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Bürstadt
(Kreis Bergstraße)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Bürstadt bestand eine kleine jüdische
Gemeinde bis 1938/39. Ihre Entstehung geht in die Zeit um 1700 zurück. Die
Zahlen der jüdischen Einwohner blieben auch im 19. Jahrhundert relativ klein: 1806: 27 Personen,
1828: 44 (2,4 % der Gesamteinwohnerschaft von 1.875
Personen), 1861 45 (1,0 % der Gesamteinwohnerschaft), 1880 31, 1900 44.
An Einrichtungen waren eine Synagoge mit Schul- und Gemeindehaus sowie
ein rituelles Bad vorhanden (s.u.). Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden in Alsbach
beigesetzt. Ob die Gemeinde im 19. Jahrhundert zeitweise einen eigenen Lehrer
(zugleich Vorbeter und Schochet) hatte, ist nicht bekannt. Bei der Beisetzung
von Jettchen Abraham 1893 (s.u.) sprach Lehrer J. Rohrheimer aus Biblis.
Die Gemeinde gehörte zunächst dem orthodoxen Bezirksrabbinat
Darmstadt II an, seit 1926 dem liberalen Bezirksrabbinat Darmstadt.
Die
jüdischen Familien lebten von Handlungen und Geschäften. Bis in die
1930er-Jahre hinein hatte Gustav Flörsheim ein Geschäft mit Holz,
Baumaterialien und Haushaltwaren (Ernst-Ludwig-Straße 18), Adolf Brückmann ein Textilgeschäft
(Andreasstraße 2/Ecke Nibelungenstraße), das
sein Schwiegersohn Albert Meyer übernahm. Moses Brückmann hatte ein Schuh-,
Manufaktur- und Modewarengeschäft (Ernst-Ludwig-Straße 1 gegenüber dem Alten
Rathaus).
Nach 1933 ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder (1933: 23 Personen) auf Grund des wirtschaftlichen
Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (1. März 1936: 20, 1939: 5).
Am 1. April 1933 standen SA-Posten vor den Geschäften von Albert Meyer
und Moses Brückmann. Anfang Mai 1933 wurden Moritz Hochstädter und Adolf
Sondheimer in das KZ Osthofen verschleppt; der erste starb im Juli 1933 an den
erlittenen Mißhandlungen. Die letzten Gemeindevorsitzenden waren Gustav
Flörsheimer (bis 1938) und Albert Meyer. Beim Novemberpogrom 1938 war die Synagoge bereits verkauft;
SA-Leute drangen jedoch in die Wohnung von Familie Albert Meyer ein (Andreasstraße 2),
verwüsteten sie und
misshandelten die 17-jährige Tochter Irene.
Von den in Bürstadt geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Markus
Bernhard (1890), Bertha Bernhardt (1892), Amalie (Mally) Brückmann (1880),
Bertha Hirsch geb. Bössmann (1879), Melanie Klein geb. Sondheimer (1883),
Baruch Merl (1882), Helene Merl (1920), Necha (Nina) Merl geb. Perlmann (1882),
Albert Sondheimer (1880), Josef Sondheimer (1889(, Hermine Vogel (geb. ?).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Berichte zu
einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Zum Tod des Gelehrten Zacharias Sinsheimer (1887)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. November 1887: "Worms.
Am Sonntage, 9. Marcheschwan (sc. der 9. Marcheschwan war der 27.
Oktober 1887, allerdings war dies ein Donnerstag), wurde ein Mann zu Grabe
getragen, der es durch ein langes, taten- und segensreiches Leben
verdient, dass seinem Namen auch in Ihrem geschätzten Blatte ein Nachruf
gewidmet, seine Tugend und Gottesfurcht in den weitesten Kreisen des
jüdischen Lebens als würdiges Vorbild bekannt werden.
Herr Zacharias Sinsheimer - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen
- in Bürstadt bei Worms, unter dem Namen Socher Sinsheimer oder
Socher Bürstadt in vielen Kreisen bekannt - ist nach zurückgelegtem 80.
Lebensjahre am Donnerstag, dem 7. Marcheschwan
gestorben.
Der Verstorbene zählte zu denjenigen wackeren und braven Männern, deren
Leben auf den drei Säulen ihres Glaubens - Tora, Gottesdienst und
Wohltätigkeit - begründet ist. Die drei erhabenen Worte waren ihm
die Richtschnur seines Wirkens. Die Tora, welche er von Kindheit an
eifrig gelernt, in welcher er sich einen hohen Grad von Wissen erworben,
sodass er allgemein als Gelehrter anerkannt wurde, war das Feld, in
welchem sein reger und forschender Geist Befriedigung suchte und fand.
Aber nicht das Lernen war ihm Hauptsache, sondern die Tat, der Gottesdienst,
die Anwendung des Erlernten in der würdigsten Weise und sie leitete ihn
auch bei Ausübung von Wohltätigkeit, die zu betätigen er keine
Gelegenheit versäumte.
Die alles wurde in tief gefühlten, warmen Worten bei seiner am Sonntag
unter sehr zahlreicher Beteiligung stattgehabten Beerdigung von den
verschiedenen Rednern zum Ausdruck gerbacht. Es waren dies Herr Rabbiner
Dr. Stein, Worms, die Neffen des Verstorbenen, die Herren Joseph Jeidel, Pfungstadt,
Salomon Bodenheimer II., Biblis und Herr
Lehrer Jaffe, Lorsch, welche der großen
Trauer um den Verlust des Verewigten würdigen Ausdruck verliehen.
Anfügen will ich, dass der Dahingeschiedene auch in hiesiger Stadt (sc.
Worms), während der kurzen Zeit seines Wohnsitzes dahier mit ehrendem
Vertrauen in die Verteilungs-Kommission gewählt wurde und auch in dieser
Eigenschaft mit hellem Blick und liebevollem Herzen in Gemeinschaft mit
seinen Kollegen segensreich zu wirken verstanden hat. Seine Seele sei
eingebunden in den Bund des Lebens. N." |
Zum Tod von Jettchen Abraham geb. Lösermann (1893)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Oktober 1893:
"Bürstadt bei Worms, 22. Oktober (1893). Heute morgen hat hier die
Beerdigung einer Frau stattgefunden, die es wohl verdient, dass ihr Name
in Ihrem hochgeschätzten Blatte verewigt wird. Frau Jettchen Abraham aus
Worpswede bei Bremen geborene Lösermann von hier, kam im Frühling,
ärztlichem Rate folgeleistend, mit ihrem 1 Jahr alten Söhnchen hierher,
um ihre angegriffene Gesundheit wieder herzustellen. Doch ihr Leiden
verschlimmerte sich trotz der aufopferndsten Pflege ihrer Eltern, an
welchen sie in mustergültiger Weise das Gebot der Elternehrung erfüllte
und trotz der alles aufbietenden Sorgfalt und Hingebung ihres nur 2 1/2
Jahr mit ihr verehelichten Mannes. Am verflossenen Donnerstag entschließ
sie sanft und ruhig, wie sie gelebt hatte. Wegen der weiten Entfernung vom
Friedhof konnte die Beerdigung erst heute stattfinden. Hier zeigte
sich nun, was für einen guten Ruf die Verblichene sich in ihrem kurzen
Leben - sie zählte kaum 31 Jahre - erworben. Sie zeigte, dass man auch in
geringen Verhältnissen Wohltätigkeit üben kann. In allen Häusern, in
denen sie verkehrte, bat sie um Erlaubnis, die übriggebliebenen Speisen,
den Armen verabreichen zu dürfen, was ihr zuliebe auch immer gestattet
wurde. War das einerseits ein Beweis, welcher Beliebtheit sie sich wegen
ihrer Treue, Gewissenhaftigkeit und Aufrichtigkeit bei ihren Herrschaften
zu erfreuen hatte, so zeigte es andererseits von ihrem gutmütigen und
wohlwollenden Herzen. So war es daher kein Wunder, dass sich ihr
Leichenbegängnis zu einem imposanten gestaltete. Nicht nur die ganze jüdische
Gemeinde und viele Christen, sondern auch zahlreiche Glaubensgenossen von
Nah und Fern kamen, um der selig Entschlafenen die letzte Ehre zu
erweisen. Der aus dem benachbarten Biblis
herbeigerufene Lehrer Herr J. Rohrheimer gab der allgemeinen Trauer
würdigen Ausdruck und spendete ihr das ihr gebührende Lob." |
Über den langjährigen Gemeindevorsteher Gustav
Flörsheim (geb. 1871)
(Quelle: Stadtarchiv Bürstadt, Mitteilung vom 12.10.2010)
Der langjährige jüdische Gemeindevorsteher
Gustav Flörsheim (geb. 30. Juli 1871 in Meerholz)
war Kaufmann und Inhaber einer Baumaterialienhandlung in der
Ernst-Ludwig-Straße 18. Er gehörte von 1905 bis 1934 dem Vorstand der
israelitischen Religionsgemeinde an. Anfang 1934 zeichnete er als Vorstand
allein verantwortlich. Von 1935 bis 1938 bildete er mit Albert Meyer den
Vorstand. Am 5. Juli 1938 verzog er nach Heidelberg, mit ihm sein
Dienstmädchen Berta Bär. Gustav Flörsheim wurde von Heidelberg aus in
ein KZ verschleppt und kam nach 1945 in einem gesundheitlich sehr
schlechten Zustand nach New York. Er ist in den USA verstorben.
Hinweis: anders die Angaben bei Arnsberg s. Lit. Bd. 1 S. 101, wonach
Gustav Flörsheim nach seinem Umzug 1938 nach Heidelberg dort verstorben
ist. |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine Synagoge mit Schul- und Gemeindehaus sowie rituellem Bad war vorhanden; das
Gebäude wurde um 1861 erbaut. 1935-36 wurde das Synagogengebäude
verkauft, später abgebrochen. Im danebenstehenden Gemeindehaus hatte die
Familie von Baruch Merl gelebt. Die Familie wurde möglicherweise Ende
Oktober 1938 im Zusammenhang mit der Abschiebung der "Ostjuden"
deportiert. Vorkommnisse gegen die Gebäude von Synagoge sowie Schul- und
Gemeindehaus beim Novemberpogrom sind nicht bekannt.
Adresse/Standort der Synagoge: Mainstraße 22 (Schul- und
Gemeindehaus), daneben die Synagoge.
Fotos
Historische Fotos sind nicht
bekannt. Hinweise bitte an den Webmaster von Alemannia Judaica; Adresse
siehe Eingangsseite
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| Fotos des
Synagogengrundstücks sind noch nicht vorhanden. Über Zusendungen freut
sich der Webmaster von Alemannia Judaica; Adresse siehe Eingangsseite |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 101-102. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 16-17. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 108-109.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Buerstadt Hesse. Numbering
34 (1 % of the total) in 1861, the community declined to 23 in 1933 and by 1939
most of the Jews had left.

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