Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Nieder-Ohmen mit Merlau (Gemeinde Mücke, Vogelsbergkreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Berichte aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte     
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)    
   
In Nieder-Ohmen bestand eine kleine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./18. Jahrhunderts zurück. 1578-80 sind zwei Juden genannt; 1770 lebten sechs jüdische Familien am Ort. Die im benachbarten Merlau lebenden jüdischen Personen (1828: Liebmann Wolf, Herz Bauer und Jakob Wolf mit Familien) gehörten zur Gemeinde in Nieder-Ohmen.   
    
1861 waren es 70 Personen (6 % von insgesamt 1.162 Einwohnern). Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde 1871 mit 109 Personen erreicht (9 % der Gesamtbevölkerung). Danach ging die Zahl durch Aus- und Abwanderung zurück (1910: 82 Personen).
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Schule (Religionsschule), ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten).
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Emil Roth (geb. 7.1.1897 in Nieder-Ohmen, gef. 31.10.1918), Hermann Roth (geb. 20.8.1884 in Nieder-Ohmen, gef. 6.10.1884) und Jakob Roth (geb. 3.5.1874 in Nieder-Ohmen, gef. 11.12.1919). Außerdem ist gefallen: Leopold Roth (geb. 27.12.1879 in Nieder-Ohmen, vor 1914 in Breitenbach am Herzberg wohnhaft, gef. 26.3.1916),        
    
Um 1925 - als noch 70 Personen der jüdischen Gemeinde angehörten (4,1 % von insgesamt ca. 1.500 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Emanuel Frank (siehe Berichte zu seinem 60. Geburtstag und zu seinem Tod unten), Jacob Roth II und Moritz Roth. Zur Gemeinde in Nieder-Ohmen gehörten weiterhin die in Merlau lebenden jüdischen Personen (1925 9, 1932 6 Personen). Um 1925 erhielten noch sieben schulpflichtige jüdische Kinder durch ein Gemeindeglied Religionsunterricht (1932 11 Kinder, Unterricht durch den inzwischen angestellten Religionslehrer Jakob Bick). Als Schochet war Adolf Roth tätig. Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen Bezirksrabbinat mit Sitz in Gießen. 1932 waren die Gemeindevorsteher Emanuel Frank (1. Vorsitzender), Jacob Roth IV und Maier Stern.  
    
Nach 1933 ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder (1933: 69 Personen) auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert.   
  
Von den in Nieder-Ohmen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Auguste Aaron geb. Stern (1869), Emmy Abraham geb. Frank (1901), Hedwig Abraham geb. Frank (1899), Johanna Bär geb. Roth (1876), Bertha Paula Baum geb. Stern (1893), Bertha Bettelheiser geb. Roth (1877), Martha Bick geb. Strauss (1891), Jenny (Jettchen) Frank geb. Roth (1891), Rosa Frank geb. Frank geb. Frank (1878), Siegfried Frank (1907), Berta Fröhlich geb. Roth (1874), Rosa Fuld geb. Stern (1892), Ferdinand Justus (1877; mit Ehefrau Ida geb. Fleischhauer und Tochter Hannelore von Hamburg deportiert), Klara Justus geb. Wertheim (1881), Rosalie Kisch geb. Frank (1871), Ephraim (Fritz, Fischel) Pickholz (1918), Paula Rabe geb. Roth (1898), Cecilia (Zilly) Roth geb. Stern (1895), Abraham Roth (1881), Cäcilie Roth geb. Stern (1895), Jakob Roth (1870), Leopold Roth (1887), Moses Roth (1877), Pauline Roth (1879), Salomon Roth (1879), Sara Roth geb. Kapenberg (1870), Bertha Stern geb. Justus (1909), Doris Stern (1921), Hedwig Stern geb. Roth (1902), Hedwig Stern (1936), Julius Stern (1906), Meier Stern (1891), Moritz Stern (1890), Siegbert Stern (1926), Toni Stern (1889), Friedel Wolf (1927).
   
Nieder-Ohmen Karola Stern-Steinhardt.jpg (16448 Byte)Hinweis: die in einigen Listen auf der Liste der Opfer des Holocaust genannte Karola (Carola) Stern (geb. 8. März 1925 in Nieder-Ohmen)  hat die NS-Zeit überlebt und konnte nach der Befreiung durch die US-Armee im Juli 1946 in die USA emigrieren. 
Vgl. "Oral history interview with Carol Stern Steinhardt":  https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn504861    
 (Foto erhalten von Carol Stern Steinhardt über Monika Felsing)      
       
       
       
       
       
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Ausschreibungen der Lehrer-, Vorbeter und Schächterstelle 1867 / 1893 / 1904 (Hilfsvorbeter)

Niederohmen Israelit 02101867.jpg (39842 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Oktober 1867: "Für israelitische Lehrer. 
Die israelitische Gemeinde Nieder-Ohmen (Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen), welche einen Gehalt von 250 bis 300 Gulden (ohne Akzidenzien) zusichern kann, beabsichtigt einen Lehrer anzunehmen.
Reflektanten wollen ihre Offerten an den Vorstand obiger Gemeinde franco gelangen lassen."
 
Niederohmen Israelit 23111893.jpg (37187 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. November 1893
"Die hiesige Stelle eines Religionslehrers mit einem Gehalt von 600-650 Mark jährlich, ist zu besetzen, bevorzugt werden Unverheiratete. Reflektierende wollen sich an den Unterzeichneten wenden. 
S. Frank
, Niederohmen (Oberhessen)."
     
Niederohmen Israelit 04081904.jpg (33196 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1904
"Suchen für bevorstehenden Jom Kippur einen 
Hilfsvorbeter

Reflektanten wollen sich unter Angabe ihrer Anspruche baldmöglichst melden. 
Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Nieder-Ohmen (Oberhessen)."

     
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   

60. Geburtstag von Gemeindevorsteher Emanuel Frank (1929) 

Nieder-Ohmen Israelit 16051929.jpg (107547 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Mai 1929: "Nieder-Ohmen (Oberhessen), 14. Mai (1929). Am 10. Ijar (20. Mai) begeht Herr Emanuel Frank seinen 60. Geburtstag in voller körperlicher und geistiger Frische. Fast zwei Jahrzehnte steht er an der Spitze unserer Gemeinde und gehört in des Wortes wahrhaftem Sinne zu den echten mit den öffentlichen Bedürfnissen in Treue Beschäftigten. So klein auch die Gemeinde ist, sie zählt 72 Seelen, hat sich Herr Frank um deren religiöse Erhaltung große Verdienste erworben. In würdiger Weise versieht er den Gottesdienst und es ist eine seltene Ausnahme, wenn ein Gemeindemitglied dem Minjan fern bleibt... 
Weit über die Grenzen unserer Provinz hinaus ist Herr Frank aus (hebräisch und deutsch) als ein Wächter des alten, überlieferten Judentums bekannt. In diesem Geiste hat er seine Kinder erzogen und sein Haus ist durch die Mitarbeit seiner gleichstrebenden Gattin zu einem wahrhaften Abrahamszelt geworden. Mit Glück und Stolz blicken wir zu ihm empor und sind froh, ihn zu den Unsrigen zählen zu dürfen. Gott vermehre seine Tage und seine Jahre im Guten!" 


70. Geburtstag von Markus Frank (1931)  

Nieder-Ohmen Israelit 10121931.jpg (33332 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Dezember 1931: "Nieder-Ohmen (Oberhessen), 6. Dezember (1931). Am 31. Dezember begeht Herr Markus Frank seinen 70. Geburtstag in körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische. vor einigen Monaten zog er von Düsseldorf nach hier in sein Geburtshaus, wo er bei Verwandten den Lebensabend zuzubringen gedenkt. (Alles Gute) bis 120 Jahre."   

  
Zum Tod des langjährigen Gemeindevorstehers Emanuel Frank (1937)  

Niederohmen Israelit 07011937.jpg (105976 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Januar 1937: "Brandoberndorf, 5. Januar (1937). Im Alter von 68 Jahren starb Emanuel Frank, eine der Persönlichkeiten, wie sie mit dem Rückgang der Landgemeinden leider immer weniger werden. In Nieder-Ohmen, wo Familie Frank beheimatet war, war der Heimgegangene annähernd 30 Jahre Vorsteher der jüdischen Gemeinde, und mehr als das: er war Vater und Führer der Gemeinde auch in der späteren langen lehrerlosen Zeit. Er war der Ehrenvorbeter und der Baal Kore und hielt die Traditionen der Gemeinde mit einer Liebe und Treue rein und aufrecht bis zuletzt, bis er, sozusagen als 'letzter Mann', als der 'Kapitän' das nicht mehr zu rettende Schiff verließ. Erst vor einem Jahre entschloss er sich mit schwerem Herzen, zusammen mit seinem inzwischen ebenfalls verstorbenen Vetter M. Frank seine geliebte Gemeinde zu verlassen und zu seinen Kindern nach Brandoberndorf zu ziehen. Der verdiente Mann folgt nun der treuen Gattin, die ihm schon vor sieben Jahren in den Tod vorangegangen ist und mit der er ein echtes jüdisches Heim der Frömmigkeit und Gastlichkeit geführt hat, in dem Kinder in gleichem Geiste großgezogen wurden, in die Ewigkeit. Er wird in seinem Kreise als einer der Männer der Wahrheit unvergessen bleiben. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens.

    
  
Berichte aus dem jüdischen Gemeindeleben 
Junge Nationalsozialsten werden wegen Ausschreitungen gegen jüdische Familien verurteilt (1936)
   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. April 1936: "Gießen. Das Schöffengericht verurteilte sechs jüngere Männer, die am 15. und 16. September in Niederohmen mehrere Genster und Türen bei jüdischen Einwohnern beschädigten und Einrichtungsgegenstände in der Synagoge zerstörten, wobei nach Schätzung der Gemeinde ein Schaden von RM 5.000.- entstanden ist, zu je drei Wochen bis zwei Monaten Gefängnis. Strafmildernd wirkte, dass sie an dem Abend sinnlos betrunken waren. Die Untersuchungshaft wurde ihnen angerechnet."  

    
     
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Geburtsanzeige einer Tochter von Moritz Stern und Paula geb. Freudenberger (1927)  

Niederohmen Israelit 10101927.jpg (21269 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Oktober 1927: "Gott sei gepriesen.  
Die glückliche Geburt eines kräftigen Madels zeigen hoch erfreut an  
Moritz Stern II und Frau Paula geb. Freudenberger. Niederohmen. 
Am Tag nach Jom Kippur
(= 7. Oktober 1927)".    

    
Verlobungsanzeige für Emmy Frank und Ferdinand Abraham (1921) 
Anmerkung: Die am 31. Januar 1901 in Nieder-Ohmen geborene Emmy Abraham geb. Frank und der am 30. August 1897 in Brandoberndorf geborene Ferdinand Abraham emigrierten nach Holland, wurden jedoch am 20. Juli 1943 ab Westerbork in das Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo sie umgekommen sind. 

Nieder-Ohmen Israelit 06041922.jpg (28690 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. April 1922: 
"Statt Karten!  
Emmy Frank - Ferdinand Abraham. Verlobte. 
Nieder-Ohmen
(Hessen) - Brandoberndorf im Taunus."   

      
Verlobungsanzeige von Hedwig Frank und Nathan Abraham (1921)   
Anmerkung : Die am 24. April 1899 in Nieder-Ohmen geborene Hedwig Abraham geb. Frank und der am 6. Oktober 1894 in Brandoberndorf geborene Nathan Abraham wurden 1942 von Frankfurt in das Ghetto Theresienstadt deportiert, von hier im September beziehungsweise Oktober 1944 nach Auschwitz. Sie wurden beide in Auschwitz ermordet.   

Brandoberndorf Israelit 09061921.jpg (33823 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juni 1921
"Hedwig Frank - Nathan Abraham. Verlobte.  
Nieder-Ohmen Kreis Alsfeld - Brandoberndorf im Taunus. 
Lag B'Omer 5681 (= 26. Mai 1921)."   

      
      
      
Zur Geschichte der Synagoge          
   
Die Gemeinde hatte - spätestens seit dem 18. Jahrhundert - eine Synagoge. 1827 brannte diese ab. Doch wusste man sich in der Gemeinde zu helfen. Da Handelsmann Löb Stern gerade sein Haus umbaute, jedoch nicht die nötigen Geldmittel hatte, stellte man dem ihm das aus dem abgebrannten Synagogengebäude noch verwendbare Bauholz zur Verfügung unter der Bedingung, dass in seinem Haus ein Betsaal eingerichtet werde. Ein Vertrag wurde aufgesetzt, der zwischen der jüdischen Gemeinde (mit den Gemeindegliedern in Nieder-Ohmen und Werlau) und der Familie Stern alles Weitere regeln sollte. In einem Bericht aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. September 1929 ist dieser Vertrag abgedruckt: 

Niederohmen Israelit 21091929.jpg (218307 Byte)Ein alter Vertrag. Mitgeteilt von Lehrer Freudenberger in Flieden. Vor 100 Jahren brannte die alte Synagoge in Niederohmen bei Alsfeld ab. Es fehlte der kleinen Gemeinde an den Mitteln, sich den Luxus eine Neubaus zu gestatten. Schnell ist Rat geschaffen. Der unbemittelte Handelsmann Löb Stern ist genötigt, sein Haus umzubauen. Allein auch er verfügt nicht über die hierzu erforderlichen Gelder. Darlehnskassen kannte man damals nicht in der dortigen Gegend. Aus den Trümmern des alten Gotteshauses ist noch ein beträchtliches Quantum Bauholz gerettet. Man stellt dieses dem Löb Stern zur Verfügung, dass er in dem umgebauten Wohnhause der Judenschaft Niederohmens ein Betlokal einrichte. Nach längerer Unterhandlung kommt untenstehender Vertrag, der heute ein lokalhistorisches Interesse beanspruchen kann, zustande. Einige Monate später begeben sich auch die drei Mitglieder der zur Gemeinde Niederohmen zählenden Nachbargemeinde Werlau zum Notar in Grünberg, um ihre Rechte an dem neuen Betlokal zur Geltung zu bringen.
Nach heute (sc. 1929) besteht fraglicher Vertrag zu Recht. Für das Recht, das Betlokal zu benützen und als Abfindung an den Steuern zahlt die Gemeinde alljährlich an den jetzigen Besitzer, den Kaufmann Adolf Stern eine Pauschalsumme von sage und schreibe: drei Mark.
Der Vertrag lautet:  Unterm heutigen Datum hat sich die Judenschaft in Niederohmen mit dem Löb Stern in Vergleich gesetzt.
1. Verspricht der Löb Stern die Synagoge, wo von jeher die Judenschaft in Benutz gehabt haben, die Männerschul und die Weiberschul zu einer Männerschul zu machen.
2. Der Botten (sc. Boden, künftig Empore) aber, wo über die Männerschul und über die Weiberschul ist, wird zu einer Weiberschul genommen und an die andern Kammern hat die Judenschaft kein Anteil zu machen, so weit hat die Judenschaft den Botten, so groß die Schule ist, das übrige gehört dem Löb Stern. 
3. Hingegen verspricht die Judenschaft dem Löb Stern den ganzen Oberbau in Stand zu halten und die Hälfte Monatsgeld und andere sonstige Lasten und Abgaben, was auf dem Haus sind, an den Löb Stern zu entrichten.
4. Verspricht die Gemeinde dem Löb Stern, wenn die Spare darauf sind, muss der Löb Stern, das dritte Teil an Dach zahlen, es mag gedeckt werden mit Stroh oder mit Ziegel. Fernerhin im Stand, nämlich den dritten Teil. 
5. Hingegen hat die Judenschaft den Eingang durch dem Löb Stern seinem Unterbau zu gehen in der Schul. Die Treppe aber von dem Unterbau, wo in der Schul geht, muss Löb Stern und die Judenschaft zusammen machen lassen.
6. soll Gott verhey (verhüte) ein Feuerbrand geben, dass die Schul verbrennt, fällt die Hälfte Geld von der Feuerkasse der Judenschaft zu, und das Geld muss wieder zur Synagoge angewend werden. Dieser Kontrakt ist beiden Teilen vorgelesen worden und hernach Eigenhändig unterschrieben.
Niederohmen am 19. November 1827 
Jakob Roth, Vorsteher, Feist Heß, Moses Spier, David Stern, Salomon Stern, Seligmann Stern, Mendel Stern, Löb Stern.
Cont. Grünberg am 13. Februar 1828.
Erscheinen: Die Merlauer jüdischen sämtlichen Einwohner, namentlich Liebmann Wolf, Herz Bauer und Jakob Wolf und erklärten auf Verlesung vorstehender Verhandlungen und Vergleichs (5), dass sie, als zur Niederohmer jüdischen Schulgemeinde gehörige Mitglieder den abgeschlossenen Vergleich in allen seinen Teilen genehmigten und anerkennen wollten, welches der erschienene Judenvorsteher Jakob Roth von Niederohmen verreptiert.  

Der mit der Familie Stern abgeschlossene Vertrag hatte bis in die 1930er-Jahre hinein Gültigkeit. Das Haus der Familie Stern blieb über 100 Jahre lang zugleich Synagoge der jüdischen Gemeinde. Der Betsaal hatte eine Frauenempore. Insgesamt waren 50 Männer- und 35 Frauenplätze vorhanden.

Am 12. November 1927 konnte die jüdische Gemeinde mit einer Feier das 100jährige Synagogenbaujubiläum begehen. Dazu erschien ein Bericht in der Zeitschrift "Der Israelit":   

Nieder-Ohmen Israelit 10111927.jpg (105876 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. November 1927: "Niederohmen, 1. November (1927). Am 12. November dieses Jahres feiert die jüdische Gemeinde Niederohmen das 100jährige Synagogenbau-Jubiläum. Es sind umfassende Vorbereitungen zu einer würdigen, schlichten Feier getroffen. Just 100 Jahre sind es her, dass die nur wenigen Mitglieder der Gemeinde Niederohmen und Merlau mit dem Handelsmann Löb Stern in Niederohmen vertraglich vereinbarten, wonach dieser gegen eine geringe Entschädigung sich verpflichtet, in seinem gerade umzubauenden Wohnhause einige Räume als Synagoge einzurichten. Die Rechte und Pflichten der beiden Kontrahenten wurden in dem Vertrage genau festgesetzt und bestehen noch heute voll zu Recht. Die Gemeinde hat sich Gott sei Dank inzwischen wesentlich vergrößert, die Räume sind leider nicht entsprechend gewachsen. Hoffentlich finden sich bald die gütigen Wohltäter, die es der recht religiösen, emporstrebenden Gemeinde ermöglichen, ein der jetzigen Besucherzahl entsprechendes, würdiges Gotteshaus zu errichten."   

In der NS-Zeit wurde die Inneneinrichtung des Betraums bereits im September 1935 durch betrunkene Jugendliche demoliert (siehe Bericht oben). Dabei wurden auch die Torarollen geschändet, weswegen die Gemeindeglieder ein Fasten ansetzten und (bis zum November 1938) täglichen Gottesdienst durchführte. 1937 wurde das Synagogengebäude an eine nichtjüdische Familie verkauft. Die jüdische Gemeinde konnte freilich den Betsaal weiterhin benützen. Dennoch wurden beim Novemberpogrom 1938 die Fensterscheiben eingeworfen, die Inneneinrichtung zerstört und die Kultgegenstände auf die Straße geworfen. Nach 1938 wurde das Haus zu einem Wohnhaus umgebaut (nach 1945 zeitweise auch mit Apotheke). Dabei wurden zahlreiche Veränderungen vorgenommen, wie Eingangsvorbau mit Terrasse, neues Dach, neue Fenster usw., wodurch das ursprüngliche Aussehen des Synagogengebäudes verloren ging. 
    
    
Adresse/Standort der SynagogeElpenröterstraße 34-35 / Am Eck 3-5   
    
    
Fotos  
(Quelle: links Arnsberg Bilder s. Lit. S. 156; Mitte und rechts: Altaras s. Lit. S. 110)  

Das Synagogengebäude in Nieder-Ohmen      
Nieder Ohmen Synagoge 010.jpg (45756 Byte) Nieder Ohmen Synagoge 012.jpg (114756 Byte) Nieder Ohmen Synagoge 011.jpg (74961 Byte)
Die ehemalige Synagoge um 1970   Die ehemalige Synagoge im September 1985  
     
     
Andernorts entdeckt   Frankfurt Friedhof N12042.jpg (269518 Byte) 
  Grabstein (mit Levitenkanne) für David Roth aus Niederohmen (22.8.1854 - 25.9.1939) 
im jüdischen Friedhof an der Eckenheimer Landstraße in Frankfurt am Main.   
     
     
Familienbilder von Ruth Stern Gasten  
(erhalten von Ruth Stern Gasten
über Monika Felsing) 
Nieder-Ohmen Ruth Stern Gasten 010.jpg (77493 Byte)  Nieder-Ohmen Ruth Stern Gasten 011.jpg (59908 Byte) Nieder-Ohmen Ruth Stern Gasten 012.jpg (113936 Byte)
  Ruth Stern Gasten im Alter von zwei und vier Jahren; ihre 
Oma Fannie Stern geb. Nussbaum (auf Foto rechts) ist 
1935 nach Südafrika emigriert)  
Nach der Emigration in den USA: die sechsjährige Ruth
 mit ihrer fünfjährigen Cousine Helene   
  
     
Niederohmen Hirsch Stern 010.jpg (74421 Byte)  Nieder-Ohmen Carola Elfrieda Trudy.jpg (73109 Byte) Nieder-Ohmen Joseph Hanna.jpg (87437 Byte) 
Hirsch Stern (1847-1930), Großvater von Ruth Stern-Gasten, 
war verheiratet mit Röschen geb. Andor (1859-1925);   
 die beiden hatten fünf Kinder* (siehe unten); 
Hirsch Stern war Viehhändler 
    
Nieder-Ohmen 1935 vor der Scheune von Familie Joseph Stern: 
Karola Stern und ihre Kousive Elfriede Roth 
sowie Trudy (Nachname unbekannt)
  
   
Eltern von Ruth Stern Gasten (Foto von 1939) 
Joseph Stern und Hanna geb. Nussbaum (geb. 1898 in Ulmbach
  (weitere Informationen bei Ulmbach)  
Über Joseph Stern eingestellt: A Biography of Joseph Stern, 
written by his daughter, Ruth Stern Gasten
(2017, pdf-Datei)  
*Über die fünf Kinder von Hirsch und Röschen Stern: Toni (geb. 1889 in Nieder-Ohmen, zuletzt in der Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn, im Juni 1942 über Koblenz-Köln-Düsseldorf in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet), Meier (geb. 1891 in Nieder-Ohmen, wohnte in Nieder-Ohmen, war als Viehhändler tätig, wohnhaft zuletzt in Frankfurt am Main, von wo er im Oktober 1941 in das Ghetto Lodz deportiert wurde, umgekommen/ermordet); Bertha Paula verheiratete Baum (geb. 1893 in Nieder-Ohmen, wohnte in Frankfurt; im September 1942 über Kassel-Chemnitz in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie im Februar 1943 umgekommen ist); Albert (nach New York/USA ausgewandert), Joseph (siehe oben, konnte 1939 in die USA emigrieren).  

     
     
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte
 

November 2011: Gedenkveranstaltung zum Novemberpogrom 1938   
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 12. November 2011: "'Jeder hätte von den Gräueln wissen können'.  
Nieder-Ohmen.
Lesung aus den Tagebüchern Friedrich Kellners bei Gedenkveranstaltung an die Reichspogromnacht in Nieder-Ohmen...."   
Link zum Artikel.     
 
November 2011: In Nieder-Ohmen werden "Stolpersteine" verlegt  
Artikel in der "Gießener Allgemeinen" vom 11. November 2011: "Stolpersteine werden in Nieder-Ohmen verlegt...."  
Link zum Artikel    
 
April 2012: In Nieder-Ohmen wird am 30. Juni 2012 ein erster "Stolperstein" verlegt - weitere folgen     
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 20. April 2012: 
Am 30. Juni wird ein Stolperstein verlegt (Gießener Anzeiger, 20.04.2012)  
Der erste "Stolperstein" wird am 30. Juni 2012 vor dem Haus der Familie Schmulbach in der Obergasse 2 verlegt. In diesem Sommer sollen noch weitere sechs Stolpersteine vor dem Haus der Familie Kornmann im Eck 13 verlegt.  
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 25. April 2012: "Am 30. Juni wird ein Stolperstein verlegt. 
Mücke. Haupt- und Finanzausschuss stimmte ohne Diskussion zu. 
Am 30. Juni wird ein Stolperstein verlegt (Gießener Anzeiger, 25.04.2012)   
Artikel in der "Oberhessischen Zeitung" vom 25. April 2012: 
Am 30. Juni wird ein Stolperstein verlegt (Oberhessische Zeitung, 25.04.2012)   
  
Juli 2012: Über die Verlegung von "Stolpersteinen" in Nieder-Ohmen 
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 25. Juli 2012: "Stolpersteine erinnern an Nieder-Ohmener Juden. Nachkommen der Familie Stern kamen zur Verlegung. (in). Stolpersteinen zur Erinnerung an einstige jüdische Bewohner des Dorfs wurden in Nieder-Ohmen verlegt. Pfarrvikarin Lea Winkel dankte der protestantischen Kirchengemeinde Nieder-Ohmen als Träger des Projekts und dem Projektteam, Pfarrer Alexander Janka, Irmgard Gückel und Uwe Langohr. Die Aktion sei eine traurige Erinnerung an die grauenhaften Geschehnisse der Schoa, aber diese Erinnerung sei wichtig. 
In der Obergasse wurde ein Stein für Klara Justus verlegt, die im Februar 1943 in Auschwitz ermordet wurde.'Im Eck' erinnern Stolpersteine nun an Bertha Stern, geborene Maier und Berta Stern, geborene Justus, die im April 1943 in Theresienstadt umgebracht wurden, sowie an Julius Stern und die Kinder Beate, Hedwig und Jakob, die in Minsk ermordet wurden..."   
Link zum Artikel:  Stolpersteine erinnern an Nieder-Ohmener Juden (Gießener Anzeiger, 25.07.2012)     
 

   

   
Links und Literatur  

Links: 

Website der Gemeinde Mücke - Vogelsberg 
Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Niederohmen 
Es gibt eine von Uwe Langohr, Nieder-Ohmen zusammengestellte Karte "Schicksal der jüdischen Gemeindemitglieder von Nieder-Ohmen" - Personen, die am 31.12.1932 in Nieder-Ohmen gemeldet waren.  
Karte eingestellt als pdf-Datei in der Website der Gemeinde Mücke:  https://gemeinde-muecke.de/de/geschichte-und-ortsteile-muecke/historisches/download/318/530/48.html   bzw. direkt downloadbar bei Alemannia Judaica (7,1 MB)      

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 2 (Abschnitt zu Nieder-Ohmen fehlt) 
ders.: Die jüdischen Gemeinde in Hessen. Bilder - Dokumente. S. 156. 
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 110-111. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 266-267. 
Heinrich Reichel: Juden in Nieder-Ohmen. 1998.  
Das Buch schildert die Geschichte der Juden in Nieder-Ohmen seit dem 16. Jahrhundert bis 1938. Es lebten hier ständig 70 - 80 Juden. Schicksale und der Verbleib der ehemaligen jüdischen Mitbürger sind nachzulesen. 
Klaus-Konrad Tromsdorf: Juden in Oberhessen. Online zugänglich.  
Stern Cohen Foto 01.jpg (19642 Byte)Stern Cohen Buch 1.jpg (48195 Byte)Aus Nieder-Ohmen stammt die Holocaust-Überlebende Hilda Stern-Cohen (geb. 1924), von deren Gedichten und Prosatexten Veröffentlichungen vorliegen, u.a. 
Hilda Stern-Cohen: Genagelt ist meine Zunge. Lyrik und Prosa einer Holocaust-Überlebenden. Nähere Informationen
Nieder-Ohmen Lit 020.jpg (31939 Byte)Gleichfalls aus Nieder-Ohmen stammt die Holocaust-Überlebende Ruth Stern Gasten (geb. 1933), die das Buch verfasste: An Accidental American: Memories of an Immigrant Childhood. Taschenbuch 2010. 182 S. Xlibris, Cork 2010. ISBN 13: 978-1450043922.  
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An Accidental American recalls life in Hitler's Germany, as seen through the eyes of a young girl who later escapes to the United States with her parents. The book tells of kind neighbors, an unforgettable ocean voyage, and bedbugs in Chicago, among other memories. 
Link: Presseartikel (Jweekly.com vom 23.1.2014) mit Foto von Ruth Stern Gasten
Vgl. Website von Ruth Stern Gasten  http://ruthgasten.wix.com/speakers       

    
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Nieder-Ohmen Hesse.  Established in the 18th century, the community numbered 109 (9 % of the total) in 1871 and was affiliated with Giessen's Orthodox rabbinate. Members observed a fast after the desecration of their Torah scrolls in 1935 and attended daily services until 1938, a year after the synagogue's forced sale. By September 1940, 45 Jews had emigrated; almost as many perished in the Holocaust. 
    
     

                   
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Stand: 15. April 2017