|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zurück zur Übersicht "Synagogen in Unterfranken"
Klingenberg (Kreis
Miltenberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In der ehemals kurmainzischen Stadt Klingenberg am Main
lebten Juden bereits im Mittelalter. Die Stadt wird 1298 genannt
in einer Liste der Orte, in denen bei der sogenannten
"Rindfleisch-Verfolgung" Juden verfolgt wurden. Auch im 15.
Jahrhundert werden Juden genannt, 1429 im Zusammenhang mit der
Eintreibung der königlichen Judensteuer. 1461 war ein Jude aus Klingenberg
eines Mordes beschuldigt worden. Zwei Miltenberger Juden waren 1465 gemeinsam
Zeugen der Urfehde eines Juden von Rückingen gegenüber Graf Philipp von Hanau,
dem damals die Stadt Klingenberg als Lehen gehörte.
Im 17./18. Jahrhundert lebten gleichfalls Juden in der Stadt: 1671 und
1700 wurden in Klingenberg sogenannte Judenlandtage abgehalten. 1789
wurden drei jüdische Familien in der Stadt gezählt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie
folgt: 1803 5 jüdische Familien, 1814/15 23 jüdische Einwohner (3,0 % von
insgesamt 766 Einwohnern), 1837 30 (3,0 % von 1.000 Einwohnern), 1867 22 (2,6 %
von 861), 1880 33 (3,6 % von 918), 1900 26 (2,0 % von 1.328).
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Klingenberg auf
insgesamt sechs Matrikelstellen die folgenden jüdischen
Familienvorsteher genannt: Salomon Herz Herzberg (Viehhandel), Herz Salomon
Herzberg (Viehhandel), Salomon Maier Fried (Schacherhandel), Emanuel Maier Fried
(Ellwaren), Witwe von Isaac Maier Fried (Ellenwaren), Joseph Lindheimer (Handel
mit Ausschnittwaren, seit 1821).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.) und
eine Religionsschule. Ob ein rituelles Bad vorhanden war, ist nicht bekannt. Die
Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof
in Reistenhausen beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde
war
zeitweise ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und
Schochet tätig war. Um 1900 bestand ein "Schulsprengel" der jüdischen
Gemeinden in Klingenberg, Wörth und Hofstetten, die sich gemeinsam um die
Anstellung eines Lehrers bemühten (siehe Ausschreibung unten von 1903/04). Die
Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat Aschaffenburg.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Gefreiter Berthold
Fried (geb. 18.10.1890 in Klingenberg, vor 1914 in Aschaffenburg wohnhaft, gef.
11.8.1914). Sein Name steht auf dem Kriegerdenkmal für die Gefallenen beider
Weltkriege auf dem Friedhof der Stadt in der Wilhelmstraße (oberhalb des
Haupteinganges). Nach der Liste der jüdischen Gefallenen des Ersten
Weltkrieges sind aus Klingenberg (hier stationiert?) außerdem gefallen: Julius
Berliner (geb. 20.2.1895 in Wörth, gef. 29.4.1916), Siegfried Frankenthal (geb.
23.11.1887 in Altenlotheim, gef. 30.11.1916), Vizefeldwebel Simon Steinhäuser
(geb. 20.6.1894 in Oberlauringen, gef. 13.8.1918).
1925, als 15 jüdische Einwohner gezählt wurden (0,9 % von insgesamt
1.593 Einwohnern), war Gemeindevorsteher H. Frank.
1933 wurden 18 jüdische Einwohner gezählt (1,1 % von 1.605 Einwohnern).
Auf Grund der Folgen der wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung
und der Repressalien sind bis zum Mai 1939 10 von ihnen aus Klingenberg
verzogen, die übrigen folgten bis Anfang Dezember 1939 nach. Drei der
jüdischen Einwohner waren nach England emigriert, drei in die USA, einer nach
Palästina; acht waren nach Frankfurt, einer nach Wiesbaden verzogen. Beim Novemberpogrom
1938 waren der Betsaal verwüstet (s.u.), die Wohnungen der drei noch in der
Stadt befindlichen jüdischen Familien Fried, Frank und Lindheimer verwüstet
worden. Die letzten drei jüdischen Einwohner Klingenbergs zogen am 12. Dezember
1939 in das Altersheim der Gemeinde Regensburg, von wo aus sie am 23.
September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden. Die jüdische
Gemeinde Klingenberg hatte sich im Laufe des Jahres 1939 aufgelöst.
Von den in Klingenberg geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Heinrich Frank (1863), Ida Fried geb. Fried
(1881), Semy (Samy) Fried (1876), Willi Fried (1879), Anna Lindheimer (1903),
Arthur Lindheimer (1869), Josef Lindheimer (1859), Ernst Mischliburski (1925),
Gerdi Mischliburski geb. Lindheimer (1902), Lore Mischliburski (1930), Ruth
Mischliburski (1924), Rosalie (Rosa) Reis geb. Fried (1878), Lina Straus geb. Lindheimer
(1873).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters /
Schochets 1903 / 1904 / 1909
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Oktober 1903:
"Die vakant gewordene Stelle eines Vorbeters, Religionslehrers und
Schochets für den Schulsprengel Klingenberg a. Main - Wörth -
Hofstetten ist neu zu besetzen. Seither betrug das Einkommen Mark 1300
- 1400. Seminaristisch gebildete Reflektanten, die eigenen Hausstand
führen, mögen sich mit Einlegen von Zeugnissen wenden an
M. Fried, Kultusvorstand, Klingenberg am Main." |
| |
Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6.
November 1903: "Klingenberg am Main. Lehrer, Vorbeter
und Schächter. Einkommen 1300 - 1400 Mark." |
| |
Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 27.
Mai 1904: "Klingenberg am Main. Kantor, Religionslehrer und
Schächter per sofort. Gehalt 1300 Mark." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Januar 1909:
"Am 1. Februar ist die Stelle eines Religionslehrers mit Kantor-
und Schächterfunktion bei einem Einkommen von Mark 1700-1800 in
hiesiger Gemeinde neu zu besetzen. - Seminaristisch gebildete Bewerber,
mit eigenem Haushalte wollen Gesuche und Zeugnisse einreichen.
Klingenberg am Main. M. Fried, Vorstand." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige des Manufakturwaren-Geschäftes von Emanuel
Schloß (1890)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Oktober 1890: "Lehrling
gesucht. Für mein Manufakturwaren-Geschäft suche per sofort einen
Lehrling mit guter Schulbildung. Pension im Hause; Samstags und Feiertage
geschlossen.
Emanuel Schloß, Klingenberg am Main." |
Zur Geschichte der Synagoge
Über die Geschichte der Synagoge bzw. des jüdischen
Betsaales liegen bislang nur wenige Informationen vor. Das Jahr der Einrichtung
ist unbekannt. Es handelte sich um einen etwa 30 Quadratmeter großen Raum im
zweiten Stock eines Gebäudes in der "Froschgasse", das über einen
Durchgang zwischen Haupt- und Maingasse zu erreichen war.
Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Scheiben von drei Fenstern des
Betsaales von Nationalsozialisten mit Stangen eingeschlagen, der Raum
verwüstet, die Ritualgegenstände wie die Torarolle aus dem Fenster geworfen.
Nach der Verwüstung des Betsaales wurde von den jüdischen Familien verlangt,
für die Schäden aufzukommen. Da ihnen dies nicht mehr möglich waren, mussten
sie die Synagoge für 20 Reichsmark verkaufen.
Das Gebäude des ehemaligen Betsaales ist nicht mehr vorhanden, nur die
Fundamente des Gebäudes sind im Boden noch erhalten.
Die Anbringung einer Gedenktafel wurde viele Jahre hinausgezögert,
obwohl dies mehrfach
im Gemeinderat der Stadt beschlossen wurde. Bei Schwierz s. Lit. 1988 und 1992²
ist zu lesen: "Die Stadt Klingenberg plant, im Zuge der Altstadtsanierung
eine Gedenktafel mit folgendem Wortlaut an eine exponierte Stelle anzubringen:
'In Klingenberg a. Main bestand bis zum Jahr 1939 eine jüdische Kultusgemeinde
mit einer Synagoge in der Lindenstraße. Zur Erinnerung und Mahnung". Auf
der Website der "Grünen im Kreis Miltenberg" ist zu lesen
(November 2007): "Die Klingenberger Grünen monierten, dass eine bereits
vor Monaten im Stadtrat beschlossenen Gedenktafel zur Erinnerung an die
ehemalige Synagoge und die israelitische Gemeinde noch nicht angebracht sei. Die
Partei will sich dafür einsetzen, dass diese unabhängig von einer Sanierung
des Platzes aufgehängt wird."
Zum 70. Jahrestag des Novemberpogroms 1938 wurde Ende Oktober 2008 ein
erneuter Beschluss des Gemeinderates zur Anbringung einer Gedenktafel
gefasst. So konnte die bereits jahrelang im Klingenberger Rathauskeller
lagernde Gedenktafel endlich am 9. November 2008 angebracht werden. Die
Tafel wurde von der dritten Bürgermeisterin Klingenbergs Annette Rüttger
enthüllt. Es waren etwa 60 Personen bei der Veranstaltung anwesend.
Adresse/Standort der Synagoge: Hinterhof
Lindenstraße 13 - in der Froschgasse - ein Teil des Gebäudes stand auf
dem Areal des Fränkischen Hofs
Fotos
| |
Fotos des Synagogenstandortes
werden noch ergänzt; über Zusendungen freut sich der Webmaster der
"Alemannia Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite. |
| |
|
| |
 |
| |
Die ehemalige Synagoge bzw.
das Haus mit dem Betsaal stand auf dem Areal des Fränkischen Hofes. |
| |
|
9. November
2008: Anbringung einer Gedenktafel
(Fotos erhalten von Harald Fischmann, Klingenberg) |
|
 |
 |
 |
| |
|
|
| |
|
|
|
Bericht über die Gedenkfeier am 9.
November 2008 (zugesandt von Harald Fischmann, Klingenberg, siehe auch
unter www.gruene-miltenberg.de):
"Klingenberg gedenkt der Opfer des Nazi-Terrors.
Klingenberg. Auf Initiative der grünen Stadtratsfraktion Klingeberg wurde a. 9.11. anlässlich des 70. Jahrestags der Reichspogromnacht am Standort der ehemaligen Synagoge im Namen der Stadt Klingenberg eine Gedenktafel enthüllt. Dieser Akt beendete eine mehr als zwanzigjährige Diskussion in Stadtrat und Bürgerschaft. Nachdem Anträge der Grünen Jahrzehnte lang entweder keine Mehrheit erlangt haben bzw. nicht umgesetzt wurden, entschied sich der Stadtrat kurz vor dem Gedenktag mit 13 zu 4 Stimmen für die Anbringung der Tafel, die bereits Jahre lang im Keller des Rathauses auf ihre Bestimmung wartete.
Ausschlaggebend war die offene Ankündigung von Willi Stritzinger, Annette Rüttger und Harald Fischmann bei Ablehnung in Eigeninitiative eine Tafel im Namen der Klingenberger Ortsgrünen anzubringen.
Die Gedenkveranstaltung selbst wurde laut Main-Echo von 80 Mitbürgerinnen und Mitbürgern besucht. Neben den grünen StadträtInnen half vor allem Anja Stritzinger mit, der Veranstaltung einen würdevollen Rahmen zu verleihen. Im Namen der Stadt Klingenberg erinnerte die dritte Bürgermeisterin Annette Rüttger an die jüdische Vergangenheit Klingenbergs und enthüllte die Tafel, die sich an einer Mauer in einer Seitengasse der Mainstraße befindet.
Harald Fischmann fragte in seiner Rede nach dem Sinn einer solchen Gedenktafel:
'Wozu die Enthüllung einer Gedenktafel 70 Jahre danach. Mildert dies das Leid? Ist dies ein Eingeständnis von Schuld? Verkleinert es ein kollektives schlechtes Gewissen? Was haben die BürgerInnen Klingenbergs 70 Jahre danach mit diesen Verbrechen zu tun? Im Blick in die Vergangenheit als Täter gar nichts, schließlich waren sie noch nicht geboren oder kleine Kinder. Mit Blick auf die Zukunft jedoch alles. Denn die Ereignisse von vor 70 Jahren müssen eine Mahnung für uns alle sein, Verantwortung für die Entwicklung unserer Gesellschaft zu übernehmen, auch in unserer Stadt den Anfängen zu wehren und genau hinzuschauen, wo Diskriminierung oder Aggression zu Hause
sind.'
Im Namen der christlichen Konfessionen riefen Pfarrer Prof. Dr. Dr. Feineis und Pastorin Frau Marttunen-Wagner zu gelebter Nächstenliebe auf. Die Veranstaltung wurde mit dem Gedenken an die Klingenberger Bürger beendet, die während der Nazi Diktatur ihr Leben verloren. Nach den Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des
'Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland
1933-1945' waren das Heinrich Frank (geb. 1863), Ida Fried geb. Fried (geb. 1881), Semy (Samy) Fried (geb. 1876), Willi Fried (geb. 1879), Anna Lindheimer (geb. 1903), Arthur Lindheimer (geb. 1869), Josef Lindheimer (geb. 1859), Ernst Mischliburski (geb. 1925), Gerdi Mischliburski geb. Lindheimer (geb. 1902), Lore Mischliburski (geb. 1930), Ruth Mischliburski (geb. 1924), Rosalie (Rosa) Reis geb. Fried (geb. 1878) und Lina Straus geb. Lindheimer (geb. 1873)." |
|
|
|
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica Bd. II,1 S. 404; Bd. III,1 S.
620-621. |
 | Walter Hermann: Juden in Klingenberg. In: 700 Jahre
Stadt Klingenberg. Klingenberg 1976. S. 177-179. |
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 343. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 81; 1992² S. 89. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 559.
|
 | Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen
Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche
Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13.
Würzburg 2008. S. 182.
|
n.e.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|