Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Bad Wörishofen (Kreis Unterallgäu) 
Jüdische Geschichte /Jüdischer Friedhof (Jüdisches Grabfeld im Kommunalen Friedhof)  
  

Übersicht:

Zur jüdischen Geschichte in Bad Wörishofen  
Texte / Anzeigen zur jüdischen Geschichte    
Zur Geschichte des jüdischen Grabfeldes im Friedhof Bad Wörishofen  
Fotos / Darstellungen  
Links und Literatur   

      

Zur jüdischen Geschichte in Bad Wörishofen  
 
In Bad Wörishofen ("Bad" seit 1920) bestand zu keiner Zeit eine jüdische Gemeinde. Doch lebten hier im 19./20. Jahrhundert einige wenige jüdische Personen, von denen Einrichtungen betrieben wurden, damit jüdische Kurgäste rituelle Verpflegung und Unterkunft fanden. 
  
Ende des 19. Jahrhundert kamen auch jüdische Kurgäste nach Wörishofen. Unter ihnen Prominente wie Baron Nathaniel von Rothschild (siehe Bericht unten), der von Pfarrer Sebastian Kneipp persönlich behandelt wurde. Baron Rothschild wurde zu einem der größten Wohltäter der Kneipp'schen Stiftungen.   
 
Die Zahl der jüdischen Einwohner blieb - ohne die jüdischen Kurgäste - immer gering: 1910 13 jüdische Einwohner (0,4 % von insgesamt 3.103 Einwohnern), 1925 7, 1933 5 jüdische Einwohner. Die in Bad Wörishofen wohnhaften jüdischen Personen gehörten offiziell zur jüdischen Gemeinde in Memmingen.  
 
Bei den 1933 in Bad Wörishofen lebenden jüdischen Personen handelte es sich um die Familie von Hermann Glasberg, der sich 1895 in Bad Wörishofen niedergelassen hatte (er war 1871 in Russland geboren) und in der Stadt ein Geschäft in der Bahnhofstraße 4 betrieb. Er und seine Frau Emma geb. Schulhöfer hatten sechs Töchter: Adele, Selma, Hermine, Flora, Elvira und Martha. Die Töchter Elvira, Martha und Hermine konnten in die USA emigrieren, die Tochter Adele zog nach Dresden und überlebte in Deutschland. Die Eltern kamen am 10. August 1942 in das jüdische Altersheim nach Augsburg, das damals Sammelplatz für die Transporte nach Theresienstadt war, später nach Auschwitz, wo sie im Mai 1944 ermordet wurden. Die Tochter Selma verheiratete Weissmann ist gleichfalls in Auschwitz ermordet worden, die Tochter Flora verheiratete Wiener starb im Januar 1942 im Ghetto Riga.   
Weiter war eine in sogenannter "Mischehe" lebendige jüdische Frau in Bad Wörishofen. Sie starb im November 1941. 
    
Von den in Bad Wörishofen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):    Emma Glasberg geb. Schulhöfer (1874), Hermann Glasberg (1871), Selma Weissmann geb. Glasberg (1906), Flora Wiener geb. Glasberg (1910).  
   
Zur Frage nach der Verlegung von "Stolpersteinen" für Familie Glasberg siehe Artikel in der "Augsburger Allgemeinen" vom 22. Februar 2014: "Stolpersteine sollen die Erinnerung wach halten. Bad Wörishofen soll dem Beispiel Mindelheims folgen. Ein großer Teil der Familie Glasberg stark im KZ..."  Link zum Artikel  
     
     
     

Texte / Anzeigen zur jüdischen Geschichte 
    
Um 1900; die Pension Glauberg - streng koscher geführt   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. April 1900: "Wörishofen
Seine streng koschere Küche, sowie besteingerichtete Fremdenzimmer (ganze Pension Mark 3.50) empfiehlt A. Glasberg.  
Referenz: Seiner Ehrwürden Herr Dr. Cohn, Distriktsrabbiner in Ichenhausen
Große Kurerfolge unter Leitung derselben Ärzte, die schon mit dem seligen Herrn Prälat Kneipp zusammen gewirkt haben."  
  
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Mai 1900: Wörishofen, Pension Glasberg. Streng koschere Küche. Schön eingerichtete Fremdenzimmer. Ganze Pension Mark 3.50. Referenz: Hochwürden Herr Rabbiner Dr. Kohn - Ichenhausen. Große Kurerfolge unter Leitung derselben Ärzte, die schon Jahre lang mit dem seligen Herrn Prälaten Kneipp zusammen gearbeitet haben."  
  
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Mai 1900: derselbe Text wie oben.

   
Hinweis auf die jüdische Pension Glasberg (1904)        

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. April 1904: "Badegast, Neutra: In Wörishofen existiert eine jüdische Pension. S. Glasberg, Waldstraße 83 1/2".     

   
Baron Nathaniel Rothschild, "einer der größten Wohltäter der Kneipp'schen Stiftungen" (1894) wird in der antisemitischen Presse denunziert 

Bad Woerishofen Israelit 21061894.jpg (158561 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Juni 1894: "(Aus dem Füllhorn antisemitischer Lügen!) Durch die antisemitische Presse machte neuerdings das Märchen die Runde, Baron Nathaniel Rothschild habe dem bekannten Wörishofer Pfarrer Kneipp für eine mehrwöchentliche Kur nur 50 Mark Honorar gezahlt. Auf Anfrage eines Teplitzer Fabrikanten bei Pfarrer Kneipp erhielt dieser nun folgende Antwort: 
'Wörishofen, 11. Mai 1894. Euer Wohlgeboren! Auf Ihr Geehrtes, vom 8. dieses Monats die ergebenste Mitteilung, dass ich heute dem Herrn Prälaten den Inhalt Ihres Schreibens vorgetragen habe. Der Herr Prälat gab mir den Auftrag, zur Steuer der Wahrheit zu Ihrer Beruhigung und zur Abwehr ungerechter Angriffe Ihnen Folgendes mitzuteilen: Herr Baron Rothschild machte hier die Kur nach Anweisung der Herrn Prälaten Kneipp mit gutem Erfolge. Was der Herr Baron ihm gegeben. wird Niemand erfahren, wie überhaupt der Herr Prälat niemals von seinen Kurgästen sagt, ob sie ihm viel oder wenig gegeben haben. Der Herr Prälat war mit dem, was er ihm gegeben, vollständig zufrieden. Zugleich muss noch erwähnt werden, dass der Herr Prälat von dem Herrn Baron sagte, er sei einer der bescheidensten Kurgäste gewesen, der ihm die wenigste Zeit hinweggenommen und ihn öfters bat, er möchte ihm die Zeit bestimmen, wann es ihm am gelegensten wäre, mit ihm zu verkehren, und sich ganz genau nach der ihm bestimmten Zeit richtete, ängstlich vermeidend, ihn irgendwie zu belästigen oder ungelegen zu sein. Obwohl der Herr Baron es sich verbeten, so muss auf diesen Fall doch angedeutet werden, dass in neuerer Zeit er einer der größten Wohltäter der Kneipp'schen Stiftungen geworden ist. Der Herr Prälat bedauert sehr, dass dem Herrn Baron so unrecht geschieht, denn ihm sind als Kurgäste alle gleich, wes Standes und Religion sie sein mögen. Er betrachtet den Kranken, sucht ihm zu helfen und will durchaus nicht, dass Jemandem Unrecht geschehen sollte. Im Auftrage des hochwürdigen Herrn Prälaten hochachtungsvollst Msgr. Seb. Kneipp's Sekretariat.' 
Wo bliebe die antisemitische Wühlerei ohne ihre Hauptwaffen: Lügen und Verleumdungen!"
  
Nathaniel_Meyer_Freiherr_von_Rothschild.jpg (31651 Byte)Bei dem im obigen Artikel genannten Baron Nathaniel Rothschild handelte es sich vermutlich um Nathaniel Meyer von Rothschild (geb. 1836 in Frankfurt am Main, gest. 1905 in Wien), ein Sohn des Bankiers Anselm Salomon Freiherr von Rothschild (1803-1874), dem Begründer der Creditanstalt in Wien. 
Nathaniel Rotschild betätigte sich als Kunstsammler, Reiseschriftsteller, Sportsmann, Blumenzüchter und großzügiger Gönner. 

    
Vermächtnis des in Wörishofen verstorbenen Josef Tritsch (1910)  

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" von 11. November 1910: "Wörishofen. Der hier verstorbene Josef Tritsch, ein geborener Prager, hat in seinem Testament ein Kapitel von etwa 460.000 Kronen zur Begründung von drei Stiftungen für israelitische Blinde, für Sieche und Geisteskranke in Böhmen bestimmt. Außerdem hat er seine Einrichtung in Obermais bei Meran im Werte von 60.000 Kronen dem Meraner israelitischen Asyl zediert." 

    
Über Max Reach  

Reach Max 010.jpg (51270 Byte)Links: Max Reach: Ölgemälde "Alter Mann mit Buch" von 1922 (Quelle: Artnet)  
Der Jugendstilmaler Max Reach (geb. 1872 in Prag, umgekommen 1943/44 in Auschwitz) war mehrfach zur Kur in Bad Wörishofen. Davon berichtet Reinhard H. Seitz in einem Beitrag (s.Lit.).   

 
In den 1920er-Jahren Speisehaus von Rosa Kasriels (Anzeigen von 1922/24)  

Bad Woerishofen Israelit 29061922.jpg (37320 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni 1922: "Ab 15. Juni eröffne in 
Bad Wörishofen mein Speise-Haus Koscher. 
Um geneigten Zuspruch bittet hochachtungsvollst 
Frau Rosa Kasriels Wörishofen, Waldstraße 6".  
  
Bad Woerishofen Israelit 03071924.jpg (48969 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Juli 1924: "Streng Koscher. Ab 1. Juli ist mein Speisehaus geöffnet! Unter Aufsicht eines von seiner Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Ehrentreu bestellten Schomers. 
Bad Wörishofen. Habsburgerstr. 4 - Villa Novák. Frau Rosa Kasriels."  

  
Jüdische Kurgäste unerwünscht (1935)  

Bad Woerishofen Israelit 22081935.jpg (22934 Byte)Meldung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. August 1935: "Nach Meldung des V.B. (Volksbeobachters) ist die Kurverwaltung in Bad Wörishofen angewiesen, keinem Juden mehr eine Kurkarte auszustellen. Etwa im Bade noch anwesende jüdische Gäste sollen zur baldigen Abreise veranlasst werden."      

     
     
     
Zur Geschichte des jüdischen Grabfeldes im Friedhof Bad Wörishofen        
     
Im kommunalen Friedhof befindet sich über einem gemeinschaftlichen Grab ein Denkmal, das im Mai 1945 von dem in Bad Wörishofen bestehenden "Jüdischen Komitee Bad Wörishofen" erstellt wurde. Es trägt die Inschrift: "Hier ruhen die Opfer des blutigen Nazi-Regimes. Ehre ihrem Andenken! Das jüdische Komitee Bad Wörishofen im Mai 1945". Bei den in Wörishofen verstorbenen Personen handelt es sich um KZ-Häftlinge des Außenkommandos von Dachau in Türkheim, die nach der Befreiung in einem Hospital in Bad Wörishofen verstorben sind.  
Ein weiterer Gedenksteine erinnert auf dem Friedhof an die Familie Glasberg (siehe oben).   
  
  
Lage des jüdischen Grabfeldes    
   
Im kommunalen Friedhof - vom Kneipp-Mausoleum her kommend - hinter der Friedhofskapelle (Aussegnungshalle) in der zweiten Reihe rechts.

Lage des (kommunalen) Friedhofes in Bad Wörishofen auf dem dortigen Stadtplan: links anklicken und 
über das Verzeichnis der "Behörden und öffentl. Einrichtungen" zu "Friedhof, Bad Wörishofen". 

    
   

Fotos 
(Fotos: Hubert Joachim, erstellt im Sommer 2007)  

Das jüdische Grabfeld im kommunalen
 Friedhof in Bad Wörishofen
Bad Woerishofen Friedhof 101.jpg (133330 Byte) Bad Woerishofen Friedhof 102.jpg (123066 Byte)
        
     
   Bad Woerishofen Friedhof 100.jpg (149466 Byte) Bad Woerishofen Friedhof 103.jpg (108864 Byte)
      Inschrift auf Grabstein

   
   

Links und Literatur

Links:  

Website der Gemeinde Bad Wörishofen  

Literatur:  

Gernot Römer: Für die Vergessenen. KZ-Außenlager in Schwaben. 1984 S. 188.
Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. 1988 S. 234.   
Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 461.
Reinhard H. Seitz (Hrsg.): Streiflichter auf die jüngere Geschichte von Bad Wörishofen. In: Wörishofen auf dem Weg zum Kneippkurort, zu Bad und Stadt. Lindenberg 2004.
Darin:  Martina Haggenmüller: Von Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit. S. 235-252. 
sowie: Karl Schuster: In den dunklen Tagen der Gewaltherrschaft. S. 253-255.  
sowie: Reinhard H. Seitz: Stellvertretend für eine Vielzahl von (Kur)Gästen in Wörishofen: Johann Okic - Max Reach - Katherine Mansfield. S. 219-234 [zum jüdischen Kunstmaler und Schriftsteller Max Reach: 1872 Prag - 1943/44 Auschwitz].   

           
            

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 25. Februar 2014