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Kirtorf (Vogelsbergkreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Kirtorf bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18.
Jahrhunderts zurück. 1661 wird erstmals ein jüdischer Einwohner in der
Stadt genannt, der freilich auf Grund einer landgräflichen Verordnung wieder
"auf ein Dorf weichen" musste. 1696/1700 gab es drei jüdische
Familien in der Stadt (Moses, Israel und Abraham).
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts dürfte es zur Bildung einer Gemeinde
gekommen sein: 1770 lebten sechs jüdische Familien in der Stadt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie
folgt: 1828 49 jüdische Einwohner, 1861 57 (5,2 % von insgesamt 1.102
Einwohnern), 1880 66 (6,7 % von 947), 1895 64, 1900 45 (5,3 % von 851), 1905 55
(6,3 % von 882), 1910 51 (5,7 % von 894). Die jüdischen Familien lebten vor
allem vom Waren-, Vieh- und Pferdehandel. Seit der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts hatten mehrere von ihnen Handlungen, Manufakturwaren- und
Lebensmittelgeschäfte eröffnet. Fast alle Familien lebten in eigenen Häusern
und betrieben teilweise etwas Landwirtschaft.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Schule, ein
rituelles Bad und ein Friedhof. Die jüdische Schule wurde kurzzeitig (von 1840
bis 1842 als israelitische Elementarschule geführt, als die Gemeinde 20
schulpflichtige Kinder hatte. Als Elementarlehrer war in dieser Zeit Baruch Hecht eingestellt.
Ab 1842 wurde die Schule von Lehrer M. Cahn in Ober-Gleen mitbetreut. In der
Folgezeit wird auch in Kirtorf wieder ein eigener Lehrer angestellt gewesen sein, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war.
Um 1900 suchten beide Gemeinden - Kirtorf und Ober-Gleen wieder einen
gemeinsamen Lehrer (siehe
Ausschreibungen der Stelle unten von 1900/1904); möglicherweise war auch bereits zuvor
ein Lehrer für beide Gemeinden zuständig). Als die Zahl der Gemeindeglieder an
beiden Orten weiter zurückging, erteilte der Alsfelder Lehrer auch den jüdischen
Kindern in Kirtorf (und Ober-Gleen) den Religionsunterricht. Die Gemeinde
gehörte zum orthodoxen Provinzialrabbinat in Gießen.
Bereits im Krieg 1870/71 nahmen jüdische Gemeindeglieder teil. Auf der
Gedenksäule zum Krieg 1870/71 werden zwei jüdische Namen unter der
Überschrift: "Es waren im Felde" genannt: S. Sondheim und
Seligmann Stern. Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Karl Höchster
(geb. 15.4.1888 in Kirtorf, gef. 10.1.1915) und Siegfried Lamm (geb. 1.10.1890
in Kirtorf, gef. 12.10.1915).
Um 1924, als zur Gemeinde 45 Personen gehörten (5,5 % von insgesamt 813
Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Louis Kaufmann, David Kaufmann und
Jakob
Lamm. Den Religionsunterricht der damals zehn jüdischen Kinder der Gemeinde
erteilte Lehrer Leopold Kahn aus Alsfeld. 1932
waren die Gemeindevorsteher Louis Kaufmann (1. Vors.), Siegmund Plaut (2. Vors.)
und Albert Kaufmann (3. Vors.). Im Schuljahr 1931/32 erhielten noch vier
jüdische Kinder Religionsunterricht. Der im Gemeindevorstand genannte
Louis Kaufmann war zeitweilig im Gemeinderat der Stadt; er war auch Vorsitzender
des hessischen Viehhändler-Verbandes.
1933 wurden noch 35 jüdische Einwohner gezählt (4,2 % von insgesamt 839
Einwohnern. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Zehn Personen sind nach
Amerika emigriert, je eine Person nach Palästina und England. Neun Personen sind innerhalb von Deutschland verzogen, sieben sind in der Zeit von 1934 bis
1941 noch am Ort verstorben. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge
geschändet und verwüstet (s.u.). 1939/40 lebten noch
zehn jüdische Personen in der Stadt. Die letzten sieben wurden 1942
deportiert.
Von den in Kirtorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Hirsch Herrmann (1872),
Rosalie Herrmann geb. Sondheim (1875), Albert (Adalbert) Kaufmann (1881), David
Kaufmann (1879), Gitta Kaufmann geb. Sommer (1889), Rebekka Lamm geb. Kaufmann
(1876), Siegmund Plaut (1880), Therese Sommer geb. Münz (1861), Therese
Sondheim (1880), Franziska Tausig geb. Sondheim (1877).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1900 / 1901 / 1904 - gemeinsam mit Ober-Gleen
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Februar 1900: "Die
Religionslehrer-, Chasen- und Schochetstelle in den Gemeinden Kirtorf Ober-Gleen ist bis 1. April, eventuell auch früher zu besetzen.
Gehalt 7-800 Mark und ziemliches Nebeneinkommen. Bewerber, ledig
bevorzugt, wollen sich unter Angabe ihrer seitherigen Tätigkeit bei dem Vorstand
der israelitischen Gemeinde Kirtorf, Oberhessen, melden." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. August 1901:
"Die Stelle als Religionslehrer, Vorbeter und Schochet für
die Gemeinden Kirtorf - Ober-Gleen ist per 1. September dieses Jahres zu
besetzen. Gehalt 700-750 Mark, freie Wohnung und Nebeneinkommen. Bewerber
(ledig bevorzugt), wollen ihre Offerten nebst Zeugnisse und Photographie
einsehen den den Vorstand der israelitischen Gemeinde Kirtorf,
Oberhessen". |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 12. Dezember 1901: "Lehrer-Gesuch.
Die beiden Gemeinden Ober-Gleen und Kirtorf
suchen gemeinschaftlich einen Religionslehrer, der auch
gleichzeitig die Schechita in Kirtorf auszuüben hat. Wohnsitz ist in Ober-Gleen
zu nehmen. Bewerbungen sind zu richten an den Vorsteher der
israelitischen Gemeinde Herrn Lazarus Lamm in Ober-Gleen
(Hessen)." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. März 1904:
"Die Gemeinden Ober-Gleen und Kirtorf suchen einen Religionslehrer
und Vorbeter zum alsbaldigen Eintritt bei einem Gehalt von 800 Mark
sowie Nebeneinkommen und freie Wohnung (Unverheiratet, seminaristisch
gebildet). Bewerber wollen sich bei dem Vorstand der Israelitischen
Gemeinde Ober-Gleen melden, unter Beifügung von Zeugnissen und
Photographie." |
Zur Geschichte der Synagoge
Schon 1696 war wohl eine Betstube eingerichtet. Da zwei
der jüdischen Familien sehr nahe an der Kirche wohnten, kam es damals zu
Beschwerden christlicher Einwohner. Diese beanstandeten, dass sie beim
Kirchenbesuch durch "ein laut Getön" der jüdischen Beter gestört
würden. Auch der Bau "ihrer Lauberhütten" würde sie belästigen.
Nach vielem Hin und Her konnte die Familie des Abraham in seinem Haus wohnen
bleiben; Israel sollte mit seiner Familie wegziehen.
Von einer Synagoge (vermutlich ein Betraum in einem der jüdischen
Häuser) unbekannten Alters erfährt man erst wieder
Anfang des 19. Jahrhunderts. 1811 wurde für diese Synagoge ein neues Parochet
(Toraschrein-Vorhang) gestiftet.
Etwa 30 Jahre danach (1843) wurde in einem von
der Gemeinde für 400 Gulden erworbenen Wohnhaus am Marktplatz eine
Synagoge mit Schulraum für den Unterricht der Kinder und ein rituelles Bad
eingerichtet. Nach einigen Jahren stellte sich jedoch der schlechte Bauzustand
des Gebäudes heraus, sodass die Gemeinde das Gebäude 1852 für 320 Gulden
wieder verkaufte.
1852 wurde ein anderes Haus gekauft und dieses zur Synagoge mit Schulraum
und Bad umgebaut. Dieses stand vermutlich in nächster Nähe oder auch am selben
Platz wie das 1901 errichtete
Synagogengebäude am Alsfelder Tor. Das Gebäude stand auf einem Grundstück von
67 qm.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die 1901 erbaute Synagoge geschändet. Die Ritualien
und die Inneneinrichtung wurden zerstört und auf dem Marktplatz
verbrannt. Im Oktober 1939 kam das Gebäude in den Besitz einer
ortsansässigen Bauern. Nach 1945 gab es Überlegungen, im ehemaligen
Synagogengebäude ein Café oder ein Gottesdienstraum der katholischen
Kirchengemeinde einzurichten. 1951 wurde das Gebäude jedoch vom Besitzer
abgebrochen, da es baufällig geworden sei.
An Stelle der Synagoge wurde ein Mistplatz angelegt. Teile des Steinstockels,
der Treppe und der Umfassungsmauern der ehemaligen Synagoge umfrieden den
Mistplatz. In der gemauerten Böschung gegenüber wurde 1983 nach einer
Mahnfeier ein kleiner Gedenkstein angebracht. Die Inschrift lautet: "Zur
Erinnerung an die zerstörte Synagoge. Für Frieden und Freiheit. Kirtorf,
9.11.1983".
Adresse/Standort der Synagoge: Am
Alsfelder Tor 5
Fotos
(Quelle: Plan, Rekonstruktionen und sw-Fotos: Altaras s.Lit.;
Farbfotos: aus der Website www.juedisches-museum-vogelsberg.de
mit Seite
zu Kirtorf; weitere Fotos werden noch
erstellt)
Plan und Link
zu den Google-Maps |
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Link
zu den Google-Maps
(Standort der Synagoge) |
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Skizze von Kirtorf im Bereich
Alsfelder Tor, Neustädter Straße und Alsfelder Straße mit Eintragung
der Standort Synagoge und Mikwe |
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| Einziges Foto, auf dem die
Synagoge erkennbar ist (von 1925) |
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Die Synagoge ist mit einem
Pfeil markiert |
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Nach 1945: ein Mistplatz
innerhalb der restlichen Synagogenmauern
(Foto August 1989) |
Reste der
Synagogenmauern |
Gedenkstein von 1983
gegenüber dem Standort (Inschrift siehe oben) |
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| Das rituelle Bad |
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| Links Grundriss
des ehemaligen rituellen Bades (K = Kassel, P = Pumpe, O = Ofen, W =
eventuell Wand, Z = Zulauf); Mitte Rekonstruktion der Nordostfassade;
rechts senkrechter Schnitt (vgl. Eintragung des Schnitts in Grundriss
links) |
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Blick auf das Badehäuschen
von Osten |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| November 2009:
Gedenken zum 71. Jahrestag des Novemberpogroms
1938 |
Artikel im "Gießener Anzeiger"
vom 11. November 2009 (Artikel):
"Gedenken als Mahnung und als Bitte für Frieden auf der Welt.
KIRTORF - Reichspogromnacht: Religiöse Welt der Kirtorfer Juden auf dem Marktplatz verbrannt.
(ia). Damit Gewalt und Hass gegen die jüdische Bevölkerung nicht in Vergessenheit geraten, luden die evangelische Kirchengemeinde Kirtorf und das Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus Kirtorf auch am 71. Jahrestag der so genannten Reichspogromnacht zu einer feierlichen Gedenkstunde am Platz der früheren Kirtorfer Synagoge am Alsfelder Tor
ein..." |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 447-449. |
 | Kein Artikel zu Kirtorf bei Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988. |
 | Artikel zu Kirtorf in dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 99-101 sowie in
Neubearbeitung der beiden Bände 2007² S. 258-260. |
 | Annette Weber-Möckl: Die Judengemeinde in Kirtorf und
Oberkleen. In: Magistrat der Stadt Kirtorf (Hrsg.): Kirtorf und das
Eußergericht. 1989. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 196-197. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 292-293. |
 | Neu eingestellt in 2011:
Katharina Jakob (Verein Landjudentum Vogelsberg): Juden in Kirtorf. Eingestellt
als pdf-Datei. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Kirtorf
Hesse. Numbering 66 (7 % of the total) in 1880, the Jews were mainly livestock
traders. From 1933 the Nazi boykott hastened their departure. Over one -third
(12) emigrated and the last seven were deported in 1942.

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