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Fechenbach mit
Reistenhausen (Gemeinde
Collenberg, Kreis Miltenberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
(erstellt unter Mitarbeit von Leonhard Scherg,
Marktheidenfeld)
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Fechenbach bestand eine jüdische
Gemeinde bis zum Januar 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./18.
Jahrhunderts zurück. Die jüdische Ansiedlung in Fechenbach (und Reistenhausen)
soll die erste der gesamten Umgebung gewesen sein. Eberhard Rüdt von Kollenberg, Dorfherr von Fechenbach und einer Hälfte von Reistenhausen erhielt 1555 das Privileg von Kaiser Karl V., Juden in seinen Dörfern aufzunehmen. Ein
"Juden Gartten", womit wohl der Friedhof
in Reistenhausen gemeint ist, ist sogar schon in der Dorfordnung von Reistenhausen aus dem Jahr 1542 belegt. Am Judenschutz hielten auch die nach einer Zwischenzeit anerkannten Nachfolger der Rüdt von Kollenberg, die Freiherrn von Reigersberg, ab 1645/48 bzw. 1677 bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts fest. Die jährlichen Einnahmen aus dem Judenschutz in Reistenhausen und Fechenbach wurden 1706 mit 20 fl. und aus dem
"Judenbegräbnis zu Reistenhausen" auf 5 fl. verzeichnet. Damals gab es allerdings nur zwei Schutzjuden, die in Fechenbach
wohnten. Die Juden in Reistenhausen gehörten zur jüdischen Gemeinde Fechenbach. 1826 bestand dann aber bereits kein jüdischer Haushalt mehr in Reistenhausen, während die jüdische Gemeinde in Fechenbach bis 1938 fortbestand..
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
in Fechenbach wie
folgt: 1814 68 jüdische Einwohner (10,1 % von insgesamt 672 Einwohnern),
1837 70 (8,2 % von 850), 1867 61 (8,0 % von 761), 1871 51 (6,6 % von 774), 1880
32 (4,1 % von 790), 1910 32 (3,6 % von 881).
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Fechenbach und dem
dazugehörigen Reisenhausen auf
insgesamt 12 Matrikelstellen die folgenden jüdischen Familienvorstände
genannt (mit neuem Familiennamen und Erwerbszweig): in Fechenbach Magul Schmul Bergmann
(Hausierhandel), Hinla, Witwe von Götz Frey (Handarbeit), Leser Seligmann
Kaufmann (Hausier-, auch Lederhandel), Magul Nehm Name (Makler), Leser Seligmann
Selig (Hausier- und Viehhandel), Benjamin Löser Selig (Hausier- und
Viehhandel), Joseph Hersch Straus (Hausierhandel), Nathan Hersch Straus
(Hausierhandel), Samuel Berle Stern (Hausieren und Viehhandel), Hinle Berle
Stern (Hausieren und Viehhandel), Leser Berle Rothschild (Hausieren und
Viehhandel) und - in Reistenhausen - Goldle, Witwe des Abraham Kolb
(Hausierhandel). Keine Matrikelstelle erhielten: Schmul Abraham Elz (ledig),
Schullehrer Maier Goldstiker und sein lediger Sohn David Goldstiker.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische
Schule und ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem Friedhof in
Reistenhausen beigesetzt. Letzterer war im Besitz der jüdischen Gemeinde
Fechenbach. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde dürfte
zeitweise (bis nach der Mitte des 19. Jahrhunderts) ein jüdischer Lehrer
angestellt gewesen sein, der zugleich als Vorbeter und Schochet fungierte. 1817
wird als Lehrer Maier Goldstiker genannt. Nachdem die Zahl der jüdischen Einwohner
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückgegangen war, übernahmen
spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts auswärtige Lehrer diese Aufgaben
(vgl. unten im Bericht zur Goldenen Hochzeit des Ehepaares Straus, zu der Lehrer
Schonunger aus Kleinheubach einen
Vortrag hielt). Die jüdische Gemeinde gehörte zum
Distriktsrabbinat Aschaffenburg.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Hugo Strauß (geb.
11.4.1897 in Fechenbach, gest. an der Kriegsverletzung 21.8.1920), Oberjäg.
Josef Strauß (geb. 29.11.1886 in Fechenbach, gef. 28.10.1914), Max Strauß
(geb. 2.3.1889 in Fechenbach, gef. 14.11.1914).
Um 1924, als zur jüdischen Gemeinde noch 20 Personen gehörten (2,2 %
von insgesamt etwa 900 Einwohnern), war (nach dem Bericht von 1931 s.u.
"schon über Jahrzehnte") Gemeindevorsteher Leser Lustig. Als Kantor
war (ehrenamtlich) das Gemeindemitglied Max Bergmann tätig. Den Religionsunterricht der damals
zwei schulpflichtigen
jüdischen Kindern erteilte Lehrer Abraham Heß aus Miltenberg. Dieser übernahm
zugleich die Schechita und weitere religiöse Aufgaben in der Gemeinde (1931
spricht er bei der Beisetzung von Leser Lustig). Nach dem Tod von Leser Lustig
Anfang 1931 wurde Leopold Strauss Gemeindevorsteher.
1933 lebten noch 11 jüdische Personen in Fechenbach (1,4 % von 790). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen (Frankfurt a.M., Stuttgart und Aschaffenburg) beziehungsweise ausgewandert.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge
vernichtet (s.u.). Am 1. Juli 1939 wurden
noch zwei jüdische Gemeindeglieder gezählt, die seit Auflösung der Gemeinde
zur jüdischen Gemeinde Miltenberg
gehörten und Ende 1939 - noch
vor Beginn der Deportationen - Fechenbach verließen.
Von den in Fechenbach geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Abraham
Bergmann (1871), Amalie Bergmann (1863) Johanna Bergmann (1917), Ludwig Bergmann
(1903), Max Bergmann (1873), Moritz Bergmann (1903), Samuel Bergmann (1870),
Bernhard Blumenthal (1882), Moses Freudenreich (1853), Frieda Gusstein geb.
Lustig (1890), Jenny Laupheimer geb. Strauß (1894), Mathilde Laupheimer geb.
Strauß (1890), Leopold Lustig (1902), Klotilde (Tilla, Tilli) Löwenthal geb.
Blumenthal (1873), Meta Rosendahl (1907), Bertha Schild geb. Lustig (1859),
Mathilde Seelig (1880), Amalie Veilchenblau geb. Lustig (1864).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zur Goldenen Hochzeit des Ehepaares Straus (1891)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Dezember 1891: "Fechenbach
am Main, 21. Kislew (= 1. Dezember 1891). Ein seltenes Familienfest
wurde heute dahier abgehalten. Herr H. und Frau Straus feierten im Kreise
ihrer Kinder und Enkel, Freunde und Verwandte ihre goldene Hochzeit. Ein
imposanter Zug bewegte sich vom Hause des Jubelpaares zur Synagoge. Diese
war beinahe überfüllt, indem die meisten Ortsbewohner, ohne Unterschied
der Konfession, ihre herzliche Teilnahme durch ihr Erscheinen bekundeten.
Herr Schonunger, Lehrer von Kleinheubach, hielt einen Vortrag über den
Psalmvers (Psalm 13,6): 'Ich aber vertraue deiner Huld. Es frohlockt
mein Herz ob deiner Güte. Ich will dem Ewigen singen, denn er hat mir
wohlgetan." Der Bürgermeister war sowohl in der Synagoge
als auch bei der Festtafel zugegen und brachte einen sehr sinnigen Toast
auf das Jubelpaar aus. Auch der Pfarrer sandte dem Jubelpaar eine schöne
und herzliche Gratulation. Die Ortsarmen und die Auswärtigen wurden wohl
bedacht. Viele Depeschen und Gratulationsschreiben liefen ein. Möge das
Jubelpaar auch die diamantene Hochzeit in bester Gesundheit feiern. Mögen
beide im höchsten Alter blühen, immer frisch und kraftvoll bleiben.
Fr." |
Zum Tod von Leopold Rothschild
(1916)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. April 1916:
"Die Eisenbahndirektion Würzburg teilt mit: Donnerstag, 30. März
(1916) vormittags 5 Uhr 40 Minuten wurde der verwitwete 70-jährige
Leopold Rothschild von Fechenbach (Main) auf dem Geleise zwischen den
Stationen Reistenhausen-Fechenbach und Freudenberg (Main) tot
aufgefunden." |
Zum 70. Geburtstag des langjährigen Gemeindevorstehers
Leser Lustig (1931)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1.
Oktober 1931: "Fechenbach, 14. August 1931. Heute beging Herr Leser
Lustig seinen 70. Geburtstag; leider nicht bei vollster Gesundheit, da der
Jubilar schon längere Zeit an das Krankenbett gefesselt ist.
Nichtsdestoweniger zeigt er noch regesten Anteil und warmes Interesse an
allen Obliegenheiten seiner Familie und der Kultusgemeinde, in der er
schon über Jahrzehnte das Amt des Vorstandes bekleidet.
Ob seines aufrechten Charakters, seiner rastlosen Energie und als biederer
Geschäftsmann erfreut sich der Jubilar nicht nur in der hiesigen
Gesamtbevölkerung, sondern darüber hinaus in weitesten kreisen größter
Achtung und Wertschätzung. Möge ihm eine baldige Genesung und ein
sonniger Lebensabend beschieden sein." |
Zum Tod von Leser Lustig (1931)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
Oktober 1931: "Fechenbach: Herr L. Lustig, über dessen 70.
Geburtstag wir jüngst berichten konnten, ist am Zom Gedaljo (= 14.
September 1931) in Stuttgart seinem schweren Leiden erlegen. Bei der
Überführung nach Fechenbach hatten sich aus Nah und Fern die zahlreichen
Freunde des Entschlafenen zu seiner letzten Ehrung eingefunden. Vor dem
Trauerhause zeichnete Lehrer Abraham Heß aus Miltenberg ein Lebensbild
des Verstorbenen. Im Namen der Familie Lustig nahm Herr Rechtsanwalt Dr.
Lustig, München, in bewegten Worten von dem Heimgegangenen
Abschied." |
Der letzte Gemeindevorsitzende Leopold Strauss
legt sein Amt nieder (Juli 1937)
Letzte
Eintragung in dem 1832 begonnenen Synagogenbuch der Gemeinde: "Mit
dem heutigen Tage, trete ich als Vorstand der israelitischen
Kultusgemeinde Fechenbach zurück. Fechenbach, den 18.7.1937. Leopold
Strauss".
Quelle: Pinkas Hakehillot s.Lit. S. 535. |
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und
Privatpersonen
Isaak Lustig sucht für seinen Sohn eine Lehrstelle (1898)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit " vom 29. September 1898:
"Suche für meinen 14jährigen Sohn, der drei Jahre lang eine
Realschule mit Erfolg besucht hat, eine Lehrstelle in feinem
Manufakturwarengeschäfte, welches Samstags geschlossen ist. Kost und
Logis im Hause erwünscht.
Offerten sind zu richten an Isaak Lustig, Fechenbach am Main,
Bayern." |
Louis Strauß sucht für seinen Sohn eine Lehrlingsstelle (1902)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. August 1902:
"Suche für meinen Sohn, der die Realschule mit gutem Erfolge
absolviert hat, eine Lehrlingsstelle in einem größeren
Bankgeschäfte, das Samstags und israelitische Feiertage geschlossen
ist.
Offerten an Louis Strauß, Fechenbach am Main." |
Zur Geschichte der Synagoge
Die Synagoge der Gemeinde wurde möglicherweise 1832 erbaut
(in diesem Jahr wurde das Synagogenbuch begonnen) und 1868 renoviert. Angebaut war das
jüdische Schulhaus mit Lehrerwohnung. Auch ein rituelles Bad befand sich im
Gebäude.
Bereits in den 1920er-Jahren bestand in der Gemeinde kein Minjan mehr (nötige
Zehnzahl jüdischer Männer zum Gottesdienst). Die jüdischen Einwohner
Fechenbachs besuchten die Synagoge in Miltenberg.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge,
insbesondere die Ritualien vernichtet, das Gebäude, Ritualbad und das Schulhaus
werden insgesamt nur geringfügig beschädigt.
Nach 1945 kam das Gebäude in Privatbesitz. Bis 1985 war darin eine Werkstatt
eingerichtet. Um 1990 wurde die ehemalige Synagoge und das jüdische Schulhaus
in ein Wohnhaus umgebaut. Es war nach Angaben bei Schwierz s.Lit. damals
geplant, am Haus eine Gedenktafel anzubringen mit der Inschrift: 'Dieses
Gebäude diente der Israelitischen Kultusgemeinde in Fechenbach als Synagoge bis
1938. Zur Erinnerung und Mahnung." Bei einem Besuch im März 2008
konnte eine solche Tafel jedoch nicht festgestellt werden.
Adresse/Standort der Synagoge: Kleine Gasse
12
Fotos
(Fotos: sw-Foto aus Schwierz s.Lit. S. 56; Farbfotos: Hahn,
Aufnahmedatum 16.3.2008)
Die ehemalige Synagoge
während den Umbauarbeiten zu einem Wohnhaus
(um 1990) |
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Die ehemalige Synagoge
im März 2008 |
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Blick zur ehemaligen
Synagoge |
Das ehemalige jüdische
Gemeindezentraum mit Schulhaus (links) und Synagoge |
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Die Ostfassade mit einem
Rundfenster über dem ehemaligen Toraschrein |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 290-291. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1992² S. 56. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 534-535.
|
 | Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen
Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche
Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13.
Würzburg 2008. S. 235.
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Fechenbach Lower Franconia. Jews were present in the
early 18th century and numbered 70 in 1837 (total 850). In 1933, 11 remained,
nine of them leaving in 1937 for other German cities.
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