Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Nauheim mit Königstädten (Kreis Groß-Gerau)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben    
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Erinnerung an die jüdische Geschichte - Presseartikel von 2007  
Links und Literatur   

  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)      
    
In Nauheim bestand eine kleine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden 1730 jüdische Familien am Ort genannt, 1770 und 1815 jeweils drei Familien. 
 
1828
wurden 16 jüdische Einwohner gezählt. Die damaligen Familiennamen waren Marxsohn, Goldschmidt und Oppenheimer. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde 1861 mit 34 Personen (4,3 % von insgesamt 789 Einwohnern) erreicht. Danach ging die Zahl der jüdischen Einwohner zurück: 1880 26 (2,4 % von 1.087), 1900 20 (1,4 % von 1.446), 1910 20 (1,1 % von 1.729). Die jüdischen Familien lebten vom Handel mit Vieh, Getreide und Textilien. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten ihnen einige Handlungen und Gewerbebetriebe am Ort. 
 
An Einrichtungen waren ein Betsaal (s.u.) und eine Religionsschule vorhanden. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeitweise ein Religionslehrer vorhanden, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. 1871 waren drei jüdische Kinder zu unterrichten. Die Stelle wurde immer wieder neu ausgeschrieben (siehe Ausschreibungstexte unten). Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Groß-Gerau beigesetzt. Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen Rabbinat Darmstadt II. 
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Jakob Meyer (geb. 6.2.1880 in Reichenbach, gef. 20.6.1918). 
  
Um 1925
, als noch 22 Personen zur jüdischen Gemeinde gehörten (1,1 % der Gesamteinwohnerschaft von ca. 2.000 Personen), waren die Vorsteher der jüdischen Gemeinde Abraham Strauß und Moses Mayer (Neustädten) sowie Siegfried Marx. Den Religionsunterricht für die noch vier schulpflichtigen jüdischen Kinder hielt Lehrer Jakob Strauß aus Griesheim
   
Zur jüdischen Gemeinde Nauheim gehörten spätestens in den 1920er-Jahren auch die im benachbarten
Königstädten lebenden jüdischen Einwohner (1830: 40 Personen, 1905: 12, 1925: 7). In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten die in Königsstädten lebenden Juden noch zur Gemeinde in Rüsselsheim. Um 1845 wurde ein Bauplatz für den Bau einer Synagoge in Königstädten erworben. 1856 wurde eine eigene jüdische Gemeinde in Königstädten gegründet. 1862/63 konnte eine Synagoge am Ort erstellt werden, die jedoch auf Grund der Ab- und Auswanderung der Juden aus Königstädten nur wenige Jahrzehnte verwendet wurde. Anfang der 1930er-Jahre lebte nur noch eine jüdische Familie in Königstädten.    
  
1933 lebten noch 19 jüdische Einwohner in Nauheim: dies waren Mitglieder der Familien Neumann (Hintergasse 2), Ludwig Strauß (letzter Vorsitzender der jüdischen Gemeinde; Hintergasse 13), Siegfried Marx (Waldstraße 10) und Bernhard Marx (Vorderstraße 30). Ein Teil von ihnen konnte in den folgenden Jahren auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien wegziehen beziehungsweise auswandern (vier in die USA, zwei nach Spanien), drei verstarben vor den Deportationen in Nauheim, der Textilkaufmann Siegfried Marx starb 1933 an Suizid. Im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 kam es zu Misshandlungen der noch am Ort lebenden jüdischen Personen. Walter Strauß, Sohn des letzten Gemeindevorstehers Ludwig Strauß berichtete darüber 1947: "Am 10. November 1938 drangen Schulkinder in unser Haus ein, holten meine Mutter heraus und haben sie auf der Straße misshandelt und auf ihr herumgetreten". Sieben Personen wurden 1941 oder 1942 nach Mainz "abgeschoben" und sind von dort aus in Vernichtungslager deportiert worden.
  
Von den in Nauheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Bernhard Marx (1882), Bertha Marx geb. Berney (1889), Erika Marx (1921), Friedrich Marx (1882), Margot Marx (1923), Mathilde (Mathilda, Miriam) Marx geb. Haas (1875), Siegfried Marx (1884), Sophie Marx geb. Stern (1882), Fanny May geb. Haas (1864), Hugo Neumann (1883), Johanna Neumann geb. Marx (1885), Schenni (Jenny) Strauß (1880).   
   
Aus Königstädten sind umgekommen: Jenny Löwenstein geb. Marxsohn (1876), Amalie Marx geb. Marxsohn (1881), Hedwig Oppenheimer (1870), Marx Oppenheimer (1861), Louis (Ludwig) Rosenthal (1867).  
 
Im November 2008 wurde an der Hofmauer des Historischen Rathauses in der Hintergasse eine bronzene Gedenktafel mit den Namen der jüdischen Nauheimer enthüllt, die während der NS-Zeit deportiert und ermordet wurden. Der Text der Tafel: "Zum Gedenken an jüdische Nauheimer Bürger, die im Holocaust der Nationalsozialisten in den Jahren von 1933 bis 1945 ums Leben kamen: Bernhard Marx, Bertha Marx, Erika Marx, Margot Marx, Friedrich Marx, Mathilde Marx, Siegfried Marx, Sophie Marx, Fanny May, Hugo Neumann, Johanna Neumann, Schenni Strauss. Den Lebenden zur Mahnung. Gemeinde Neuheim 2008". Auch an den Gebäuden Hintergasse 2 und Hintergasse 25 wurden Gedenktafeln angebracht.     
    
    
    

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorsängers / Schochet 1864 / 1871 / 1872 / 1878

Nauheim Israelit 06041864.jpg (47061 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. April 1864: "Lehrer gesucht! In der israelitischen Gemeinde zu Nauheim, Kreis Groß-Gerau, Großherzogtum Hessen, ist die Stelle eines Lehrers und Vorsängers vakant. Nebst freier Kost und Wohnung beträgt der Gehalt 77 Gulden; Nebenakzidenzien circa 25 Gulden; sollte der Betreffende auch Schochet sein, so erhöhen sich diese um noch einmal 25 Gulden. Meldungen sind zu richten an den Vorstand."
  
Nauheim Israelit 05041871.jpg (33244 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. April 1871: "In der Israelitischen Gemeinde zu Nauheim, Kreis Groß-Gerau, ist die Stelle eines Religionslehrers und Vorsängers vakant; es sind nur drei Kinder zu unterrichten. Kost und Logis frei. Fixer Gehalt 100 Gulden. Meldungen an den Vorstand Levy Haas."
   
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. April 1872: "In der israelitischen Gemeinde Nauheim, Kreis Groß-Gerau, Großherzogtum Hessen, ist die Stelle eines Religionslehrers, der womöglich auch als Vorsänger fungieren kann, vakant; es sind nur vier Kinder zu unterrichten. Gehalt, bei völlig freier Station, 125 Gulden. Nebeneinkünfte.  
Bewerber wollen sich an den unterzeichneten Vorsteher wenden. Levi Haas."   
   
Nauheim Israelit 13031878.jpg (29455 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. März 1878: "In der israelitischen Gemeinde zu Nauheim bei Groß-Gerau ist die Stelle eines Religionslehrers und Vorsängers zum 15. Mai dien Jahres zu besetzen. Gehalt 250 Mark nebst völlig freier Station. Meldungen an den Vorstand."

   
  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Spendenaufruf für eine in schwere Not geratene jüdische Familie  

Nauheim Israelit 16101884.jpg (80417 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Oktober 1884: "Dingende Bitte! Der Unterzeichnete fühlt sich veranlasst, für einen sehr hart betroffenen Mann die Hilfe seiner edlen Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen. Herr Leopold Marx ist durch einen sehr harten Schlag heimgesucht worden; durch 2malige Operation des Beines ist derselbe nicht mehr imstande, seine Frau nebst zwei kleinen Kindern zu ernähren. Hilfe tut Not! Und wenn auch unsere Glaubensgenossen von vielen Seiten in Anspruch genommen werden, so verdient doch der Obengenannte die Unterstützung von Seiten unserer Glaubensbrüder. Milde Spenden entgegenzunehmen, ist der Unterzeichnete gern bereit.
Nauheim bei Groß-Gerau, den 9. Oktober 1884. 
Der israelitische Gemeindevorstand Levi Haas. Auch wir sind bereit, Gaben entgegenzunehmen und weiterzubefördern. 
Die Expedition des 'Israelit'." 

   
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Zum Tod von Lewi Haas (1908)   

Nauheim GG Israelit 25061908.jpg (44248 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juni 1908: "Nauheim bei Groß-Gerau, 15. Juni (1908). Einen der Edelsten aus unserer Mitte haben wir gestern, 14. Juni, zur ewigen Ruhe getragen. Herr Lewi Haas - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - besaß alle Tugenden eines treuen Jehudi, die Herr Rabbiner Dr. Marx aus Darmstadt in seiner Trauerrede auch schilderte, indem er an Hand derselben ein Lebensbild des Verstorbenen entwarf. Der Dahingeschiedene erreichte ein Alter von 79 Jahren; sein Tod wird von allen gleich betrauert. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."

  
  
  
Zur Geschichte der Synagoge / der Beträume           
    
Bis zur 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts besuchten die Nauheimer Juden die Synagoge in Groß-Gerau, da sie selbst nicht über die notwendige Zehnzahl jüdischer Männer zum Gottesdienst verfügten. Als die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder zugenommen hatte, kam man in der Wohnstube des Hauses der Familie Elias Marx (Hintergasse 2, Gebäude von 1776) zu Gebet und Gottesdienst zusammen. Im Oktober 1906 meldete die Witwe des 1898 verstorbenen Elias Marx allerdings Eigenbedarf an. Daraufhin wurde der Betsaal 1907 in das Gebäude Hintergasse 25 (erbaut 1782, Flurstück 291) verlegt. Dieses gehörte dem Vieh- und Getreidehändler Levi Haas. Im ersten Stock seines Hauses konnte die Synagoge eingerichtet werden. Den Umbau in Höhe von 225 Mark bezahlte die jüdische Gemeinde aus dem vorhandenen Barvermögen, was im November 1906 vom Kreisamt Groß Gerau genehmigt worden war. Wie lange der Betsaal in der Hintergasse 25 auf Grund der zurückgehenden Zahlen der jüdischen Einwohner genützt wurde, ist nicht bekannt. 

Nach 1933 wurden die Kultgegenstände zur Aufbewahrung in die Synagoge in Groß-Gerau gebracht, wo sie vermutlich beim Brand dieser Synagoge am 10. November 1938 vernichtet wurden. 

Beide Häuser mit den ehemaligen Beträumen sind erhalten und werden als Wohnhaus genutzt. An beiden Gebäuden wurden im November 2008 Gedenk-/Hinweistafeln angebracht.   

Zusätzlicher Hinweis zu den Spuren der jüdischen Geschichte: Bei der Sanierung des Wohnhauses Vorderstraße 30 (Haus von 1740; hier wohnte Familie Bernhard Marx) fanden sich Anfang der 1990er-Jahre in der heutigen Waschküche hinter dem Haus Reste einer einstigen Laubhütte. 
     
     
Adresse/Standort der SynagogenBis 1907 Hintergasse 2, ab 1907 Hintergasse 25.        
    
   
Fotos
(Quelle: Heimat- und Museumsverein Nauheim, Fotos: Hans Joachim Brugger, Nauheimer Denkmaltopografie bzw. Seite Jüdische Mitbürger in Nauheim)  

Nauheim Synagoge 031.jpg (49546 Byte) Nauheim Synagoge 030.jpg (35904 Byte)  Nauheim Gedenktafel 200801.jpg (43438 Byte)
Gebäude Hintergasse 2: 
Betsaal bis 1907 
Gebäude Hintergasse 25: 
Betsaal im ersten Stock seit 1907 
   Gedenktafel an der Hofmauer des 
Historischen Rathauses in der Hintergasse 

   
   
  


Links und Literatur

Links:  

Website der Gemeinde Nauheim 

Heimat- und Museumsverein Nauheim e.V.  mit Seite zu "Jüdische Mitbürger in Nauheim"     

Denkmaltopografie von Nauheim (mit Informationen zu den Gebäuden mit den jüdischen Betsälen in Nauheim) 

Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Nauheim 
    

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 2 S. 111-112. 
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 139-140. Korrektur der hier gemachten Angaben in: 
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 117-118.
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 168-169. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 261-262.
Nauheim Lit 120.jpeg (49326 Byte) Karl-Heinz Pilz: Das Schicksal der jüdischen Nauheimer zwischen 1933 und 1945. Die 50seitige bebilderte Broschüre ist im Nauheimer Bürgerbüro, Weingartenstraße 46-50, 64569 Nauheim, Tel. 06152-639262-4 für 4,50 € erhältlich. 
Leseprobe auf einer Seite des Heimat- und Museumsvereins Nauheim e.V.
  Weitere Leseprobe (Familie Strauss, Hintergasse 13)    

   
   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Nauheim Hesse. In 1861 the community numbered 34 (4 % of the total). Eight Jews emigrated after 1933; the remaining 11 mostly perished in the Holocaust.
    

     

                   
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Stand: 15. Dezember 2013