Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Nieder-Olm (VG Nieder-Olm, Landkreis Mainz-Bingen)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Kennkarten aus der NS-Zeit    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)     
  
In Nieder-Olm, in früheren Jahrhunderten Sitz eines kurmainzischen Amtes, lebten bereits im Mittelalter einzelne Juden. Erstmals wird 1236 ein Jude aus Olmin erwähnt, der Schreiber einer heute in Mailand aufbewahrten Torarolle war (Joseph ben Moshe aus der Kalonymidenfamilie). 1427 oder kurz vorher verklagte ein hier ansässiger Jude seine Schwester vor dem geistlichen Gericht in Mainz. Der damalige Mainzer Erzbischof entschied zugunsten der Schwester und verwies den Bruder im Falle eines Einspruches an das jüdische Gericht zu Mainz oder Frankfurt am Main. Nach Nieder-Olm benannte Juden lebten in Kronberg (1438) und Worms (1495).
      
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bestand eine kleine jüdische Gemeinde am Ort, deren Ursprünge in das 17. Jahrhundert zurückgehen: seit 1665 wird Jud Mayer am Ort genannt, 1698 auch Peter Meyer Judt. 1708 wird von einer "Gemeinen Judengass" berichtet, wo vermutlich die jüdischen Familien wohnten (nahe der "Obergasse"; um 1700/10 werden u.a. die Juden Abraham, Mändle von Eltvoll, Hertz, Affron, Ahron, Nathan und Löw genannt). 1780 wird als Schutzjude am Ort Jud Hayum genannt. 
     
Um 1804 wurden nur zwei jüdische Einwohner gezählt (Viehmakler Benjamin Mayer). Bis 1828 nahm die Zahl der Juden am Ort auf 16 zu. 1840 werden die jüdischen Familien Philipp Stamm, Michael Mayer, Mathias Mayer, Salomon Deutsch und Jonas Neumann genannt. 1861 wurden 37 Personen gezählt (2,6 % von insgesamt 1.440 Einwohnern), 1880 die Höchstzahl von 64 (3,8 % von 1.671) erreicht. Danach ging die Zahl - vor allem auch auf Grund mehrerer antisemitischer Anschläge gegen jüdische Familien in den Jahren 1881-1892 (siehe unten) - zurück: 1900 32 jüdische Einwohner (1,8 % von 1.766), 1910 28 (1,4 % von 2.027), 1925 19 (0,9 % von 2.122) und 1931 19 Personen. Die jüdischen Familien lebten von Handel mit Vieh, landwirtschaftlichen Produkten, Textilien und anderen Waren. Einer war Metzger.
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise (vgl. Stellenausschreibung von 1876 s.u.) ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorsänger und Schochet tätig war.
    
Um 1930
waren die Vorsitzenden des Synagogenrates Otto Baum, Ludwig Goldschmidt und Alfred Schlösser. Damals (teilweise bereits seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts) gehörten zur Gemeinde Nieder-Olm auch die in Stadecken (7 Personen), Niedersaulheim (26 Personen), Harxheim (7 Personen), Sörgenloch (2 Personen) und Gau-Bischofsheim lebenden Juden.
  
Nach 1933 (in diesem Jahr wurden 23 jüdische Einwohner gezählt, 1,0 % von insgesamt 2.225 Einwohnern) sind die meisten der hier noch wohnhaften Juden auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykottes, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien ausgewandert oder verzogen nach Mainz oder Wiesbaden. Beim Novemberpogrom 1938 war die Synagoge bereits verkauft; es kam jedoch zu schweren Zerstörungen und Plünderungen in den noch bestehenden jüdischen Häusern. Im Mai 1939 lebten nur noch zwei jüdische Personen am Ort.
    
Von den in Nieder-Olm geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", verglichen mit den Listen bei Peter Weisrock s.Lit. S.134-139):  Else Blättner geb. Mayer (1908), Betty (Barbara) Goetz geb. Mayer (1879), Johanna Jacobi geb. Klein (1855), Eugenie Kirchheimer geb. Schaffner (1885), Albert Kramer (1866), Justine Kramer geb. Selig (1869), Bertha Levy geb. Mayer (1875), Elisabeth (Betty) Mayer geb. Mann (1885),  Otto Mayer (1881), Anna Nachmann geb. Neumann (1872), Franziska Neumann geb. Mayer (geb. ?), Josef Neumann (geb. 1904), Georgine Wolf geb. Deutsch (1885).
  
  
   
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1868 / 1876

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. März 1868: "Lehrer gesucht. 
In der israelitischen Gemeinde zu Niederolm, Provinz Rheinhessen, ist die Stelle eines Lehrers, Vorbeters und Schochets zum sofortigen Eintritt vakant. Fixer Gehalt 220 Gulden nebst freier Wohnung und Heizung. Die Schechita trägt ca. 100 Gulden ein; sonstige Nebeneinkünfte belaufen sich auf 50 Gulden. Bewerber wollen sich wenden an den Vorstand 
K. Klein
."      
 
Niederolm Israelit 30081876.jpg (50161 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. August 1876: "Lehrer-Gesuch. 
Die Stelle eines Lehrers und Vorsängers in israelitischer Gemeinde Nieder-Olm mit einem fixen Gehalt von 650 Mark, Nebenverdienste ca. 150 Mark, freier Wohnung und Heizung wird per 15. November dieses Jahres vakant und belieben sich etwaige Reflektanten (am liebsten verheiratete) zu wenden an 
A. Klein,
Vorstand. Nieder-Olm bei Mainz." 

    
    
Aus dem jüdischen Gemeindeleben    
Antisemitische Vorfälle in Nieder-Olm (Februar 1881)   

Hechtsheim Israelit 23021881.jpg (120093 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Februar 1881: "Mainz, 20. Februar (1881). Die Judenhetze in verschiedenen unserer Nachbargemeinden scheint eher im Zu-, als im Abnehmen begriffen zu sein. So wurden am Mittwochabend um 11 Uhr an dem Hause eines in Hechtsheim wohnenden Israeliten die Fenster mit Pflastersteinen derart zertrümmert, dass sogar das Fensterkreuz in Stücke flog. Auch einem Christen wurden die Fenster eingeworfen, doch wohl nur aus dem Irrtum, denn bis vor Kurzem war die Wohnung des Christen von einem Israeliten bewohnt und war dieser Wohnungswechsel wahrscheinlich noch nicht zur Kenntnis der Fenstereinwerfer gelangt. – Auch in Heidesheim wurden vorgestern die Fenster eines dorten wohnenden Israeliten während der Nacht mit Steinen eingeworfen. – In Nieder-Olm ferner, wo man erst kürzlich die einem Israeliten gehörigen Obstbäume gewaltsam zerstörte, wurde vorgestern Nacht ein Zettel an das Haus eines Juden geklebt mit dem Inhalte, dass, wenn binnen 8 Tagen die Juden nicht ausgewandert seien, man denselben den Hals abschneiden würde. Das sind die Folgen des zelotischen Wahnwitzes gewisser Leute und ihres Anhanges, sowie der unter dem Deckmantel des Christentums verübten Hetzereien in gewissen Blättern! Gott besser’s! (Mainzer Anzeiger)."

 
Mehrere Antisemiten aus Nieder-Olm vor Gericht (Juni 1881)  

Niederolm Israelit 13061881.JPG (226097 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juni 1881: "Mainz, 8. Juni (1881). Vor der Strafkammer des Landgerichts erscheinen heute fünf Bewohner von Nieder-Olm, der Ackersbursche R.K., der Schuhmacher Ph.A.B., der Küfer und Spezereihändler P.S., der Tüncher F.B. und der Schuhmacher J.B.A. Dieselben stehen unter der Anschuldigung, zu Fastnacht letzten Jahres einen Maskenzug veranstaltet zu haben, durch welchen verschiedene israelitische Einwohner Nieder-Olms verhöhnt und beleidigt wurden; eine weitere Beschuldigung ist dahin gerichtet, dass ein gewisser jüdischer Bewohner des bezeichneten Ortes durch die Rufe: 'Hepp! Hepp! Jud! Jud!' beleidigt wurde. Die Personen des Zuges stellten nur Juden dar. Auf einem Wagen befand sich eine Guillotine, zu welcher zeitweise Personen aufgezogen wurden, welche auf dem Rücken Aufschriften trugen, die eine Identifizierung mit den fraglichen israelitischen Einwohnern ausmachten und eine Verhöhnung und Beleidigung derselben bewirkten. Ein Scharfrichter mit rotem Hemd stand auf der Guillotine und hantierte mit einem großen Messer, ein Fallbeil darstellend. Auf einem Wagen befand sich die Aufschrift: 'Nach Palästina!' Der Maskenzug hielt vornehmlich an von Juden bewohnten Gebäuden und führte die angedeuteten Manöver aus. Auch andere Teilnehmer des Zuges trugen auf dem Rücken Aufschriften oder führten Gegenstände mit sich, durch welche sie auf bestimmte jüdische Personen anspielten respektive solche vorstellten. Am Abend fand Theater statt, wobei sich stets die Rufe: 'Hepp! Hepp! Jud! Jud!' wiederholten. Die betreffenden Familien haben, durch diese Vorfälle und durch die späteren Ereignisse veranlasst, ihren Wohnsitz in Nieder-Ulm verlassen und anderwärts sich angesiedelt. Von Seiten der Beschuldigten wird zu ihrer Verteidigung angeführt, dass die Tendenz des Maskenzuges gegen die Wucherer im Allgemeinen gerichtet gewesen, so gut gegen christliche wie gegen israelitische. Es mag Erwähnung finden, dass bei den Vorberatungen für die karnevalistische Veranstaltung ausgesprochen worden war, demjenigen, der den Verräter spiele, ginge es schlecht. Die Staatsbehörde verwies auf die allgemein feindselige Stimmung gegen die Juden in unserer Provinz, wie sie auf das Signal aus dem Norden sich gestaltet, sowie auf die vielen exzessiven Vorgänge hin, die noch immer zu registrieren sind, indem sie in dem betreffenden Maskenzuge eine strafbare Handlung, respektive eine Beleidigung der betreffenden Israeliten erblickt und angesichts der sozialen Verhältnisse eine energische Freiheitsstrafe beantragt. Der Urteilsspruch der Sache ist auf Mittwoch den 15. Juni vertagt."

 
Antisemitenversammlung mit Dr. Otto Böckel in Nieder-Olm (1892) 
(vgl. Wikipedia-Artikel zu Otto Böckel)

Niederolm Israelit 28011892.jpg (137372 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Januar 1892: "Mainz, 25. Januar (1892). In dem nahen Nieder-Olm tagte verflossenen Samstag eine Antisemiten-Versammlung, in welcher Dr. Böckel vor ca. 1.000 Bauern eine 1 1/2-stündige Rede hielt. Die Tagesblätter bringen Referate über diese Versammlung und der 'Mainzer Anzeiger' schließt sein Referat mit den Worten: 'Unter solchen Umständen wird man bald andere Dinge erleben, wenn diesem Treiben kein Einhalt getan wird.' Wir schließen uns diesen Befürchtungen an und machen besonders auf die Taktik der Antisemiten aufmerksam, ihre Versammlungen am Sabbat abzuhalten, da sie alsdann sicher sein dürfen, die gemeinsten Lügen unwidersprochen den Bauern aufbinden zu können. Unserer Ansicht nach wäre es Sache der Regierung, einem notorischen Hetzer und Aufwiegler, der durch Verbreitung nichtswürdiger Lügen den öffentlichen allgemeinen Frieden zu gefährden droht und zur Verfolgung friedlicher Menschen auffordert, das Betreten des Landes zu verbieten oder ihn im Betretungsfalle unschädlich zu machen. Oder sollte das Reichstagsmandat ein Privileg sein, um ungehindert Zwietracht und Aufruhr säen zu dürfen? Wir wollen uns nicht weiter über die Sache verbreiten, doch wünschen wir, unsere Staatsanwälte möchten die jedenfalls schon abgeschwächten Referate einer genauen Durchsicht würdigen (Neuesten Anzeiger und Anzeiger Nr. 21) um ermessen zu können, was und wie Dr. Böckel gesprochen. Vielleicht wurde dieses Ermessen Veranlassung gehen, dem gemeingefährlichen Treiben dieses Agitators Einhalt zu tun, ehe es zu spät ist."

   
Weitere antisemitische Vorfälle in Nieder-Olm (1892)  

Niederolm AZJ 05021892.jpg (35074 Byte)Niederolm Israelit 11021892.jpg (43780 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Februar 1892 und in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Februar 1892: "Niederolm, 28. Januar. In Händen hiesiger Schulkinder wurde ein gedrucktes 'Gebet' gefunden, in welchem Gott angefleht wird, alle Juden im 'Roten Meere' zu ertränken, wie seinerzeit die Ägypter. Dieses Pamphlet und andere Schand- und Schundstücke gleicher Art wurden bei den letzten Antisemiten-Versammlungen hier und an anderen Orten, welchen viele Kinder als Zuhörer beiwohnten, verteilt! Ob dies kein 'grober Unfug' ist?"

     

Kennkarten aus der NS-Zeit            
               
Am 23. Juli 1938 wurde durch den Reichsminister des Innern für bestimmte Gruppen von Staatsangehörigen des Deutschen Reiches die Kennkartenpflicht eingeführt. Die Kennkarten jüdischer Personen waren mit einem großen Buchstaben "J" gekennzeichnet. Wer als "jüdisch" galt, hatte das Reichsgesetzblatt vom 14. November 1935 ("Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz") bestimmt. 
Hinweis: für die nachfolgenden Kennkarten ist die Quelle: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: Bestände: Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV: Kennkarten, Mainz 1939" http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm. Anfragen bitte gegebenenfalls an zentralarchiv@uni-hd.de       
 
 Kennkarten zu Personen, 
die in Nieder-Olm geboren sind
 
 Nieder-Olm KK MZ Kirchheimer Eugenie.jpg (87876 Byte)  Nieder-Olm KK MZ Kramer Emil.jpg (93821 Byte)  Nieder-Olm KK MZ Mayer Ernst.jpg (93812 Byte)
  KK (Mainz 1939) für Eugenie Kirchheimer geb.
 Schaffner
(geb. 30. November 1886 in Nieder-Olm),
 wohnhaft in Mainz, am 30. September 1942 deportiert 
ab Darmstadt vermutlich nach Treblinka, umgekommen    
 KK (Mainz 1939) für Dr. Emil Kramer
 (geb. 13. Februar 1878 in Nieder-OIm), 
Rechtsanwalt 
  
 KK (Mainz 1939) für Ernst Mayer 
(geb. 9. Juli 1909 in Nieder-Olm), 
Kaufmann 
   
        
  Nieder-Olm KK MZ Mayer Otto.jpg (94459 Byte) Nieder-Olm KK MZ Strauss Bertram.jpg (94591 Byte)  
  KK (Mainz 1939) für Otto Meyer 
(geb. 12 Juli 1881 in Nieder-Olm)   
 KK (Mainz 1939) für Bertram Strauß 
(geb. 31. März 1867 in Nieder-Olm)  
 
       
 Kennkarten zu Personen, 
die in Gau-Bischofsheim geboren sind
 
Bischofsheim KK MZ Blumberg Max.jpg (98586 Byte)   Bischofsheim KK MZ Hirsch Jakob.jpg (88896 Byte)  Bischofsheim KK MZ Selig Siegfried.jpg (90272 Byte)
   KK (Mainz 1939) für Max Blumberg 
(geb. 24. November 1906 in MZ-Bischofsheim), 
Kaufmann  
    KK (Mainz 1939) für Jakob Hirsch 
(geb. 16. Oktober 1883 in Bischofsheim Krs. MZ),
 Bankbeamter i.R.
  KK (Mainz 1939) für Siegfried Selig 
(geb. 25. Juli 1878 in Bischofsheim/Mainz
  Hinweis: obige Karten wurden diesem Bischofsheim (= Gau-Bischofsheim) zugeteilt, da in der Ortsangabe der Geburtsorte immer ein Bezug zu Mainz hergestellt wird und nicht zum heutigen Bischofsheim Kreis Groß-Gerau, obwohl von 1930 bis 1945 Bischofsheim GG ein Stadtteil von Mainz war (zuvor von 1852 bis 1930 Kreis Groß-Gerau).     

  
  
  
Zur Geschichte der Synagoge        
  
Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts gab es vermutlich einen Betsaal in einem jüdischen Privathaus. 1747 bat der "Jude Benedict zu Niederolm" um Erlaubnis, "eine Synagog zu halten". Die Amtsvogtei Olm aber verbot ihm "ein für allemal, bei 6 Goldgulden Strafe, keine Schule (also Gottesdienste) mehr in seinem Haus zu halten".
          
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten die Juden aus Nieder-Olm zur jüdischen Gemeinde in Hahnheim. Aus dem Jahr 1806 liegt noch ein Bericht vor, nach dem in Nieder-Olm "keine Judenschule besteht". Möglicherweise gab es in Nieder-Olm im Laufe der Jahre einen Betsaal in einem Privathaus. 1855 kam es zur Gründung einer eigenständigen kleinen Gemeinde in Nieder-Olm. 1858 wurde eine kleine Synagoge in Nieder-Olm erbaut. Der Betsaal hatte die Maße von etwa 5 m Länge und 3,5 m Breite. Vorbeter aus benachbarten Filialgemeinden, später aus Mainz und dem jüdischen Seminar Frankfurt betreuten zunächst die Gottesdienste der Gemeinde. Zeitweise wohnte auch ein Religionslehrer und Kantor am Ort. Unter den Lehrern (Seminaristen aus Frankfurt?) werden u.a. genannt: 1886 Nathan Soedberg und Abraham Mannheimer, 1887 Joseph Timto aus Wien, 1889 Markus Schatz aus Sennstadt.
    
1892, als der Antisemitismus in Nieder-Olm bereits schlimme Auswirkungen gezeigt hatte (siehe oben), kam es zu einer schweren Schändung der Synagoge:         

Niederolm Israelit 14111892.jpg (46152 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. November 1892: "Aus Rheinhessen, 10. November (1892). In Nieder-Olm ist diese Woche ein Bubenstreich verwerflichster Art ausgeführt worden; bis jetzt unbekannte Burschen wussten sich nämlich in die dortige Synagoge Eingang zu verschaffen und die Torarolle, Betmäntelchen etc. aufzufinden. Sie schichteten die Sachen zusammen und steckten sie in der Synagoge selbst in Brand. Es handelte sich hier zweifellos um einen Racheakt, dessen Urheber hoffentlich bald ermittelt werden."  
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. November 1892: 
Dieselbe Mitteilung wie in der Zeitschrift "Der Israelit" siehe oben.      

Nach Wegzug der meisten jüdischen Einwohner zu Beginn der NS-Zeit war kein jüdisches Gemeindeleben mehr möglich. Bereits in den 1920er-Jahren dürfte es schwer gewesen sein, immer wieder die zum Gottesdienst notwendigen zehn jüdischen Männer zusammen zu bekommen. 1935 hatte die israelitische Gemeinde Nieder-Olm praktisch aufgehört zu bestehen. Die nicht mehr genutzte Synagoge wurde 1938 an einen Nachbarn verkauft und von diesem als Lagerraum verwendet. Bei einem Luftangriff Anfang 1945 wurde das Gebäude schwer beschädigt beziehungsweise brannte völlig aus.    
    
Seit November 1988 erinnert eine Gedenkstätte an die frühere Synagoge. Sie wurde gemeinsam mit dem Kantor der jüdischen Kultusgemeinde Mainz durch den damaligen Bürgermeister Schäfer am 11. November 1988 eingeweiht.  
    
    
AdresseMittelgasse (früher Synagogengasse), die Synagoge stand unmittelbar links neben dem heutigen katholischen Kindergarten. 
    
    
Fotos:
(Hahn, Aufnahmedatum 29.3.2005) 

Nieder-Olm Synagoge 202.jpg (57359 Byte) Nieder-Olm Synagoge 201.jpg (62222 Byte) Nieder-Olm Synagoge 200.jpg (63053 Byte)
Hinweistafel am Straßenschild 
der Mittelgasse 
Gedenkstätte am Standort der 
früheren Synagoge 
Gedenktafel 
  
     

  
  
 Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   

Dezember 2011: In Nieder-Olm sollen in 2012 "Stolpersteine" verlegt werden 
Link zum Artikel: „Stolpersteine“ in Nieder-Olm für ermordete Juden (Allgemeine Zeitung, 10.12.2011) . 
 
August 2012: Im November 2012 werden in Nieder-Olm "Stolpersteine" verlegt    
Link zum Artikel: Den Opfern einen Namen geben (Allgemeine Zeitung, 16.08.2012) 
Anmerkung: am 17. November werden 26 "Stolpersteine" in Nieder-Olm verlegt. Eine Projektgruppe mit Teilnehmern aus den Kirchengemeinden und der Stadt plant zunächst die Verlegung an die zwischen 1936 und 1945 ermordeten jüdischen Personen, die überwiegend in der Pariser Straße lebten. Eine Erweiterung des Projekts auf nichtjüdische Nazi-Opfer ist angedacht.    
 

  
    

Links und Literatur

Links

Website der Gemeinde Nieder-Olm
Website der VG Nieder-Olm   
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Nieder-Olm (interner Link)

Literatur

Germania Judaica II,2 S. 969.
Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. 1971 Bd. II,140-141.
Nieder-Olm Buch 10.jpg (37149 Byte)Peter Weisrock / Elmar Rettinger / Anton Weisrock: Die jüdische Gemeinde von Nieder-Olm. 1988. 2000². 122 S. kartoniert.
(Erhältlich für 14 € bei Peter Weisrock Gärtnergasse 3 55268 Nieder-Olm E-Mail)   
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 291 (mit weiteren Literaturangaben).   

    
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Nieder-Olm. A Torah scroll dating from 1236 and written by Yosef ben Moshe of Olmin (or Ulmen) is preserved in Milan. The community, numbering 64 (4 % of the total) in 1880, drew members from other villages. It disbanded in 1937 and by May 1939 only two Jews remained, several having emigrated.  
     
      

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 19. Mai 2015