Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Weigenheim (Kreis Neustadt an der Aisch - Bad Windsheim)
Jüdische Geschichte / Synagoge 
(erstellt unter Mitarbeit von Fritz Saemann, Weigenheim) 

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
Links und Literatur    

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde       
   
In Weigenheim bestand eine kleine jüdische Gemeinde bis 1903. Ihre Entstehung reicht in die Zeit um 1800 zurück, als der Fürst von Schwarzenberg neun jüdische Familien im Ort aufnahm. Über die Geschichte dieser Gemeinde ist nur wenig bekannt. 1889 gab es noch 10 jüdische Familien am Ort, von denen die meisten in sehr armseligen Verhältnissen lebten ("fünf notorisch arm", A. Strauß 1889) und von den wohlhabenderen mitversorgt werden mussten (Näheres im Bericht unten "Aus dem jüdischen Gemeindeleben").
  
Die Familiennamen der Weigenheimer Juden zwischen 1808 und 1938 waren: Forchheimer, Hess, Liebreich, Löblein, Meerapfel, Rothschild, Schmalberger, Seeligmann, Seltenreich, Sommer, Schmalgrund, Sprinz und Wechsler. Die Familien bewohnten die Häuser Nr. 12, 13, 15. 28, 30, 59, 61, 62, 72, 74, 75 und 90 und hatten teilweise auch halbe Waldrechte.  
   
An Einrichtungen der jüdischen Gemeinde war eine Synagoge mit einem rituellen Bad und eine Religionsschule vorhanden (s.u.). Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Hüttenheim beigesetzt. Die Gemeinde gehörte von 1838 bis 1880 zum Distriktsrabbinat Welbhausen, danach zum Distriktsrabbinat in Ansbach. Wie lange die jüdische Gemeinde einen eigenen Lehrer/Vorbeter hatte, ist unklar. 1889 unterschrieb auf dem untenstehenden "Hilferuf" Lehrer Abraham Strauß aus Uffenheim, der vermutlich damals auch für die Weigenheimer Gemeinde zuständig war. Auf Grund der geschilderten Armut der Gemeinde war die Anstellung eines eigenen Lehrers damals wahrscheinlich nicht mehr möglich. 
  
Nicht zuletzt auf Grund der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse sind die jüdischen Familien von Weigenheim verzogen. Mehrere ließen sich im benachbarten Uffenheim nieder. 1903 wurde die jüdische Gemeinde Weigenheim aufgelöst. Die hier noch lebenden jüdischen Einwohner wurden der jüdischen Gemeinde in Uffenheim zugeteilt. 1924 lebte noch eine jüdische Frau  in Weigenheim (Angabe aus dem Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung 1924/25). Es handelte sich um Pauline Rothschild ("Sprinzen Lina"), die bis 1938 einen kleinen Spezereihandel am Ort betrieb und 1942 deportiert und ermordet wurde. 
  
Von den in Weigenheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem):  Caroline Enslein (1864), Rosa Fleischhacker geb. Liebreich (1878), Elias Emil Liebreich (1886), Helene Liebreich (1882), Katharina Rosenfeld geb. Liebreich (1884), Mathilde Rosengart geb. Liebreich (1861), Babette Pauline Rothschild (1882), Clara Schloss geb. Sammer (später wohnhaft in Kleinsteinach, 1872), Clara Schloss geb. Sämann (später wohnhaft in Würzburg, 1876).  
 
 Im August 2010 wurde zur Erinnerung an die Pauline Rothschild eine Bronzeplatte auf dem Gehweg vor ihrem (inzwischen abgebrochenen) Wohnhaus (Haus Nr. 15) verlegt (siehe Berichte unten). Die Inschrift lautet: "Hier wohnte Pauline Rothschild (Sprinzen Lina)   Jüdin   1882-1942  Geachtet - gedemütigt - deportiert - ermordet."     
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  

Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Spendenaufruf für eine verarmte Familie (1889)  
Nachstehend wird ein "Hilferuf" aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. April 1889 wiedergegeben. Der Artikel gibt einige interessante Einblicke in das Leben der jüdischen Gemeinde in dieser Zeit. 

Weigenheim Israelit 08041889.jpg (149372 Byte)"Hilferuf! Des Öfteren wird in diesen Blättern um Unterstützung und Hilfe gebeten, wenn es gilt, großer und plötzlich eingetretener Not entgegenzutreten. Selten aber wird mit größerer Berechtigung an milde Herzen appelliert worden sein, als dies im Nachfolgenden der Fall ist. 
In dem 1 Stunde von hier (sc. Uffenheim) entfernten Dorfe Weigenheim lebt ein Mann namens Juda Forchheimer seit seiner frühesten Jugend in tiefster Armut. Derselbe, jetzt 70 Jahre alt, hat trotz eines äußerst schwächlichen Körperbaues seine Familie, bestehend aus einer alten, kranken Schwester und einem taubstummen, stupiden Bruder, als Trödler unter Beihilfe wohltätiger Glaubensgenossen ehrlich und redlich ernährt. Vor etwa 4 Wochen wurde nun dem Manne seitens der Behörde der Auftrag, sein baufälliges Häuschen, das nebenbei bemerkt, mit 3/4 des Wertes hypothekarisch belastet ist, reparieren zu lassen, widrigenfalls es polizeilich geschlossen würde. Wo aber soll der Genannte, der vollständig mittellos ist, die zur Reparatur nötige Summe von circa 4 bis 500 Mark hernehmen? Die jüdische Gemeinde in Weigenheim kann das Geld nicht aufbringen, da sie aus nur 10 Familien besteht, wovon 5 notorisch arm sind und von den besser Situierten erhalten werden. Kann so der Mann dem erhaltenen Auftrag nicht nachkommen, dann sieht er sich nebst seinen Geschwistern hilflos auf die Straße gesetzt und dem größten Elend preisgegeben. 
In dieser Lage wende ich mich daher an wohltätige Glaubensgenossen und an edle Menschenfreunde mit der dringenden Bitte, dem Obengenannten möglichst rasch beizustehen und durch reiche Spenden in den Stand zu setzen, sich und seinen Geschwistern das dürftig ausgestattete Heim zu erhalten. 
Wer diese Zeilen liest, wird umso lieber sein Scherflein beitragen, als der Bezeichnete nicht nur der Unterstützung bedürftig, sondern auch im hohen Graf würdig ist, denn derselbe ist als braver und frommer Jehudi überall bekannt. Spenden wolle man gefälligst an die Unterzeichneten richten und wird seinerzeit in diesem Blatte über die eingegangenen Beträge quittiert.
Uffenheim (Mittelfranken), den 5. April 1889.  E. Nr. 75   A. Strauß, Lehrer   
Es wird hiermit amtlich bestätigt, dass die im vorstehenden Aufrufe geschilderten misslichen Vermögensverhältnisse des Trödlers Juda Forchheimer von hier der Wahrheit vollkommen entsprechen. Derselbe ist der reichlichen Beihilfe seiner Glaubensgenossen höchst benötigt und kann auch wegen seiner Würdigkeit der Mildtätigkeit dringendst empfohlen werden. 
Weigenheim, den 5. April 1889.  Königlich bayerisches protestantisches Pfarrer: Weißbeck, Pfarrer  
Auch die Expedition des "Israelit" ist gern bereit, Gaben in Empfang zu nehmen und weiter zu befördern."

Der Hilferuf blieb nicht ungehört. In der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1889 konnte Lehrer Abraham Strauß aus Uffenheim bereits eine Übersicht über einige eingegangene Spenden veröffentlichen: 

Weigenheim Israelit 30051889.jpg (68448 Byte)"In Folge des "Hilferufs" für Juda Forchheimer in Weigenheim in Nr. 28 des 'Israelit' sind bis dato beim Unterzeichneten folgende Beträge eingegangen: Salomon Forchheimer in Nürnberg 50, Jos. Mayer Wwe. in Wiesbaden 4,50, durch Hirsch Zimmer in Fürth 47, David Hutzler in Nürnberg 25, Poststempel München 20, Fr. Goldschmidt in Frankfurt a.M. 10, Motto: 'alles, was du gibst, das werde ich dir zehnfach wiedergeben' (eingegangen beim Kgl. Pfarramt Weigenheim) 10, Jacob Klugmann in Kitzingen 5, L. Schloß dass. 3, H. Strauß in Heilbronn 2, L. Scheuer dass. 2, H. Mayer dass. 2, J. Mayer dass. 1, Ungenannt in Haßfurt 5, B.M.G. in Frankfurt a.M. 3, Poststempel Adelsheim 1,30, J.B. Joelsohn in Gunzenhausen 3, M. Neuhaus in Baumbach 3,04, Poststempel Memmingen 10, J. Dann in Würzburg 4, L. in Michelsbach 10, Max Mayer in Oberlusstadt 4, M. Wolf in Nesselröden 5, F. in Frankfurt a.M. 2, durch J. Dann in Würzburg 5, Poststempel Hechingen 1, Max Kleestadt in Frankfurt a.M. 2, Em. J. Adler in Markelsheim 3 Mk.
Um weitere Gaben wird dringend gebeten. Uffenheim, den 28. April 1889   A. Strauß  Lehrer".

   
   
   
Zur Geschichte der Synagoge     
   
Zunächst war vermutlich ein Betraum vorhanden. 1846 bis 1850 konnten die jüdischen Familien unter großen Schwierigkeiten eine Synagoge bauten. Gut 50 Jahre war das Gebäude Zentrum des jüdischen Gemeindelebens am Ort. Das Synagogengebäude hatte ursprünglich ein Walmdach. Die Fensterbögen, Ecken und Gesimse sind aus rotem Sandstein aus dem Schwarzenberger Steinbruch auf dem Hohenlandsberg (Schutzherrschaft), das übrige Mauerwerk aus Gipssteinen aus einem ehemaligen Gipssteinbruch am Langenberg in der Weigenheimer Flur. Die ursprüngliche Größe der Synagoge ist auf der Westseite mit der mit Ziegelsteinen zugemauerten Eingangstüre noch heute gut zu erkennen am Mauerriss und dem von den Gipssteinen abfallenden Verputz.  

Nach Auflösung der jüdischen Gemeinde 1903 wurde die Synagogeneinrichtung verkauft (siehe Anzeigen). Das Synagogengebäude kam in den Besitz des Landwirtes Leonhard Gall, später von Heinrich Gall (noch 2012). 
 
Verkauf von Torarollen und des Synagogeninventars (1903 / 04) 

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. August 1903: 
"Durch die Auflösung der kleinen Gemeinde Weigenheim sind 
drei Torarollen

davon zwei gut erhalten und die gesamte Synagogeneinrichtung billig zu verkaufen. Näheres durch 
A. Strauß, Lehrer, Uffenheim (Mittelfranken)."    
   
Weigenheim Israelit 11021904s.jpg (43137 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Februar 1904: 
"Die Synagogen-Einrichtung 
der aufgelösten Gemeinde Weigenheim ist um den geringen Preis von Mark 25, sofort abzugeben.   
Uffenheim (Mittelfranken)  9. Februar (1904). A. Strauß, Lehrer."    

   
Bis 1962 wurde das Gebäude unterschiedlich genutzt. Danach erfolgte ein weiterer Umbau, um es als eine Halle für landwirtschaftliche Maschinen verwenden zu können. Das rituelle Bad im Synagogengebäude wurde zugeschüttet. Das Bauwerk ist - trotz verschiedener Umbauarbeiten - in der Grundsubstanz noch im Wesentlichen erhalten. Im Inneren haben sich verschiedene Spuren erhalten. Im Bereich des Aron Hakodesch steht eine Gründungsinschrift (siehe Foto unten), übersetzt: "(1) Dies ist ein heiliger Ort; (2) gebaut (?) am Mittwoch, 2. Rosch Chodesch des Marcheschwan (3) im Jahr (5)610" = Mittwoch, 17. Oktober 1849 (= 2. Rosch Chodesch). Drei Rundbogenfenster auf der Nordseite, wo zur Bauzeit ein Grasgarten war und jetzt eine Scheune steht, sind zugemauert, jedoch noch im Original erhalten. Auch ein ovales Fenster ("Ochsenauge") über dem Aron Hakodesch ist noch sichtbar. Auf der Westseite hatte das Gebäude keine Fenster, nur die Eingangstüre. Die Frauenempore war auf der Südseite, eine Treppe an der Websitseite führte hinauf (am Putz noch heute zu erkenenn).  
  
2003
gab es im Ort erste Überlegungen, im Rahmen der Dorferneuerung die ehemalige Synagoge vom Besitzer abzukaufen, zu renovieren und anders zu nutzen (damals geäußerte Ideen waren: als Proberaum des Gesangvereines, Posaunenchores, als Veranstaltungsraum, Vereinsgebäude...). Das Gebäude konnte bislang noch nicht unter Denkmalschutz gestellt werden. Auch 2012 wird das Gebäude noch für die Unterstellung von landwirtschaftlichen Maschinen genützt.    
   
Adresse/Standort der SynagogeMönchstraße 9      
   

   

Fotos / Plan  
(Quelle: alle Abbildungen erhalten von Fritz Saemann, Geschichts- und Brauchtums-Stammtisch Weigenheim)     

Bauplan der Synagoge 
von ca. 1847 und historisches Foto
Weigenheim Synagoge Bauplan 010.jpg (32612 Byte)  Weigenheim Synagoge 121.jpg (5774 Byte)
   Bauplan aus dem u.g. Buch 
von Ernst Stimpfig 
 Historisches Foto 
der Synagoge
     
Das Synagogengebäude
 im Frühjahr 2012 
Weigenheim Synagoge 122.jpg (148874 Byte) Weigenheim Synagoge 125.jpg (107504 Byte)
  Außenansicht  Zugemauertes Rundbogenfenster
     
Weigenheim Synagoge 120.jpg (105160 Byte) Weigenheim Synagoge 124.jpg (110048 Byte) Weigenheim Synagoge 123.jpg (145810 Byte)
Innenansichten mit den Rundbogenfenstern  Hebräische Inschrift (siehe oben) 
     
Jüdisches Wohnhaus   Weigenheim Wohnhaus Rothschild 010.jpg (176598 Byte)
     Haus Nr. 15 in Weigenheim - ehemaliges Wohnhaus von 
Pauline Rothschild (inzwischen abgebrochen) 
   

    

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte 

August 2010: Eine Bronzeplatte für Pauline Rothschild wird verlegt  
(Artikel und Rede erhalten von Fritz Saemann, Geschichts- und Brauchtums-Stammtisch Weigenheim)  
Weigenheim FLZ 07082010.jpg (391202 Byte)Artikel in der "Fränkischen Landeszeitung" vom 7./8. August 2010: "Geschichts- und Brauchtums-Stammtisch setzte einen Gedenksteine für Pauline Rothschild. 'Ihr Schicksal soll Mahnung sein' Viele Bürger sollen durch Spenden zur Finanzierung beitragen..." 
Zum Lesen des Artikel bitte Textabbildung links anklicken.   
Die bei der Gedenkveranstaltung am 6. August 2010 von Fritz Saemann vom Geschichts- und Brauchtums-Stammtisch im Wechsel mit Edeltraut Schmidt gehaltene Rede: eingestellt als pdf-Datei.   
 

 

Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Weigenheim (noch nicht erstellt)  
Website zur Dorferneuerung Weigenheim (Informationen nur bis 2003) 
"Top Ten" zur kommunalen Allianz in Weigenheim (März 2008)    

Literatur:  

kein Artikel bei Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979.
Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 187.
kein Artikel bei Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch). 
Karl Ernst Stimpfig: Die Juden im Fürstlich-Schwarzenbergischen Herrschaftsgericht Hohenlandsberg (Angaben aus dieser Publikation konnten noch nicht eingearbeitet werden). 
no english article available.

       

                   
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Stand: 06. Juni 2012