Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Untererthal (Stadt Hammelburg, Kreis Bad Kissingen)
Jüdische Geschichte / Synagoge  

Übersicht:  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte    
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)     
       
In Untererthal bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./17. Jahrhunderts zurück. 1524 werden erstmals Juden am Ort genannt. 1530 erfährt man die Namen Schmull Jüdt und Joseph Jüdt1604 waren bereits fünf jüdische Familien am Ort (Isaac, Jakob, Löw, Manuel und Wolf). Sie standen unter dem Schutz der Freiherren von Erthal und hatten ihre Wohnung in der Burganlage (heutiger Judenhof).  
  
Von der Ausweisung der Juden aus dem Gebiet des Fuldaer Hochstifts 1671 waren die Untererthaler Juden auf Grund des Schutzes durch die Freiherren von Erthal nicht betroffen. Damals waren jedoch nur drei jüdische Familien am Ort. Bis 1768 nahm die Zahl auf elf Familien zu.  
  
Nach der Zerstörung der Stammburg der Freiherren von Erthal 1796 vererbten diese den gesamten Burgplatz der Judenschaft.   
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1822 65, 1833 55, 1837 68 jüdische Einwohner (8,0 % von insgesamt 845), 1867 22 (2,7 % von 820), 1890 43 (5,4 % von 792), 1900 32 (4,2 % von 757), 1910 41 (5,4 % von 751).
    
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden die folgenden jüdischen Familienvorstände genannt (mit neuem Familiennamen; Erwerbszweig wird nicht angegeben): Maier Schild, Aron Schwab, Löb Rödelberger, Joseph Strauß, Samuel Stern, Nathan Schild, Selig Hirsch Baumann, Joseph Schild, Samuel Strauß, Simon Hecht, Mendel Hofmann, Moses Weisenberger (Vorsänger). Feibel Schiff und Salomon Weisenberger wurden damals nicht in die Matrikel aufgenommen.  
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und ein rituelles Bad (in der Nähe der alten Burgmühle, war bis zum Abbruch 1936 in Gebrauch). Die Toten der Gemeinde wurden im Distriktsfriedhof in Pfaffenhausen beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war im 19. Jahrhundert zeitweise ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schächter tätig war. Mit Moses Weisenberger wird 1817 ein erster Vorsänger genannt. 
   
Im Ersten Weltkrieg standen acht jüdische Männer aus der Gemeinde an den Fronten. Gefallen sind von ihnen Jakob Baumann (geb. 1.3.1878 in Untererthal, gef. 10.10.1914) und Aron Baumann (geb. 12.5.1877 in Untererthal, gef. gleichfalls am 10.10.1914). Ihre Namen stehen auf dem Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges an der Ecke Brückenauer Straße/von Erthal-Straße/ Bündeweg.
   
Um 1924, als zur Gemeinde noch 29 Personen gehörten (4,83 % von insgesamt etwa 600), war Vorsteher der Gemeinde Adolf Stühler. Die damals vier schulpflichtigen jüdischen Kinder erhielten den Religionsunterricht durch Lehrer Moses Rosenberger aus Hammelburg
   
1933 wurden noch 20 jüdische Einwohner am Ort gezählt (2,0 % von insgesamt 690 Einwohnern). In den folgenden Jahren sind mehrere von ihnen ausgewandert, zwei nach Palästina, zwei in die USA und einer nach England. Durch die Folgen des wirtschaftlichen Boykotts verarmten die jüdischen Familien: im Mai 1937 waren elf der 14 jüdischen Einwohner unterstützungsbedürftig. Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Inneneinrichtung und die Ritualien der Synagoge zerstört. am 28. und 30. November 1939 durchsuchte die Polizei auf Anordnung des Landrats von Hammelburg die jüdischen Häuser und Wohnungen in Untererthal nach gehamsterten Lebensmitteln. Die Untersuchung verlief jedoch ergebnislos. Anfang 1942 lebten noch 12 jüdische Personen am Ort, acht wurden am 22. April über Würzburg nach Izbica bei Lublin deportiert, wo sie ermordet wurden. Zwei weitere jüdische Einwohner kamen im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt.  

Von den in Untererthal geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Dina Baumann geb. Baumann (1883), Heinrich Baumann (1877), Jakob Baumann (1875), Babette Bornheim geb. Stühler (1894), Babette David geb. Sichel (1885), Bernhard David (1880), Marianne David (1872), Salomon David (1870), Simon David (1876), Lina Meta Katz geb. David (1904), Jettchen Levi (Levy) geb. Ring (1883), Margarete (Gretel) Levi (1920), Max Levi (1883), Sofie Neubauer geb. Baumann (1914), Marianne Reis (1863), Hannchen Rosenbaum geb. Baumann (1876), Adolf Stühler (1869), Amalie Stühler geb. Rotschild (1888), Jakob Stühler (1890), Josef Stühler (1890), Marta Stühler (1907), Nanni Stühler (1867), Reta (Recha) Stühler (1905), Seligmann Stühler (1874), Lena Weisbecker geb. Stühler (1865)

   
Seit April 2014 erinnert eine Gedenktafel mit 25 Namen an die aus Untererthal stammenden, deportierten und umgekommenen jüdischen Personen (siehe Presseartikel unten).   
     
     
     
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   

In jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts fanden sich noch keine Berichte zur jüdischen Geschichte in Untererthal.   

    
    
    
Zur Geschichte der Synagoge        
        
Eine Synagoge wird erstmals 1737 genannt. Dabei handelte es sich um ein bescheidenes Gebäude, das an die Wohnung des Jud Nathan angebaut war. Da das Gebäude nicht rechtmäßig gebaut war, musste es im Juli 1737 abgebrochen werden. Wo danach die Gottesdienste abgehalten wurden, ist nicht bekannt.  
   
1805 konnte ein Betsaal im Obergeschoss eines jüdischen Hauses in der Judengasse eingeweiht werden. Dieses Gebäude war sehr massiv gebaut. 1842 wurde es renoviert.    
  
Bis nach 1933 konnten in der Synagoge Gottesdienste abgehalten werden. Nachdem im November 1936 jedoch für das Minjan vier Männer fehlten, konnte kein ordentlicher Gottesdienst mehr in der Synagoge stattfinden.  
    
Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Inneneinrichtung und die Ritualien des Betsaales zerstört. Das Gebäude blieb jedoch auch nach 1945 erhalten; auch der Betsaal wurde nun zu Wohnzwecken verwendet.  
  
  
Adresse/Standort der SynagogeJudengasse 15 (Obergeschoss) 
  
  
Fotos    

Fotos zur jüdischen Geschichte in Untererthal sind noch nicht vorhanden; über
 Zusendungen freut sich der Webmaster der "Alemannia Judaica"; 
Adresse siehe   Eingangsseite.
 
      
      

   
   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte    

April 2014: Erinnerungstafel für die umgekommenen Untererthaler Juden   
Artikel von Barbara Oschmann in der "Main-Post" vom 28. April 2014: "Untererthal. Die Tafel soll das Gedenken wachhalten
Untererthal erinnert an vertriebene, verschleppte und ermordete jüdische Mitbürger. Bürgermeister Ernst Stross verbindet damit auch einen Wunsch nach Toleranz im Zusammenleben in der heutigen Zeit.
Als eine seiner letzten Amtshandlungen enthüllte Bürgermeister Ernst Stross in Untererthal eine Gedenktafel 'in Erinnerung an die vertriebenen, verschleppten und ermordeten jüdischen Bürger und Bürgerinnen und all die namenlos Gebliebenen'. Namentlich sind auf der Tafel 25 Untererthaler genannt mit Geburtsjahr und Todesort. Nach Westheim ist in Untererthal die zweite Gedenktafel enthüllt worden, unterschrieben von der Bürgerschaft des jeweiligen Ortes.
'Es war mir sehr wichtig, dies noch in meiner Amtszeit zu Ende zu bringen', sagte Stross im Gespräch. Etwa 100 Anwesende konnte er zur Gedenkstunde begrüßen, unter ihnen die stellvertretende Bürgermeisterin Elisabeth Wende, einige Stadträte, Kirchenpfleger Georg Beck sowie den neu gewählten Nachfolger im Bürgermeisteramt, Armin Warmuth. Gekommen waren auch Michael und Cornelia Mence, Volker Rieß sowie weitere Mitglieder des Arbeitskreises 'Letzte Spuren bewahren', die sich seit Jahren der Aufarbeitung und Dokumentation der jüdischen Geschichte in der Region widmen.
Über das Zusammenleben. 'Die Geschichte eines Ortes ist immer auch die Geschichte des Zusammenlebens von Menschen', sagte Ernst Stross in seiner Gedenkansprache. 'Es ist die Verbundenheit über den eigenen Dorfdialekt und die Hofnamen, die Kenntnis von Familiengeschichten. Es ist in Untererthal auch die Geschichte vom Zusammenleben von Dorfbewohnern christlichen und jüdischen Glaubens von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis in die Abgründe der Zeit des Nationalsozialismus.'
Todesangst und ihre Folgen. Stross zitierte den Zeitzeugen Karl Heilmann, der davon berichtet hatte, dass jüdische Mitbürger in Untererthal Händler und Handwerker waren, jüdische Metzger, Schreiner und Schuster. 'Ein sich verstärkender, latent vorhandener Antisemitismus' habe schließlich dafür gesorgt, dass die jüdischen Mitbürger 'zu Feinden der Gesellschaft, zu Unwürdigen' erklärt wurden, sagte Stross. Todesangst habe zu gerade noch möglicher Abwanderung geführt. Der Abtransport in die Konzentrationslager führte in den Tod.
Stadtrat Arnold Eiben gab einen umfangreichen Einblick in die wechselvolle Geschichte jüdischen Lebens in Untererthal durch die Jahrhunderte. Bis zu 65 jüdische Einwohner habe Untererthal gehabt, Angehörige des Fränkischen Landjudentums. Es gab eine eigene jüdische Gemeinde, 1805 wurde in der Judengasse die Synagoge mit Betsaal und Ritualbad fertiggestellt - unweit vom jetzigen Standort der Gedenktafel.
Während in den großen Städten im 19. und 20. Jahrhundert Spannungen aufkamen, habe laut Zeitzeugen Karl Heilmann in Untererthal vor der NS-Zeit ein 'sehr gutes Verhältnis' geherrscht. 1942 habe dies ein jähes Ende gefunden mit der Deportation der letzten Bewohner, machte Eiben deutlich. 'Die Gedenktafel dokumentiert das Ende jüdischen Lebens in Untererthal', meinte er über dieses 'äußerst dunkle Kapitel deutscher Geschichte'.
"Mit Hilfe der Tafel können wir die Erinnerung an die jüdischen Bewohner wachhalten", mahnte er, ganz im Sinne der Überschrift auf der Gedenktafel: 'Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen' - ein Zitat von Georges Santayana.
25 Namen verlesen. Nachdem Bürgermeister Ernst Stross mit den Stadträten Arnold Eiben und Bernd Hüfner die Gedenktafel enthüllt hatte, lasen mehrere Untererthaler die Namen der letzten 25 jüdischen Bürger vor, ihr Geburtsdatum und den Ort, an dem sie den Tod fanden. In der folgenden Gedenkminute hallten die Namen dieser Orte nach: Izbica, Treblinka, Theresienstadt, Buchenwald, Sobibor, Auschwitz.
Stross verband mit der Enthüllung einen Bogenschlag ins Heute: Die Tafel solle 'Mahnung und zugleich Aufforderung für Toleranz und Miteinander in aller Unterschiedlichkeit beim Zusammenleben sein'. Nie wieder in der Geschichte dürfe sich eine solche Erniedrigung von Menschen entwickeln. 'Jeder von uns kann einen kleinen Teil dazu beitragen.'"  
Link zum Artikel (mit Fotos)     

  
    

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Hammelburg  
Website  http://www.victims-of-holocaust-hammelburg.de/  

Literatur:  

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 416-417.    
Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1992² S. 128.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 394-395.   
Volker Rieß: Sie gehören dazu... Erinnerungen an die jüdischen Schüler der Lateinschule und des Progymnasiums – verbunden mit einigen Aspekten zur Geschichte der Juden in der Stadt Hammelburg und ihren Stadtteilen (Frobenius-Gymnasium Hammelburg. Festschrift zum Schuljubiläum 1994), Hammelburg 1994, S. 83-102.   
Ders.: Jüdisches Leben in und um Hammelburg. Katalog zur Ausstellung im Stadtmuseum Herrenmühle 12. Oktober – 10. Dezember 2000, Hammelburg 2001.   
Cornelia Binder und Michael (Mike) Mence: Last Traces / Letzte Spuren von Deutschen jüdischen Glaubens im Landkreis Bad Kissingen. Schweinfurt 1992. 
dieselben: Nachbarn der Vergangenheit / Spuren von Deutschen jüdischen Glaubens im Landkreis Bad Kissingen mit dem Brennpunkt 1800 bis 1945 / Yesteryear's Neighbours. Traces of German Jews in the administrative district of Bad Kissingen focusing on the period 1800-1945.  Erschienen 2004. ISBN 3-00-014792-6. Zu beziehen bei den Autoren/obtainable from: E-Mail.    Info-Blatt zu dieser Publikation (pdf-Datei). Zu Untererthal S. 289-302.  
Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13. Würzburg 2008. S. 141.  

     
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Untererthal  Lower Franconia. A Jewish community is known from the first half of the 17th century. Some fled to Hammelburg during the Thirty Years War (1618-1648) and others were expelled in 1671. In 1837 the Jewish population numbered 68 (total 845). In 1933, 20 remained, most reduced to penury under Nazi rule. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was vandalized. Five Jews emigrated by 1939. Of the last 12, eight were deported to Izbica in the Lublin district (Poland) on 25 April 1942.    
     
      

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 23. Dezember 2014