Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Bürstadt (Kreis Bergstraße)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Bürstadt bestand eine kleine jüdische Gemeinde bis 1938/39. Ihre Entstehung geht in die Zeit um 1700 zurück. Die Zahlen der jüdischen Einwohner blieben auch im 19. Jahrhundert relativ klein: 1806: 27 Personen, 1828: 44 (2,4 % der Gesamteinwohnerschaft von 1.875 Personen), 1861 45 (1,0 % der Gesamteinwohnerschaft), 1880 31, 1900 44.   
  
An Einrichtungen waren eine Synagoge mit Schul- und Gemeindehaus sowie ein rituelles Bad vorhanden (s.u.). Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden in Alsbach beigesetzt. Ob die Gemeinde im 19. Jahrhundert zeitweise einen eigenen Lehrer (zugleich Vorbeter und Schochet) hatte, ist nicht bekannt. Bei der Beisetzung von Jettchen Abraham 1893 (s.u.) sprach Lehrer J. Rohrheimer aus Biblis. Die Gemeinde gehörte zunächst dem orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II an, seit 1926 dem liberalen Bezirksrabbinat Darmstadt.    
   
Die jüdischen Familien lebten von Handlungen und Geschäften. Bis in die 1930er-Jahre hinein hatte Gustav Flörsheim ein Geschäft mit Holz, Baumaterialien und Haushaltwaren (Ernst-Ludwig-Straße 18), Adolf Brückmann ein Textilgeschäft (Andreasstraße 2/Ecke Nibelungenstraße), das sein Schwiegersohn Albert Meyer übernahm. Moses Brückmann hatte ein Schuh-, Manufaktur- und Modewarengeschäft (Ernst-Ludwig-Straße 1 gegenüber dem Alten Rathaus).    
   
Nach 1933 ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder (1933: 23 Personen) auf Grund des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (1. März 1936: 20, 1939: 5). Am 1. April 1933 standen SA-Posten vor den Geschäften von Albert Meyer und Moses Brückmann. Anfang Mai 1933 wurden Moritz Hochstädter und Adolf Sondheimer in das KZ Osthofen verschleppt; der erste starb im Juli 1933 an den erlittenen Mißhandlungen. Die letzten Gemeindevorsitzenden waren Gustav Flörsheimer (bis 1938) und Albert Meyer. Beim Novemberpogrom 1938 war die Synagoge bereits verkauft; SA-Leute drangen jedoch in die Wohnung von Familie Albert Meyer ein (Andreasstraße 2), verwüsteten sie und misshandelten die 17-jährige Tochter Irene.     
   
Von den in Bürstadt geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Markus Bernhard (1890), Bertha Bernhardt (1892), Amalie (Mally) Brückmann (1880), Bertha Hirsch geb. Bössmann (1879), Melanie Klein geb. Sondheimer (1883), Baruch Merl (1882), Helene Merl (1920), Necha (Nina) Merl geb. Perlmann (1882), Albert Sondheimer (1880), Josef Sondheimer (1889(, Hermine Vogel (geb. ?).      
   
   
   
  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde    
Zum Tod des Gelehrten Zacharias Sinsheimer (1887)  

Buerstadt Israelit 10111887.jpg (156804 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. November 1887: "Worms. Am Sonntage, 9. Marcheschwan (sc. der 9. Marcheschwan war der 27. Oktober 1887, allerdings war dies ein Donnerstag), wurde ein Mann zu Grabe getragen, der es durch ein langes, taten- und segensreiches Leben verdient, dass seinem Namen auch in Ihrem geschätzten Blatte ein Nachruf gewidmet, seine Tugend und Gottesfurcht in den weitesten Kreisen des jüdischen Lebens als würdiges Vorbild bekannt werden.
Herr Zacharias Sinsheimer - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - in Bürstadt bei Worms, unter dem Namen Socher Sinsheimer oder Socher Bürstadt in vielen Kreisen bekannt - ist nach zurückgelegtem 80. Lebensjahre am Donnerstag, dem 7. Marcheschwan gestorben.  
Der Verstorbene zählte zu denjenigen wackeren und braven Männern, deren Leben auf den drei Säulen ihres Glaubens - Tora, Gottesdienst und Wohltätigkeit - begründet ist. Die drei erhabenen Worte waren ihm die Richtschnur seines Wirkens. Die Tora, welche er von Kindheit an eifrig gelernt, in welcher er sich einen hohen Grad von Wissen erworben, sodass er allgemein als Gelehrter anerkannt wurde, war das Feld, in welchem sein reger und forschender Geist Befriedigung suchte und fand. Aber nicht das Lernen war ihm Hauptsache, sondern die Tat, der Gottesdienst, die Anwendung des Erlernten in der würdigsten Weise und sie leitete ihn auch bei Ausübung von Wohltätigkeit, die zu betätigen er keine Gelegenheit versäumte. 
Die alles wurde in tief gefühlten, warmen Worten bei seiner am Sonntag unter sehr zahlreicher Beteiligung stattgehabten Beerdigung von den verschiedenen Rednern zum Ausdruck gerbacht. Es waren dies Herr Rabbiner Dr. Stein, Worms, die Neffen des Verstorbenen, die Herren Joseph Jeidel, Pfungstadt, Salomon Bodenheimer II., Biblis und Herr Lehrer Jaffe, Lorsch, welche der großen Trauer um den Verlust des Verewigten würdigen Ausdruck verliehen. 
Anfügen will ich, dass der Dahingeschiedene auch in hiesiger Stadt (sc. Worms), während der kurzen Zeit seines Wohnsitzes dahier mit ehrendem Vertrauen in die Verteilungs-Kommission gewählt wurde und auch in dieser Eigenschaft mit hellem Blick und liebevollem Herzen in Gemeinschaft mit seinen Kollegen segensreich zu wirken verstanden hat. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. N."

   
Zum Tod von Jettchen Abraham geb. Lösermann (1893)    

Buerstadt Israelit 30101893.jpg (142312 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Oktober 1893: "Bürstadt bei Worms, 22. Oktober (1893). Heute morgen hat hier die Beerdigung einer Frau stattgefunden, die es wohl verdient, dass ihr Name in Ihrem hochgeschätzten Blatte verewigt wird. Frau Jettchen Abraham aus Worpswede bei Bremen geborene Lösermann von hier, kam im Frühling, ärztlichem Rate folgeleistend, mit ihrem 1 Jahr alten Söhnchen hierher, um ihre angegriffene Gesundheit wieder herzustellen. Doch ihr Leiden verschlimmerte sich trotz der aufopferndsten Pflege ihrer Eltern, an welchen sie in mustergültiger Weise das Gebot der Elternehrung erfüllte und trotz der alles aufbietenden Sorgfalt und Hingebung ihres nur 2 1/2 Jahr mit ihr verehelichten Mannes. Am verflossenen Donnerstag entschließ sie sanft und ruhig, wie sie gelebt hatte. Wegen der weiten Entfernung vom Friedhof konnte die Beerdigung erst heute stattfinden. Hier zeigte sich nun, was für einen guten Ruf die Verblichene sich in ihrem kurzen Leben - sie zählte kaum 31 Jahre - erworben. Sie zeigte, dass man auch in geringen Verhältnissen Wohltätigkeit üben kann. In allen Häusern, in denen sie verkehrte, bat sie um Erlaubnis, die übriggebliebenen Speisen, den Armen verabreichen zu dürfen, was ihr zuliebe auch immer gestattet wurde. War das einerseits ein Beweis, welcher Beliebtheit sie sich wegen ihrer Treue, Gewissenhaftigkeit und Aufrichtigkeit bei ihren Herrschaften zu erfreuen hatte, so zeigte es andererseits von ihrem gutmütigen und wohlwollenden Herzen. So war es daher kein Wunder, dass sich ihr Leichenbegängnis zu einem imposanten gestaltete. Nicht nur die ganze jüdische Gemeinde und viele Christen, sondern auch zahlreiche Glaubensgenossen von Nah und Fern kamen, um der selig Entschlafenen die letzte Ehre zu erweisen. Der aus dem benachbarten Biblis herbeigerufene Lehrer Herr J. Rohrheimer gab der allgemeinen Trauer würdigen Ausdruck und spendete ihr das ihr gebührende Lob."

     
Über den langjährigen Gemeindevorsteher Gustav Flörsheim (geb. 1871) 
(Quelle: Stadtarchiv Bürstadt, Mitteilung vom 12.10.2010) 

Der langjährige jüdische Gemeindevorsteher Gustav Flörsheim (geb. 30. Juli 1871 in Meerholz) war Kaufmann und Inhaber einer Baumaterialienhandlung in der Ernst-Ludwig-Straße 18. Er gehörte von 1905 bis 1934 dem Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde an. Anfang 1934 zeichnete er als Vorstand allein verantwortlich. Von 1935 bis 1938 bildete er mit Albert Meyer den Vorstand. Am 5. Juli 1938 verzog er nach Heidelberg, mit ihm sein Dienstmädchen Berta Bär. Gustav Flörsheim wurde von Heidelberg aus in ein KZ verschleppt und kam nach 1945 in einem gesundheitlich sehr schlechten Zustand nach New York. Er ist in den USA verstorben.
Hinweis: anders die Angaben bei Arnsberg s. Lit. Bd. 1 S. 101, wonach Gustav Flörsheim nach seinem Umzug 1938 nach Heidelberg dort verstorben ist.    

  
  
  
   

Zur Geschichte der Synagoge

Eine Synagoge mit Schul- und Gemeindehaus sowie rituellem Bad war vorhanden; das Gebäude wurde um 1861 erbaut. 1935-36 wurde das Synagogengebäude verkauft, später abgebrochen. Im danebenstehenden Gemeindehaus hatte die Familie von Baruch Merl gelebt. Die Familie wurde möglicherweise Ende Oktober 1938 im Zusammenhang mit der Abschiebung der "Ostjuden" deportiert. Vorkommnisse gegen die Gebäude von Synagoge sowie Schul- und Gemeindehaus beim Novemberpogrom sind nicht bekannt.
  

Adresse/Standort der SynagogeMainstraße 22 (Schul- und Gemeindehaus), daneben die Synagoge. 

Fotos  

Historische Fotos sind nicht bekannt. Hinweise bitte an den Webmaster von Alemannia Judaica; Adresse siehe Eingangsseite
  
 
Fotos des Synagogengrundstücks sind noch nicht vorhanden. Über Zusendungen freut sich der Webmaster von Alemannia Judaica; Adresse siehe Eingangsseite  


   
Links und Literatur    

Links: 

Website der Stadt Bürstadt  

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 101-102.
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 16-17.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 108-109.

  
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Buerstadt  Hesse. Numbering 34 (1 % of the total) in 1861, the community declined to 23 in 1933 and by 1939 most of the Jews had left.
    

  
                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 10. Dezember 2011