sand 3, abgebrochen) sowie ein eigener Friedhof.
Die öffentliche Israelitische Elementarschule (bzw. Staatliche
Israelitische Volksschule) hatte im 19. Jahrhundert einen hervorragenden Ruf
in der weiteren Umgebung, der vor allem durch den seit 1. Januar 1842 hier
wirkenden jüdischen Lehrer Beermann Westheim begründet wurde (siehe Berichte unten;
sein 25-jähriges Ortsjubiläum war 1867). Vor der Gründung dieser Schule - bis
1841 - gab es eine traditionelle jüdische Religionsschule, an der zuletzt die Lehrer Levi
Oppenheim und Aron Freudenberg unterrichtet hatten. Die Schule hatte 1868 26 Schüler,
1881 34, 1893 48, 1895 39, 1896 36, 1903 30. Nach dem Tod von Lehrer Westheim
(1876) wurde ab 1877 sein Nachfolger Lehrer Heinemann Neumark. Er blieb
bis 1884; sein Nachfolger wurde der von 1884 bis 1921
in Abterode wirkende Lehrer Joseph Bacharach. Zu seiner Zeit waren (um
1900) S. Seelig und L. Heilbrunn für die Schechita
(das Schächten) in der Gemeinde zuständig. Nach Joseph Bacharach waren Mendel Heilbronn
(1921-1927) und Hermann Spier (seit 1927) als Lehrer in Abterode. Zum 1. Januar 1934 wurde die öffentliche
Schule aufgelöst, nachdem sie zuletzt noch von 10 jüdischen Kindern besucht
worden war. Ab Dezember 1937 wurde nochmals eine private jüdische Schule eröffnet
für die 1935 15, 1938 noch neun schulpflichtigen jüdischen Kinder in Abterode. Letzter
jüdischer Lehrer war 1938 Sally Stern.
Die jüdische Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Niederhessen
beziehungsweise Kassel und wurde vom Kreisrabbiner aus Eschwege
betreut.
Von den Gemeindevorstehern werden genannt: um 1865 bis 1873 Levi Lautmann,
um 1881 L. D. Ronsheim, um 1893/1903 J. M. Oppenheim,
L. D. Ronsheim.
An jüdischen Vereinen gab es einen Wohltätigkeitsverein
(Chewro gemilus chasodim, Zwecke und Arbeitsgebiet: Unterstützung Armer,
Verpflegung Kranker, Bestattungswesen; 1893/1903 unter Leitung von J.M.
Oppenheim und J. Lautmann; 1924 unter Leitung von J.M. Oppenheim, 35
Mitglieder; 1932 unter Leiter von Meier Stern, 24 Mitglieder); eine
Lern-Chewra (1893/1903 genannt); eine Chewrat Bachurim (Verein junger
Männer; um 1893/95 genannt); der 1910 gegründete Israelitische
Frauenverein (Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger,
Krankenpflege, Bestattungswesen; 1924/32 unter Leitung von Dina
Westheim, der Frau des Vorstehers David Westheim, 1924 25 Mitglieder).
Im Krieg 1870/71 war aus Abterode im Kriegseinsatz: Joseph Lautmann
im Infanterieregiment 87. Er wurde 1870 verwundet (Zeitschrift "Im Deutschen
Reich" 1896 Heft 1 S.42; "Die Juden in Deutschland. Bd. II Die Juden als
Soldaten". Hrsg. Comité zur Abwehr antisemitischer Angriffe in Berlin. 1897²
S.49.75.92).
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Kalmann Bloch
(geb. 30.11.1880 in Abterode, gef. 4.2.1916), Unteroffizier Friedrich
Goldschmidt (geb. 15.3.1889 in Frankershausen, gef. 29.7.1916), Siegfried
Goldschmidt (geb. 23.8.1897 in Abterode, gef. 1.4.1917), Daniel Katzenstein
(siehe Bericht unten, geb. 21.7.1894 in Abterode, gef. 17.7.1915), Meier Levy
(bzw. Levi, geb. 1.8.1886 in Abterode, gef. 26.9.1917), Moses Joseph Oppenheim
(geb. 28.11.1891 in Abterode, gef. 5.12.1917, siehe Foto unten), Ruben Robert Goldschmidt
(19.12.1894 in Felsberg, gef. 18.11.1918), Moritz Plaut (geb. 26.6.1880 in
Abterode, gest. an der Kriegsverletzung 11.2.1923) und Louis Schulhaus (geb.
7.3.1891 in Abterode, gest. an der Kriegsverletzung 23.5.1920).
Mit dem Eisernen Kreuz II wurden für ihren Kriegseinsatz ausgezeichnet:
Ersatzreservist Robert Goldschmidt und Musketier Arthur Schulhaus (Sohn von
Jakob Schulhaus, in "Israelitisches Familienblatt" vom 24.11.1916 S. 2),
Krankenträger Jakob Katzenstein ("Israelitisches Familienblatt" vom
14.12.1916 S. 2), Ersatzreservist Berthold Rothschild (Sohn von Isaak
Rothschild, "Israelitisches Familienblatt" vom 25.1.1917 S. 2),
Sanitätsunteroffizier Isak Stern (Sohn von Meier Stern) und Gefreiter Benno
Oppenheim (Sohn von M. Oppenheim, "Israelitisches Familienblatt" vom
28.6.1917 S.3), Gefreiter Josef Katzenstein (Sohn von Jakob Katzenstein,
"Israelitisches Familienblatt" vom 11.10.1917 S.2).
Um 1924, als noch 102 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden
(11,2 % von 798 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde David Westheim,
Isak Stern. Als Lehrer und Kantor wirkte seit dem Weggang des Lehrers Bacharach
1921 der schon genannte Mendel Heilbrunn. Er unterrichtete an der Israelitischen Volksschule 10
Kinder erteilte auch den jüdischen Kindern von
Frankershausen den
Religionsunterricht. 1932
waren Gemeindevorsteher weiterhin David Westheim (1. Vors.) und Isaak Stern (2.
Vors.). Schatzmeister war Siegmund Stern.
1933 lebten noch 80 jüdische Personen in Abterode (9,4 % von 850
Einwohnern). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen (überwiegend nach Kassel und Frankfurt am Main) beziehungsweise
ausgewandert (6 nach Palästina, 10 in die USA, 7 nach Holland, 3 nach Afrika).
Die jüdischen Geschäfte wurden zum größten Teil bereits 1935 geschlossen. Im
Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 kam es zu Verwüstungen der Synagoge,
der jüdischen Wohnhäuser und zu Misshandlungen jüdischer Personen. Insgesamt
wurden in einem jüdischen Laden sowie in sieben jüdischen Wohnungen Fenster
und Türen eingeschlagen. Einen jüdischen Mann trieb man aus seinem Haus bis
zur Synagoge; nur das entschlossene Auftreten des damaligen Pfarrers Albert
Nolte verhinderte, dass er von der Empore der Synagoge gestürzt wurde. 1939
lebten noch 31 jüdische Personen, 1940 nur noch zehn am Ort. Bis 1941 sind offenbar alle jüdischen Personen von Abterode verzogen.
Von den in Abterode geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Bertha Adler geb.
Oppenheim (1888), Berta Blach (1878), Bruno Blach (1912), Bertha Cohen geb. Lautmann
(1877), Paula Fränkel geb. Seelig (1887), Rosalie Frank geb. Lautmann (1873), Abraham Goldschmidt (), Jeanette
Goldschmidt geb. Oppenheim (1890), Rosa Halbherr geb. Ronsheim (1892), Rieckchen
Hauptmann geb. Bloch (1883), Alexander Heilbrunn (1881), Bernhard Heilbrunn
(1870), Ida Heilbrunn geb. Goldschmidt
(1881), Julius Heilbrunn (1869), Julius Heilbrunn (1906)*, Isaak Heilbrunn (1871),
Hilde Höflich geb. Rothschild (1896), Sara Isenberg geb.
Katzenstein (1889), Israel Jacobs (1892), Jettchen Jacobs geb. Oppenheim (1892),
Berta Katz geb. Bachrach (1887), Else Katz (1887), Israel Katz (1884)*, Julie Katzenstein (1873), Meta Katzenstein
geb. Blach (1878), Sara Katzenstein (1877), Isidor Lautmann (1891), Maier
Lebensbaum (1886), Manfred Levi (1926), Markus Levi (1889), Rebekka Levi geb. Oppenheim (1897),
Simon Levi (1884), Auguste Levinski geb. Bacharach (1890), Rahel (Riekchen) Levor geb. Rothschild
(1887), Auguste Lewinsky geb. Bacharach (1894), Alice Mielzijnski (Mielczynski)
geb. Westheim (1911), Wilhelm Löwenbach (1871), Setta Moos geb. Katzenstein (1876), Hannelore Nussbaum (1929),
Levi Nussbaum (1899), Toni (Fani) Nussbaum geb. Katz (1899), Flora Oppenheim geb. Rothschild
(1892), Hess (Hiskia)
Oppenheim (1878), Jakob Oppenheim (1884), Josef Oppenheim (1895), Moses Oppenheim (1889),
Grete Plaut geb. Rothschild (1912; vgl. Gedenkblatt
links, Quelle: Yad Vashem Jerusalem), Emil Ronsheim
(1888), Gustav Ronsheim (1879), Horst Ronsheim (1923), Berthold Rothschild
(1894), Frieda Rothschild (1898), Harry Isidor Rothschild (1904), Ingrid
Rothschild (1936), Isaak Rothschild (1863), Jettchen Rothschild geb. Schaumberg
(1872), Julius Rothschild (1900), Leopold Rothschild (1893), Malchen Rothschild
geb. Goldschmidt (1868), Samuel Rothschild (1868), Minna Samuelson geb.
Katzenstein (1877), Fanny Schaumberg geb. Heilbrunn (1882), Arthur Schulhaus
(1894), Berthold Schulhaus (1899), Bettina Schulhaus geb. Bachenheimer (1898),
Margot Schulhaus (1929), Johanna Simons geb. Schulhaus (1896), Erwin
Sittenfeld (1924), Erwin Sittenfeld (1924), Ida Sittenfeld geb. Seelig (1890),
Lothar Sittenfeld (1923), Wolfgang Sittenfeld (1925), Alfred Stern (1926), Frieda
Stern geb. Stern (1898), Herbert Stern (1921), Isaak Stern (1885), Johanna Stern
geb. Moses (1871), Siegbert Stern (1928), Paul B. Stiefel
(1893), Rosa Stiefel geb. Seelich (1880), Mathilde Urbach geb. Lautmann (1881), David Westheim (1878), Dina
Westheim geb. Spangenthal (1884).
*Hinweise: Für die 1883 in Abterode geborene Rieckchen Hauptmann geb. Bloch
liegt in Hamburg (Bartelsstraße 30, Ecke Susannenstraße) ein "Stolperstein".
Für den 1884 in
Abterode geborenen Israel Katz liegt in Braunschweig (Jasperallee 22) ein "Stolperstein".
Für den 1886 in Abterode geborenen Maier/Meier Lebensbaum ist im
niederländischen Doesburg ein "Stolperstein" verlegt, siehe
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Doesburg
Meier Lebensbaum lebte seit ca. 1925 in Doesburg (Gelderland). Er war Knecht auf
eine Pferdewagen (Firmen Roelofsen). Der Stolperstein für ihn liegt in der
Straße Kloostertuin, Klostergarten (heute Parkplatz).
Für die 1887 in
Abterode geborene Berta Katz geb. Bachrach liegt In Hamburg-Eimsbüttel ein "Stolperstein"
(Harvestuder Weg 1a).
Für den 1906 in Abterode geborenen Julius Heilbrunn liegt
in
Hamburg (Eppendorfer Baum 5) ein "Stolperstein".
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der
Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Bericht über die jüdische Gemeinde und ihren pädagogisch hoch qualifizierten
Lehrer Beermann Westheim (1852)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8.
November 1852: "In (der jüdischen Gemeinde in) Abterode am Fuße des
Meisner traf ich einen Talmudverein an, vielleicht noch Trümmer
eine Jeschiwa (Talmudhochschule), die in früheren Zeiten hier geblüht
haben soll. Überhaupt wird in dieser Gegend noch ein Wenig "gelernt", so
leben auch in dem benachbarten Frankershausen einige sehr talmudisch
gebildete Männer. Abterode, aus dessen Mitte vielleicht mehr jüdische
Lehrer stammen, als aus irgend einer andern Gemeinde Kurhessens, besitzt
in der Person des ebendaher gebürtigen Herrn Westheim einen
ausgezeichneten Lehrer, Seine Methoden erweisen sich so sehr praktisch und
bewährt, dass der Schulinspektor des Sprengels häufig seine ihm
untergebenen Lehrer veranlasst, die Schule des Herrn Westheim zu besuchen
und sich dieselben ebenfalls anzueignen*). Übrigens findet sein Streben
aber auch zu jeder Zeit volle Anerkennung von Seiten der Regierung, sowie
des israelitischen Vorsteheramts zu Kassel, was die häufigen
Belobungsschreiben als auch Gratifikationen zur Genüge beweisen." |
(Anmerkung für Lehrer: Den Leseunterricht
erteilt er ganz à la Jacotot (d.h. nach den Lehrmethoden des
französischen Pädagogen Jean
Joseph Jacotot, 1770-1840); er bedient sich hierbei
selbstgeschriebener, großer, beweglicher Buchstaben, die er ihrer
Gelungenheit und zweckmäßigen Anordnung und Aufstellung halber, wodurch
das Kind zu gleicher Zeit mit der Deutschen Druck- und Kurrentschrift
bekannt wird, für die Schulen der Umgegend liefert. Zum hebräischen
Leseunterricht, der er ebenfalls nach der analytisch-synthetischen
Lesemethode erteilt, bedient er sich auch großgeschriebener, beweglicher
Buchstaben und für die Hand der Kinder Lewisohns "hebräische Lesefibel".
Die Resultate, die er durch diese Unterrichtsweise erzieht, sind wahrhaft
staunenerregend.
Ebenso zweckmäßig ist die Art und Weise, wie er beim Übersetzen im
Pentateuch in der Oberklasse zu Werke geht. Neben den Übersetzungen von Philippsohn,
Zunz hat er auch das "Vokabularium" von Nathan vor sich und gibt den
Kindern die Übersetzung des Wurzelwortes an, das diese sich neben Angabe
des Kapitels und Verses in ihre Heftchen eintragen und auswendig lernen,
sodann wird der jedesmalige Vers im Zusammenhange übersetzt. Kommt ein
Wort öfters vor, so wird auf das erste Mal verwiesen. So erlangen die
Kinder einen bedeutenden Wörtervorrat, dieser wird durch das
Selbsteinschreiben dem Gedächtnisse nachhaltiger eingeprägt und der
Mechanismus des ewigen Vor- und Nachsprechens vermieden." |
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| Anmerkung: in der
"Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Oktober 1857 S. 562 wird
angekündigt, dass Lehrer Westheim bei einer Lehrerkonferenz in Abterode
"seine neu erfundene, seit 18 Jahren mit Erfolg angewandte
Schreiblesemethode in seiner Schule praktisch veranschaulichen will..."
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Rechts: Beitrag
von Lehrer Westheim (Abterode) in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 2. August 1858 S. 432-434: "Literarischer Wochenbericht".
Lehrer Westheim stellt im Zusammenhang mit einer Besprechung des Buches von
Lehrer Emanuel Hecht 'Imrei Binah oder Versuch, das Hebräische durch
deutsche Wörter zu lernen" seine Schreiblesemethode vor. Das
Buch von Emanuel Hecht online |
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Anerkennung der Verdienste des Lehrers Beermann Westheim zum 25jährigen Dienstjubiläum
(1858, in Abterode seit 1842)
Anmerkung: Schullehrer Beermann Westheim (geb. 27. Juli 1810 in Abterode als
Sohn von Lehmann Aron Westheim und der Frummet geb. Gottschalk) war seit 2. Juli
1844 (in Abterode) in erster Ehe verheiratet mit Sara geb. Schloss (geb. ca.
1820 in Stadtlengsfeld als Tochter von
Handelsmann Aron Schloss und der Gelle geb. Kann), mit der er mehrere in
Abterode geborene Kinder hatte, u.a. Lehmann (geb. 25. Oktober 1847). Nach dem
frühen Tod von Sara Westheim am 18. Juni 1858 heiratete Lehrer Westheim in
zweiter Ehe Jette geb. Müller aus
Melsungen, Tochter des Lehrers Aaron Müller und der Thirza geb. Bär in
Melsungen. Auch sie starb früh am 13.
September 1861 im Alter von 37 Jahren. Lehrer Westheim starb am 18. Dezember
1876 in Abterode und wurde auf dem jüdischen Friedhof
ebd. beigesetzt.
Beermann Westheim war seit 1857 Schriftführer in dem in diesem Jahr
gegründeten "Verein der israelitischen Lehrer im Kreise Eschwege", siehe
"Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 22. Juni 1857 S. 350f.
Zahlreiche Beiträge von Lehrer Westheim erschienen in den 1860er-Jahren u.a. in
den Zeitschriften "Der israelitische Lehrer" und "Der Israelit" (u.a. Ausgaben
vom 12./19.7.1865).
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Februar 1859: "Kreis Eschwege, im Januar (1859). Dem Verdienste seine
Krone! Das Vorsteheramt der Israeliten für die Provinz Niederhessen
zu Kassel, das so manches Gute für das Judentum in unserem Vaterland
geschaffen, und unter Anderem auch noch besonders sein Augenmerk auf die
Hebung des jüdischen Schulwesens und die Besserstellung der Lehrer
gerichtet ist, lässt keine Gelegenheit vorübergehen, dieses edle Streben
zu betätigen. Der wackere Lehrer Westheim zu Abterode (den Lesern
dieser Zeitung aus mehreren darin gelieferten Artikeln bekannt), der seit
dem 4ten Dezember 1833 als von kurfürstlicher Regierung bestellter
öffentlicher Lehrer mit seinen eigentlichen, größtenteils selbst
erfundenen Lehrweisen aufs Erfolgreichste im Schulfache wirkt, ist von
kurfürstlichem Vorsteheramt am 7. dieses Monats, als am Tage seines
fünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläums mit folgendem schönen Schreiben
überrascht worden:
"Wir haben in Erfahrung gebracht, dass am 7ten dieses Monats das
fünfundzwanzigste Jahr Ihres Lehramts vollendet ist und benutzen diese
Gelegenheit, Ihnen zu dem Ablauf eines Zeitraums Glück zu wünschen,
welchen Sie durch eine anhaltende, fleißige, treue, pflichteifrige und
zugleich mit schönem Erfolg gesegnete Dienstführung zu Ihrer Ehre und
zum Frommen der dortigen Gemeinde erfüllt haben. - Indem wir zum Zeichen
der Anerkennung Ihnen eine Gratifikation von fünfzehn Talern auf den
Schulfonds anweisen, sprechen wir zugleich die Aufforderung zum weiteren
Beharren in Ihrem achtbaren Streben für das Gedeihen der Schule und des
Unterrichts und das dadurch geförderte bürgerliche und sittliche Wohl
der Ihnen anvertrauten Jugend aus und verbinden damit den Wunsch, dass der
Herr, vor dem kein Gutes verloren geht, auch gerner Ihrer Arbeit seinen
Segen verleihen, Ihnen noch für lange Jahre Kräfte dazu gewähren und
durch erfreuliche Früchte dieselben lohnen möge. Kassel, 6. Dezember
1858."
Vorsteheramt der Israeliten dahier etc."
Solche liebevolle, aufmunternde Worte, begleitet mit den Zeichen der
Anerkennung einer vorgesetzten Behörde, bekunden hinlänglich deren
väterliche Fürsorge und verdienen Nachahmung in allen Kreisen von allen Schulvorständen." |
Zum 25-jährigen Ortsjubiläum von Lehrer Beermann Westheim
(1867)
Der Bericht wurde durch Westheims Kollegen Victor Müller (an der
jüdischen Elementarschule in Frankershausen) verfasst.
Der Bericht ist auf Grund einiger noch nicht übersetzter - teils
aramäischer Wendungen - leicht abgekürzt wiedergegeben.
Artikel in der Zeitschrift
"Der Israelit" vom 27. Februar 1867: "Frankershausen, bei Eschwege. Der, den Lesern dieser
geschätzten Zeitung durch Referate und sonstige Artikel wohl nicht
unbekannte Lehrer B. Westheim in Abterode, in moralischer
wie in intellektueller Beziehung einer der würdigsten Lehrer Kurhessens,
der sich sowohl durch vielseitiges und gründliches Wissen als auch durch
außergewöhnliches Lehrtalent auszeichnet, und schon seit 34 Jahren als
vor der vormals kurfürstlichen Regierung bestellter Lehrer mit
segensreichem Erfolge wirkt, die Achtung und Liebe aller seiner
vorgesetzten Behörden und seiner Kollegen sich erworben, feierte am 1.
Januar dieses Jahres das 25jährige Jubiläum seiner Amtstätigkeit in
Abterode. Siebzehn jüdische Lehrer aus der Nähe und Ferne und fünf
christliche hatten sich, vom Unterzeichneten auf diesen Zeitpunkt
aufmerksam gemacht, vereinigt, dem Jubilar durch die Widmung eines
Ehrengeschenkes ihre Anhänglichkeit und Liebe zu beweisen, und mich mit
der Ausführung beehrt.
Unser Herr Kreisrabbiner Goldmann zu Eschwege,
der mit dem Jubilar stets in einem freundschaftlichen Verhältnisse
gestanden und den ersten Impuls zur Feier gegeben, traf am gedachten Tage
mit den Lehrern aus der Umgegend und drei entfernteren Kollegen aus dem
Kreise Rotenburg - die Mehrzahl war leider! durch die schlechte Witterung
an ihrer persönlichen Beteiligung verhindert - beim Jubilar gegen 11 Uhr
vormittags ein, und eröffnete die Feier mit einer geist- und
schwungreichen, von echt jüdischem Geiste getragenen, das Lehrerleben im
Allgemeinen und das des Jubilars im Besonderen schildernde Rede - Worte,
die aus dem Herzen kamen und wieder zum Herzen drangen - in welcher er den
Jubilar mit Bezugnahme auf Daniel 12,3 und den talmudischen Ausspruch
(hebräisch und deutsch:) "Die Lehrer, welche redlich und gewissenhaft
ihre Pflicht erfüllen, werden einst im Schatten Gottes sitzen" - auf
die göttliche Belohnung verwies. Als Beweis seiner besondern
persönlichen Achtung behändigte derselbe dem Jubilar ein in den
ehrendsten Ausdrücken abgefasstes Chower-Diplom; und nachdem er
demselben noch ein Gratulationsschreiben Königlichen Vorsteheramtes zu
Kassel, worin dem Jubilar die verdiente Anerkennung ausgesprochen und eine
Gratifikation von 15 Talern übersendet war, übergeben hatte,
überreichte ich, namens der beteiligten Kollegen, als wohl verdientes
Ehrengeschenk einen wertvollen, mit passender Inschrift versehenen Pokal,
wobei ich in der dabei gehaltenen Anrede unter anderem, ob der wohl
verdienten aber ausgebliebenen Anerkennung seitens der Gemeinde in corpere,
die Worte unseres Erzvaters Jakob (1. Mose 31,40): "Wo ich war am Tage,
verzehrte mich die Glut, und der Frost in der Nacht: und es floh der Schlaf
meiner Augen" auf den Jubilar anwendete und denselben darauf hinwies,
dass, wenn auch die Undankbarkeit in allen Lebenssphären vielfach
vorkomme, dies bei den jüdischen Gemeinden ihren Lehrern gegenüber eine
nicht seltene Erscheinung sei; dass die Menschen in der Regel nur für
einen Vorschub ihres leiblichen Wohls dankbar sind, den des geistigen aber
kaum einer Anerkennung wert halten; dass die Mehrzahl die Mühen nicht
kennt, unter denen Erkenntnisse gewonnen und anderen beigebracht werden, -
den Wert der Wohltaten, die sie dem Lehrer zu verdanken haben, nicht zu
schätzen verstehen -; dass nur, wer selbst edlen Geistes ist, geistige
Wirksamkeit zu würdigen weiß und sich dazu gerungen fühlt; dass das
Bewusststein der Pflichterfüllung - dieser Hochgenuss - schon des Lohnes
reichste Fülle, - unabhängig vom Zufall der Anerkennung, - enthalte;
dass der Friede, welcher mit dem Bewusststein geübter Pflicht ins Herz einzieht, |
diese
wonnevolle Zufriedenheit, im Hinblick auf Gottes Vaterwohlgefallen, in
welchem die Seele des Gläubigen trunken schwelgt, unser höchstes
Entgelt, unsere Stütze und unser steter Antrieb zu weiterer rastloser
Tätigkeit zur Ehre Gottes und unserer heiligen Religion sein
müsse...
Der zu Tränen gerührte Jubilar dankte alsdann in einer längeren,
gehaltvollen und ergreifenden Rede.
Hierauf wurde derselbe von einer Anzahl Gemeindemitglieder mit der
Überreichung eines silbernen Vorlegelöffels und von verschiedenen
Schülern mit anderen Geschenken, sowie durch eine Menge mit der
Mittagspost eingetroffenen Gratulationen in Prosa und gebundener Rede
erfreut.
Bei dem hierauf vom Jubilar aufs beste hergerichteten Festessen herrschte
die heiterste Stimmung. Toaste und pikante Auslegungen verschiedener
Schriftstellen wechselten mit freundlichen Unterhaltungen.
Da ein Teil der Festteilnehmer einen weiten Weg vor sich hatte, so
verließ derselbe schon gegen 4 Uhr die frohe Versammlung und eilte der
Heimat zu, während ein anderer Teil noch einige Stunden in ungezwungener
Heiterkeit beisammen blieb, bis auch für ihn die Zeit zum Aufbruche
gekommen.
Der Allgütige wolle Seine Gnade und Barmherzigkeit auch fernerhin unserem
gefeierten Kollegen zuteil werden lassen! V. Müller." |
Zum Tod des Lehrers Levi Oppenheim 1870 - Lehrer an der Schule gemeinsam mit
Aron Freudenberg bis in die 1830er-Jahre
Anmerkung: Levi Oppenheim (geb. 1769 in Abterode) wurde 1813 von der
jüdischen Gemeinde Abterode neben Aron Freudenberg zum zweiten Lehrer in
Abterode bestellt. 1823 unterrichtete er sieben Knaben und drei Mädchen. Levi
Oppenheim war - nach dem Tod seiner ersten Frau Hanna geb. Katz am 30. Januar
1811 - in zweiter Ehe seit 21. August 1811 (in Abterode) verheiratet mit Sulka (Solke)
geb. Levi (geb. ca. 1791 in Eschwege), die
bereits am 17. April 1840 verstorben ist. Angaben nach Dokumentation des
Friedhofes bei LAGIS
https://lagis.hessen.de/resolve/de/juf/5038.
Bericht in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. März 1870: "Abterode (Provinz Hessen), im Februar. Am 19. vorigen Monats (d.h.
19. Februar 1870) starb hier in einem Alter von 88 1/2 Jahren der frühere
Lehrer Levi Oppenheim. Von seinem Vater, der hier das Amt eines More
Zädäk ("Lehrer der Gerechtigkeit", Gelehrter, Beisitzer im
Rabbinatsgericht) bekleidete, in Bibel, Mischna und Gemara
unterrichtet, suchte er als Jüngling diese Kenntnisse in der heiligen
Tora bei Rabbi Moses Marburg - das Gedenken an den Gerechten ist
zum Segen - in Kassel zu erweitern. Sodann fungierte er als Lehrer in
einigen Gemeinden Westfalens. Später etablierte er sich hier, in seinem
Geburtsorte Abterode (neben dem Lehrer Aron Freudenberg, der vor 15 Jahren
in einem Alter von 89 Jahren verstorben [d.h. gestorben 1855, geboren
1766] ebenfalls als Lehrer, in welcher Funktion er verblieb, bis man vor
30 Jahren (d.h. 1840) damit umging, eine öffentliche israelitische
Elementarschule nach der Hessischen Verordnung dahier zu gründen.
Um dem Spruche unserer Weisen "gut ist das Lernen der Tora verbunden
mit der Alltagsarbeit" (übertragene Übs.) und um den Lebensunterhalt
für sich und seine zahlreiche Familie, zu dem sein geringes Einkommen
nicht hinreichte, besser zu erschaffen, machte er vor 48 Jahren unter den
hiesigen israelitischen Einwohnern mit dem Betriebe des Ackerbaues, in
kleinem Maßstabe den Anfang, den er nach und nach vergrößerte, und bei
dem er mit Frau und Kindern mit eigener Hand tätig war. Diesem seinem
Beispiele folgten bald die übrigen Juden unserer Gemeinde, sodass jetzt
keiner derselben ohne eigentümlichen Besitz von Ackerland ist. - Sein
Bestreben fand bei der Feier seines achtzigsten Geburtstages von dem
Kurfürstlichen Vorsteheramt der Israeliten zu Kassel und der
Humanitätsgesellschaft daselbst verdiente Anerkennung.
Trotz seines hohen Alters versäumte der Hingeschiedene es nie, den
öffentlichen Gottesdienst zu besuchen. Noch am Sabbat vor dem Tode wohnte
er einer Versammlung des Wohltätigkeitsvereines (anlässlich einer
überstandenen Krankheit), dessen Mitglied er war, mit einer gebotenen
Mahlzeit in seinem Hause gefeiert wurde, bei." |
Anzeige von Lehrer Heinemann Neumark (1878)
Anmerkung: Heinemann Neumark war ein am 27. März 1856 in
Rothenkirchen geborener Sohn des
Lehrers Levi Neumark und der Fanni geb. Sternberg. Vor seiner Zeit in
Rothenkirchen war Levi Neumark 1852 bis 1855 Lehrer in
Burghaun. Sein Sohn Heinemann kam 1877 als
Lehrer und Vorbeter nach Abterode, wo er am 15. Dezember 1880 Hannchen geb.
Kupfer aus Unsleben heiratete, eine um
1857 geborene Tochter des Kaufmanns Meier Kupfer und der Veilchen geb. Adler in
Unsleben. Nach seiner Zeit in Abterode war
Heinemann Neumark bis zum 1. April 1900 Lehrer in
Felsberg.
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Januar 1878: "Ein gut erzogenes
15-jahriges Mädchen soll nach Ostern in einer nicht sehr großen Stadt in
einer religiösen und gebildeten Familie untergebracht werden, in welcher es
wie ein Kind derselben behandelt wird, den Haushalt erlernen und namentlich
durch gutes Beispiel die Formen des Umgangs und des Anstandes sich aneignen
kann. Ein Kostgeld wird gern entrichtet. Auskunft erteilt Lehrer Neumark
in Abterode, Reg.-Bez. Kassel." |
Zwei Berichte zum Abschied von Lehrer Joseph Bacharach, Lehrer in Abterode von 1884 bis
1921
Anmerkung: Lehrer Joseph Bacharach war bis 1884 Lehrer in Beiseförth;
er wechselte nach Abterode, als dort die jüdische Konfessionsschule geschlossen
wurde; 1921 zog er nach Kassel.
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. September 1921: "Abterode,
15. August (1921). Herr und Frau Lehrer Bacharach übernahmen mit dem 1.
September die Verwaltung des Israelitischen Altersheims in
Kassel." |
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Bericht
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. September 1921: "Abterode, 29. August. Am Schabbat Ekeb (d.i. der Schabbat mit
der Toralesung Ekeb = 5. Mose 7,12 - 11,25, dieser Schabbat war am
27. August 1921) fand hier eine schlichte, stimmungsvolle Feier statt. Sie
galt dem Lehrer der Gemeinde, Herrn Bacharach, der ihr siebenunddreißig
Jahre lang (d.h. seit 1884) treuen Dienst tat und sie nun verlässt. Herr
Kreisrabbiner Dr. Freier - Eschwege dankte ihm für seine seltene Hingabe
an sein Amt, für seinen unermüdlichen Eifer, Alt und Jung auf dem Weg
der Wahrheit zu erhalten und ihnen Freude für unseren heiligen Beruf
des Gottesdienstes ins Herz zu gießen. Wegen seiner großen Gottesfurcht
und Bescheidenheit wurde er von allen geliebt und verehrt. Auch die
Kinder dankten ihrem Lehrer in schönen Abschiedsworten, worauf Herr
Bacharach voll Rührung erwiderte. Herr Bacharach geht ins Altersheim in
Kassel. Gott mache lang seine Tage und seine Jahre. |
Bericht
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. September 1921: "Abterode, 10. September (1921). Am vorletzten Sonnabend Nachmittag
versammelte sich die hiesige jüdische Gemeinde, Eltern und Kinder, zu
einer schlichten, stimmungsvollen Feier. Sie galt dem scheidenden Lehrer
Bacharach, der 37 Jahre in unserer Mitte treuen Dienst tat und von alt und
jung, um seiner gütigen, vornehmen Art, seiner innigen Demut willen,
verehrt und geliebt wurde. Kreisrabbiner Dr. Freier dankte ihm als dem
nimmermüden Führer und Bildner der Gemeinde und dem hingebendsten Lehrer
der Kleinen. Auch die Schüler und Schülerinnen ließen schöne Abschiedsworte
hören, worauf Lehrer Bacharach seine letzte Ansprache an die Gemeinde
hielt. Herr Bacharach geht wie schon gemeldet, ans Altersheim in
Kassel". |
Ausschreibung der Stelle des Lehrers und Vorsängers (1921)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. September 1921: "In Abterode bei Eschwege ist die
Stelle des Lehrers
an der öffentlichen israelitischen Volksschule zu besetzen.
Lehrer, die auch den Vorsängerdienst versehen können, wollen sich bei
uns bis zum 25. dieses Monats unter Beifügung der Zeugnisse und eines
Lebenslaufes melden.
Kassel, den 6. September 1921.
Vorsteheramt der Israeliten." |
70. Geburtstag von Lehrer / Inspektor (seit 1920 Leiter
des Israelitischen Altersheimes in Kassel) Joseph Bacharach (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Mai 1928: "Kassel,
16. Mai (1928). Am Erew Schawuoth (Vortag vor dem Wochenfest =
Donnerstag, 24. Mai 1928) feiert der Lehrer a.D., Joseph Bacharach, jetzt
Leiter des Israelitischen Altersheims, seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar
war 37 Jahre segensreich als Lehrer in Abterode, Kreis Eschwege,
tätig und hat es verstanden, auch seinen neuen Wirkungskreis mit echt
jüdischem Geist zu beleben. Durch seine tiefe Frömmigkeit, seine Liebe
zur Tora, seine im Verborgenen geübte Wohltätigkeit und seine
Bescheidenheit erfreut er sich auch hier in allen Kreisen der größten Wertschätzung.
Immer bestrebt, zu lernen und sch weiterzubilden, nahm er bereits von Abterode
aus unter den größten Schwierigkeiten allwöchentlich an den von
Rabbiner Cahn - das Andenken an den Gerechten ist zu Segen - geleiteten
Schiurim teil und gehört auch hier zu den ständigen Besuchern der
Schiurim. Mögen ihm noch viele Jahre körperlicher und geistiger Frische
im Kreise seiner Familie vergönnt sein." |
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Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 25. Mai 1928: "Kassel. Am 24. Mai vollendete
Herr Inspektor Bachrach sein 70. Lebensjahr. Nach Absolvierung der
Volksschule in seinem Geburtsort Frielendorf
besuchte er das Kasseler Lehrerseminar und trat dann seine erste
Lehrerstelle in Beiseförth an, um
später einem Ruf nach Abterode Folge zu leisten. Dort wirkte er 37
Jahre und verstand es, sich die Liebe und Anhänglichkeit aller
Gemeindemitglieder zu erwerben. Vor allem aber bei der durch die lange
Dienstzeit bedingten großen Anzahl der Schüler. Sie haben ihm allzeit
Verehrung und Treue gegeben und werden sie ihm bewahren. Denn Herr
Bachrach versah sein Amt nicht als einen Beruf, dem er sich zufällig
gewidmet hat, und der ihm eine Quelle des Erwerbes bedeutete, sondern
seine ganze Wesensart führte ihn hin zu der jüdischen Jugend, die er
führen, leiten und belehren wollte, auf die seine wahrhaftige
Frömmigkeit er einwirken ließ, sodass er ihnen zeigte, dass es nicht das
Wissen allein ist, sondern dass das Wesentliche das Tun nach dem Wissen
ist. Er war kein "Bildungsschuster", der alle Schüler nach seinem Leisten
formen wollte und bei dem das "Versohlen" ein Haupterziehungsmittel war,
auch kein Donnerer, der mit der Gewalt seiner Stimme als Schultyrann sich
aufspielte; er war im Sinne der heiligen Schrift Lehrer, das heißt
Führer. Er konnte es sein, denn sein frommer Sinn blieb kindlich
bis heute, so fühlte er die Seele des Schülers und formte sie und lehrte
den Geist und machte den Stoff lebendig, den er seinen anvertrauten
Kindern nahe brachte. Nur wer die Jugend liegt, nur wer selbst an sich die
größten Anforderungen stellt, nur wer den Kindern gegenüber, immer sich
gleichbleibend wie ein Vater mahnt, wenn es sein muss, wie ein Vater
straft, und wie ein Vater verzeiht, nur wer die Innigkeit und
Zusammengehörigkeit der Familie selbst so betont, dass der Familientisch
und die eigene Häuslichkeit eine unantastbare heilige Erinnerung bleibt
auch für die Kinder, die schon lange dem Elternhaus entwachsen sind, kann
ein so vorbildlicher Erzieher sein, wie es der Jubilar gewesen
ist.
Und wenn nun sein Lebensabend einer ganz anderen Arbeit gewidmet wurde, so
ist dies kein Widerspruch. Wer so die Jugend liebte, hat auch für das
Alter volles Verständnis; denn alles in allem ist es ja die
Hintenansetzung der eigenen Persönlichkeit und die Achtung vor dem
Brudermenschen, die zu der Einhaltung des Bibelwortes "Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst" führt. Nicht der beschaulichen Ruhe widmete er
sich nach seiner Pensionierung im Jahre 1920, sondern er übernahm die
Leitung des israelitischen Altersheimes in Kassel, die er, unterstützt
durch seine tüchtige Frau, durch seine warmherzige Tochter, in
mustergültiger Weise durchführt.
Wie ihn in Abterode die Jugend liebte, so tun es heute die ihm
anvertrauten Greise und Greisinnen, gegen die er sich noch manchmal wie
ein Jüngling fühlen muss, ganz gewiss aber, wenn ihm der 96-jährige
Herr Oppenheim, ein Insasse, der diesen Geburtstag am Sonnabend feiern
wird, seine Glückwünsche darbringt.
Unter all den vielen Ehren, die ihm heute zuteil geworden sind, wird ihm
wohl das Höchste bedeuten, dass Herr Landrabbiner Dr. Walter in Anerkennung
seiner tiefen Frömmigkeit und seines Talmudstudiums ihm den Chowertitel
verliehen hat. Möge er ihn noch lange in geistigrer Frische und
körperlicher Gesundheit tragen, seiner Familie der liebende Vater und
allen ihm Anvertrauten ein Freund erhalten bleiben.
Eugenie Wertheim." |
Lehrer Mendel Heilbrunn verlässt die Gemeinde
(1927)
Meldung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Mai 1927: "Dinslaken,
8. Mai (1927). Lehrer Heilbrunn, bisher in Abterode, wurde zum 1. Juli die
hiesige Lehrerstelle übertragen." |
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Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 6. Mai 1927: "Abterode. Wir erhalten
von den Herren Gemeindeältesten von Abterode nachstehende Mitteilung:
Unter der Spitzmarke "Vom Sterbelager der jüdischen Volksschule" bringen
Sie eine Mitteilung aus Abterode, die der Wirklichkeit nicht entspricht.
Unser Lehrer Heilbrunn ist nicht versetzt, sondern er hat sich um
die ausgeschriebene Lehrerstelle in Dinslaken beworden und auch seine
Anstellung zum 1. Juli erhalten. Von einer Auflösung der hiesigen Schulstelle
seitens der Regierung ist uns bis heute nichts bekannt und wir rechnen
bestimmt auf Erhaltung
derselben." |
Ausschreibung der Lehrerstelle im Mai 1927
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Mai 1927: "Bewerber um die alsbald zu besetzende Lehrer- und Vorsängerstelle
an der öffentlichen israelitischen Volksschule zu Abterode, Kreis
Eschwege werden aufgefordert, ihre Meldungsgesuche mit beglaubigten
Zeugnisabschriften und kurzem Lebenslauf bis Ende Mai dieses Jahres
hierher einzusenden.
Kassel, den 2. Mai 1927. Vorsteheramt der Israeliten." |
Über den jüdischen Lehrer Hermann Spier (von 1927 bis
1934 Lehrer in Abterode)
(erstellt unter Mitarbeit von Waltraut Zachhuber, Magdeburg)
Hermann Spier ist am 20.
Januar 1899 in Merzhausen geboren. Er hat sich am Lehrerseminar in Kassel
ausbilden lassen und dort im Februar 1920 seine erste Lehrerprüfung
abgelegt. Er war seit 1924 verheiratet mit Caroline (Lene) geb.
Nussbaum, geb. 1900, gest. 1938; zur Familie von Caroline geb.
Nussbaum siehe Seite
über Sara Nußbaum bei Regiowiki Kassel). Das Ehepaar hatte zwei
Kinder: Henriette genannt Henny (geb. 1924) und Berna (geb.
1928, Geburtsanzeige siehe unten). Nachdem Hermann Spier einige
Zeit in Northeim unterrichtete, war seine
erste ständige Stelle in Abterode, wo er seit dem 1. Oktober 1927
tätig war. Hier in Abterode hat Spier im Mai 1929 seine zweite
Lehrerprüfung abgelegt. Nachdem Anfang 1934 die Israelitische
Elementarschule in Abterode aufgelöst worden war, bewarb sich Hermann
Spier auf die Lehrerstelle im ostfriesischen Leer, die er im April 1935
antreten konnte. Bis 1938 blieb Spier in Leer. Seine Frau Caroline starb
Anfang Oktober 1938 an Multipler Sklerose. Nach dem Novemberpogrom 1938
meldete Hermann Spier, der inzwischen die Lehrerstelle in Hildesheim
übernommen hat, seine Kinder für einen Kindertransport nach England an.
Am 6. Januar 1939 verließen Henny und Berna Spier Deutschland. Hermann
Spier wurde im März 1942 nach Warschau deportiert und in Treblinka
ermordet.
Foto links aus dem Fotoarchiv von Yad VaShem Jerusalem (Link). |
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Lehrer Hermann Spier
um 1936
in Leer
(Quelle der beiden Fotos:
Website der Gesellschaft
für christlich jüdische Zusammenarbeit Ostfriesland) |
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Ehepaar Spier mit Landrabbiner
Dr. Samuel Blum (Emden) |
Lehrer Hermann Spier
mit Familie |
Personalkarte für
Lehrer
Hermann Spier in Abterode |
Lehrer Hermann Spier wechselt von Northeim nach
Abterode (1927)
Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 17. Juni 1927: "Abterode. Herr Lehrer
Spier, bisher in Northeim in Hannover tätig, wurde von der
Israelitischen Gemeinde einstimmig - vorbehaltlich der Bestätigung durch
die Regierung und Vorsteheramt - zum Lehrer und Vorbeter in unserer
Gemeinde
gewählt." |
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Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 26. August 1927: "Abterode. Herr Lehrer
Spier aus Northeim, der vor einigen Wochen von der hiesigen Gemeinde
einstimmig zum Lehrer und Chasan gewählt worden ist, hat nunmehr die
Bestätigung durch die Regierung gefunden, sodass er am 1. Oktober sein
neues Amt antritt." |
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Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 9. September 1927: "Northeim. Am 1.
Oktober wird Herr Lehrer Spier Northeim verlassen, um sein neues Amt in Abterode
anzutreten. Nur ungern sieht ihn die Gemeinde scheiden, denn er hat in den
vier Jahren seiner hiesigen Wirksamkeit viel Gutes geschaffen. Er hat den
Mincho- und Maariv-Gottesdienst neu eingeführt, eine Männerchewra, einen
Frauenverein und einen Literaturverein gegründet. Er hat auch oft
Vorträge gehalten und ist vor allem mit vielem Erfolg dem Antisemitismus
in politischen Versammlungen
entgegengetreten." |
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Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 9. August 1929: "Abterode. Herr
Lehrer Spier, der seit zirka zwei Jahren hier amtiert, erhielt von der
Regierung seine definitive staatliche Anstellung." |
Geburtsanzeige einer Tochter (Berna) von Lehrer Hermann
Spier und seiner Frau Lene geb. Nußbaum (1928)
Anzeige in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 20. Juli 1928:
"Die Geburt einer Tochter zeigen an
Lehrer Herm. Spier und Frau Lene geb. Nußbaum
Abterode 13. Juli 1928 zur Zeit Kassel Schäfergasse."
|
Lehrer Sally Stern wechselt von
Breitenbach am Herzberg nach Abterode
(1938)
Mitteilung
im "Israelitischen Familienblatt" vom 3. Februar 1938: "Breitenbach
am Herzberg. Lehrer Sally Stern wurde an die jüdische
Volksschule nach Abterode Kreis Eschwege, versetzt." |
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Mitteilung
im "Israelitischen Familienblatt" vom 27. Januar 1938: "Abterode,
Bez. Kassel. Lehrer i. R. Sally Stern (Breitenbach
a. H.) wurde seitens des Vorsteheramtes der Israeliten in Kassel an
die private jüdische Volksschule in Abterode
berufen." |
Aus dem jüdischen
Gemeinde- und Vereinsleben
Toraschreiber aus Abterode werden im Jahr 1730 zur
Begutachtung der Tefillin und Mesusot ausgesandt (Artikel von 1928)
Anmerkung:
Im nachfolgenden Text, der in die Zeit der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts zurückführt,
geht es um eine damals unter Landrabbiner Veit Singer in Witzenhausen
angeordnete und durchgeführte Kontrolle der Tefillin und der Mesusot in den jüdischen
Häusern des Bezirks. Die Kontrolle wurde durch Toraschreiber aus Abterode
durchgeführt, die für die Kontrolle bzw. Erneuerung bestimmte Beträge
einziehen konnten.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. März 1928: "Tefillin und
Mesussaus in Althessen. Dieser Überschrift soll den Leser nicht auf den
Gedanken führen, dass in einer Zeitung die vielen Ritualvorschriften über
die Erfüllung dieser heiligen Gebote gebracht werden, wenn es auch sehr nützlich
wäre. Eine Wochenzeitung ist eben kein ‚Chaje odom’ (Anm.: Chaje
Adam ist eine populär-halachische Schrift von Abraham Danzig [1748-1820]. Dennoch dürfte
man es gern lesen, welche Maßnahmen einst getroffen wurden, um die Gebote
ordnungsgemäß zu erfüllen. Eine Mahnung erließen die judenschaftlichen
Führer auf einer Tagung in Kassel am 20. Tewet 5490 (1726 [besser: 9.
Januar 1730]); und sie ist
unterzeichnet von dem Landrabbiner Veit Singer aus Witzenhausen, Israel aus St. Goar, Joßel
Lispenhausen;
Michael Katzenstein, Eschwege, Eisemann Levi und Moses Wolfhagen.
Niedergeschrieben ist sie im ‚Konstitutenbuch der althessischen
Judenschaft’ und lautet nach der dem hebräischen Original beigefügten
Übersetzung: ‚Wegen der Tefillin, welches ist das Handzeichen und
Stirngeschmeide, und Mesussoh, welches auf deinen Hauspfosten geschrieben
werden muss, haben alle Völker auf Erde gesehen, dass sie nicht gewarnt
sein, die Tefillin öffnen und lassen, ob dieselben richtig. Da aber
mehrmals dieselben unrichtig sind, den vorigen Landtag aber haben sie die
Tefillin nicht öffnen lassen, da ist ihre Missetat größer, denn dass
sie ihnen vergeben werden könnte. Also haben wir unsere Augen aufgetan,
dass die Gesetzesschreiber, so im Lande wohnen, namentlich Rabbi Salomon
und Rabbi Nathan in Abterode, Isaak Jestädt und der Bursch Feibes in
Abterode sollen im ganzen Lande herumgehen, nämlich ein jeder einige
Klassen (Bezirke), welche ihn durch das Los treffen werden, um die
Tefillin zu öffnen von denjenigen Männern, so ihre Tefillin beim
verflossenen Landtag 490 nicht besehen lassen und die Mesusaus an denen Türen
der sesshaften Juden zu besehen, ob sie richtig sind. Welcher nun von den
Gesetzschreibern in seiner Klasse nicht selbst herumreisen wollte, so soll
ein anderer an dessen Platz reisen und braucht dem Gesetzschreiber,
welcher nicht herum gegangen, nicht den geringsten Heller zu geben. Dies
ist die Belohnung der Gesetzschreiber: ‚Öffnen, besehen und schließen
der Tefillin 2 Albus; Öffnen eine Mesussoh und besehen 1 Albus. Für eine
neue Muesusso 1 Albus. Für eine Parschoh 6 Albus; für ein Paar
mittelgute Riesen ½ Kopfstück, für gute 4 Albus. Neue Battim (Gebäude)
½ Kopfstück (Kopfstück ist jede Münze mit dem Bruchbild des Münzherren
und hatte einen Wert von 20 Kreuzern oder 70,125 Pfennig der
Thalerwährung.)
– Es werden nun die genannten Gesetzesschreiber ernsthaft gewarnt, dass
sie nicht über die festgesetzte Belohnung nehmen und in specie, dass sie
des Herren Werk nicht saumselig tun sollen, denn es ist geschrieben: ‚Du
sollst dich vor deinem Gott fürchten.’
Findet man aber, dass der Gesetzesschreiber nachlässig ist und den
Menschen betrügt, so sollen ihm Rabbiner und Vorsteher eine harte
Geldstrafe auferlegen, wovon der gnädigste Landesherr die Hälfte erhält.’
– Über sonstige soziale und religiöse Anordnungen aus jener Zeit
vielleicht später Näheres. L. Horwitz, Kassel." |
Zur Gründung des Vereins "Ez Chajim" unter
Lehrer Westheim (1868)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. März 1868: "Bischhausen
(Kreis Eschwege) in Hessen, im März (1868). Am 23. vorigen Monats, also
am 1. Adar, besuchte ich meinen lieben Freund und Kollegen Westheim in
Abterode und erfuhr bei dieser Gelegenheit, dass daselbst für das
Verständnis und das geistige Eindringen in unsere Heilige Tora
Rühmenswertes geschieht. So hat sich vor etwa 4 Monaten ein Verein,
bestehend aus jungen, unverheirateten Leuten gebildet, der sich unter der
trefflichen Leitung des Herrn Westheim die Aufgabe stellt, in einer
wöchentlich dreimaligen Versammlung einen Vortrag aus den Kommentarien
über den Pentateuch anzuhören, von welchen letzteren der von Raschi
bevorzugt wird. Das Bemerkenswerteteste bei der Sache ist, dass Rabbi Leb
Oppenheim in Abterode den ersten Impuls dazu gegeben und als Mann von 86
Jahren von Haus zu Haus gegangen und die Leute persönlich zur Beteiligung
an diesem löblichen Unternehmen eingeladen. Der Verein zählt 15
Mitglieder und führt den ebenso bedeutungsvollen, als hübschen Namen "Ez
Chajim" (= Lebensbaum). Möchte es dem würdigen Greis noch viele
Jahre gegönnt sein, die segensreichen Früchte seines Werkes ernten zu
können und möchten auch anderwärts ähnliche Institute ins Leben
gerufen werden! J. Werthan,
Lehrer." |
Ergebnisse von Spendensammlungen in der Gemeinde (Beispiele aus den Jahren 1869
/ 1872 / 1893 / 1894 / 1898)
Anmerkung: in jüdischen Gemeinden wurden
regelmäßig Spendensammlungen durchgeführt und die Ergebnisse immer wieder in
jüdischen Periodika bekannt gegeben.
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April 1869 - Sammlung
"zur Unterstützung der notleidenden Glaubensgenossen in West-Russland":
"Aus Abterode: Lehrer Westheim 20 Sgr., Gemeindeältester Levi
Lautemann 1 Thlr., Perez Rothschild 1 Thlr., Moses Lautemann 2 Sgr., Levi
Schulhaus 2 1/2 Sgr., David Ronsheim 10 Sgr., Levi David Ronsheim 15
Sgr., Samuel Blach 3 Sgr., Moses Oppenheim 10 Sgr., Aron Katzenstein 2 Sgr.,
David Westheim 15 Sgr., Moses Heilbrunn 1 Thlr., Gottschalk Westheim 1
Thlr., Levi Wertheim 2 Sgr., Itzig Rothschild 6 Sgr., David Katzenstein 6
Sgr., Levi Katzenstein 2 Sgr., Menke Katzenstein 5 Sgr., Moses Blauenstein 3
Sgr., Abraham Heinemann 3 Sgr., Aron Goldschmidt 5 Sgr., Lehmann Oppenheim
und Sohn Joseph 7 1/2 Sgr., Itzig Heilbrunn 7 1/2 Sgr., Elias Ronsheim 15
Sgr., Levi Meier Ronsheim 2 1/2 Sgr., Lazarus Ronsheim 7 1/2 Sgr., Samuel
Goldschmidt Synagogenpedell 15 Sgr., Levi Oppenheim 5 Sgr., Markus Heilbrunn
15 Sgr, Levi Wolf Ronsheim 5 Sgr., Meier Stiefel 2 1/2 Sgr, Aron Oppenheim 4
Sgr., Levi Geisel Ronsheim 2 1/2 Sgr., Meier Katz 5 Sgr., Joseph Stiefel in
Vockerode 2 1/2
Sgr., aus der Gemeinde-Kasse 1 Thlr. 17 Sgr., zusammen 12 Thlr 15 Sgr."
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juni 1872 - Sammlung "für die
Notleidenden in Ismail, Cahul etc.": "Durch Kreisrabbiner Dr. Frenkel in
Witzenhausen von der Gemeinde
Harmuthsachsen 4 Thlr., von der
Gemeinde Abterode (3. Sendung), gesammelt durch den Lehrer Westheim
daselbst: Aron Goldschmidt 10 Sgr., Markus Heilbrunn 1 Thlr., Menke
Katzenstein 6 Sgr., Moses Oppenheim 15 Sgr., Lehmann Oppenheim und Sohn
Joseph 15 Sgr., David Katzenstein 6 Sgr., David Westheim 20 Sgr., Lazarus
Ronsheim 5 Sgr., Levi Wolf Ronsheim 7 Sgr. 6 Pf., Moses Heilbrunn 1 Thlr.
15 Sgr., Gottschalk Westheim 21 Sgr., Samuel Goldschmidt 6 Sgr., Abraham
Heinemann 5 Sgr., Ungenannt 6 Sgr., Perez Rothschild 20 Sgr., Samuel Bloch 2
Sgr., Lehrer Westheim 1 Thlr.. zusammen 8 Thlr. 4 Sgr. Zusammen
12 Thlr. 4 Sgr. " |
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Juni 1893 - "Spenden für
das Heilige Land": "Abterode. Durch Vorstand J. M. Oppenheim: Aus
der Synagogenbüchse 41.55, Hannchen und Bertha Oppenheim 6, Rosa Lautmann
5.20, Rosa Westheim 3. Pauline Oppenheim 3, zus. 58.75 M., wovon 2.75 M. für
die Beit Cholim (Krankenhaus) und 3 M. für R. IV." |
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Mai 1894 - "Spenden für das
Heilige Land": "Abterode. Durch Vorstand J. M. Oppenheim: Aus der
Synagogenbüchse 44.90, Rosa Lautmann 5.20, Hannchen Oppenheim 5, zus. 55.10
M., wovon 7.10 M. für Zwecke im Heiligen Land." |
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. September 1894 - "Spenden für
das Heilige Land": "Abterode. Durch Lehrer J. Bachrach,
Challah-Geld von nachgenannten Frauen: Dorette Katzenstein 0.50, Betti
Katz 4, Lina Stern 3, Rickchen Oppenheim 4.20, Witwe Jettchen Rothschild
3.25, Jettchen Rothschild 2.90, Marianne Ronsheim 3, Rebecka Blauenstein
1.05, Hannchen Katzenstein 0.88, Schöne Heilbrunn 3.50, Rosa Westheim 3,
Pauline Oppenheim 2 , Moses Heilbrunn Witwe 0.72, J. Appel Witwe 1.75,
Fräulein Goldine Goldschmidt 1.13, Malchen Rothschild 5.40, Rosalie
Katzenstein 3. zus. abz. Porto 43.08 M., wovon 2.08 M. für R. VII und 2 M.
für M'S." |
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1898 - "Spenden für das
Heilige Land": "Abterode. Durch Lehrer J. Bachrach: Chalah-Geld
von den Frauen: Mirjam Ronsheim 1, Rosa Westheim 3, Betti Katz 4, Pauline
Oppenheim 3, Wwe. Rothschild 1.50, Malchen Rothschild 1.50, Rosa Goldschmidt
3, Schöne Heilbrunn 2.20, Lina Stern 2, S. Heilbronn 0.75, N.N. 1.50, zus.
23.45 M., wovon 2.45 M. für die B'CH'." |
Generalversammlung des Jüdischen Frauenvereins (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Dezember 1928: "Abterode,
19. November (1928). Am 11. November fand unter Vorsitz der Frau (von)
David
Westheim die Generalversammlung des Jüdischen Frauenvereins statt. Nach
Besprechung über die Anschaffung verschiedener ritueller Gegenstände
fand die Vorstandswahl statt. Zur 1. Vorsitzenden wurde Frau David
Westheim, zur 2. Frau Lehrer Spier gewählt." |
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Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 16. November 1928: "Abterode. Am Sonntag, den 11. dieses Monats fand die Generalversammlung des Jüdischen Frauenvereins statt. Die Vorsitzende, Frau
D. (= Dina) Westheim, eröffnete die Versammlung und begrüßte die erschienenen Damen. Nach kurzer Besprechung über die Anschaffung verschiedener rituelles Gegenstände fand die Vorstandswahl statt. Die Wahl ergab: erste Vorsitzende Frau (von) David Westheim, zweite Vorsitzende Frau (von) Lehrer Spier." |
Chanukkafeier in der Gemeinde (1929)
Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 20. Dezember 1929: "Abterode. Wie alljährlich, findet auch in diesem Jahre am 29. dieses Monats eine Chanukkahfeier mit Ball statt, zu der die in hiesiger Gegend sehr beliebte Kapelle ‚Lulu‘ aus Eschwege konzertieren wird. Der für dieses Vergnügen sich gebildete Ausschuss hat sich um die Ausgestaltung die größte Mühe gegeben und wird mit allerlei Überraschungen alle Besucher angenehm unterhalten"
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20-jähriges Stiftungsfest des jüdischen Frauenvereins
(1930)
Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 20. November 1930: "Abterode. 20-jähriges Stiftungsfest des jüdischen Frauenvereins. Am Sonnabendabend fand hier im festlich geschmückten Schulzimmer die 20-jährige Stiftungsfeier des jüdische Frauenvereins statt, zu der zirka 60 Personen aus der Gemeinde erschienen waren. Herr
Lehrer Spier hielt die Festrede. Ausgehend von dem Prophetenwort
Jesaias: "Erhebe ringsum deine Augen und siehe, sie sind alle gekommen‘, schilderte Herr Spier, wie der Verein in den 20 Jahren seines Bestehens stets seinen hohen Idealen treu geblieben ist und auch heute noch, trotz der Nöte der Zeit, keine Stimme des Elens unbeachtet lässt. Mit der Ermahnung, diese ideale Gesinnung, die bisher in den Reihen des Vereins vorherrschend war, auch in Zukunft in demselben walten zu lassen, schloss Herr Spier seine mit großem Beifall aufgenommene Rede. Hierauf begrüßte
Frau Dina Westheim die Anwesenden mit herzlichen Worten und erstattete den Rechenschaftsbericht. Die notwendig gewordene Neuwahl des Vorstandes hatte folgendes Ergebnis: 1. Vorsitzende
Frau Dina Westheim, 2. Vorsitzende Frau (von) Lehrer
Spier, Schriftführer Lehrer Hermann Spier. Unter Leitung ihres Lehrers trugen hierauf die Schulkinder einige Gedichte und Singspiele vor, die den Erwachsenen viel Freude bereiteten. Der übrige Teil des Abends wurde aufgefüllt mit Deklamationen ernsten und heiteren Inhalts, die von Herrn und Frau Lehrer Spier sowie von Frl. Ellen Westheim ausgewählt und zu Gehör gebracht wurden. Als man um 1 Uhr nachts aufbrach, gingen alle mit dem Bewusstsein nach Hause, einen recht angenehmen Abend verbracht zu haben.'
" |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Über den Vorbeter Jehuda Löb ben Mose
in Abterode (Ende 17. Jahrhundert, gest. 1711 in Altona oder Hamburg; Beitrag
von 1898)
Verschiedene Namensvarianten, Löb ben Moses Minden, Judah ben Moses
Selichower.
Vgl. Artikel
https://www.jewishencyclopedia.com/articles/10848-minden-lob-b-moses und
https://en.wikipedia.org/wiki/Löb_ben_Moses_Minden (beide haben Todesjahr
1751, ohne Nennung von Abterode)
Vgl. Seite
https://ubffm.hds.hebis.de/Author/Home?author=gnd_from%3A173700845&type=allfields&filter%5B%5D=%7Ematerial_access%3A%22physical%22
(hier Todesjahr 1711)
Vgl. auch Artikel "Minden" in "Historisches Handbuch der jüdischen
Gemeinschaften in Westfalen und Lippe" Münster 2013 S. 550 (hier auch Todesjahr
1711).
Artikel
in der Zeitschrift "Israelitische Cantor und Lehrer" 1899 5 S. 34-35: "Die
Entstehung des Vorbeterdienstes. Von Dr. A. Berliner in Berlin.
IV. Auch die hebräische u. jüdisch-deutsche Schrift 'Schire Jehuda',
welche 1696 in Amsterdam erschien, bietet eine Fülle von Beobachtungen und
Bemerkungen in Betreff des synagogalen Gottesdienstes. Der Verfasser,
Jehuda Löb ben Mose, war ehedem Chasan in Abterode und nachher in
Minden an der Weser. Er beschäftigt sich in diesem Buche viel mit seinen
Berufsgenossen, denen er wegen ihrer gesanglichen Ausschreitungen oder
Willkürlichkeiten oft den Text liest. Er prägt ihnen ein, bei festlichen
Versammlungen statt der fremden, profanen Gesänge die von ihm verfassten und
in seinem Buche in hebräischer und deutscher Sprache mitgeteilten
Tischlieder zu singen, und zwar nach benannten Melodien aus dem
Gottesdienste an den heiligsten Tagen des Jahres, Hierdurch würden die
Chasanim die Teilnehmer an der Tafel zu einer religiösen Hebung führen,
welche 'eine andachtsvolle Stimmung hervorruft und vor dem Ausbruch des
Übermuts, der sich oft bis zur Zügellosigkeit steigert, bewahrt'. Die
Chasanim seien berufen, dem heillosen Unwesen bei öffentlichen Tafeln zu
steuern. Denn auf sie dürfe man in unserer Zeit den Schriftvera anwenden;
wenn der Priester, der gesalbte, sündiget usw. - das ist der Vorbeter der in
seiner Sendung die Versöhnung für die Gemeinde zu fördern habe, —
Interessant ist es, was Jehuda Löb hierbei aus dem bewegungsreichen Jahre
1666 mitteilt, in welchem die sabbatianische Hochflut nach den entferntesten
Gegenden sich ausbreitete und alles mit sich fortriss. Damals war man
überall voller Erwartung auf die Ankunft des Messias. Auch die
verstocktesten Sünder fingen an, daran zu glauben, und erfüllten ihr Herz
mit aufrichtiger Buße. Die Freude über das bevorstehende Ereignis wuchs mit
jedem Tage: sie wurde von einer sich stetig steigernden Begeisterung für die
erhoffte Neugestaltung aller Dinge getragen. Eines Tages traf der Verfasser
seinen Lehrer, den Rabbiner Wolf Levi, der zur Zeit zugleich das
Landrabbinat von Hessen versah (später in
Witzenhausen und dann in
Friedberg) und längere Zeit in
Abterode sich aufhielt, in einer Stimmung, die wesentlich von der
allgemein herrschenden Freude sich unterschied. Auf dringendes Verlangen
erklärte er den Wechsel in seinen Gefühlen aus der Betrübnis, die sich
seiner bemächtigt, wenn er an die beiden Amen denke, welche in der
Gemeinde vernachlässigt werden, was um so schmerzlicher empfunden werden
müsse, da sie gerade das Gebet um das Erscheinen der Messiaszeit betreffen,
und ihre Missachtung die endliche Erlösung verhindern könnten. Nämlich das
Amen am Schlusse des hamach'sir Sh'chinato leZion 'wenn du nach Zion
zurückkehrst' wo die Gemeinde sofort, ohne Amen zu sagen, mit
modim (wir danken) beginnt und dasjenige am Schlusse des sabbatlichen
Abendgebetes, hapores sukkat schalom - 'Breite die Hütte des Friedens
aus', wo die Gemeinde ebenfalls ohne Amen mit weschamru
- und sie sollen achten einzufallen pflegt. Der Verfasser nahm sich
diesen Hinweis sehr zu Herzen; er war fest überzeugt, dass diese
Unachtsamkeit die Erfüllung der an allen Orten bereits fieberhaft gehegten
Erwartung, das Kommen des Messias, vereitelt habe. Er wendet sich daher an
die Vorbeter, die er dafür verantwortlich machen will, dass sie durch ihr
übermäßig ausgedehnten schnörkelhaften Gesang der Schlussworte es
verschulden, dass die Hörer die Geduld verlieren und um so mehr eilen, die
folgenden Gebetsworte zu sprechen. 'Auch in der Keduscha, in den Kadeschim
und im Borchu am Sabbat und Festtag zerren die Chasonim die Wörter und
Silben derart auseinander, dass nicht eins zum andern gehöre. Mögen die
Vorsänger auch hierbei von den besten Absichten geleitet sein, den
Gottesdienst durch ihren Gesang feierlicher zu gestalten, sie erreichen das
gerade Gegenteil. Denn während des übermäßig hingezogenen Gesangsvortrages,
langweilt sich das Publikum am meisten und treibt unterdes eitles,
sündhaftes Geschwätz. Der fromme, von seinem Beruf erfüllte Chasan, muss es
verstehen, durch einen gekürzten, aber würdevollen Gesang, der von allem
Beiwerk frei bleibt, die Gemeinde andachtsvoll zu stimmen'. Hierauf nimmt
der Verfasser Veranlassung, in weitläufiger Weise über die Pflicht, im
Gotteshause die Andacht zu pflegen und den Anstand zu wahren, sich
auszulassen und die Gefahren zu schildern, welche dem religiös-sittlichen
Leben aus dem vernachlässigten Gottesdienste erstehen. Im weiteren Verlaufe
seiner Darstellung warnt er auch vor der Aufnahme fremder Melodien, zumal
aus nichtjüdischen Bethäusern, aus dem Theater, oder von Bänkelsängern, in
den jüdischen Gottesdienst. 'Gerade die alten, tradierten Melodien dringen
tief in das Gemüt des Zuhörers ein und stimmen sein Inneres zur Erbauung und
Andacht', was dann an mehreren Beispielen über die Wirkung des frommen
Gesanges, besonders bei gewissen Stellen im Gebetritual (Anmerkung)
dargetan wird.
Aber auch' gegen das zu schnelle Vorbeten wendet sich Jehuda Löb,
welches manche Chassanim sich angewöhnen, um dem Willen der ungeduldigen
Zuhörer nachzugeben und sich hierdurch in ihren Augen beliebt zu machen. Auf
eine solche Weise die Gunst der Menschen sich sichern zu wollen, müsse als
eine schwere Versündigung gegen Gott betrachtet werden, die sich früher oder
später bitter rächen würde. Der Vorbeter habe nur zu beherzigen (hebräisch
und deutsch:) 'Wisse, vor wem Du stehst', dann wird er zu allen Zeiten
seinen Hochberuf richtig auffassen und ihn auch erfüllen.
Anmerkung: Schreiber dieses (Beitrages) hat vor mehreren Jahren aus dem
jüdischen Friedhof in Krakau einen Grabstein gesehen, dessen Inschrift von
einem Vorbeter kündet, der von den Worten ... am Versöhnungstage in seinem
Vortrage so ergriffen ward, dass er hierbei seine Seele aushauchte."
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Ein Vorfahr der Hildesheimer Familie
Goldschmidt kommt aus Abterode (Artikel von 1901)
Anmerkung: ein sicher mit dem aus Abterode stammenden Moses Goldschmidt
in Hildesheim stiftete dort 1707 eine Torarolle, die in feierlichem Umzug in die
Synagoge Hildesheim gebracht wzrde. Siehe: Ein Aktenstück zur Geschichte der
Juden in Hildesheim aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts. Von Dr. Lewinsky.
https://www.jstor.org/stable/44852347
Aus
einem Artikel in den "Blätter für jüdische Literatur und Geschichte"
September 1901 S. 113f: "
Zur Statistik der jüdischen Bevölkerung in Stadt und Hochstift Hildesheim im
18. Jahrhundert.
(Protokolle des Kgl. Staatsarchivs in Hannover (Anm. 1). Von Dr.
Lewinsky.
Praes. H. H.-Rath Dauber Hildesh. statt Juden
betreffend (Anm. 2 ) ...
1. Moises Goldtschmidt (Anm.3) etzliche 70 jahr aldt. bürtig auss
dem Hessenlandt von Abterode, seine Frau wehre auss Hildesheim
Borchardt Canters (Anm. 4) Thochter, hette 46 jahr hieselbst gewohnet, hette
3 Kinder, sein ältester sohn nennete sich Borcherdt Goldtschmidt undt wehre
verheyrahtet, wohnete bey ihm (am Rande: mit der frauen) im Hausse, dan
wehre seine Tochter an David Leff verheiratet. Der dritte Sohn wehre 22
jahr aldt, aber noch nicht geheyrahtet, hette Ein Juden Magdt; undt Ein
Eigenes Hauss, was Er am Rath auff der neustatt geben musste, belieffe sich
fast auff 12 thlr, handelte mit pferden.
Anm. 1: Hildesheim Des. 1. Teil 51. Abschnitt 1. Nr. 2.
Anm. 2: Fol. 54 ff. Mit Bleistift ist links am Rande vermerkt: 19/5 1732״.“
Anm. 3: s. Monatsschrift f. Geschichte und Wissenschaft des Judentums 45.
Jahrg., 1901, S. 487 sub 'Hildesheim', woselbst er unter ״Leipziger
Messgäste“ a. 1691—99 mit D. (= Diener) genannt wird. Vgl. auch Monatsschr.
a.a.0. S. 179 ff. (Ein Aktenstück zur Gesch. d. Jud. in Hildesh. u.s.w.).
Anm. 4: Monatsschr. a. a. 0. S. 487 'Burkhardt Cantor 1697'." |
| In demselben Beitrag in den "Blättern für
jüdische Geschichte und Literatur" November 1902 S. 150f: "Zur Statistik der
jüdischen Bevölkerung in Stadt und Hochstift Hildesheim im 18. Jahrhundert"
von Dr. Lewinsky wird "Hirsch
Chaim Wittib" genannt, 43 Jahre alt, gebürtig von Abterode. Ihr
Mann war Salomon Chaim aus Hildesheim, mit dem sie sechs Kinder hatte...
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Reformvorschläge in einem Brief an
von Dr. jur. Steinfeld in Abterode "an die Rabbinen Deutschlands" (1848)
Anmerkung: der Brief an die Rabbinen in Deutschland ist mitten im
Revolutionsjahr 1848 geschrieben. Die baldige jüdische Emanzipation schien
damals gewährleistet, da in den neuen deutschen Parlamenten einige namhafte
Juden mitarbeiteten. In der Frankfurter Paulskirche kam es am 28. August 1848 zu
einer Debatte über die Grundrechte und ihre Geltung für Juden, die Moritz Mohl
aus Württemberg wegen ihrer "Fremdstämmigkeit" bezweifelt hatte. Der bekannte
Lauenburger Abgeordnete Gabriel Riesser wies dies mit Erfolg zurück. Im Monat
vor der Versammlung in der Frankfurter Paulskirche schrieb Dr. jur. Steinfeld
aus Abterode in der liberalen und gegenüber dem traditionellen Judentum
kritischen "Allgemeinen Zeitung des Judentums" ("Sprachrohr der jüdischen
Reformbewegung") seinen Beitrag. Der Kommentar dazu dürfte vom Redakteur der
Zeitung, Rabbiner Dr. Ludwig Philippson (Magdeburg):
https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Philippson.
Dr. jur. L. Steinfeld war als Advokat in Abterode tätig (mindestens
seit 1845). Er war verheiratet mit Fanny geb. Windecken, mit der er vier
Kinder hatte: Tekla (geb. 3. September 1845), Ida (geb. 27. September 1846),
Albert (geb. 8. Oktober 1848) und Max (geb. 12. Juli 1851).
Der Brief Steinfelds "an die Rabbinen Deutschlands" wurde auch abgedruckt in der
Zeitschrift "Der Orient" vom 5. August 1848 S. 252f.
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. Juli 1848: "Abterode,
9. Juli. Aufruf an die Rabbinen Deutschlands.
Als eine der edelsten Früchte, welche in dem 'Boden des neuen Staats- und
Rechtslebens kräftige Wurzeln schlagen werden, begrüßen wir das Recht der
Religions und Glaubensfreiheit. Soll dieses kostbare Gut nur eine
Errungenschaft der Bekenner des christlichen Glaubens sein, und sind alle
übrigen Konfessionen von dem Genusse dieses Rechtes ausgeschlossen? Bei
unbefangener Betrachtung können wir nur mit einem entschiedenen Nein
antworten. Die Völker Deutschlands haben eine allgemeine Religionsfreiheit
angesprochen, die Fürsten haben diesen Anspruch für begründet erklärt; und
da man für die Bekenner des Judentums eine exzeptionelle, den allgemeinen
Grundsatz modifizierende Bestimmung nicht getroffen hat, so können wir die
lange gehegte Hoffnung, von den drückenden Fesseln des Glaubens- und
Gewissenszwangs befreit zu werden, als erfüllt ansehen. Mögen auch die
Anhänger des abgestorbenen Regierungssystems eine andere Ansicht
heraufzubeschwören versuchen, mag auch in einzelnen Staaten das Bestreben
sich rege machen, unsere begründeten Rechte zu verkümmern, man wird es nicht
vermögen, uns langer als bloß geduldete Einwohner an der Schwelle des
politischen Lebens stehen zu lassen. Das Recht und die öffentliche Stimme
sind die mächtigen Pfeiler, auf welche wir gleich einem jeden Deutschen
unsre Zukunft gründen. Die deutsche Reichsversammlung zählt, was nicht
bestritten werden kann, Freiheit des Glaubens und der Religionsübung,
Gleichheit aller Religionsparteien in bürgerlichen und politischen Rechten
zu den Grundrechten des deutschen Volks. Beschränkungen dieses
Fundamentalgesetzes zum Nachteil der Juden können, wenn das deutsche
Parlament nicht ein leeres Phantom sein soll, von den einzelnen Regierungen
nicht ausgehen. Hiernach kann man die Furcht, dass wir, was unsere
politische Emanzipation betrifft, noch weit vom Ziele entfernt stehen, als
unbegründet bezeichnen.
Wenn wir nun aber auch hoffen dürfen, dass unser Religionsbekenntnis auf
unsre bürgerliche und politische Rechtsfähigkeit in der Zukunft nicht den
geringsten Einfluss zu äußern im Stande sein wird, so wird diese Hoffnung
doch durch die Besorgnis getrübt, dass wir von einem andern höchst wichtigen
Ziele noch weit entfernt sind; es ist dies die Befreiung von der jetzt noch
im Judentum herrschenden Geistesknechtschaft, welche unter der
tausendjährigen Tyrannei des Rabbinismus so fest gewurzelt ist, dass an eine
Erlösung fast nicht zu denken ist. Ist noch ein Nachweis darüber
erforderlich, dass die jüdische Religion unter dem Drucke jener
Geistestyrannei, welche jeder freiem Entwickelung, jedem hohem Aufschwung
von jeher hemmend entgegengetreten ist, in eine endlose Masse von unnützen
Formen und schädlichen Zeremonien gehüllt wurde, so dass jeder Versuch einer
freien Regung auf dem Gebiete der Religion vor dem undurchdringlichen
Zeremonienpanzer zurückbeben musste? Der Inhalt unsrer Religion wird von dem
orientalischen Formelkrame bedroht; der Kern läuft Gefahr, von der Schale
zerdrückt zu werden.
Schon längst hat man die gefahrvolle Stellung des Judentums erkannt, manche
ernste Stimme hat sich erhoben, um unsre Religion von schmachvollem
Untergange zu retten. Haben aber die bittenden und mahnenden Stimmen einigen
Anklang gefunden? Haben insbesondere die Rabbiner den Notruf so vieler
Tausende ihrer Glaubensbrüder gehört? Wenn man sagt, unsere Lehrer und
Seelsorger hätten die Zeit und ihre Stellung nicht begriffen, sie hätten
nicht ihrem Berufe gemäß gewirkt, sie hätten zur Belebung des fast
abgestorbenen Judentums wenig oder gar Nichts beigetragen, dann dürfen diese
hierin keinen sie kränkenden Vorwurf finden. Ihr Verfahren lässt sich wohl
rechtfertigen durch die Verhältnisse der jüngst verflossenen Zeit. Von oben
her wurde ja jeder Weg, der zum Lichte führen konnte, versperrt, man wollte
keine Reform, keinen Fortschritt, sondern Alles war auf das Zurückgehen
berechnet. Eine gefährliche Partei umstrickte ganz Deutschland mit dem Netze
des Mystizismus, alle jesuitischen Ränke wurden benützt, um das Volk in
dumpfe Versunkenheit zu bringen. Was Wunder, dass auch auf die ohnehin
schwache Zahl der Juden der Mystizismus seinen unheilvollen Einfluss
äußerte!
Jene Zeit ist aber vorüber; das politische System, welches den Völkern das
Lebensmark austrocknete, die Blüte alles geistigen Lebens mit eisiger Hand
erstarren machte, ist zertrümmert, und hiermit ist auch für die Wiedergeburt
des Judentums eine neue Ära aufgegangen. Was kann uns jetzt noch hindern,
neue Lebenskeime unsrer der Auflösung nahen Religion zuzuführen, und diese
auf den ihr gebührenden Standpunkt zu setzen? Wir sind freie Deutsche, lasst
uns als Solche frei sein im Glauben und im Handeln, lasst uns das Joch
abwerfen, welches eine knechtende Geistesherrschaft uns aufbürdete! |
An
Euch, Lehrer des Judentums, ist es besonders, wieder gut zu machen, was Eure
Amtsvorfahren an uns verbrochen haben; vereinigt Euch zu einer
konstituierenden Versammlung und bedenkt, dass jeder Verzug gefahrvoll ist.
Schaffet ein im Boden des Judentums wurzelndes Religionsgrundgesetz, und
erklärt Euch entschieden gegen alle Satzungen, die weder dem wahren Geiste
unsrer Religion, noch den Anschauungen der jetzigen Welt entsprechen! Diesen
großartigen Plan zu verwirklichen, ist Männern wie Philippson, Geiger u.A.
vorbehalten.
Die nicht zu verkennende Schwierigkeit der zu lösenden Aufgabe wird
hinlänglich aufgewogen durch die hohe Bedeutung des zu erstrebenden Ziels.
Jede Furcht vor dem Misslingen des Plans muss um so mehr schwinden, wenn man
bedenkt, dass in der jetzigen Zeit für den Dienst der guten Sache viele
Kräfte sich sammeln werden, und dass man da kein Opfer scheuet, wo es sich
um die heiligsten Interessen der Menschheit handelt.
Auf also! Beherziget die gewichtigen Worte eines trefflichen Lehrers: 'Die
Reformfrage ist sehr drängend, sie ist unabweisbar, sie ist die höchste
Notwendigkeit. — Der ganze Bestand unsrer Religion ist dabei interessiert,
und wir erblicken keine Zukunft für dieselbe, Falls sie sich nicht
aufrichtig und ganz der Reform in die Arme wirft." Dr. jur. Steinfeld.
Bemerkung des Redakteurs. Wir haben im Obigen den Abfasser sich
unumwunden aussprechen lassen. Wir nehmen auch die Schlussworte, die
derselbe zitiert, und welche die unsrigen sind (s. No. 23 leitender
Artikel), in ihrem vollen Sinne an. Ist hier und da in diesem Aufrufe etwas
stark aufgetragen, so ist es jetzt keine Zeit, um Worte zu feilschen.
Wahrheit, und nur Wahrheit muss unser Streben, unser Ziel sein. Aber in dem
Einen können wir dem geehrten Herrn nicht beistimmen, wenn er die Lösung der
großen Aufgabe den Rabbinen überweisen will. Die Rabbinen im Ganzen taugen
hiezu nicht. Die Rabbinen als Solche sind selbst zerspaltet und zerrissen
nach allen Richtungen der Zeit. Auch ist die Gegenwart nicht angetan,
solches Werk den Geistlichen zu überlassen, und von ihnen entgegenzunehmen.
Nein! die Zeit allgemeiner Rabbinerversammlungen ist vorbei, sie würden eben
so Weniges Hervorbringen als nützen. Jetzt gilt es, von allen Seiten die
Steine zum Neubau heranzubringen. Wir kennen nur zwei Wege: die Presse und
die freie Assoziation. Die Erstere wird schon, so wie sie in der allgemeinen
Bedrängnis wieder Raum gewinnt, die Fragen ventilieren: die Andere ist
herzustellen, wo und wie es möglich ist. Man hat allerdings in den jüngsten
Jahren die Assoziation auf dem Gebiete des Judentums in Anwendung gebracht.
Wir haben Rabbinerversammlungen, Reformvereine, Genossenschaften u.dgl.
gehabt. Woran sie aber scheiterten, das war erstens der Geist der
Formalitäten, der überall über sie kam. Immer kam man mit Paragraphen,
Geschäftsordnungen, Abgeschlossenheit etc., worunter der Geist und Zweck
erdrückt wurden. Das war zweitens die Gleichgültigkeit, die Lauheit. Es
hatte Alles einen Anklang nur in sehr beschränktem Raume. Nein! versammelt
euch überall und oft. Wo Einer die Befähigung hat, sich an die Spitze einer
Bewegung zu stellen, da tue er es. Was der Gesamtheit Not tut, das kann
jetzt — noch dazu auf rein geistigem Gebiete — kein Einzelner vollbringen
und der Gesamtheit zur Morgengabe bringen — mag es X oder Y heißen — sondern
die, vom Geiste durchdrungene Gesamtheit vermag es allein. Also überall
müssen Versammlungen gehalten, muss geweckt und angeregt werden — dann
werden sich die Tonangeber, die natürlichen Vertreter schon herausstellen. —
Von einem Alp nur hat uns die Neuzeit erlöst, wie der Verfasser selbst sehr
passend andeutet, von der Herrschaft von oben, dass die Regierungen jeder
frischen Geistesregung die Zukunft absprachen, so wie von der Herrschaft von
unten, dass die Massen selbst der Bewegung entgegentraten und deren Träger
knechteten. Nun, dann muss es sich jetzt herausstellen, was die Massen
unserer Glaubensgenossen in geistiger Beziehung wert sind. Sie können nicht
vom einzelnen Genius fordern: gib uns, was wir brauchen mögen, um es
hinterdrein wie ein verzogenes Kind fortzuwerfen — sondern sie müssen selbst
herausschaffen aus dem Chaos, was ihr inneres Leben ist, und haben dann nur
die Frage frei: stimmst du mit uns überein?
Ja, dies ist die Verteilung der Rollen. In der Presse spricht der Einzelne
zur Gesamtheit, in der Assoziation, der Versammlung spricht die Gesamtheit
zum Einzelnen. Fordere man vom Einzelnen in Zukunft nicht mehr, als man von
ihm anzunehmen gesonnen ist. Also noch einmal: Versammlung und Vereinigung
aller Orten! Aber nicht von Rabbiner allein, sondern innerhalb der
Gesamtheit! — Dies ist unsre Meinung." |
Zum Tod von Kaufmann M. Stiefel (1901)
Anmerkung: Meyer Stiefel ist um 1811 geboren und Anfang Juni 1901 in
Abterode gestorben. Er war verheiratet mit Adelheid geb. Grünheit,
die um 1817 in Rotenburg an der Fulda
geboren und am 14. November 1890 in Abterode gestorben ist. Die beiden hatten
sieben in Abterode geborene Kinder: Joseph (geb. 10. Mai 1845), Koppel (geb.
10.Mai 1846), Elias (geb. 5. August 1847), Male (geb. 30. April 1850), Mirjam
(geb. 31. Mai 1853), Lena (Lea, geb. 8. Januar 1855) und Hirsch (geb. 6. Januar
1858, gest. 4. Juni 1932 in Eschwege). Der
im Abschnitt genannte K. = Koppel Stiefel war zunächst Schuhmacher in
Abterode und verzog nach Eheschließung mit Elise geb. Cohen (geb. 6. November
1841 in Hamburg, gest. 18. Dezember 1913 in Hamburg) in die Heimatstadt seiner
Frau. Mit ihr hatte er sieben in Hamburg geborene Kinder, vgl.
https://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I1164&lang=de
Koppel Stiefel starb am 9. Mai 1913 in Hamburg. Über Tochter Selma Zwienick geb.
Stiefel (1882 Hamburg - ermordet 1938 Bremen siehe
https://www.bremerfrauengeschichte.de/2_Biografien/Zwienicki.html)
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 10. Juni 1901: "Abterode. Unser
ältester Ortsbürger, der frühere Kaufmann M. Stiefel, hier, in weiten
Kreisen bekannt (derselbe ist der Vater des in Hamburg wohnhaften Herrn
K. Stiefel), ist in voriger Woche im hohen Alter von fast 90 Jahren
verschieden. Bis zu seinem Tode eine Zierde des gesetzestreuen Judentums,
war er geradezu ein Wunder der Menschlichkeit, indem es ihm vergönnt blieb,
bis in die letzten Stunden, von etwas Schwerhörigkeit abgesehen, die
Rüstigkeit des mittleren Mannesalters zu behaupten; sein Augenlicht blieb
ungetrübt. Zittern kannte er nicht und zu jedem Gottesdienst der Erste im
Andachtshause zu sein, darin sah er eine besondere göttliche Verehrung.
Meilenweite Wege zu Fuß über den hohen Meißner (sein Geschäft befand sich
hier) unternahm er bis in die 80er Jahre tagtäglich und durch seine eiserne
Kraft und Gesundheit war er als der Simson des Kreises Eschwege bekannt.
Welche Verehrung der Verklärte genossen, bewies die Teilnahme der gesamten
jüdischen Bevölkerung aus Ort und Land an dem Leichenbegängnis der Kantor
Lehrer Bachrach aus Abterode hielt die ergreifende Trauerrede." |
Gefallen im Ersten Weltkrieg: Daniel Katzenstein
(aus Abterode, Lehrer in Kassel, 1915)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. August 1915: "Abterode,
29. Juli (1915). Wieder ist einer unserer hoffnungsvollsten jungen Lehrer
im Feindesland gefallen. Daniel Katzenstein hauchte am 17. vorigen Monats
auf den Feldern Russlands im Alter von 21 Jahren seine reine Seele aus.
Katzenstein stammte von hier und genoss seine Ausbildung in der
Präparandenanstalt in Burgpreppach und im Lehrerseminar zu Kassel. Durch
rastlosen Eifer eignete er sich vielseitige und gründliche Kenntnisse auf
allen Gebieten der Schule an. Dabei schmückten ihn die schönsten
menschlichen Tugenden. Im Besitze eines für sein Alter großen jüdischen
Wissens, war er auch als Vorbeter und Vorleser sehr geachtet. Nach seinem
Abgang vom Seminar fand er Anstellung an der dreiklassigen Israelitischen
Volksschule in Kassel und erwarb sich Liebe und Vertrauen der Vorgesetzten
und Kollegen. Freudig, voll Mut und Begeisterung, trat er im Januar 1915
in die Reihen der Tapferen, um die heiligste Pflicht fürs geliebte
Vaterland zu erfüllen, der er nun das Leben geopfert. Tief betrauert wird
er von den gottergebenen frommen Eltern und Geschwistern, aber auch von
seiner Heimatgemeinde. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Jüdischer Volkslehrer" vom 28. Januar 1916: "Heldentod
israelitischer Lehrer. (Den Gefallenen ist die betreffende Nummer, mit
der sie in der 'Jüdischen Volkszeitung' in der Rubrik 'Heldentod' aufgeführt
sind, in Parenthese beigefügt).
... Kassel ... Von den im hiesigen israelitischen Lehrerseminar
ausgebildeten Lehrern haben die nachfolgenden den Heldentod fürs
Vaterland erlitten:
- H. Abraham aus
Schenklengsfeld (Heldentod Nr. 376), zuletzt Lehrer in
Niedenstein, Unteroffizier in einem
Reserve-Regiment (Inhaber des Eisernen Kreuzes II, Kl. Nr. 71)
- J. Blumenfeld aus Momberg,
zuletzt Lehrer in Petershagen in Westfalen, (Nr. 697), Gefreiter in einem
Reserveregiment.
- W. Rosenstock aus Eiterfeld,
Lehrer in Wiesbaden (Nr. 2255)
- W. Rothschild aus Eisenach.
Lehrer in Bad Driburg (Nr. 1524).
- D. Katzenstein aus Abterode, Ersatzreservist im
Infanterie-Regiment Nr. 83, (Nr. 1523). Letzterer hat nach abgelegter
Prüfung an der öffentlichen Volksschule zu Kassel unterrichtet. Die Anstalt
hat das Andenken des jungen Helden dadurch geehrt, dass sie seine
vergrößerte Photographie in dem Klassenzimmer, in welchem er zuletzt lehrte,
anbringen ließ." |
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Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 12. August 1915: "Auf den
Schlachtfeldern Russlands hat unser Kollege
Daniel Katzenstein den Heldentod fürs Vaterland erlitten.
Am 24. vorigen Monats traf die erschütternde Nachricht ein, dass wieder
einer der hoffnungsvollsten unserer Kollegen und Freunde im Feindesland
gefallen sei. Es war unser lieber Freund Daniel Katzenstein, der auf
den Feldern Russlands seine reine Seele aushauchte. 'Ach, der Krieg
verschlingt die Besten!' Katzenstein ist am 21. Juli 1894 in Abterode
(Kreis Eschwege) geboren. Nach fleißiger Arbeit in der dortigen
israelitischen Volksschule besuchte er drei Jahre die
Präparandenschule in Burgpreppach
und dann, wohl vorbereitet, das Lehrerseminar in Kassel. Durch rastlosen
Eifer eignete er sich vielseitige und gründliche Kenntnisse an. Dabei
schmückte ihn ein tadelloses Betragen, vereint mit großer Bescheidenheit.
Sein Wissen im Jüdischen war für sein Alter besonders lobenswert, als Chason
(Vorbeter) und Balkore (Vorleser) waren seine Leistungen
vortrefflich. In einigen Gemeinden, in denen er aushilfsweise diese
Funktionen verrichtete, fand er große Anerkennung. Infolge seiner
Tüchtigkeit fand er Ostern 1914 nach seinem Abgang vom Seminar alsbald
Anstellung an der dreiklassigen israelitischen Volksschule in Kassel. Seine
Vorgesetzten und Kollegen an derselben wissen am besten, wie pflichtgetreu
und erfolgreich er seiner Tätigkeit oblag. Sie sollte leider von nur kurzer
Dauer sein! Bald nach dem Ausbruch des Krieges trat er in das 83.
Infanterieregiment ein, mit dem er im Monat Januar ins Feld zog. Freudig,
voll Mut und edler Begeisterung, trat er in die Reihen der Tapferen, um die
heiligste Pflicht fürs geliebte Vaterland zu erfüllen. Schwere Kämpfe hat er
mitgemacht, viel erlitten, bis ihn am 17. d. Mts., vier Tage vor seinem 21.
Geburtstag, die tödliche Kugel traf. Tief betrauert wird er von den Eltern
und Geschwistern, allseitig betrauert auch von seiner Heimatgemeinde. Der
Geistliche des Ortes, Herr Pfarrer Paulus, gedachte seiner in ebenso
ehrender wie ergreifender Weise beim Kriegsgottesdienst. Die andächtige
Gemeinde war tief bewegt. Das Andenken des Gefallenen sei zum Segen!
Bachrach - Abterode." |
Goldene Hochzeit von Levi Ronsheim und Marianne geb.
Goldschmidt (1915)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September 1915: "Abterode,
12. September (1915). In körperlicher und geistiger Rüstigkeit begingen
Herr Levi Ronsheim und Frau Marianne geb. Goldschmidt dahier das Fest der
goldenen Gochzeit. Von den noch lebenden 10 Kindern des Jubelpaares stehen
4 unter den Fahnen. Herr Kreisrabbiner Dr. Cohn - Eschwege überreichte
die vom Kaiser verliehene Jubiläumsmedaille." |
Diamantene Hochzeit von Levi Ronsheim und Marianne geb. Goldschmidt
(1925)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. September 1925: "Abterode
bei Eschwege, 31. August (1925). Die Eheleute Levi Ronsheim und Marianne
geb. Goldschmidt, 87 beziehungsweise 81 Jahre alt, konnten heute im Kreise
ihrer großen Kinder, Enkel und Urenkel die Diamantene Hochzeit feiern.
Das Ehepaar hatte 12 Kinder; 8 sind noch am Leben. Herr Ronsheim war über
vier Jahrzehnte Gemeindeältester." |
Zum Tod von Rickchen Plaut (1925)
Artikel in der Zeitschrift
"Der Israelit" vom 14. Mai 1925: "Abterode (Kreis Eschwege), 10. Mai (1925). Im Alter von 84 Jahren
verschied hier Fräulein Rickchen Plaut, die älteste Einwohnerin des
Ortes. Seit einigen Jahren war die Verstorbene erblindet und an beiden
Seiten gelähmt." |
Zum Tod von Joseph Oppenheim (1925)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. September 1925: "Abterode
bei Eschwege, 31. August (1925). Im 75. Lebensjahr starb hier Joseph
Oppenheim, ein Mann von seltenen Gaben des Herzens und des Geistes. Vier
Jahrzehnte Gemeindeältester, sorgte er Vorbildlicherweise für das Wohl
der Gemeinde. Er wirkte als Hilfsvorbeter an allen Festtagen und Mohel
(Beschneider) eines großen Bekanntenkreis, eine Mizwoh (religiöse
Weisung), die er unentgeltlich geübt und für die sich viel Geld kosten
ließ. Selten groß in Gottesfurcht und Gottvertrauen, hatten die frei
Säulen des Judentums: Thauroh (Tora), Awaudoh
(Gottesdienst) und Gemilus chasodim (Wohltätigkeit) einen
ausgezeichneten Vertreter an ihm, wie solche in den kleineren Gemeinden
zur großen Seltenheit geworden sind. Der Lehrer der Gemeinde, sowie sein
Vorgänger schilderten in ihren Gedenkreden das vielseitige Wirken dieses Gottesdieners.
Seine 8 Kinder, darunter 5 Söhne, einer derselben Mohel
(Beschneider), wandeln in seinen Wegen. Der jüngste Sohn, der an der
Vorbereitung hierzu stand und ein besonderer wichtiger Mann war,
fiel im Weltkrieg. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens." |
70. Geburtstag des langjährigen ehrenamtlichen Vorbeters Heß M. Oppenheim
(1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juni 1927: "Abterode, 15. Juni (1927). Seinen 70. Geburtstag begeht heute in
körperlicher Rüstigkeit und Geistesfrische Herr H. M. Oppenheim dahier.
Seit 50 Jahren versieht er ehrenamtlich das Amt eines Vorbeters und ist
bei Juden und Christen in höchstem Maße beliebt und angesehen.
Jahrzehntelang bekleidet er schon das Amt eines
Gemeindeverordneten." |
| |
Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 10. Juni 1927: "Abterode. Am 15. Juni
vollendet Herr H. M. Oppenheim in Abterode sein 70. Lebensjahr.
Seit Jahrzehnten ist derselbe Gemeindeverordneter der Gemeinde Abterode.
Auch in der jüdischen Gemeinde nimmt er eine geachtete und führende
Stellung ein. So versieht er seit fünfzig Jahren ehrenamtlich das
Vorbeteramt. Wir wünschen ihm, noch eine Reihe von Jahren in Gesundheit
zu verbringen." |
Zum Tod von Jakob Katzenstein (1927)
Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 23. Dezember 1927: "Abterode. Von einem
tragischen Schicksal wurde hier Herr Jakob Katzenstein betroffen.
Am vorigen Sabbat, als er sich anschickte, anlässlich der Barmizwah
seines Enkels zur Synagoge zu gehen, wurde er plötzlich durch einen
Schlaganfall dahingerafft." |
70. Geburtstag von Rosa Westheim
(1928)
Meldung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Juni 1928: "Abterode, 10. Juni (1928). Ihren 70. Geburtstag beging Frau Rosa
Westheim in größter Geistesfrische." |
90. Geburtstag von Levy Ronsheim, 82. Geburtstag von
seiner Ehefrau Marianne geb. Goldschmidt (1928)
Artikel in der
"Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 13. Juli 1928: "Abterode. Am 10. Juli feierten Herr
Levy Ronsheim und dessen Ehefrau Marianne geb. Goldschmidt,
ihren Geburtstag. Der Ehemann wurde 90, die Ehefrau 82 Jahre alt. Beide
Ehegatten sind geistig noch sehr rüstig; die Ehefrau versieht ihren
Haushalt allein ohne jede Hilfe. Vor drei Jahren feierten die Hochbetagten
ihre diamantene Hochzeit." |
Zum Tod von Levi Ronsheim (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Januar 1929: "Abterode, 21. Januar (1929). Hier starb Levi Ronsheim im 91.
Lebensjahr, das älteste Mitglied der hiesigen Gemeinde. 40 Jahre wirkte
er als Gemeindeältester in segensreicher Weise, bis er aus
Altersrücksichten gezwungen war, sein Amt niederzulegen. Mit seiner jetzt
84jährigen wackeren Gattin lebte er 63 Jahre in harmonischer Ehe. Vor 3
Jahren noch konnte er mit seiner Frau in größter Rüstigkeit und
geistiger Frische die diamantene Hochzeit feiern. An seiner Bahre
schilderte Herr Lehrer Spier das wechselvolle Leben des Dahingeschiedenen.
Eine große Trauergemeinde folgte seiner Bahre. Seine Seele sei
eingebunden in den Bund des Lebens." |
| |
Artikel in der
"Jüdisch-liberalen Zeitung" vom
25. Januar 1929: "Abterode (Persönliches). Hier ist im Alter
von 91Jahren der älteste Einwohner des Ortes, der ehemalige
Gemeindeälteste Ronsheim, gestorben. Vier Jahre hat er die
Gemeindeinteressen mit Umsicht und Eifer vertreten. Lehrer Spier widmete
dem Entschlafenen am Grabe einen ehrenden Nachruf". |
Goldene Hochzeit von Heß M. Oppenheim und seiner Frau
(1934)
Artikel
in der Zeitschrift vom 28. Dezember 1934: "Abterode, 22.
Dezember (1934). Am 25. Tebet, dem 31. Dezember, können bei seltener
geistiger und körperlicher Frische Herr Heß M. Oppenheim und Frau
das Fest der Goldenen Hochzeit feiern. Der Jubilar übt seit
ungefähr 50 Jahren ehrenamtlich das Amt des Vorbeters an den Feiertagen
und an den ehrfurchtgebietenden Tagen aus und viele, die diese Zeilen
lesen, werden sich erinnern, mit welcher Andacht Herr Oppenheim die Gebete
zu verrichten versteht. Auch andere Ehrenposten innerhalb der jüdischen
und früher auch in der politischen Gemeinde sind dem Jubilar seit
Jahrzehnten übertragen. - Möge es dem Jubelpaar vergönnt sein, noch
viele Jahre zu wirken. (Alles Gute) bis 120
Jahre." |
Kleine Mitteilungen
- Bericht über die Jacobsohn-Schule, Realschule mit (Reform-)Realprogymnasium
in Seesen am Harz 1895-96 S. 16: an Ostern 1895 macht das Abitur:
Benjamin Weinberg (geb. 18.2.1878 in Abterode, Sohn des verstorbenen
Schuhmachers Weinberg), Berufsziel: Kaufmann.
- Spendensammlung bei der Verlobung von Fräulein Ronsheim (Abterode)
mit Herrn Holstein aus Gensungen durch Herrn Bachrach (in:
Rechenschafts-Bericht von Achawa. Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger
israelitischer Lehrer usw. 1897 S. 8).
- Im "Israelitischen Centralwaisen- und Mädchenheim" in (Bad) Ems ist ein
Kind aus Abterode (in: "Der Gemeindebote" vom 11. Januar 1901 S. 3)
- Bei einer Religionsdisputation im kurfürstlichen Schloss in Hannover zu
Beginn des 18. Jahrhunderts (1704) war auch ein im jüdischen Lehrhaus in
Hannover lebender Aron aus Abterode beteiligt (in: "Der Israelit" vom
24. November 1902 S. 1962)
- 70. Geburtstag von Bertha Oppenheim geb. Löbenstein (Abterode) am 3.
Dezember 1920 (im "Israelitischen Familienblatt" vom 27. November 1920)
- 70. Geburtstag von Malchen Rothschild geb. Goldschmidt (Abterode) am
17. Mai 1938 (in: "Israelitisches Familienblatt" vom 12. Mai 1938 S.16)
- 60. Geburtstag von David Westheim (Abterode) am 30. Mai 1938 (in
"Israelitisches Familienblatt" vom 19. Mai 1938 S. 16).
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige von Färbermeister L. Lautmann (1878)
Anmerkung: Der Färbermeister Levi Lautmann ist am 16. März 1813 in
Abterode geboren als Sohn des Joseph Lautmann und der Rahel geb. Heilbrunn. Am
14. Dezember 1841 heiratete er Betty geb. Katz aus
Diemerode. Levi Lautmann war von 1867 bis
1873 einer der Gemeindevorsteher in Abterode. Er starb am 4. Februar 1901 und
wurde im jüdischen Friedhof Abterode
beigesetzt: siehe
https://lagis.hessen.de/resolve/de/juf/4730.
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Dezember 1878: "Einen kräftigen
Lehrling sucht
L. Lautmann, Färbermeister, Abterode, Reg.-Bezirk Kassel.
Samstag und Feiertage geschlossen." |
Anzeige der Witwe Rahel Katzenstein
(1889)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Februar 1889:
"Suche für meine 16-jährige Tochter in religiösem Hause Stellung
als Dienstmädchen.
Witwe Rahel Katzenstein, Abterode". |
Anzeige der Witwe von J. Rothschild
(1897)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Februar 1897: "Suche für meine
16jährige Tochter ein strengreligiöses Haus behufs gründlicher,
häuslicher und gesellschaftlicher Ausbildung, geeigneten Falls gegen
entsprechendes Honorar.
Witwe J. Rothschild, Abterode bei Eschwege." |
Anzeige der Frau von Markus
Heilbrunn (1898)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. März 1898: "Suche für meine
16jährige Tochter in einem streng-religiösen Hause Stellung, wo sie
sich im Häuslichen, sowie im Gesellschaftlichen ausbilden könnte, eventuell
gegen Vergütung.
Frau Markus Heilbrunn, Abterode, Kr. Eschwege." |
Anzeige von J. M. Oppenheim -
Stellensuche für seinen Sohn (1899)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. April 1899: "Suche für meinen
Sohn, Lehrlingsstelle in einem Manufaktur- oder
Kolonial-Waren-Geschäft, wo am Schabbat und an Feiertagen streng
geschlossen
streng geschlossen.
J. M. Oppenheim, Abterode." |
Anzeige des Metzgermeisters Lehmann
Heilbrunn (1902)
Anmerkung: Lehmann Heilbronn ist am 30. Juni 1876 in Abterode geboren. Zur
Familie:
https://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I90163&lang=de
Er starb am 1. Januar 1935 in Abterode und wurde auf dem dortigen jüdischen
Friedhof begraben:
https://lagis.hessen.de/de/personen/juedische-grabstaetten/alle-eintraege/4928_heilbrunn-lehmann-ii-1935-abterode
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 16. Oktober 1902: "Suche für meine
Metzgerei und Wurstlerei einen
kräftigen Lehrling
aus achtbarer Familie, unter günstigen Bedingungen. Samstag und Feiertage
streng geschlossen.
Lehmann Heilbrunn,
Abterode bei Eschwege." |
Anzeige von H. M. Oppenheim -
Stellensuche für seinen Sohn (1903)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 22. Januar 1903: "Suche für meinen
Sohn zu Ostern
Lehrstelle
in einem flotten, Sabbat- u. Festtage streng geschlossenen
Manufakturwaren-Geschäft. Pension im Hause erwünscht.
H. M. Oppenheim, Abterode." |
Anzeige von Samuel Rothschild -
Stellensuche (1916)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 16. November 1916: "Junges Mädchen
aus bestem Hause sucht
Stellung in Haushalt
eventuell auch im Geschäft.
Gefällige Angebote zu richten an
Samuel Rothschild Viehgeschäft
Abterode bei Eschwege." |
Anzeige von Isaak Rothschild -
Stellensuche für seine Tochter (1917)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 15. März 1917: "Suche für meine
Tochter
Stelle als Stütze
in Geschäft und Haushalt in nur rituellem Hause. Gutes Zeugnis und
Referenzen zu Diensten. Familienanschluss erwünscht.
Isaak Rothschild,
Abterode (Bez. Kassel)." |
Anzeigen der Buchbindermeister Leiser Heilbrunn (1875) und Levi Heilbrunn (1934)
Anmerkung: Leiser Heilbrunn ist am 25. Juli 1843 geboren. Er war zunächst
Buchbinder in Wichmannshausen (1869),
danach in Abterode. Sein Sohn Levi Heilbrunn ist am 2. Februar 1885 in Abterode
geboren und wurde wie sein Vater Buchbinder und Buchdrucker. Genealogisches
siehe
https://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I90221&lang=de und
https://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I90223&lang=de Grab
von Leiser Heilbrunn (gest. 1922)
https://lagis.hessen.de/resolve/de/juf/4931
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1875: "Als Buchbinderlehrling
kann ein gesunder, kräftiger Jüngling beim Unterzeichneten, dessen Geschäft
am Sabbat und an Festtagen streng geschlossen, unter günstigen Bedingungen
sofort eintreten.
Leiser Heilbrunn, Buchbindermeister
in Abterode, Prov. Hessen." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Februar 1934:
"Buchbinderarbeiten
und sämtliche Drucksachen
preiswert und gut bei
Levi Heilbrunn,
Abterode, Bezirk Kassel". |
Verlobungsanzeige von Thea Grünebaum und Semi Plaut
(1936)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Dezember 1936: "Gott
sei gepriesen.
Thea Grünebaum - Semi Plaut.
Verlobte.
Neukirchen Krs. Ziegenhain - Kirchhain, Bez. Kassel /
Abterode, Kreis Eschwege." |
Zur Geschichte der Synagoge
Bereits im 17. Jahrhundert dürfte ein Betsaal
vorhanden gewesen sein. Danach bestand eine erste Synagoge. Aus dem Jahr 1729
wird von der Einweihung einer neuen Torarolle berichtet, die mit einer üblichen
Prozession vom Haus des Stifters zur Synagoge durchgeführt wurde. Nach einem
Bericht von 1791 war die Synagoge damals im Gebäude Hinterweg 7. Das
heute hier stehende breit gelagerte Fachwerkhaus weist einen für die
Synagogenräume der Region typischen quadratischen Grundriss auf.
Das bis
heute erhaltene Synagogengebäude wurde um 1830 erbaut (nach älteren Angaben um
1870/71). Es steht inmitten des Ortes an einer Kreuzung mehrerer Straßen. Bei
diesem Bau handelt es sich (Beschreibung nach Altaras s. Lit. 1988 S. 70-71) um
einen zweigeschossigen Massivbau in Quadermauerwerk aus rotem Sandstein mit
einem Walmdach. Der Bau wurde vollkommen symmetrisch gestaltet, in dem sich
jeweils die gegenüberliegenden Seiten gleichen. Die Nord- und Südseite sind
durch Eck- und Mittellisenen auf zwei, die Ost- und Westseite durch zwei
Mittellisenen auf drei Felder unterteilt. Der Zugang ist von Westen her durch
ein großes Rundbogen-Eingangsportal in der Mittelachse. Gegenüber, in der
mittleren Fläche des Erdgeschosses an der Ostseite, findet sich ein schmales
Hufeisenbogen-Portal.
1929 wurde in der Synagoge eine Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten
Weltkrieges aus Abterode angebracht. Über die gottesdienstliche Feier zur
Einweihung liegt folgender Bericht vor:
Einweihung einer Ehrentafel für die
Gefallenen des Ersten Weltkrieges (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1929: "Abterode, 21. Mai (1929). In unserer nur 86 Seelen zählenden
Gemeinde fand die Einweihung einer Ehrentafel für die neun im Weltkrieg
gefallenen Heldensöhne aus unserem Orte statt, die von
Regierungsbaumeister Sichel - Kassel entworfen und von der Firma Gebr.
Halle - Kassel hergestellt worden war. Die schlichte Feier wurde
eingeleitet durch einen Psalmgesang, gesungen von Herrn Lehrer Spier.
Daraufhin hielt Herr Kreisrabbiner Dr. Baßfreund - Eschwege
die Weiherede. Anknüpfend an die Sefira-Zeit der Erinnerung an
jüdische Glaubenshelden, die selbst den Tod nicht gescheut haben, um der
Gesamtheit zu dienen, verglich er diese Märtyrer mit den Helden der
Neuzeit, die ebenfalls dem Tode mutig entgegen gingen, um die Heimat zu
schützen. Mit der Mahnung an die Gemeinde, die Ehrentafel in ihre
besondere Obhut zu nehmen, schloss er seine tief empfundene Weiherede. In
eindrucksvoller Weise sang Herr Kantor Bacharach Eschwege
das "der Mensch - wie Gras sind seine Tage (Psalm 103,15)"". |
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Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und
Waldeck" vom 17. Mai 1929: "Abterode. Einen treffenden Beweis gegen den Vorwurf der jüdischen Drückebergerei im Kriege bot die Einweihung der Ehrentafel in der hiesigen Gemeinde. Auf einer vom Herrn Regierungsbaumeister Sichel – Kassel entworfenen und von der Firma Gebr. Hall hergestellten Tafel sind in Goldschrift die Namen von neun Todesopfern aufgezeichnet, die der Krieg uns entrissen. Neun Gefallene in einer Gemeinde, die insgesamt 86 Seelen zählt, und dennoch erlebten wir es, dass in einer hiesigen Wahlversammlung des vergangenen Jahres das Märchen von der Drückebergerei der Juden auflebte und scharf zurückgewiesen werden musste. Die schlichte Feier wurde eingeleitet durch das
"Adon moh Odom", gesungen von Herrn Lehrer Spier. Daraufhin hielt Herr Kreisrabbiner Dr. Baßfreund –
Eschwege die Weiherede. Anknüpfend an die Sefirahzeit, der Zeit der Erinnerung an jüdische Glaubenshelden, die selbst den Tod nicht gescheut haben, um der Gesamtheit zu dienen, verglich er diese Märtyrer mit den Helden der Neuzeit, die ebenfalls dem Tod mutig entgegen gingen, um die Heimat zu schützen, um der Gesamtheit zu dienen. Sie haben damit eine der Hauptforderungen des Judentums erfüllt, die darin besteht, der Gesamtheit die größten Opfer zu bringen. Mit der Mahnung an die Gemeinde, die Ehrentafel in ihre besondere Obhut zu nehmen, schloss Herr Dr. Baßfreund seine tiefempfundene Weiherede. In eindrucksvoller Weise sang nun Herr
Kantor Bacharach – Eschwege das
"Enosch k’chozir jomow", worauf Herr Lehrer Spier als ehemaliger Kriegsteilnehmer und Mitglied des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten die Zuhörer ermahnte, überall und in jedem Falle für unsere Gefallenen einzustehen, dafür zu sorgen, dass ihr Name und ihr Geschlecht so lebendig bleiben, so weihevoll und so rein, wie Name und Geschlecht all ihrer toten Kameraden. Mit einem Schlussgesang des Herrn Bacharach fand die ernste Feier ihren
Abschluss.". |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge im
Inneren völlig demoliert. Das Gebäude selbst wurde nur leicht beschädigt. Nach den vorliegenden Berichten (Quelle:
Heimatgeschichtlicher Wegweiser s. Lit. S. 233) wurde die Synagoge bereits am
Abend des 8. November 1938 demoliert. An diesem Abend brannte keine
Straßenbeleuchtung im Ort; die Polizei befand sich weit entfernt außerhalb des
Ortes, Menschen aus anderen Orten der Umgebung waren in großer Zahl nach
Abterode gekommen und die Bürgermeister nahmen an einer Sitzung in Eschwege
teil. Die organisierte Menge demolierte die Synagoge. und die Wohnungen der
jüdischen Einwohner, die auch misshandelt wurden. Während dieser Ereignisse
befand sich die SA und ihre Leitung zu einer Besprechung in der Gastwirtschaft
von Zimmermann, um über die kurzfristig geplanten Aktionen zum reichsweiten
Novemberpogrom zu beraten. Die Abteröder Juden wurden verhaftet und nach Eschwege
transportiert. 1944 kaufte der Spar- und Darlehnskassenverein das Gebäude
und verwendete es als Lagerraum.
Auch nach 1945 wurde das Synagogengebäude als
Lagerraum für Futtermittel verwendet. Zur Verwendung als Lager wurden eine
Rampe und ein Vordach im Westen angebaut. Ein kleiner moderner Neubau der
Raiffeisenbank wurde an der Nordseite angebaut. Anlässlich der
900-Jahrfeier von Abterode im Jahr 1976 wurde die Synagoge im Außenbereich
renoviert. Die Nutzung der ehemaligen
Synagoge als Lager wurde Anfang der 1990er-Jahre eingestellt, die Räumlichkeiten
wurden insgesamt zu einer Bankstelle umgebaut. Hierzu war der Einbau einer
Zwischendecke notwendig. Im Zusammenhang mit dem Umbau erfolgte eine
Renovierung des gesamten Gebäudes, bei der das Landesamt für Denkmalpflege mit
integriert war. Gefunden wurde beim Umbau eine Genisa mit zahlreichen
Schriften, Gebetbüchern und rituellen Gegenständen (u.a. Gebetsriemen, Megilat
Ester, Torawimpel). Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten der Wand- und
Deckenmalereien sind noch nicht abgeschlossen. Die Funde aus der Genisa waren jahrelang verschollen, wurden jedoch
2018 wiederentdeckt (siehe Presseartikel unten).
Die Hinweis- und Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge enthält den Text
(siehe unten): "Ehemalige Synagoge der jüdischen Gemeinde Abterode. Erbaut
1871. Seit 1944 im Besitz des Spar- und Darlehenskassenvereins Abterode.
Niederlassung der Raiffeisenbank Meißnervorland eG., die das bis dahin als
Zahlstelle und Lager genutzte Gebäude in 1992/93 grundlegend renovierte. Dem
Schicksal der Abteröder Synagoge und ihrer Gemeinde gedenkt die Eintragung
Abterodes im Tal zerstörter jüdischer Gemeinden "Yad Vashem" in
Israel."
2019 wurde im Obergeschoss des Synagogengebäudes ein "Lern- und Gedenkort" für
jüdisches Leben eingerichtet (siehe Presseartikel unten).
Adresse/Standort der Synagoge: Nähe der
Ortskirche (Hinterweg 1)
Fotos
(Quelle: Fotos in den mit *) markierten Zeilen aus der
Publikation von Kollmann/Wiegand s.Lit.; Fotos vom März 1985 aus: Altaras s. Lit. 1988 S.
71; neuere Fotos von Jürgen Hanke, Kronach aus www.synagogen.info)
Lage der
jüdischen Wohnhäuser
um 1791 in Abterode* |
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Die jüdischen
Familien wohnten in der
Kirchkranzbebauung und am Steinweg |
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| Die Synagoge in
Abterode |
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Die
Synagoge auf einer Postkarte
um 1900 (mit freundlicher Erlaubnis von
F. Bányai, Website www.judaica.cz)
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Die Synagoge um
1900* |
Decken-
und Wandmalerei der Abteröder
Synagoge (im Obergeschoss der heutigen
Bankfiliale, Aufnahme 1996) |
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Die
Synagoge nach dem
Novemberpogrom 1938 |
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Die
Inneneinrichtung wurde völlig demoliert |
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Die ehemalige Synagoge in
den 1980er-Jahren |
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Das Gebäude von Norden mit
dem
angebauten Bau der Raiffeisenbank |
Die Laderampe an der Westseite
mit dem Vordach |
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Die ehemalige Synagoge
nach
der Restaurierung (2004) |
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Die ehemalige
Synagoge
im April 2009
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum: 8.4.2009) |
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Blick auf die
ehemalige Synagoge mit
dem heutigen Eingang in das Gebäude
links auf der
Nordseite |
Im Hintergrund die
Pfarrkirche
(1867/68 erbaut); rechts die Nordseite
der ehemaligen Synagoge |
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Die
ehemalige Synagoge von zwei Seiten: deutlich ist der vollkommen
symmetrische Bau:
die Ost- und Westseite (siehe oben) sind durch
Mittellisenen in drei Felder unterteilt;
die Gurtgesimse ergeben eine
Aufteilung in jeweils sechs Flächen: jede Fläche hat eine
Tür- und
Fensteröffnung. |
Detailaufnahme mit
dem umlaufenden
Fries im Zahnschnittprofil unter dem
Dachgeschoss;
zweiteiliges Fenster
mit Mittelsäule |
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| Ostseite |
Links Südseite,
rechts Ostseite
des Gebäudes mit Blick zur Pfarrkirche |
Eingang in das
Gebäude
(von innen gesehen) |
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Inschrift
- Zitat aus Jesaja 2,3: "lasset uns
hinaufgehen zum Berge des Ewigen,
zum
Hause des Gottes Jakobs" (die markierten
Buchstaben ergeben das
Jahr des
Synagogenbaus). |
Dekorative
Schmuckelemente
unter den Fenstern
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Gedenktafel
(Text siehe oben)
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| Funde aus der
Genisa* |
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| Fragment einer
Megilla (Buch Esther) |
Torawimpel:
Hochzeitspaar unter der
Chuppa und entrollte Tora mit Schrift:
"Dies
ist die Tora, die Mose gegeben hat" |
Hebräische
Schriften |
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Ehemaliges
jüdisches Schulhaus* |
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Das ehemalige
jüdische Schulhaus
im Steinweg 47, Hinterhaus |
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Andernorts
entdeckt: Gedenken an den
Gefallenen Moses Oppenheim aus Abterode
(Foto erhalten von Hans Lesage
www.weltkriegsgraeber.be
) |
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Der Name von Moses
Oppenheim ist eingetragen auf einer
Gedenktafel im deutschen Soldatenfriedhof in Menen (Belgien) |
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Weitere Fotos
im "Wissenschaftlichen Bildarchiv"
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| Juni 2017:
Besuch von Nachkommen der Familie Westheim in
Abterode |
Am
Grab des Vorfahrs Lehmann David Westheim: Dr. Alan Westheim mit Ehefrau
Adrienne, Tochter Sara und Sohn Jares im jüdischen Friedhof Abterode.
Dazu Bericht von Thomas Beck in der Website des Heimatvereins Datterode
e.V.
http://www.heimatverein-datterode.de/de/component/content/article/29-de/veranstaltungsarchiv-2017/372-im-dorf-der-vorfahren |
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| März 2018:
Genisa (wieder-)entdeckt |
Artikel in der HNA.de (Lokales -
Witzenhausen) vom 8. März 2018: "Fund soll teilweise restauriert und ausgestellt werden.
Abterode: Verschollene jüdische Schriften aufgetaucht.
Abterode. Verschollen geglaubte jüdische Schriften und Kultusgegenstände sind jetzt durch Zufall in Abterode wiederentdeckt worden.
Pfarrer Andreas Heimann hatte diese beim Aufräumen des alten Archivs der evangelischen Kirchengemeinde gefunden. Für Dekan Dr. Martin Arnold ist das ein
'unglaublicher Glücksfall'. Er wisse nur von einer weiteren solchen Entdeckung dieses Umfangs in Hessen.
Der Fund beinhaltet neben ein- und zweisprachigen Bibelausgaben unter anderem auch eine große Pergamentschriftrolle, die Teil der Esther-Geschichte ist. Die handelt laut Arnold auch davon, wie schwer es jüdische Gemeinden als Minderheiten in der Ferne hatten und sie dennoch dank Gott behütet waren.
'Es ist interessant, dass ausgerechnet ein Pergament-Stück mit dieser Geschichte in Abterode gefunden worden
ist', erzählt Arnold und spielt damit auf die Zeit des Nationalsozialismus’ an.
Als zweite große Besonderheit des Fundes nennt er einen Tora-Wimpel, auch Mappa genannt.
'Das war das Beschneidungstuch der Jungen, das bestickt wurde', erklärt der Dekan. Viele persönliche Informationen seien deshalb auf diesem Tuch enthalten, die nun entschlüsselt werden sollen.
'Das ist ein interessanter Forschungsansatz.'
Denn wieder in der Versenkung verschwinden sollen die Schriften und die Gegenstände nicht:
'Wir würden die gerne von einem Experten sichten, katalogisieren und einzelne Stücke dann restaurieren
lassen', spricht Arnold das weitere Vorgehen an, wie mit dem Fund umgegangen werden soll. Ausgestellt werden könnten die Exponate dann in dem gerade entstehenden Lern- und Gedenkort im Obergeschoss der ehemaligen Synagoge in Abterode, den der Verein Aufwind derzeit aufbaut und im Sommer 2019 eröffnen will.
'Der wird sehr eindrücklich werden', sagt Vereinsvorsitzender Matthäus
Mihm..."
Link
zum Artikel |
Vgl. auch Bericht in der Seite http://www.kirchenkreis-eschwege.de/scripts/news/912/63874?layout=9&hom=hom
sowie Bericht in lokalo24.de vom 14. Juli 2018:
https://www.lokalo24.de/lokales/werra-meissner-kreis/markt-spiegel/alte-juedische-schriften-gegenstaende-abterode-entdeckt-10031763.html |
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Juni 2019:
Pergamentrolle (Megillat-Ester)
wieder zurück in der Synagoge |
Artikel von Tobias Stück in der
"Werra-Rundschau" vom 18. Juni 2019: "Pergamentrolle ist nach der
Restauration zurück in Abterode
Die Reste einer Pergamentrolle, die im vergangenen Jahr in Abterode
wiederentdeckt wurde, ist aus der Restauration zurückgekehrt.
Restaurator und Konservator Hans-Dieter Lomp (Schlitz-Queck) hat das
Schriftstück in einem speziellen Verfahren geglättet und gereinigt. Das
Dokument hatte sich noch vor einigen Monaten 'in einem beklagenswerten
Zustand' befunden. Es war sehr zerknittert. Brandflecken, Mäusefraß und
Dreck hatten der hebräischen Handschrift auf dem Dachboden arg zugesetzt.
Lomp gehört zu den wenigen Spezialisten, die über das dazu nötige Fachwissen
verfügen. Bei seinen Untersuchungen konnte Lomp feststellen, dass es sich
bei diesem Pergament um Kalbshaut handelt, die mit Eisen-Gallus-Tinte
beschrieben wurde. Die Löcher im Pergament sind durch Brand entstanden. 'Wir
haben bewusst auf eine Restauration verzichtet', sagte Dekan Dr. Martin
Arnold, 'man soll die Schäden und Gebrauchsspuren weiterhin sehen können.'
Pfarrer Andreas Heimann hatte die Schriftrolle beim Aufräumen des alten
Archivs der evangelischen Kirchengemeinde gefunden. Sie ist Teil der
Esther-Geschichte. Die handelt laut Arnold auch davon, wie schwer es
jüdische Gemeinden als Minderheiten in der Ferne hatten und sie dennoch dank
Gott behütet waren. 'Es ist interessant, dass ausgerechnet ein
Pergament-Stück mit dieser Geschichte in Abterode gefunden worden ist',
erzählt Arnold und spielt damit auf die Zeit des Nationalsozialismus’ an. In
der ehemaligen Synagoge in Abterode soll am 2. November 2019 ein Lern- und
Gedenkort für jüdisches Leben in der Region Werra-Meißner eröffnet werden.
Die restaurierte Pergamentrolle gehört zu den Exponaten dieser Ausstellung.
Die Arbeiten an der Schriftrolle haben etwa 1500 Euro gekostet. Bisher sind
dafür 1100 Euro an Spenden eingegangen. Wer mithelfen möchte, die Restkosten
aufzubringen, kann dies mit einer Spende auf das Konto des Kirchenkreisamtes
Eschwege, IBAN DE91 5206 0410 0001 2001 00, unter dem Verwendungszweck
'Pergamentrolle Synagoge Abterode' tun."
Link zum Artikel |
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November 2019:
In der ehemaligen Synagoge
wurde ein Lern- und Gedenkort eröffnet |
Artikel von Kristin Weber in der
"Werra-Rundschau" vom 5. November 2019: "'Das Schweigen brechen'. Lern- und
Gedenkort in Abteroder Synagoge ist eröffnet
Im Lern- und Gedenkort für jüdisches Leben, der in der ehemaligen Synagoge
Abterode eröffnet wurde, können Gruppen von rund 20 Personen, vor allem
Schüler, Einblicke in die Zeit bekommen, als Juden und Christen in den
Dörfern des Werra-Meißner-Kreises als Nachbarn zusammenlebten.
Medial zeitgemäß aufbereitet am großen Wandbildschirm, können sie
historische Fotos betrachten oder Videos mit Zeitzeugenberichten ansehen.
Zur Eröffnungsfeier drängten sich mehr als 200 Menschen in den Raum mit den
erhaltenen Wandmalereien und zeigten damit, wie groß das Interesse ist und
wie wichtig das Thema, denn viele andere Besucher passten gar nicht mehr
hinein und mussten in der Kirche auf den nächsten Programmpunkt warten.
Dachstuhl saniert. Matthäus Mihm hatte das Projekt als Vorstand des
Vereins 'Aufwind' einst angestoßen – der Verein hat das Gebäude gepachtet
und betreibt im Untergeschoss einen Laden –, jetzt hat Aufwind-Vorstand
Andrea Röth das Heft übernommen. Das Lager unter dem Dach wurde leergeräumt,
der Dachstuhl fachgerecht saniert und der Lern- und Gedenkort mit
Fördermitteln des Modellvorhabens Land(auf)Schwung des Bundesministeriums
für Ernährung und Landwirtschaft umgebaut und medial eingerichtet.
Inhaltlich hat Dekan Dr. Martin Arnold das Zepter übernommen, der Verein
'Freunde und Freundinnen des jüdischen Lebens', dem er vorsitzt, wird das
Projekt tragen, mit Leben und Expertise füllen.
Viele Menschen aus dem Kreis stellten historische Dokumente zur Verfügung,
die digitalisiert wurden. 'Es hat viel Zeit gebraucht, bis wir über das
Thema der einstigen jüdischen Mitbürger im Kreis wieder offen miteinander
sprechen können', sagte Landrat Stefan Reuß. 'Jetzt müssen wir das Schweigen
brechen.' Der Meinung ist auch Bürgermeister Friedhelm Junghans: 'Wenn wir
erkennen, dass heute ein Viertel der Bevölkerung antisemitische Gedanken
hegt, dann müssen wir sagen: Das ist zu viel!' Sie alle wollen dem
Negativtrend entgegentreten. Ruth Bar Ilan aus Israel, deren jüdische
Vorfahren einst in Eschwege gelebt hatten, bedankte sich bei den Machern des
Projekts.
Einblicke in das Leben der jüdischen Gemeinde. Dr. Karl Kollmann gab
als Historiker Einblicke in das Leben der jüdischen Gemeinde in Abterode im
17. Jahrhundert, während Sabine Knappe im Gemeindehaus einen Imbiss mit
jüdischen Spezialitäten zubereitet hatte: Für die musikalische Untermaltung
sorgten die 'Landstreicher'. Anschließend zeigte die Klezmer-Band 'Aufwind'
aus Berlin, die fröhliche Seite der jiddischen Musik bei einem Konzert in
der Kirche. Mitwippen war angesagt. Beifall spendete das Publikum am Ende
einer rundum gelungenen Eröffnungsfeier."
Link zum Artikel |
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Januar 2020:
Veranstaltung zum
Holocaust-Gedenktag |
Artikel von Kristin Weber in der
"Werra-Rundschau" vom 29. Januar 2020: "Gedenken zum 75. Jahrestag der
Befreiung: Auschwitz ist immer noch ganz nah.
Zum Gedenken an die Opfer des Holocaust und die Befreiung des
Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau kamen am Montagabend Hunderte Menschen
in die Synagoge Abterode.
Abterode – Am 27. Januar 1945 erreichte die Rote Armee das
Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz in Polen. Doch dieses war
kurz zuvor geräumt worden, nur 7500 deportierte Lagerinsassen konnten
befreit werden. Zum Gedenken an die Opfer lud der Verein 'Freunde und
Freundinnen des jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis' in die ehemalige
Synagoge in Abterode ein. Und wieder einmal war der Gedenkraum zu klein für
das große Interesse. Zwar scheint Auschwitz weit weg zu sein, mit ihren
Vorträgen holten Dr. Martin Arnold und seine Mitstreiter die Schrecken von
damals jedoch ganz nah heran – als Mahnung. 'Auschwitz ist das Symbol für
den schauerlichsten Abgrund der Menschheit', sagte Arnold. 'Dort wurden
neben Juden auch die polnische Intelligenz, die Homosexuellen und die Zeugen
Jehovas ermordet. Heute wollen wir an die Opfer aus dem Werra-Meißner-Kreis
erinnern.' Denn weit über 500 Menschen aus dem Kreis wurden in Auschwitz
umgebracht.
Ein Koffer am Bahnhof Eschwege. Wie erschütternd die Fakten sind,
zeigte Anna Maria Zimmer eindrücklich in ihrem Vortrag. Auschwitz begann
buchstäblich vor der Haustür. Dr. Walter Schulz, NSDAP-Mitglied und
Gauleiter, war Landrat von Eschwege von 1937 bis 1945. Er setzte 1941 ein
Schreiben mit Bestimmungen auf, wie mit den Juden, die 'umgesiedelt' werden
sollten, zu verfahren sei und verteilte es an die Bürgermeister. 'Man kann
also nicht sagen, dass niemand davon gewusst habe', hielt Anna Maria Zimmer
fest. Darin stand, wie die Juden ihren Hausrat zurücklassen sollten (die
Möbel ordentlich zusammengestellt) von wo aus die Züge abfahren (Eschwege),
und was jeder mitnehmen darf (einen Koffer), was darin enthalten sein darf
(Löffel, Becher, warme Kleidung, Schuhe und Essen für drei Tage). Einer
Liste entsprechend wurden 100 Menschen jüdischen Glaubens aus Eschwege,
Reichensachsen und den umliegenden Dörfern zum Eschweger Bahnhof getrieben
und dort in Viehwagons verfrachtet. Das Denkmal des Koffers erinnert heute
an sie.
Zeitzeugenberichte aus der Region. Schließlich las Anna Maria Zimmer
die Erinnerungen von Sonia Habler, geboren in Eschwege, und Kurt Mayer,
geboren in Herleshausen, vor. Beide hatten die Konzentrationslager überlebt
und berichteten, wie sie entmenschlicht wurden und in Baracken gepfercht, wo
ihnen jeden Tag der Tod in Form von Kälte, Hunger, Krankheiten oder dem
Erschießungskommando drohte. Anna Maria Zimmer präsentierte die Fakten ohne
emotionale Hinzufügungen, die Texte allein zeigen das Grauen so
schonungslos, dass im Publikum immer wieder entsetztes Aufstöhnen erklang.
Pfarrer singt und spricht jüdische Gebete. Pfarrer Martin von
Frommershausen sang anschließend ein jüdisches Gebet für die Opfer. York
Egbert König stellte vor, wie er im Stadtarchiv Eschwege über 500 Kennkarten
von Juden aus dem Werra-Meißner-Kreis digitalisiert und archiviert hat. Über
Hundert Namen der Opfer aus dem Kreis, die in Auschwitz ermordet wurden,
lasen Paula Polowczyk, Simon Exner, Nelly Metzger und Daniel Codorie vor,
Schüler der Anne-Frank-Schule.
Zahlen des Schreckens. 7500 befreite Gefangene, die das Glück hatten,
die Hölle von Auschwitz zu überleben, das hört sich nach viel an, aber nur
so lange, bis man die Zahl in Relation stellt. Die Zahlen des wahren
Schreckens haben ganz andere Dimensionen: Als die rote Armee im Januar 1945
kurz vor Auschwitz stand, evakuierte die SS in wenigen Tagen das Lager und
transportierte rund 56.000 Lagerinsassen in Frachtwaggons nach Westen in
andere Einrichtungen. Insgesamt hatten die Nazis 1,3 Millionen Menschen nach
Auschwitz deportiert, von denen die unbeschreibliche Zahl von 1,1 Millionen
Menschen in den Gaskammern ermordet wurde. Die Opfer waren zum größten Teil
Juden und stammten aus 20 Nationen. Aber auch Polen, Roma und sowjetische
Kriegsgefangene wurden umgebracht.
Polizeischutz. Während der Gedenkveranstaltung stand vor der Tür ein
Polizeiwagen als Schutz und zeigte deutlich: Solange die Polizei solche
Veranstaltungen schützen muss, ist Auschwitz nicht weit weg, sondern immer
noch ganz nah..."
Link zum Artikel https://www.werra-rundschau.de/lokales/meissner-berkatal/gedenken-holocaust-synagoge-abterode-13507885.html.
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Juni 2020:
In der Synagoge ist eine virtuelle
Zeitreise möglich |
Artikel in der "Werra-Rundschau" vom
25. Juni
2020: "Verein erschafft virtuelle 3-D-Rekonstruktion. Zeitreise ins
Innere der Abteröder Synagoge
Die Zukunft der Technik hat im Verein 'Freundinnen und Freunde jüdischen
Lebens' bereits begonnen. Und zwar, um mit ihrer Hilfe eine Reise in die
Vergangenheit zu unternehmen: 'Unserem Verein ist es gelungen, den Innenraum
der ehemaligen Synagoge in Eschwege auf dem Schulberg neu entstehen zu
lassen', sagt der Vorsitzende Dr. Martin Arnold. 'Virtuell, mit einer
Datenbrille, ist der Raum wieder so begehbar, wie er bis zur Zerstörung im
Jahr 1938 ausgesehen hat.'
Alte Innenaufnahmen als Vorlage. Die Besucher des Lern- und
Gedenkorts in der ehemaligen Synagoge in Abterode können so die Synagoge in
Eschwege dreidimensional betreten und sie auf eindrucksvolle Weise erleben,
wie die jüdische Gemeinde in Eschwege den Ort vor dem Zweiten Weltkrieg
gesehen hat. Alte Innenaufnahmen dienten als Vorlage. Daraus hat die
Kreativagentur Dorfmeyster aus Kassel den Raum virtuell rekonstruiert.
Gefördert wurde die Maßnahme durch den Verein für Regionalentwicklung
Werra-Meißner mit mehr als 12.000 Euro aus dem Regionalbudget 2020. Der
Lions-Club Eschwege-Werratal hat das Projekt durch eine Spende in Höhe von
1500 Euro unterstützt. Weitere 1500 Euro sind noch offen und sollen durch
Spenden gedeckt werden. 'Unser Verein hat das Ziel, die Spuren des jüdischen
Lebens dem Vergessen zu entreißen', sagt Dr. Martin Arnold. 'Damit stehen
wir im Kontrast zum Nationalsozialismus, der versucht hat, alle Spuren
auszulöschen.'
Begeistert vom Ergebnis. Sabine Wilke vom Verein für
Regionalentwicklung ist begeistert vom Ergebnis der virtuellen
Rekonstruktion. Auf diese Weise könne jugendlichen Besuchern das Wissen
erlebbar nahegebracht werden – und zwar auf eine moderne Weise, die sie
anspricht. 'Ich finde es auch genau richtig, dass man sich in der Synagoge
in Abterode per Datenbrille in die Synagoge in Eschwege begeben kann, denn
das stellt zwei Orte zueinander in Beziehung und somit den Bezug zur Region
her', sagte sie. Auch Gudrun Kühnemuth, Vorsitzende des Lions-Clubs
Eschwege-Werratal, ist nach dem Blick in die Brille sehr beeindruckt. 'Für
Schüler und Konfirmanden ist es wichtig, dass sie mit diesem Teil der
Geschichte vertraut gemacht werden, und die Technik bietet ihnen dabei ein
Erlebnis.' Meißners Bürgermeister Friedhelm Junghans fungiert im Verein der
Freunde als Kassenwart, und betont, welche Herkulesaufgabe die Finanzierung
des Projekts für den jungen Verein gewesen sei. 'Ich hoffe deshalb, dass
noch mehr Mitglieder in den Verein eintreten, um damit unsere wichtige
Arbeit zu unterstützen', sagte er. Und auch während der Corona-Pandemie
möchte der Lernort sein Angebot weiterführen, allerdings mit begrenzten
Programmen, denn der Gesundheitsschutz sei wichtig, wie Dr. Martin Arnold
betonte.
Angebot für Familien. Ein erster Schritt besteht in einem Angebot für
ein bis zwei Familien mit Kindern im Alter von vier bis zwölf Jahren. Ab dem
1. Juli sind diese eingeladen, in Abterode jüdisches Leben in der Region zu
entdecken: Welche Feste haben die jüdischen Gemeinden gefeiert? Wie sah es
in einer Synagoge aus? Was haben die Kinder miteinander gespielt? Diese
Fragen und Eindrücke werden kindgerecht vermittelt.
Anmeldung. Wegen der Corona-Bedingungen ist eine vorherige Anmeldung
erforderlich. Ein Wunschtermin kann mit Dr. Martin Arnold vereinbart werden
(Tel. 05651/339281 oder Email:
martin.arnold@posteo.de)."
Link zum Artikel |
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August 2020:
Über den Lern- und Gedenkort
ehemalige Synagoge Abterode |
Artikel von Anna Schellhase in der
"Werra-Rundschau" vom 22. August 2020: "Lern- und Gedenkort. In der
ehemaligen Synagoge Abterode erlebt man jüdische Geschichte interaktiv
Der Verein der 'Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens in der Region
Werra-Meißner' verspricht in der ehemaligen Synagoge spannenden Einblick in
das Judentum .
Abterode - Nicht als klassisches Museum, sondern als moderne, interaktive
und zum Teil digitale Lernmöglichkeit. In der Region Werra-Meißner gab es in
14 Dörfern Synagogen, jüdische Friedhöfe und Schulen. Während des
Nationalsozialismus wurde das jüdische Leben in der Region ausgelöscht. Das
Obergeschoss des ehemaligen Synagoge diente in der Vergangenheit unter
anderem als Düngemittellager. Heute befindet sich dort eine Sitzecke mit
Blick auf einen großen Bildschirm. Im Untergeschoss befindet sich seit 2011
das 'Lädchen für alles'.
Führungen. Die Führungen finden entweder als Präsentation auf dem
großen Bildschirm, auch mit kindgerechten Erklärvideos, statt, oder die
Besucher informieren sich über Tablets, die dort zur Verfügung stehen. Die
Inhalte auf den Tablets geben Einblicke in viele Bereiche wie jüdische
Feste, Bildung, Orte jüdischen Lebens und Antisemitismus. Das Lösen von
Rätseln hilft bei den Entdeckungstouren.
Erinnerungskultur. Zum Thema Erinnerungskultur hat der Verein Stimmen
von Zeitzeugen gesammelt und präsentiert diese in einem Video. 'Digitale
Formate sind sicherlich interessanter für Jugendliche als Vitrinen. Wenn man
all das, was wir in unserer Datenbank haben, in einem Museum ausstellen
würde, wäre das Museum unvorstellbar riesig', sagt Vereinsvorsitzender Dr.
Martin Arnold.
Museum digital. Das technische Highlight dürfte wohl eine VR-Brille
sein, mit der man die ehemalige Synagoge auf dem Eschweger Schulberg vor
ihrer Zerstörung im Jahr 1938 besichtigen kann. Der Innenraum wurde mithilfe
historischer Aufnahmen virtuell rekonstruiert.
Museum analog. Aber natürlich gibt es auch 'analoge'
Ausstellungsstücke. Die Esther-Rolle, die 2018 auf dem Dachboden in Abterode
wiederentdeckt wurde, stammt vermutlich aus dem 19. Jahrhundert und enthält
die Geschichte der schlauen Esther, die das jüdische Volk vor der
Vernichtung durch den persischen König rettete.
Eine weitere Geschichte verbirgt sich auch hinter einem alten Fenster der
Synagoge. Dort befindet sich ein Thorawimpel von 1775, der als Wickelband
für die Thora bestimmt ist, bestehend aus einer Windel, die als
Beschneidungswindel gedient haben könnte, in drei Teile geschnitten und
zusammengenäht wurde. Der Wimpel ist kunstvoll bestickt mit dem Geburtsdatum
des Trägers, einer Thora und einer Hochzeitsszene. 'Die Kinder mögen
besonders solche Geschichten, denn dann fängt das Judentum an zu leben',
findet Ludger Arnold.
Antisemitismus. Aber auch das Thema Antisemitismus findet Dr. Martin
Arnold sehr wichtig. Das digitale Programm zeigt unter anderem das
Kinderbuch 'Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid'
von Elvira Bauer aus dem Jahr 1936. Durch dieses Buch sollte schon kleinen
Kindern ein antisemitisches geprägtes Weltbild vermittelt werden. Im
Programm werden sowohl die Folgen des Antisemitismus als auch
unkompliziertes Miteinander von Juden und Christen gezeigt. 'Die Botschaft
dahinter soll sein, dass Juden Menschen sind wie wir alle. Juden und
Christen sind eng miteinander verbunden und ihre Kulter enthält Elemente,
auf die man stolz sein kann', so Dr. Arnold.
Führungen. Der Lern- und Gedenkort jüdischen Lebens kann derzeit nur
Führungen bis zehn Personen anbieten. Nähere Infos:
www.synagoge-abterode.de."
Link zum Artikel |
Links und Literatur
Links:
Quellen:
| Hinweis
auf online einsehbare Familienregister der jüdischen Gemeinde
Abterode |
In der Website des Hessischen Hauptstaatsarchivs
(innerhalb Arcinsys Hessen) sind die erhaltenen Familienregister aus
hessischen jüdischen Gemeinden
einsehbar:
Link zur Übersicht (nach Ortsalphabet) https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/llist?nodeid=g186590&page=1&reload=true&sorting=41
Zu Abterode sind vorhanden (auf der jeweiligen Unterseite zur
Einsichtnahme weiter über "Digitalisate anzeigen"):
HHStAW 365,39 Verzeichnis der jüdischen Einwohner von
Abterode und Frankershausen mit Benennung von Vorstehern, Lehrern und
Gemeindedienern 1735 - 1824 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v289716
HHStAW 365,33 Verzeichnis der jüdischen Einwohner von
Abterode und Frankershausen mit Benennung von Vorstehern, Lehrern und
Gemeindedienern 1735 - 1824 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v1230080
HHStAW 365,40 Jüdisches Personenstandsregister von
Abterode 1809 - 1813 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v1245100
HHStAW 365,34 Verzeichnis aller Juden in der
Kultusgemeinde Abterode 1823 - 1823 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v4250800
HHStAW 365,37 Geburtsregister der Juden von Abterode und
Vockerode 1824 - 1851 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v2719759
HHStAW 365,38 Sterberegister der Juden von
Abterode 1824 - 1852 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v2126642
HHStAW 365,35 Trauregister der Juden aus der
Synagogengemeinde in Abterode 1829 - 1935 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v4782861
HHStAW 365,36 Trauregister der Juden von Abterode
1852 - 1935 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v4101075
HHStAW 365,41 Sterbereister der Juden von Abterode
1852 - 1937 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v1230081
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unter den Familienregistern zu Wolfhagen
findet sich:
HHStAW, 365, 868 Heiratsurkunden jüdischer Eheleute aus Wolfhagen und Abterode (3 Blatt) 1889 - 1892:
Heiratsurkunde der jüdischen Eheleute Salomon Kleeblatt aus Röhrenfurth
und Helene geb. Alexander aus Wolfhagen 1892, Heiratsurkunde der
jüdischen Eheleute Heinemann Loewenstein aus Iserlohn in Westfalen und
Bertha geb. Weilbrunn aus Abterode 1889 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v1245495 |
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 1 S. 25-26. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 70-72. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 68 (keine Ergänzungen
zum Band von 1988). |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 233-234. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 353-355. |
 | Karl Kollmann / Thomas Wiegand: Spuren einer
Minderheit. Jüdische Friedhöfe und Synagogen im Werra-Meissner-Kreis.
Hrsg. von der Historischen Gesellschaft des Werralandes. Kassel 1996. S.
73-76 u.ö. |
 | Martin Arnold: Die jüdische Gemeinschaft in Abterode. Von der Entstehung im 17.Jh. bis zur Auslöschung im Jahr 1941, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 121/2016, S. 53-74.
Online
zugänglich (pdf-Datei) -
Weitere
Download-Möglichkeit |
 | Andreas Lehnardt: Die Genisa aus der ehemaligen
Synagoge in Abterode. In: Eschweger Geschichtsblätter 31/2020, S. 5-14. Online
eingestellt (zusammen mit dem nächsten Beitrag; pdf-Datei).
|
 | Karl Kollmann: Warum Abterode? Bemerkungen zur
jüdischen Gemeinde Abterode im 17. und 18. Jh. In: Eschweger
Geschichtsblätter 31/2020, S. 15-20. Online
eingestellt (zusammen mit dem vorigen Beitrag; pdf-Datei).
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Abterode
Hesse. Jews lived there from the mid-17th century and established the
largest rural community in the duchy of Hesse, numbering 39 families (23 % of
the total) in 1744 and 234 individuals in 1835. Many of the duchy"s teachers
were first educated at the local Jewish elementary school (1840-1934).
Affiliated with the Kassel rabbinate, the community dedicated a new synagogue
(1871), which was vandalized with other Jewish property on Kristallnacht
(9-10 November 1938). Most of the 97 Jews registered there during the Nazi
period left before 1940; at least 17 perished in the Holocaust.

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