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Birkenau
(Kreis Bergstraße)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Birkenau bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts
zurück. 1653 ist die erste Ansiedlung einer jüdischen Familie am Ort
dokumentiert. 1679 wird von der Taufe eines Juden in Birkenau berichtet.
Im Oktober 1717 kaufte die Judenschaft ein Grundstück zur Anlage eines Friedhofes. Aus dem 18. Jahrhundert liegen mehrere Nennungen von Juden am
Ort vor. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt als Viehhändler oder als Metzger.
Die jüdischen Familien werden als "arme Leute" geschildert. Erst in
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen sie zu bescheidenem Wohlstand. Als
Familiennamen begegnen am Ort insbesondere: Oppenheimer, Darmstädter,
Mannheimer, Löb.
Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Einwohner zu:
1828 wurden 66 jüdische Gemeindeglieder gezählt, 1840 84, 1861 104, 1872 die
Höchstzahl mit 120 Personen (8.5 % der Gesamteinwohnerschaft). Danach ging
die Zahl durch Aus- und Abwanderung zurück: 1880 85, 1890 73 (in 16 Familien),
1893 65 (in 14 Familien), 1895 60 (in 12 Haushaltungen), 1898 56 (in 11
Haushaltungen), 1900 48 (von 1.849 Einwohnern, in 13 Haushaltungen), 1910: 47
jüdische Einwohner.
Um 1900 waren die jüdischen Familienväter überwiegend kleine Handwerker, Kaufleute und
Viehhändler.
Am Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (siehe unten), eine
Religionsschule, ein rituelles Bad und den bereits erwähnten Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Von den Lehrern werden genannt: um
1871/74 Jakob Keller (ab 1874 in Groß-Gerau),
um 1879/1897 Lehrer G. Darmstädter (1892 besuchten 13 Kinder die
Religionsschule). Nach dem Weggang von Lehrer Darmstädter hatte die
jüdische Gemeinde keinen eigenen Lehrer mehr. Als ehrenamtlicher Vorbeter war in
der Gemeinde über 30 Jahre lang der 1909 verstorbene Moses Löb tätig. Den
Religionsunterricht der nur noch wenigen jüdischer Kinder der Gemeinde
übernahmen auswärtige Lehrer bzw. so genannte Wanderlehrer (1898/1901 Unterricht
der sieben bzw. acht Kinder durch Lehrer Lewin in
Rimbach, 1903 Unterricht der fünf Kinder durch Lehrer Kahn in
Rimbach, 1905 noch vier schulpflichtige
jüdische Kinder, allesamt Mädchen). Als Synagogendiener wird um 1892 Z.
Darmstädter genannt.
Die
jüdische Gemeinde gehörte seit 1897 zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II.
Von den Gemeindevorstehern werden u.a. genannt: um 1887/88 R. Hirsch, ab
1889 Bernhard Loeb, um 1895/96 Bernhard Löb, L. Liebmann, H. Löb, um 1898/99
Bernhard Löb, L. Liebmann und Joseph Heumann, um 1903 Bernhard Löb, G. Hirsch
und Joseph Heumann; um 1905 Bernhard Löb, Leopold Löb und Joseph Heumann.
An jüdischen Vereinen
gab es bis Ende des 19. Jahrhunderts einen "Israelitischen Krankenverein"
(bestand bereits um 1840; um 1892 unter Leitung von Bernhard Löb, N. Mannheimer
und L. Liebmann, um 1895/1897 unter Leitung von Bernhard Löb, Lehrer G.
Darmstädter und L. Liebmann); seit Anfang des 20. Jahrhunderts ein Jüdischer Männerverein (1903
unter Leitung von Bernhard Löb und Joseph Heumann; 1924 unter Leitung von Emanuel Löb,
5 Mitglieder) und ein Israelitischer Frauenverein (1905 unter Leitung
von Emanuel Löb, 1924 unter
Leitung von Emma Löb, 10 Mitglieder).
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde August Bär (geb.
1.12.1876 in Witten, vor 1914 in Birkenau wohnhaft, gest. an der Kriegsverletzung
am 16.2.1923) und Julius Heumann (geb. 11.3.1883 in Birkenau, gef.
22.1.1916). Außerdem sind gefallen: Adolf Liebmann (geb. 15.11.1882 in
Birkenau, vor 1914 in Darmstadt wohnhaft, gef. 20.10.1914) und Rudolf Liebmann
(geb. 15.11.1882 in Birkenau, vor 1914 in Darmstadt wohnhaft, gef.
18.5.1918).
Um 1925, als noch 43 Personen zur jüdischen Gemeinde
gehörten (1,8 % von insgesamt etwa 2.400 Einwohnern), gehörten zum Vorstand
der Gemeinde die Herren Ferdinand Lob I, Ferdinand Löb II, Salomon Löb und Adolf
Liebmann. Der jüdische Religionsunterricht der um 1925 zehn schulpflichtigen
jüdischen Kinder wurde durch Lehrer M. Tuch aus Rimbach erteilt (1932 waren noch sechs Kinder
zu unterrichten). Die Schüler der höheren Schulen erhielten den
Religionsunterricht durch Lehrer M. Maier in Weinheim. Bis 1932
war die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder auf 37 zurückgegangen. Vorsteher
waren nun Ferdinand Löb (1. Vors.), Emanuel Löb (2. Vors.) und Adolf Liebmann
(3. Vors.).
Nach 1933 ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder (1933: 35 Personen) auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Der Gemeindevorsteher
Ferdinand Löb organisierte mit Unterstützung des Mannheimer Bezirksrabbiners
Grünewald Umschulungskurse zur Vorbereitung auf die Auswanderung nach
Palästina (Hachscharah-Kibbuz
Birkenau). Dadurch konnten 17 junge Frauen und Männer Handwerksberufe
erlernen. 12 von ihnen emigrierten 1935 nach Palästina/Israel, um einen
Kibbuz (Machar) zu begründen (siehe unten).
Im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938, bei dem die Synagoge
geschändet wurde (s.u.), sind auch mehrere jüdische Wohnungen geplündert und
verwüstet sowie deren Bewohner misshandelt worden. Die jüdischen Männer
wurden für mehrere Wochen in die Konzentrationslager Buchenwald und
Sachsenhausen verschleppt. 1939 wurden noch 24 jüdische Einwohner gezählt; am
31. Dezember 1940 17, am 5. Februar 1942 kurz zu
Beginn der Deportationen 14. Die letzten waren in ein (inzwischen abgebrochenes)
"Judenhaus" in der Untergasse 14 eingewiesen worden, von wo aus sie im März
beziehungsweise im September 1942 zur Deportation abgeholt wurden.
Von den in Birkenau geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften
jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"; Anmerkung: "Birkenau" ist bei Yad Vashem schwer
zu recherchieren, da bei Ortssuche auch Auschwitz-Birkenau erfasst wird; Angaben
von Yad Vashem ergänzt durch Liste bei W. Gebhard s. Lit. S. 122ff): Julie Alke
geb. Maier (1889), Fanny Bär geb. Löb (1872), Heinz Bär (1922), Kurt Bär (1921), Tirza
Bär geb. Mayer (1881), Erna Dobrzynski geb. Löb (1911), Isa Hecht (1906),
Raphael Rudolf Hirsch (1877), Salomon Hirsch (1875), Frieda Fanny Lammfromm geb.
Liebmann (1883), Max Liebmann (1894), Aron Löb (1868), Benjamin Löb (1868),
Bernhard Löb (1878), Berta Löb geb. Löb (1873), Emanuel Löb (1873), Erna Löb
(1911), Ferdinand Löb (1876), Lina Löb (1876), Melitta Martha Löb (1913),
Sara Löb geb. Neumark (1877), Jakob Mannheimer (1870), Maier Max Mannheimer
(1864), Julius Mayer (1917), Louis Oppenheimer (1864), Rosa Straus geb. Hirsch
(1872), Hans Strauss (1920).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Aus einem Bericht
von Saul Lilienthal - Kurzbeschreibung der Gemeinde (1931)
Der Beitrag "Mit jüdischen Augen durch deutsche Lande - Heidelberg
- Bergstraße - Darmstadt" wurde erstellt von Saul Lilienthal, Oberkantor
der jüdischen Gemeinde Wiesbaden, Religionslehrer und Verleger (geb. 14. Oktober
1877 in Jerutten, Ostpreußen, ermordet am 30. Oktober 1944 im KZ Auschwitz.
Weitere Informationen:
https://www.wiesbaden.de/stadtlexikon/stadtlexikon-a-z/lilienthal-saul).
n
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 4. Juni 1931: "Von
Weinheim (Schilderung dieser Stadt siehe
Wanderung Heidelberg-Bergstraße-Darmstadt), das Tal der Weschnitz, hier
Birkenauer Tal genannt, aufwärts, auf gut gepflegtem Weg, ungefähr der Bahn
Weinheim - Fürth i. O. folgend. Nach einer knappen Stunde Wegs durch
wechselvolle Landschaft, ist man in
Birkenau, Pfarrdorf mit 2400 Einwohnern, darunter 26 Juden. Die
Gemeinde scheint erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts zu bestehen. Die
Synagoge, mitten im Ort, ist 1859 errichtet, der Friedhof, 2 Minuten südlich
vom Dorf, am Weg nach Kallstadt, ist ungefähr ebenso alt. Die Gemeinde
zählte ausgangs des vorigen Jahrhunderts 30 Familien mit mindestens 120
Seelen und hatte eigenen Lehrer, 1905 noch 48 Seelen, davon 12 Kinder; heute
sind nur noch 26 Seelen (9 Familien). Gottesdienst wird nach Möglichkeit von
Gemeindemitgliedern abgehalten. Auskunft an rituell lebende Kurgäste gibt
Herr Ferdinand Loeb II. Ein Männerverein und ein Frauenverein existieren.
Schönes Schloss mit Park usw.
Von Birkenau das Weschnitztal weiter nach Reißen (1 1/2 Stunden), Mörlenbach
(weitere 35 Minuten), am Eisenbahnhaltepunkt Weschnitzmühle (weitere 35
Minuten) vorbei, insgesamt 2 1/4 Stunden nach
Rimbach, 2200 Einwohner, 85
jüdische Seelen. Auch diese Gemeinde scheint kaum älter zu sein als
Birkenau. Die rund 100 Jahre alte besonders stattliche Synagoge zeugt von
einer einst noch größeren Gemeinde..." |
Mitteilungen zu Spendensammlungen in
der Gemeinde (1879 / 1881 / 1887)
In jüdischen Gemeinden wurden regelmäßig
Spendensammlungen für bestimmte Zwecke durchgeführt. Die Ergebnisse wurden immer
wieder in jüdischen Periodika mitgeteilt. Hier eine Auswahl der
Mitteilungen von Spenden aus Birkenau:
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. April 1879 -
Spendensammlung "Für die Armen des Heiligen Landes" - : "Birkenau.
Durch Lehrer G. Darmstädter, Challah-Geld von nachgenannten Frauen: Elise
Löb 1, Helene Oppenheimer 0.50, Emma Löb 0.70, Therese Löb 0.50, Jette
Darmstädter 0.60, Hannche Löb 1, Rickche Mannheimer 1. Regine Hirsch 0.50,
Emilie Heumann 0.50, Vertha Liebmann 0.70, Schanette Liebmann 1, Malche Marx
0.50, Sannche Hirsch 0.62, Regina Hirsch 1, zus. abz. Porto 9.82 M., wovon 3
M. für Joseph Heisler, 1 M. für David Kohn Willner, und 5.82 M. für die R. 7
und 8." |
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juli 1881 -
Spendensammlung "Für die schwer bedrängten Glaubensbrüder in Südrussland":
"Birkenau. Durch Lehrer G. Darmstädter: A. Löb 1, S. Oppenheimer
0.50, B. Löb 1. M. Löb 0.50, Z. Darmstädter 0.50, B. Löb 1, N. Mannheimer
0.50, R. Hirsch 0.50, J. Heumann 0.50, M. Liebmann 0.70. A. Liebmann Witwe
1, H. Marx 0.30, D. Hirsch 0.20, zusammen abzüglich Porto 8 M."
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Januar 1887 - "Spenden
für das Heilige Land": "Birkenau. Durch Z. Darmstädter u. Emanuel
Löb, Challah-Geld von nachgenannten Frauen: Jette Darmstädter 0.50,
Hannchen Löb Witwe 0.50, Friedericka Mannheimer 1, Elise Löb 0.50, Emma Löb
0.50, Therese Löb 0.50. Bertha Liebmann 0.50, Zerline Liebmann 0.50,
Henriette Lehmann in Weinheim 4, zus.
abzüglich Porto 5.20 M. wovon 2.20 M. für die Talmud-Tora-Schule in
Mea Schearim (Jerusalem)."
Zum Spendenzweck vgl. Artikel
https://de.wikipedia.org/wiki/Me'a_Sche'arim |
Mitglieder des Hachscharah-Kibbuzes
in Birkenau gründen den Kibbuz Machar in Palästina / Israel (1936)
Anmerkung: Der Kibbuz Machar (hebräisch מָחָר) war eine zionistische
Siedlung in Palästina, die in den 1930er Jahren bestand. Der Kibbuz befand sich
in Ramat Hadar vgl.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hod_haScharon. Er diente als Anlaufstelle für
jüdische Einwanderer im Rahmen der Hachschara (Ausbildung und Vorbereitung auf
das Leben in Palästina). Einen Kibbuz Machar gibt es heute nicht mehr.
Artikel
in der "Jüdischen Rundschau" vom 10. April 1936: "Ein Jahr Kibbuz Machar.
Uns wird geschrieben: Der Kibbuz Machar in Hadar (Scharon) wurde am 28. März
vorigen Jahres von 12 Mitgliedern des Hachscharah-Kibbuz Birkenau im
Odenwald als Plugah des Kibbuz Hameuchad gegründet. Inzwischen ist seine
Mitgliederzahl auf 50 angewachsen und wird nach Verteilung dieser Schedule
80 erreichen. Der größte Teil seiner Mitglieder stammt aus Deutschland; in
letzter Zeit hat sich eine Gruppe von Olim aus der Tschechoslowakei in Wien
zu konzentrieren begonnen. Der vorherrschende Arbeitszweig ist Außenarbeit
in den Pardessim (Obstplantagen). Gleichzeitig mit dem einjährigen
Bestehen feiert der Kibbuz die Einweihung seines neuen Lagers auf 12 Dunam
Keren Kajemeth-Boden (Jüdischer Nationalfonds) in Hadar. Mit dem
Anbau von Gemüse wurde eben begonnen, Kuh- und Hühnerstall sollen im Laufe
des Jahres folgen. Das spezifische Merkmal des Kibbuz Machar ist die
Gemeinschaft von religiösen und nichtreligiösen Chawerim. Es ist bisher
der einzige Kibbuz im Lande, der diesen Grundsatz durchführt. Der Gedanke
reifte in der Zeit gemeinsamer Hachscharah. Seine praktische Voraussetzung
ist eine gemeinschaftliche koschere Küche. Die theoretische Voraussetzung
hierfür ist eine doppelte: Einmal die Erkenntnis, dass die Spaltung der
chaluzischen Bewegung in eine nichtreligiöse und religiöse für die gesamte
Bewegung nachteilig ist. Im Rahmen des Kibbuz Hameuchad, der eine
chaluzische Massenbewegung ist, muss — auf der Grundlage unbedingter
Gewissensfreiheit — Raum für verschiedene Lebensanschauungen und
Lebensführungen sein, wenn sie nur die Chaluziuth bejahen. Ferner ist der
Kibbuz der Ansicht, dass die Religion als die Wahrerin jahrtausendealter
jüdischer Kulturgüter nicht abseits von der allgemeinen chaluzischen
Bewegung zu stehen braucht, sondern dass sie der werdenden Kultur Bleibendes
zu geben hat, aber auch Wertvolles von ihr empfangen kann. Ein solcher
Austausch kann nur dann stattfinden, wenn durch gemeinschaftliches Leben
Vorurteile, Irrtümer und Fehler auf beiden Seiten zerstört werden.
Chaim Neuburger." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Rös Löb (1885)
Anmerkung: zum Grab von Rosa
Löb geb. Spieß (geb. um September 1803, gest. 4. Juni 1885) siehe
https://lagis.hessen.de/resolve/de/juf/16852
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Juni 1885:: "Von der
Bergstraße. Am 22. Siwan (= 5. Juni 1885) wurde in Birkenau bei Weinheim a.d.
Bergstr. eine Frau zu Grabe getragen, die es verdient, dass ihr nun
abgeschlossenes Leben und Wirken auch vor einem weiteren Kreise entrollt werde.
Rös Löb hieß die eschet chajal (tüchtige Frau)! Wer hätte, selbst in
weiterem Umkreise, sie nicht gekannt, die Wackere, die trotz ihrer 82 Jahre in
jugendlicher Rüstigkeit und Beweglichkeit in ihrem Hause schaltete und waltete,
von früh bis spät tätig für das Wohl ihrer Kinder und Enkel (ihr Gatte ging
ihr schon vor vielen Jahren im Tode voraus), in deren Kreise sie lebte. Nicht
gerade in den glänzendsten Verhältnissen lebende, hatte sie sich doch niemals
von der Sorge des Lebens ihren frohen, heiteren Sinn rauben lassen; ihr
unbegrenztes Gottvertrauen, ihre innige, überzeugungstreue Religiosität
hielten sie hoch, auch wenn der Himmel der Irdischkeit in schwarze Wolken sich
hüllte und auch sie vor manchem Leid nicht verschonte. Ihr Haus war stets jedem
Fremden, ob arm oder reich, in der liebevollsten Weise geöffnet, und wer wäre
auch nicht gern bei ihr eingekehrt, die sie Jeden mit gleicher Freundlichkeit
bei sich willkommen hieß? Für Jeden war sie, die Herzensgute, mit Rat und Tat
zur Hand, und darum war sie auch geliebt und verehrt von Allen, die sie kannten.
Mit ihr ist eine Fülle der köstlichsten Herzensgaben zu Grabe gegangen, eine
Perle der jüdischen Frauen aus dem Leben geschieden. Möge sie dort, in jenen
lichten Höhen, den Lohn finden für all das Gute, das sie in ihrem langen
Leben hier auf Erden gewirkt! Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens."
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Zum Tod eines nicht namentlich genannten jüdischen Einwohners (1886)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Dezember 1886:
"Birkenau, 2. Dezember (1886). Heute wurde ein hiesiger
israelitischer Einwohner zu seiner letzten Ruhestätte gebracht, welcher
ganz unerwartet ein tragisches Ende nahm. Derselbe hatte sich vorgestern
mit seiner einzigen Tochter, welche im Begriffe steht, sich zu
verheiraten, nach Darmstadt begeben, um dort die nötigen Vorbereitungen
zur Hochzeit zu treffen. Die Tochter begab sich mit ihrem Bräutigam nach
Frankfurt, um das dort gemietete Logis einzusehen; der Vater wanderte
wieder allein seiner Heimat zu. Sowohl auf der Eisenbahn von Darmstadt
nach Weinheim, als auch in dem Omnibus von letzterem Orte bis hierher,
zeigte er das ihm eigentümliche joviale Wesen. Kaum aber hatte er den
Wagen verlassen, um sich nach seiner Wohnung zu begeben, so sank er um.
Mehrere Männer eilten herbei und trugen ihn nach Hause. Alle Bemühungen
des Arztes, ihn wieder zu sich zu bringen, blieben ohne Erfolg. Ein
Schlaganfall hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Dass hier und in der
Umgegend die Toleranz zu Hause ist, zeigte sich heute bei seinem
Leichenbegängnisse, denn eine große Schar Leidtagender aus allen
Ständen und Konfessionen erwiesen dem Dahingeschiedenen die letzte
Ehre." |
Zum Tod des langjährigen Vorstandes des Gemeinde Bernhard Löb (1905)
Anmerkung: zum Grab von Bernhard Löb (geb. 30. April 1834, gest. 30. Oktober
1905) siehe
https://lagis.hessen.de/resolve/de/juf/16917
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 29. Dezember 1905: "Birkenau.
Hier verstarb am Ausgange des Rosch-Chodesch Marscheschwan (= 30.
Oktober 1905) der langjährige Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde
Herr Bernhard Löb. Herr Landrabbiner Dr. Marx widmete dem
Entschlafenen am Trauerhause Worte ehrenden Nachrufes." |
Zur Goldenen Hochzeit von Zacharias Darmstädter und
Henriette geb. Weinheimer (1908)
In
der Ausgabe der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juli 1908
erschienen Glückwünsche zur
Goldenen Hochzeit von Zacharias Darmstädter und Henriette geb. Weinheimer:
"Birkenau bei Weinheim, 20. Juli (1908). Am 15. dieses Monats beging Herr
Zacharias Darmstädter und seine Ehefrau Henriette geb. Weinheimer das seltene
Fest der goldenen Hochzeit. Beide Jubilare stehen im Alter von 83 Jahren. Möge
denselben noch ein schöner Lebensabend beschieden sein". |
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Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 17. Juli 1908: "Birkenau in Baden. Herr Zacharias
Darmstädter und Frau Henriette geb. Weinheimer feierten die goldene
Hochzeit." |
Zum Tod des langjährigen
Gemeindevorstehers Zacharias Darmstädter (1909)
Anmerkung: Zum Grab von Zacharias Darmstädter siehe
https://lagis.hessen.de/resolve/de/juf/16833
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Juli 1909:
"Birkenau (fälschlich in den Taunus verlegt), 6. Juli (1909).
Zu den Tagen der Trauer, die diese Monate bringen, ist für unsere
Gemeinde ein neuer Tag der Wehmut hinzugekommen. Am 10. Tammus verschied
unser ältestes Gemeindemitglied, Herr Zacharias Darmstädter, im Alter
von 83 Jahren. Mit ihm scheidet ein wahrhaft edler und frommer Jehudi aus
dem leben, der seine Arbeit so lange er konnte in den Dienst der Gemeinde
stellte. Lange Jahre lenkte er die Geschicke der Gemeinde als 1.
Vorsteher. Von der Tatkraft, mit der er sein Amt bekleidete, zeugt unsere
Synagoge, die unser seiner Amtsführung erbaut wurde. Auch der hiesige
israelitische Männerkrankenverein, dem der Verstorbene seit seiner
Gründung über 60 Jahre angehört hatte, verliefert in ihm ein treues
Mitglied. Voriges Jahr hatte der Verstorbene noch das Glück, mit der
jetzt trauernden Gattin das Fest der goldenen Hochzeit zu feiern, und
keiner von denen, die damals dem noch Rüstigen ihre Glückwünsche
darbrachten, hätte gedacht, dass er ein Jahr später ihn zu Grabe
geleiten werde. Das Andenken an den Gerechten ist zum Segen." |
Zum Tod von Moses Löb,
langjähriger ehrenamtlicher Vorbeter (1909)
Anmerkung: zum Grab von Moses Löb (geb. um 1847, gest. 21. Juli 1909) siehe
https://lagis.hessen.de/resolve/de/juf/16945
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. August
1909: "Birkenau (Odenwald). Hier starb der in Nah und Fern bekannte
und allgemein beliebte und angesehene Herr Moses Löb. Über 30 Jahre lang
hat der Verstorbene in unserer Gemeinde da Amt eines Vorbeters am Sabbat
und Festtagen unentgeltlich ausgeübt." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. August 1909:
"Birkenau (Odenwald), 29. Juli. Am Erew Schabbat Chason
(Freitag vor Schabbat Chason, d.i. der Schabbat mit dem Toraabschnitt
Chason = 5. Mose 1,1-3,22, dies war am Freitag, 23. Juli 1909)
trugen wir hier einen Mann zu Grabe, der weit über den Kreis seiner
Heimatgemeinde bekannt war. Herr Moses Löb war in Heidelberg, wo
er sich zwecks einer Operation aufhielt, an einem tückischen inneren
Leiden gestorben. Die vielen Verwandten, Freunde und Bekannten, die seine
Bahre umstanden und während der Trauertage das Trauerhaus
besuchten, legten beredtes Zeugnis von dem Ansehen ab, das der
Heimgegangene sich zu erwerben verstanden hatte. mehr als 30 Jahre hat er
allsabbatlich, jeden Feiertag und an den ernsten Tagen (d.i.
zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur) das Amt eines Baal Tefila (Vorbeters)
unentgeltlich ausgeübt; ein Baal Tefila (Vorbeter), der sich
seiner klangvollen, geschulten Stimme nie rühmen wollte, dem es aber
darauf ankam, durch die uralten, ehrwürdigen Melodien erbauend auf seine
andächtigen Zuhörer einzuwirken und den Gottesdienst auch ohne die
neuzeitlichen Hilfsmittel zu verschönen. Mit ihm ist ein Mann
dahingeschieden, der überall und immer die Interessen unterer Gemeinde
wahrte, seinem ihm im Tode vorausgegangenen Bruder gleich, der jahrelang
1. Gemeindevorsteher war. Darum war die Trauer allgemein, der Schmerz so
groß, als wir ihn jetzt in unserer Trauerzeit verlieren mussten. Dem
verstand auch Herr Lehrer Meyer aus Rimbach
im Odenwald in seiner Grabrede wirkungsvollen Ausdruck zu verleihen. Seine
Seele sie eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zum Tod von Settchen Löb geb. Darmstädter (1925)
Anmerkung: zum Grab von Settchen Löb geb.
Darmstädter (geb. 3. Juni 1888, gest. 26. April 1925) siehe
https://lagis.hessen.de/resolve/de/juf/16914
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1925:
"Birkenau bei Weinheim, 3. Mai (1925). Vergangene Woche kam hier Frau
Settchen Löb geb. Darmstädter, zur Beerdigung, nachdem sie das
letzte Jahr ihres Lebens bei ihren Angehörigen in Dieburg
- ihrer Heimat - geweilt hatte. Zu früh für ihre Kinder und Verwandten
war das Ende ihrer Tage, für sie selbst eine Erlösung von schweren
Leiden. Nun kehrte sie an den Ort zurück, der ihr zur zweiten Heimat
geworden war. In glücklicher Ehe, und auch, nachdem ihr der Gatte viel zu
früh entrissen worden war, lebte sie ein stilles Witwenleben, das nur der
Erziehung ihrer Töchter galt, ein leben, getragen von Gottesfurcht und
umsonnt von Menschenliebe. Am Grabe gedachte Herr Lehrer Friedmann -
Heppenheim - der Verstorbenen und ließ das freud- und leidvolle Dasein
der Toten noch einmal vor den trauernden Kindern, Angehörigen und
Freunden vorüberziehen. 'Das Andenken der auch für unsere kleine
Gemeinde allzu früh Dahingeschiedenen wird unter uns lebendig bleiben.
Ihre
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Spenden des nach New York ausgewanderten Simon Oppenheimer für seine
Heimatgemeinde (1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Juni 1927:
"Birkenau (Hessen), 30. Mai (1927). Der verstorbene Simon Oppenheimer
aus New York, geborener Birkenauer, hat testamentarisch folgendes Legat
hinterlassen: 'Die Zinsen aus 1.000 Dollar sind alljährlich für den
israelitischen Friedhof zu verwenden.' Voriges Jahr spendete der
Heimgegangene RM 400.- für Synagogenreparatur." |
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Links
Grab von Simon Oppenheimer mit Inschrift: "Born in Birkenau
Hessen Feb. 25 1840 - Died March 18 1927 - Pauline Oppenheimer nee
Whitehead born in New York July 28 1858 - Died Feb. 4
1902". Das Grab ist im Mount Neboh Cemetery - Glendale, Queens County NY/USA
Foto mit Informationen:
https://de.findagrave.com/memorial/130163620/simon-oppenheimer
Auch die Kinder sind hier begraben: Cora Edith Louise Whitehead (1. August
1878 - 19. März 1943)
https://de.findagrave.com/memorial/124986378/cora_edith_louise_whitehead-oppenheimer
und Louis S. Oppenheimer (19. September 1882 - 1. Januar 1935) |
Zum Tod von Emma Löb geb. Abraham (1929)
Anmerkung: zum Grab von Emma Löb geb. Abraham (geb. um 1846, gest. 5.März
1929) siehe
https://lagis.hessen.de/resolve/de/juf/16912
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. März 1929: "Birkenau,
3. März (1929). An der Grenze des harten Winters, den sie trotz ihrer 82
Jahre zu überstehen glaubte, nahm Frau Emma Löb geb. Abraham, Abschied
für immer von der kleinen Kehillo (Gemeinde), die selbst immer
mehr zusammenschmilzt und kaum mehr frühlinghaftes Aufblühen zu erwarten
hat. Emma Lob war eine der letzten alten Frauen in Birkenau, die die alte
Tradition verkörperten. Mit ihr ging wieder ein Stück Vergangenheit zu
Grabe. Von nah und fern kamen trauernde Freunde zur Beisetzung, bei der
Herr Rabbiner Dr. Merzbach - Darmstadt das Leben der Greisin in beredten
Worten schilderte, ehe war die Tote vom kleinen Häuschen in der
Judengasse hinauf zum Friedhof trugen. Dort sprach im Namen der Freunde
Herr Prof. Karl Darmstädter (Mannheim) als ehemaliger Birkenauer
herzliche Worte des Gedenkens. Kinder und Enkel haben in Emma Löb die
liebe Mutter und Großmutter, die Freunde die ehrwürdige Hüterin trauter
Freundschaft verloren. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens." |
| Weiterer Bericht im "Israelitischen
Familienblatt" vom 11. April 1929. |
Kleine Mitteilungen aus den jüdischen Familien
| - 1904: Aufgebot von Fräulein Löb,
Birkenau mit Herrn Lehmann, Straßburg im Elsass (in: "Frankfurter
Israelitisches Familienblatt" - "Neue jüdische Presse" vom 14. August 1903
S. 6) |
| - 1909: Tod von Zacharias Darmstädter,
Birkenau im Odenwald im Alter von 83 Jahren (in: "Der Israelit" vom
1. Juli 1909 S. 10) |
| - 1910: Geburt eines Sohnes von Ferdinand
Löb II. (Katzenstein), Birkenau (in: "Frankfurter Israelitisches
Familienblatt" - "Neue jüdische Presse" vom 2. September 1910 S. 5)
|
| - 1920: Verlobung von Frieda Mayer (Crumstadt,
Hessen) mit Adolf Lismann (Birkenau, Hessen), in: "Der Israelit"
vom 28. Oktober 1920 S. 7. |
| - 1925: Barmizwah-Feier von Max Löb
(Birkenau), Sohn des Herrn Ferdinand Löb I und Frau Rosa geb.
Morgenstern. Paraschat Beschalach (in "Der Israelit" vom 29.
Januar 1925 S. 13). Anmerkung: das Datum der Bar-Mizwa-Feier 2.
Schabbat mit der Toralesung Paraschat Beschalach im Monat Schewet 5685 = 7.
Februar 1925. |
| - 1926: 80. Geburtstag von Witwe Emma Löb
geb. Abraham (Birkenau) am 27. November 1926, (in: "Israelitisches
Familienblatt" vom 18. November 1926 S. 6; "Der Israelit" vom 25. November
1926: "eine edle Greisin voll altjüdischer Frömmigkeit") |
| - 1929: Silberne Hochzeit am 14. Juni 1929
von Leopold Löb und Frau Berta geb. Löb (Birkenau) (in
"Israelitisches Familienblatt" vom 13. Juni 1929) - |
| - 1929: Barmizwah-Feier von Walter Löb
(Birkenau), Sohn des Herrn Ferdinand Löb II und Frau Rosalie
geb. Katzenstein am 20. Juli 1929 (in "Israelitisches Familienblatt"
vom 18. Juli 1929) |
| - 1930: Verlobung von Hanna Löb
(Birkenau) mit Stephan Schwartz (Leipzig) (in: "Israelitisches
Familienblatt" vom 30. Oktober 1930) |
| - 1930: Hochzeit von Stephan Schwartz
(Leipzig) mit Johanna Schwartz geb. Löb (Birkenau) (in:
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden
Hessens" Juli 1930) |
| - 1935: Silberne Hochzeit des Vorsitzenden
des Jüdischen Männervereins Emanuel Löb mit seiner Frau Frieda
geb. Wimpfheimer (Birkenau) (in: "Israelitisches Familienblatt" vom
21. Februar 1935 S. 15 und "Der Israelit" vom 7. Februar 1935) |
| - 1936: 60. Geburtstag von Karoline Löb
(Birkenau) am 24. Januar 1936 (in: "Israelitisches Familienblatt" vom
23. Januar 1936) |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige von Joseph Heumann (1897)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1897:
"Ein junger, tüchtiger Bäcker, 18 Jahre alt, sucht sofort
Stelle. Zu erfahren bei
Joseph Heumann, Birkenau, Hessen." |
Anzeigen von Ferdinand Löb II. - Öl-, Fett- und Kolonialwaren-Versandgeschäft
(1910 / 1920)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 19. Mai 1910: "Für mein am Samstag
geschlossenes Öl-, Fett- u. Kolonialwaren-Versandgeschäft suche einen
Lehrling bei freier Station.
Ferdinand Löb II, Birkenau (Hessen)." |
| |
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 2. September 1920: "Feines Tafelöl,
1 Liter Mark 22,50, Probepostkolli = 4 Liter, Nachnahme.
Koscher
Kokosbutter
in 9 Pfund-Postpaketen, Nachnahme. Vertreter gesucht.
Ferdinand Löb II, Birkenau bei Weinheim an der Bergstraße." |
Anzeigen von Ferdinand Löb I.: Neujahrsgrüße und Angebot eines Kronleuchters
(1904 / 1921)
Anm.: zum jüdischen Neujahrsfest siehe
https://de.wikipedia.org/wiki/Rosch_ha-Schana
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. September 1904: "Ferdinand Löb
I, Birkenau,
wünscht allen Freunden und Bekannten
Versiegelung und gute Einschreibung." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juni 1921: "Kronleuchter
da überzählig, zu verkaufen.
Ferdinand Löb I., Birkenau bei Weinheim." |
Verlobungsanzeige von Kora M. Libmann (Liebmann?) und Meier Kaufmann
(1933)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Februar 1933: "Gott
sei gepriesen.
Kora M. Libmann - Meier Kaufmann Verlobte.
Birkenau im Odenwald / Hanau am Main - Sprendlingen (Kr.
Offenbach)
im Monat Schewat 5693 - Februar 1933. |
Verlobungsanzeige von Ida Kiesler und Manfred Löb (1937 im Geringshof)
Anmerkung: Martin Löb war auf Hachscharah-Ausbildung zur Emigration nach
Palästina im Geringshof
https://de.wikipedia.org/wiki/Gehringshof
Anzeige
in der "Jüdischen Rundschau" vom 26. Januar 1937:
"Ida Kiesler - Manfred Löb
Verlobte
Frankfurt am Main, Hanauer Landstraße 130 -
Birkenau/Odenwald Geringshof
Januar 1937" |
Weitere Dokumente
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim / Ries; Anmerkungen
gleichfalls von P. K. Müller)
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Bis 1770 fand der Gottesdienst in einem jüdischen Privathaus statt.
Nach einem Dokument aus diesem Jahr forderte Feist Mendel Miete "von der in
seinem Haus gehaltenen Judenschule". Offenbar hatte es Streit zwischen
Feist Mendel und anderen jüdischen Familien gegeben. Daraufhin wurden Mendel
von der Ortsherrschaft acht Gulden Jahresmiete zugestanden, für die die
Judenschaft des Ortes aufkommen musste. Zugleich wurde die Judenschaft
angewiesen, "zur Verhütung künftiger Unruhen" eine Synagoge
zu erbauen. Wann eine solche erstellt wurde, ist nicht bekannt. Anfang des
19. Jahrhundert wird berichtet, dass die jüdische Gemeinde ein
einstöckiges Haus mit einer Judenschule und einem Badhäuschen hatte. Auch in
den 1820er-Jahren wird diese "Judenschule" mehrfach erwähnt. In
dem unmittelbar mit der "Judenschule" verbundenen Wohnhaus (siehe Plan
unten) war die Lehrerwohnung. Der Lehrer war verpflichtet, im Gebäude der Judenschule auch
durchreisende arme Wanderjuden über Nacht zu beherbergen. 1833 musste
das Synagogengebäude an Hirsch Hirsch verkauft werden, da die jüdische
Gemeinde die Zinsen für die vorhandenen Schulden nicht mehr aufbringen konnte.
Mit dem Verkaufserlös sollten die Schulden getilgt werden. Der Betsaal konnte
weiter genutzt werden; der Lehrer musste seitdem jedoch bei Privatpersonen
untergebracht werden, da in seine Wohnung Hirsch Hirsch einzog. Am 10. April 1853 brach ein Brand im Gebäude der
Judenschule aus. Es konnte danach nicht mehr repariert werden, sodass ein Neubau
nötig war. Im Juli 1853 stellt das Kreisbauamt fest, dass in der Brandruine
auch die Schwellen und Pfosten verfault sowie das Holzwerk "von dem Wurm
zerfressen" war. Zu Gebet und Gottesdienst kamen die jüdischen Familien
bis auf weiteres im Zimmer eines anderen Gebäudes zusammen, wofür man 18 Gulden
Jahresmiete vereinbart hatte.
Für den Synagogenneubau mussten jedoch erstmals die nötigen finanziellen Mittel
besorgt werden. Man hatte zwar ein Kapital von 400 Gulden angespart, doch waren
für einen Neubau mindestens 1.300 bis 1.400 Gulden nötig. Im Herbst 1853 wurde
bei den jüdischen Gemeinden der weiteren Umgebung eine von den Behörden
genehmigte Kollekte zum
Synagogenbau durchgeführt. Es kamen unter anderem aus Offenbach 43 Gulden 49
Kreuzer, aus Darmstadt 29 Gulden 3 Kreuzer, aus Heppenheim 23 Gulden 35 Kreuzer
und geringere Beträge aus den kleineren Gemeinden zusammen. Doch das Ergebnis
der Sammlung erbrachte auch noch nicht das nötige Grundkapital. Im Sommer 1855
lag ein erster Plan für eine neue Synagoge vor: man wollte das zum Kauf angebotenes
zweistöckiges Wohnhaus des Ehepaares Stefan kaufen und zur Synagoge umbauen,
doch hat sich dieser Plan aus unbekannten Gründen dann doch nicht verwirklichen
lassen.
1857 konnte man ein Grundstück neben dem bisherigen
Synagogengrundstück erwerben, um hierauf die neue Synagoge zu erstellen.
Inzwischen konnte man ein Kapital von 1.100 Gulden nachweisen, den Rest wollte
man bei der Sparkasse Heppenheim aufnehmen. Beim Neubau sollte es sich um einen
Massivbau aus Steinen und nicht um einen Fachwerkbau handeln, Plätze für 40 Männer und
und auf der Empore für 20 Frauen sollten geschaffen werden. Über die Architektur
der neuen Synagoge liegt auf Grund der 1857
erstellten Baupläne folgende Beschreibung vor: "Die Synagoge war in einem
Rundbogenstil entstanden, der deutliche Tendenzen zur Romanik aufwies. Das
Gebäude war als längsrechteckiger Saal konzipiert, der keinerlei Nebenräume
enthielt. Eine Dreiergruppe von Fenstern in der Langseite, ein Eingangsbaldachin
und ein Rundfenster an der Ostseite über dem Heiligen Schrein sowie ein Fries
an der Giebelseite und an der Traufe bildeten den Schmuck. Eine Westempore war
über eine Außentreppe erreichbar" (Schwarz Architektur s.
Lit. S. 247).
Im März 1858 wurden die Handwerkerarbeiten versteigert, sodass in den
Wochen danach mit dem Bau begonnen werden konnte. Bis zum Herbst 1859 war die
neue Synagoge fertig. Ihre feierliche Einweihung war am 18. Oktober 1859.
Über die Einweihung liegt ein Bericht aus dem
"Frankfurter Journal" vor: "Birkenau, 18. Oktober (1859). Das
auch sonst so besuchte Birkenauer Tal war gestern auffallend belebt. Eine große
Menschenmasse wollte nach dem kleinen schön gelegenen Birkenau. Die
israelitische Gemeinde daselbst, welche bereits vor 8 Jahren durch eine
Feuersbrunst ihr Gotteshaus verlor, feierte nämlich die Einweihung der neuen
Synagoge. Lobend ist dabei der Eifer und die Opferwilligkeit der Vorsteher zu
erwähnen. Das Gebäude, zwar nicht groß, ist sehr geschmackvoll gebaut und
entspricht das Innere dem gefälligen Äußeren. Die Feierlichkeit wurde durch
die Gegenwart des Großherzoglichen Kreisrats (sc. Dr. Westernacher) aus
Lindenfels gehoben. Der Festzug, dem sich Juden sowohl als Christen anschlossen,
bewegte sich durch die Straßen des Orts bis vor die Synagoge. Dort wurde der
Schlüssel des Tempels dem Herrn Kreisrat überreicht, wobei dieser Gelegenheit
nahm, in einer kräftigen Rede seine humanen Gesinnungen an den Tag zu legen.
Nach einer entsprechenden Erwiderung des Herrn Dr. Löb aus Pfungstadt, der die
Funktionen eines Rabbiners versah, begann die religiöse Feier, geleitet von
Herrn Dr. Löb und Herrn Kantor Rosenhain aus Leutershausen. Musik und Tanz
durchschallte den ganzen Tag das liebliche Teil".
(Bericht zitiert nach Gebhard S. 56; ebd. S. 75ff ist auch die Rede des
Kreisrates Dr. Westernacher abgedruckt).
Über die Rede zur Einweihung der Synagoge in Birkenau
von Kreisrat Dr. Westernacher und die Reaktion eines Pfarrers (1860)
Artikel
in "Der Freitagabend" vom 2. Dezember 1859: "Rede des Dr. Westernacher,
Großherzoglich hessischer Kreisrat zu Lindenfels, bei der
Synagogen-Einweihung in Birkenau.
Meine verehrte Versammlung!
Es gereicht mir zur großen Freude, dieser schönen Feier heute anwohnen zu
können, einer Feier, welche dazu bestimmt ist, dieses Gebäude dem Dienste
Gottes zu übergeben. Unter den mancherlei Gründen, welche mich veranlassten,
heute hier zu erscheinen, da steht auch der in der vordersten Reihe, dass
ich dieser braven israelitischen Religionsgemeinde Birkenau öffentlich meine
Anerkennung dafür bezeigen wolle, was sie in dieser Beziehung getan hat.
Kaum war nämlich der frühere Tempel durch Brand zerstört, so war es ihr
erstes Anliegen, ein Gebäude zu gewinnen, in welchem sie würdig beten könne
zu Gott in ihrer Weise. Dieser fromme Wunsch, er ist nunmehr erfüllt und
schön und herrlich steht dieser Tempel da, vollkommen seinem Zweck
entsprechend.
Meine verehrte Versammlung! Jede Religion die soll beruhen auf Liebe, und
aus der Liebe da fließt die Duldsamkeit gegen Andersgläubige. Wer diese
hassen, wer sie schmähen und verfolgen kann, der besitzt selbst keine
Religion, der verdient unser Mitleid. Wir alle sind Brüder, wir alle sind
Kinder eines Gottes und auf uns alle schaut er herab mit gleicher Liebe.
Zu dem Himmelreich da führen gar verschiedene Wege; welchen Weg der Mensch
gehen will, das ist seine Sache, das mache er ab mit seinem Gott, mit seinem
Gewissen; Andere haben hierüber nicht zu richten und am wenigsten in einer
lieblosen Weise. Ich glaube, wenn einstens der ewige Gott, der da oben
thront in den lichten Himmelsräumen, der sich da offenbart in seiner
geringsten Schöpfung, ich glaube, wenn er einstens die Toten auferwecken
wird zum Gericht, um ihre Taten abzuwägen mit gerechter Hand, dann wird er
nicht fragen: 'Mensch, in welchen Formen hast du auf Erden zu mir gebetet?'
nein, ich glaube, er wird fragen: 'Hast du die Gebote erfüllt, die ich
gelegt habe in die Brust eines jeden Menschen, hast du dich bestrebt, mir
ähnlich zu werden. hast du auch deinen Nächsten geliebt, wie dich selbst?'
Hiernach glaube ich, wird er strafen, hiernach wird er belohnen. Mögen diese
meine Worte auch vielleicht Anstoß finden bei Denjenigen, welche gewohnt
sind, die Religion nur in den Formen zu suchen, deren Glaube grau ist,
während er grün sein sollte, und welche Gott und die Menschen mit ihren
Formen zu belügen gedenken, das kann mir gleichgültig sein. Ich kenne keine
Menschenfurcht, ich pflege in allen Lagen des Lebens meine Überzeugung offen
auszusprechen, Lüge und Heuchelei, die sind mir stets fremd, die sind mir
stets verächtlich. An meiner eigenen heiligen evangelischen Glaubenslehre
hänge ich mit der glühendsten Liebe, mit der heißesten Verehrung, allein
dieses kann mich nicht abhalten, nein, es muss mich dies sogar bestimmen,
auch andere Religionen zu achten und zu ehren, und ich glaube hierdurch Gott
und meiner Religion besser zu dienen, als wenn ich Andersgläubige schmähen
und verfolgen würde. Hier unter diesem Kleide, welches mir mein Großherzog
|
und
Herr gegeben, da schlägt ein Herz in gleicher Liebe zu allen meinen
Mitmenschen, und als Beamter kenne ich keinen Standes- und keinen
Religionsunterschied, ich kenne da nur meine Überzeugung, nur das Gesetz und
nur das Recht!
Und nun, ihr Israeliten von Birkenau, habe ich noch einen besonderen Wunsch
an euch zu richten. Seid und bleibt einig unter euch selbst, seid einig und
friedfertig mit euren christlichen Mitbürgern, lasst nie ein Wort des Hasses
gegen Andersgläubige in diesem Tempel laut werden, denn hiermit ehrt ihr
euch und eure Religion am besten, vergesst nie, dass wir Alle Einem Gotte
dienen und er ein Gott ist der unerschöpflichsten Liebe und Gnade, gedenkt
stets dieser schönen Stunde und befolgt die Worte eines Mannes, der es wohl
und redlich mit euch meint.
Ihnen, Herr Rabbiner, ist heute die schöne Mission geworden, diesen Tempel
einzuweihen zu dem Dienste des allmächtigen, des allbarmherzigen Gottes;
reichen Sie mir, dem Christen, Namens der Gemeinde die Bruderhand, empfangen
Sie diesen Schlüssel und öffnen Sie mit Gott die Pforten seines Tempels.
* * * Über den würdigen Anteil, den dieser ehrenwerte Beamte an der
genannten religiösen Feier genommen, sowie über die bekannten edlen
Gesinnungen dieses Ehrenmannes, haben wir bereits unsern Lesern (S. 752)
berichtet. Wir glauben auf deren Dank rechnen zu können, indem wir ihnen
diese Rede, den Ausdruck echt humaner Denkart, ihrem getreuen Wortlaut nach
mitteilen. D. Red." |
| |
In
der überregionalen jüdischen Zeitschrift Jeschurun wurde in der
Dezember-Ausgabe berichtet: "Aus dem hessischen Odenwald, 20.
Oktober. Bei der feierlichen Einweihung der neuen Synagoge im Marktflecken Birkenau,
brachte die tolerante Rede des Kreisrats eine sehr günstige Wirkung hervor.
Überhaupt muss man dem Herrn Dr. Westernacher nachsagen, dass er die
Angesessenen seines Kreises nicht nach dem Glaubensartikel, sondern nach ihrem
menschlichen und bürgerlichen Wert beurteilt. Kräftig begegnet er den
mancherlei gerade bei uns gemachten Versuchen, zwischen den verschiedenen
Konfessionen Unfrieden zu säen. Möchte ihm und den anderen gleichhandelnden
Beamten in ihrem Friedenswerke die höhere Unterstützung nie mangeln." |
| |
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 13. März 1860: "Büdingen (Großherzogtum Hessen),
im Februar. Diesmal habe ich viel Erfreuliches aus unserm Großherzogtum
Hessen zu berichten.
Großherzoglicher Kreisrat Herr Dr. Westernacher (nicht:
Westermacher) zu Lindenfels (Anm.: Sohn des unlängst dahier
verstorbenen Hofrats Dr. W. und Bruder des dahier angestellten
Großherzoglichen Kreisarztes Dr. W., alle von der humansten Gesinnung)
wurde von einem evangelischen Geistlichen, Herrn Reich, in dessen
jüngster Reformationspredigt mit folgenden Worten angegriffen:
'In dem Intelligenzblatt für den Kreis Lindenfels Nr. 43 ist eine Rede
abgedruckt, die Großherzoglicher Kreisrat Westernacher bei Einweihung der
neuerbauten Synagoge zu Birkenau gehalten hat, und in der er u.a. sagt:
'Zu dem Himmelreich, da führen gar verschiedene Wege, welchen Weg der
Mensch gehen will, das ist seine Sache! - Der ewige Gott wird einst nicht
fragen: Mensch, in welchen Formen hast du auf Erden zu mir gebetet?' indem
er hinzufügt: 'Israeliten von Birkenau! vergesset nie, dass wir alle
Einem Gotte dienen' - und zu dem Rabbiner sich wendend, schließt:
'Reichen Sie mir, dem Christen, namens der Gemeinde die Bruderhand,
empfangen Sie diesen Schlüssel und öffnen Sie mit Gott die Pforten
seines Tempels-'
'Da diese Rede (fährt jener Geistliche fort) in jenem Blatte in
allen Gemeinden des Kreises verbreitet worden und Aufsehen und Anstoß
erregt hat, so war es schrift- und pflichtgemäß, wider die darin
enthaltenen, den Herrn Jesum Christum vor einer Judengemeinde
erniedrigenden, großen Irrtümer ein christliches und seelsorgerliches
Zeugnis abzulegen, das hiermit ebenso öffentlich verbreitet wird, wie
auch jene Rede. - Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehen nun und
nimmermehr!'
Darauf die Berliner Kirchenzeitung Nr. 1 hechelt diesen unbefugten
Attaquanten in solch derber Weise, zeigt ihn der absichtlichen
'Fälschung', gibt ihn der öffentlichen Bespöttelung und Verachtung
preis, verurteilt diesen fanatischen geistlichen Herrn mit seiner
'Ketzersentenz' dermaßen, in dem sie über diesen Gegenstand mit den
Worten schließt: 'dass Herrn Reich und Genossen, welche in allen, denen
nicht Gottes Wort und Luthers Lehr ausschließlich Norm ist, Ungläubige
und Unselige erblicken, die Toleranz überhaupt ein Gräuel ist, das
versteht sich von selbst, wird aber keinen vernünftigen Menschen bewegen,
dieses Axiom der modernen Gesittung fahren zu lassen.' Welcher Unterschied
zwischen der Berliner und der Wiener Kirchenzeitung, und welcher
Unterschied zwischen diesem humanen, ehrwürdigen Kreisrat Westernacher
und jenem kreuzritterlichen Landrat von
Ende!" |
Fast acht Jahrzehnte war die Synagoge Mittelpunkt des jüdischen
Gemeindelebens in Birkenau. Bedroht war das Gebäude, als 1891/92 die Bahnstrecke Weinheim - Fürth/Waldmichelbach über das Synagogengrundstück
geplant war. Doch war schließlich die Abgabe einiger Quadratmeter Gelände des
Grundstückes für die Bahntrasse ausreichend. Dennoch fuhren fortan die
Züge unmittelbar an der Synagoge vorbei. Mehrfach mussten
Reparaturen vorgenommen werden. 1920 erhielt die Synagoge elektrisches Licht.
Aufregung in der jüdischen
Gemeinde: darf der Synagogenvorplatz beim Kirchweihfest als Gartenwirtschaft
verpachtet werden (1912)
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 25. Juli 1912: "Birkenau.
(Verpachtung des Synagogenvorplatzes.)
Man schreibt uns: 'Ein kaum glaubliches Vorkommnis hat sich hier zugetragen.
Der Vorstand hat den Synagogenvorhof einem hiesigen Wirt anlässlich der
Kirchweihe als Gartenwirtschaft verpachtet und zwar um den Preis von sage —
drei Mark. Vor dem Synagogeneingang prangte in großen Lettern die Inschrift:
'Gartenwirtschaft', während der Haupteingang zur Synagoge einfach abgesperrt
war, sodass es den Gemeindemitgliedern einfach unmöglich war, zur
Neumondweihe die Synagoge zu besuchen. Obwohl die meisten Gemeindemitglieder
bereit waren, die Gemeinde schadlos zu halten, indem sie sich
verpflichteten, denselben Betrag an die Gemeindekasse abzuführen, hat der
Vorstand es abgelehnt, die Pacht rückgängig zu machen. Selbstredend haben
sich die Gemeindemitglieder darüber beschwert.' Auf unsere Anfrage
gibt uns der Vorstand der Synagogengemeinde folgende Darstellung des
Vorkommnisses: 'Der Vorstand überließ den vor der Synagoge gelegenen freien
Platz auf einen Tag und zwar auf Sonntag den 14. ds. Mts. gegen ein Entgelt
von Mark 3 an den Wirt Kaufmann, gegenüber der Synagoge. Vor ca. 18 Jahren
erwarb die Israel. Gemeinde diesen Platz für einen verhältnismäßig sehr
hohen Preis, es ist dieser noch ganz zu bezahlen und liegt das Gelände seit
dieser Zeit brach. Der Vorstand war darum froh, einen, wenn auch kleinen
Betrag zu erhalten, zumal die Gemeindemitglieder nicht steuerkräftig zu
nennen sind. An den Wirt wurde die Bedingung gestellt, den Platz, da wo er
an die Synagoge stößt, gut abzusperren, so dass im eigentlichen
Synagogenhofe und selbstverständlich in der Synagoge, welche übrigens stets
verschlossen gehalten wird, niemand etwas zu tun hat, was auch auf das
pünktlichste eingehalten wurde. Zu dem Vorwurf, dass der Haupteingang zur
Feier des Neumondes gesperrt gewesen sei, erwidern wir, dass abends 6 1/2
Uhr sich niemand mehr auf dem Platze aufgehalten hat und die
Gemeindemitglieder, welche ausnahmsweise gerade an diesem Neumondstage zur
Synagoge gehen wollten, dies ungehindert hätten tun können. Der weitere
Vorwurf, dass der Vorstand die drei Mark, die ein Gemeindemitglied durch ein
drittes überbringen lassen wollte, nicht annahm, erklärt sich daraus, dass
wir dem Wirt nicht zumuten konnten, nachdem er den Platz gesäubert
hergerichtet — und der sah wahrlich nicht schön aus — Sonntagvormittags
diesen wieder zu räumen.' — Jedenfalls ist die Verpachtung des
Synagogenvorplatzes als Gartenwirtschaft zur Kirchweih nicht sehr taktvoll
und wohl geeignet, bei Gemeindemitgliedern Anstoß zu erregen." |
Als
letztes großes Ereignis in der Synagogengeschichte konnte im Herbst 1934 das 75-jährige
Bestehen des Gebäudes gefeiert werden.
75-jähriges Synagogenjubiläum (1934)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Oktober 1934: "Birkenau
(Odenwald), 27. September (1934). Unsere kleine Gemeinde begeht am 14.
Oktober ihr 75-jähriges Synagogen-Jubiläum, verbunden mit einer Feier
in der Synagoge. Allen ehemaligen Birkenauern ist Gelegenheit geboten,
daran teilzunehmen." |
| |
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
8. November 1934: "Birkenau, 1. November (1934). Am 14.
Oktober feierte die kleine Gemeinde ihr 75-jähriges
Synagogen-Jubiläum. Nach dem Mincha-Gebet eröffnete Herr
Oberkantor Epstein, Mannheim mit einem 'Boruch habbo' die gut besuchte
Feier. Es erfolgte die Begrüßung durch den Vorstand und nach weiteren
Gesangsvorträgen hielt Herr Rabbiner Dr. Lauer, Mannheim in
Vertretung des verhinderten Rabbiner Dr. Merzbach, Darmstadt seine
Weihepredigt, während Herr Prof. K. Darmstädter, Mannheim in
längeren Ausführungen den Werdegang der Gemeinde darlegte. Mit
Dankesworten durch den Vorstand und dem gemeinsam gesungenen 'Jigdal'
endete die schlichte Feier, die für alle Teilnehmer eine erhebende
Weihestunde war." |
| Ähnliche
Berichte in der "Jüdischen Rundschau" vom 7. Dezember 1934 und
"Israelitisches Familienblatt" vom 22. November 1934 und "CV-Zeitung"
(Zeitschrift des "Central-Vereins" vom 8. November 1934. |
Nachdem im Sommer 1938 nicht mehr die
Mindestzahl von zehn jüdischen Männern zum Gottesdienst erreicht wurde, begann
die jüdische Gemeinde Verhandlungen zum Verkauf der Synagoge an die
Ortsgemeinde. Von Karl Darmstädter liegt ein Bericht über den letzten
Gottesdienst am 6. November 1938 vor:
"In der hellen Synagoge der zusammengeschrumpften
Odenwaldgemeinde hatten sie sich versammelt: die noch dort in Einsamkeit lebten,
die von dort stammten und nun von nah und fern noch einmal zusammengekommen
waren - zur Abschiedsstunde von dem Gotteshaus... Es war eine schlichte Abschiedsstunde. Die, die
als Kinder hier heimisch waren, sahen noch einmal die alten Torarollen, um deren
künftige Unterbringung man sich sorgte; die alten Wimpel mit ihren eigenen Namen;
die Pulte, an denen die Großväter und Väter gebetet hatten... Alte
Schulkollegen trafen sich und nahmen traurigen Abschied. Die Synagoge wurde
geschlossen".
Am 9. November 1938 wurde das Gebäude an die politische Gemeinde
verkauft, die ihr Feuerwehrgerätehaus darin einrichten wollte. Dennoch wurde
die Synagoge beim Novemberpogrom 1938 in der folgenden Nacht zum 10.
November weitgehend zerstört.
SA-Männer (Standarte 145) - vermutlich aus Weinheim - drangen am frühen Morgen
des 10. November in die Synagoge ein, zertrümmerten die Bänke und zündeten
sie mit mitgebrachtem Benzin an. Sie brachen den Toraschrein aus und warfen die
Torarollen ins Feuer. Die beiden Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden
(Ferdinand und Emanuel Löb) wurden noch am selben Tag gezwungen, einen
veränderten "Kaufvertrag" über das Gebäude und das Grundstück zu
unterschrieben, in dem es hieß: "Ein Kaufpreis wird nicht bezahlt".
Im Frühjahr
1940 wurde die ehemalige Synagoge auf Grund eines Beschlusses des
Gemeinderates vom 3. März 1940 abgebrochen. Ein Feuerwehrhaus wurde auf Grund
des Einspruches der Reichsbahn nicht verwirklicht. Das Abbruchmaterial der
Synagoge wurde von der Gemeinde weiterverwendet.
Am Standort der Synagoge befindet sich heute ein - sehr sparsam ausgeführter -
"Mini"- Gedenkstein mit der
Inschrift: "Hier stand die 1859 erbaute und 1938 zerstörte Synagoge".
Seit November 1993 befindet sich am Haus Obergasse 6 eine Erinnerungstafel mit
den Namen von 13 ermordeten jüdischen Personen aus Birkenau.
Adresse/Standort der Synagoge: Obergasse unweit des Rathauses
Pläne / Fotos
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | K. Zinkgräf: Die ehrbare Bäcker- und Müllerzunft
zu Weinheim a.d. Bergstraße. Beitrag von 1911/1912.
S. 12 berichtet aus dem 18. Jahrhundert: Juden aus Hemsbach und Birkenau
hausieren mit Fleisch in Weinheim; die Vorstellungen (= Beschwerden) der
Weinheimer Metzger beim Stadtrat waren ergebnislos; hierauf griffen die
Weinheimer Metzger durch Angriffe auf die jüdischen Händler zur Selbsthilfe.
|
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 79-81. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 26. |
 | Wolfgang
Gebhard: Geschichte der Birkenauer Juden. Birkenauer Schriften Heft 4.
Gemeinde Birkenau 1993 (gründliche und detailreiche Darstellung zur
Geschichte der jüdischen Gemeinde in Birkenau; hier auch weitere Literatur
und Quellenangaben). |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 16-17. |
 | Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Die Architektur der
Synagoge. Stuttgart 1988. S. 247. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 107-108. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Birkenau Hesse.
Numbering 66 in 1828, the community grew to 120 (about 8,5 % of the total) in
1872 and then declined. The last service was held on 6 November 1938, one day
before the local fire brigade assumed ownership of the synagogue, thus
preventing its destruction on Kristallnacht (9-10 November 1938). Most of
the 35 Jews living there in 1933 had emigrated by Worldwar II.

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