Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Kirtorf (Vogelsbergkreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge 

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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen      
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)     
    
In Kirtorf bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts zurück. 1661 wird erstmals ein jüdischer Einwohner in der Stadt genannt, der freilich auf Grund einer landgräflichen Verordnung wieder "auf ein Dorf weichen" musste. 1696/1700 gab es drei jüdische Familien in der Stadt (Moses, Israel und Abraham). 
  
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts dürfte es zur Bildung einer Gemeinde gekommen sein: 1770 lebten sechs jüdische Familien in der Stadt.  

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1828 49 jüdische Einwohner, 1861 57 (5,2 % von insgesamt 1.102 Einwohnern), 1880 66 (6,7 % von 947), 1895 64, 1900 45 (5,3 % von 851), 1905 55 (6,3 % von 882), 1910 51 (5,7 % von 894). Die jüdischen Familien lebten vor allem vom Waren-, Vieh- und Pferdehandel. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten mehrere von ihnen Handlungen, Manufakturwaren- und Lebensmittelgeschäfte eröffnet. Fast alle Familien lebten in eigenen Häusern und betrieben teilweise etwas Landwirtschaft.     

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Schule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Die jüdische Schule wurde kurzzeitig (von 1840 bis 1842 als israelitische Elementarschule geführt, als die Gemeinde 20 schulpflichtige Kinder hatte. Als Elementarlehrer war in dieser Zeit Baruch Hecht eingestellt. Ab 1842 wurde die Schule von Lehrer M. Cahn in Ober-Gleen mitbetreut. In der Folgezeit wird auch in Kirtorf wieder ein eigener Lehrer angestellt gewesen sein, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Um 1900 suchten beide Gemeinden - Kirtorf und Ober-Gleen wieder einen gemeinsamen Lehrer (siehe Ausschreibungen der Stelle unten von 1900/1904); möglicherweise war auch bereits zuvor ein Lehrer für beide Gemeinden zuständig). Als die Zahl der Gemeindeglieder an beiden Orten weiter zurückging, erteilte der Alsfelder Lehrer auch den jüdischen Kindern in Kirtorf (und Ober-Gleen) den Religionsunterricht.  Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen Provinzialrabbinat in Gießen.  
  
Bereits im Krieg 1870/71 nahmen jüdische Gemeindeglieder teil. Auf der Gedenksäule zum Krieg 1870/71 werden zwei jüdische Namen unter der Überschrift: "Es waren im Felde" genannt: S. Sondheim und Seligmann Stern.  Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Karl Höchster (geb. 15.4.1888 in Kirtorf, gef. 10.1.1915) und Siegfried Lamm (geb. 1.10.1890 in Kirtorf, gef. 12.10.1915).  
 
Um 1924, als zur Gemeinde 45 Personen gehörten (5,5 % von insgesamt 813 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Louis Kaufmann, David Kaufmann und Jakob Lamm. Den Religionsunterricht der damals zehn jüdischen Kinder der Gemeinde erteilte Lehrer Leopold Kahn aus Alsfeld. 1932 waren die Gemeindevorsteher Louis Kaufmann (1. Vors.), Siegmund Plaut (2. Vors.) und Albert Kaufmann (3. Vors.). Im Schuljahr 1931/32 erhielten noch vier jüdische Kinder Religionsunterricht. Der im Gemeindevorstand genannte Louis Kaufmann war zeitweilig im Gemeinderat der Stadt; er war auch Vorsitzender des hessischen Viehhändler-Verbandes.   
  
1933 wurden noch 35 jüdische Einwohner gezählt (4,2 % von insgesamt 839 Einwohnern. In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Zehn Personen sind nach Amerika emigriert, je eine Person nach Palästina und England. Neun Personen sind innerhalb von Deutschland verzogen, sieben sind in der Zeit von 1934 bis 1941 noch am Ort verstorben. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge geschändet und verwüstet (s.u.). 1939/40 lebten noch zehn jüdische Personen in der Stadt. Die letzten sieben wurden 1942 deportiert.   
    
Von den in Kirtorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Hirsch Herrmann (1872), Rosalie Herrmann geb. Sondheim (1875), Albert (Adalbert) Kaufmann (1881), David Kaufmann (1879), Gitta Kaufmann geb. Sommer (1889), Rebekka Lamm geb. Kaufmann (1876), Siegmund Plaut (1880), Therese Sommer geb. Münz (1861), Therese Sondheim (1880), Franziska Tausig geb. Sondheim (1877).     
   
    
  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1900 / 1901 / 1904 - gemeinsam mit Ober-Gleen      

Kirdorf Israelit 08021900.jpg (54770 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Februar 1900: "Die Religionslehrer-, Chasen- und Schochetstelle in den Gemeinden Kirtorf Ober-Gleen ist bis 1. April, eventuell auch früher zu besetzen. Gehalt 7-800 Mark und ziemliches Nebeneinkommen. Bewerber, ledig bevorzugt, wollen sich unter Angabe ihrer seitherigen Tätigkeit bei dem Vorstand der israelitischen Gemeinde Kirtorf, Oberhessen, melden."
  
Kirtorf Israelit 14081901.jpg (58555 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. August 1901: "Die Stelle als Religionslehrer, Vorbeter und Schochet für die Gemeinden Kirtorf - Ober-Gleen ist per 1. September dieses Jahres zu besetzen. Gehalt 700-750 Mark, freie Wohnung und Nebeneinkommen. Bewerber (ledig bevorzugt), wollen ihre Offerten nebst Zeugnisse und Photographie einsehen den den Vorstand der israelitischen Gemeinde Kirtorf, Oberhessen".  
    
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Dezember 1901: "Lehrer-Gesuch
Die beiden Gemeinden Ober-Gleen und Kirtorf suchen gemeinschaftlich einen Religionslehrer, der auch gleichzeitig die Schechita in Kirtorf auszuüben hat. Wohnsitz ist in Ober-Gleen zu nehmen. Bewerbungen sind zu richten an den Vorsteher der israelitischen Gemeinde Herrn Lazarus Lamm in Ober-Gleen (Hessen)."  
  
Kirtorf Israelit 07031904.jpg (58103 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. März 1904: "Die Gemeinden Ober-Gleen und Kirtorf suchen einen Religionslehrer und Vorbeter zum alsbaldigen Eintritt bei einem Gehalt von 800 Mark sowie Nebeneinkommen und freie Wohnung (Unverheiratet, seminaristisch gebildet). Bewerber wollen sich bei dem Vorstand der Israelitischen Gemeinde Ober-Gleen melden, unter Beifügung von Zeugnissen und Photographie."   
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Mai 1904: 
Derselbe Text wie oben; die Besetzung der Stelle gestaltete sich wohl etwas schwierig, da sie über mehrere Wochen ausgeschrieben war. 
     

    
    
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Anzeige des Manufakturwaren- und Konfektionsgeschäftes Elias Hirsch Nachf. (1904)        

Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 20. Dezember 1912: 
"Zum baldigen Eintritt suche 
Lehrling

Kost und Wohnung im Hause. Schabbos und Feiertage geschlossen. 
Elias Hirsch Nachf. 
Manufakturwaren und Konfektion, Kirtorf
(Oberhessen)."          

     
     
 
    
Zur Geschichte der Synagoge         
   
Schon 1696 war wohl eine Betstube eingerichtet. Da zwei der jüdischen Familien sehr nahe an der Kirche wohnten, kam es damals zu Beschwerden christlicher Einwohner. Diese beanstandeten, dass sie beim Kirchenbesuch durch "ein laut Getön" der jüdischen Beter gestört würden. Auch der Bau "ihrer Lauberhütten" würde sie belästigen. Nach vielem Hin und Her konnte die Familie des Abraham in seinem Haus wohnen bleiben; Israel sollte mit seiner Familie wegziehen. 
     
Von einer Synagoge (vermutlich ein Betraum in einem der jüdischen Häuser) unbekannten Alters erfährt man erst wieder Anfang des 19. Jahrhunderts. 1811 wurde für diese Synagoge ein neues Parochet (Toraschrein-Vorhang) gestiftet. 
  
Etwa 30 Jahre danach (1843) wurde in einem von der Gemeinde für 400 Gulden erworbenen Wohnhaus am Marktplatz eine Synagoge mit Schulraum für den Unterricht der Kinder und ein rituelles Bad eingerichtet. Nach einigen Jahren stellte sich jedoch der schlechte Bauzustand des Gebäudes heraus, sodass die Gemeinde das Gebäude 1852 für 320 Gulden wieder verkaufte.  
 
1852 wurde ein anderes Haus gekauft und dieses zur Synagoge mit Schulraum und Bad umgebaut. Dieses stand vermutlich in nächster Nähe oder auch am selben Platz wie das 1901 errichtete Synagogengebäude am Alsfelder Tor. Das Gebäude stand auf einem Grundstück von 67 qm.     
     
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die 1901 erbaute Synagoge geschändet. Die Ritualien und die Inneneinrichtung wurden zerstört und auf dem Marktplatz verbrannt. Im Oktober 1939 kam das Gebäude in den Besitz einer ortsansässigen Bauern. Nach 1945 gab es Überlegungen, im ehemaligen Synagogengebäude ein Café oder ein Gottesdienstraum der katholischen Kirchengemeinde einzurichten. 1951 wurde das Gebäude jedoch vom Besitzer abgebrochen, da es baufällig geworden sei. 
  
An Stelle der Synagoge wurde ein Mistplatz angelegt. Teile des Steinstockels, der Treppe und der Umfassungsmauern der ehemaligen Synagoge umfrieden den Mistplatz. In der gemauerten Böschung gegenüber wurde 1983 nach einer Mahnfeier ein kleiner Gedenkstein angebracht. Die Inschrift lautet: "Zur Erinnerung an die zerstörte Synagoge. Für Frieden und Freiheit. Kirtorf, 9.11.1983".    
    
Adresse/Standort der Synagoge  Am Alsfelder Tor 5          
  
  
Fotos
(Quelle: Plan, Rekonstruktionen und sw-Fotos: Altaras s.Lit.; 
Farbfotos: aus der Website www.juedisches-museum-vogelsberg.de mit Seite zu Kirtorf; weitere Fotos werden noch erstellt)         

Plan und Link 
zu den Google-Maps
Kirtorf Synagoge 220.jpg (36833 Byte) Link zu den Google-Maps 
(Standort der Synagoge)
   
  Skizze von Kirtorf im Bereich Alsfelder Tor,
 Neustädter Straße und Alsfelder Straße mit
 Eintragung der Standort Synagoge und Mikwe
  
       
Einziges Foto, auf dem die Synagoge
 erkennbar ist (von 1925)
Kirtorf Synagoge 221.jpg (72269 Byte)  
  Die Synagoge ist mit einem Pfeil markiert  
        
Kirtorf Synagoge 222.jpg (47504 Byte) Kirtorf Synagoge 223.jpg (21849 Byte) Kirtorf Synagoge 224.jpg (37542 Byte)
Nach 1945: ein Mistplatz innerhalb der
 restlichen Synagogenmauern 
(Foto August 1989)
Reste der 
Synagogenmauern 
Gedenkstein von 1983 gegenüber dem
 Standort (Inschrift siehe oben) 
      
     
Das rituelle Bad    
Kirtorf Mikwe 120.jpg (33499 Byte) Kirtorf Mikwe 122.jpg (41283 Byte) Kirtorf Mikwe 123.jpg (43027 Byte)
Links Grundriss des ehemaligen rituellen Bades (K = Kassel, P = Pumpe, O = Ofen, W = eventuell Wand, Z = Zulauf); Mitte 
Rekonstruktion der Nordostfassade; rechts senkrechter Schnitt (vgl. Eintragung des Schnitts in Grundriss links)
     
   Kirtorf Mikwe 125.jpg (28669 Byte)    
  Blick auf das Badehäuschen von Osten   
     

   

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

November 2009: Gedenken zum 71. Jahrestag des Novemberpogroms 1938  
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 11. November 2009 (Artikel): 
"Gedenken als Mahnung und als Bitte für Frieden auf der Welt. 
KIRTORF - Reichspogromnacht: Religiöse Welt der Kirtorfer Juden auf dem Marktplatz verbrannt. 
(
ia). Damit Gewalt und Hass gegen die jüdische Bevölkerung nicht in Vergessenheit geraten, luden die evangelische Kirchengemeinde Kirtorf und das Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus Kirtorf auch am 71. Jahrestag der so genannten Reichspogromnacht zu einer feierlichen Gedenkstunde am Platz der früheren Kirtorfer Synagoge am Alsfelder Tor ein..."    
 
 

  
    
Links und Literatur  

Links:  

Website der Stadt Kirtorf  

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 447-449.  
Kein Artikel zu Kirtorf bei Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988. 
Artikel zu Kirtorf in dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 99-101 sowie in Neubearbeitung der beiden Bände 2007² S. 258-260.
Annette Weber-Möckl: Die Judengemeinde in Kirtorf und Oberkleen. In: Magistrat der Stadt Kirtorf (Hrsg.): Kirtorf und das Eußergericht. 1989. 
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 196-197.  
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 292-293.
Katharina Jakob (Verein Landjudentum Vogelsberg): Juden in Kirtorf. 2011. Eingestellt als pdf-Datei.    

    
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Kirtorf  Hesse. Numbering 66 (7 % of the total) in 1880, the Jews were mainly livestock traders. From 1933 the Nazi boykott hastened their departure. Over one-third (12) emigrated and the last seven were deported in 1942.  
   

  

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 29. September 2012