Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Gissigheim (Stadt Königheim, Main-Tauber-Kreis) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Allgemeiner Bericht  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde 

In Gissigheim bestand eine jüdische Gemeinde bis 1894. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./17. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden 1612 Juden aus Gissigheim genannt, die den Markt in Tauberbischofsheim besuchten. Namentlich wird 1615 "Jud Falkh" genannt, 1623 "Sarligmann, der lange Jude" 
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1825 98 jüdische Einwohner, höchste Zahl jüdischer Einwohner um 1865 mit 120 Personen; 1875 nur noch 36, 1900 noch vier. Die Zahl der jüdischen Einwohner ging nach 1850 durch eine starke Auswanderung nach Nordamerika, teilweise auch durch die Abwanderung in die Städte zurück. 

Die jüdischen Familien lebten vom Handel mit Landesprodukten und Waren aller Art. Einige von ihnen waren als Metzger tätig. Noch dem General- und Gewerbesteuerverzeichnis von 1841 werden als "Handelsmann" bezeichnet: Götz Rosenbusch, Nathan Rosenbusch, Abraham Lehmann, Löw Reis, Falkert Haas, Seligmann Stern, Maier Straus; elf als Makler: Seligmann Lacher, Hone Lehmann, Maier Lehmann, Michel Maimann, Abraham Schlanker, Lämlein Straus, Löwhirsch Straus, Joseph Straus, Hajum Schledorn, Abraham Zeitung, Isak Zeitung; drei waren Lumpensammler: Joseph Stern, Jakob Schledorn, Josel Stempel; vier Metzer: Abraham Reis, Hirsch Reis, Isak Reis, Abraham Spiegel; einer Glaser: Lazarus Lacher; dazu drei Ledige ohne Gewerbe: Hirsch Samuel, David Spiegel.   
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Schule und ein rituelles Bad. Dieses musste 1858 verlegt werden, da das bisherige Bad wegen Versiegung eines Baches untauglich wurde; danach befand sich das Bad in der Lochgasse (genauer Standort unbekannt). Die Toten der Gemeinde wurden bis 1875 in Külsheim, seitdem auf einem eigenen Friedhof beigesetzt. Bereits 1716 wird ein Lehrer der Gemeinde (Judenschulmeister) genannt. 
  
Im Ersten Weltkrieg starben aus den jüdischen Familien Max Lehmann und Benjamin Stern. Ihre Namen finden sich auf dem Gefallenendenkmal im Gemeindefriedhof (Gewann "Kirchberg").
  
Als letzte jüdische Einwohnerin starb 1927 Elise Strauß, die bis dahin einen kleinen Laden mit Stoffen und Kurzwaren innehatte.     
     
Von den in Gissigheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):   Karoline David geb. Spiegel (1859), Julie Mayer geb. Spiegel (1867), Helene Oppenheimer geb. Stern (1878), Jette Rothstein geb. Stern (1872), Heinrich Schleedorn (1864), Sigmund Stern (1879).       
    
  
   

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Allgemeiner Bericht 
"Nachruf" auf den Niedergang der jüdischen Gemeinde Gissigheim (1894)  

Gissigheim Israelit 31121894.jpg (125574 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Dezember 1894: ""Eppingen, 24. Dezember. Die Gesetze über die bürgerliche Gleichstellung der Juden und die Freizügigkeit sind in Deutschland neuzeitliche Errungenschaften, für welche wir den leitenden hohen Regierungen und Volksvertretungen, die unser Recht anerkannten, zu stetem Dank verpflichtet sind. Doch stehen auch den dadurch erzielten Vorteilen in der freien Bewegung der gesellschaftlichen und beruflichen Verhältnisse, die wir als Lichtseiten bezeichnen, wenn auch nur wenige Schattenseiten gegenüber. Zu diesen gehören unstreitig auch in der vorderen Reihe die bedauernswerte Wahrnehmung von der Auflösung so vieler großen und mittelgroßen israelitischen Landgemeinden. So lese ich heute mit Wehmut, dass die israelitische Gemeinde Gissigheim, Amts Tauberbischofsheim, (mit nur noch einer Witwe und einer ledigen Person), durch allerhöchsten Erlass aufgelöst wurde. Als Einsender dieses im Jahre 1860 unmittelbar nach der Entlassung aus dem Schullehrerseminar den Dienst als Lehrer, Cantor und Schochet (Schächter) übernahm, wohnten 33 israelitische Familien in Gissigheim, die bekanntlich alle gute Jehudim waren. Es wurde da viel gelernt und zähle ich zwanzig Lehrer, von dieser Gemeinde entstammend, welche in allen Teilen Deutschlands ihre Tätigkeit entfalteten. Außer den übrigen Chawerot (Gemeindegliedern), von denen sich Niemand ausschloss, wurde während meines dortigen Aufenthalts auch ein Chai Adam Verein gegründet, welchem sich die meisten Baalei Habajit (Familienväter) anschlossen und den Weck hatte, an den Abenden, namentlich aber am Schabbat nachmittags mehrere Stunden Vorträge aus diesem sefär (Buch) zu hören, welche von dem seligen Kaufmann Maier Strauß er ruhe in Frieden und dem Einsender dieses Artikels abwechslungsweise gehalten werden. Auch der "Israelit", der Mai 1860 erstmals herausgegeben wurde, und auf welchen ich dem Wunsche meines vorgesetzten Herrn Bezirksrabbiners Löwenstein in Tauberbischofsheim (Mehora"r ["Unser Lehrer, unser Rabbiner Rabbi] Jaakow Löwenstein - er ruhe in Frieden) abonnierte, bildete eine angenehme Lektüre im Verein. Da die Gemeinde Gissigheim als solche nun zu Grabe getragen ist, erachte ich es für meine Pflicht, mit Gefühlen der Wehmut ihr diesen kurzen Nachruf zu widmen."   E.E.

    
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Über den Agenten Elias Lehmann aus Gissigheim (1894)  

Gissigheim Israelit 18021894.jpg (135961 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Februar 1894: "Nürnberg, 7. Februar (1894). Eine im gewissen Sinne interessante Verhandlung fand gestern statt. Der Agent Elias Lehmann aus Gissigheim in Baden, zur Zeit in Pfersee wohnhaft, war der Übertretung des § 56a, Abs. 2 der Gewerbeordnung, durch welchen der Handel im Umherziehen mit Losen, Wertpapieren etc. verboten wird, angeklagt. Lehmann hatte mit Ratenbriefen der Frankfurter Sparbank hausiert. Zu seiner Verteidigung führt er an, dass er keine Ahnung von dem Inslebentreten der neuen Gewerbeordnung gehabt habe, da er, während dieselbe beraten und Gesetz wurde, wiederrechtlich seiner Freiheit beraubt gewesen sein. Man habe ihn nämlich als geisteskrank 834 Tage unter den grässlichsten Misshandlungen in die Irrenanstalt zu Heidelberg gesperrt, ihn auch später in Haft genommen, da er, weil er nicht zu seinem Recht gelangen konnte, sich Beleidigungen der Ministerialräte Jagemann und Seifried in Karlsruhe und angeblich auch des Großherzogs von Baden schuldig gemacht habe. Auch habe man, weil er sich nicht nach Amerika schaffen ließ, beabsichtigt, ihn in die Unheilbarenanstalt zu Pforzheim zu sperren, was jedoch durch den Gemeindevorstand seiner Heimatgemeinde und einen Arzt verhindert worden sei. Der Ursprung der ganzen Verfolgungen sei eine Art Tisza-Eszlar-Affäre, indem er beschuldigt wurde, dass er einen 46-jährigen Mann habe beschneiden wollen! In Folge dieser unverschuldeten Freiheitsberaubung habe er von der neuen Gesetzesbestimmung keine Kenntnis gehabt, weshalb er Freisprechung beantragte. Die Erzählung des Angeklagten, der sich würdig und mit Gewandtheit verteidigte, macht auf die Schöffen sichtlichen Eindruck. Als geisteskrank betrachteten sie den Mann gewiss nicht. Der Gericht verurteilte ihn zu der niedrigsten Strafe, eine Mark Geldstrafe."   

    
  

      

Zur Geschichte des Betsaales/der Synagoge 

Eine "Judenschule", vermutlich ein Betsaal in einem Privathaus, wird bereits 1617 genannt. Ein Judenschulmeister wird Anfang des 18. Jahrhunderts erwähnt. 1716 ist die "Judenschaft in Streit und Zwietracht wegen Haltung ihres Rabbiners oder Schulmeisters. Die einen nahmen einen Schulmeister auf ihre Kosten den andern zum Trutz, wodurch die andern bemüßigt, auch einen zu ihrem Ruin zu nehmen. Durch zweifache Besoldung verderben sie sich. Die Herrschaft befiehlt, dass die die beiden Rabbiner abschaffen und einen andern annehmen, sein Besoldung ist 60 Reichstaler; falle er ein Vorsänger sein kann, erhält er mehr".  
       
Von ca. 1675 bis 1726 besuchten auch die Juden aus dem Nachbarort Königheim die Synagoge in Gissigheim. Als sie danach wieder eigene Gottesdienste in Königheim feierten, holten sie hierzu immer wieder den Vorsänger aus Gissigheim nach Königheim, da sie keinen eigenen Vorsänger anstellen konnten.  
   
Aus den Rechnungsbelegen der Ortsherrschaft aus dem Jahr 1780 erfährt man, dass in diesem Jahr die Judenschaft fünf Gulden für die Benutzung ihrer Synagoge zu zahlen hatte. Damals lebte 21 jüdische Familien am Ort. Über den Standort dieser Synagoge ist nichts bekannt. Möglicherweise war es auch damals noch ein Betsaal in einem jüdischen Privathaus.  
      
1837 wurde eine neue Synagoge erbaut, die bis 1894 als Gotteshaus diente (Standort Schlossstrasse 27, Hintergebäude). Nach Schließung der Synagoge besuchten die noch verbliebenen jüdischen Bewohner die Königheimer Synagoge. Das Gebäude wurde zu einem Wohnhaus umgebaut. Über dem Eingang ist eine hebräische Inschrift (Psalm 118,20 mit hebräischer Jahreszahl für 1837) erhalten.
   

Fotos 
Historische Fotos: 

Historische Fotos sind nicht bekannt, eventuelle Hinweise bitte an den 
Webmaster von "Alemannia Judaica": Adresse siehe Eingangsseite


Fotos nach 1945/Gegenwart:

Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn)
Gissigheim Synagoge 001.jpg (61874 Byte) Gissigheim Synagoge 003.jpg (63434 Byte)
       Das Gebäude der ehemaligen 
Synagoge in Gissigheim
Seitenansicht 
  
     
Gissigheim Synagoge 004.jpg (78516 Byte) Gissigheim Synagoge 002.jpg (75903 Byte) Gissigheim Synagoge 005.jpg (101974 Byte)
Erdgeschossbereich der 
ehemaligen Synagoge 
Eingang zur 
ehemaligen Synagoge 
Inschrift aus Psalm 118,20 und 
hebräischer Jahreszahl für 1837
     
Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, 
Aufnahmedatum 22.9.2003)
Gissigheim Synagoge 152.jpg (55796 Byte) Gissigheim Synagoge 151.jpg (58694 Byte)
   Die Nordseite des Gebäudes der ehemaligen Synagoge Eingangsbereich
        
Gissigheim Synagoge 153.jpg (46057 Byte) Gissigheim Synagoge 150.jpg (58818 Byte) Gissigheim Synagoge 154.jpg (42211 Byte)
Die Südseite 
des Gebäudes
Inschrift aus Psalm 118,20 und 
hebräischer Jahreszahl für 1837
Das Vordergebäude 
an der Schlossstraße

    
    

Links und Literatur  

Links:  

Website der Gemeinde Königheim 

Literatur:

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 110. 
Franz Gehrig: Gissigheim. Ortschronik aus dem badischen Frankenland. Hg. von der Gemeinde Gissigheim. Gissigheim 1969. S. 249-252. 
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    
    

    

                   
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Stand: 09. Dezember 2011