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"Synagogen im Kreis Groß-Gerau"
Nauheim mit
Königstädten (Kreis Groß-Gerau)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Nauheim bestand eine kleine jüdische
Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts
zurück. Erstmals werden 1730 jüdische Familien am Ort genannt, 1770 und
1815 jeweils drei Familien.
1828
wurden 16 jüdische Einwohner gezählt. Die damaligen Familiennamen waren
Marxsohn, Goldschmidt und Oppenheimer. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner
wurde 1861 mit 34 Personen (4,3 % von insgesamt 789 Einwohnern) erreicht.
Danach ging die Zahl der jüdischen Einwohner zurück: 1880 26 (2,4 % von
1.087), 1900 20 (1,4 % von 1.446), 1910 20 (1,1 % von 1.729). Die jüdischen Familien lebten vom Handel
mit Vieh, Getreide und Textilien. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
gehörten ihnen einige Handlungen und Gewerbebetriebe am Ort.
An Einrichtungen waren ein Betsaal (s.u.) und eine Religionsschule
vorhanden. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts zeitweise ein Religionslehrer vorhanden, der
zugleich als Vorbeter und Schochet fungierte. 1871 waren drei jüdische Kinder
zu unterrichten. Die Stelle wurde immer wieder neu ausgeschrieben (siehe
Ausschreibungstexte unten). Die
Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof
in Groß-Gerau beigesetzt. Die Gemeinde
gehörte zum orthodoxen Rabbinat Darmstadt II.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Jakob Meyer
(geb. 6.2.1880 in Reichenbach, gef. 20.6.1918).
Um 1925, als noch 22
Personen zur jüdischen Gemeinde gehörten (1,1 % der Gesamteinwohnerschaft von
ca. 2.000 Personen), waren die Vorsteher der jüdischen Gemeinde Abraham
Strauß und Moses Mayer (Neustädten) sowie Siegfried Marx. Den
Religionsunterricht für die noch vier schulpflichtigen jüdischen Kinder hielt
Lehrer Jakob Strauß aus Griesheim.
Zur jüdischen Gemeinde Nauheim gehörten spätestens in den 1920er-Jahren auch
die im benachbarten
Königstädten lebenden jüdischen Einwohner (1830:
40 Personen, 1905: 12, 1925: 7). In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
gehörten die in Königsstädten lebenden Juden noch zur Gemeinde in Rüsselsheim.
Um 1845 wurde ein Bauplatz für den Bau einer Synagoge in Königstädten
erworben. 1856 wurde eine eigene jüdische Gemeinde in Königstädten
gegründet. 1862/63 konnte eine Synagoge am Ort erstellt werden, die
jedoch auf Grund der Ab- und Auswanderung der Juden aus Königstädten nur
wenige Jahrzehnte verwendet wurde. Anfang der 1930er-Jahre lebte nur noch eine
jüdische Familie in Königstädten.
1933 lebten noch 19
jüdische Einwohner in Nauheim: dies waren Mitglieder der Familien Neumann (Hintergasse 2), Ludwig Strauß (letzter Vorsitzender der jüdischen Gemeinde;
Hintergasse 13), Siegfried Marx (Waldstraße 10)
und Bernhard Marx (Vorderstraße 30). Ein Teil von ihnen konnte in den folgenden
Jahren auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien wegziehen beziehungsweise auswandern (vier in die USA, zwei nach
Spanien), drei verstarben vor den Deportationen in Nauheim, der Textilkaufmann
Siegfried Marx starb 1933 an Suizid. Im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938
kam es zu Misshandlungen der noch am Ort lebenden jüdischen Personen. Walter
Strauß, Sohn des letzten Gemeindevorstehers Ludwig Strauß berichtete darüber
1947: "Am 10. November 1938 drangen Schulkinder in unser Haus ein, holten
meine Mutter heraus und haben sie auf der Straße misshandelt und auf ihr
herumgetreten". Sieben Personen wurden 1941 oder 1942 nach Mainz
"abgeschoben" und sind von dort aus in Vernichtungslager deportiert
worden.
Von den in Nauheim geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Bernhard Marx (1882),
Erika Marx (1921), Friedrich Marx (1882), Margot Marx (1923), Mathilde Marx geb. Haas (1875), Siegfried Marx
(1884), Fanny May geb. Haas (1864), Johanna Neumann geb. Marx (1885).
Aus Königstädten sind umgekommen: Jenny Löwenstein geb. Marxsohn
(1876), Amalie Marx geb. Marxsohn (1881), Hedwig Oppenheimer (1870), Marx
Oppenheimer (1861), Louis (Ludwig) Rosenthal (1867).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorsängers / Schochet 1864 /
1871 / 1872 / 1878
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. April 1864:
"Lehrer gesucht! In der israelitischen Gemeinde zu Nauheim,
Kreis Groß-Gerau, Großherzogtum Hessen, ist die Stelle eines Lehrers und
Vorsängers vakant. Nebst freier Kost und Wohnung beträgt der Gehalt 77
Gulden; Nebenakzidenzien circa 25 Gulden; sollte der Betreffende auch
Schochet sein, so erhöhen sich diese um noch einmal 25 Gulden. Meldungen
sind zu richten an den Vorstand." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. April 1871:
"In der Israelitischen Gemeinde zu Nauheim, Kreis Groß-Gerau, ist
die Stelle eines Religionslehrers und Vorsängers vakant; es sind nur drei
Kinder zu unterrichten. Kost und Logis frei. Fixer Gehalt 100 Gulden.
Meldungen an den Vorstand Levy Haas." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. April 1872:
"In der israelitischen Gemeinde Nauheim, Kreis Groß-Gerau,
Großherzogtum Hessen, ist die Stelle eines Religionslehrers, der
womöglich auch als Vorsänger fungieren kann, vakant; es sind nur vier
Kinder zu unterrichten. Gehalt, bei völlig freier Station, 125 Gulden.
Nebeneinkünfte.
Bewerber wollen sich an den unterzeichneten Vorsteher wenden. Levi Haas." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. März 1878:
"In der israelitischen Gemeinde zu Nauheim bei Groß-Gerau ist die
Stelle eines Religionslehrers und Vorsängers zum 15. Mai dien Jahres zu
besetzen. Gehalt 250 Mark nebst völlig freier Station. Meldungen an den
Vorstand." |
Aus dem jüdischen
Gemeindeleben
Spendenaufruf für eine in schwere Not geratene jüdische
Familie
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Oktober 1884:
"Dingende Bitte! Der Unterzeichnete fühlt sich veranlasst, für
einen sehr hart betroffenen Mann die Hilfe seiner edlen Glaubensgenossen
in Anspruch zu nehmen. Herr Leopold Marx ist durch einen sehr harten Schlag
heimgesucht worden; durch 2malige Operation des Beines ist derselbe nicht
mehr imstande, seine Frau nebst zwei kleinen Kindern zu ernähren. Hilfe
tut Not! Und wenn auch unsere Glaubensgenossen von vielen Seiten in
Anspruch genommen werden, so verdient doch der Obengenannte die
Unterstützung von Seiten unserer Glaubensbrüder. Milde Spenden
entgegenzunehmen, ist der Unterzeichnete gern bereit.
Nauheim bei Groß-Gerau, den 9. Oktober 1884.
Der israelitische Gemeindevorstand Levi Haas. Auch wir sind bereit, Gaben
entgegenzunehmen und weiterzubefördern.
Die Expedition des 'Israelit'." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Lewi Haas (1908)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juni 1908:
"Nauheim bei Groß-Gerau, 15. Juni (1908). Einen der Edelsten aus
unserer Mitte haben wir gestern, 14. Juni, zur ewigen Ruhe getragen. Herr
Lewi Haas - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - besaß
alle Tugenden eines treuen Jehudi, die Herr Rabbiner Dr. Marx aus
Darmstadt in seiner Trauerrede auch schilderte, indem er an Hand
derselben ein Lebensbild des Verstorbenen entwarf. Der Dahingeschiedene
erreichte ein Alter von 79 Jahren; sein Tod wird von allen gleich betrauert.
Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zur Geschichte der Synagoge / der Beträume
Bis zur 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts besuchten die Nauheimer Juden die
Synagoge in Groß-Gerau, da sie selbst nicht über die notwendige Zehnzahl
jüdischer Männer zum Gottesdienst verfügten. Als die Zahl der jüdischen
Gemeindeglieder zugenommen hatte, kam man in der Wohnstube des Hauses der
Familie Elias Marx (Hintergasse 2, Gebäude von 1776) zu Gebet und
Gottesdienst zusammen. Im Oktober 1906 meldete die Witwe des 1898 verstorbenen
Elias Marx allerdings Eigenbedarf an. Daraufhin wurde der Betsaal 1907 in das
Gebäude Hintergasse 25 (erbaut 1782, Flurstück 291) verlegt. Dieses
gehörte dem Vieh- und Getreidehändler Levi Haas. Im ersten Stock seines Hauses
konnte die Synagoge eingerichtet werden. Den Umbau in Höhe von 225 Mark
bezahlte die jüdische Gemeinde aus dem vorhandenen Barvermögen, was im
November 1906 vom Kreisamt Groß Gerau genehmigt worden war. Wie lange der
Betsaal in der Hintergasse 25 auf Grund der zurückgehenden Zahlen der
jüdischen Einwohner genützt wurde, ist nicht bekannt.
Nach 1933 wurden
die Kultgegenstände zur Aufbewahrung in die Synagoge in Groß-Gerau
gebracht, wo sie vermutlich beim Brand dieser Synagoge am 10. November 1938
vernichtet wurden.
Beide Häuser mit den ehemaligen Beträumen sind erhalten und werden als
Wohnhaus genutzt.
Zusätzlicher Hinweis zu den Spuren der
jüdischen Geschichte: Bei der Sanierung des Wohnhauses Vorderstraße 30 (Haus
von 1740; hier wohnte Familie Bernhard Marx) fanden sich Anfang der 1990er-Jahre
in der heutigen Waschküche hinter dem Haus Reste einer einstigen
Laubhütte.
Adresse/Standort der Synagogen: Bis 1907 Hintergasse 2, ab 1907
Hintergasse 25.
Fotos
(Quelle: Heimat- und Museumsverein Nauheim, Fotos: Hans
Joachim Brugger, Nauheimer
Denkmaltopografie)
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Gebäude Hintergasse 2:
Betsaal bis 1907 |
Gebäude Hintergasse 25:
Betsaal im ersten Stock seit 1907 |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 2 S. 111-112. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 139-140. Korrektur der hier gemachten Angaben in: |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 117-118. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 168-169. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 261-262.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Nauheim Hesse.
In 1861 the community numbered 34 (4 % of the total). Eight Jews emigrated after
1933; the remaining 11 mostly perished in the Holocaust.

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