|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zurück zur Übersicht "Synagogen in Hessen"
Zur Übersicht
"Synagogen im Kreis Gießen"
Großen-Linden (Stadt
Linden, Kreis Gießen)
mit Hochelheim und Hörnsheim (Gemeinde Hüttenberg, Lahn-Dill-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Großen-Linden bestand eine jüdische
Gemeinde bis nach 1933. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts
zurück - der jüdische Friedhof am Ort wurde 1637 angelegt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1828 40 jüdische Einwohner (4,4 % von insgesamt 900 Einwohnern),
1861 31 (2,5 % von von 1.223), 1880 32 (2,6 % von 1.238), 1900 20 (1,2 % von
1.737), 1910 26 (1,3 % von 2.033).
Zur jüdischen Gemeinde gehörten auch die in
Hörnsheim und Hochelheim
lebenden jüdischen Personen (1932 zusammen 16 Personen). Die dortigen
jüdischen Familien hatten noch Mitte des 19. Jahrhunderts eine eigene Gemeinde
gebildet. Bei der Einteilung der acht Synagogenbezirke im Kreis Wetzlar am 1.
August 1853 wurde Hörnsheim zum Sitz von dieser Bezirke bestimmt. Zum Synagogenbezirk
Hörnsheim gehörten die in Hörnsheim, Hochelheim, Oberkleen und Ebersgöns
lebenden jüdischen Familien. Durch den Rückgang der jüdischen Einwohner in
diesen Orten wurde die Synagogengemeinde Hörnsheim aufgelöst und die in
Hörnsheim und Hochelheim lebenden jüdischen Personen der Gemeinde in Großen-Linden
zugeordnet.
Die jüdischen Familien hatten seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
einige Läden und Handlungen am Ort eröffnet (Kurz- und Wollwarenhandel,
Manufakturwarenhandel, Viehhandel), dazu gab es eine jüdische Metzgerei und
Darmhandel sowie ein Zigarrengeschäft.
An Einrichtungen gab es eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule,
vielleicht ein rituelles Bad und ein Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben hatte die Gemeinde vermutlich zeitweise einen
Lehrer angestellt, der auch als Vorbeter und Schochet tätig war. 1904 sollte
gemeinsam mit anderen Gemeinden der Umgebung ein gemeinsamer
"Wanderlehrer" mit Sitz in Wieseck angestellt werden (siehe Bericht
unten). Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen Provinzialrabbinat in Gießen. In
Hörnsheim bestand ein eigener Friedhof.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der Gemeinde Hermann Marx (geb. 26.11.1891
in Großen-Linden, gef. 27.2.1916) und Isaak Simon (geb. 11.3.1880 in
Großen-Linden, gef. 4.11.1915). Außerdem sind gefallen: aus Großen-Linden
Moses Moritz Simon (geb. 13.12.1887 in Großen-Linden, vor 1914 in Tiengen
wohnhaft, gef. 7.11.1917); aus Hochelheim: Ignatz Jordan (geb. 25.8.1878 in Wittelshofen,
gest. 14.11.1918 in Gefangenschaft).
Um 1924 wurden noch 21 jüdische Einwohner gezählt (0,9 % von
insgesamt 2.423 Einwohnern). 1932 waren die jüdischen Gemeindevorsteher
B. Theisebach (1. Vors.), L. Stern (2. Vors.) und S. Meyer. Im Schuljahr 1931/32
gab es fünf schulpflichtige jüdische Kinder in der Gemeinde, die
Religionsunterricht erhielten.
1933 lebten 28 jüdische Personen in Großen-Linden (1,1 % von 2.581
Einwohnern). In
den folgenden Jahren sind die meisten von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Beim Novemberpogrom
1938 sorgte der Rektor der Volksschule dafür, dass über 200 Schulkinder
durch die Straßen zogen und die Fensterscheiben bei jüdischen Familien
einwarfen. Bis 1939 sind fünf Familien aus der Gemeinde ausgewandert, davon
vier (mit 14 Personen) in die USA, eine Familie mit vier Personen nach
Palästina. Drei Einzelpersonen sind vor 1937 vom Ort verzogen, zwei gingen im
Juli 1939 nach Frankfurt (der Gemeindevorsteher B. Theisebach und Frau, von dort
in die USA emigriert). 1939 wurden noch fünf, Anfang 1942 noch drei jüdische
Einwohner gezählt. Sie wurden im September 1942 deportiert.
Von den in Großen-Linden geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Berthold Edelmuth
(1876), Lina Edelmuth geb. Meyer (1883), Anna Marx (1882), Clara (Klara) Marx geb. Marx
(1849), Emil Marx (1883), Franziska Meier (1875), Frieda Meyer (1875), Lina
Simon (1877), Nathan Simon (1891).
Auf dem jüdischen Friedhof der Gemeinde wurde 1997 ein Gedenkstein
gesetzt zur Erinnerung an die umgekommenen jüdischen Einwohner mit der
Inschrift: "Liskor olam - In ewiger Erinnerung an unsere geliebten
Grossen-Lindener Märtyrer der Juden-Verfolgung 1933 Berthold und Lina Edelmuth,
Klara und Anna Marx, Frieda Meier, Lina Simon. 'Mein Antlitz ist geschwollen und
meine Augenlider sind verdunkelt' Hiob XVI,16. Gewidmet von den Familien
Theisebach und Rosenbaum in den Staaten Connecticut und New York USA 1997."
Von den in Hochelheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Hermann Jordan (1908),
Walter Jordan (1914), Henri Karp (1898), Regina Löwenstein geb. Rosenbaum
(1878), Mathilde Rosenbaum geb. Meyer (1885), Simon Rosenbaum
(1883).
Aus Hörnsheim sind umgekommen: Karoline Cahn geb. Rosenbaum (1878),
Sabine Gärtner geb. Rosenbaum (1882).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Zur Anstellung eines gemeinsamen Wanderlehrers mit Sitz
in Wieseck schließen sich mehrere jüdische Gemeinden zusammen (1904)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 18. April 1904: "Gießen, 21. April (1904). Als Ergebnis
des Eintretens der hessischen Regierung für Anstellung nur seminaristisch
gebildeter Religionslehrer in den israelitischen Gemeinden ist eine
Vereinigung der jüdischen Kultusgemeinden von Wieseck,
Großen-Linden (statt Gießen-Linden), Langgöns,
Leihgestern, Holzheim,
Grüningen und Watzenborn-Steinberg
(statt -Steinbach)
zustande gekommen, um einen Wanderlehrer mit dem Sitze in Wieseck
anzustellen, zu dessen Gehalt die Regierung vorerst einen kleinen Zuschuss
leistet. Wenn die Einrichtung sich bewährt, ist die feste Anstellung des
Lehrers in Aussicht genommen. Man hört, dass auch in den anderen
oberhessischen Kreisen Verhandlungen schweben, die die Frage der
israelitischen Religionslehrer in gleicher Weise regeln
sollen." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Aufruf zu Spenden für eine in schwerer Notlage befindliche Familie (1885)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Mai 1885: "Aufruf!
Der frühere Handelsmann Benjamin Meier zu Großen-Linden bei
Gießen, 47 Jahre alt, ist schon seit längeren Jahren leidend.
Das Übel hat in der letzten Jahren so zugenommen, dass Meier nicht mehr
in der Lage ist, sich auch nur im Geringsten gerade zu bewegen. Er liegt teilnahmslos
da und ist in allen und jeden Beziehungen auf die Hilfe anderer
angewiesen. Seine Frau Betti geb. Süßel ist jetzt 42 Jahre alt.
Dieselben haben drei Kinder, wovon das älteste 9 Jahre und leider fast
ganz erblindet ist.
Die Frau Meier selbst ist eine sehr kranke Frau, welche, wie durch Herrn
Prof. Dr. Kaltenberg in Gießen dargetan werden kann, sich einer
gefährlichen Operation unterziehen musste und nun in der Lage ist, dass
sie sich jeder Arbeit enthalten muss. Vermögen besitzt diese
unglückliche Familie nicht. Dieselbe ist sonach in den allerärmsten
Verhältnissen. Die Unterstützungen, die ihr bis jetzt geworden sind,
reichen unmöglich aus, um die traurige Lage nur einigermaßen zu lindern.
Außerordentliche Hilfe muss hier eintreten.
Wir wenden uns deshalb an alle edlen Menschen mit der ganz ergebenen Bitte
um milde Gaben für diese bedürftige Familie.
Gießen und Großen-Linden, Ostern 1885. Großherzoglicher Bürgermeister
zu Großen-Linden. Meun,
Herz Marx. Abraham Simon. Vorstand der israelitischen
Religionsgemeinde Großen-Linden.
Auch wir sind gern bereit, Gaben entgegenzunehmen und
weiterzubefördern.
Die Expedition des 'Israelit'." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Über Löb Merkel, jüdischer Bahnwärter in
Großen-Linden von 1856 bis 1871 (Bericht zu seinem 90. Geburtstag 1903)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Oktober 1903: "Messel,
9. Oktober (1903). Das 'Darmstädter Tagblatt' schreibt: Am 15. Oktober
dieses Jahres begeht der älteste Einwohner hiesiger Gemeinde und das
älteste Glied der israelitischen Religionsgemeinde, Herr Löb Merkel,
seinen 90. Geburtstag. Derselbe ist geboren am 15. Oktober 1813 zu Messel,
trat am 1. April 1834 in den hessischen Militärdienst und war 22 Jahre 7
Monate ununterbrochen in demselben; er machte den Feldzug 1848/49 in Baden
mit, schied am 24. Oktober 1856 aus dem Militärdienste aus und wurde als
Bahnwärter in Großen-Linden bei Gießen angestellt, welchen
Dienst er zur größten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten versah. Am 1.
Januar 1871 wurde er als Weichensteller nach Vilbel bei Frankfurt
versetzt, wo er bis zu seiner Pensionierung am 1. Mai 1878 verblieb und
dann wieder hierher zurückkehrte. Herr Merkel erfreut sich trotz seines
hohen Alters noch ziemlich guter Gesundheit. Wir empfehlen
diese Notiz der 'Staatsbürger-Zeitung' zum freundlichen
Abdruck." |
| |
Derselbe
Bericht erschien in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom
6. November 1903. |
Zur Geschichte der Synagoge
Als Synagoge diente in Großen-Linden ein von der Ortsgemeinde
gepachtetes und umgebautes Haus. Dabei handelte es sich um ein kleines,
zweigeschossiges Fachwerkhaus in unmittelbarer Nachbarschaft des Pfarrhauses.
Wann das möglicherweise aus dem 17. Jahrhundert stammende Gebäude zur Nutzung
als jüdisches Bethaus umgebaut wurde, ist nicht bekannt - Thea Altaras hat
dafür die Zeit Anfang des 19. Jahrhunderts vermutet.
Auch die in Hörnsheim und Hochelheim wohnhaften jüdischen Personen kamen zu
den Gottesdiensten nach Großen-Linden.
Über Ereignisse beim Novemberpogrom 1938 gegen die Synagoge ist nichts
bekannt.
Die ehemalige Synagoge wurde nach 1974 abgebrochen. Das Grundstück wurde
zu einem asphaltierten Hof. Ein Teil davon wurde 1988 oder später als
Rasenstück angelegt, auf dem sich inzwischen ein Gedenkstein mit einer
Tafel befindet.
Adresse/Standort der Synagoge: Bahnhofstraße
3
Fotos
(Quelle: Obere Zeile links: Arnsberg Bilder S. 76,
rechts in sw und Foto in zweiter Zeile: Altaras 1988 S. 82;
obere Zeile rechts farbig aus dem Artikel im "Gießener Anzeiger" vom
24.11.2010 - repro: Wißner)
Das Gebäude
der
ehemaligen Synagoge |
 |
 |
| |
Aufnahme von vor
1970 |
Aufnahme von 1974 |
| |
|
|
Das Grundstück
nach
Abbruch der Synagoge |
 |
|
| |
Nach dem Abbruch
der Synagoge: ein
asphaltierter Hof (Foto August 1984) |
|
| |
|
|
| Gedenkstein |
Foto wird noch
erstellt |
|
| |
|
|
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| November 2010:
Erinnerung an die Synagoge bei einem "Historischen
Seniorennachmittag" |
Artikel im "Gießener Anzeiger"
vom 24. November 2010 (Artikel):
"Beim 'Bäier-Schäfer' gab es Bier aus Krügen
GROSSEN-LINDEN. Historischer Seniorennachmittag mit Helmut Faber
(ee). Ehemalige Geschäfte in der Bahnhofstraße standen im Mittelpunkt des Seniorennachmittags der evangelischen Kirchengemeinde Großen-Linden. Leiterin Else Weiser, die mit einer Andacht zur Auslegung des Vaterunser die Zusammenkunft im Gemeindehaus eröffnete, begrüßte als Referenten mit Helmut Faber den Vorsitzenden des Heimatkundlichen Arbeitskreises Linden. Dieser nahm die Senioren mit auf eine Zeitreise in die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts..."
|
| |
| August 2011:
Diskussion über "Stolpersteine" im
Gemeinderat Hüttenberg |
Artikel von "msk" im "Gießener
Anzeiger" vom 19. August 2011 (ganzer
Artikel; nur ein Abschnitt aus dem Artikel wird zitiert):
"Diskussion über 'Stolpersteine' in Hüttenberg - Erinnerung an jüdische Bürger -
Die Grünen stellten den Antrag Stolpersteine in den Bürgersteigen vor den Häusern ehemaliger jüdischer Mitbürger, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, einzulassen. So werde Geschichte, wie andernorts auch, lebendig gehalten, lautete Tatjana Friedrichs Begründung. Christiane Koch-Rein (FWG) erinnerte daran, dass führende Vertreter der Juden die Steine als zweite Entwürdigung empfänden, da sie
'im Dreck' lägen. Man solle sich zunächst einmal über den Zustand des jüdischen Friedhofs unterhalten. Klaus Schultze-Rohnhof (CDU) schlug vor, Hinterbliebene zu fragen. Josef Fischer (SPD) zeigte sich enttäuscht, dass er im Gespräch mit einem Vertreter des Parlaments die Antwort erhalten habe
'Was soll das bringen?'." |
| |
| |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 284-285. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 76. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 81-82. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 69 (mit Foto des
Gedenksteines). |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. Darmstadt. 1995 S. 45. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 140-141.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Grossen-Linden
Hesse. The community numbvered 40 (4 % of the total) in 1828, its old burial
ground (1637) serving Jews throughout the region. By April 1939, the remaining
28 Jews had mostly emigrated to the United States of Palestine and their
synagogue had become the local SA headquarters. A memorial was erected there on
the 50th anniversary of Kristallnacht (9-10. November
1938).

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|