Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Treis an der Lumda (Stadt Staufenberg/Hessen, Kreis Gießen)
Jüdische Geschichte / Synagoge 

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben     
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Links und Literatur   

     

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)    
    
In Treis bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden jüdische Einwohner 1595 genannt. Damals mussten 17 Juden aus Treis und dem benachbarten Sichertshausen (heute Ortsteil der Gemeinde Fronhausen, Kreis Marburg-Biedenkopf) der Ortsherrschaft eine Sondersteuer im Zusammenhang mit der "Türkensteuer" bezahlen. 
   
Aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts liegen präzise Zahlen über die jüdischen Einwohner vor: 1667 25 jüdische Einwohner, 1676 27, 1679 31, 1685 39, 1686 40, 1690 44, 1692 36. Die zunehmende Zahl stand vermutlich im Zusammenhang mit der Ausweisung der Juden aus Gießen (1662). 1726 wurden sieben jüdische Familien in Treis gezählt. 1744 musste möglicherweise ein Teil der jüdischen Familien den Ort verlassen, da sie "untauglich" waren, d.h. vermutlich das geforderte "Schutzgeld" nicht bezahlen konnten. Mitte des 18. Jahrhunderts werden genannt: David Aaron, Moses Liebman, Amsell David, Löb Katz und Liebmann Moses Witwe. Die jüdischen Familien lebten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in überwiegend sehr armseligen Verhältnissen und verdienten ihren Lebensunterhalt meist als Vieh- und Kleinhändler, Lumpensammler oder Trödler. 1782 wurden 16 jüdische Familien in Treis gezählt.
   
Anfang des 19. Jahrhunderts werden die jüdischen Familien Hammerschlag, Wetzstein und Kaiser in Treis genannt. Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert wie folgt: 1835 54 jüdische Einwohner, 1850 75, 1861 72 (6,1 % von insgesamt 1.185 Einwohnern), 1880 77 (7,2 % von 1.064), 1895 88 (8,3 % von 1.052 in 22 Familien), 1910 70 (5,9 % von 1.179). Seit Mitte des 19. Jahrhundert setzte die Auswanderung (nach Nordamerika) und die Abwanderung in die größeren Städte ein. So zog Samuel Ebstein aus Treis zog in den 1870er-Jahren als Börsenmakler nach Frankfurt, Jakob Ziegelstein leitete ebenda einige Jahre später ein Bankhaus. Der Metzger Meier Wetzstein wanderte in den 1880er-Jahren in die USA aus und gründete dort eine Wurstfabrik. Ungewöhnlich starke Erfolge verzeichneten die Antisemiten in Treis seit Ende des 19. Jahrhunderts: bis zum Ersten Weltkrieg erreichten sie in Mainzlar drei Viertel der abgegebenen Stimmen. 
   
Insgesamt waren die jüdischen Familien jedoch im Leben des Ortes, vor allem auch in den Vereinen weitgehend integriert. Der Kaufmann Levi Wetzstein II (zugleich Vorsteher der jüdischen Gemeinde) war von 1927 bis 1932 im Gemeinderat der bürgerlichen Gemeinde. Um 1920 lebten insbesondere folgende Familien am Ort: Jakob Hammerschlag (Manufakturwarengeschäft, Hauptstraße 24), Moses Hammerschlag (Hauptstraße 72), Salomon Hammerschlag II (Manufaktur- und Kolonialwarengeschäft, Hauptstraße 86),  Emil Reinberg (Hauptstraße 52), Hermann Wetzstein (Weinbergstraße 4, ehemals jüdische Metzgerei), Israel Wetzstein (Hauptstraße 30), Leopold Wetzstein (Metzgerei, Hauptstraße 19), Levi Wetzstein I (Hauptstraße 85), Levi Wetzstein II (Wohnhaus Hauptstraße 39, Manufakturwarengeschäft Hauptstraße 66), Moses Wetzstein (Hauptstraße 73, siehe unten Bericht des Sohnes Ewald Wetzstein), Hermann Ziegelstein (Gartenstraße 6), Isaak Ziegelstein (Pfarrstraße 32), Siegmund Ziegelstein (Hauptstraße 29). 
   
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule (Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Schließung 1870 zeitweise jüdische Elementarschule; im jüdischen Schulhaus Hauptstraße 90, im Hinterhaus Wohnung des Lehrers), ein rituelles Bad (im jüdischen Schulhaus) und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden als Lehrer Jakob Haas und Hermann Ebstein genannt, um 1865 Lehrer Wolf Plaut. Langjähriger Vorsteher der jüdischen Gemeinde war bis zu seinem Tod 1920 der Metzger Markus Wetzstein. Aus der Familie Wetzstein kamen im 19./20. Jahrhundert über mehrere Generationen die Vorsteher der Gemeinde.
   
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Leopold Wetzstein (geb. 16.2.1882 in Treis, vor 1914 in Münster, Westfalen wohnhaft, gef. 10.2.1917).   
  
Um 1924, als noch 57 jüdische Einwohner gezählt wurden (4,7 % von 1.211 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde der bereits genannte Kaufmann Levi Wetzstein II, Moses Wetzstein und Emil Reinberg. Den Religionsunterricht der an höheren Schulen lernenden Kinder der Gemeinde wurde durch Rabbiner Dr. Sander aus Gießen erteilt. Die Gemeinde gehörte zum liberalen Provinzialrabbinat in Gießen. 1932 waren die Gemeindevorsteher Levi Wetzstein II, Fritz Krebs und Hermann Ziegelstein. Als Kantor wird Jacob Hammerschlag genannt. Im Schuljahr 1931/32 besuchten die Religionsschule der Gemeinde 5 Kinder.
   
1933 lebten noch etwa 50 jüdische Personen in Treis.
In den folgenden Jahren
ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Von den etwa 15 jüdischen Familien konnte etwa die Hälfte auswandern: 10 Personen in die USA, 6 Personen nach Südamerika, 2 Personen nach Südafrika, 1 Person nach Palästina. 10 Personen verzogen in andere Städte. Zu den Ereignissen beim Novemberpogrom 1938 vergleiche Bericht unten von Ewald Wetzstein. 1939 wurden die noch am Ort lebenden jüdischen Einwohner im Gebäude des jüdischen Schulhauses Hauptstraße 90, im Haus Hauptstraße 66 und im Haus Weinbergstraße 4 unter engsten Verhältnissen zusammenziehen. Im September 1942 wurden die letzten noch am Ort lebenden jüdischen Personen deportiert.     
    
Von den in Treis geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945" sowie der Liste von Volker Hess s.Lit.): Karoline Adler geb. Hammerschlag (1893), Rosa Aron geb. Ziegelstein (1890), Anschel Hammerschlag (1856), Hermann Hammerschlag (1874), Lina (Zerline) Hammerschlag (1863), Max Hammerschlag (1876), Moses Hammerschlag (1874), Hermann Wetzstein (1883), Tirza Löb geb. Stein (1886), Jettchen Seewald geb. Wetzstein (1875), Julchen Stern geb. Hammerschlag (1882), Friedrich Wetzstein (1888), Hermann Wetzstein (1883), Levi (Löb) Wetzstein II (1872), Liselotte Wetzstein (1922), Minna Wetzstein geb. Joseph (1882), Selma Windecker geb. Ziegelstein (1888), Bernd Jakob Wolff (1935), Henriette Wolff geb. Löwenstein (1875), Jakob Wolff (1875), Liesel Wolff (1929), Rose (Rosi) Wolff geb. Plaut (1900), Alice Ziegelstein (1924), Else Ziegelstein geb. Goldschmidt (1902), Jettchen Ziegelstein (1883), Sally Ziegelstein (1881), Siegmund Ziegelstein (1892). 
   
1990 wurde in Staufenberg ein Gedenkstein vor dem Rathaus enthüllt mit Namen der aus den Stadtteilen Staufenbergs in der NS-Zeit umgekommenen jüdischen Personen. Auf einer Gedenktafel stehen die Namen (kursiv nachstehend die Namen der aus Treis stammenden Personen): Adolf Karbe, Else Karbe geb. Rosenthal, Recha Karbe, Renate Karbe, Zilla Karbe, Otto Levy, Arthur Nathan, Gerdi Nathan, Leni Nathan, Manfred Nathan, Ruth Nathan, Selma Nathan geb. Plaut, Lina Rosenthal geb. Rosenthal, Martin Rosenthal, Siegfried Rosenthal, Hermann Wetzstein, Liselotte Wetzstein, Minna Wetzstein, Bernd Wolff, Henriette Wolff geb. Löwenstein, Israel Wolff, Jakob Wolff, Rose Wolff geb. Plaut, Liesel Wolf, Alice Ziegelstein, Siegmund Ziegelstein, Jettchen Ziegelstein geb. Ziegelstein.
In der Nacht zum 31. Mai 1992 wurde die Gedenktafel von Unbekannten beschädigt.  
  
Auf dem jüdischen Friedhof von Treis befindet sich seit 1978 ein Mahnmal mit der Inschrift: "Den Lebenden zur Mahnung, den Toten zur Ehr und den durch das Naziregime umgekommenen Mitbürgern der Gemeinde Treis zum Gedenken". 
      
      
      
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
      
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1868 / 1889

Treis Lumda Israelit 10061868.jpg (39640 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juni 1868: "Die Stelle eines Religionslehrers bei der israelitischen Gemeinde zu Treis an der Lumda, mit einem jährlichen Einkommen von 400 Gulden, steht offen, und ist alsbald zu besetzen. Bewerber wollen sich unter Vorlegung ihrer Zeugnisse bei dem Unterzeichneten melden. S. Kann in Mainzlar."  
  
Treis Lumda Israelit 17061889.jpg (39383 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1889: "Durch Versetzung unseres Lehrers ist die Stelle als Religionslehrer, Vorbeter und Schochet pr. sofort wieder zu besetzen. Gehalt 750 Mark nebst freier Wohnung. Treis a. L. und Allendorf, 9. Juni 1889. Der Vorstand Markus Hammerschlag. Simon Liebermann".

       
Lehrer Wolf Plaut hat eine Agentur übernommen (1865)    

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Juni 1865: "Herr Lehrer Wolf Plaut in Treis a.d.L. (Kurhessen) hat eine Agentur übernommen. 
Das Institut zur Förderung der israelitischen Literatur".     

    
    
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Bildung eines gemeinsamen Verbandes "Jeschurun" (1905)
        

Londorf AZJ 14041905.jpg (36635 Byte)Mitteilung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. April 1905: "Am 26. vorigen Monats wurde aus den Synagogengemeinden Londorf, Allendorf a.L., Treis a. L. und Nordeck ein Verband gebildet, der bezweckt, die idealen Interessen des Judentums zu fördern, und zwar durch Verbreitung der jüdischen Geschichte und Literatur, durch die Pflege der Geselligkeit in den einzelnen Gemeinden und durch die Ausübung der werktätigen Nächstenliebe. Der Verband führt den Namen 'Jeschurun'."    

       
       
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde 
Todesanzeige für den langjährigen Gemeindevorsteher Markus Wetzstein (1920)    

Treis Giessener Anzeiger 16121920.jpg (55718 Byte)Anzeige im "Gießener Anzeige vom 16.12.1920: "Heute nacht verschied nach kurzem Leiden mein lieber, guter Mann, mein lieber Sohn, Vater, Schwiegervater, Schwager und Onkel Herr Markus Wetzstein, Metzger und langjähriger Vorsteher der hiesigen israelitischen Gemeinde im Alter von 66 Jahren. In tiefem Schmerz: Die trauernden Hinterbliebenen. 
Treis a.d. Lda., 15. Dezember 1920. Die Beerdigung findet Freitag, den 17. Dezember, vormittags 11 Uhr statt."

 
Drei historische Dokumente für Israel Wetzstein
(Quelle: Arnsberg Bilder s. Lit. S. 191; Anmerkung: der Viehhändler Israel Wetzstein konnte noch in die USA emigrieren, wo er 1943 starb)

Treis Dok 110.jpg (63834 Byte)Links: Ehrenurkunde, verliehen an Israel Wetzstein. Text: "Gott / Ehre / Vaterland.  Israel Weinstein erhält in Anbetracht seiner 30jährigen Mitgliedschaft im Kriegerverein Treis a.d. Lda. / Krieger-Kameradschaft Hassia / diese Urkunde. Treis, den 1. Februar 1927. Der Vorstand".
 
Treis Dok 112.jpg (74882 Byte) Auszeichnung von 1929 für Israel Wetzstein für "ehrenvolle Teilnahme am Weltkrieg 1914/18" mit der "Kriegsdenkmünze 1914/18 des Kyfhäuser-Bundes".
 
Treis Dok 111.jpg (65473 Byte)Noch 1935 (!): Verleihung des "Ehrenkreuzes für Frontkämpfer" an den Viehhändler Israel Wetzstein "Im Namen des Führers und Reichskanzlers". 

     
 
   
Nach 1945: Geburtsanzeige einer Tochter von Manfred Lehman und Rose geb. Oppenheim (1949 USA)    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Aufbau" vom 22. April 1949: 
"We are happy to announce the arrival of our daughter 
Linda Hedy 
on April 9, 1949. 
Manfred and Rose Lehman née Oppenheim
  
1601 W. Philadelphia  Detroit 6, Mich. 
(formerly Schaafheim - Hessen) (formerly Treis - Hessen)".      

     

Kennkarten aus der NS-Zeit            
               
Am 23. Juli 1938 wurde durch den Reichsminister des Innern für bestimmte Gruppen von Staatsangehörigen des Deutschen Reiches die Kennkartenpflicht eingeführt. Die Kennkarten jüdischer Personen waren mit einem großen Buchstaben "J" gekennzeichnet. Wer als "jüdisch" galt, hatte das Reichsgesetzblatt vom 14. November 1935 ("Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz") bestimmt. 
Hinweis: für die nachfolgenden Kennkarten ist die Quelle: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: Bestände: Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV: Kennkarten, Mainz 1939" http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm. Anfragen bitte gegebenenfalls an zentralarchiv@uni-hd.de       
 
 Kennkarte für den in Treis an der Lumda 
geborenen Julius Ziegelstein
 
 Treis an der Lumda KK MZ Ziegelstein Julius.jpg (93543 Byte)    
   Kennkarte (Mainz 1939) für Jeisel genannt Julius Ziegelstein (geb. 1. Juli 1853 in Treis an der Lumda)    

   
   
   
Zur Geschichte der Synagoge              
   
Im 18. Jahrhundert dürfte ein Betsaal vorhanden gewesen sein. Eine Synagoge wurde 1829 erbaut. Es handelte sich ursprünglich um ein einfaches, zweigeschossiges Fachwerkgebäude, das später durch Massivteile ersetzt wurde. 1879 wurde der Innenraum erneuert. In der Synagoge gab es 64 Plätze für Männer, auf den Emporen 45 für Frauen. 1912 wurde die elektrische Beleuchtung in der Synagoge installiert. 
  
Zum 100jährigen Bestehen der Synagoge wurde das Gebäude 1928/29 umfassend renoviert und am 13./14. September 1929 neu eingeweiht.
 
Wiedereinweihung der Synagoge in Treis am 13./14. September 1929  

Treis Lumda CV 20091929.jpg (65215 Byte)Artikel in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 20. September 1929: "Die jüdische Gemeinde Treis a.d. Lumda, Kreis Gießen, hat aus Anlass ihres 100jährigen Bestehens ihre alte Synagoge vollständig neu herrichten lassen. Die Einweihung wurde in Anwesenheit des evangelischen Pfarrers, des Bürgermeisters und eines Vertreters der Lehrerschaft in feierlicher Form vollzogen. Die umliegenden israelitischen Gemeinden waren durch Abordnungen vertreten. Der erste Vorsteher der Festgemeinde, Herr Levi Wetzstein, begrüßte die Gäste und Provinzialrabbiner Dr. Sander (Gießen) hielt die Festpredigt." 
  
Treis Giessener Anzeiger 16091929.jpg (243741 Byte)Artikel im "Gießener Anzeige vom 16. September 1929: "Synagogen-Hundertjahrfeier in Treis a.d. Lda.  
Treis a.d. Lda. 15. September (1929). Die vor hundert Jahren hier erbaute Synagoge hatte zur Hundertjahrfeier ein festliches Gewand angelegt. Das gründlich renovierte Gotteshaus war mit Blumen geschmückt. Weißbindermeister Georg Schick und Maurermeister Gotthard Amend haben für die schöne Neugestaltung des Gotteshauses ihr Bestes getan. Der äußere Verputz des Hauses ist in schlichtem Grau gehalten. Die einzige Zierde bildet ein über dem Eingang angebrachter Davidstern. Farbe und Ton des Anstriches im Innern sind nicht wesentlich verändert worden. Vorlesepult und heilige Lage sind auf einem erhöhten Postament untergebracht. Über dem ganzen wölbt sich als Decke ein gestirnter Himmel. 
Zur Einweihungsfeier am Freitagnachmittag waren zahlreiche Gäste aus der näheren Umgebung erschienen. Als Vertreter der evangelischen Kirche bemerkte man Pfarrer Böchner und Lehrer Heinrich Walter. Die politische Gemeinde war durch Bürgermeister Konrad Michel und durch Gemeinderatsmitglied Konrad Zecher vertreten; ein schönes Zeichen der konfessionellen Eintracht, wie sie erfreulicherweise in unserem Orte herrscht. 
Ein Gesangsvortrag des Gießener Synagogenkantors J. Marx unter Harmoniumbegleitung von A. Kasten gab der Einweihungsfeier den würdigen Auftakt. Provinzialrabbiner Dr. Sander wählte als Geleitwort seiner Festrede Vers 7,8 des Psalm 26. 'Ich lasse erschallen die Stimme des Dankes, um zu erzählen all deine Wunder. Ewiger, ich liebe die Stätte deines Hauses, und den Ort, wo deine Herrlichkeit thront.'  Rabbiner Dr. Sander wies in seiner Rede darauf hin, dass nur einem Teil wahrer Religiosität durch die Errichtung eines Gotteshauses gedient sei. Neben die äußere Würdigung des Gottesglaubens durch eine würdige Stätte der Verehrung muss auch noch die innere Glaubensstärke hinzutreten. Gemeinderat und Vorsteher der Religionsgemeinde Levi Wetzstein - der Urenkel des Mannes, der vor 100 Jahren de Synagogenbau erwirkt hatte; der Enkel lebt noch im hohen Alter von fast 90 Jahren in Gießen - widmete seine Worte insbesondere den anwesenden Handwerksmeistern, denen er den Dank der Gemeinde für ihre vorbildliche Arbeit abstattete. Nachdem der Segen über die Gemeinde gesprochen, wurde die Feier mit einem Harmoniumvortrag stimmungsvoll beendet.
Den zweiten Hauptteil des Festes bildete der Festgottesdienst am Samstag früh in Anwesenheit des Rabbiners, der in seiner Predigt den Wert einzelner Vorschriften des Pentateuchs, die vorher als Wochenabschnitt verlesen worden waren, eingehend würdigte. Nächstenliebe und ehrenvolle Behandlung sogar des Feindes verlangen diese Kapitel aus dem fünften Buches Mosis. Es ist notwendig für jeden als einzelnen, auch einmal Opfer für die Allgemeinheit zu bringen. Besonders in der heutigen Zeit, wo der Staat von dem einzelnen Wohlhabenden nicht wenig Opfer verlangt, zeigt der Vers 5. Mose 19,24 die Pflicht der Wohltätigkeit in eindringlicher Weise: 'Wenn du deine Ernte auf deinem Felde erntest und vergisst eine Garbe auf dem Felde, so sollst du nicht zurückkehren, sie zu nehmen; dem Fremdling, der Waise und der Witwe soll es gehören, auf dass dich segne der Ewige dein Gott in allem Werke deiner Hände.'
Abends fand als Abschluss eine größere gesellige Veranstaltung in Form eines Balles statt, der einen so zahlreichen Besuch auszuweisen hatte, dass der Saal viel zu klein war. Die flotten Weisen der aus Mitgliedern der Gießener Militärmusik bestehenden Kapelle hielten die Anwesenden noch lange Zeit beisammen."  
 
Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und Waldeck" vom 20. September 1929:  
Weiterer Bericht - zum Lesen bitte Textabbildung anklicken   

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch SA-Leute und Hitlerjugend schwer geschändet. Die Inneneinrichtung mit Toraschein, Torarollen usw. wurde auf den Platz vor das (alte) Treiser Rathaus geschleppt und dort verbrannt (vgl. Bericht unten von Ewald Wetzstein.  1939 wurde das Synagogengebäude von einem nichtjüdischen Privatmann übernommen, der es bis in die 1950er-Jahre als Abstellraum und Scheune zweckentfremdete und es dann zum Bau einer neuen Scheune abbrechen ließ. 
    
    
Adresse/Standort der SynagogeHauptstraße 63        
    
    
Fotos
(Quelle: Arnsberg Bilder S. 191)  

Historisches Fotos 1929  Treis Synagoge 110.jpg (91962 Byte)   
  Zur Wiedereinweihung am 14./15. September
 1929 nach der umfassenden Renovierung 
ist die Synagoge festlich geschmückt 
  
     
Gedenkstein / 
Gedenktafel 
Fotos werden noch ergänzt - über Zusendungen freut sich der Webmaster von 
Alemannia Judaica; Adresse siehe Eingangsseite.

       
       
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte
  

Juni 2009: Besuch von Ewald Wetzstein aus Chile (geb. 1922 in Treis)   
Artikel in der "Giessener Allgemeinen" vom 24. Juni 2009 (Artikel): 
»Meine Heimat ist das Land, das mich am Leben lässt«
Lollar/Staufenberg (mb).
Nach seiner »Botschaft« gefragt, sagt der 86-jährige Ewald Wetzstein aus der chilenischen Hauptstadt Santiago, der in diesem Jahr noch 87 wird, er wünsche alles Gute und keine Schwierigkeiten zwischen den Menschen, die in einer Welt leben...".      
 
Juli / September 2011: Ende September werden in Treis, Mainzlar und Staufenberg "Stolpersteine" verlegt   
Artikel in der "Gießener Zeitung" vom 18. Juli 2011 (Artikel, es wird nicht der vollständige Artikel zitiert): "'Stolpersteine' auch für Staufenberg 
Europaweites Kunst- und Erinnerungsprojekt für die Opfer der NS-Zeit  

Margarete Hettche, Heinrich Lölkes, die Familien Ziegelstein, Wetzstein und Nathan, Otto Levy, Heinrich Geißler ... einige Staufenberger werden sich an diese Menschen noch erinnern. Vor ungefähr 70 Jahren gehörten sie zu Treis, Mainzlar und Staufenberg, waren Einwohner der Gemeinden, waren als Nachbarn bekannt, gehörten zur Gemeinschaft...".      
 
September 2011: Zur Verlegung der "Stolpersteine" in Treis, Mainzlar und Staufenberg    
Artikel in der "Giessener Allgemeinen" vom 23. September 2011 (Artikel): "'Stolpersteine' werden in Staufenberg verlegt
Staufenberg
(js). Steine gegen das Vergessen: Seit 1995 werden unter der Leitung des Kölner Künstlers Gunter Demnig auf Plätzen und Bürgersteigen vor ehemaligen Wohnhäusern von Opfern des Nationalsozialismus’ Messingplatten verlegt. 
  Darauf werden Name, Geburtsjahr, Tag der Deportation und Todesdatum eingraviert. Auch in Staufenberger Stadtteilen erfolgt in den nächsten Tagen diese symbolische Geste. 'Stolpersteine' werden am 29. September und am 5. Oktober angebracht..."   
  
Oktober 2011: "Stolpersteine" wurden in Treis und Mainzlar verlegt 
Artikel in der "Gießener Allgemeinen" vom 30. September 2011: "'Stolpersteine' gegen das Vergessen in Staufenberg verlegt. 
Staufenberg.
Das Projekt Stolpersteine wird in der Region vorgeführt. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte gestern einige Messingplatten in Staufenberg und Treis. Dabei kam es zu bewegenden Momenten, als Teilnehmer spontan Blumen neben den Steinen niederlegten..." 
Link zum Artikel.   
    
Artikel in der "Gießener Allgemeinen" vom 9. Oktober 2011: "Familien Nathan, Wetzstein, Ziegelstein gedacht.  
Staufenberg
(age). Im August 1942 begannen die Behörden, auch im Kreis Gießen mit der systematischen Deportation jüdischer Bürger. Mit dem Projekt 'Stolpersteine' will der Kölner Künstler Gunter Demnig verhindern, dass die Opfer des Terrors in Vergessenheit geraten."
Link zum Artikel.     
 
Februar/März 2012: Dokumentation "Stolpersteine gegen das Vergessen"       
Artikel in der "Gießener Allgemeinen" vom 29. Februar 2012: "Dokumentation gegen das Vergessen an der CBES in Lollar. 
Lollar / Staufenberg (js). Die Stadt und Schulmediothek der Clemens-Brentano-Europaschule Lollar / Staufenberg war bereits während der Ausstellungseröffnung überfüllt: Schüler und Lehrer haben auf der Etage, min der die Bücherei ihren Platz hat, eine Dokumentation unter dem Titel 'Stolpersteine gegen das Vergessen' zusammengestellt..."
Link zum Artikel       
 
 

 
  
Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Staufenberg 

Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Treis an der Lumda 
    

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 306-308.
ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente. S. 191. 
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 88-89. 
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 73-74.
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 48. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 217-218.
Volker Hess: Geschichte der Juden in den heutigen Ortsteilen Staufenbergs Daubringen, Mainzlar, Staufenberg und Treis. Staufenberg 1990 (20. Juni 2002).  Online zugänglich über eine Seite des Stadtarchivs Staufenberg (pdf-Datei).  

   
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Treis an der Lumda  Hessen. The community, dating from 1654, opened a synagogue (1829) and numbered 88 (4 % of the total) in 1895. Four generations of the Wetzstein family were associated woth its leadership. A pogrom was organized on Kristallnacht (9-10 November 1938). Of the 59 Jews who lived there after 1933, 42 managed to escape (28 emigrating) beforde Worldwar II. Nine others were deported in 1942.  
    
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 29. Mai 2015