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Gau-Algesheim (Landkreis
Mainz-Bingen)
Synagoge / jüdische Geschichte
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
Gau-Algesheim wird 766 erstmals erwähnt. 1332 erhielt der Ort
Stadtrecht. Stadt- und Landesherr war der Erzbischof von Mainz. Seit dem 14.
Jahrhundert werden Juden in Gau-Algesheim genannt. 1434 wird erstmals ein Jude
namentlich erwähnt (Hirtz, Gotschalcks Liche son, d.h. Hirtz, Sohn des
Gotschalck von Lich). 1517 wohnte ein Juden mit dem Beinamen "von Algesheim"
in Landau/Pfalz (Beyfus von Algesheim). Einer der vier Vorsteher, die von
der Judenschaft zu Mainz und im Rheingau 1517 gewählt wurde, war aus
Gau-Algesheim. Über eine Vertreibung der Juden aus der Stadt ist nichts
bekannt.
Weitere Quellen zur Geschichte von Juden in der Stadt gibt es seit der
2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. 1766 wurden 19 Juden genannt. 1808 waren es
drei, 1819 sechs jüdische Familien in der Stadt. Die höchste Zahl jüdischer
Einwohner wurde um 1857 mit 50, 1880 mit 80 Personen erreicht (etwa 2,6 % der
Gesamteinwohnerschaft).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
Religionsschule (vgl. den Artikel unten von 1884), ein rituelles Bad und einen Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgabe der Gemeinde war - zumindest im 19.
Jahrhundert - ein jüdischer Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und
Schochet tätig war. Die Gemeinde war dem Rabbinatsbezirk Bingen
zugeteilt.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Leopold Rosam (geb.
21.2.1874 in Lissa, gest. 7.12.1916 in Gefangenschaft).
Durch Aus- und Abwanderung der jüdischen Familien waren 1900 nur
noch 27, 1931 31 jüdische Einwohner in Gau-Algesheim (von etwa 2.500
Einwohnern).
Um 1924 waren
Moritz Mayer und N. Nathan Synagogenvorstände. 1932 wird als Vorstand
nur noch Moritz Mayer genannt. Bis auf eine Person, die von Gau-Algesheim aus
deportiert wurde, wanderten nach 1933 auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien alle jüdischen Einwohner ab.
Von den in Gau-Algesheim geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Bettina Elisabeth Arnfeld
geb. Seligmann (1875), Johanna Bielefeld geb. Seligmann (1881), Anna Goldmann
geb. Seligmann (1889), Mathilde Haas geb. Nathan (1884), Karl
Heymann (1884), Helga Hirschbrandt (1924), Ida Hirschbrandt geb.
Strauss (1901), Otto Hirschbrandt (1889), Elisabeth Mayer geb. Nathan (1875), Simon Mayer
(1863), Sybilla Metzger geb. Nathan (1870),
Karl Nathan (1874), Moritz Seligmann (1881), Regina Rosa Stern geb. Nathan
(1892), Emilie Wolff geb. Heymann (1876).
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Religionsschule (1884)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. November 1884:
"Gau-Algesheim, 18. November (1884). Der israelitische
Religionsunterricht wurde schon seit geraumer Zeit in dem Saale der
städtischen Bürgerschule erteilt, damals auf Anordnung des Herrn
Kreisrates Spamer in Bingen. Auch am Sonntage durfte daselbst unterricht
werden. Anders jedoch der hiesige Gemeinderat. Er suchte darzutun, dass
der Sonntagsunterricht eine Entheiligung des genannten Tages sei, an
welchem gewiss durch den Hin- und Hergang der Kinder eine Störung
eintreten könnte. Ausgerüstet mit diesen Gründen petitionierte er an
die Großherzogliche Hessische Kammer in Darmstadt und siehe da! eines
schönen Tages ward dem dortigen Lehrer der Bescheid, den
Sonntagsunterricht ausfallen zu lassen. Der Unterricht wird nun in einem
anderen Lokale erteilt. Auf Eingabe des Vorstandes hat das löbliche
Kreisamt in Bingen angeordnet, sämtliche israelitischen Kinder der
Bürgerschule am Samstage, während der Synagoge vom Unterricht zu
dispensieren, damit dieselben den Gottesdienst besuchen können." |
Zu
einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Zu den Eltern und Großeltern des Malers Leo
Maillet (Leopold Mayer, 1902-1990, vgl. den Film
von Peter Nestler): In der Gau-Algesheimer Weingasse 25, wo bis
1921 Sigmund Nathan (1838-1925) eine Metzgerei betrieben hatte, wohnte zuletzt
Witwe Rosa Nathan geb. Marx (1849-1937) mit ihrer Tochter Elisabeth "Betti"
Mayer, die nach dem Tode ihres Mannes Eduard im Jahre 1932 von Frankfurt nach
Gau-Algesheim zurückgekehrt war. Rosa Nathan war 1937 gestorben und wohl als
letzte Gau-Algesheimerin auf dem jüdischen Friedhof bestattet worden. Elisabeth
Mayer lebte von 1936 bis 1939 in Gau-Algesheim. Nach dem Tod ihrer Mutter fristete
sie allein und vereinsamt in dem Gau-Algesheimer Anwesen ihr Leben. Der alte
Familienbesitz musste zwangsweise an Anton Hassemer zum Preis von 8.000 Mark veräußert
werden. Vom Kaufpreis erhielt sie nur 4.000 Mark. Sie meldete sich am 6. Januar
1939 nach Frankfurt, Jahnstraße 9, ab. Nach der zwangsweisen Verlegung in die
Frankfurter Quintusgasse wurde sie mit weiteren 922 Juden in Viehwaggons
Richtung Riga abtransportiert. Alle Insassen des Zuges wurden in einem Waldstück
bei Riga erschossen. Durch Beschluss des Amtsgerichts in Frankfurt wurde sie
1954 für tot erklärt.
Anzeigen jüdischer
Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeigen der Metzgerei Siegmund Nathan 1899 /
1902
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. September 1899:
"Für Metzgerei und Handel suche ich einen kräftigen und gewandten
jungen Mann zum sofortigen Eintritt.
Siegmund Nathan, Gau-Algesheim bei
Bingen." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 23. Dezember 1902:
"Für mein Handelsgeschäft und Metzgerei suche einen jungen
Mann
gegen gute Bezahlung.
Siegmund Nathan, Gau-Algesheim bei Bingen am Rhein." |
Anzeige von Simon Nathan (1905)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 17. März
1905: "Ein Witwer mit zwei erwachsenen Kindern sucht Haushälterin,
ältere, gesetzte Dame. Offerten mögen bei
Simon Nathan, Gau-Algesheim einlaufen." |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine Synagoge wird erstmals 1838 genannt. Sie war im Besitz der
Brüder Jacob und Simon Nathan. Um 1850 war diese Synagoge "sehr alt"
und baufällig. 1861 erfolgte ein Umbau, zu dem die jüdische Gemeinde jahrelang
Gelder angespart hatte. 1873/74 wurde die Synagoge wiederum renoviert.
1936
wurde das Gebäude geschlossen. Die Ritualien wurden teilweise nach Mainz
verbracht, teilweise versteigert. Bis zur Gegenwart wird die ehemalige Synagoge
als Abstellraum und Büro verwendet. Im Innern finden sich keine Hinweise mehr
auf die frühere Nutzung als jüdisches Gotteshaus.
Standort: Querbein 11.
Fotos:
(Zeichnung aus: P. Arnsberg: Die jüd. Gemeinden. Bilder -
Dokumente S. 68; Farbfotos: Hahn, Aufnahmedatum 31.3.2005)
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Zeichnung der ehemaligen
Synagoge |
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| Fotos vom
Frühjahr 2005 |
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Das Vordergebäude der
ehemaligen
Synagoge - Vorbeter-/Lehrerwohnung (?) |
Hinweistafel
am Vordergebäude |
Blick auf die ehemalige
Synagoge mit
den erhaltenen Rundbogenfenstern |
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Die ehemalige
Synagoge 2008
(Fotos: Dorothee Lottmann-Kaeseler) |
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Blick
auf die Eingangsseite der ehemaligen Synagoge, die sich in
schlechtem
baulichem Zustand befindet |
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Das Eingangstor |
Fenster über dem
Eingangstor von innen |
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| Foto der Gedenktafel
von 1986 (erhalten von Dorothee Lottmann-Kaeseler) |
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Die zum
Volkstrauertag 1986 angebrachte Gedenktafel: "Die Stadt Gau-Algesheim
gedenkt ihrer jüdischen Mitbürger, die Opfer nationalsozialistischer
Gewaltherrschaft wurden." |
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Hinweistafeln,
angebracht am jüdischen Friedhof im November 2008
(Vorlagen erhalten von Dorothee Lottmann-Kaeseler, auf Grund der
Dateigröße bitte etwas längere Ladezeit beachten!) |
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| Tafel zur
Geschichte der jüdischen Gemeinde und der Synagoge |
Tafel zur
Geschichte
des Friedhofes |
Tafel mit den Namen der
ermordeten Juden aus Gau-Algesheim und Ockenheim |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,1 S. 269; III,1 S. 423. |
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen.
1971 Bd. I,236. |
 | Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt
des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies
ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem
Saarland. Mainz 2005. S. 160f (mit weiteren Literaturangaben). |
 | Ludwig Hellriegel: Judaica. Die Geschichte der Gau-Algesheimer
Juden. Beiträge zur Geschichte des Gau-Algesheimer Raumes. Carl
Brilmayer-Gesellschaft Gau-Algesheim. Band 22 A. 1986. 2. Auflage 2004.
Zu Leo Maillet: |
 | Daniel Maillet (Hrsg.): Leo Maillet - Bilder,
Skizzen und Notizen eines Frankfurter Malers. Mainz 1994. |
 | Elisabeth Abendroth: Vier Frankfurter Künstler im
Widerstand. Arthur Fauser, Leo Maillet, Friedrich Wilhelm Meyer, Samson
Schames. Frankfurt 1995. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Gau-Algesheim. Annihilated in der
Black Death persecutions of 1348-49, the community was reestablished 350 years
later and numbered 66 (2 % of the total) in 1880. The Jews, mainly livestock
traders, played an active role in civic affairs and the local theater. By 1939,
no Jews remained in the town: some emigrated to the U.S., others were eventually
deported. A memorial was unveiled there in 1986.
siehe in englischer Sprache auch:
"Walter
Nathan - Preserving the Past" - Bericht von Marcia Faye im
"Illinouis Institute of Technology Magazine", 2009, online

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