Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 


zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zurück zur Übersicht "Synagogen in Rheinland-Pfalz"  
zurück zu den Synagogen im Stadtkreis Koblenz  


Koblenz (Rheinland-Pfalz)
Jüdische Geschichte / die Synagogen
(die Seite wurde erstellt unter Mitarbeit von Helene Thill, Koblenz)

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte des Rabbinates  
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule     
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Nach 1945  
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagogen    
Fotos / Darstellungen  
Einzelne Presseberichte  
Links und Literatur   

  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

Koblenz Judengasse 010.jpg (81708 Byte)In Koblenz bestand eine bedeutende jüdische Gemeinde bereits im Mittelalter. Als wichtiger Durchgangsort und Mittelpunkt für Handel und Markt bot es bereits früh günstige Voraussetzungen für die Ansiedlung jüdischer Handelsleute. Erstmals werden Juden in der Stadt in einer Zollordnung von 1104 genannt. Der älteste Nachweis auf einen jüdischen Einwohner ist ein Grabstein aus dem Jahr 1149. Die älteste jüdische Ansiedlung befand sich neben der ältesten Altstadt im Florinsstift, dem hauptsächlichen Markt und Verkehrsplatz (spätere Münzstraße, siehe Foto links, zwischen der erzbischöflichen Burg und dem Stift St. Florin). Das erste Haus, das nachweislich in jüdischem Besitz war, wurde von Jud Süskind 1238 an den Erzbischof von Trier verkauft und befand sich in diesem Bereich. Eine Judengasse wird seit 1276 genannt. Am Ende der Gasse war ein Tor in der Stadtmauer, das Judentor (1282 genannt). 
 
Die jüdischen Familien bildeten eine Gemeinde mit einem Rat an ihrer Spitze (1307: magistratus et universitas Judeorium in Confluentia). Die jüdische Gemeinde hatte eigene Einrichtungen wie Synagoge, Friedhof oder ein Spital. Im 12. Jahrhundert waren Juden (wie auch Christen) u.a. als Sklavenhändler tätig. Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts spielten sie eine wichtige Rolle im Geldhandel. Selbst der Erzbischof von Köln wird 1339 als Schuldner von zwei Juden in Koblenz genannt. Es bestand ein reges jüdisches Geistesleben: mehrere jüdische Gelehrte, auch rabbinische Autoritäten hielten sich in der Stadt auf oder hatten sich hier niedergelassen (darunter R.Chajjim ben Jechiel, ein Gefährte von R. Meir von Rothenburg und sein Bruder Ascher ben Jechiel. 1344 schrieb Elieser ben Samuel ha-Lewi ein prächtiges Bibelmanuskript, das einen Pentateuchkommentar enthält und heute in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden aufgewahrt wird. Die jüdische Gemeinde war im Mittelalter von zahlreichen Verfolgungen betroffen. Am 2. April 1265 wurden 20 Juden, darunter auch Kinder ermordet. 1281, 1287/88 (Werner-Pogrom) kam es zu Verfolgungen. Bei der sogenannten Armleder-Verfolgung rief Ritter Wilhelm von Liebenstein die Stadt Koblenz auf, wie Bacharach, Lorch, Kaub, Oberwesel und Boppard die Juden zu erschlagen; die Koblenzer Bürger kamen der Aufforderung nach. Die grausame Verfolgung während der Pestzeit 1348/49 vernichtete die Gemeinde. 
  
1351 wurde wieder eine jüdische Familie in der Stadt aufgenommen. In den folgenden Jahren zogen weitere jüdische Personen/Familien zu. Es entstand eine, im Vergleich zur Zeit vor den Verfolgungen kleinere jüdische Gemeinde. Doch kam es bereits 1355 wieder zu einer neuen Verfolgung. Juden lebten in der Folgezeit fast ausschließlich von Geldgeschäften gegen Schuldsein oder Pfand oder von Geschäften mit Liegenschaften. Die jüdischen Häuser standen wie in der Zeit vor den Verfolgungen der Pestzeit in der "Judengasse" (heutige Münzstraße). 1351-1418 gab es in der Judengasse 13 von Juden bewohnte Häuser. 1418 wurden infolge der Judenausweisung aus dem Erzstift Trier, alle Juden aus Koblenz vertrieben. 100 Jahre lang hatte die Stadt dann keine Juden, bis 1518 der Trierer Erzbischof Richard von Greifenklau fünf jüdische Familien in der Stadt für 20 Jahre aufnahm. Nach dem Tod Richard von Greifenklaus 1531 kam es zu Ausschreitungen gegen die Juden, ihre Häuser wurden geplündert, Friedhof und Synagoge zerstört. 
 
Vom 16.-18. Jahrhundert lebten Juden mit längeren oder kürzeren Unterbrechungen in der Stadt. Eine kleine jüdische Gemeinde begann sich zu entwickeln, in der wie im Mittelalter einige bedeutende Gelehrte wirkten. Darunter ist Jair Chajim Bacharach (1639-1702) zu nennen, der von 1666-69 Rabbiner in Koblenz war und danach als Talmudlehrer in Worms wirkte. 1735 lebten 31 jüdische Familien in der Stadt. Während der Zeit der französischen Besatzung erhielten die Juden die Gleichberechtigung. 1794, als 33 jüdische Familien in der Stadt lebten, wurde das Judentor zum Ghetto eingerissen. 

1807 wurden 41 jüdische Familien mit 188 Personen gezählt. Die Zahl nahm im Laufe der 19. Jahrhunderts weiter zu (1858 415, 1895 576 Personen). Die wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Familien verbesserten sich im Laufe dieses Jahrhunderts. Die jüdischen Handels- und Gewerbebetriebe in der Stadt hatten eine zunehmende wirtschaftliche Bedeutung. Es entstand eine wohlhabende jüdische Mittelschicht, bestehend aus Ärzten, Rechtsanwälten, Kaufleuten u.a. Das 19. Jahrhundert war trotz der sich verbessernden Lebensbedingungen der jüdischen Einwohner von einem immer wiederkehrenden Antisemitismus geprägt. Die Auswirkungen des Hep-Hep-Aufstandes 1819, der Revolution von 1848 und des Antisemitismus seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zeigten sich in Koblenz sehr deutlich. Koblenz war für die jüdischen Gemeinden der weiteren Umgebung ein religiöses Zentrum, vor allem durch das hier beheimatete Bezirksrabbinat (Rabbiner: Dr. Ben Israel (1843-1877), Dr. Adolf Lewin (1878-1885), Dr. Moritz Singer (seit 1886, gest. 1900).
  
Um 1925, als etwa 800 Personen zur jüdischen Gemeinde gehörten (etwa 1,4 % der Gesamteinwohnerschaft von 60.000 Personen) waren die Vorsteher der jüdischen Gemeinde Moritz Moser, Jacob Meyer, N. Morgenthau, Willi Mayer-Alberti, Arthur Günther. Der Repräsentanz gehörten an: Alfred Schloss, L. Jordan, Leopold Hirsch, Dr. Treidel, S. Siegler, Julius Adler, Siegfried Cohn, Simon Daniel, Hermann Haimann, Josef Schneider, Max Mayer. Als Prediger und Lehrer wirkt Benno Huhn. David Cohn war Synagogendiener. Die jüdische Religionsschule besuchten 48 Kinder. An den höheren Schulen erhielten 62 Kinder jüdischen Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen und Wohltätigkeitseinrichtungen bestanden u.a.: ein Israelitischer Frauen-Verein (gegründet ca. 1827), eine örtliche Zentrale für jüdische Wohlfahrtspflege, gegr. 1924), die Israelitische Witwen- und Waisenkasse (gegründet ca. 1830), der Männerkrankenverein (gegründet ca. 1827), die Durchwandererfürsorgestelle, die Eintracht-Loge U.O.B.B., die Schwesternvereinigung der Eintracht-Loge (gegründet 1902), eine Ortsgruppe des Central-Vereins, ein jüdischer Jugendverein, eine Junggruppe im jüdischen Jugendheim und der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Zur jüdischen Gemeinde in Koblenz gehörten auch die in Metternich, Ehrenbreitstein, Pfaffendorf, Güls und Horchheim lebenden jüdischen Personen.  
     
Im Juni 1933 wurden 669 jüdische Einwohner in der Stadt gezählt. Schnell machten sich die Auswirkungen des wirtschaftlichen Boykotts und der zunehmenden Entrechungen bemerkbar. Immer mehr jüdische Gewerbetreibende waren gezwungen, ihr Geschäft zu verkaufen oder aufzugeben. Die Auswanderung nahm zu. Dennoch gab es noch ein reges kulturelles jüdisches Leben. Beim Novemberpogrom 1938 wurde nicht nur die Synagoge verwüstet, sondern auch 40 jüdische Häuser und 19 jüdische Läden. Etwa 100 jüdische Männer kamen in das Konzentrationslager nach Dachau, wo zwei von ihnen verstarben. Im Mai 1939 gab es noch 308 jüdische Personen in der Stadt, viele waren von umliegenden Dörfern zugezogen. 1942 begannen die Deportationen der jüdischen Einwohner: Mit dem ersten Transport am 22. März wurden 120 Juden in die Vernichtungslager des Ostens verbracht. Weitere Transporte folgen zwischen Juni 1942 und Juli 1943.
    
     
1945 und danach kehrten nur wenige Überlebende der früheren Gemeinde zurück. Doch konnte mit einigen anderen zugezogenen jüdischen Personen eine - zunächst kleine - jüdische Gemeinde wieder begründet werden. 1987 gehörten ihr etwa 100 Personen an. Durch die Zuwanderung jüdischer Personen aus den GUS-Staaten nahm in den 1990er-Jahren die Zahl der Gemeindeglieder zu. 
  
2011 zählt die Gemeinde knapp 1000 Mitglieder.
Die jüdische Kultusgemeinde Koblenz ist zuständig für die in der Stadt Koblenz, im Landkreis Mayen-Koblenz sowie die Kreise Ahrweiler, Mayen, Cochem, Zell, St. Goar, St. Goarshausen, Simmern, Unterlahn, Unter- und Oberwesterwald lebenden jüdischen Personen. Die Gemeinde betreut die in diesem Bereich liegenden etwa 100 jüdischen Friedhöfe. Für die Gemeindemitglieder wird ein umfangreiches Programm geboten (neben Veranstaltungen und Gottesdiensten in der Synagoge weitere Begegnungsveranstaltungen, Seniorennachmittage, Deutschunterricht, allgemeine kulturelle Veranstaltungen u.a.m.). 
     
    

        
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
 
Aus der Geschichte des Rabbinates 
Über den Rabbinats-Kandidaten Dr. Ben Israel (1843)

Koblenz AZJ 04121843.jpg (30004 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Dezember 1843: "Koblenz, im November (1843). Die hiesige Gemeinde hat an dem Rabbinats-Kandidaten Herrn Dr. Ben Israel einen sehr tüchtigen Prediger und Religionslehrer gewonnen, der durch seine Vorträge eine bedeutsame Wirkung übet."

    
Publikation von Rabbiner Ben Israel (1873)
    

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. September 1873: 
"Durch die H. Hölscher'sche Buchhandlung in Koblenz zu beziehen: 
Seder Tefilla
. Gebetbuch für Synagoge und Haus
Neu geordnet und übersetzt von Ben Israel, Rabbiner der Synagogengemeinde Koblenz
Zwei Teile. 50 Bogen 2 Thl. 10 Sgr.  
Dieses Gebetbuch, welches durch seine originelle Anlage, einerseits das Aufsuchen einzelner Gebetstücke beseitigt, und andererseits den Anhängern der nicht zu den Extremen gehörenden verschiedenen Glaubensrichtungen die Möglichkeit bietet, nach ihrer religiösen Überzeugung zu beten, sucht namentlich dem in fortgeschrittenen Gemeinden am Neujahr und Versöhnungstag tiefempfundenen Mangel einer würdigen, anregenden, dem Kultus an den übrigen Festtagen entsprechenden Gottesdienstfeier abzuhelfen."    

 
Ausschreibungen der Rabbiner- und Predigerstelle nach dem Tod von Dr. Ben Israel (1877) sowohl in der liberalen "Allgemeinen Zeitung des Judentums" wie auch in der orthodoxen Zeitschrift "Der Israelit"

Koblenz AZJ 05061877.jpg (55679 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Juni 1877: "Bekanntmachung. Die durch das Ableben des seligen Herrn Ben Israel erledigte Rabbiner- und Prediger-Stelle hiesiger Synagogengemeinde soll im Laufe dieses Jahres wieder besetzt werden; mit dieser Stelle ist außer großer, schöner Wohnung und erheblichen Nebenverdiensten ein fixer Gehalt von 2.400 Mark verbunden; qualifizierte Bewerber wollen sich unter Einsendung ihrer Zeugnisse baldigst bei dem Unterzeichneten melden. 
Koblenz
, den 29. Mai 1877. Der Vorstand: Max Salomon."
 
Koblenz Israelit 13061877.jpg (62100 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juni 1877: Text wie oben.

      

Wahl von Rabbiner Dr. Adolf Lewin 1878 (Rabbiner in Koblenz bis 1885)

Koblenz AZJ 16041878.jpg (53456 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. April 1878: "Bonn, 7. April (1878 - Notizen). Wir erhalten vom Vorstande der Synagogengemeinde zu Koblenz folgende Berichtigung: 'Entgegen der in Nr. 12 Ihres geschätzten Blattes veröffentlichten Mitteilung aus Koblenz, wonach die Rabbinerwahl noch nicht vollzogen und Herr Dr. Lewin aus Koschmin noch nicht gewählte sei, bitten wir Sie an gleicher Stelle jene Mitteilung zu widerrufen und zwar mit dem ausdrücklichen Hinzufügen, dass die am 23. Januar dieses Jahres von dem Repräsentantenkollegium vollzogene Wahl des Herrn Dr. Adolf Lewin in Koschmin zum Rabbiner hiesiger Synagogengemeinde, am 8. März dieses Jahres die Zustimmung des Vorstandes und am 29. März dieses Jahres die Genehmigung der Königlichen Regierung erhalten hat."

   
Biographie von Rabbiner Dr. Adolf Lewin    

Rab A Lewin OstundWest Mai 1910.jpg (94495 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Ost und West", Ausgabe Mai 1910 aus Anlass des Todes von Dr. Lewin: "Am 24. Februar dieses Jahres im 25. Jahre seiner segensreichen Tätigkeit in Freiburg im Breisgau ist Rabbiner Dr. Adolf Lewin gestorben. Am 23. September 1843 in Pinne geboren, besuchte er zuerst das Gymnasium im nahen Posten, dann das Katholische Gymnasium in Breslau, wo er nach bestandenem Abiturienten-Examen die Universität bezog. Im jüdisch-theologischen Seminar in Breslau, das er schon als Primaner besucht hatte, saß er zu Füßen Frankl's, nach dem er aus Dankbarkeit seinen ersten Sohn 'Gottfried' nannte. Durch Erteilung von Unterricht verdiente er sich während seines Studiums nicht nur seinen Lebensunterhalt, sondern machte noch Ersparnisse, die er als Beitrag zur Erziehung der jüngeren Geschwister verwendete. Nach bestandenem Rabbinatsexamen gehörte seine erste Tätigkeit dem Vaterland. Als Feldseelsorger bewährte er sich auf den Schlachtfeldern im Krieg 1870/71. Nach dem Friedensschluss war er kurze Zeit Adjunkt des Landrabbiners von Emden, dann von 1872 bis 1878 Rabbiner in Koschmin, bis 1885 in Koblenz und von da an bis zu seinem Tode Bezirksrabbiner von Freiburg und Sulzburg. Seit dem Jahr 1899 behörte er als Konferenz-Rabbiner dem Großherzoglichen Oberrat der Israeliten an."

  
Ausschreibung der Rabbiner-Stelle 1885 

Koblenz Israelit 26101885.jpg (99000 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1885: "Vakante Rabbiner-Stelle. Die hiesige Synagogen-Gemeinde sucht einen akademisch gebildeten Rabbiner oder Rabbinatskandidaten, welcher der gemäßigt reformierten Richtung angehört. Derselbe muss ein guter Prediger sein und die Befähigung besitzen, den Religionsunterricht an den höheren Schulen zu erteilen. Das Gehalt beträgt inklusive Einkommen aus den beiden höheren Lehranstalten 2400 Mark und freie Amtswohnung. 
Nebeneinkünfte nicht unbeträchtlich. Bewerber, aus den polnischen Landesteilen gebürtig, sind ausgeschlossen. 
Anmeldungen mit abschriftlichen Zeugnissen, welche nicht zurückgeschickt werden, sind an den Unterzeichneten zu richten.
Reisekosten werden nur dem Erwählten erstattet. 
Koblenz, den 18. Oktober 1885. Der Vorstand der Synagogengemeinde. Der Vorsitzende J. Brag."

  
Zum Tod von Rabbiner Dr. Singer (1900)  

Koblenz Israelit 30071900.jpg (13707 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1900: "Koblenz, 29. Juli (1900). Rabbiner Dr. Singer ist heute seinen langwierigen Leiden erlegen. Die Beerdigung findet morgen Montag statt."   
   
Koblenz Israelit 02081900.jpg (140304 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. August 1900: "Koblenz, 30. Juli (1900). Rascher wie es jemand geahnt, hat der höchste aller Richter, der über Leben und Tod der Menschheit entscheidet, sein unerbittliches Urteil gefällt und dem Leben eines hart geprüften Mannes ein Ziel gesetzt. Im Königswerther Hospital in Frankfurt erlöste Freitagnacht um 11 Uhr ein sanfter Tod unsern Rabbiner Dr. Moritz Singer von seinem langen Leiden.     N
un ruht der Kampf und entsetzt steht man an der Bahre dieses Dulders, den ein herbes Geschick im Verein mit Unversöhnlichkeit, Misshelligkeiten und Missverständnissen so früh im besten Mannesalter dahingestreckt. Und angesichts dieses göttlichen Eingreifens ziehen Friede und Versöhnung ein und wessen Herz noch einen Funken Mitleid und Mitgefühl aufzuweisen hat, ist bestrebt, den Bemitleidenswerten, die der grausame Tod eines Gatten und Vaters beraubte, zu helfen, sie zu trösten und ihre Zukunft zu einer lichten, sorgenlosen zu gestalten. Das ist die Perspektive, die sich der hiesigen Gemeinde eröffnet, das ist die Aufgabe der Verwaltung, der sie sich – die Anzeichen sind schon vorhanden – auch nicht entziehen wird. Er der Verklärte, ist mit Worten der Versöhnung auf den Lippen zu seinem Richter eingegangen, seine Familie seiner Gemeinde anvertrauend und ihrem Schutze empfehlend. Herrliche Worte des Trostes und der Versöhnung sprach Herr Dr. Auerbach am Sarge des verstorbenen Kollegen. Möge die Ergriffenheit und Rührung, die Aller Herzen dabei beschlich, auch bei der Beratung über die Schritte zu Gunsten der verwaisten Familie bestimmend sein; vielleicht dämmert einmal wieder die Morgenröte des Friedens in der hiesigen Gemeinde auf, zum Segen ihrer selbst und der ganzen jüdischen Welt.   Hugo Nahm."

   
Jahrgedächtnisfeier für Rabbiner Dr. Moritz Singer (1901)
  

Koblenz AZJ 02081901.jpg (100951 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. August 1901: "Koblenz, 29. Juli (1901). Am 22. dieses Monats fand hier auf dem israelitischen Friedhofe zum Jahresgedächtnis eine Trauerfeier für unseren in der Blüte der Jahre hingerafften Rabbiner Dr. Singer statt. - Herr Rabbiner Dr. Plaut in Frankfurt am Main, der sich diese Feierlichkeit zu Ehren eines heimgegangenen Kollegen sehr angelegen sein ließ, hatte auch die Güte, die unter den obwaltenden Umständen gewiss nicht leichte Gedächtnisrede zu übernehmen. Dass er sich der übernommenen Aufgabe in meisterhafter Weise entledigte. braucht bei diesem Redner nicht erst gesagt zu werden. Er knüpfte an an den Vers in den Klageliedern: 'Gefallen ist die Krone von unserem Haupte!', mit welchem er dem Verlust im Namen der Gemeinde und der Familie ergreifenden Ausdruck gab. Aber wie auch für den zerstörten Tempel der große R. Jochanan ben Saccai einen Ersatz erblickte in dem 'Alter der Liebe', so sei es auch hier die Liebe, deren Opfer und Hingebung mit diesem von der Zeit zu früh verlangten Opfer auszusöhnen die Macht haben. - Nicht nur der Vorstand unserer Gemeinde und viele Freunde des Heimgegangenen waren anwesend, sondern auch aus der Ferne sahen wir Freunde der so schwer geprüften Familie, namentlich hatte es sich der hochherzige Gönner der verwaisten Kinder, Herr Hugo Schlesinger aus Frankfurt am Main nicht nehmen lassen, an dieser Trauerfeierlichkeit teilzunehmen. Sowohl der Gemeindevorstand wie alle Anwesenden dankten es dem Herrn Dr. Plaut, dass er dem wahrhaft traurigen Jahre einen so würdigen, versöhnenden Abschluss gegeben."
 
Koblenz Israelit 25071901.jpg (79415 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juli 1901: "Koblenz, 22. Juli (1901). Eine eindrucksvolle Gedenkfeier am Grabe seines verstorbenen Kollegen und Freundes, Dr. M. Singer, veranstaltete heute Herr Rabbiner Dr. Plaut aus Frankfurt am Main in Anwesenheit der Singer'schen Familie, zahlreicher Freunde des Verblichenen und des Vorstandes der Gemeinde. In ergreifender Weise wies Herr Dr. Plaut nochmals auf das tragische Geschick seines Freundes hin, der im blühendsten Alter den Seinen und der Gemeinde entrissen wurde, und pries zugleich das göttliche Walten, das der verwaisten Familie einen zweiten Vater und Versorger in der Person eines hochherzigen Frankfurter Herrn gegeben. Die kleine, aber ergreifende Feier hat in Aller Herzen einen tiefen Nachklang gefunden. Herrn Rabbiner Dr. Plaut selbst gebührt für seine rührende freundschaftliche Intention der Dank Aller, die dem Verstorbenen nahe gestanden."

   
   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule  
Noch ungeordnete Verhältnisse im Unterrichtswesen der Gemeinde  - Bericht von 1840

Koblenz AZJ 19121840.jpg (119983 Byte) Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. Dezember 1840: "Koblenz, 6. Dezember (1840). Mit vollem Rechte ist in No. 48 aus Bonn der falsche Berichterstatter in No. 43 abgewiesen worden. Möge es allen Denen so ergehen, die eine schlechte Sache mit Lügen übertünchen wollen. Denn von den gerühmten bewirkt sein sollenden 'neuen Anordnungen und heilsamen Vorschlägen zur Veredlung und Verbesserung unserer religiösen Zustände etc. etc.' ist noch nicht bei uns laut noch sichtbar geworden, und dürfte es auch wohl schwerlich, noch sobald werden, bei der bekannten Herzens- und Geistesbeschaffenheit derjenigen, die dazu berufen und verpflichtet wären. Vornehmlich betrübend und schmerzlich für jedes fühlende echt jüdische Herz ist der bei uns noch gar sehr im Argen liegende Zustand des religiösen jüdischen Jugendunterrichts. So z.B. in der hiesigen Koblenzer, 50 bis 55 Familien starken Judengemeinde, befindet sich kein einziger jüdischer, weder öffentlicher noch Privatlehrer; und entbehrt folglich, die betreffende Jugend , nicht nur alle und jede Unterweisung in der Religion selbst, sondern auch aller auch der geringsten Kenntnis der hebräischen Sprache und Literatur. Auch bleiben die herben Früchte dieser, für den hiesigen Vorstand unverantwortlicher Verwahrlosung nicht aus. Denn krasse Ignoranz und religiöser Indifferentismus, in steigender Progression, sind leider die charakteristischen Eigenschaften unserer solchergestalt wild aufwachsenden Jugend. Und welche traurige Aussichten für die Zukunft, bietet nicht eine solche heillose Vernachlässigung, ohne baldige nachdrückliche Abhilfe, dar!"

 
Geordnete Schulverhältnisse unter Lehrer Sommer - Bericht von 1859

Koblenz AZJ 07021859.jpg (173177 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Februar 1859: "Koblenz, 17. Dezember. In unserer Gemeinde findet die Religionsschule unter der Leitung des Herrn Sommer, eines tüchtigen Schulmannes, allgemeine Anerkennung; hier findet kein pedantischer Zwang statt, sondern der Unterricht wird mit Lust und Liebe, der Fassungshabe der Schüler und Schülerinnen entsprechend und in den verschiedenen Abteilungen fortschreitend, unter der Aufsicht einer besonderen Schulkommission in den meisten Fächern des jüdischen Wissens und der Geschichte der jüdischen Volkes erteilt, und findet bei den Jahresprüfungen und der feierlichen Konfirmation der entlassenen Zöglinge öffentliche und wohl verdiente Anerkennung. Darum darf es auch nicht Wunder nehmen, wenn der Gemeindevorstand vor einigen Jahren den Gehalt des Herrn Sommer ansehnlich verbessert, und wollen wir es nicht versäumen, in diesem viel gelesenen Blatte einen rührenden und erhebenden Akt mitzuteilen, der sich dieser Tage unter unseren Augen zutrug. Einige Zöglinge der Schule fassten den Entschluss, ihrem Lehrer einen kleinen Beweis ihrer Dankbarkeit zu geben, und demselben in Anerkennung für die vielen Mühen und Anstrengungen, die er durch sie gehabt und noch täglich hat, durch Überreichung eines kleinen Geschenks zu erfreuen. 
Eine Kollekte, die sie zu diesem Zwecke bei den Eltern der Schulkinder abhielten, brachte schnell eine namhafte Summe zusammen, und so wurden am 14. dieses Monats in dem festlich erleuchteten und verzierten Schullokale in Gegenwart des dazu eingeladenen Gemeindevorstandes und der Schulkommission unter entsprechenden Anreden des Herrn Sommer zwei wertvolle silberne Leuchter und ein kostbares Service von der versammelten Schuljugend überreicht. Auf das Innigste gerührt und überrascht durch dieses äußere Zeichen der Dankbarkeit, hielt Herr Sommer eine von Herzen kommende und allgemeine Rührung erweckende Ansprache an die Versammlung."

  

Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben   
Ein jüdischer Bürger wird zum Stadtverordneten gewählt (1846)

Koblenz AZJ 26101846.jpg (12546 Byte)Meldung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Oktober 1846: "Koblenz, 6. Oktober (1846). Auch hier ist ein Israelit zum Stadtverordneten gewählt worden."

 
Antijüdisches in der Presse (1850)

Koblenz AZJ 27051850.JPG (118723 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Mai 1850: "Koblenz, 2. Mai (1850). Es ist merkwürdig, wie man sich in Deutschland noch immer nicht entwöhnen will, bei jeder Gelegenheit, wo die Religion auch nicht den geringsten Einfluss übt, den 'Juden' hervorzuheben. Ein hiesiger Arzt hat gegen einen hiesigen Kaufmann im hiesigen 'Tageblatt' etwas geschrieben. Er wird dafür angeklagt und zu 25 Taler Strafe verurteilt. Nun, das sind Dinge, die täglich passieren. da wird aber in allen Zeitungen darüber geschrieben, und recht geflissentlich hervorgehoben 'der jüdische Arzt Dr. A.' ff. Was hat da der Jude mit zu tun? Schreibt man etwa 'der katholische Arzt, der evangelische Rechtsanwalt, der griechisch-unierte Schreiner, der mennonitische Schuhmacher' und dergleichen? Bevor selbst die deutschen Redaktionen, die doch auf Bildung Ansprach machen wollen, solcherlei Gesinnungen nicht ablegen, ihr Wohlwollen gegen eine große Religionspartei stets an den Tag zu legen, ist auf eine allgemeine Duldung nicht zu rechnen, und nicht zu verwundern, dass von Zeit zu Zeit es sich zeigt, wie die Glut des Vorurteils und Hasses noch immer unter einer dünnen Decke von Asche fortglimmt." 

   
Gottesdienste mit zahlreichen Soldaten - Einsatz für die französisch-jüdischen Kriegsgefangenen (1870)
    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Oktober 1870: "Koblenz, 14. Oktober (1870). An den eben verlebten hohen Feiertagen wurde unsere Synagoge von Soldaten aller Waffengattungen besucht. Ein sonderbares Bild bot es aber dem Auge, als die hier gefangen gehaltenen französischen Israeliten, unter denen sich Söhne von mehreren Rabbinen aus Elsass befinden, unter Eskorte preußischer Soldaten zur Synagoge gebracht und von denselben nach beendigtem Gottesdienst, und nachdem sie, auf Kosten der hiesigen israelitischen Gemeinde, wohl gespeist und getränkt waren, auch wieder zurückgeführt wurden. Es ist jedoch weniger der Synagogengesuch der Franzosen, welchen ich Ihnen hervorheben wollte, denn vielen unter ihnen mag es bloß darum zu tun gewesen sein, einmal in die Stadt am Rhein zu kommen. Bemerken wollte ich Ihnen bloß, wie sich auch hier wieder das echt jüdische Herz gezeigt hat. Kaum war es kund geworden, dass den Franzosen während der Feiertage gestattet sei, die Synagoge zu besuchen, als auch schon die Mittel zu ihrer Beköstigung für Rosch-haschonoh, Jom-Kippur und Sokkut durch freiwillige Gaben herbeigebracht waren. Hier zeigte es sich, dass der Jude in seiner Wohl- und Mildtätigkeit keinen Feind kennt und bewährten sich aufs herzlichste die Worte des weisen Salomo: 'wenn deinen Feind hungert, gib ihm Brot zu essen, und wenn ihm dürstet, gib ihm Wasser zu trinken' (Sprüche 25,21) 

 
Gegen den sich ausbreitenden Antisemitismus (1892)

Koblenz Israelit 04081892.jpg (34169 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1892: "Koblenz, 1. August (1892). Mehrere angesehene Firmen am Rhein haben die Arbeiter ihrer Fabriken vor dem Besuche antisemitischer Versammlungen gewarnt. Einige haben wissen lassen, dass diejenigen, welche Mitglieder von antisemitischen Vereinen werden, eine Aufkündigung des Arbeitsverhältnisses zu erwarten haben." 

     
Ausschreibung der Stelle des Schochet und Synagogendieners (1909)

Koblenz Israelit 15041909.jpg (48200 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. April 1909: "Die Synagogengemeinde Koblenz am Rhein sucht zum Herbst dieses Jahres (möglichst vor den Feiertagen) einen Schochet und Synagogendiener, der stimmlich begabt und Baal Kore sein muss, um eventuell den Vorbeter vertreten zu können. Ausländer ausgeschlossen. Offerten mit Zeugnisabschriften und Gehaltsansprüchen sind an den Vorstand zu richten."

  
  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 

Zum Tod des langjährigen Gemeindevorstehers Leopold Salomon (1900)  
Anmerkung: der nachfolgende Abschnitt weist darauf hin, dass es Ende des 19. Jahrhunderts zu starken Spannungen in der Gemeinde zwischen konservativen und reformerisch gesinnten Kreisen gekommen ist, in die auch der Rabbiner sowie der verstorbene Leopold Salomon hineingezogen worden sind. Der Abschnitt ist aus der kritischen Sicht der konservativ-orthodoxen Zeitschrift "Der Israelit" geschrieben:

Koblenz Israelit 23071900.jpg (225419 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juli 1900: "Koblenz, 18. Juli (1900). Eine jener Männer, die, wie die alten knorrigen Eichen, Sturm und Wetter trotzen, Leute, mit den heute immer seltener werdenden Eigenschaften: Charakter, treue und Frömmigkeit, wurde heute Morgen 5 Uhr plötzlich in die Ewigkeit abberufen: Herr Leopold Salomon. Seit Jahrzehnten im Vorstand der Gemeinde, an der Spitze eines der ersten Handelshäuser der Stadt, hoch angesehen bei allen Konfessionen, stand der Verblichene, ein bescheidener, und bei seiner Bescheidenheit umso höherer Charakter, an der Schwelle der Jahre, die der Prophet als Zeitdauer des menschlichen Lebens bezeichnet. Der Verstorbene – es ist traurig, dass solches überhaupt erwähnenswert, in Koblenz jedoch, der Hochburg der religiösen Indifferentismus, verdient das hervorgehoben zu werden – versäumte nie einen Gottesdienst, bis in jüngster Zeit die skandalösen Vorgänge in der Gemeinde, die sich auch auf den Gottesdienst verpflanzt hatten, ihn mit den meisten der besseren Elemente von der Synagoge fernhielt. Es wurde ihm damals eine Düpierung zuteil, die vom religiösen wie menschlichen Standpunkte aus nicht leicht ihresgleichen finden dürfte. Herr Salomon hatte aus Anlass der Vermählung seines jüngstens Kindes einen kostbaren Vorhang für die heilige Lade gestiftet. Damals vertrat er noch das Amt eines Repräsentanten-Vorstehers. Als bald darauf, nachdem gewisse Elemente an die Spitze der Verwaltung gelangt und im Nu mit Reformen bei der Hand waren, jener unselige Zwist aus Anlass der brutalen und unrechtmäßigen Kündigung des Rabbiners in der Gemeinde ausbracht, legte Herr Salomon, ein warmer Verteidiger des so grausam und unmenschlich behandelten todkranken Mannes, nachdem er vergebens versucht, die Sache in Güte und Frieden beizulegen, für seine humanen Bemühungen indess nur Spott und Hohn seitens einiger jüngere rund dafür umso unreiferer Kollegen in der Verwaltung geerntet, legte Herr Salomon sein Amt nieder. Bald nachher erwachte in den Köpfen einiger jener Männer, die die unüberbrückbare Kluft in der Gemeinde geschafften zu haben, sich rühmen dürfen, ein merkwürdig ästhetisches Gefühl, mit dem der Anblick jenes Vorhanges sich nicht vereinigen ließ. Man fasste den Beschluss den Vorhang abzunehmen und ihn anders zu verwenden. Indes erfuhr Herr Salomon von dem sauberen Plane und erbat sich mittels eingeschriebenen Briefes sein Geschen zurück; und seinem Wunsche wurde willfahrt. So geschehen in Koblenz mit einem Manne, unter dessen Ägide Friede und Ruhe in der Gemeinde stets geherrscht, der nie Jemanden brüskiert, der allen ein Wohltäter, Freund und Berater gewesen.  D
er traurige Verlust, den die Gemeinde erlitt, rief in mir die Erinnerung jener skandalösen Affäre wieder wach. Mit dem Tode dieses Mannes, den man übermorgen ins Grab senkt, geht die Erinnerung an die ihm angetane Schmach in den Herzen seiner zahlreichen Freunde wieder frisch auf.  
(Wir bemerken, dass wir persönlich den Verhältnissen in Koblenz ganz fern stehen. Die Vorgänge dort entziehen sich unserer Beurteilung. Der gegenwärtige Herr Korrespondent scheint auf einem anderen Standpunkte zu stehen, wie der, der uns im vergangenen Jahre mit Berichten vom genannten Platze versorgte. Redaktion des ‚Israelit’)."

    
80. Geburtstag von Amalia Götz (1901)  

Koblenz Israelit 07031901.jpg (119903 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. März 1901:   "Koblenz, 3. März (1901). In geradezu staunenswerter geistiger und körperlicher Frische begeht heute das älteste und zugleich würdigste Mitglied unserer Gemeinde seinen achtzigsten Geburtstag: Fräulein Amalia Götz, eine der bekanntesten und beliebtesten Erscheinungen in unserer Stadt. Wenn je eine Frau in Israel den Ehrennamen: Esches Chajil – wackere Frau – verdiente, so ist es Fräulein Götz, die die hohen Tugenden einer echten, wahrhaft frommen Jüdin mit dem Geiste und der Bildung einer Rahel in sich vereinigt. Der Typus des echtesten Patriziertums, in gleichem Maße angesehen und beliebt bei allen Konfessionen, hat es niemals ein hehreres Beispiel selbstloser Aufopferung und edelster Menschenliebe gegeben, als wie es die Jubilarin tagtäglich gibt. Dabei ist sie von jenem echt jüdisch-frommen Geiste beseelt, der die Dokumentierung wahrer Frömmigkeit nicht nur in öffentlichen Demonstrationen erblickt. Bei Sturm und Regen ist die Hochbetagte stets und ständig bei jedem Gottesdienste anwesend und folgt den Gebeten nicht weniger, wie auch der Tora-Verlesung mit großem Interesse.    
Aus tausenden Herzen steigen heute Glück- und Segenswünsche für den weiteren Lebensabend der hoch verehrten Greisin zu des Höchsten Thron empor. Und wenn die Jubilarin auch in rührender Bescheidenheit ihre Verdienst zurückzuweisen sucht, so wissen wir doch, dass auf die gerade das Dichterwort so recht passt: 'Wern den Besten seiner Zeit genug getan - Der hat gelebt für alle Zeiten!' H.N."

    
Kaufmann Ludwig Kirchheimer rettet ein Kind vor dem Ertrinken (1912)   

Koblenz FrfIsrFambl 05071912.jpg (22024 Byte) Mitteilung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 5. Juli 1912: "Koblenz. Der Kaufmann Ludwig Kirchheimer rettete mit Lebensgefahr aus den Fluten des Rheins ein fünfjähriges Kind, das beim Spielen ins Wasser gestürzt war."   

  
Kriegsauszeichnung für Oberarzt Alfred SInger, Sohn von Rabbiner Singer (1916)  

Koblenz FrfIsrFambl 02061916.jpg (18274 Byte)Meldung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 2. Juni 1916: "Berlin. Oberarzt Alfred Singer, Sohn des verstorbenen Koblenzer Rabbiners, erhielt das Ritterkreuz des österreichischen Franz-Josef-Ordens."   

    
   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen   
Anzeige von S.A. Friedberg (1874)   

Koblenz AZJ 31031874.jpg (35439 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. März 1874: "Für ein feines Geschäft, das an Sabbat und Festtagen geschlossen ist, wird ein Ladenmädchen gesucht, das sich auch als Stütze der Hausfrau nützlich machen kann. Nähere Auskunft erteilt auf frankierte Anfragen S.A. Friedberg in Koblenz."   

    
Anzeige der Weinhandlung Carl Th. Oehmen (1901)    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. September 1901: 
"Freunden eines wirklich guten und sehr bekömmlichen Traubenweines empfehle ich meinen garantiert unverfälschten 1898er Rotwein
Derselbe kostet in Fässern von 30 Liter an 58 Pfennig per Liter und in Kosten von 12 Flaschen an 60 Pfennig per Flasche von ca. 3/4 Liter Inhalt einschließlich Glas. Als Probe versende ich auch 2 Flaschen nebst ausführlicher Preisliste per Post. Zahlreiche Anerkennungen liegen vor. 
Carl Th. Oehmen, Koblenz am Rhein, 
Weinbergsbesitzer und Weinhandlung."   

  
Anzeige des Herren-Garderobe- und Maßgeschäftes M. Gottschalk (1901)
     

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Dezember 1901: 
"Lehrling
Für mein Herren-Garderobe- und Maßgeschäft suche einen Lehrling, mit guter Schulbildung. Selbstgeschriebene Offerten an 
M. Gottschalk, Koblenz.
"         

 
Anzeige des Hotels zur Traube (1904)     

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. März 1904: "Koblenz. Hotel zur Traube. 
Besitzer: A. Flory  
  
empfiehlt seinen prachtvollen, großen, neuen Saal sowie Neben-Säle, zur Abhaltung von Festlichkeiten. Separate Einrichtung für Hochzeitsfeierlichkeiten. - Streng rituelle Geschirre und Tafelservice unter Aufsicht."   

 
       
Gemeinde nach 1945     

Veranstaltung der jüdischen Kultusgemeinde im März 1947  

Koblenz 1947.jpg (61073 Byte)Artikel vom März 1947:  "Koblenz. Unter dem Motto ‚Juden aller Länder vereinigt Euch’ veranstaltete die jüdische Kultusgemeinde Koblenz im März 1947 einen Ball, an dem leider infolge der schlechten Witterung viele Gäste von auswärts nicht teilnehmen konnten. Trotz allem brachte der Abend den Gemeinde-Mitgliedern, sowie den Gästen einige Stunden gemütlichen Beisammenseins. Besonders Beifall fand die Darbietung unserer Jüngsten, die einen Bauerntanz (?) aufführten. Den Höhepunkt des Abends bildete eine deutsche (?) sowie eine amerikanische Versteigerung zu Gunsten der jüdischen Wohlfahrt. Alles in allem bildete der Abend einen vollen Erfolg für die Veranstalter, was besonders in den anerkennenden Worten aller Gemeindemitglieder und der eingeladenen Gäste zum Ausdruck kam."

   
   
       

Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge

Eine Synagoge wird im Mittelalter erst im 14. Jahrhundert genannt (1367 juden schole, 1457 juden schule), doch war eine solche beziehungsweise ein Betsaal vermutlich bereits im 11./12. Jahrhundert vorhanden. 1367 heißt es von einem Haus in der Judengasse, dass in einem "vor ziden eyne juden schole" ("vor Zeiten eine Judenschule") war.  Die Synagoge stand in der Judengasse, vermutlich nahe der "Judenpforte" (Tor in der Stadtmauer). 1457 heißt es von einem Haus, das zwischen der Judenpforte und der Judenschule stand. Die in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erneuerte oder neu eingerichtete/gebaute Synagoge wurde bei den Ausschreitungen gegen die Juden der Stadt 1531 zerstört. Vermutlich wurde wenig später eine neue Synagoge errichtet beziehungsweise eingerichtet.

Seit Anfang des 18. Jahrhunderts gab es wieder eine Judenschule und eine Mikwe. Das Gebäude befand sich hinter den Häusern 539/40 in der Kleinen Judengasse (Balduinstraße). 1838 fand letztmals eine Reparatur statt (Fenster erneuert). Diese alte Synagoge wurde bis zur Einweihung der neuen Anfang 1851 benutzt. Ende der 1840-Jahre plante die Gemeinde den Bau einer neuen Synagoge.  

Bericht über die Gemeinde - Planung der neuen Synagoge (1848)  

Koblenz AZJ 10041848.jpg (96733 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. April 1848: "Koblenz, 28. März (1848). Es ist bemerkenswert, dass das Ministerium Bodelschwingh noch dem hiesigen israelitischen Prediger, Herrn Ben Israel, für seine Mühewaltung um die Seelsorge der Gefangenen eine Gratifikation von 20 Talern bestimmt hatte. – Auch hier ist eine sehr würdige Totenfeier gehalten worden. -   
Die Kultusangelegenheiten der Gemeinde sind in einer sehr erfreulichen Entwicklung begriffen. Den Bestrebungen der Vorsteher Herrn M. Götz und J. Engers ist es in Verbindung mit den Herren M. Feist, V. Bernays, M. Seligmann und E. Abraham gelungen, die dem Bau einer neuen Synagoge in nicht geringer Anzahl so lange entgegenstehenden Hindernisse auf die befriedigendste Weise zu beseitigen und alle Vorbereitungen zu treffen, die uns, wenn die politische Bewegung keine Störung bring, künftigen Herbst schon ein, den Anforderungen der Zeit in jeder Hinsicht entsprechendes Gotteshaus in Aussicht stellen. Dass im Letzteren nur ein würdiger, wahrhaft erbaulicher Gottesdienst abgehalten werden solle, wird von keinem Gemeindegliede in Zweifel gezogen, weshalb es auch innigster Wunsch ist, dass das neue Gebetbuch endlich einmal erscheinen möge."

1850 konnte die jüdische Gemeinde den "Bürresheimer Hof" (den Corps des Logis) erwerben, einen alten, um 1660 erbauten Adelshof. Nach dem Umbau durch den Königlichen Bau-Inspektor von Lassaulx entstanden eine Synagoge sowie eine Religionsschule, zwei Krankenanstalten und eine Dienstwohnung für den Rabbiner. Von Anfang an war in der Synagoge eine Orgel. Wenige Monate nach der Einweihung sammelte die Gemeinde spontan das Geld für ein größeres Instrument. Über die Einweihung der neuen Synagoge am 24. Januar 1851 liegen Berichte in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vor:

Koblenz AZJ 10021851.JPG (67478 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Februar 1851: Koblenz. Hier hat am 24. Januar die Einweihungsfeier der von der dortigen israelitischen Religionsgemeinde im ehemaligen gräflichen Bürresheimer Hause mit namhaften Opfern errichteten neuen Synagoge stattgefunden. Der Tempel, einfach, aber geschmackvoll und zweckmäßig in seiner Konstruktion, war für die feierliche Gelegenheit besonders ausgeschmückt; eine zahlreiche und glänzende Versammlung, worunter die höchsten Zivil und Militärbehörden, sowie viele Koblenzer Bürger wohnten der Feier bei. Dieselbe wurde durch den Prediger der Gemeinde mit einem Einweihungssegen eröffnet, welchem eine Predigt und darauf noch ein Gebet für König, Vaterland, die Stadt Koblenz und deren Einwohner folgte. Der Gottesdienst wurde gehoben durch Chor- und Sologesänge mit Orgel- und Instrumentalbegleitung.
   
Koblenz AZJ 17021851a.jpg (105269 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. Februar 1851: Koblenz, 5. Februar. Am 24. vorigen Monats beging die hiesige israelitische Religionsgemeinde das Fest der Einweihung ihrer neuen Synagoge. Sind derartige Festlichkeiten im Allgemeinen auch überall dieselben, und daher ein Bericht über solche eine undankbare Arbeit für den Referenten, so sind doch die Verhältnisse, welche mit der Einweihung der neuen Synagoge in Verbindung stehen, von so großer Bedeutung für unsere Gemeinde sowohl als für das jüdische Interesse überhaupt, dass ein ausführlicher Bericht in diesem vielgelesenen Blatte ganz an seinem Platze sein dürfte. Wir müssen es daher zuerst als einen besonders glücklichen Zufall bezeichnen, dass es der Gemeinde gelang, als Baustätte den größeren Teil des ehemals Gräflich von Bürresheim-Renesse'schen Stammhauses an einem der schönsten, freien Plätze hiesiger Stadt, zu akquirieren, indem die Lage des neuen Tempels im Gegensatze zu jener der alten Synagoge, welche sich in einem versteckten Winkel einer abgelegenen Straße befand, die durch göttliche Hilfe erlangte jetzige Stellung der jüdischen Gemeinden scharf bezeichnet; aber auch in Bezug auf den in dem neuen ebenso einfach als geschmackvoll und zweckmäßig erbauten Gotteshause eingeführten Ritus dürfen wir uns zu einem gleichmäßig erhebenden Fortschritte Glück wünschen. Es ist nämlich der angestrengtesten Tätigkeit unseres würdigen Rabbinen und Predigers, Herrn Ben Israel, gelungen, dem Gottesdienste seine
Koblenz AZJ 17021851b.jpg (175999 Byte)ganze Würde und Reinheit wiederzugeben, und hat er es zugleich durch das von ihm zusammengesetzte und eingeführte Gebetbuch möglich gemacht, dass den religiösen Bedürfnissen sowohl der altgläubigen als auch der freier denkenden Juden völlige Rechnung getragen wird, wodurch der Friede in unserer Gemeinde auch nicht einen Augenblick gestört ward. In dem Vorworte des erwähnten Gebetbuches spricht sich Herr Ben Israel darüber folgendermaßen aus:
'Die aufgenommenen hebräischen Gebete wurden in der ursprünglichen, uns überkommenen Fassung beibehalten, damit selbst der altgläubigste Israelit an der Teilnahme unseres Gottesdienstes nicht behindert sei, sowie besonders diejenigen Stücke, welche der Jude der Neuzeit nicht mit Überzeugung und Innigkeit beten zu können glaubt, als stille Andacht bezeichnet worden, und durch Hinzufügung der Übersetzung und neuer Gebete in deutscher Sprache auch diesem hinlänglich die Möglichkeit gegeben ist, an der stillen Andacht auf seine Weise sich zu beteiligen und das ihm Anstößige unberücksichtigt zu lassen. Bei der Zusammenstellung vorliegender Gebete leitete mich der Gedanke, dass der Friede und die Eintracht die größte Zierde einer Gemeinde seien, und dass man, um den zu erhalten, einer jeden Überzeugung gerecht werden müsse.' Und können wir daher nur wünschen, dass sich recht viele Gemeinden dieses Gebetbuch ebenfalls aneignen, und dadurch der Friede in derselben ebenso wie bei uns erhalten werden möge.
Die Feier selbst war eine sehr großartige und wurde durch die Teilnahme der höchsten Zivil- und Militärbehörden der Rheinprovinz sowie sämtlicher städtischer Behörden und vieler anderer Honoratioren bedeutend gehoben. Einen tiefen Eindruck machte besonders die Festpredigt des Herrn Rabbinen, worin er die Glaubens- und Pflichtenlehren der jüdischen Religion klar und scharf entwickelte, um, wie der geehrte Redner hervorhob, die von so vielen Nichtisraeliten noch gehegten Vorurteile gegen dieselbe zu entkräften, sowie auch der Moment des Einstellens der Torarollen in die heilige Lade, und war es ergreifend, die heilige Rührung zu beobachten, von welcher selbst die altgläubigsten Gemeindemitglieder durchdringen wurden, als zum ersten male die Gebete von einem gut eingeübten Chore und mit Orgelbegleitung in den Hallen des neuen Tempels erschallten; alle Herzen
Koblenz AZJ 17021851c.jpg (55482 Byte)wurden weit und die beseligende Nähe des himmlischen Vaters, zu dem die feierlichen Töne emporstiegen, winkte kräftigend und ermutigend zum Fortschreiten auf der neu betretenen Bahn.
Die Gemeinde, um ihrem Rabbinen einen schwachen Ausdruck der Anerkennung für sein Wirken und seine Ausdauer zu geben, überreichte demselben dieser Tage in feierlicher Weise durch die Gemeindeverwaltung ein paar prachtvoll gearbeitete, silberne Leuchter mit einer Dankadresse, in welcher auf Letztere als Symbol des Lichtes, welches der Herr Rabbiner in unserer Gemeinde zu verbreiten bemüht ist, hingewiesen wurde und mit dem Wunsche schloss, dass die Leuchte der Erkenntnis in Israel stets mehr und mehr zur Verbreitung gelangen möge.
 
Neue Orgel   
Koblenz AZJ 04081851.jpg (61841 Byte)Artikel in der Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. August 1851: "Koblenz, 21. Juli. Wie sehr der Gottesdienst mit Orgelbegleitung die Gemeinde fesselt, beweist nicht nur der Umstand, dass sämtliche Mitglieder derselben, sowohl die Frauen und Jungfrauen, als auch die Männer jedes Mal sowohl am Vorabend als am Morgen des Sabbats dem Gottesdienst beiwohnen, sondern auch, dass da unsere Orgel sich als zu schwach und ungenügend erwiesen hat, binnen 1 1/2 Tage circa 1.000 Taler als freiwillige Beiträge zur Anschaffung einer neuen, welche bereits in Arbeit ist, gezeichnet wurden, gewiss sehr viel für eine Gemeinde von 60, meist nicht sehr bemittelten Mitgliedern. - Die hiesige königliche Kommandantur hat, auf Antrag, den jüdischen Soldaten den Befehl erteilt, den Gottesdienst an Sabbat und Festtagen nur in Uniform zu besuchen."
 
Reformen im gottesdienstlichen Leben (1851)
Koblenz AZJ 27101851.jpg (226839 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Oktober 1851: "Koblenz, 13. Oktober (1851). Bei dem Fortschritte, den der jüdische Religionskultus bei so vielen Gemeinden in neuerer Zeit gewonnen hat, dürfte Ihnen, geehrter Herr Redakteur, ein Bericht über die Bestrebungen der hiesigen israelitischen Gemeinden nicht ohne Interesse sein. Nach festlicher Einweihung der hiesigen neuen Synagoge, welche bereits im Monat Januar des laufenden Jahres stattfand, was die Aufgabe gestellt worden, eine durchaus edlere Umgestaltung des Gottesdienstes zu schaffen, welche mit Beibehaltung der, wesentlich im Geiste und in den Vorschriften der jüdischen Religion liegenden gottesdienstlichen Gebräuchen, hauptsächlich in folgenden Punkten eine zweckmäßige und die Andacht belebende Reform herbeiführen sollte. 
1) Das Absingen der Litaneien des Vorsängers sollte sich nur auf das Nötigste beschränken, und dieses nach vorhergegangener musikalischer Bearbeitung der zu singenden Litaneien mit Begleitung der Orgel stattfinden. 
2) Die Responsorien zwischen Vorbeter und Gemeinde sollten so lange von einem unter Leitung des Organisten stehenden Sängerchore vertreten werden, bis die Gemeinde durch vieles Hören allmählich imstande sein würde, selbst respondieren zu können. Außerdem aber soll dieser Sängerchor den Gottesdienst von Anfang bis zum Schluss bei allen feierlichen Momenten durch den Vortrag entsprechender teil hebräischer, teil deutscher vierstimmiger Gesänge verherrlichen.
Die größte Schwierigkeit bei Lösung dieses Problems stellte sich durch den Anbau des musikalischen Rituals heraus, indem eine mit Orgelbegleitung versehene Bearbeitung aller, sowohl für den gewöhnlichen Sabbatdienst als für die sämtlichen Festtage des Jahres gehörenden Litaneien eine viel umfassende Arbeit war, ebenso auch fast alle vierstimmigen Gesänge besonders komponiert werden mussten, um vollkommen zweckdienlich zu sein. 
Wie glücklich die Lösung dieser Aufgabe gelungen ist, wie trefflich der Sängerchor eingeübt ist, wie geläufig die schwierige Korrespondenz zwischen Vorsänger und dem Organisten vonstatten geht, davon lieferte die erhebende Gottesfeier während der verflossenen Festtage, des Neujahrsfestes und Versöhnungsfestes, den schönsten Beweis. In allen Räumen war die festlich geschmückte und erleuchtete Synagoge von einem wahrhaft andächtigen Publikum gefüllt, in dessen Mitte sich auch eine Mehrzahl von Christen befand, die der belebende Impuls des schönen, noch durch Blasinstrumente verstärkten vierstimmigen Gesanges, sowie der Ruf, welchen der hiesige Rabbiner, Herr Ben Israel, 
Koblenz AZJ 27101851b.jpg (86682 Byte)als vortrefflicher und hinreißender Kanzelredner besitzt, herbeigezogen hatte. Referent dieser Zeilen, welcher diese Mehrzahl mit angehörte, fühlte sich zu dem Bekenntnisse gedrungen, dass die Gottesfeier, der er wiederholt beiwohnte, eine würdige und erhebende war, und allen jüdischen Gemeinden zur regesten Nacheiferung empfohlen werden müsse.
Schließlich knüpft sich hieran noch die Bemerkung, dass der Organist der Gemeinde, Herr Musikdirektor Ebell, das musikalische Ritual in der vorhin erwähnten Weise vollständig zum gottesdienstlichen Gebrauche geordnet hat, und ebenso auch alle zur Gottesfeier nötigen vierstimmigen Gesänge komponiert hat. Derselbe beabsichtigt später seine zweckdienlichen Arbeiten zum Gebrauche aller jüdischen Gemeinden, welche einen ähnlichen Gottesdienst einführen sollten, im Subskriptionswege herauszugeben, durch dessen Beteiligung jede Gemeinde in musikalischer Hinsicht vollständig versorgt sein würde. Ein unparteiischer Nichtisraelit." 

Ausgesprochen interessant ist ein Bericht vom Dezember 1854, aus dem man erfährt, wie die Gottesdienst an Jom Kippur ("Großer Versöhnungstag") in der Koblenzer Synagoge nach den durchgeführten Gottesdienstreformen gestaltet wurden. Offenbar hatte Koblenz damals für Reformkreise einer weiten Region (unter anderem wird Mannheim genannt) eine Vorbildfunktion eingenommen.

Koblenz AZJ 04121854a1.jpg (74615 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Dezember 1854: "Während eines kurzen Aufenthaltes in dem reizend gelegenen Koblenz wollte es der günstige Zufall, dass ich an meiner Weiterreise verhindert, den Jom Kippur ("Großer Versöhnungstag") daselbst verlebte. Ich besuchte des Abends die dortige Synagoge, die in ihrer einfachen und gefälligen Bauart viel Eleganz und Pracht entfaltet und zeichnet sich namentliche die Fassade an der heiligen Lade, zu der einige Stufen hinanführen, nebst der zur Seite befindlichen Kanzel, vorteilhaft aus. – Der öffentliche Gottesdienst hatte noch nicht begonnen, heilige Stille herrschte ringsherum; Männer und Frauen nicht durch Galerien, Gitter und Vorhänge ängstlich voneinander geschieden, saßen in Andacht versunken, da trat nach einigen Minuten der Rabbiner Ben Israel durch eine Seitentür ein und in demselben Augenblick ließ die Orgel ihre hellen, mächtigen Töne vernehmen und begleitete das ergreifende Lied: "O Tag des Herrn, du nahst," das von dem Chordirektor meisterhaft gesungen wurde. Deutsche und hebräische Gebete folgten abwechselnd aufeinander und eine Predigt, worin der
Koblenz AZJ 04121854a2.jpg (157821 Byte)Rabbiner in gediegenen und begeisternden Worten über die Bedeutung des Festes sprach, leitete zuletzt auf die ... hin, mit der die schöne Feier endete. – Nicht minder erhebend und zur Andacht stimmend verlief der folgende Tag. Den tiefsten Eindruck machte jedoch neben der Awoda (Gottesdienst) die Seelenfeier, die vor dem Mincha-Gebet (Mittagsgebet) durch einen vierstimmigen Choral eingeleitet wurde, worauf der Rabbiner wieder die Kanzel bestieg und die Frage erörterte: Wie ehrt man das Andenken an die Verstorbenen. – Die Gemeinde erhob sich alsdann zu einem stillen, inbrünstigen Gebet, kein Laut wurde vernommen, nur hier und da entwand sich ein Seufzer der beklommenen Brust und leise spielte die Orgel einige Trauermelodien dazu. – Fürwahr, diese Feier erinnert mich lebhaft an eine Stelle Jean Pauls, die heißt: "Wenn der Geistliche die Herzen wie Altäre zur Andacht einweihte, und dann sagte: nun wollen wir beten, darauf schwiege, die Hände faltete, Haupt und Augen senkte und so mit ihm die ganze Gemeinde, und wenn in dieser kurzen Innenfeier die Orgeltöne eines Chorals langsam gingen und mitbeteten, - so wird es schwer sein, nicht zu beten oder nicht recht zu beten." Und so war es auch dort. Die ganze Gemeinde war sichtlich ergriffen, sie fühlte den Ernst, die Weihe der Stunde, es war eine rührende Stimmung. Ein Sologesang: "Was ist der Mensch," recht innig vorgetragen, folgte ganz passend dem Gebet. – Mit Beendigung des Neeila, nachdem von dem Rabbiner in einem deutschen Schlussgebet nochmals unser Glaubensbekenntnis, die Devise des Judentums, das "Höre Israel" gesprochen und Chor und Gemeinde unter Orgelbegleitung die schöne Melodie des Schma Jisrael und die so genannten Schmot mit voller Kraft gesungen – endete auch der Tag des Herrn. – Ruhe, Anstand, Würde, Andacht, verließ keinen Augenblick die Gläubigen, nichts störte den günstigen Eindruck und wir mussten offen gestehen, einen solchen Gottesdienst haben wir noch nirgends wieder gefunden. – Verwundert wird mancher Leser fragen, wie ist es möglich, eine Gemeinde, die aus so verschiedenen Elementen besteht, den ganzen Tag in andächtiger Stimmung zu erhalten? Und doch ist dem so. Mit richtigem Kennerblick hat der Rabbiner zwischen den einzelnen Gebetabschnitten Pausen von einer halben Stunde eingeführt und zwar um 11 Uhr nach Beendigung des Schacharit (Morgengebet) und um 3 Uhr nach Beendigung des Mussaf-Gebetes. Diese Pausen sind sowohl eine Erholung für den Kantor, der nicht durch einen sogenannten Schacharit- oder Mincha-Chasen (d.h. ein anderen Vorbeter, der diese Gebete übernimmt) abgelöst wird, sondern von früh bis Abends mit 
Koblenz AZJ 04121854b.jpg (135476 Byte)rühmenswerter Ausdauer seinen Funktionen vorsteht, sowie für die Gemeinde selbst, die in dem ihr gehörenden Garten mit herrlicher Aussicht auf die Mosel und Umgebung Gelegenheit hat, sich zu erfrischen und von Neuem zu sammeln. Dadurch allein konnte dem fortwährenden Herein- und Hinausgehen während des Gebetes, wie es leider noch an vielen Orten Sitte ist, vorgebeugt werden. Dass die Einführung dieses geregelten und zeitgemäßen Gottesdienstes dem Rabbiner nicht leicht geworden, dass er manchen schweren Kampf zu bestehen hatte, kann man sich denken. Galt es ja bei dem Scheiden aus der alten Synagoge, den alten Schlendrian mit seinen Unsitten zu verbannen und zu vergessen, eine starre Orthodoxie mit ihrer steten Opposition zu belehren und den Indifferenten, die nirgends fehlen, für die heilige Sache des Judentums Interesse einzuflößen. Daher überragt auch die verhältnismäßig kleine Anzahl dortiger Glaubensbrüder alle  andern größeren Gemeinden am Rhein, wie Düsseldorf, Bonn, Köln usw. Ja, an letztgenanntem Orte musste sogar an Rosch Haschana (Neujahrsfest) von der Polizei die Synagoge wegen Baufälligkeit geschlossen werden! Welch ein trauriges Zeugnis für eine so reiche Gemeinde! 
Wohltuend und erfreulich für die Glaubensgenossenschaft zu Koblenz wird daher gewiss die Anerkennung sein, die ihr bereits zuteil wurde. Verschiedene Deputationen aus nah und fern, zuletzt die aus Mannheim mit ihrem Rabbiner an der Spitze, beweisen dies zur Genüge. Sie waren alle gekommen, wie uns berichtet, um den dortigen Gottesdienst als Norm für den ihrigen zu nehmen, und waren voll des Lobes, nachdem sie demselben beigewohnt. 
Zum Schluss möchte ich mir noch erlauben, den Verwaltungsrat auf einen Übelstand aufmerksam zu machen, der sich mit geringen Opfern leicht beseitigen ließe. Ich meine den schmalen Gang von der Treppe zum Haupteingang. Durch das Entfernen der zwei anstoßenden Zimmer würde der Ganz in einen weiten, hellen Platz umgewandelt und etwaigen Unglücksfällen sicher vorgebeugt werden.  

  
Über die "Gottesdienstweise in der Synagoge zu Koblenz" - Veröffentlichung von Rabbiner Dr. Ben Israel (1862)

Koblenz AZJ 11021862.jpg (85513 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Februar 1862: "In J. Hölschers Verlag in Koblenz ist erschienen: Die Gottesdienstweise in der Synagoge zu Koblenz, ausführlich darstellt von Ben Israel, Rabbiner in Koblenz, 8. Preis geh. 6 Sgr.
Die als selbst vom talmudischen Standpunkte aus zulässig nachgewiesen Reformen bei dem Gottesdienste in der Synagoge zu Koblenz sind - wie aus diesem Schriftchen zu ersehen - für den Kultus vieler in- und ausländischen Gemeinden, namentlich für den zu einer gewissen Berühmtheit gelangten in Mannheim, zum Vorbild geworden. Die Zweckmäßigkeit dieser Reform ist aber eben sowohl dadurch, als auch durch eine mehr als zehnjährige Erfahrung hinlänglich konstatiert, und es dürfte demnach bei allseitig sich kundgebendem Streben, dem jüdischen Gottesdienste eine zeitgemäßere Gestaltung zu geben, die sämtliche der Reform bedürftige Momente der jüdischen Gottesverehrung mit großer Ausführlichkeit behandelnde Broschüre als ein schätzenswerter Führer benutzt werden."

1863/64 setzten trotz der zehn Jahre zuvor so positiv beschriebenen Eindrücke aus dem gottesdienstlichen Leben Spannungen in der Gemeinde zwischen orthodox und liberal geprägten Kreisen der Gemeinde ein. Sie entzündeten sich vor allem an der Person des liberalen Rabbiners Ben Israel. Im Laufe der Jahre führten die Spannungen dazu, dass sich eine orthodoxe Gruppe der Gemeinde abspaltete. 
  

Widerstände in der Gemeinde gegen das liberal geprägte gottesdienstliche Leben (1864)

Koblenz Israelit 29061864.jpg (139496 Byte)Artikel in der (orthodoxen, gegenüber dem Gottesdienst in Koblenz kritisch eingestellten) Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni 1864: "Koblenz, den 21. Juni (1864). Wenn auch gar manche Erscheinung der Gegenwart auf religiösem Gebiete einen traurigen Eindruck hervorruft, so ist es doch erfreulich, zu sehen, wie überall die sogenannte jüdische Reform Fiasko macht; auch in unserer bisher wenig im Rufe der Frömmigkeit stehenden Gemeinde fängt man an, zur Einsicht zu kommen, wohin das Abgehen vom alten gebahnten Wege der Väter endlich führen muss. Man möchte gern wieder umkehren, und diese Umkehr zum Bessern zeigt sich bereits in einer Agitation gegen den Rabbiner Ben Israel; unlängst brachten die jüdischen Blätter eine Anzeige, die eine solche Agitation andeutete; aber noch andere Anzeichen sind da. So wurde am vorigen Sabbat der Sohn eines Vorstandsmitglieder Bar Mizwah; der Vater verschmähte es, denselben von Herrn Ben Israel konfirmieren zu lassen. Statt dessen ließ er ihn in dem gegenüberliegenden Ehrenbreitstein die Paraschah (Wochenabschnitt aus der Tora) lesen. Am selben Sabbat hielt dort Herr Rabbinatskandidat Dr. Sulzbach aus Frankfurt am Main, bei der fast die gesamte hiesige Gemeinde anwesend war. Die erwähnte Predigt hat einen großartigen Eindruck hervorgerufen; man hat erkannt, dass das echte Judentum auf soliderer Basis beruht, als die moderne Phraseologie. Herr Dr. Sulzbach sprach warm und innig; man fühlte, dass seine Worte dem Stempel der Wahrheit trugen, dass sie vom Herzen kamen, und bei allen Anwesenden wurde die Sehnsucht rege, wiederum einen echten Lehrer unserer göttlichen Religion den unsrigen nennen zu dürfen. - Schon in der nächsten Zeit hoffe ich, Ihnen interessante Dinge von hier aus mitteilen zu können."

Die orthodoxe Gruppe feierte 1878 während der Woche Privatgottesdienste in der Synagoge, bis ihr das 1884 von der Kultusgemeinde aus verboten wurde. 

  
25jähriges Bestehen der Synagoge (1876)

Koblenz AZJ 07031876.jpg (114463 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. März 1876: "Koblenz, 22. Februar (1876). Zur Erinnerung an die vor 25 Jahren vollzogene Einweihung ihrer Synagoge und Einführung des reformierten Gottesdienstes feierte die hiesige Gemeinde den letzten Sabbat, 24. Schewet, in höchst solenner Weise. Der Gottesdienst am Vorabend und am Morgen war ein durchaus festlicher und durch erhebende Gesänge verherrlicht. Dieser Feier, an welcher die Gesamtgemeinde in gehobener und freudiger Stimmung sich beteiligte, wohnten auch der Regierungspräsident und Oberbürgermeister bei. In seiner Festrede hob der Rabbiner die Befriedigung hervor, die er bei dem unerschütterten Bestande der neuen Gottesdienstordnung empfinde, welche ihre segensreiche Kraft nun auch dadurch erwiesen, dass nach einem Vierteljahrhundert ihrer Dauer, die Liebe und der Eifer für sie in solch unzweideutiger Weise sich kund gebe. Es war ein wahrer Fest- und Jubeltag für alle Mitglieder, die mit wenigen Ausnahmen auch an dem Konzerte, Festessen und Ball teilnahmen, für welche der Vorstand und die Repräsentanten eine namhafte Summe aus der Gemeindekasse bewilligt hatten. Bei Gelegenheit dieser Feier wurde dem Rabbiner, welchem die Gemeinde ihre geordneten, befriedigenden und sich bewährt habenden Zustände verdankte, ein sehr wertvolles, silbernes Kaffeeservice nebst einer Adresse überreicht, worin ihm Dank, Anerkennung und die besten Wünsche für die Zukunft ausgesprochen werden."

  
Der dreijährige Zyklus der Toralesungen wird wieder abgeschafft (1892) 

Koblenz Israelit 07111892.jpg (64161 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. November 1892: "Koblenz. In hiesiger Gemeinde bestand seit 1851 der dreijährige Zyklus, d.h. es wurde die Tora in fortlaufender Reihenfolge in je drei Jahren fertiggelesen. Schon vor fünf Jahren machte Herr Rabbiner Dr. Singer darauf aufmerksam, dass man sich durch Änderung der Namen der Sidros (Toraabschnitte) von aller Welt isoliere; er konnte die Wiedereinführung des einjährigen Zyklus nicht erlangen, erreichte jedoch, dass seitdem der dreijährige Zyklus derart behandelt wurde, dass stets ein Stück aus derselben Sidra gelesen wurde, die in ganz Israel üblich war. Inzwischen wurde anerkannt, dass dieser Modus zur zur notdürftigen Aushilfe ausreichte, und in voriger Woche hat Herr Dr. Singer - unter freudiger einhelliger Zustimmung von Vorstand und Repräsentanten - den einjährigen Zyklus in hiesiger Gemeinde wieder eingeführt. (Israelitische Wochenschrift)"

  
50-jähriges Bestehen der Synagoge (1901)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Oktober 1901: "Koblenz, 8. Oktober (1901). Still, ohne Sang und Klang, wurde am vergangenen Samstag das 50-jährige Bestehen der hiesigen Synagoge begangen, die am 24. Januar 1851 eröffnet wurde. Die Feier war auf Sukkoth verschoben worden, da die Renovierung der Synagoge erst im Sommer beendet wurde. Von der Feier, die in einer Art 'Erinnerungspredigt' bestand, kann man sagen: 'Verlegte Märkte werden schlecht gehalten'."    

   
   
1923
wurde die Synagoge innen renoviert und erhielt einen neuen Toraschrein.

Beim Novemberpogrom 1938, d.h. in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, wurde die Synagoge im Bürresheimer Hof von SA- und SS-Leuten sowie der Gestapo zerstört. Angezündet wurde sie nicht. Es bestand die Gefahr, dass ein Brand der Synagoge auf die benachbarten Gebäude übergreifen könnte. Bei den Zerstörungsaktionen wurden der große Toraschrein, die Orgel, die Kanzel, mehrere siebenarmige Leuchter, der Chanukka-Leuchter und vieles mehr zerstört, das Mobiliar auf die Strasse geworfen. Da das Gebäude insgesamt erhalten blieb, wurde noch 1938 das Ernährungsamt hier untergebracht. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Synagoge durch Bombenangriffe zerstört, sodass nur noch die Außenmauern blieben. Nach 1945 stellte man den Bürresheimer Hof in seiner barocken Form wieder her. Die Synagoge wurde nicht mehr rekonstruiert. Der Bürresheimer Hof wird heute von der Stadt Koblenz unter anderem als Kinder- und Jugendbibliothek sowie als Mediothek genutzt. Im ersten Stock – in einem separaten Raum – ist ein Gedenkzimmer an die jüdischen Familien und an die jüdische Kultur eingerichtet. Hier ist vieles mit Sachverstand und liebevoll zusammen getragen. Ein Besuch lohnt unbedingt. Die Öffnungszeiten sind mit denen der Jugend- und Kinderbücherei identisch: Mo, Di, Do und Fr von 14.00 – 18.00 Uhr.
An der Fassade des Bürresheimer Hofes ist eine Gedenktafel angebracht. In der ehemaligen Synagoge befindet sich heute die Kinder- und Jugendbibliothek Koblenz. In der Kinder- und Jugendbücherei befindet sich der Zugang zum Gedenkraum für die in Koblenz zwischen 1933 bis 1945 verfolgten Mitbürger

Ereignisse des Gedenkens um die ehemalige Synagoge - Pressemitteilungen der Jahre 1994-2001:

19. August 1994: Zum zehnten Mal halten sich in diesen Tagen auf Einladung der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit 34 jüdische ehemalige Mitbürgerinnen und Mitbürger in Koblenz auf. Bei einer Gedenkstunde in der Jugendbücherei im Bürresheimer Hof (ehemalige Synagoge) erinnert Oberbürgermeister Hörter an das Unrecht, das während des Dritten Reichs an den Juden begangen wurde.

17. Oktober 1996: Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, stellt mit einer Autorenlesung in der ehemaligen Synagoge am Florinsmarkt seine Autobiographie vor.

18. September 1997: Oberbürgermeister Dr. Schulte-Wissermann begrüßt ehemalige jüdische Mitbürger, die in der NS-Zeit aus Deutschland fliehen mussten und sich seit 20 Jahren zum ersten Mal wieder in Koblenz aufhalten. Sie besichtigen unter anderem den Gedenkraum in der ehemaligen Synagoge im Bürresheimer Hof.

28. September 2000: Das Mittelrhein-Museum gibt zwei Bilder aus der ehemaligen Synagoge im Bürresheimer Hof an ihre Eigentümerin, die Jüdische Kultusgemeinde, zurück. Die Gemälde waren nach der Erstürmung der Synagoge in der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 in den Besitz des städtischen Schlossmuseums gelangt. Bei der Rückübereignung des Bürresheimer Hofs an die Jüdische Gemeinde 1947 vergaß man die Bilder. Sie wurden kürzlich bei den Vorbereitungen zur Ausstellung "Inside out – Bilderspeicher Museum" wieder entdeckt. Die Jüdische Gemeinde überlässt die Stücke dem Mittelrhein-Museum als Leihgabe.

Samstag, 27. Januar 2001: Anlässlich des heutigen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus rufen etliche Parteien, Gewerkschaften, Verbände und Organisationen für 13.30 Uhr zu einem Protestmarsch gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit auf. Die Demonstration, an der sich rund 1.500 Menschen beteiligen, endet mit einer Kundgebung vor dem Bürresheimer Hof am Florinsmarkt, der ehemaligen Synagoge. Um 17 Uhr findet in der Elisabethkirche im Rauental ein Gedenkgottesdienst mit christlich-jüdischem Gebet statt.


Neue Synagoge nach 1945:

Die 1925 geweihte Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof wurde beim Novemberpogrom 1938 gleichfalls geschändet. Sie konnte jedoch wieder gerichtet werden, sodass in ihr bis zu den Deportationen 1942 unter Aufsicht der Gestapo wieder Gottesdienst gefeiert werden konnten. 1947 wurde von der französischen Besatzung der Mittelteil des Gebäudes als provisorischer Betsaal hergerichtet. Weitere Umbauten erfolgten in den folgenden Jahrzehnten, unter anderem durch Anbau eines Gemeindesaals 1961/62. Dieser Betsaal in der Schlachthofstraße 5 wird bis heute als Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde in Koblenz benutzt.

Standorte der Synagogen

mittelalterliche Synagogen in der Münzstraße (frühere Judengasse), später in der Balduinstraße (frühere Kleine Judengasse)

Florinsmarkt 13 (Synagoge 1851 bis 1938) ("Bürresheimer Hof") 

Schwerzstraße 14 beziehungsweise Schlachthofstraße 5 im Rauenthal (Synagoge nach 1945).

Fotos:
(wenn nicht anders angegeben: Fotos: sw-Fotos: Landesamt s.u. Lit. S. 214-218; Farbfotos: Stadt Koblenz)

Plan / Historische Fotos    
Koblenz_1905.jpg (87011 Byte) Koblenz Synagoge 001.jpg (92976 Byte) Koblenz Synagoge 003.jpg (74058 Byte)
Plan von Koblenz 1905: Mit der Nr. "5" 
ist die Synagoge am Fruchtmarkt
 bezeichnet; die Münzstraße markiert 
die jüdische Ansiedlung im Mittelalter. 
   
Jüdisches Gemeindezentrum mit 
Synagoge im "Bürresheimer Hof" 
(zwei Säle, in denen Gottesdienste
 abgehalten wurden) und jüdische Schule,
 Rabbiner- und  Hausmeisterwohnung 
Hofansicht der 
ehemaligen Synagoge 
(vor 1923)
 
 
     
Koblenz Synagoge 002.jpg (40593 Byte) Koblenz Synagoge 010.jpg (67734 Byte) Koblenz Synagoge 012.jpg (57126 Byte)
 Fenster des Betsaales Renaissanceportal im Innenhof mit dem Giebel und den beiden Gebotstafeln (um 1935)
    
  
Im Zweiten Weltkrieg
  
Neue Fotos
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 18.8.2006)
Koblenz Synagoge 015.jpg (62626 Byte) Koblenz Synagoge 240.jpg (72061 Byte) Koblenz Synagoge 247.jpg (67838 Byte)
Rechts: das ehemalige Synagogengebäude - ausgebrannt nach einem Bombenangriff (1944/45, Quelle) Der Bürresheimer Hof, nach 1945 in der barocken Form aufgebaut. 
Dadurch erinnert äußerlich - außer der Gedenktafel - nichts mehr 
an die Synagoge 
   
Koblenz Synagoge 241.jpg (66489 Byte) Koblenz Synagoge 244.jpg (81665 Byte) Koblenz Synagoge 245.jpg (85471 Byte)
Hinweistafel am Eingang zum 
Bürresheimer Hof
Gedenkraum für die jüdische Gemeinde im Bürresheimer Hof
   
   
Koblenz Synagoge 246.jpg (65155 Byte) Koblenz Synagoge 242.jpg (84209 Byte) Koblenz Synagoge 243.jpg (56995 Byte)
Das Gebäude wird heute u.a. 
als Bibliothek genutzt
Gedenkraum für die ehemalige jüdische Gemeinde, eingerichtet von 
Schülern des Staatlichen Hildagymnasiums Koblenz und Helene Thill 
    
  
Die Synagoge in der ehemaligen Friedhofshalle
(Fotos obere Zeile: Archiv Thill; Farbfotos: Hahn, Aufnahmedatum 18.8.2006) 
   
Koblenz Synagoge 250.jpg (53599 Byte) Koblenz Synagoge 252.jpg (53463 Byte) Koblenz Synagoge 101.jpg (87218 Byte)
Fotos von einem jüdischen 
Gottesdienst 1947
Die frühere Friedhofshalle - 1938-42 und nach 1945 Synagoge der jüdischen Gemeinde
   
   
Koblenz Synagoge 103.jpg (91290 Byte) Koblenz Synagoge 102.jpg (46913 Byte) Koblenz Synagoge 100.jpg (107181 Byte)
Eingang zur Synagoge mit Portalinschrift:
 "Mein Haus soll ein Haus des Gebets für 
alle Völker genannt werden" 
Eingang zur Verwaltung der 
Jüdischen Kultusgemeinde
     
  
      
"Stolpersteine" in Koblenz 
(Fotos: Franz G. Bell, Kottenheim) 
Koblenz Stolpersteine 090.jpg (64553 Byte) Koblenz Stolpersteine 091.jpg (69218 Byte)
   In Koblenz wurden für die Umgekommenen der NS-Zeit mehrfach "Stolpersteine" verlegt: im Januar 2007, November 2007, Januar 2009, Mai 2010 und August 2011. Oben: "Stolpersteine" für Jenny Kahn geb. Salomon (1888) und Wilhelm Kahn (1879), beide in Sobibor ermordet. Die oben abgebildeten Steine wurden am 27. Januar 2007 vor dem Haus Rizzastraße 22 in Koblenz verlegt.  
Weitere Informationen über  http://mahnmal-koblenz.de/index.php/stolpersteine.html    
     

  

Einzelne Presseberichte  

Mai 2011: Könnte aus dem "Bürresheimer Hof" wieder das jüdische Gemeindezentrum werden?     
Artikel von Peter Karges in der "Rhein-Zeitung" vom 27. Mai 2011 (Artikel): 
"Synagoge zurück in den Bürresheimer Hof? - Koblenz will Kosten nicht tragen.  
Der Bürresheimer Hof am Florinsmarkt könnte in naher Zukunft zum Großteil leer stehen.

Denn nicht nur die Kinder- und Musikbibliothek wird mit der Fertigstellung des Kulturbaus auf dem Zentralplatz aus den oberen Etagen des 1660 errichteten Gebäudes verschwinden, sondern auch die Kammerspiele des Stadttheaters, die im Erdgeschoss des Bürresheimer Hofs ihr Domizil haben, sollen aufgegeben werden. Wird die Streichliste des Oberbürgermeisters umgesetzt, dann gibt es keine eigenen Inszenierungen des Stadttheaters mehr im Bürresheimer Hof. Nur noch Projekte des Kinder- und Jugendtheaters wären dann dort noch zu sehen..."   
 
September 2011: Weitere "Stolpersteine" wurden in Koblenz verlegt - inzwischen liegen 78 "Stolpersteine" in der Stadt   
Artikel in der "Rhein-Zeitung" vom 1. September 2011 (Artikel): "In Koblenz erinnern Pflasterstein-Gedenktafeln an Opfer des Holocausts
Koblenz – Sie sollen Steine des Anstoßes sein, bewusste Stolperfallen, die den Finger legen in eine schmerzhafte Wunde deutscher Geschichte, die niemals heilen wird und als Mahnung vor erneuter 'Infektion' mit dem nationalsozialistischen Bazillus auch bewusst niemals heilen soll: Die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Bundesweit verbaut Demnig seit einigen Jahren solche Stolpersteine vor Gebäuden, aus denen die Hitler-Schergen Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Behinderte und politisch Andersdenkende in die Vernichtungslager deportierten. In Koblenz gibt es seit Samstag 78 solcher Stolpersteine, solcher Gedenkplatten, die Namen, Geburts- und Todestag der Nazi-Opfer zeigen..."   
Wo in Koblenz Stolpersteine an das Schicksal von den Nazis verfolgter und ermordeter Menschen liegen, ist auf der Homepage des Vereins Mahnmal Koblenz unter www.mahnmal-koblenz.de/index.php/stolpersteine.html  zu lesen. Hier finden sich auch kurze Informationen zu den Biografien der Opfer."   
 

  
     
     
Links und Literatur

Links:

Website Stadt Koblenz  mit Informationsseite zur Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz 
mit Seite zur Kinder- und Jugendbibliothek in der ehemaligen Synagoge  
und Panoramaansicht (Film) des Florinsmarktes  
Website des Fördervereins "Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V." mit Seiten zu den "Stolpersteinen in Koblenz"   
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Koblenz (interner Link) 

Literatur:    

Germania Judaica I,144-147; II,1 S. 407-414; III,1 S. 624-632.
Zur Erinnerung an die Koblenzer Synagoge: zwei Beiträge vorgelegt aus Anlass der Einweihung des Gedenkraumes im "Bürresheimer Hof", Koblenz 1986 (Veröffentlichungen der Stadtbibliothek Koblenz Band 18).
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 214-218 (mit zahlreichen weiteren Literaturangaben).  

             


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Koblenz Rhineland. Jews are first mentioned in 1100. A sizable Jewish community began to develop with Jews from Koblenz playing an important role as moneylenders to the nobility and the Church from the end of the 13th century. Among the prominent Jewish scholars were R. Hayyim ben Yehiel, a follower of R. Meir of Rothenburg, and his brother Asher. In 1344, R. Eliezer ben Shemuel ha-Levi produced a surviving parchment Bible with commentaries. The medievel community fell victim to recurring persecutions (in 1265, 1281, 1287-88, 1337) and was totally destroyed in the Black Death disturbances of 1348-49. Jews resettled but were expelled definitely in 1418. They were allowed to return in 1518. 
A renewed Jewish community began to develop, establishing a synagogue in 1702. The community was served by several notable rabbis, among them the kabbalist and Talmud scholar Yair Hayyim Bacharach (1666-60). Under French rule in the early 19th century, the Jews were accorded equal rights but community autonomy was curtailed under the consistory system. Although Napoleon's "Infamous Decree," which remained in effect until 1847, limited their freedom of movement and trade, Jews nonetheless began to achieve prominence in the city. The first Jew was elected to the municipal council in 1842 and a Jew became a district judge in 1879. The Jewish population increased from 342 in 1808 to 634 (total 45,147) in 1900. In the latter half of the 19th century, the economic circumstances of the Jews improved considerably. Most were merchants in the food and textile trade and a number of clothing stores like Tietz and Jacobi were court suppliers. Antisemitic outbreaks also occured, during the Hep!Hep! riots of 1819 and again in 1848. Anti-Jewish feeling was also manifest in the last decade of the 19th century with the spread of antisemitic incitement. The community was in the forefront of the movement for religious reform. A new synagogue with an organ and mixed choir was consecrated in 1851. However, from 1878 Neo-Orthodoxy made a comeback when Dr. Adolf Levin became rabbi. A branch of the Central Union (C.V.) was founded in 1893 and the Zionists were active in 1913. The Jewish population grew to 800 in 1929. In June 1933, about four months after the Nazi takeover, 669 Jews were counted in Koblenz. The Jewish population suffered from the economic boycott and mounting persecution. The Tietz establishment was sold off in 1933 and Jews were gradually pushed out of the grain and cattle trade. Forced to sell their stores, homes, and land, they began to emigrate. Jewish cultural life nontheless continued under the auspices of the Jewish Cultural Association (350 members in 1935), the Zionists, and B'nai B'rith. A Zionist Habonim youth group was founded in 1935. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue, over 40 Jewish homes, and at least 19 Jewish stores were destroyed. About 100 Jewish men were sent to the Dachau concentration camp, two dying of heart attacks. In May 1939 only 308 Jews remained. Deportations commenced in 1942, with Koblenz serving as a regional concentration pont. The first transport for the east left on 22 March, with 120 Jews and another from the Sayn psychiatric hospital. Additional transports left on 15 June, 27 July, and 28 February 1943 and in July 1943. A few dozen survivors returned after the war. In 1987, the Jewish population was 100.  
     

   

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge   

              

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 09. Januar 2012