Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Lindheim (Gemeinde Altenstadt, Wetteraukreis) mit Hainchen (Gemeinde Limeshain)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Über den von 1890 bis zu seinem Tod 1895 in Lindheim wohnenden Dr. Leopold von Sacher-Masoch  
Sonstiges  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)      
    
In Lindheim bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück.   

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1828 59 jüdische Einwohner, 1861 30 (4,1 % von insgesamt 723), 1880 41 (6,0 % von 687), 1900 43 (6,5 % von 664), 1910 44 (7,0 % von 630). Zur jüdischen Gemeinde gehörten seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch die in Hainchen lebenden jüdischen Personen, die zuvor zur Gemeinde in Himbach gehört hatten: in Hainchen lebten 1830 15, 1905 17 jüdische Einwohner, 1913 drei jüdische Familien. Die jüdischen Familienvorsteher waren von Beruf als Viehhändler, Getreide- und Manufakturwarenhändler sowie als Metzger tätig; mehrere betrieben auch etwas Landwirtschaft. Einige eröffneten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts offene Läden und Handlungen am Ort.         
  
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Religionsschule), ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war - im 19. Jahrhundert vermutlich noch allein für Lindheim, 1901 / 1903 (siehe Ausschreibungen unten) im Verbund mit den Gemeinden Glauberg und Himbach - ein jüdischer Lehrer angestellt, der auch als Vorsteher und Schochet tätig war. 1893 hatte die jüdische Gemeinde noch sechs schulpflichtige Kinder. Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen Provinzialrabbinat Oberhessen mit Sitz in Gießen.     
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Abraham Lindheim (geb. 19.3.1896 in Lindheim, gef. am 5.12.1916).        
 
Um 1924, als zur Gemeinde 32 Personen gehörten (4,3 % von insgesamt 744 Einwohnern, in sieben bis acht Familien), waren die Gemeindevorsteher Josef Lindheimer II, Isaak Fuld II, Josef Lindheimer I und Sally Schuster. (Ehrenamtlicher) Vorbeter war Arthur Lindheimer, (ehrenamtlicher) Schochet war Josef Lindheimer II. Die damals zwei schulpflichtigen Kinder der Gemeinden erhielten ihren Religionsunterricht durch Lehrer Samuel Heß aus Düdelsheim. An jüdischen Vereinen bestand vor allem ein Wohltätigkeitsverein (1924 unter Leitung von Josef Lindheimer II). Zur jüdischen Gemeinde gehörten auch die elf in Hainchen wohnhaften jüdischen Personen. 1932 waren die Gemeindevorsteher (weiterhin) Josef Lindheimer II (1. Vors.), Isaak Fuld II (2. Vors.) und Josef Lindheimer I (3. Vors.).        

1933 lebten noch 38 jüdische Personen in Lindheim (5,1 % von insgesamt 747 Einwohnern, dazu gehörten sieben Personen in Hainchen zur Gemeinde).
In den folgenden Jahren sind alle von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (einige in die USA, andere nach Palästina/Israel). Aus Hainchen sind zwei Familien in die USA beziehungsweise nach Südamerika emigriert. Beim Novemberpogrom 1938 plünderten örtliche Nazis das Manufakturwarengeschäft von Sally Fuld (Ecke Altenstädter Straße/Stengesweg). Auch die Wohnung des Viehhändlers Sally Schuster (Stengesweg 3) und die Wohnung des Viehhändlers Moses Lindheimer (Hauptstraße 12) wurde verwüstet. Moses Lindheimer wurde getreten und geschlagen, bis er ohnmächtig zusammenbrach; dann schleifte man ihn in die Schule. Auf Grund dieser Ereignisse verließen die jüdischen Einwohner alsbald Lindheim. 1939 wurden keine jüdischen Einwohner mehr am Ort gezählt.   
  
Von den in Lindheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Sette Adler geb. Kirschner (1861), Jeanette Blum geb. Lindheimer (1875), Silva (Sara) Blumenthal geb. Lindheimer (1889), Salomon (Sally) Fuld (1898), Silvia Fuld (1904), Amalie Lindheimer geb. Lindheimer (1887), Berta Lindheimer geb. Sommer (1861), Josef Lindheimer (1865), Josef Lindheimer (1871), Kurt Lindheimer (1934), Markus Lindheimer (1879), Moses Lindheimer (1893), Norbert Lindheimer (1930), Karoline Simon geb. Kirschner (1865), Rosa Süßkind geb. Lindheimer (1873). 
  
Aus Hainchen sind umgekommen: Josef Burg (1875), Isack Fuld (1866), Max Fuld (1875), Siegfried Fuld (1905), Sophie Goldschmidt geb. Katz (1868), Fanny Hahn (1873), Josef Hahn (1870), Ludwig Katz (1866), Sara Leibowitsch geb. Burg (1875), Luisa Lind (1937), Betty Müller geb. Fuld (1869).        
     
     
     
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1901 / 1903

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. September 1901: "Die Gemeinde Lindheim sucht mit zwei Nebengemeinden Glauberg und Himbach einen Lehrer
Lindheim ist der Wohnsitz. Gehalt Mark 600 bei freier Wohnung. Nebeneinkünfte ca. 150 Mark. Nur ledige Bewerber wollen ihre Offerten einreichen an den 
Vorstand der israelitischen Gemeinde Lindheim (Hessen)."     
 
Lindheim Israelit 08011903.jpg (48105 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar 1903
"In den Gemeinden Lindheim, Glauberg und Himbach ist die Stelle eines 
Religionslehrers
 
vakant. Gehalt 600 Mark ohne Nebenverdienst: freie Wohnung. 
Im Auftrag: Emanuel Lindheimer, Lindheim (Oberhessen)."    
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Mai 1903: "Die Gemeinde Lindheim, Glauberg und Himbach will per sofort einen Lehrer und Vorbeter annehmen. Der Sitz ist in Lindheim. Gehalt Mark 600 nebst Nebeneinkommen und freier Wohnung. Nur ledige, seminaristisch gebildete Lehrer finden Berücksichtigung. Anmeldungen sind zu richten an den israelitischen Gemeinde-Vorstand Lindheim. Zeugnisse sind einzusenden. 
Moses Kunz, 
Vorstand der israelitischen Gemeinde Glauberg."       
 
Ausschreibung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 28. Mai 1903: "Lindheim (Hessen). Lehrer und Vorbeter, 600 Mark Gehalt, freie Wohnung. Meldung lediger seminaristisch gebildeter Bewerber an den Vorstand." 

     
     
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde      

Zum Tod von Berta Schuster (1930)   

Lindheim Israelit 23011930.jpg (88746 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Januar 1930: "Lindheim (Oberhessen), 18. Januar (1930). Am 8. Kislew verschied die in weiten Kreisen angesehene und hoch geachtete Frau Berta Schuster im Alter von 79 Jahren. Die Verblichene zeichnete sich durch außerordentliche Frömmigkeit und großes Gottvertrauen aus. Weit über ihre engere Heimat hinaus war ihr Gemilus Chesed (= Wohltätigkeit) bekannt und hat sie viel Not und Kummer in vornehmer verschwiegener Weise gelindert. In ergreifenden Worten zeichnete Herr Provinzialrabbiner Dr. Cahn aus Fulda ein lebenswahres Charakterbild der Verblichenen. Auch Herr Rechtsanwalt Dr. Heinemann aus Fulda rief seiner langjährigen Freundin herzliche Abschiedsworte nach. Die gesamte jüdische und fast die gesamte nichtjüdische Ortsbevölkerung gab der Verblichenen das letzte Geleite, und kann man daraus ersehen, welch große Wertschätzung und welch großes Ansehen die Verblichene in allen Kreisen genossen hat. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."      

     
     
Über den von 1890 bis zu seinem Tod 1895 in Lindheim wohnenden Dr. Leopold von Sacher-Masoch 

  
Dr. Leopold von Sacher-Masoch (1836 in Lemberg - 1895 in Lindheim) war ein (nichtjüdischer) österreichischer Schriftsteller und Professor der Geschichte, der zeitlebens politisch gegen den Antisemitismus in Mitteleuropa kämpfte. Er genoss größte Achtung im Judentum seiner Zeit. Er verfasste mehr als 100 Romane, Novellen und Theaterstücke. In mehreren Werken schreibt er über das galizische Judentum. Sacher-Masoch ließ sich 1890 in Lindheim nieder, wo er im alten Lindheimer Adelsschloss seinen Wohnsitz nehmen konnte. Seine zweite Ehefrau - Hulda Meister - hatte das zum Schloss gehörige Landhaus zusammen mit einem Teil des Schlosspark und dem Hexenturm erworben. Sacher-Masoch griff von Lindheim aus sofort in das kulturelle und politische Leben der Region ein. 1893 gründete er in Lindheim den "Oberhessischen Verein für Volksbildung", um dem Judenhass zu begegnen, den er in erster Linie auf die Unwissenheit der Menschen zurückführte. Innerhalb eines Jahres entstanden 28 Ortsgruppen des aufklärerischen Vereins. Mit dem frühen Tod von Sacher-Masoch im Jahr 1895 brach das Unternehmen zusammen. Das Landhaus ist bis heute erhalten; eine Gedenktafel weist auf den berühmten Bewohner hin.    

Leopold_von_Sacher-Masoch.jpg (73646 Byte) Leopold_von_Sacher-Masoch 03.jpg (48771 Byte) Leopold_von_Sacher-Masoch 02.jpg (58192 Byte)
Dr. Leopold von 
Sacher-Masoch
Der Schriftsteller während 
seiner Lindheimer Zeit
Denkmal für Dr. von Sacher-Masoch 
in seiner Geburtsstadt Lemberg (Lwiw)
Quelle oben: Wikipedia-Artikel zu
 Leopold von Sacher-Masoch
© Archiv Michael Farin, München
 (Website hr-online.de)
Quelle oben: Wikipedia Artikel zu
 Leopold von Sacher-Masoch

Vgl. Wikipedia-Artikel über Leopold von Sacher-Masoch 
Artikel bei hr-online.de über Sacher-Masoch in Lindheim     
   
   
Nachfolgend drei Beiträge in jüdischen Periodika zu Sacher-Masoch (1893-1895):       
Spendenaufruf von Dr. Leopold von Sacher-Masoch (1893)  

Lindheim Israelit 27031893.jpg (37066 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. März 1892: "Aufruf und Bitte an alle wahren Volksfreunde, dem oberhessischen Verein für Volksbildung, welcher mit allen Waffen der Aufklärung gegen den in Hessen eindringenden Antisemitismus kämpft, zum Zwecke der Errichtung weiterer Volksbibliotheken, Spenden an Büchern oder Geld zukommen zu lassen. Auch die kleinste Gabe wird mit wärmstem Dank entgegengenommen.  
Dr. Leopold von Sacher-Masoch,
Lindheim, Oberhessen."  

     
Über die Aktivitäten des "Oberhessischen Vereins für Volksbildung" (1894)  

Lindheim AZJ 24081894.jpg (170418 Byte) Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. August 1894: "Lindheim, 20. August (1894). Der oberhessische Verein für Volksbildung hat, seit seiner Begründung im Januar 1893, in den Kreisen Büdingen und Friedberg an 28 Orten Zweigvereine errichtet, 16 Volksbibliotheken und 4 Volksbühnen aufgestellt, einen Musikverein, von 16 Mitgliedern begründet und mit Instrumenten verteilt. Stipendien für die Landesbaugewerbeschule zu Idstein (zu 100 Mark), Haushaltungsschule zu Lindheim (zu 100 Mark), die Gewerbeschulen zu Büdingen und Nidda (zu 50 Mark), die Ackerbauschule zu Büdingen (zu 50 Mark), im Gesamtbetrage von 400 Mark ausgeteilt und für die Volksschule das Mang'sche Telurim lunarium (55 Mark) und ein Stereoskop (45 Mark) angeschafft. Es fanden in diesem Zeitraum eine Vorlesung, 3 Konzerte und 6 Theatervorstellungen statt, wobei wiederholt rühmlichst bekannte Kräfte von auswärts mitwirkten. Schon in nächster Zeit werden fünf weitere Volksbibliotheken aufgestellt werden. Der oberhessische Verein für Volksbildung, welcher in seinen Statuten jede politische Tätigkeit und Agitation ausschließt und die Aufklärung, Bildung und Veredelung des Volkes Hand in Hand mit Religion und Vaterlandsliebe zu seinem alleinigen Ziel macht, wurde von allen politischen Parteien mit warmen Sympathien begrüßt. Derselbe hat in allen Schichten der Bevölkerung treue Freunde, energische Unterstützung in unserem trefflichen Lehrerstande und hochherzige Gönner gefunden, welche denselben durch bedeutende Spenden unterstützt haben. Nur der 'Reichsherold' hat gegen denselben Stellung genommen. Soll dies vielleicht beweisen, dass Aufklärung und Volksbildung, Vaterlandsliebe, Religion und gute Sitte mit dem Antisemitismus unvereinbar sind? Da in den Provinzen Oberhessen und Hessen-Nassau der eigentliche Her der antisemitischen Bewegung ist, so verdient dieser unter der Leitung des berühmten Schriftstellers Dr. L. von Sacher-Masoch stehende Verein, durch den der Antisemitismus auf das Wirksamste bekämpft wird, jede Förderung und Unterstützung seitens unserer wohlhabenden Glaubensgenossen, denen wir denselben hierdurch angelegentlichst empfehlen. " 

  
Zum Tod von Dr. Leopold Ritter von Sachor-Masoch (1895)

Lindheim Israelit 11031895.jpg (365127 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. März 1895: "Mainz, am Purimfeste. Aus Lindheim in Oberhessen bringt uns der Telegraph die schmerzliche Nachricht, dass Dr. Leopold Ritter von Sachor-Masoch gestern 7 3/4 Uhr im 61. Lebensjahr seinen langen Leiden erlegen ist. Welcher unserer Glaubensgenossen hätte nicht schon einmal etwas von Sachor-Masoch gelesen! Es existiert wohl kaum ein jüdischer Kalender oder eine jüdische Zeitschrift der jüngsten 30 Jahre, die nicht irgendeine Schilderung oder Erzählung des polnisch-galizischen Lebens aus der Feder dieses bedeutenden Schriftstellers gebracht hätte. Sachor-Masoch war eine merkwürdige Erscheinung innerhalb der deutschen Literatur. Die meisten seien jüdischen Leser haben ihn wohl bis in die jüngste Zeit hinein, in welcher die Abwehr judenfeindlicher Angriffe die Stammbäume aller irgendwie bedeutender Männer an das Tageslicht zerrte, für einen ihrer Glaubensgenossen gehalten. Und doch haben weder er, noch seine Ahnen, noch seine beiden Frauen dem jüdischen Stamme angehört. Sein Vater war Polizeidirektor in Lemberg und nur die Ursache, dass das jüdische Leben ihn so unmittelbar umgab und ihn in dessen tiefstes Innere blieben ließen, veranlasste ihn seine Stoffe gerade im galizischen Ghetto zu suchen. Und mit welcher Liebe schuf er seine jüdischen Gestalten. Wie wusste er, der Nichtjude, die jüdischen Helden seiner Erzählungen und Romane in ihrer ganzen Reinheit und Lauterkeit darzustellen! Es muss dies ganz besonders hervorgehoben werden als gerade jüdische Schriftsteller aus jener Gegend - wir verweisen nur auf Karl Emil Franzos, der in seinen späteren Schriften ein dem 'halbasiatischen' Judentume geradezu feindliche Tendenz bekundete - sich, nachdem sie den Kaftan und die Locken abgelegt, von Vorurteilen gegen ihre Brüder nicht freizuhalten wussten. Dass auch der eben Heimgegangene manches geschrieben, was dem jüdischen Leser nicht sympathisch, das muss eben dem Andersgläubigen zugute gehalten werden und das hat wohl seinen Grund darin, dass er trotz allem innigen Zusammenleben mit unserem Volke, dessen Urquell unserer heilige Tora ferngestanden hat. Hätte er diese gekannt, so würde sich ihm manches Rätsel, dessen Lösung er vergebens gesucht, von selbst erschlossen haben.
Geboren am 27. Januar 1835 studierte er in Prag und Graz Jurisprudenz. An letzterer Universität habilitierte er sich 1855, erst 20 Jahre alt, für Geschichte, sodann veröffentlichte er die historische Arbeit 'Der Aufstand in Genf unter Karl V.' und bald darauf anonym seinen ersten Roman 'Eine galizische Geschichte.' Der Erfolg dieser Publikation veranlasste ihn, sein Lehramt aufzugeben und sich ganz der literarischen Laufbahn zu widmen. Eine Unterbrechung seiner Arbeiten führte der Feldzug von 1859 herbei, den er als Freiwilliger mitmachte. Nachdem er dem Waffenhandwerk wieder Valet gesagt, lebte er in verschiedenen Städtchen Österreichs, zuletzt in Graz und wurde hier aus nichtigen Ursachen und von fragwürdigen Gegnern in eine Fehde verwickelt, die zu einer Beleidigungsklage wider ihn führte. Man hat sich damals in Österreich nicht schön gegen den verdienstvollen Schriftsteller benommen, der, gezwungen, sich selbst zu exilieren, sein Vaterland seither nicht wieder betreten hatte. Sacher-Masoch begab sich 1882 zunächst nach Leipzig, woselbst er mit dem jetzigen Mitarbeiter des Pariser Figaro, W. Jaques St. Cère, der zu jener Zeit noch R. Armand hieß, eine Monatsschrift 'Auf der Höhe' ins Leben rief. Das Unternehmen währte drei Jahre. Nach vielfachen trüben Erfahrungen siedelte sich Sacher-Masoch in Lindheim an, woselbst er, abgesehen von einer vorübergehenden journalistischen Tätigkeit in Mannheim, die letzten Jahre verbrachte.  
Dem Verlag seines in Mannheim erschienenen Werkes 'Jüdisches Leben', das von den bedeutendsten französischen Künstlern illustrier worden ist und von welchen Bildern auch wir im 'Israelit' häufig Proben zu geben Gelegenheit hatten, war der Verfasser so liebenswürdig zuerst uns anzubieten. Wir waren aber damals gegen anderweitiger mannigfacher Beschäftigung nicht imstande, sein Angebot annehmen zu können. Seine persönliche Bekanntschaft zu machen, hatten wir vor einigen Jahren in Frankfurt am Main das Glück und es war ein hoher Genuss, dem phantasievollen Plauderer, der soviel gesehen und gehört hatte, zuzuhören. Damals trug er sich mit dem Plane, eine große illustrierte Zeitschrift in dem Geschmacke seiner früheren 'Auf der Höhe'' herauszugeben. Dieselbe sollte den Zweck haben, das Judentum in vornehmer, eleganter und unterhaltender Weise zu verteidigen und er hatte bereits ein Reihe von hohen und höchsten Persönlichkeiten für diesen Zweck gewonnen. Leider zerschlug sich seine Absicht an dem Mangel an Mitteln für diesen Zweck. Nichtsdestoweniger stellte er seine Kraft in den Dienst unserer Sache.    
Lindheim Israelit 11031895b.jpg (43386 Byte)Er entfaltete in Oberhessen in dieser Beziehung eine überaus reiche Tätigkeit und wirkte in seiner dezenten, vornehmen Weise weit mehr zur Unterdrückung der judenfeindlichen Strömung, als so mancher laut polternde Agitator. Die von ihm in Oberhessen gegründeten Vereine zur Volksaufklärung werden hoffentlich noch lange zum Segen der dortigen Bevölkerung fortleben. Wir Juden haben alle Ursache, seiner stets in Liebe zu gedenken. Er war Einer von den Gerechten der Nationen, welche nach dem Ausspruche unserer Weisen Anteil an der ewigen Seligkeit haben."   

  
  
Sonstiges  
 
Zu Pfarrer Rudolf Oeser in Lindheim - aus jüdischer Sicht  
Anmerkung: zu Pfarrer Rudolf Oeser in Lindheim (geb. 1807 in Gießen, gest. 1859 in Lindheim; von 1835 bis 1859 Pfarrer in Lindhheim)  vgl. Wikipedia-Artikel  http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Oeser_(Schriftsteller); er wird auch genannt im Artikel zu Lindheim  http://de.wikipedia.org/wiki/Lindheim.
    
Lehrer Ottensoser (Büdingen) kritisiert eine antisemitische Publikation des Pfarrers Oeser  (1859)       

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Juni 1859: "Büdingen, Großherzogtum Hessen, 17. Juni (1859). Soeben ist mir ein Schriftchen: 'Das Volk und seine Treiber', herausgegeben 'vom christlichen Vereine im nördlichen Deutschland, verfasst von O. Glaubrecht', lk. 8, zu Gesicht gekommen.  
Etwas Schändlicheres hat wohl die Neuzeit auf dem Gebiete der Intoleranz noch nicht ausgeheckt. 
Das Büchlein, 276 Seiten stark, in 8000 Exemplaren gedruckt und wohl auch verbreitet, handelt vom christlichen 'Volke' und dessen jüdischen 'Treibern'. Es ist das Ganze in eine Erzählung eingekleidet, welche christlicherseits auf Pachtgütern und sonstigen Ökonomiehöfen spielt, worin 'Juden' und 'Hofjuden' ein- und ausgehen, denen man vollständiges Zutrauen schenkt, die sich auch unentbehrlich zu machen wissen, ihren eigenen Vorteil aber auf Kosten des vollständigsten finanziellen wie familiären Ruins der Pächter und Hofbauern ausbeuten. Der judenfeindliche Verfasser sucht die Juden im Allgemeinen der öffentlichen         
Verachtung und Anfeindung Preis zu geben; er stellt die Juden zu gefährlich für die 'Christenmenschen' hin, als dass letztere sich mit ersteren in irgendwelche Annäherung oder Berührung einlassen dürften, weil die Ehrlosigkeit der Juden sie bald wie das Gewürm kriechen, bald mit einer Schlangenlist den 'Christenmenschen' vergiften lässt. Um eindringlicher und kräftiger bei den Christen gegen die Juden wirken zu können, sagt er S. 20: 'was hier steht, hat sich begehen', wäre demnach unwiderlegbare Tatsache, ohne deren Wahrheit durch Angabe von Ort und Stelle des vorgeschützten Ereignisses und der dabei beteiligten Personen sicher zu stellen.
Titel, Motto (Jeremias 5,26-30) und Inhalt des Buches beweisen, dass der Verfasser in Ausdruck und Wesenheit seiner Erzählung planmäßig den Judenfeind studiert und mit dem lebhaftesten Kolorit auszumalen verstanden hat.   So will ich nur einzelne Stellen hervorheben. S. 24: 'Das Übel ist aber, dass ich es kurz sage, die Judenkrankheit'. - S. 25: 'Die Schlange ist das Judenvolk' - 'das fremde Gewürm'. - S. 27: 'Der Jude mit den Schabbesschlappen'. - S. 45 wird den Juden 'Mangel an persönlicher Ehre' angedichtet. - S. 46 sind die Juden 'vollgesogene Schwämme, die man gelegentlich, wenn Mangel eintritt, ausdrückt'. - S. 47 macht der Verfasser sich lustig über die Juden, die 'Säckelchesboher' (Schweinwurst) essen, befürchtet, sie möchten auch noch den Schweinehandel an sich ziehen und dadurch, so wie durchs Schweinefleischessen das Schweinefleisch verteuern. - S. 53 vindiziert er den Juden das ehrbare Amt des Kartenschlagens. Wer mag alle die Schändlichkeiten noch anrufen?  
Dieser saubere Verfasser ist ein gewisser evangelischer Pfarrer Oeser zu Lindheim, 2 Stunden von hier entfernt, sehr verschuldet. Nachdem man Kenntnis von obigem Buche erhalten, haben seine zahlreichen Judengläubiger ihm den Kredit gekündigt und jeden weiteren geschäftlichen Umgang mit ihm sich verbeten (Anmerkung: Wir können dies Verfahren nur höchlichst loben. Sollen wir uns niedertreten lassen, ohne uns zu wehren? Redaktion). 
Außerdem wird eine Broschüre vorbereitet, die als Flugschrift in mehreren Tausend Exemplaren überallhin verbreitet werden soll, so wie man beabsichtigt, eine kriminelle Untersuchung gegen ihn einzuleiten. Ottensoser, Lehrer."  

     
Pfarrer Rudolf Oeser hat "so viel Judenfeindliches fabriziert" (1860)          

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. März 1860:  "In Düdelsheim, hiesigen Kreises (3/4 Stunden von Lindheim entfernt, wo Oeser residierte und so vieles Judenfeindliches unter dem Namen 'O, Glaubrecht' fabrizierte), bauen die Israeliten eine neue Synagoge. Als Recompense dafür, dass die Israeliten daselbst bei der dort jüngst vorgenommenen Kirchenreparatur mit Hand anlegten, durch Verrichtung von allerlei Handarbeiten, fahren die dortigen christlichen Bewohner sämtliche, zum Synagogenbau nötigen Baumaterialien unentgeltlich herbei. Das Charakteristische hierbei ist, dass der dortige Pfarrer, Herr Münch, sich hieran nicht nur selbst beteiligt, sondern alle Fuhren, welche ein oder der andere christliche Bürger zu tun unterlässt, auch mit übernommen hat. Solche Handlungen beweisen, dass nur vernünftige Geistliche ein Glück in der Gemeinde und im Staate sind, so wie dass Mucker (= Heuchler) und Jesuiten zum Umsturz der Weltordnung und der Staaten führen."           

  
  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 
Nach der Deportation: Todesanzeige für Josef Lindheimer und Amalie Lindheimer geb. Lindheimer (1945) 

LIndheim Aufbau 02111945.jpg (31306 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Aufbau" vom 2. November 1945: 
"Wir erhielten erst jetzt die traurige Nachricht, dass unsere lieben Eltern, Schwiegereltern und Großeltern im Jahre 1942 
Josef Lindheimer 
im Alter von 74 Jahren in Theresienstadt, 
Amalie Lindheimer geb. Lindheimer
(früher Lindheim, Oberhessen) 
im Alter von 68 Jahren in Polen, verschieden sind.  
Arthur und Ilse Lindheimer geb. Stern  Tienhoven, c/o Utrecht Middenweg 29, Holland  
Salo und Ruth Rollmann geb. Lindheimer  
Kurt N. Rollmann 1714 E. Kane Place  Milwaukee 2, Wisconsin."     

   
   
   
Zur Geschichte der Synagoge           
   
Zunächst war vermutlich ein Betraum in einem jüdischen Privathaus vorhanden. Wann die Synagoge in der Borngasse eingerichtet oder gebaut wurde, ist nicht bekannt. Im Gebäude, ein kleiner, einstockiger Fachwerkbau mit hohem, geschweiftem Satteldach und Krüppelwalmen, hatte es 24 Männer- und 13 Frauenplätze. In den 1920er-Jahren wurde eine Marmorgedenktafel für den Kriegsgefallenen der Gemeinde aufgehängt.  
  
Im Winter 1937/38 übertrug der letzte Vorsteher der Jüdischen Gemeinde, Joseph Lindheimer II, die Eigentumsrechte an den Landesverband Israelitischen Religionsgemeinden in Hessen. Möglicherweise wurde das Gebäude noch vor dem Novemberpogrom 1938 an die politische Gemeinde weiterverkauft, da sich die Aktionen beim Novemberpogrom offenbar nicht gegen die ehemalige Synagoge richteten. 1941 war das Synagogengebäude jedenfalls im Besitz der politischen Gemeinde. Ende der 1950er-Jahre erwarb es ein Privatmann, der das Gebäude als Wohnhaus verwendete, jedoch Ende der 1960er-Jahre oder 1973 abreißen ließ. Auf dem Grundstück wurde ein Garten angelegt, unmittelbar daneben ein neues Wohnhaus erstellt (die Synagoge stand im Garten vor dem heutigen Haus Im Winkel 7).
     
     
Adresse/Standort der Synagoge  Im Winkel 5 (frühere Borngasse, 1932: Synagogenstraße, beziehungsweise bis 1905 Judengasse)  
    
    
Fotos
(Quelle: Altaras s. Lit. 1994 S. 153)    

Die ehemalige Synagoge 
in Lindheim  
Lindheim Synagoge 130.jpg (81705 Byte)   
    Bei der Synagoge handelte es sich um einen
 kleinen einstöckigen Fachwerkbau  
  

    

   
Links und Literatur   

Links:  

Website der Gemeinde Altenstadt  
Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Bensheim 

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 495.  
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 188.  
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 153. 
dies.: Neubearbeitung der beiden Bücher. 2007. S. 387-388.  
Elisabeth Johann: Unsere jüdischen Nachbarn. Ein fast vergessener Teil der Ortsgeschichte von Altenstadt, Höchst an der Nidder und Lindheim. Hrsg. Vorstand der Gemeinde Altenstadt. 1991. 
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 309-311.   
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 232.   

   
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Lindheim Hesse.  In 1910 the community numbered 44 (7 % of the total). On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue (which had probably been sold) was not damaged. All the Jews left (mostly emigrating) by 1939.
   
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 15. Juli 2014