Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 

  
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zurück zur Übersicht "Synagogen in Hessen"  
Zu den "Synagogen im Kreis Offenbach"   
 
      

Urberach mit Ober-Roden (Gemeinde Rödermark, Kreis Offenbach)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Familienanzeigen     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

     

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In dem bis 1816 zur Ysenburgischen Herrschaft gehörenden Urberach bestand eine kleine jüdische Gemeinde bis um 1935/38. Ihre Entstehung geht in die Zeit Ende des 18. Jahrhunderts zurück, als 1797 erstmals ein "Schutzjude" Jonas Abraham genannt wird. 
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1828 40 jüdische Einwohner, 1861 43 (2,8 % von insgesamt 1.518 Einwohnern), 1880 44 (2,8 % von 1.564), 1895 40. Bis 1905 ging die Zahl auf 28 zurück, 1910 auf 24 (1,1 % von 2.112).     
   
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), vermutlich auch ein Unterrichtsraum für die jüdischen Kinder. Ob ein rituelles Bad vorhanden war, ist nicht bekannt. Gleichfalls ist nicht bekannt, ob zeitweise ein eigener jüdischer Religionslehrer (zugleich Vorsänger und Schächter) angestellt war. Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden in Dieburg beigesetzt. Die Gemeinde gehörte zunächst zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II, 1928 erfolgte der Übertritt zum liberalen Bezirksrabbinat Darmstadt I. 

Um 1924, als noch vier jüdische Familien mit zusammen 18 Personen am Ort waren (0,7 % von 2.449), gehörten zur jüdischen Gemeinde auch die im benachbarten Ober-Roden lebenden 18 jüdischen Einwohner (hier war mindestens schon seit den 1880er-Jahren eine Familie Hirschmann anwesend). Den Religionsunterricht der Kinder der Gemeinde erteilte Lehrer Kaufmann aus Sprendlingen. Gemeindevorsteher bis um 1933 war Max Strauß.  
    
Nach 1933
sind die meisten bis dahin am Ort wohnhaften jüdischen Gemeindeglieder (1933: 11 Personen) auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Die Gemeinde löste sich bereits vor oder spätestens um 1938 vor. Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Kaufleute Julius Adler (1883), Artur Katz (1901) und der Metzger Max Strauß (1878) verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt.
   
Von den in Urberach geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Emilie Adler (1914), Hermann Adler (1870), Julius Adler (1883), Johanna Bacharach geb. Adler (1889), Arthur Katz (1901), Klara Katz geb. Strauß (1903), Herrmann Kulp (1870), Mina Marx geb. Adler (1874), Aron Strauss (1863), Herz Max Strauss (1870), Moritz Strauss (1863). 
    
Von den in Ober-Roden geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Berta Hecht geb. Kahn (1899), Rosa Hecht (1925), Ella Emma Tobias geb. Hirschmann (1884).      
        
   

    

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
     
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Versuchter Mord an Handelsmann J. Hirschmann in Ober-Roden aus antisemitischen Gründen (1890)   

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. September 1890: "Man meldet aus Ober-Roden (Hessen): Ein Arbeiter, namens Grimm, beschimpfte den Handelsmann J. Hirschmann seiner Religion wegen, und als dieser sich die Rohheiten in ruhigem Tone verbat, zog Grimm ein Messer und stach auf Hirschmann los. Ein Stich drang in die Brust und verursachte eine schwere Verletzung; der Blutverlust war bedeutend; glücklicherweise war rasch ärztliche Hilfe zur Hand. Der Attentäter hätte vielleicht sein Opfer getötet, wenn nicht ein kräftiger Mann schleunigst zur Hilfe geeilt wäre. Nach heftiger Gegenwehr wurde der Wüterich durch die Gendarmen in das Ortsgefängnis gebracht. Obgleich die Verwundung des Herrn Hirschmann sehr gefährlich ist, hofft man denselben doch am Leben zu erhalten."      

    
Zum Tod des Vorstehers der Gemeinde Leser Adler (1908)  

Urberach FrfIsrFambl 10011908.jpg (32680 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 10. Januar 1908: "Urberach bei Darmstadt. Herr Leser Adler, seit Jahrzehnten verdienstvoller Vorsteher unserer Gemeinde und seit 40 Jahren ehrenamtlich unser Vertreter, ist uns entrissen worden. Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Marx - Darmstadt gab am Grab ein anschauliches Bild des Verstorbenen und betonte den unersetzlichen Verlust, den unsere Gemeinde mit seinem Hinscheiden erlitten hat."

 
Familienanzeigen 
Hochzeitsanzeige von Hermann Adler und Johanna geb. Schuster (1922)

Urberach Israelit 02111922.jpg (33954 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. November 1922: "Hermann Adler - Johanna Adler geb. Schuster. Vermählte.  Chicago (Urberach) - Chicago (Frankfurt a.M.) Waldschmidtstr. 123". 

    
   

     
Zur Geschichte der Synagoge

Zunächst war eine ältere Synagoge vorhanden, in der bis zur Einweihung einer neuen Synagoge am 18. August 1882 Gottesdienste gefeierte wurden. Bei dieser Einweihung der neuen Synagoge durch Bezirksrabbiner Dr. Marx aus Darmstadt wurden die Torarollen aus der alten Synagoge in einer festlichen Prozession durch den Ort zur neuen Synagoge gebracht. Über die Feierlichkeiten liegt der folgende Bericht vor:

Urberach Israelit 07091882.jpg (172981 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. September 1882: "Urberach. Am 18. und 19. August, Erew Schabbat Kodesch, Paraschat Schofetim (Schabbat mit der Toralesung Schofetim, d.h. 5. Mose 16,18-21,9) feierte die hiesige israelitische Gemeinde die Einweihung ihrer neuen Synagoge. Die ungeheure Menschenmenge, die von allen Seiten aus der Umgegend herbeigeströmt war, das herrliche Wetter, das diese religiöse Weihe begünstigte und die Kräfte, welche bei der Feier mitwirkten, das Alles trug dazu bei, dem Ganzen einen glänzenden Verlauf zu geben.
Nachdem Freitag Nachmittag in der seitherigen Synagoge der Schlussgottesdienst durch das Minchagebet abgehalten worden war, sprach Herr Rabbiner Dr. Marx aus Darmstadt einige Abschiedsworte in so rührender Weise, dass sich die Anwesenden der Tränen nicht enthalten konnten. Mit der Aufmunterung, mit demselben frommen Geiste wie seither auch fernerhin das neue Gotteshaus zu betreten und in ebenso innige Weise das Gebet zu Gott zu senden, schloss der Herr Rabbiner seine Rede, worauf bei Herausnahme der heiligen Gesetzesrollen aus dem Aron HaKodesch (Toraschrein) der Chorverein der israelitischen Religionsgesellschaft aus Darmstadt das "Wajehi..." anstimmte. Gerührt verließ man das Gotteshaus und nun begann der wohlgeordnete Zug von der alten Synagoge durch die beflaggten Straßen unseres Dorfes nach dem neuen Gotteshause unter Begleitung der Musik. Der Zug bot einen prächtigen und zugleich ergreifenden Anblick, der dadurch, dass auch die christliche Gemeinde an demselben sich beteiligte, ein allgemeiner Festzug wurde. Nach den üblichen Umzügen in der neuen Synagoge hielt Herr Dr. Marx die Festpredigt. Er suchte in einstündiger Rede unter Zugrundelegung des Verses "Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit..." den Zweck des jüdischen Gotteshauses dazulegen. Er wusste die Gefühle aller Anwesenden zu erregen, die in lautloser Stille mit Begeisterung dem Vortrage lauschten. Am Schabbat-Morgen ward uns nochmals das Vergnügen zuteil, eine tiefernste Predigt über "Schofetim uSoterim..." (Beginn des Toraabschnittes "Richter und Beamte...") von Herrn Dr. Marx zu vernehmen, in welcher er die Aufgabe der jüdischen Gemeinde auseinander setzte. Belehrt und ermahnt wurde die zahlreiche Zuhörerschaft, festzustehen und in der Zeit religiösen Zerfalls mit besonderer Innigkeit dem Gottesgesetz anzuhängen und zu wachen, dass nicht das Wort der falschen Propheten Eingang finde. 
Möge unser Gotteshaus stets solch eine andächtige Schar begeisterter Gottesverehrer in sich fassen, wie es an diesen Tagen der Fall war. - Eine gemütliche, gesellige Vereinigung hielt die Festgenossen am Schabbatausgang bis zur früheren Stunde in heiterster, ungetrübtester Stimmung beisammen."

Bei der 1882 eingeweihten Synagoge handelte es sich um einen Massivbau mit Satteldach. Der Zugang war unmittelbar von der Straße am westlichen Giebel. Die Fenster waren als Rundbogenfenster (West- und Nordseite) beziehungsweise als Rundbogenfenster (zwei am Ostgiebel) gestaltet. 
   
Bei der Auflösung der jüdischen Gemeinde - vor den Ereignissen in der Pogromnacht - wurde die Synagoge verkauft und später zu einem Wohnhaus umgebaut. Beim Umbau wurden die Fensterbogen begradigt, die Öffnungen verkleinert, eine Zwischendecke eingezogen und im Osten eine Terrasse im Obergeschoss ausgebaut. 
    

Adresse/Standort der SynagogeBahnhofstraße 39  
    

Fotos
(Quelle: Thea Altaras: Synagogen in Hessen S. 175; neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 3.8.2008) 

Urberach Synagoge 200.jpg (89402 Byte) Urberach Synagoge 170.jpg (71031 Byte) Urberach Synagoge 172.jpg (67850 Byte)
Die ehemalige Synagoge - als 
Wohnhaus (1982)
Die ehemalige Synagoge im Sommer 2008
   
   

    
    
Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Rödermark  

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II, S. 316-317.
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 175.
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 284.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 60-61.
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Urberach Hesse. Numbering 44 (3 % of the total) in 1880, the small community disbanded before Kristallnacht (9-10 November 1938). No Jews remained in 1939.
     

  

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge   

  

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 11. Dezember 2011